Die Blattpilze und die Pflanzenkrankheiten

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Emil Adolf Roßmäßler
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Blattpilze und die Pflanzenkrankheiten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 435–437
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 13 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[435]

Aus der Menschenheimath.

Briefe
Des Schulmeisters emerit. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Zwölfter Brief.
Die Blattpilze und die Pflanzenkrankheiten.

Es gab und giebt in einigen Vertretern noch eine medicinische Meinung, welcher zufolge jede Krankheit, namentlich diejenigen, welche sich in einer gestaltlichen und stofflichen Umänderung der Körpermasse aussprechen, für einen sogenannten Afterorganismus erklärte, der sich als ein böser Dämon im sonst gesunden Menschen- oder Thiertriebe entwickele. Wäre diese Meinung begründet, so wären die Aerzte wahre Teufelsbanner und Geisterbeschwörer und ihre großen Arzneibullen und Pillenschachteln wären vollkommen berechtigt als Munition, womit sie dem Krankheitsdämon auf den Leib rückten.

Jetzt hat diese Meinung wohl nur noch wenige Anhänger. Man ist wieder nüchtern geworden, und gefällt sich nicht mehr darin, für wissenschaftlich noch unerkannte Erscheinungen geistreich klingende Redensarten statt einer Erklärung zu geben.

[436] Am längsten hat sich diese Meinung unter den Pflanzenphysiologen erhalten hinsichtlich gewisser Pflanzenkrankheiten. Bevor man mit den ungemein vervollkommneten Mikroskopen der neueren Zeit die feinsten Theile des Pflanzengewebes und die Entwickelung gewisser ungemein einfacher Pilzgebilde untersuchen konnte, hatte jene Meinung allerdings etwas für sich.

Du kennst als Landwirth den Flugbrand des Hafers und der Gerste und den stinkenden Schmierbrand des Weizens. Diese Pflanzenkrankheiten, die uns schon oft unsere Getreideernten gar sehr geschmälert haben, sprechen sich dadurch aus, daß sich innerhalb der Blüthentheile anstatt gesunder Körner nach und nach eine schwarzbraune Staubmasse entwickelt, und zwar nicht blos auf Kosten der Körner, sondern außer diesen werden auch die Spitzen fast ganz zerstört, so daß zuletzt wenig mehr als die Spindel der Aehre oder Rispe übrig bleibt.

Hier sagte man nun, diese schwarze Staubmasse sei ein Gebilde, eine Folge, ein Symptom der Krankheit. Irgend welche uns unbekannte Ursache habe die Pflanze krank gemacht, und der Krankheitsstoff werde gewissermaßen von Innen auf die Oberfläche der Pflanze herausgetrieben und nehme zuletzt die Gestalt dieses Brandstaubes an.

Das sollte eben der Afterorganismus, oder wenn Dir das verständlicher ist, das Krankheitswesen im an sich gesunden Pflanzenwesen sein, was, in letzterem entstanden, nun sich aus ihm heraus entwickele und dabei dasselbe entweder ganz oder wenigstens einzelne Theile davon zerstöre.

Es ist aber nicht so. Diese Masse ist nicht eine Folge, ein Erzeugniß der Krankheit, sondern die Ursache davon; eben so wenig wie die Krätzmilbe, die sich in den Krätzpusteln findet, nicht eine Folge, sondern die Ursache der Krätzkrankheit ist. Wie die Krätzmilben kleine Thierchen sind, welche in der Haut des Menschen leben, so sind die unendlich kleinen Staubkörnchen der beiden genannten und vieler ähnlichen Pflanzenkrankheiten die Samenkörnchen von Pflanzen, nämlich kleiner Pilzgebilde, welche sich meist unter der Oberhaut der Pflanzentheile bilden. Weil dies meist auf den Blättern und blattähnlichen Theilen, zu denen wir auch die Blüthen rechnen müssen, geschieht, so nennt man sie gewöhnlich Blattpilze. Wie die Krätze blos durch Uebertragung der Krätzmilben von der Haut eines Kranken durch Berührung, Betten, Wäsche und dergleichen auf die eines Gesunden ansteckend ist, so entstehen die Brand- und Rostkrankheiten auch blos durch Ansteckung, d. h. indem die außerordentlich feinen Keimkörper, wie man die Samenkörnchen der Pilze und anderer niederer Pflanzen nennt, auf und unter die Oberhaut anderer Pflanzen getragen werden. Dort keimen und wachsen sie ebenso, wie Du es von der Missel kennst, die auf Bäumen mancherlei Art schmarotzend wächst.

Diese sogenannten Blattpilze bilden gewissermaßen ein kleines besonderes Pflanzenreich, dem trotz unendlicher Kleinheit doch Mannigfaltigkeit und Zierlichkeit nicht abgeht.

Die Gartenlaube (1853) b 436.jpg

Du siehst auf meinem Bildchen zwei solche Blattpilzarten, welche gerade jetzt in jedem Blumengarten sehr häufig zu finden sind. Geh’ in Deinen Garten und sieh Dir die längst ihres Blüthenschmuckes beraubten Rosenstöcke an; ich meine die Centifolien, nicht die Monatsrosen, auf denen Du vergeblich suchen würdest. Auf vielen der älteren noch grünen Rosenblätter bemerkst Du auf der Oberfläche gelbe Flecken (F. 1), und wenn Du ein solches Blatt umdrehst, so findest Du, daß unten auf diesen gelben Flecken kleine Häufchen eines orangerothen Pulvers sitzen; hier und da findest Du auch dazwischen lockere schwärzliche Häufchen.

Das sind zwei verschiedene Blattpilze, welche auf der Rose fast immer gesellig beisammen vorkommen. Der gelbrothe ist der Rosenbrandpilz Urado Rosae und der schwarze führt den wissenschaftlichen Namen Phragmidium bellosum. F. 2 zeigt Dir in 200maliger Vergrößerung den senkrechten Durchschnitt durch ein Häufchen des ersteren. Du siehst aus dem Zellgewebe des Rosenblattes sich fächerförmig das Pilzhäufchen ausbreiten. Dieses besteht aus dem sogenannten Pilzlager, Mycelium, welches den Mittelpunkt bildet. Um dasselbe herum stehen sogenannte Saftzellen, b) welche keulenförmig und nach innen gekrümmt sind. In der Mitte liegen zahlreiche Keimkörner oder Sporen, a) von denen ich aber blos einige wenige hergezeichnet habe, während in der Wirklichken sich davon Hunderte in einem solchen Häufchen finden. Rechts daneben siehst Du eine einzelne Spore in 400maliger Vergrößerung.

Wesentlich verschieden zeigt sich der andere Blattpilz. Neben den Saftzellen (F. 3) bb finden wir hier nicht nackte Keimkörner, sondern kleine schwarzbraune keulenförmige Kapselchen, in denen je 6–7 Keimkörper in [437] eben so vielen Fächern liegen. Du siehst dies besonders deutlich an der 400 Mal vergrößerten F. 3 aa. Bei F. 3 a’a’ siehst Du drei noch unreife kurzgestielte Kapselchen.

Wir sehen also, daß diese unscheinbaren gelben und schwarzen Staubhäufchen auf der Rückseite der Rosenblätter nicht nur organisirte Gebilde, sondern wirkliche Pflänzchen von freilich sehr einfachem Bau, aber mit zahllosen, unendlich kleinen Keimkörnchen versehen sind. Diese Körnchen keimen nun auf ähnliche Weise, wie die Samen vollkommener Gewächse. Wie aber viele andere Pflanzensamen gewisse Bedingungen erheischen, um keimen und sich zur vollkommenen Pflanze entwickeln zu können, so auch diese so kleinen Keimkörnchen. Die erste Bedingung ist, daß sie der Wind und Regen, Insekten oder andere Helfershelfer auf Rosenblätter führen. Hier senken sie höchst wahrscheinlich, was der außerordentlichen Schwierigkeit wegen freilich noch nicht bestimmt beobachtet worden ist, ihre unbeschreiblich feinen Schläuche in die sogenannten Spaltöffnungen. Dies sind außerordentlich kleine spaltförmige Oeffnungen in der Oberhaut der unteren Blattfläche. Da die Blattpilze auch fast nur auf der unteren Oberfläche vorkommen, so scheint dies jene Annahme zu bestätigen.

Viele Pflanzenkrankheiten werden gewiß durch diese kleinen Schmarotzer veranlaßt und Du wirst mir beistimmen, wenn ich sie Dir im Einklange mit der fortgeschrittenen Wissenschaft als Ursachen und nicht als Folge derselben bezeichnete. Wir haben es hier eben wieder einmal mit einer Erscheinung zu thun, wo die außerordentliche Kleinheit der Gebilde eine unzweifelhafte Deutung der natürlichen Vorgänge sehr erschwert. Aber das Mikroskop, die Waage, die chemischen Scheidungsmittel und – Geduld und Ausdauer wird mehr und mehr den Schleier lüften, hinter welchem die Natur sich oft verbirgt und aufgesucht sein will.