Die Brüder O’Donnell

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Brüder O’Donnell
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 816
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Leopoldo O’Donnell und sein Bruder
Blätter und Blüthen
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[816] Die Brüder O’Donnell. Bei Gelegenheit des kürzlich erfolgten Ablebens des spanischen Marschalls O’Donnell dürfte es nicht uninteressant sein, Einiges über dessen Familie zu hören. Dieselbe stammt aus Irland, wie schon das O vor dem Namen verräth, und drei Brüder suchten in Spanien ihr Glück zu machen, aber nur einem gelang dies. Der älteste hat sich keinen berühmten Namen erworben, der zweite war eben der jetzt verstorbene Herzog von Tetuan, welcher eine glänzende politische und militärische Carriere machte, die allgemein bekannt ist. Der jüngste Bruder, ein muthiger, unerschrockener Charakter, hätte vielleicht ebenfalls eine bedeutende Laufbahn vor sich gehabt, wenn ihm dieselbe nicht allzufrüh abgeschnitten worden wäre. Von ihm wollen wir vornehmlich erzählen.

Zur Zeit des Erbfolgestreites in Spanien hatte er für das Kind Isabella Partei ergriffen und gehörte demnach zur Partei der „Christinos“; bei irgend einem Scharmützel in dem Guerillakriege wurde er von dem berühmten Carlistenführer Zumalacarreguy gefangen genommen. O’Donnell betrachtete dies fast als einen glücklichen Zufall, denn Zumalacarreguy war sein Jugendfreund und ehemaliger Mitschüler von einer Kriegsschule her; die beiden Freunde hatten sich seit Jahren aus den Augen verloren und feierten nun ein freudiges Wiedersehen. Zumalacarreguy nahm den Freund mit in sein eigenes Zelt, bewirthete ihn nach Kräften und sagte ihm, nachdem sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse erzählt:

„Deine Gefangenschaft wird nicht lange dauern, lieber Freund, ich schicke noch heute einen Parlamentär zu dem General der Christinos, um wegen Auswechselung der Gefangenen zu verhandeln, und so kannst Du morgen schon wieder in Freiheit sein.“

Der Parlamentär wurde auch wirklich abgesandt und entledigte sich seiner Mission. Der Christinosgeneral aber, ein unkluger und roher Mensch, antwortete dem Parlamentär: „Ich will Dir zeigen, wie ich mit Rebellen unterhandle!“ Und sofort ließ er vor den Augen des Parlamentärs sämmtliche gefangene Carlisten erschießen, worauf der Abgesandte empört zu seinem Chef zurückkehrte.

Am folgenden Morgen trat Zumalacarreguy mit etwas verlegener Miene in sein Zelt und fand da seinen Gefangenen, der sich eben die Frühstückschocolade prächtig schmecken ließ. Still setzte er sich ihm gegenüber.

„Was hast Du?“ frug O’Donnell. „Hast Du schlecht geschlafen? War Deine Chocolade angebrannt oder was ist Dir sonst? Du siehst ja ordentlich verstört aus.“

„Mein Gott, ja,“ entgegnete der Carlistenchef, „ich bin wirklich sehr verdrießlich, denn ich habe Dir eine schlechte Nachricht mitzutheilen. Der General der Christinos hat vor den Augen des Parlamentärs sämmtliche Gefangene niederschießen lassen, und ich sehe mich nun gezwungen, Repressalien zu üben. Du wirst also in einer Stunde mit den Anderen erschossen, so leid es mir thut.“

O’Donnell hörte dies ruhig an und erwiderte dann: „Nun, das ist ja ganz natürlich, da brauchst Du Dir doch wahrlich keine Scrupel weiter darüber zu machen. Du kannst nicht anders; ich würde auch so thun. Gieb mir nur noch ein paar Cigaretten und Schreibmaterialien, damit ich einen Brief schreiben kann, den Du später besorgen wirst.“

Als er den Brief geschrieben, kam die Mannschaft, um die Gefangenen abzuführen. O’Donnell stand auf, schüttelte Zumalacarreguy noch einmal die Hand, zündete sich eine Cigarette an und ging, sich erschießen zu lassen.