Die Bauern zu Conerow

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Textdaten
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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Die Bauern zu Conerow
Untertitel:
aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen. S. 92–93
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1840
Verlag: Nicolaische Buchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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55. Die Bauern zu Conerow.

In dem Kreise Greifswald liegt ein kleines Dörfchen, Namens Conerow, das schon seit vielen Jahren nur von drei Bauern bewohnt wird. Die drei Bauern in Conerow hatten einst gehört, wie schlecht es ihrem Könige, Karl dem Zwölften, in Rußland ergangen war, und wie er hatte zu den Türken flüchten müssen, und dort gar große Noth und Elend erleide. Das that ihnen in der Seele weh, und sie brachten Alles an Gelde und Geldeswerth zusammen, was sie nur eben nothdürftig entbehren konnten. Das setzten sie zu Wolgast in blankes Gold um, und nun nahm Einer von ihnen ein Pferd, und ritt mit dem Golde nach Bender hin, um es dem Könige zu bringen; der hieß Hans Müsebeck.

Der König war damals wirklich in arger Noth. Er hatte keinen Pfennig Geld mehr, und er wußte nicht, wie er sich und die paar Getreuen, die um ihn waren, vor dem Hungertode erretten solle. Alle seine und der Seinigen Pferde hatte er schon erschossen, um die allgemeine Noth zu erleichtern. Nur seinen besten Rappen, der ihn durch so manche Lebensgefahr getragen, hatte er noch verschont. Aber auch diesen konnte er nicht mehr halten. Schweigend nahm der König daher eines Tages selbst das Pistol, und setzte es dem treuen Thiere hinter das Ohr, und schoß es also nieder. Dann setzte er sich auf dem Bauch des Rosses, und gedachte seines Unglücks. Da hörte er auf einmal unweit von sich, auf gut Pommersch die Worte: Helf Gott, wo finde ich meinen König? – Und wie er aufblickt, da sieht er einen Bauern, der ganz allein daher geritten kommt. Der wird zu ihm geführt. Es war der Bauer aus Conerow. Er stieg von seinem Pferde, und kniete vor dem König, und zog aus seinen Stiefeln zwei große Rollen mit Gold hervor. Die überreichte er dem König, und bat ihn, sie anzunehmen, [93] denn die Bauern aus Conerow gäben sie ihm gern. Er erzählte nun, wie sie von seinem Elend gehört, und wie sie darauf das Geld zusammen gebracht, und wie er allein damit den weiten Weg hergeritten sey, da sie sonst nicht gewußt hätten, wie es in seine Hände kommen möge. Da fing der wilde König Karl der Zwölfte an zu weinen, daß ihm die hellen Thränen das Gesicht herunter liefen. Er zog sein Schwert aus der Scheide und hob es hoch empor, und sagte: Solche edle Treue haben mir die Höchsten meines Adels nicht bewiesen. Du sollst fortan der Erste unter meinen Edlen sein. Kniee nieder, daß ich Dich zum Ritter schlage.

Dem Befehle gehorchte der Bauer, und er kniete von Neuem nieder, aber nicht um den Ritterschlag zu empfangen; denn er bat vielmehr den König, ihn nicht also bei seines Gleichen zu beschämen, und ihm den ehrlichen Namen zu lassen, den seine Vorfahren getragen; wolle ihm aber Seine Majestät eine Gnade erzeigen, so bitte er, daß den drei Bauern zu Conerow ihre Pacht auf ewige Zeiten erlassen werde.

Das beschwor ihm der König, und er ließ auch sogleich eine Urkunde darüber ausfertigen. Wie aber der Kanzler nun auf diese das Siegel aufdrücken wollte, da riß sich der König aus seinem Barte drei Haare, die drückte er mit dem Knopfe seines Schwertes in das flüssige Siegelwachs hinein, daß sie auf ewig von seinem königlichen Worte Zeugniß geben sollten.

Darauf ritt Hans Müsebeck froh und vergnügt nach Conerow zurück. Die Urkunde verwahren die drei Bauern zu Conerow noch, und sie sind auch noch jetzt frei von allen Abgaben; denn wer wüßte Unterthanen-Treue besser zu schätzen, als das Preußische Königshaus?

Vgl. Freiberg Pommersche Sagen, S. 78-87.