Die Frankfurter Jugendwehr

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Titel: Die Frankfurter Jugendwehr
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[628]
Die Frankfurter Jugendwehr.

Regt sich’s in Deutschland aller Orten.
Und weht ein frischer Geist durch’s Land.
So öffnet willig Eure Pforten.
Daß Ihr den Geist nicht wieder bannt!

Schaut auf, es leuchten Aller Augen.
In Aller Augen wird es hell,
Und Alles eilet einzufangen
Den lichten frischen Lebensquell.

Wir wissen längst schon, was wir wollen
Und was uns fehlt zu dieser Stund’;
Doch jetzo wird uns, was wir sollen,
Und was wir müssen, endlich kund.

Auf, greift zur Waffe, macht Euch fertig,
Gerüstet seiet, Alt und Jung,
Und steht, des Schlachtenrufs gewärtig,
In eiserner Vereinigung.

Wo in deutschen Landen lebte nicht heutzutage die Sehnsucht, das Bild von dem großen im Innern geeinten, nach außen mächtigen Vaterlande verwirklicht zu sehen? Wo lebte nicht das Bewußtsein, daß zur Erreichung dieses Zieles nicht ebene, glatte Pfade, sondern beschwerliche und gefährliche Wege führen, daß dieses hohe Gut uns nicht im Schlafe bescheert werde, sondern unter schweren, schweren Kämpfen von uns erobert werden müsse? Aber wenn wir das wissen, da gilt es auch jetzt schon, die Hände nicht müßig in den Schooß zu legen, sondern sich vorzubereiten für die kommenden Tage des Kampfes und der Gefahr. Das deutsche Volk ist sich auch dieser Pflicht, dieser Nothwendigkeit bewußt, und die Turn- oder Schützenvereine thun das Ihre, die heranwachsende und herangewachsene Jugend kampfbereit und tüchtig zu machen.

Auch der zu Frankfurt a. M. neugegründete Jugendwehrverein verfolgt zum großen Theil den gleichen Zweck. Dort ist es nicht nothwendig, daß die Bürgersöhne selber ihrer Wehrpflicht genügen; man pflegt das nöthige Bundescontingent durch Söldlinge zu bilden, und es kann deshalb die Aufgabe der dortigen Jugendwehr nicht sein, durch frühe militärische [629] Ausbildung der Jugend eine Verkürzung der Dienstzeit zu ermöglichen, wie das z. B. in Würtemberg der Fall ist. In Frankfurt hat man, neben dem hochanzuschlagenden pädagogischen Einfluß solcher Uebungen und solcher militärischen Ausbildung und Gewöhnung, hauptsächlich das oben angedeutete Ziel im Auge gehabt, und wenn Frankfurt nur eine einzelne Stadt ist und ein gar kleiner Staat in Deutschland, so hat man Angesichts des politischen Lage Deutschlands und der politischen Bildung der heutigen Tage


Die Gartenlaube (1863) b 629.jpg

Frankfurter Jugendwehr.
Nach einer Photographie aufgenommen.

doch gehofft, daß es nur dieses Beispieles und dieses praktischen Beweises, was sich auf solchem Wege wirken läßt, bedürfe, um allerorts in deutschen Landen ähnliche Institute erstehen zu sehen. Ferner ist die Ansicht heutzutage keine vereinzelte mehr, daß zu den zu erstrebenden Neuerungen in erster Linie die Ersetzung der stehenden Heere durch Volksheere gehören müsse. Auch für Erreichung dieses Zieles glaubten die Gründer der Jugendwehr mit dieser Gründung den Weg betreten und angebahnt zu haben, wenn anders die oben ausgesprochene Hoffnung sich erfüllt.

Solche Ansichten und Wünsche hatten schon lange in einigen Männern den Gedanken reifen lassen, der Jugend Frankfurts durch Errichtung einer Jugendwehr ein Geschenk zu machen, wie ihr nicht leicht ein schöneres und nützlicheres werden konnte. Die Männer, welche außerdem von Liebe zur Jugend erfüllt waren und das Wesen und das Gemüth der Knaben verstehen gelernt hatten, glaubten für ihre Pläne mit dem Schützenfest den günstigen Moment gekommen und gingen an’s Werk, den Boden zu bereiten. Zu diesem Zweck allein veranlaßte einer dieser Männer die Verwendung der Schuljugend als Führer für die fremden Schützen. Man hatte hierzu ein Corps von circa 500 Knaben gebildet, zu welchem jede Schule in Folge Einladung an die Directoren eine ziemlich gleiche Anzahl stellte, und das durch jenen Mann, der als Turnwart des hiesigen Turnvereins und Leiter des Knabenturnens in demselben die nöthige Befähigung hierzu gewonnen hatte, militärisch abgetheilt und geordnet und binnen 5 Abenden in den nothwendigsten Bewegungen so weit eingeschult wurde, daß die Mannschaft sowohl für den angeführten Zweck leicht verwendbar war, als auch in ihrer Gesammterscheinung und dem disciplinirten und geordneten Auftreten der aus allen Ständen und Schulen zusammengewürfelten Knabenschaar einen vortheilhaften Eindruck machte auf Fremde und Einheimische. In Manchem ist damals der Wunsch rege geworden, eine solche Erscheinung keine vorübergehende sein zu lassen, und Manchem ist wohl eine Ahnung aufgegangen, was sich mit und aus dem kleinen Volke schaffen lasse. – Da so der Boden gelockert war [630] und das Schützenfest noch mehr patriotische Begeisterung in die Herzen gesenkt hatte, so konnte jener Führer der fünfhundert an die Ausführung des eigentlichen Planes Hand anlegen.

Er rief eine kleine Anzahl von Männern zusammen, von deren Gesinnungstüchtigkeit und Liebe für die Jugend er überzeugt war, und trug diesen seinen Plan für militärische Ausbildung der Jugend vor. Unter allgemeiner Zustimmung beschloß man, einer größeren Vorversammlung, zu welcher namentlich auch die Schulvorsteher eingeladen werden sollten, den Plan vorzulegen, nachdem jedoch von einer Commission eine detaillirte Ausarbeitung, Grundzüge zu Statuten u. s. w. berathen seien. Diese zweite ausgedehntere Vorversammlung, welche in überwiegender Anzahl von Lehrern, außerdem auch unter andern von verschiedenen Mitgliedern des gesetzgebenden Körpers besucht war, sprach sich darauf einstimmig für Errichtung einer Jugendwehr aus und stellte auf Grund der von der Commission gemachten Vorlagen einen Statutenentwurf auf. Im Januar dieses Jahres fand dann in einer zu diesem Zwecke berufenen öffentlichen Versammlung die Gründung eines Vereins statt, der sich die Errichtung und Leitung einer Jugendwehr zur Aufgabe setzte. Dieser Verein stellte dann außer den Vereinssatzungen noch ein Statut für die Organisation und Formation der Jugendwehr selbst auf. Nach diesem soll die Aufnahme in der Regel nicht vor dem zurückgelegten zwölften Lebensjahre stattfinden und, außer von der körperlichen Tauglichkeit, für die Zöglinge der dortigen Schulanstalten von dem Fleiß und guten Betragen in der Schule (worüber Zeugniß verlangt wird) abhängig sein; die Zeit für die Waffenübungen soll das Sommerhalbjahr sein und für den Winter theoretischer Unterricht in Aussicht genommen werden; die Ausrüstung der Mannschaft soll bestehen aus einem nach Vorschrift gefertigten dunkelgrauen (Cassenet-) Kittel, einem Paar Hosen von Turnerzwilch (welche man aber jetzt durch Tuchhosen zu ersetzen beabsichtigt), Gamaschen, einer Mütze mit geradem Schilde, Gürtel mit Schnalle, an welchem Patrontasche, Bajonnetscheide und Pistontäschchen getragen werden, sowie endlich Muskete mit glattem Rohr und Bajonnet. Die Waffen können von dem Verein, so weit dessen Mittel reichen, auch entliehen werden.

Der Verein hatte sich rasch auf 500 Mitglieder vergrößert, und sein Vorstand war eifrig bemüht, alle nöthigen Vorbereitungen zu treffen, so daß mit dem Beginne des Sommerhalbjahres die Jugendwehr selbst in’s Leben treten und der Unterricht beginnen konnte. Dieser war denn auch vom besten Erfolg und ein recht erfreulicher Fortgang in der Ausbildung bald bemerklich. Die Methode, nicht soldatisch und schulmeisterlich zu drillen, sondern den Kleinen Lust und Liebe zu schaffen und durch fortwährendes Vorführen neuer Uebungen und Uebungsformen ihnen den Sinn munter zu erhalten und nur nach und nach zu feilen und zu bessern, hat sich vorzüglich bewährt, und es hat unter der Aufsicht der für das Institut begeisterten Exercircommission und an der Hand zweier tüchtigen Instructoren das kleine Corps rasch die Soldaten-, die Compagnie- und Bataillonsschule, sowie das Tiraillement eingeübt und so in einer Uebungszeit von wöchentlich zweimal zwei Stunden ein Uebungsfeld bewältigt, wozu Soldaten bei voller Ausnützung aller Zeit wohl ein Jahr zu brauchen pflegen. Von großem Förderniß war hierbei, daß einige schon als Zöglinge des hiesigen Turnvereins eine Vorschule genossen hatten und so den Instructoren alsbald helfend zur Seite stehen und auch wohl Unterofficiersdienste versehen konnten. Auch standen gleich für die ersten Einübungen dem Vereine Waffen zu Gebote; denn Angesichts der vorher nöthigen Verhandlungen mit den Fabrikanten und auch der zeitraubenden Fabrikation der bestellten Gewehre war die Gelegenheit benutzt worden, eine den Verhältnissen entsprechende Anzahl von percussionirten Karabinern (à 2 fl.) anzuschaffen.

Allwöchentlich sehen wir jetzt Mittwochs und Samstags um ½6 Uhr (bis vor Kurzem um 6 Uhr) das kleine 100 bis 120 Mann starke Corps der Jugendwehr hinaus auf ihren Exercirplatz rücken, voran die Tamboure und Hornisten, welche schon vorzüglich eingeschult sind. Draußen angelangt geht es alsbald an die Arbeit, und mit Ernst und Freudigkeit, mit Eifer und größter Ordnung sucht Jeder das Verlangte zu leisten und das Gelehrte sich zu eigen zu machen. Eine kurze Pause zur Erholung wird in der Mitte der Uebungszeit gegönnt, und um ½8 Uhr wird der Rückmarsch in die Stadt angetreten. Da ist es denn eine Lust, die rüstige Schaar ihre Marsch- und Soldaten-, ihre Jugend- und Vaterlandslieder kräftig und lebendig in den Abend hinaus schmettern zu hören; das Horn oder die Trommel oder das Piccolo begleitet sie auch wohl, und fröhliches Geplauder wechselt mit dem Gesang, bis kurz vor der Stadt ein Trommelwirbel beides unterbricht.

Entlassen zerstreut sich dann anständig und ruhig die muntere Schaar, mit elastischem Schritt nach Hause eilend, um dort vor allen Dingen die Waffe zu putzen und in Sicherheit zu bringen. Von Zeit zu Zeit auch wird ein Theil, welcher jedoch die besondere Erlaubniß der Eltern hierzu nöthig hat, im Scheibenschießen unterwiesen, und auch hier haben sich überraschende Resultate ergeben.

Bei Gelegenheit des diesjährigen Schweizer Schützenfestes, da bei Olten zu Ehren der durchziehenden Deutschen ein Cadetten-Manöver abgehalten wurde, fühlten sich die Leiter der Jugendwehr veranlaßt, eine kleine Abtheilung dorthin zu senden, damit diese und ihr Führer den praktischen Felddienst und zugleich den gerühmten Geist des dortigen Cadettenwesens in unmittelbarer Beobachtung kennen lernten, und das Gelernte dann in der Heimath verwerthen mochten. Es haben die Blätter von dieser Schweizer Fahrt mehrfach berichtet, und es kann deshalb hier von einer eingehenden Erzählung abgesehen werden; nur möge auch an dieser Stelle der zuvorkommenden Freundschaft gedacht sein, mit welcher die Schweizer, die Militärs und Lehrer in vorderer Reihe, allerorts die kleine Schaar aufnamen, und auch der allgemeinen Anerkennung, welche sowohl die praktische und geschmackvolle Ausrüstung, wie auch die Leistungen und die Leistungsfähigkeit der Frankfurter dort erfuhren. Prof. Vischer in Zürich, unser bekannter Aesthetiker, äußerte namentlich seine Freude über die erstere Wahrnehmung, und die Güte der Waffen hat in Arau sogar Veranlassung gegeben, eine Partie von füfzig Musketen bei dem gleichen Fabrikanten[1] zu bestellen. – Der Tag der Rückkehr aber war ein Festtag für die gesammte Jugendwehr, welche mit den bewaffneten Turnern ihre heimkehrenden Cameraden unter Betheiligung einer gewaltigen Menschenmenge auf das Feierlichste einholte; denen aber, welche Theilnehmer dieses Schweizerzuges waren, wird derselbe unvergeßlich als wundervoller Lichtpunkt im Gedächtnisse fortleben.

Das erste Uebungshalbjahr geht jetzt seinem Ende zu, und es läßt sich nun schon über Erfolge und über die Einwirkung auf die jugendlichen Mitglieder der Wehr ein Urtheil fällen. Die Ausbildung ist bereits schon so weit gediehen, daß es möglich war, ein Exercitium im Feld, ein kleines Manöver, abzuhalten, und daß ältere Officiere das günstigste Urtheil über die Leistungen der jungen Mannschaft abgegeben haben. Die Einwirkung aber, welche diese militärischen Uebungen und alles, was damit zusammenhängt, in erziehlicher Hinsicht ausüben, sind äußerst vortheilhaft. Es ist schon jetzt unverkennbar, wie ein gewisser Ernst die Knaben anhaucht, ohne ihnen ihre kindliche Fröhlichkeit zu rauben, wie ein edles Selbstgefühl und Bewußtsein ohne jegliche Eitelkeit sie erfaßt, wie ein Geist der Zucht und Ordnung, ein Geist der Verträglichkeit und gegenseitigen Werthschätzung bei den aus allen Ständen und Lebenskreisen zusammengeschaarten Knaben seine Herrschaft übt. Es ist natürlich, daß dieser Geist sich auch auf das Leben in der Schule überträgt und so die Schule durch ein solches Institut nur eine Stütze und einen Helfer gewinnt.

Wir können nicht schließen, ohne den tiefgefühlten Wunsch auszusprechen, daß auch anderorts[2] die Jugend und die Bevölkerung die Segnungen genießen möge, welche ein solches Institut im Gefolge hat, und wollen den Aengstlichen noch das eine Wort zurufen: Seid alle Krieger, dann habt Ihr Frieden![3]


  1. W. H. Spangenberg in Suhl.
  2. Mit Vergnügen können wir berichten, daß schon von mehreren Seiten, von Hamburg, München, Leipzig und Halberstadt der hiesige Jugendwehrverein um Auskunft angegangen wurde, und wir fügen hinzu, daß derselbe mit Vergnügen jederzeit jede gewünschte Auskunft ertheilen wird. Der Präsidirende des Vereins ist Herr Dr. jur. Sauerländer.
  3. Beim Lesen dieser zeitgemäßen Anregung können wir doch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Leiter und Instructeure derartiger Institute vor Allem darauf sehen mögen, daß die an sich gute Idee nicht in eine Soldatenspielerei mit obligater eitler Lieutenantsstellenjagd ausarte. Am wenigsten aber dürfen die jungen Burschen von dem Turnen zurückgehalten werden.
    D. Red.