Die Amsel

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Autor: Karl Reinecke-Altenau
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Titel: Die Amsel
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[55]

Die Amsel.
Von Reinecke-Altenau.


     Der Hüttenmann Nickel hatte sein reichliches halbes Hundert Arbeitsjahre auf dem Buckel und ging in Pension.

     Aber der ewige Feierabend behagte ihm nicht. Fünfzig Jahre Werkeln bringen ein Rad in Schwung, das nicht von heute auf morgen stillzustehen vermag. Fritz Nickel suchte sein Zimmermannsgezäh im Schapp wieder zusammen und guckte sich nach Arbeit um. Von Haus aus war er nämlich Zimmermann gewesen. In der Muße seiner Gnadenlöhnerzeit kam ihm nunmehr sein altes Handwerk wieder zustatten.

     Da hätte zum Beispiel die Wittfrau Behm gerne das Gebälk im Ktuhstall verlegt, weil sie noch ein Kalb wöhnen will. Oder beim Schuster Knieriem mußten im Stall neue Bohlen gelegt werden. Oder einer hatte den Schwamm im Hause. Oder da stand ein Hausboden leer, und es wären eigentlich da oben doch wunderschöne Dachfammern zu schaffen, wo man im Sommer schlafen könnte, damit die guten Stuben unten freiblieben für die Kurgäste und ein bißchen was einbrächten. Oder einer, der sich einen neuen Holzstall, einen Verschlag für die Ziegen, einen Hühnerwiemen zusammenschustern wollte, kan mit der Zimmerei nicht zurecht: in solchen kleinen bautechnischen Angelegenheiten also war Fritz Nickel zuständig. Er war der einzige gelernte Zimmermann in der Bergstadt Grünewies. AuBerdem wußte man von ihm, daß er einem hinterher nicht das Fell über die Ohren zog mit gesalzenen Rechnungen. Nein, Zimmermann Nickel machte das alles für Groschen. Diese Groschen langten, daß er sich davon ein paar Fettaugen auf die magere Suppe seiner Rente träufeln konnte, und seine Amsel bekam auch ihren Extrahappen davon ab. Seine Ansel hatte es gut bei ihm.

     Aber schließlich wurden die Hände zu dürr für die Zimmermannsaxt. Lot und Winkel, maß zitterten, weil der Tatterich in den Fingern stak. Die Augen wollten auch nicht mehr recht. So blieb von dem Zimmermann und Winkelarchitekten Fritz Nickel zu guter Letzt nicht viel mehr übrig als ein faltiges Mänilein in Zuppeljacke und Manchesterhose, aus der wie eine aus einem Schiffbruch gerettete letze Kostbarkeit der gelbe Zollstock hervorr lugte.

     Als die Arbeit fehlte, kam die Einsanıfeit des Alters in Fritz Nickels Tage. Der Tod seiner Frau hatte diese Einsamkeit obendrein mit Schmerz und Schwärze gefüllt. Die Kinder waren in die Fremde gezogen. So wäre sein Feierabend voll trostloser Leere gewesen, wenn ihm nicht eine kleine Kameradschaft geblieben wäre in seiner Amsel. In der Sorge im sie fanden seine Gnadenlöhnertage einen freundlichen Inhalt. Er umhegte sie mit großväterlicher Zärtlichkeit. Sie bot ihm Beschäftigung, Unterhaltung, war Ziel einer Liebe, die sonst nirgends hätte angebracht werden können und ihr Gesang umspann seine Morgen und Abende mit Frieden.

     Oh, seine Amsel!

     In den Wäldern um die Bergstadt Grünewies flog zwar allerhand Vogelvolk herum. Aber Schwarzdrosseln gehörten zu den Seltenheiten da oben. Das Buschwert fehlte, und die Winter meinten es zu grimmig. Zuweilen wohl verflog sich auch einmal eine Amsel nach dort hinauf. Das war dann ein Ereignis, das sich bei den Leuten herumsprach: Du, im roten Berg heckt dies Jahr eine Schwarzdrußel!

[56]      Damals jedoch heckte keine im roten Berg. Fritz Nickels Amsel durfte den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die allereinzigste ihrer Art in der Bergstadt Grünewies zu sein. Aber der Alte schätzte sie durchaus nicht nur wegen dieses Unikumhaften an ihr. Ihr Gesang hatte es ihm angetan. Vielleicht rührte die leise Schwermut, die so als Unterton im Amsellied mitschwingt, an gleichgestimmte Saiten seines Herzens. Denn etwas davon schwamm blau und träumend und als unverleugbares Stück seiner Seele über Fritz Nickels Augen. Vielleicht auch, daß es die Freude an der melodiösen Fülle war, die den Gesang gerade seiner Amsel auszeichnete. Auf der weiten Welt sang keine Amsel so schön wie seine. Der Bergmann Bruns hätte ihm seine ganze Kanarienhecke, die doch berühmt war bis nach Amerika hinüber, dafür bieten können, der Nickels Fritz hätte den Tausch nicht gemacht, wahrhaftigen Gott.

     Und das, was die anderen in ihren Stuben hängen hatten, Zeisige, Stiegliße, Hänflinge, Dompfaffen, Zwunschen, Grünitzer und so, das sah er erst recht nicht für voll an. Konnten diese Waldzigeuner singen? – Geträtsch war das, lauter loses Vigilantentum. Und dem Kaufmann Störmer seine Nachtigall? Freilich, das hörte sich schon nach was an. Viel mehr als Kunststückmacherei allerdings kam letzten Endes nicht dabei heraus. Aber seine Amsel, – hach, wenn die sang!

     Das war nicht bloß so Hingezwitschertes oder virtuos Hingeträllertes. Da spielte ein Herz auf goldener Flöte. Eine Seele psalmodierte. Da hing was in der Luft wie etwas unendlich Verträumtes und Sehnsüchtiges. Das schwamm über den Dächern. Das strömte warm in die Gasse hernieder, und die Leute, die vorübergingen, blieben stehen und horchten hinauf nach der Giebelkammer oben, wo ein großes Heckbauer halb aus dem Fenster herausragte und hinter den Käfigstäben zuweilen ein gelber Amselschnabel zu sehen war. Fritz Nickel, der von der Stube oder von der Bank vor der Haustür aus dies Stehenbleiben der Leute bemerkte, bekam dabei das Blänkern in die Augen. Jawohl, seine Amsel war das. So eine Prachtamsel gab es so leicht nicht zum zweiten mal. –

     Das ging nun schon ins vierzehnte Jahr, daß ihm die Amsel gehörte. Da wollte eines Morgens dem Nickel-Fritz beim Futtereinschütten nicht das gewohnte Kosewort über die Lippen. Ein Gespenst hockte in der Kammer. Er sagte nur: Armes Vugele! Aus Leid und Beklemmung kam das heraus. Sein Extrahappen heute. Das erstemal seit 14 Jahren. Und es wird wohl nun für immer damit vorbei sein. Woher soll ich Rinderherz nehmen oder nur einen Schnabel voll Rindergehacktes? Ach, der Schandarm paßt auf. Und hartgekochtes Ei? Für die Hamsterwege ins Land hinunter taugen die alten Beine nicht mehr. Und Mehlwürmer, du lieber Gott, wer weiß, ob die nicht bald selbst verhungern, wo das Mehl so rar ist. Es sind schlechte Zeiten, Krieg, Not, Teuerung, Brotmarken, Fleischmarken...

     Das alles war dem Alten fraus durch den Kopf gegangen, als er da vor dem Amselkäfig stand und seiner Amsel nichts weiter als eine Handvoll magerer und verschrumpelter Quitschen in den Futternapf tun konnte. Daß es ihm selber miserabel ging, daran dachte er mit keinem Gedanken. Alle grauen Fragen um die Wirrnis der Zeit sprangen qualvoll nur immer in das Vogelbauer hinein. Aus den Amselaugen fragten sie traurig zurück, suchten unbehilflich nach Antwort und Ausweg und wußten doch weiter nichts zu sagen, als dies bedrüdte: Armes Vugele!

     Woche um Woche ging das nun so. Der Alte schleppte etwas mit sich herum, das er nicht loszuwerden vermochte. Nicht einmal einen Vogel konnte man sattkriegen. Was für gottsjämmerliche Zeiten waren das!

     Da brachte der Briefträger einen Brief aus Hannover. Der Sohn schrieb: In der Großstadt sehe es zwar auch nur betrüblich aus. Immerhin, etwas mehr sei vielleicht vorhanden als in dem verhungerten Oberharz, wo nur Tannäppel und Gras wüchsen und man nie recht wüßte, ob die Kartoffeln reif werden würden Weißt Du was, so schrieb der Sohn weiter, komm zu mir. Laß uns unsere Brotmarken und Fleischmarken und den ganzen verfluchten Bettel zusammenschmeißen. Dann helfen wir uns durch.

     Vielleicht auch meine Amsel! sprang es wie ein Strahl aufatmender Hoffnung aus Fritz Nickels Brillengläser heraus, als er den Brief wieder in den Umschlag schob.

     Er packte sein köfferchen. Viel war da nicht zu schleppen. Die Amsel wurde in einen handlichen Käfig gesteckt. Die Zigarrenkiste mit dem kümmerlichen Rest einer Mehlwurmzucht beschwerte das Gepäck nicht allzusehr, und so begab sich der Alte auf die Fahrt. – Aber auch in der Großstadt ging die Not um. Sie stellte sich zu Schlangen an nach kärglich bemessenen Rationen. Sie stand auf allen Gesichtern zu lesen. Sie hockte in allen Gassen. Sie hockte aufgeplustert in dem kleinen Amselkäfig.

     Wiederum lehnte Zimmermann Nickel davor mit umwölkter Stirn. Die Hoffnung auf die Großstadt also hatte sich als betrüblicher Fehlschlag erwiesen. Nun war es so weit. Langsam mußte seine Amsel verhungern. Ja, wenn man Geld hätte und schieben und hamstern könnte. Aber so ein Hüttenmannsinvalide, was kann der groß anfangen.

     Fritz Nickel trug die Trübsal grauer Sorgenwochen und die Bedrängnis eines verzweifelten Konfliktes in den Stadtwald hinaus. Es war ein sonniger Vorfrühling und rings flöteten die Amseln. Der Alte blieb stehen und lauschte. Sehet die Vögel unter dem Himmel an, – fiels ihm ein. Ach ja, für die Amseln hier draußen sorgte der liebe Gott. Der kennt keine [57] Fleischmarken und braucht seine paar Pensiönerpfennige nicht zusammenzukratzen für ein bißchen Drosselfutter. Ob ich wohl –, jawoll, das wäre ein Gedanke: ich will ihm meine Amsel auch in Kost geben. Ich will sie in den Stadtwald bringen.

     Fast wie eine Freude hüpfte dieser Einfall durch des Alten gequälten Ktopf. Das war der einzige Ausweg, der dem Herzen ein Tor offen ließ für Rechtfertigung und Versöhnung. Und sogleich sollte der Gedanke zur Tat werden.

     Als eine Stunde darauf der Alte mit dem Amselkäfig unterm Arm wieder in den Stadtwald zurückging, da begab es sich, daß die Freude, die vorhin so leichtfüßig angehüpft kam, mit einem Male recht lahme Beine bekam auf diesem Opfergang. Fritz Nickels Herz hing schwer. War diese letzte Guttat an seiner Amsel nicht ein bedenkliches Geschenk? Bei Gott, ein verzweifeltes. Gefangene Tiere sind der Natur entwöhnt. Gab es aber einen anderen Aussweg? Ihr den Kopf abreißen etwa?

     Sie langsam verrecken lassen vor Hunger? Sie einem Katzenvieh vorwerfen? Nein, verflucht, – vierzehn Jahre war sie mein Kamerad! Vierzehn Jahre! Nur diese allerletzte Rettungsmöglichkeit weiß ich: Euer himmlischer Vater nähret sie doch ...

     Der Stadtwald war von Spaziergängern belebt. Ganz abseits erst fand Nickel einen einsamen Horst. Birkenbüsche und junge Kusseln standen da. Dies war der richtige Ort. Der Alte stahl sich hinein und wickelte die Zeitungshülle von dem Vogelbauer ab. Schnell sollte alles gehen, so hatte er sichs vorgenommen. Doch er hob den Käfig noch einmal vor das Gesicht. Mit einem Blick nahm er Abichied, und ganz leise nur sagte er: Mein liebes Amsele. Weiter sagte der Alte kein Wort. Aber die Erinnerung an vierzehn Jahre schönen Miteinanderlebens bubberte weh durch seine Stimme, und in seinem Halse würgte es. Noch wehrte er sich dagegen. Nur nicht weich werden jetzt. Dies hier mußte sein, mußte. – Er zog das Flugloch auf. Mit unbehilflich gewordenen Flügelschlägen flatterte der Vogel zu Boden. Du lieber Gott, wie erbärmlich sah das aus. Dann hüpfte er auf einen niedrig stehenden Ast und äugte mit einem Blick voll ungläubiger und verwunderter Fragen zu dem Alten hinauf. Der aber wandte sich ab vor diesem Blick, und über seine greisen[WS 1] Stoppeln kollerten die Tränen.

     So stand er eine Weile. Wie an einem Grab war das, in dem man etwas Liebes begraben hat. Dann ging er, zögernd, unschlüssig. Nach fünfzehn Schritten drehte er sich noch einmal um. Eine Amsel hatte gewarnt. War es seine gewesen? Nein, seine saß noch da. – Ach hätte sich Fritz Nickel nicht umgesehen! Ein Sperber preschte in das Gebüsch. Der Alte wollte zuspringen. Der Schreck hielt ihn fest. Als sich dann der Bann von seinen Füßen löste, war alles schon geschehen. Er sah von seiner Amsel nur noch ein paar stiebende schwarze Federchen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Original: griesen