Die Fliege (Gellert)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Christian Fürchtegott Gellert
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Fliege
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Zweytes Buch. S. 140-141
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[140]
Die Fliege.


Daß alle Thiere denken können,
Dieß scheint mir ausgemacht zu seyn.
Ein Mann, den auch die Kinder witzig nennen,
Aesopus hats gesagt, Fontaine stimmt mit ein.

5
Wer wird auch so mißgünstig seyn,

Und Thieren nicht dieß kleine Glücke gönnen,
Aus dem die Welt so wenig macht?
Denk oder denke nicht, darauf giebt niemand acht.

 ----

     In einem Tempel voller Pracht,

10
Aus dem die Kunst mit ewgem Stolze blickte,

Dich schnell zum Beyfall zwang, und gleich dafür entzückte,
Und wenn sie dich durch Schmuck bestürzt gemacht,
Mit edler Einfalt schon dich wieder zu dir brachte;
In diesem Bau voll Ordnung und voll Pracht

15
Saß eine finstre Flieg auf einem Stein und dachte.

Denn daß die Fliegen stets aus finstern Augen sehn,
Und oft den Kopf mit einem Beine halten,
Und oft die flache Stirne falten,
Kömmt bloß daher, weil sie so viel verstehn,

20
Und auf den Grund der Sachen gehn.

So saß auch hier die weise Fliege.
Ein halbes Dutzend ernste Züge
Verfinsterten ihr Angesicht.
Sie denkt tiefsinnig nach und spricht:

25
Woher ist dieß Gebäud entstanden?

Ist außer ihm wohl iemand noch vorhanden,

[141]
Der es gemacht? Ich sehs nicht ein.

Wer sollte dieser Jemand seyn?
Die Kunst, sprach die bejahrte Spinne,

30
Hat diesen Tempel aufgebaut.

Wohin auch nur dein blödes Auge schaut,
Wird es Gesetz und Ordnung inne,
Und dieß beweist, daß ihn die Kunst gebaut.
Hier lachte meine Fliege laut.

35
Die Kunst? sprach sie ganz hönisch zu der Spinne.

Was ist die Kunst? Ich sinn und sinne,
Und sehe nichts, als ein Gedicht.
Was ist sie denn? Durch wen ist sie vorhanden?
Nein, dieses Mährchen glaub ich nicht.

40
Lern es von mir, wie dieser Bau entstanden:

Es kamen einst von ungefehr
Viel Steinchen einer Art hieher,
Und fiengen an, zusammen sich zu schicken.
Daraus entstand der große hohle Stein,

45
In welchem wir uns beid erblicken.

Kann was begreiflicher als diese Meinung seyn?

 ----

     Der Fliege können wir ein solch System vergeben:
Allein daß große Geister leben,
Die einer ordnungsvollen Welt

50
Ein Ungefehr zum Ursprung geben,

Und lieber zufallsweise leben,
Als einen Gott zum Thron erheben,
Das kann man ihnen nicht vergeben,
Wenn man sie nicht für Narren hält.