Die Braut von Corinth (1827)

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Textdaten
Autor: Johann Wolfgang von Goethe
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Titel: Die Braut von Corinth
Untertitel:
aus: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Erster Band. S. 221–228.
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1797
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
Übersetzer:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Das Gedicht entstand in einem „Dichterwettstreit“ zwischen Schiller und Goethe.
Erstveröffentlichung siehe Die Braut von Corinth (1798)
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<poem> [221]      Die Braut von Corinth.

Nach Corinthus von Athen gezogen Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt. Einen Bürger hofft’ er sich gewogen; Beide Väter waren gastverwandt,

5

Hatten frühe schon

Töchterchen und Sohn Braut und Bräutigam voraus genannt.

Aber wird er auch willkommen scheinen, Wenn er theuer nicht die Gunst erkauft?

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Er ist noch ein Heide mit den Seinen,

Und sie sind schon Christen und getauft. Keimt ein Glaube neu, Wird oft Lieb’ und Treu’ Wie ein böses Unkraut ausgerauft.

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Und schon lag das ganze Haus im Stillen,

Vater, Töchter, nur die Mutter wacht; Sie empfängt den Gast mit bestem Willen, Gleich in’s Prunkgemach wird er gebracht. Wein und Essen prangt

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Eh’ er es verlangt:

So versorgend wünscht sie gute Nacht.

[222] Aber bei dem wohlbestellten Essen Wird die Lust der Speise nicht erregt; Müdigkeit läßt Speis’ und Trank vergessen,

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Daß er angekleidet sich auf’s Bette legt;

Und er schlummert fast, Als ein seltner Gast Sich zur offnen Thür herein bewegt.

Denn er sieht, bei seiner Lampe Schimmer

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Tritt, mit weißem Schleier und Gewand,

Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer, Um die Stirn ein schwarz- und goldnes Band. Wie sie ihn erblickt, Hebt sie, die erschrickt,

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Mit Erstaunen eine weiße Hand.

Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause, Daß ich von dem Gaste nichts vernahm? Ach, so hält man mich in meiner Klause! Und nun überfällt mich hier die Scham.

40

Ruhe nur so fort

Auf dem Lager dort, Und ich gehe schnell, so wie ich kam.

Bleibe, schönes Mädchen! ruft der Knabe, Rafft von seinem Lager sich geschwind:

45

Hier ist Ceres, hier ist Bacchus Gabe;

Und du bringst den Amor, liebes Kind! Bist vor Schrecken blaß! Liebe, komm und laß Laß uns sehn, wie froh die Götter sind.

50

[223] Ferne bleib’, o Jüngling! bleibe stehen;

Ich gehöre nicht den Freuden an. Schon der letzte Schritt ist ach! geschehen, Durch der guten Mutter kranken Wahn, Die genesend schwur:

55

Jugend und Natur

Sey dem Himmel künftig unterthan.

Und der alten Götter bunt Gewimmel Hat sogleich das stille Haus geleert. Unsichtbar wird Einer nur im Himmel,

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Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;

Opfer fallen hier, Weder Lamm noch Stier, Aber Menschenopfer unerhört.

Und er fragt und wäget alle Worte,

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Deren keines seinem Geist entgeht.

Ist es möglich, daß am stillen Orte Die geliebte Braut hier vor mir steht? Sey die meine nur! Unsrer Väter Schwur

70

Hat vom Himmel Segen uns erfleht.

Mich erhältst du nicht, du gute Seele! Meiner zweyten Schwester gönnt man dich. Wenn ich mich in stiller Klause quäle, Ach! in ihren Armen denk’ an mich,

75

Die an dich nur denkt,

Die sich liebend kränkt; In die Erde bald verbirgt sie sich.

[224] Nein! bei dieser Flamme sey’s geschworen, Gütig zeigt sie Hymen uns voraus;

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Bist der Freude nicht und mir verloren,

Kommst mit mir in meines Vaters Haus. Liebchen, bleibe hier! Feyre gleich mit mir Unerwartet unsern Hochzeitschmaus.

85

Und schon wechseln sie der Treue Zeichen;

Golden reicht sie ihm die Kette dar, Und er will ihr eine Schale reichen, Silbern, künstlich, wie nicht eine war. Die ist nicht für mich;

90

Doch, ich bitte dich,

Eine Locke gib von deinem Haar.

Eben schlug die dumpfe Geisterstunde Und nun schien es ihr erst wohl zu seyn. Gierig schlürfte sie mit blassem Munde

95

Nun den dunkel blutgefärbten Wein;

Doch vom Weizenbrot, Das er freundlich bot, Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

Und dem Jüngling reichte sie die Schale,

100

Der, wie sie, nun hastig lüstern trank.

Liebe fordert er bei’m stillen Mahle; Ach, sein armes Herz war liebekrank. Doch sie widersteht, Wie er immer fleht,

105

Bis er weinend auf das Bette sank.

[225] Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder: Ach, wie ungern seh’ ich dich gequält! Aber, ach! berührst du meine Glider, Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.

110

Wie der Schnee so weiß,

Aber kalt wie Eis, Ist das Liebchen, das du dir erwählt.

Heftig faßt er sie mit starken Armen Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:

115

Hoffe doch bei mir noch zu erwarmen,

Wär’st du selbst mir aus dem Grab gesandt! Wechselhauch und Kuß! Liebesüberfluß! Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?

120

Liebe schließet fester sie zusammen,

Thränen mischen sich in ihre Lust; Gierig saugt sie seines Mundes Flammen, Eins ist nur im Andern sich bewußt. Seine Liebeswuth

125

Wärmt ihr starres Blut,

Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.

Unterdessen schleichet auf dem Gange, Häuslich spät die Mutter noch vorbei, Horchet an der Thür und horchet lange,

130

Welch ein sonderbarer Ton es sey.

Klag- und Wonnelaut Bräutigams und Braut, Und des Liebestammelns Raserey.

[226] Unbeweglich bleibt sie an der Thüre,

135

Weil sie erst sich überzeugen muß,

Und sie hört die höchsten Liebesschwüre, Lieb’ und Schmeichelworte, mit Verdruß – Still! der Hahn erwacht! – Aber morgen Nacht

140

Bist du wieder da? – und Kuß auf Kuß.

Länger hält die Mutter nicht das Zürnen, Oeffnet das bekannte Schloß geschwind: – Gibt es hier im Hause solche Dirnen, Die dem Fremden gleich zu Willen sind? –

145

So zur Thür hinein.

Bei der Lampe Schein Sieht sie – Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

Und der Jüngling will im ersten Schrecken Mit des Mädchens eignem Schleierflor,

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Mit dem Teppich die Geliebte decken;

Doch sie windet gleich sich selbst hervor. Wie mit Geist’s Gewalt Hebet die Gestalt Lang’ und langsam sich im Bett’ empor.

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Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte:

So mißgönnt ihr mir die schöne Nacht! Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte. Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht? Ist’s euch nicht genug,

160

Daß in’s Leichentuch,

Daß ihr früh mich in das Grab gebracht?

[227] Aber aus der schwerbedeckten Enge Treibet mich ein eigenes Gericht. Eurer Priester summende Gesänge

165

Und ihr Segen haben kein Gewicht;

Salz und Wasser kühlt Nicht, wo Jugend fühlt; Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht.

Dieser Jüngling war mir erst versprochen,

170

Als noch Venus heitrer Tempel stand.

Mutter, habt ihr doch das Wort gebrochen, Weil ein fremd, ein falsch Gelübd’ euch band! Doch kein Gott erhört, Wenn die Mutter schwört,

175

Zu versagen ihrer Tochter Hand.

Aus dem Grabe werd’ ich ausgetrieben, Noch zu suchen das vermißte Gut, Noch den schon verlornen Mann zu lieben Und zu saugen seines Herzens Blut.

180

Ist’s um den geschehn,

Muß nach andern gehn, Und das junge Volk erliegt der Wuth.

Schöner Jüngling! kannst nicht länger leben; Du versiechest nun an diesem Ort.

185

Meine Kette hab’ ich dir gegeben;

Deine Locke nehm’ ich mit mir fort. Sieh’ sie an genau! Morgen bist du grau, Und nur braun erscheinst du wieder dort.

190

[228] Höre, Mutter, nun die letzte Bitte:

Einen Scheiterhaufen schichte du; Oeffne meine bange kleine Hütte, Bring’ in Flammen Liebende zur Ruh! Wenn der Funke sprüht,

195

Wenn die Asche glüht,

Eilen wir den alten Göttern zu.