Die Engelskirche auf Anatolikon

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Autor: Gustav Schwab
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Titel: Die Engelskirche auf Anatolikon
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aus: Gedichte. 1. Band, S. 242–245
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Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
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[242]

Die Engelskirche auf Anatolikon [1].


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Es lacht ein Eiland    Mit Feigenbäumen,
Mit Rosenlauben,    Mit Rebenranken,
Wie sonst es schaffen    Nur die Gedanken,
Wie man’s nur schauet    In Morgenträumen.

5
Es regt ein Volk sich    Auf seinen Hügeln,

Das spricht die Sprache,    Die alte, traute,
Die zu uns redet    Mit Geisterlaute;
Und Freiheit deckt es    Mit jungen Flügeln.

Es wohnt im Schutze    Der heil’gen Engel,

10
Den Cherubinen    Ist es vertrauet,

Von Marmor stehet    Ihr Haus gebauet,
Im weißen Kleide,    Rein, ohne Mängel.

Wohnt auch die Trauer    In solchem Lande?
Warum verödet    Die Rosenlauben?

15
Warum kein Liedchen    Bei’m Saft der Trauben?

Kein Tausch der Waaren    Am regen Strande?

[243]
Das macht, es wimmelt    Dort auf den Wassern,

Und birgt sich hinter    Den Felsenriffen:
Ein Heer von Masten,    Von fremden Schiffen,

20
Ein grimmig Heer ist’s    Von Christenhassern!


Du Griechenvölkchen,    Willst du verzagen?
Das Schwert der Väter,    Hast’s nicht geschwungen?
Hast mit der Freiheit    Nicht Muth errungen? –
„Muth g’nug und Schwerter    Sie zu erschlagen!“

25
„Doch sind’s zu viele!“ –    Hast du nicht Mauern?

Hast du nicht Schanzen,    Dich klug zu decken? –
„Ja, Thürm’ und Wände,    Der Feinde Schrecken,
Die zehn Geschlechter    Wohl überdauern!“ –

Und blüh’n nicht Früchte    Dir g’nug dahinter?

30
Kornähren, Feigen,    Und Oel die Menge? –

„Mir naht kein Hunger,    Der mich bedränge:
Mich nährt der Sommer,    Nie folgt ein Winter.“

„Nur eins vergaß mir    Natur zu spenden:
Kein Quell mir sprudelt    Aus ihren Brüsten;

35
Sonst kauft’ ich Wasser    An fernen Küsten,

Jetzt wehrt der Feind mir    An allen Enden!“

„Umsonst des Blutes    Hab’ ich vergossen,
In’s Herz des Feindes    Das Blei gesendet!
Die Kraft versieget,    das Leben endet!

40
Er schickt den Durst mir,    Den Bundsgenossen!“


[244]
Da will das Auge    Sich traurig senken. –

Doch sieh! Die Menge,    Die gläub’ge, wallet
Zum Haus der Engel,    Und Flehen schallet:
„O Gott im Himmel,    Du kannst uns tränken!“

45
„Machst deinen Engel    Zu Wind und Wolke,

Machst deine Diener    Zu Feuerflammen:
Da krachen Schiffe    Zermalmt zusammen,
Da stürzt der Dränger    Vor deinem Volke!“

„Heut nach der Erde    Geheimster Ader

50
Laß deine Geister,    Die treuen, spüren;

Wenn erst die Quellen    Sich um uns rühren,
So zwingt uns nimmer    Des Feinds Geschwader!“

„Erhör’ uns, Retter!“    So tönt’s von Allen.
Hat er vernommen    Die fleh’nde Stimme?

55
Warum nicht wehrt er    Des Feindes Grimme?

Die Schlünde donnern,    Die Kugeln fallen.

Und eine flieget    Mit Sturms Gefieder,
Reißt durch des Tempels    Gewölbte Decken,
Des Volkes Flehen    Verstummt in Schrecken,

60
In seine Mitte    Fährt sie hernieder.


Schlägt in den Boden,    Wühlt in dem Grunde,
Sie gräbt so gierig    In seinen Ritzen;
Da hört ihr’s sprudeln,    Da seht ihr’s spritzen: –
Da quillt ein Brunnen    Tief aus dem Schlunde.

[245]
65
Erzengel Gottes    Sey hoch willkommen!

Du fährst als Donner    Aus glüh’nden Blechen;
Springst aus den Tiefen    In Wasserbächen,
Wenn’s gilt zu retten    Das Volk der Frommen!

Da schöpfet Jeder    Vom heil’gen Quelle,

70
Durch alle Glieder    Dringt Engelsstärke,

Sie schreiten fürder    Zum großen Werke,
Fort aus dem Tempel,    Hin auf die Wälle.

Dreitausend Kugeln    Schickt aus den Schlünden
Zur heil’gen Insel    Der Feind vergebens,

75
Sie all’ erlöschen,    Im Strom des Lebens:

So muß die Freiheit    Sich ewig gründen.


  1. Kleine Inselstadt am Eingange des lepantischen Meerbusens, an Reiz der Lage Venedig vergleichbar. – Die Begebenheit berichtet uns die Allgemeine Zeitung vom 25sten Februar 1824.