Die Bauten der Termiten

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Autor: C. Falkenhorst
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Titel: Die Bauten der Termiten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 269
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Bauten der Termiten.
Von C. Falkenhorst. Mit Zeichnungen von G. Schmidt und Franz Leuschner.

Der Forschungsreisende Max Buchner giebt uns eine klare Anleitung, wie wir uns das Bild der innerafrikanischen Savanne vergegenwärtigen können: „Man streue zuerst überall, soweit die Oberfläche ziegelrot ist, einige Millionen gleichfalls ziegelroter Termitenhügel, unregelmäßige Pyramiden von mehreren Metern Höhe, so dicht, daß auf jedes Hektar mindestens fünf kommen. Dann nehme man die vierfache Quantität Bäume und pflanze sie so auseinander, daß ihrer auf ein Hektar bald mehr, bald weniger als zwanzig kommen. Desgleichen verfahre man mit einer ähnlichen Anzahl Gebüschindivideen. Schließlich fülle man alle Zwischenräume mit hohem derbhalmigen Grase aus, doch so, daß rings um die mächtigen Büschel noch immer etwas nackte rote Erde unbedeckt bleibt, und die Savanne Innerafrikas, jener ewige lichte Wald ohne Schatten, noch nicht sehr beeinträchtigt von der zerstörenden Thätigkeit des Menschen, ist fertig.“

So erscheinen die Termitenhügel als charakteristische Merkmale der afrikanischen Landschaft, und sie sind es, was dem Reisenden beim Betreten Innerafrikas zuerst auffällt - diese Hügel, die, teils niedrig und massenweise über die Ebene hingestreut, dieser ein kirchhofartiges Aussehen verleihen, teils einzeln obeliskenförmig aufragen. Gespenstig tauchen sie aus dem hohen Grase empor und sehen namentlich bei Abend oder in der Mondbeleuchtung ganz unheimlich aus.

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Durchschnitt eines Termitenhügels.

Die Erbauer dieser Hügel, die „Termiten“ oder die weißen Ameisen, sind kleine Insekten mit aufgeschwelltem, gelblich weißem Leib und länglicher, verhältnismäßig großer Brust von fettig brauner Farbe. Sie sind übrigens in Wirklichkeit keine Ameisen, sondern gehören zu der weit geringeren Familie der Termitiden, und wie ihr Ansehen nicht verlockend ist, so sind auch ihre Thaten auf den ersten Blick verabscheuungswürdig, sie werden, wie kaum ein anderes Insekt, von dem Menschen gehaßt - und mit vollem Rechte.

„Man kann wahrhaftig sagen,“ schreibt ein Reisender, „daß es Gegenden in Afrika giebt, wo einer mit einem hölzernen Bein sich schlafen legen und dasselbe am nächsten Morgen in Sägemehl verwandelt sehen könnte.“ Das besorgen über Nacht die Termiten. Sie zernagen alles, Balken und Pfosten der Häuser, Tische, Stühle und Schränke, eine starke Holzkiste kann in einer einzigen Nacht durch und durch gefressen werden; Bücher, Leder, Tuch, alles fällt ihnen zum Opfer - nur Eisenblech ist vor diesem Raubgesindel sicher, und merkwürdigerweise auch, nach dem Zeugnis Franz Leuschners, das europäische Kiefern- und Fichtenholz, das zu Bauzwecken nach Afrika gebracht worden war.

Die Zerstörungswerke sind überall zu finden, aber die Zerstörer selbst sind nur selten sichtbar. Sie gehen verstohlen, heimtückisch an ihre Arbeit. Sie sind blind, nur die Königin und der König haben Augen mit Ausnahme der Soldaten, die nur 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung betragen, sind sie auch wehrlos, und darum lassen sie sich nicht blicken. Und doch müssen sie ihre unterirdische Wohnung verlassen und totes Holz aufsuchen, wenn sie nicht verhungern wollen.

Gelingt es einmal, ein solches Insekt auf seinen Raubzügen zu beobachten, so ist das ein höchst merkwürdiger Anblick. Es dringt langsam, aber stetig vor. Hier ist eine Oeffnung in der Erde. Ein kleiner Kopf erscheint in ihr mit einem Klümpchen Erde in dem Mund. Das Klümpchen wird niedergelegt und bald erscheint ein neuer Kopf mit einem neuen Baustein, der mit einer klebrigen Ausscheidung des Insektes überzogen ist. Er wird an den ersten gekittet; so bauen die Arbeiterinnen unermüdlich eine Erdröhre, während vor der Oeffnung desselben die Soldaten Wache halten und andere feindliche Insekten abwehren. Der Gang wird aufs Geratewohl fortgeleitet, bis er auf ein abgestorbenes Holzstück stößt, dann dringen die Termiten in dasselbe ein und zerstören es im Innern, während es an der Oberfläche unversehrt bleibt.

Diese Röhrengänge der Termiten sind noch wunderbarer als ihre Hügelbauten. Sie sind vom Durchmesser einer schwachen Gasröhre und ziehen sich an Baumstämmen bis in die hohen Zweige hinauf, um nach vielen Zickzackwindungen einen abgestorbenen Ast zu erreichen. In manchen Gegenden, wie auf der Hochebene zwischen dem Njassasee und dem Tanganjika, kann man durch die lichten Wälder stundenlaug wandern und dabei jeden Baum mit diesen Gängen überzogen sehen.

Ja, die Termiten halten auf Ordnung in der Natur. Eine gewisse Sauberkeit fällt einem in den lichten Parklandschaften Innerafrikas sofort auf, es sieht alles so gekehrt und gefegt aus, daß man sich unwillkürlich fragt, ob es denn hier Heinzelmännchen gebe, die so hübsch Ordnung halten. Und es giebt in der That solche. Waldkehrer der verschiedensten Art sind fortwährend damit beschäftigt, alle Tierreste fortzuschaffen, vom gefallenen Elefanten an bis zur toten Mücke, und was ihnen nicht als Nahrung dient, das schaffen sie bei Seite und begraben es in der reinigenden Erde. Denselben Dienst leisten Millionen Termiten der Pflanzenwelt, indem sie alle Pflanzen und Bäume, alle Stämme, Aeste, jedwedes Pflanzengewebe vernichten, sobald die Hand des Todes daran gerührt hat. Wie oft in diesen Wäldern glaubt man Stöcke, Aeste oder Bündel von Reisholz am Boden liegen zu sehen, und wenn man näher zuschaut, sind’s Scheingestalten von Erde!

Doch kehren wir zu den Termitenhügeln zurück! Ihr Inneres, welches die obenstehende Abbildung veranschaulicht, ist von zahllosen Gängen und Kammern durchzogen; da finden wir Vorratsräume und Bruträume, in denen unter sorgsamer Pflege das junge Geschlecht der Termiten heranreift, und tief zu unterst, oft in der Erde selbst, liegt die Hauptkammer, die Wohnung der Königin. Die Termiten bilden ja so zu sagen ein Königreich und ihr Staat setzt sich aus verschiedenen Ständen zusammen. (Vergl die Abbildung S. 270) Da sind zunächst diejenigen zu nennen, die für die Erhaltung der Art Sorge tragen. Es sind dies Männchen und Weibchen, mit leicht vergänglichen Flügeln versehen, welche sich zu „Königspaaren“ [270] vereinigen. Allerdings wird in jedem Neste nur eine Königin geduldet, die überschüssigen fliegen fort, um neue Reiche zu gründen. Die befruchtete Königin wird zu einem einige Centimeter langen walzenförmigen Geschöpf, das nur durch den Kopf an die Termitenherkunft erinnert. Sie wird von ihren Unterthanen bewacht und sorgsam gefüttert und liefert Eier über Eier, viele Tausende an einem einzigen Tage, und das monatelang fort. Auf unserer Abbildung sind auch die anderen Glieder des Termitenreiches dargestellt. Da ist zuerst der Wehrstand, oder die Soldaten, auffällig durch die gewaltigen fast viereckigen Köpfe, die mit mächtigen Zangen bewehrt sind. Diese Soldaten sammeln nicht und bauen nicht, stehen aber jeder Zeit zur Abwehr feindlicher Angriffe bereit. Durch die kleinen runden Köpfe zeichnen sich die Arbeiter aus, fleißige, emsige Geschöpfe, welche die Brut ernähren und die Nymphen so zu füttern wissen, daß sie aus Arbeiterinnen in Notfällen eine Ersatzkönigin heranziehen, wenn die wirkliche aus dem Dasein geschieden ist. Sie sind es auch, welche fleißig die hohen Hügel, die Burgen des Termitenreichs, auftürmen.

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Termiten: Die Königin, geflügelte Männchen und Weibchen, Soldaten, Arbeiter.

In diesen Bauten trotzt die Termite den niederströmenden Wassermassen der Regenzeit wie den häufigen Grasbränden. Auch dem Menschen sind die Termitenhügel in manchen Beziehungen von Nutzen. Sie bieten ihm Deckung beim Beschleichen des Wildes, ohne sie würde in vielen Gebieten die Jagd völlig unmöglich sein. Oft aber reißt auch der Mensch die mühevoll Körnchen um Körnchen aufgeführten Bauwerke ein, um aus diesem Material Häuser für sich aufzuführen.

Franz Leuschner schreibt uns darüber nach seinen Erfahrungen im Togoland: „Durch ihre riesigen Bauten liefern die Termiten den oft sehr tief liegenden Lehm herauf, welcher von den Schwarzen mit Vorliebe zum Häuserbau verwendet wird; denn dieser Lehm ist ziemlich hart und mit kleinen Grasteilchen und Holzstückchen ganz durchsetzt und so mit dem Speichel der Termite durchknetet, daß er eine große Haltbarkeit besitzt. Da nun ein Termitenbau oft bis 7 Meter hoch wird, so liefert er für viele Hütten das Baumaterial.“ Dem Beispiel der Neger sind da und dort auch Europäer gefolgt. Die Backsteinhäuser der schottischen Missionsstation am Njassasee sind aus einem einzigen Termitennest entstanden. Ja, Leuschner erzählt sogar, seine Begleiter hätten öfters auf der Reise die Termitenbauten als Backöfen benutzt, wozu er sie jedem Afrikareisenden warm empfehlen könne, denn das darin gebackene Maisbrot habe ganz vortrefflich gemundet. Auch im Süden von Afrika wurden die dortigen Ameisenhügel von den englischen Truppen in Backöfen verwandelt, nachdem das Innere ausgehöhlt und die Höhlung mit Lehm zugestrichen war.

Ist ein Termitenbau bewohut, so kann man ihn wachsen sehen und von Tag zu Tag die Zunahme bald dieser, bald jener Spitze beobachten. Als Buchholz bei Akkra an der Goldküste die Spitze eines Termitenhügels durch einige Schläge öffnete, stürzten sogleich die Soldaten hervor, um den Bau zu verteidigen, während die kleinen Arbeiter sich zurückzogen. Als dann Buchholz nach einer Stunde zurückkehrte, fand er eine Menge Arbeiter damit beschäftigt, die Löcher zuzumauern, welche Arbeit am folgenden Tage vollendet wurde.

Auch verlassene Termitenhügel sind für den Naturforscher von Interesse, denn sie bieten die schönsten Schlupfwinkel für alle möglichen Tiere dar. So fand Buchholz in ihnen große und sehr kleine schwarze Ameisen, Raubwespen und Bienen verschiedener Arten mit ihren Nestern, eine prachtvolle Schlange u. s. w.

Nur nebenbei sei erwähnt, daß bei dem alles verzehrenden Neger neben Raupen auch Termiten auf dem Speisezettel stehen. In der von Wißmann auf seiner Kassai-Expedition gegründeten Luluaburg kostete z. B. ein Liter Termiten zehn Messingnägel, während ein Liter Reis oder Bohnen nur mit acht Messingnägeln bezahlt wurde[1], wobei jene zehn Messingnägel den Wert von sieben Pfennig darstellten.

Bei aller Schädlichkeit ist die Termite doch auch nicht ohne Verdienste in dem Haushalt der tropischen Landschaft.

Die Natur läßt den Boden alljährlich durch Millionen kleiner fleißiger Ackerleute umpflügen. Bei uns in der gemäßigten Zone besorgt diese Arbeit der Regenwurm, der sich durch die Erde frißt und so allmählich die tieferen Schichten nach oben bringt. „Beim Anblick einer schönen großen Rasenfläche,“ sagt Darwin, müssen wir uns erinnern, daß ihre sammetartige Beschaffenheit, die eben ihre Schönheit ausmacht, hauptsächlich den Würmern zu verdanken ist, die alle Unebenheiten langsam ausgeglichen haben. Es ist in der That ein wunderbarer Gedanke, daß die ganze Oberschicht eines solchen Grasbodens durch Wurmleiber gegangen ist, und daß sich das alle paar Jahre wiederholt. Der Pflug gehört zu den ältesten und wichtigsten menschlichen Erfindungen, aber lange ehe er vorhanden war, wurde das Erdreich ordnungsmäßig von Regenwürmern umgepflügt. Es ist eine Frage, ob es viele andere Tiere giebt, die in der Geschichte des Erdkörpers eine so wichage Rolle spielen als diese niedrig organisierten Geschöpfe.“

In dem tropischen Afrika kann der Wurm während des größten Teils des Jahres nicht arbeiten. Sein weicher Körper kann sich durch den in der Trockenzeit steinhart gewordenen Boden keinen Durchgang erzwingen. Dies gilt namentlich für die Savannengebiete und hier wird dann die Rolle des Pflügers von der Termite übernommen. Aus den Tiefen der Erde holt sie das Material zum Bau ihrer Nester und Erdtunnel, in denen sie fortkriecht. Sie wendet den Boden um und um, trägt ihn sogar in die Kronen der Bäume, wo er von den Regengüssen des Sommers abgewaschen wird, um wieder zur Erde zu gelangen. Die Bedeutung dieser Minierarbeit wird uns klar, wenn wir uns erinnern, in welch riesigen Mengen die Termitenhügel über das Gebiet der innerafrikanischen Savanne verbreitet sind. Der Erdstaub, den die Termiten schaffen, wird vom Regen weggewaschen und durch Bäche und Ströme in Thälern abgesetzt. Die fruchtbaren Niederungen sind zu einem achtenswerten Teile ein Geschenk der vielgeschmähten Termiten.




  1. Ebenso viel kostete ein Liter Raupen.