Die Besatzung von Oggersheim

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Textdaten
Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Die Besatzung von Oggersheim
Untertitel:
aus: J. P. Hebels sämmtliche Werke, Bd. 3, Erzählungen des rheinländischen Hausfreundes, S. 317–319
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1832
Verlag: Verlag der Chr. Fr. Müller’schen Hofbuchhandlung
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Erscheinungsort: Karlsruhe
Übersetzer:
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Der Held der Erzählung ist in der Oggersheimer Chronik als Hans Warsch bekannt.
Abdruck auch in: Johann Peter Hebel. Erzählungen und Aufsätze des Rheinländischen Hausfreunds. Hg. Wilhelm Zentner, Carl Hanser Verlag München Wien 1985, S. 443–445.
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[317]

Die Besatzung von Oggersheim.

Zu Oggersheim, gegenüber von Mannheim, um die Wahl etwas weiter oben oder unten, je nachdem man sich stellt, als im Dreißigjährigen Krieg unversehens die Spaniolen vor Oggersheim anrückten, flohen fast alle Einwohner nach Mannheim. Nur zwanzig Hausväter blieben zurück und hatten das Herz, die Zugbrücke aufzuziehen und die Thore zu schließen. Es gehört nicht viel Herz zum Schließen, aber zum Oeffnen. Denn als der spanische Feldhauptmann Don Gonsalva hineintrompeten ließ: „Wenn ihr bis morgen um diese Zeit den Platz nicht übergebt,“ ließ er hinein trompeten, „alsdenn gebt acht, wer am Leben bleibt, wenn ich den spanischen Sturmmarsch schlagen lasse und doch hineinkomme,“ da sahen die Helden einander an und sagten: „Der Weg nach Mannheim ist doch der sicherste.“ Nur einer dachte: „Was soll ich tun? Meine Frau steht an ihrem Ziel. Soll sie unterwegs oder gar auf dem Rhein ins Kindbett kommen? In Gottes Namen, ich bleibe da.“ Als nun die andern alle sich geflüchtet hatten und er noch allein in dem Städtlein war, trat er mit einem weißen Fähnlein auf die Stadtmauer und rief in das spanische Lager: „Kund und zu wissen sey euch im Namen des Herrn Kommandanten von Oggersheim, der Garnison und der ehrsamen Bürgerschaft! Ihr sollt uns versprechen, das Eigenthum zu schonen und die protestantische Religion unangefochten zu lassen. Wenn ihr dieses thut und halten wollt, so [318] sollen euch in einer Stunde die Stadtthore geöffnet werden. Ich, der Trompeter.“ – Da sahen der Feldhauptmann und seine Leute einander an. Ja, Nein – Nein, Ja. „Was sollen wir katholisches Blut vergießen lassen,“ sagte endlich der Feldhauptmann, „um einen ketzerischen Altar umzuwerfen, oder was werden wir in diesem Bauernstädtlein für Schätze finden?“ und rief mit lauter Stimme: „Akkordiert!“ Nach einer Stunde, als der Feind mit geschlossenen Reihen und Gliedern, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel einzog, am äußern Thor war niemand. – „Sie werden am innern seyn.“ Am innern Tor war auch niemand. – „Sie werden auf dem Platz seyn.“ Auf dem Platz stand mutterseelenallein mit dem weißen Fähnlein der herzhafte Burgersmann. – „Was soll das heißen? Wo ist der Kommandant und die Besatzung, wo ist der Burgermeister und der Rath?“ Da fiel der Burgersmann vor dem Feldhauptmann auf die Knie nieder: „Gnädiger Herr, ich bin der einzige, der sich Euerer Großmut anvertraut hat. Die andern sind nach Euerer Aufforderung alle nach Mannheim geflohen. Nur meine Frau ist noch bei mir im Städtlein, aber ein ellenlanger Rekrut wird nächster Tagen eintreffen. Unterdessen bin ich mein eigener Kommandant und mein Trompeter, mein Gemeiner und mein Profoß. Wenn ich seit gestern hätte desertieren wollen, ich hätte mich selber wieder einfangen und Spießruten jagen müssen.“ Da lächelte der Feldhauptmann und hieß ihn aufstehn, und obgleich die Spanier zur Zeit des dreißigjährigen Kriegs keinen Spaß verstanden, so leistete er doch, was er versprochen hatte, und noch mehr. Denn als den andern Morgen [319] der brave Burgersmann wieder zu dem Feldhauptmann kam, „Ihro Gnaden,“ sagte er, „wolltet Ihr mir nicht auf eine Viertelstunde Euern Feldpater leihen, wenn er evangelisch taufen kann? Der ellenlange Rekrut ist angekommen und schon einquartiert,“ da sagte der Feldhauptmann: „Ja, braver Kammerad, und ich will Gevattermann seyn und dein Kind zur Taufe halten.“ Also hielt der General das Kind zur Taufe und schenkte ihm ein spanisches Goldstück zum Andenken. Den folgenden Tag zogen die Spaniolen wieder weiters.

Anmerkungen (Wikisource)

Siehe auch das Gedicht Hans Warsch, der Hirt von Oggersheim.