Im Damenzimmer

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Louise Ernesti
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Im Damenzimmer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[625]
Im Damenzimmer.
Skizze von Louise Ernesti.
1.

Eines der traurigsten Gefühle des Menschenherzens ist, wenn es sich losreißen soll und muß von der Stätte, wo sein Glück geblüht, sein Glück zurückbleibt. Gleich tief mag ein Jeder das empfinden, und doch – wie verschieden wird’s ertragen! Der Eine nimmt’s hin, still und ergeben, der Andere giebt seinen Jammer durch laute Klagen kund; Dieser findet Trost in dem Gedanken, daß es eben ein unabwendbares Geschick ist, vielleicht so besser, als anders sei, Jener wiederum sträubt sich gegen das an ihn herantretende Weh bis zur letzten Secunde, bangt, hofft, verzweifelt und sucht – trotzdem kein Entrinnen möglich – unablässig einen Ausweg im Labyrinthe seines Elends!

Wie ertrug die Frau, die wir vor uns sehen, jenes Schicksal? Daß sie nicht zu den sanften geduldigen Charakteren gehörte, zeigte der flüchtigste Blick auf ihre Erscheinung, die ungeachtet der leidenschaftlichen Aufregung, welche ihr ganzes Wesen verrieth, wunderbar schön, außerordentlich anziehend und fesselnd war. Zum herrlichsten Modell einer Niobe hätte sie dienen können, wenn sie still, tief in ihren Schmerz versenkt dastand; einer wilden Rachegöttin aber wurde sie ähnlich, flammte das dunkle Auge hell auf und flogen über die feinen Linien des Gesichts die finstern Schatten böser Leidenschaften. Nie würde man in solchen Momenten für möglich erachtet haben, daß jene funkelnden Augen einst ruhig, mild wie Sterne geleuchtet, diese von Zorn, Haß, ohnmächtiger Wuth entstellten Züge, vormals das reinste Glück, die höchste Seligkeit verkündet.

Sowie es von Zeit zu Zeit licht aufblitzte in den nachtschwarzen Augen, so durchblitzten auch fort und fort neue Ideen das Hirn jener Frau, die sich schon Tage lang mit Plänen und Entwürfen gemartert; wie diese bebenden Lippen, so zuckte auch immer und immer wieder krampfhaft das Herz, wenn der Rest von Vernunft oder kurze Ueberlegung das mühsam Ersonnene als Trugbild einer glühenden, aufgeregten Phantasie erkannt und verworfen. Kein Ausweg! – keiner!

„Fort! fort!“ so stieß die Unglückliche nach jeder neuen bittern Erkenntniß laut, fast schreiend, dieses eine für sie so inhaltschwere Wort aus; aber kaum daß sie sich erhoben, nur wenige Schritte gegen die Thüre gemacht, da taumelte sie mit dem leisen Wehruf: „ich kann nicht! – kann nicht!“ nach dem Divan zurück.

Es mochten wohl schöne goldene Bilder einer vergangenen Zeit sein, die jetzt an ihrer Seele vorüber zogen, denn ein strahlender Ausdruck von Glück kam plötzlich über sie, und träumend schloß sie die Augen, daß sie den Mann nicht sahen, der unbemerkt, eine hohe ernste Gestalt, in das Zimmer getreten war. Da schaute sie auf, und ihr Blick traf ihn. Um wie viel heller leuchtete nun ihr tiefes Auge, welch wunderbarer Schein von Licht und Glanz überstrahlte jetzt erst ihre beweglichen Züge. „Du hier! – Du – zu mir gekommen!“ rief sie aufjubelnd und stürzte der Thür entgegen, an der die stolze, so schöne Erscheinung noch, ohne ein Wort zu sagen, weilte. Kraftlos sanken ihre ausgebreiteten Arme nieder, als er ruhig um einige Schritte zur Seite trat und kalt, strenge sagte:

„Der Wagen wartet jetzt drei Stunden, Gräfin, es ist die höchste Zeit, daß Sie reisen – endlich endlich dieses Haus verlassen!“

Diese Worte, die einzigen von den Lippen, die einst tausend Worte der Liebe gesprochen; diese Worte, von kurzem eisigem Blick aus Augen begleitet, die einst lang, tief voller Zärtlichkeit an ihren Zügen gehangen. – Armes Weib, das erleben zu müssen! – beklagenswerthes Weib, diesen Wechsel Dir selbst bereithet zu haben!

Vernichtet stand sie da und schaute starren Blicks auf die leere Stelle, wo er noch eben geweilt. Vielleicht würde sie das Ganze als Vision betrachtet haben, wenn sie nicht bald neuen Beweis für die furchtbare Thatsache erhalten hätte.

Ueber die Schwelle des Zimmers glitt wenige Minuten, nachdem der Mann gegangen, eine ältere Dame mit milden, sanften, wenn auch kummervollen Zügen. Sie näherte sich der regungslos Dastehenden und freundlich ihren Arm um die Unglückliche schlingend, sagte sie liebevoll: „Arme, arme Natalie!“

„Was willst Du, Clara?“ entgegnete die Frau heftig und entwand sich dem Arme, „willst Du Dich an den Früchten Deiner Thaten erfreuen, an meinem Jammer weiden? oder,“ fügte sie bitter hinzu „kommst Du auch, mich zu mahnen, daß die Pferde ungeduldig sind, das Opfer Deiner Ränke zu entführen und Dir freien Spielraum zu lassen?“

„Liebe Natalie, Nichts von dem Allen! ich kam einzig, Dich anzuflehen, zu reisen – da Dein Bleiben Alles verschlimmert. O geh, Natalie, und ich schwöre es Dir zu, bei meiner Seele Seligkeit, Du wirst’s nicht bereuen, Dich jetzt seinem Willen gefügt zu haben. Was von meiner Seite geschehen kann, Dich bald, so bald wie möglich hierher zurückzubringen, es wird geschehn. Glaube, vertraue mir.“

Ein höhnisches Lachen war die Antwort; dringender fuhr die Andere fort:

„Natalie, verscherze nicht Dein ganzes Glück! Noch einmal: reise, reise! Reize ihn, den Du so furchtbar beleidigt hast, nicht zum Aeußersten.“

[626] „Sparen Sie Ihre Worte, Comtesse Clara, ich bleibe – ich reise nicht.“

„So helf Dir Gott!“

„Ja, mag er mir helfen, ein Herz wieder zu erringen, das Du mir völlig entfremdet – geh, Scheinheilige.“

„Ich habe Dir noch diesen Brief zu übergeben, er ist von Rudolf.“

Der Brief wurde heftig aus der Hand gerissen, das Abschiedswort nicht beachtet, und als die Andere das Zimmer verließ, entfaltete Jene hastig das Schreiben, dessen Inhalt lautete:

„Für den Fall die Prophezeiung meiner Schwester sich erfüllt, Sie trotz meines entschieden erklärten Willens und Ihres mir gestern gegebenen Wortes heute dennoch nicht zu Ihrer Mutter reisen – diese Zeilen! – Mag der kurze Inhalt des Briefes Sie an das lange Leid mahnen, das Sie mir bereitet, an die lange Geduld, die ich mit Ihnen gehabt und welche nun endlich ihr Ende erreicht hat.

Als vor ungefähr vier Jahren Miß Ellen Wood zu unserer ältesten Tochter als Bonne kam, nannten Sie dies junge Mädchen einen Engel, behandelten sie während der ersten Monate wie eine Schwester. Ich bat Sie zu verschiedenen Malen die Grenze inne zu halten, die zwischen Ihnen und jener jungen Engländerin bestehen sollte. Sie scherzten über meinen Stolz, Sie nannten mich sogar hochmüthig und ahmten in liebenswürdiger Neckerei die Mienen des „Weiberfeinds und Tyrannen“ nach, ja Sie versicherten, Miß Ellen, das sechzehnjährige Kind, fürchte sich fast zu Tode vor meinem Ernste, meiner Strenge und starren Unbeugsamkeit. Plötzlich, ohne allen Grund, beschuldigten Sie Ihren bisherigen Liebling der Koketterie, der Gefallsucht, tadelten die Wahl ihrer Kleidung, spotteten über ihre unpassende Haartracht und – beleidigten das arme erschrockene Geschöpf täglich – stündlich durch die liebloseste, ungerechteste Behandlung. Ich schwieg dazu, indem ich hoffte, Miß Ellen würde ihr Ehrgefühl von dannen treiben; leider war sie Waise, gänzlich unbemittelt und – wie Sie mir einst selbst erzählt – von harten Verwandten roh behandelt und scheute auch, so schnell aus ihrer ersten Stellung zu treten. Am Geburtstage unseres Töchterchens – dem siebenten Jahrestage unserer Ehe – da, Gräfin, verlangten Sie unter Thränen von mir, ich solle Miß Wood aus dem Hause jagen, weil sie gewagt, heimlich mein Bild zu zeichnen und es unserm Kinde zu schenken. Vergeblich warf ich ein, daß sie ja auch Ihr Bild gemalt, vergeblich bat ich Sie, uns nicht lächerlich zu machen, und verweigerte entschieden, ein junges schutzloses Mädchen auf so ehrlose Weise zu entlassen.

Wie Sie jene Weigerung und meine Worte auslegten – Wissen Sie! – Ebenso wenig, wie ich aber jene furchtbare Stunde vergessen, wo ich die erste entsetzliche Entdeckung Ihres Verdachtes, dieses so unwürdigen, unbegründeten Verdachtes machte, wo ich einsah, Ihr Vertrauen verloren zu haben – ebenso wenig werde ich je die Erinnerung an die Schmach verbannen können, mit der Sie wenige Wochen später mich – den völlig Schuldlosen, überhäuften. Haben Sie diesen schrecklichsten aller Tage vergessen? Wie ich eines Morgens arglos in die Bibliothek trat und dort Miß Ellen Wood fand, die ein Buch suchte, und wie Sie, ehe wir noch eine Sylbe zusammen geredet, kaum uns begrüßt hatten, wie eine Furie in den Saal stürzten und unter Thränen behaupteten, diese zufällige Begegnung sei eine verabredete Zusammenkunft, eine Zusammenkunft, die bereits Stunden gewährt! Erinnern Sie sich?

Ich schweige von jenem Eindruck – schweige von allen Folgen, ich mahne Sie nur an den Augenblick, als da, wo Sie in sinnloser Heftigkeit mich, Ihren Gatten, zu beschuldigen wagten, ein junges ganz unschuldiges Wesen des Schlimmsten anklagten – als da plötzlich mein Diener, jener freche Bursche Christian Grunewald, aus dem an die Bibliothek stoßenden Lesezimmer trat und versuchte, den Zeugen unserer Unschuld abzugeben, Sie – Sie die Gattin – der Treue des Gatten versicherte!

Sie schickten in richtiger Erkenntniß der Thatsache, daß mir der Anblick jenes Menschen ein furchtbarer sein würde, Christian Grunewald mit einem Geschenk von 500 Thlr. aus dem Hause. Doch haben Sie gedacht, mit seinem Fortschicken auch in mir die Erinnerung an das bannen zu können, was die Veranlassung Ihres Schrittes gewesen? – haben Sie wirklich gedacht, durch großmüthiges Geschenk die Zunge jenes Elenden zu binden?

Christian Grunewald ist jetzt wieder in unserer Nähe, vor einigen[WS 1] Tagen sprach er mich an. Sie werden ihn sicherlich auch wiedersehen, und vielleicht bringt sein Anblick Sie zur vollen Einsicht dessen, was Sie mir einst angethan! – Von mir wollte dieser Freche Geld erpressen, damit er über jenen Vorfall ferner schweige. Kommt er mit ähnlich beleidigendem Antrag einmal zu Ihnen, weisen Sie ihn zurück, wie sich’s gebührt – geben Sie sich nicht, durch gar Nichts in die Hand dieses Menschen, der trotz manches Guten ein Elender, ein Verworfener ist!

Genug davon. Ich kehre zu unserm Leben, diesem furchtbaren fernern Leben zurück, das sich durch den Umstand um Nichts besserte, daß Miß Wood in gerechter Empörung und tiefgekränkt noch in derselben Nacht unser Haus verließ, wo Sie sie so ungerecht beschuldigt. Leider hatte sie keine andere Zufluchtsstätte, als bei der Baronin F*. Daß diese Dame das junge Mädchen nicht einsperrte und sie manchmal mit in Gesellschaft nahm, in der wir sie einige Mal trafen, das gab Ihnen neuen Anlaß zur Eifersucht! Fügte ein unglücklicher Zufall solch Zusammentreffen, wie unwürdig Ihrer benahmen Sie sich da – mit welch’ unwürdigem Verdacht beleidigten Sie das Mädchen – beleidigten Sie mich! – Zwei Jahre ertrug ich dies Leben – da trieb Sehnsucht nach einigen ruhigen Wochen mich nach der Schweiz. Was konnte ich dafür, daß Miß Wood, deren Ruf Sie ja in unserer Gegend systematisch untergraben, gerade in der Zeit aus Rücksicht gegen uns von der Baronin F* aus ihrem Hause entfernt worden? – Ich hörte davon bei meiner Rückkehr zuerst, und Sie blieben bei Ihrer Annahme: Miß Wood sei mir nachgereist, und wir – –

Nein, ich kann die Schmach nicht niederschreiben, mit der Sie mich, den Mann Ihrer Wahl, den Vater Ihrer Kinder abermals überhäuften! – Furchtbarer denn je zuvor war nur nach jener Reise unser Leben. Ein Dämon beherrschte Sie – Sie entwürdigten sich täglich mehr, indem Sie zum Spion Ihres Mannes herabsanken und selbst – jeden an mich anlangenden Brief heimlich öffneten. – Ich versuchte Alles: ich verließ mit Ihnen jene Gegend, wo man uns beobachtete und Sie stets an die unschuldige Ursache Ihres Mißtrauens gemahnt wurden; – ich hoffte, der Aufenthalt auf diesem Gute, wo wir die ersten glücklichen Jahre unserer Ehe verlebt, würde besänftigend auf Sie wirken, ich ließ meine Schwester, dies sanfte, engelgleiche Wesen, kommen – Alles – Alles vergeblich – Alles – Alles nur neuer Grund zu Scenen und Auftritten! – Als meine Geduld endlich zu Ende, als der Bogen sprang, den Sie zum Zerspringen angespannt, da wollten Sie in Schmerz und Reue vergehen, da gelobten Sie Aenderung – Besserung!

Ich glaubte Ihnen, hoffte auf Ihre Liebe, und was war das Resultat meiner Nachgiebigkeit? – In der Stunde, wo ich Sie überraschte, als Sie abermals einen an mich adressirten Brief öffneten – betheuerten Sie mit heiligen Schwüren, daß es nie wieder geschehen solle – ich aber gab Ihnen einfach mein Ehrenwort, daß, wenn Sie noch einmal in den Wahnsinn der Eifersucht auf Miß Wood verfielen, Trennung zwischen uns die Folge sein würde. Der Zeitpunkt kam früher, als ich gefürchtet, Sie brachen Ihren Schwur – ich aber halte mein Wort!

Rudolf, Graf B***.“

Gräfin Natalie hatte den Brief kaum beendet, da hörte sie das Fortrollen eines Wagens. Sie stürzte aus dem Zimmer und flog durch alle Räume des Hauses, wo sie ihren Gatten, ihre Kinder zu finden wähnte – fort Alle – fort auch ihre Schwägerin!

„Einen Wagen! – meinen Wagen!“ rief sie der Dienerschaft zu.

Bis auf den Haushofmeister zogen sich Alle zurück. „Der Herr Graf,“ sagte dieser ernst, „haben verboten, Ihnen heute und morgen einen Wagen zu geben.“

Obgleich sie wußte, ihr Befehl gelte gegen den seinen nichts, so forderte sie abermals das Verbotene, und erbleichte, zitterte, als Niemand ihr Wort beachtete, Keiner sich rührte. Sie eilte hinab zu den Ställen, ergriff den Zügel ihres Rosses; aber o Schmach für diesen stolzen, eigenwilligen Charakter – man entwand ihren Fingern den Zaum, führte das Pferd bei Seite, und als sie sich ihm abermals nähern wollte, sah sie, daß einer der Jäger ein Gewehr ergriff und nach dem edlen Thiere zielte.

„Was wollt Ihr thun, Anton?“ schrie sie entsetzt.

„Der Herr Graf befahlen, das Pferd zu tödten, wenn –“

„Gut – ich verstehe! ich will’s nicht! meinetwegen soll es sein Leben nicht verlieren.“

[627] Sie ging fort in ihr Zimmer zurück; ruhiger im Aeußeren, völllg verstört im Inneren trat sie dort ein. Niemand wagte, ihr zu folgen – Mittag, Abend vergingen, ohne daß ihre Klingel irgend einen der Diener oder die Dienerinnen herbeirief. Als endlich ihre Jungfer in das Gemach trat, war die Gebieterin nicht darin, auch im ganzen Schlosse nicht zu finden. Allen Vermuthungen und Befürchtungen machte der Schäfer des Gutes durch die Aussage ein Ende: „Ich sah die Frau Gräfin heut um Mittag über die Wiesen gehen und den Weg zum Walde einschlagen.“

Dort im Forsthause wohnte die Amme des Grafen, eine einfache, fromme, verständige Frau. Bei ihr glaubte man die verlassene Gräfin am besten aufgehoben.




2.

Mitternacht war nahe, als an der Eisenbahnstation E* der Schnellzug anhielt. Nur eine tief verschleierte Dame stieg aus, welche als einzige Bagage eine kleine Reisetasche bei sich trug.

„Ist’s wirklich so, daß die Züge seit gestern verändert sind?“ fragte sie den Bahnhofswärter, der mit einer im Sturme flackernden Laterne auf sie zuschritt.

„Wohin wollen Sie?“

„Nach A**.“

„Dahin geht der nächste Zug morgen früh vier Uhr, funfzig.“

„Also doch dann erst! wie spät ist’s jetzt?“

„Einige Minuten über halb zwölf.“

„Da muß ich ja fast fünf Stunden hier bleiben.“

Sie blickte sich um, zog Mantel und Schleier fester und schritt langsam, gedankenvoll vorwärts.

„Sie wollen doch nach der Stadt? warten Sie einige Minuten, dann werde ich Sie hin begleiten. Ist sonst Niemand da, der es könnte.“

„Kann ich diese paar Stunden nicht auf dem Bahnhofe bleiben?“

„Hier? hm – gehen Sie lieber zur Stadt, der Gasthof ist nicht weit.“

„So kann ich durchaus nicht hier bleiben?“

„Ist gegen die Verordnung, der Wartesaal auch kein Aufenthalt für Sie, die Sie so allein sind. Von zwei Uhr ab ist viel Leben hier.“

„Ist nicht ein Damenzimmer da?“

„O ja; doch es ist ungeheizt, sehr kalt.“

„Kann ich dort nicht bleiben? Bitte – wenn es geht.“

Sie zog bei den Worten ein Portemonnaie hervor, händigte dem Bedenklichen einen Thaler ein, und williger sprach er jetzt: „Nun, dann kommen Sie!“

Das Zimmer war bald erreicht und der Fremden geöffnet. Es zeigte sich als ein großes, ziemlich wüstes Gemach. In der Tiefe ein Sopha mit Tisch davor, eine Reihe Stühle an den Wänden seitwärts, das Ganze nur schwach, kaum erkennbar beleuchtet durch den Schein einer etwas trübe brennenden Gasflamme, der durch die Fenster jener nach dem großen Wartesaal führenden Glasthüre fiel.

Weniger durch das ungewisse Licht, als durch eine feuchte kellerartige Luft wurde der Raum unbehaglich.

„Es ist hier in der That sehr kalt,“ sprach die Fremde zusammenschaudernd. „ So werde ich Feuer machen.“

„Ach nein, das würde zu lange dauern, und ich sehne mich nach ein wenig Ruhe.“

„Sie reisten schon lang?“

„Zwei Nächte und einen Tag. Darf ich Sie um frisches Wasser bitten? der Kopf schmerzt mich so.“

„Gleich!“

Das Gleich dauerte etwas lange; doch dafür kehrte der Mann auch mit einem Korbe voll Holz und Kohlen zurück.

„Werd’ nur Feuer machen, und schlafen Sie dann ein wenig, ich bleib’ nebenan.“

„Sie werden mich aber doch sicher benachrichtigen vor Abgang des Zuges?“

„Ganz sicher! Also nach A** reisen Sie?“

„Mit dem Zuge, der dorthin fährt.“

„Da gehen Sie wohl weiter oder – bleiben Sie in A**?“

Sie sah den Fragenden, dessen Ton ihr auffiel, jetzt zum ersten Male genauer an, er beugte sich aber tief zum Ofen nieder, so daß sie nichts von den Gesichtszügen erkannte, und war wieder ganz beruhigt, als er im gleichgültigsten Tone fortfuhr:

„Sehen Sie dies helle Feuer, wahre Pracht solch eiserner Ofen!“

Hätte die Fremde nicht nach Zeitraum einer Stunde bereits geschlafen, die Wärme wäre ihr vielleicht unerträglich gewesen. Sie schlief so fest, daß sie nicht durch das Eintreten des Bahnwärters erwachte, der nach dem Feuer zu sehen kam, dies anfängliche Vorhaben indessen unterließ, auf den Fußspitzen dem Sopha sich näherte, den Schleier, welcher Kopf und Gesicht der Fremden umhüllte, ein wenig hob und ihn vielleicht auch wieder herabgelassen hätte, wenn eine leichte Bewegung der Schlafenden ihn nicht ängstlich gemacht. Das dichte, aber doch leichte Gewebe vorsichtig über die Sophalehne zurückschlagend, schaute er noch einmal in das jetzt unverhüllte Antlitz und wie zustimmend mit dem Kopfe nickend, murmelte er leise: „Dacht’ mir’s doch, daß sie es sei, sowie ich diese Stimme und diese eigenthümliche Aussprache hörte.“

Er schlich vorsichtig fort und hinaus, lehnte die Thür nur an, und nahm am Ofen im Wartesaale Platz, an dessen anderer Seite ein kleiner Kellner schnarchend auf Stühlen lag.

Augenscheinlich trachtete er dem Beispiel des jungen Burschen zu folgen, und die Ausführung der That war nahe, da öffnete sich das geschlossene Fenster in der Wand hinter dem Büffet, und die Stimme des Restaurateurs rief mit bebendem Ton: „Friedrich! Friedrich!“

Friedrich schnarchte weiter, der Andere sprang auf.

„Ach Grunewald, Ihr hier! welch ein Glück! eilt, was Ihr könnt, zum Doctor, meiner Frau geht es wieder schlimmer!“

„Gern, gern, Herr Schulz,“ erwiderte der Wärter, „doch ein Wort.“

„Was wollt Ihr? Lauft, ich bitte.“

„Herr Schulz, hört nur – dort im Damenzimmer ist Jemand – achtet ein wenig darauf – es ist die schöne Engländerin, von der ich Euch gestern, als Graf B**** hier ohne Frau durchkam, die Geschichte erzählte und die –“

„Gott im Himmel, was geht mich die Dame und ihre Geschichte an, wenn meine Frau todkrank ist! Wie kann ich auf sie achten, dort, wo sie nicht einmal ein Recht hat zu bleiben und mir noch Ungelegenheiten daraus erwachsen können!“

Er verschwand, der Wärter trat an den Kellner heran und ihn am Arme schüttelnd, rief er: „Schlafratte, thu Deine Pflicht, wache und gieb hier Acht, oder –“

Der Kleine sprang erschrocken auf, Bahnwärter Grunewald aber enteilte dem Saale, und als er kaum aus dem Hause war, steckte ein junges Mädchen mit verschlafnem Gesicht den Kopf in die Thüre und rief: „Ach bitte, Friedrich, helft mir ein wenig draußen beim Feuer. Die Frau soll Thee haben, und der Sturm läßt das Holz gar nicht zum Anbrennen kommen. Ach, ist das ein Elend, solch ein Bahnhofdienst, nicht Tag, nicht Nacht Ruhe und nun noch eine todkranke Frau!“

Der kleine Friedrich eilte bereitwillig der Bittenden nach. Oede, leer blieb der große Wartesaal während einer Viertelstunde. Da plötzlich öffnete sich die Thüre, eine hoch und schlank gewachsene Frauengestalt in dunkler, eleganter Kleidung erschien auf der Schwelle, sah sich prüfend in dem Raume um und trat dann ein. Erschöpfung lag in jedem ihrer Züge, alle Bewegungen verriethen völlige Ermattung. Langsam, mit fast schleppendem Schritt ging sie voran, dem Damenzimmer entgegen, stieß die Thüre auf und sank auf den nächststehenden Stuhl, wo sie bald darauf die Augen schloß.

Wäre sie so dort nur eine Viertelstunde geblieben, hätte sie die müden Augen nicht geöffnet, es wäre ihr viel Elend – der traurigste Augenblick ihres Lebens erspart worden. Aber es mochte wohl ein böser Traum sein, der sie durchzuckte, sie fuhr im Schlafe auf und öffnete die Augen. Mit forschendem Blick den Raum durchschweifend, blieb er plötzlich an Etwas haften, das sie emporschnellte mit der Elastizität einer Feder. Ein „Unmöglich!“ entrang sich ihren Lippen, und doch war’s Gewißheit! Scheu, angsterfüllt, mit stockendem Athem trat sie dem Sopha nah, und nicht entschwand, wie sie gehofft, jenes reizende, jenes ihr so furchtare Bild! Dort lag diese Fülle und Pracht lichtblonder Locken, die sie so oft als Spiel der Winde gesehen, dort ruhte ein Köpfchen, so lieblich und schön, wie sie sich als Kind die Engel geträumt, dort lag still und friedlich im tiefsten Schlafe, was ihr den Frieden des [628] Herzens genommen, was den Schlaf von ihrem Lager scheuchte und sie nicht mehr Rast noch Ruhe finden ließ und jetzt einen entsetzlichen, einen furchtbaren Argwohn in ihrer Seele wach rief – den Argwohn: daß sie auf Befehl ihres Gatten an demselben Abend die Gegend hatte verlassen sollen, wo dieses Mädchen dahingekommen war! –

Wunderbares Verhängniß dieses Finden – trostloses, entsetzliches Verhängniß dieses Begegnen! – Erst nach und nach löste sich die Erstarrung ihres Körpers – ihres Geistes, wie Feuer rollte aber dann das Blut durch ihre Adern, und im wilden Chaos drängten sich die finstersten Gedanken; bald preßte sie die eiseskalten Hände gegen die brennende Stirne, bald gegen das laut pochende Herz, dann umklammerte sie den nahstehenden Stuhl, auf dem die kleine Reisetasche der Fremden lag, und sinnend, grübelnd verharrte sie so mehrere Minuten, ohne sich zu rühren.

„Ruhe Dir – Ruhe mir!“ so lautete die kurze, furchtbare Entscheidung eines entsetzlichen Kampfes, eines Kampfes, der ihr Alles – alles Andere, nur keine Ruhe gab! Und diese Frau, die wenige Stunden zuvor, in leidenschaftlichster Aufregung, dadurch zur Besinnung gekommen war, daß ihretwegen das Leben eines Thieres geopfert werden sollte, sie bebte jetzt nicht davor zurück, das eines Menschen, eines wehrlos daliegenden Wesens mit eigner Hand zu vernichten.

Ohne Beben, ohne Zittern traf die Frau ihre Vorbereitungen. Unhörbaren Schritts glitt sie zuerst zur Thüre, blickte sich in dem Saale um – als Alles leer – Todtenstille ringsum, zog sie rasch ein kleines Flacon aus der Tasche ihres Kleides, das sie wohl zu anderm Zweck dort verborgen. – Mit der linken Hand fest ihren Mantel vor Nase und Mund pressend, hob sie mit der Rechten vorsichtig den Deckel auf, schlich zum Sopha zurück und ließ die Schlafende nur wenige Minuten das tödtliche Gift einathmen!

Ein Aufzucken jener schlanken Gestalt, ein Umhergreifen der kleinen Hände, ein kurzer Blick aus umflorten Augen in das Dunkel – tiefes lautes Aufathmen – dann stärkeres convulsivisches Zucken des ganzen Körpers, ruhloses Hin- und Herwerfen, Röcheln – kurze Verzerrung aller Gesichtsmuskeln – plötzlich – Ruhe, völlige Ruhe und gänzliche Regungslosigkeit.

Starren Blicks verfolgte die Mörderin diesen kurzen Todeskampf, dann schüttete sie vorsichtig – zu ihrer völligen Beruhigung vielleicht – einige Tropfen der dunkeln Flüssigkeit in den halb geöffneten Mund der Todten, preßte hastig das Flacon zwischen die festgeschlossenen Finger der Hand, die auf dem Mantel ruhte, ergriff die kleine Tasche und stürzte aus dem Zimmer, durch den leeren Saal, hinaus in’s Freie. – In fliegender Hast über den Hof eilend, den ein hoher Breterzaun von der Landstraße schied, begegnete ihr an der letzten Ausgangspforte ein Mann, der eine kleine Laterne trug. Er hatte die Thür aufgestoßen, als sie eben um die Ecke bog und in nächster Minute vielleicht in Sicherheit gewesen wäre. Beim plötzlichen Schein des Lichts, der auf ein ihr wohlbekanntes Gesicht fiel, prallte sie entsetzt zurück und blieb stehen. Einen Moment nur schaute der Mann auf in das erdfahle Gesicht. „Frau Gräfin!“ rief er voller Bestürzung, aber in demselben Augenblick schlug ihn die Angerufene auch mit gellendem Aufschrei die Laterne aus der Hand und stürzte durch die offene Pforte, hinaus in das Dunkel der Nacht.

Einen Augenblick stand er betroffen da und horchte mit angehaltenem Athem, wohin sie ihre Schritte lenkte. Dann sprang er mit raschen Schritten in’s Haus, in das Damenzimmer – sah eine Secunde in das Antlitz der Todten und eilte in der nächsten der Entfliehenden nach. – Der letzte Schreck schien ihre Kraft gebrochen zu haben; zitternd lehnte sie an einem Baum und sah mit angsterfülltem Blick in die Nacht hinaus. Da vernahm sie ein Geräusch – Schritte die sich ihr näherten! – Die Todesangst trieb sie vorwärts – immer vorwärts, auf einem Wege zwischen steil aufsteigender Felswand und rauschendem Gebirgsbache fort. Sie flog so pfeilgeschwind auf dem schmalen Pfade dahin, daß sie bald nicht mehr den Schritt ihres Verfolgers hörte. Plötzlich aber rauschte es im Laub an ihrer Seite, sie vernahm einen Sprung ganz in ihrer Nähe – sah eine Gestalt dicht vor sich – er hatte ihr den Weg abgeschnitten; doch ehe er sie ergreifen konnte, suchte sie sich durch einen Sturz in das Wasser zu retten. – Ein Strauch verhinderte ihren Fall zur Tiefe, eine kräftige Hand riß sie in der nächsten Secunde empor. „Still, Frau Gräfin,“ flüsterte eine Stimme hastig, „still – ich will ja nicht Ihr Verderben. Verständigen wir uns – dann wird Alles gut.“ Besinnungslos fiel sie zu Boden.

Zum Leben erwachend, fühlte sie bald die ganze Schwere desselben, und als sie vielleicht nach einer Stunde die Stätte verließ, auf den Arm ihres Verfolgers gestützt im Dickicht des nahliegenden Berges verschwand, da würde sie, wenn ihr die Wahl geblieben wäre, sicher lieber an der Stelle der Todten im Damenzimmer gewesen sein.

Die Würfel ihres Lebens aber waren gefallen, und die Reue – wie früh sie auch eingetreten, dennoch – zu spät!

Voll Mitleid blickte dem unglücklichen Weibe ein junger Mann nach, der von Beiden unbemerkt auf seinem Wege nach dem Bahnhofe sich ihnen genähert hatte, durch ihr leises Schluchzen, durch einzelne seiner Worte seinen raschen Schritt unwillkürlich gehemmt sah und, von dieser nächtlich geheimnisvollen Scene angezogen, den weitern Verlauf abzuwarten beschloß. Vorsichtig hatte er sich hinter einen nahliegenden Felsvorsprung zurückgezogen, an diesem Ort ihre kurze, aber entsetzliche Beichte gehört und voll Angst den Bedingungen gelauscht, die der Mitwisser des Geheimnisses für sein Schweigen stellte.

Längst waren die Beiden fort, und noch immer stand der junge Mann wie gebannt an seinem Platze, dann schritt er in der tiefen Finsterniß unruhig hin und her und begrüßte mit sichtlicher Freude das erste anbrechende Licht des Tages. Genau sah er sich beim schwachen Schein des jungen Morgens die Umgebung an, machte im kleinen Notizbuch sogar eine Skizze von dem Platze, ging dann suchend herum und als er am Abhang des Rasens eine Reisetasche liegen sah, nahm er sie auf und mit sich. [641] Während aus dem nicht entfernt liegenden Bahnhofe um diese Zeit eine dichtgedrängte Menschenmasse die Leiche eines jungen schönen Mädchens umstand und in dem allgemeinen Entsetzen immer und wieder die Frage laut wurde: „wer mag es sein? wo kommt sie her?“ hatte der junge Mann an der Landstraße aus jener Tasche ein Papier gezogen, geöffnet und als einen Reisepaß erkannt, der auf den Namen „Ellinor Wood“ lautete.

Außer diesem Paß enthielt der Reisebeutel ein Packet Briefe, die alle jene Namensaufschrift trugen, alle mit den kurzen und doch so bedeutungsvollen Worten: „For ever Harry West“ unterzeichnet waren.

„Armer Harry!“ rief der junge Mann, als er flüchtig einzelne der Briefe durchflogen und bei seiner weitern Untersuchung der Tasche an ein kleines Bild gelangte, das einen jungen Officier in englischer Uniform darstellte.

„Armer Harry!“ rief er abermals, als er, ein Portefeuille öffnend, dort einen ungesiegelten Brief fand, der nächst der Adresse: „An Mr. Harry West“ die nähere Bezeichnung seines Aufenthalts trug. „In der Krim also! Nun, diesen Brief sollst Du noch haben, und wer weiß, ob es nicht so wie so der letzte gewesen wäre. Feindliche Kugeln nehmen ja ebenso wenig Rücksicht auf liebende Herzen, wie eifersüchtige Weiber. Eher, als Ihr Beide dann gedacht, seid Ihr vielleicht vereint, dort vereint, wo das „for ever“ nicht so fraglich ist, wie hier auf dieser jammervollen Erde.“

Der junge Mann packte Alles wieder in die kleine Tasche und trat den Weg zum Bahnhof an, wo er unter allen Verstörten den Wirth am verstörtesten fand.

„Ah, Herr Lieutenant, Sie!“ rief Jener aus, als er des jungen Mannes ansichtig wurde, „auch Sie kommen heut an diesen Ort des Unglücks?“

„Für mich ist’s in Wahrheit ein Unglücksort, denn ich höre, daß ich den Zug nach O… verpaßt habe. Aber was ist Euch, was habt Ihr, ist Eure Frau –“

„Ach nein, ach nein! kommen Sie, hören Sie das Entsetzliche!“

Als der Wirth berichtet, wen und was man vor kurzer Zeit in dem Damenzimmer entdeckt, bat der Officier, ihm die Todte zu zeigen, und als er an der Stätte des Verbrechens fragte: „Und Ihr wißt also eigentlich gar Nichts?“ betheuerte der Wirth laut: „Nein, Nichts!“ fügte aber leiser, in vertraulichem Tone das hinzu, was der Bahnhofwärter Grunewald ihm vor seinem Fortgehn von der Fremden gesagt.

„Werdet Ihr das bei Gericht angeben?“ fragte der Andere ernst.

„Bewahr’ mich Gott, Herr von H…dorf! wo werd’ ich als rechtlicher Mann Etwas auf das Geklatsch eines ehemaligen Bedienten geben und dadurch eine so hochstehende und achtungswerthe Familie, wie die des Grafen B****, in diesen Mord verflechten!“

„Ihr seid ein vernünftiger Mann, bester Schulz, – ein so vernünftiger, daß Ihr auch hoffentlich Nichts darin finden werdet, wenn ich mir von diesem reizenden Kopfe der Todten eine kleine Skizze mache und eine Locke dieses schönen Haares abschneide.“

Als Herr von H…dorf wenige Wochen später in einer vom Schauplatz des Verbrechens weit entfernten Stadt den Brief an Mr. Harry West zur Post gab und diesem Briefe ein kleines Packet beifügte, sagte er vor sich hin: „Mög es Dir Freude machen, Camerad! und ist’s Deine letzte auf Erden und kommst Du eher als ich dorthin, wohin die Kleinlichkeiten des Lebens nicht dringen, dann vergiebst Du mir auch wohl, daß ich jenes unglückliche Weib durch Verrath nicht noch elender gemacht habe!“

3.

Acht Jahre sind seit den in dem vorigen Abschnitt geschilderten Ereignissen vergangen. In anderem Lande, anderer Umgebung, in völlig verschiedener Stimmung und gänzlich veränderter Lage finden wir die schöne Gräfin Natalie wieder.

Sie durchschreitet am Arm ihres Gatten eine Reihe Prachtgemächer in einer der größern Residenzen Europa’s. Die Säle und Zimmer prangen alle im herrlichsten Festesschmuck, und von den herabhängenden Lüstres, den hoch aufsteigenden Candelabern, den Kerzenreihen über den breiten Flügelthüren strömt ein Meer von Licht und Glanz herab.

Zu den von Zufriedenheit, von innerem Glück leuchtenden Zügen des Mannes steht das ernste, fast düstere Antlitz der Frau, das eine beinahe geisterhafte Blässe deckt, in sonderbarem Contrast. Als sein Mann sie umschlingt, seine Lippen ihre Stirn berühren und seine weiche, klangvolle Stimme spricht: „Sei nur heiter, heiter, meine Natalie!“ da versuchen ihre Lippen zu lächeln, aber Thränen steigen in den tiefen ernsten Augen auf.

Er stellt sich vor sie hin, legt seine beiden Hände auf ihre Schultern und schaut sie voll Liebe, voll Bangen an. „Natalie, kannst Du nie den Schmerz vergessen,“ fragt er im Tone der Zärtlichkeit, „den ich Dir heut vor zehn Jahren durch meine Strenge zugefügt? Vergiß und vergieb endlich.“

[642] Das blasse Weib wandte sich ab. „Sprich nicht so!“ sagte sie dringend, „ach, Rudolf, martere mich nicht, indem Du Dich anklagst, wo ich allein die Schuldige bin – ich – ich – so furchtbar gesündigt habe.“

„Nenne es nicht so, Natalie, und wäre es selbst, wie Du sagst, so ist’s doch einzig aus übergroßer Liebe zu mir geschehen.“

„Das weiß der Allmächtige!“ flüstert sie mit erstickter Stimme; dann die Hände faltend, ruft sie mit ergreifenden Tone: „o könnt’ ich zurücknehmen, was ich damals gethan!“

„Liebes Weib, Du hast Alles tausendfach gut gemacht.“

„Und doch kann ich’s nie vergessen, und werde es ewig und ewig bereuen.“

„Doch – doch, Natalie. Du wirst endlich der traurigen Vorgänge jenes Tages nicht mehr gedenken, wenn sich eine so heitere, glückliche Erinnerung daran knüpft, wie die heutige ist, und darum wählte ich ihn, diesen Tag, auch als Verlobungstag unserer Tochter. Möchte sie stets ihrem Gatten das sein, was Du mir gewesen bist, Natalie.“

„So warst Du glücklich, Rudolf?“

„Weißt Du es nicht, Geliebte? –“ fragte er innig.

„Immer und wieder hör’ ich’s gern, denn immer zweifle ich von Neuem.“

Sie trocknete die Spuren der Thränen, welche einem so ganz andern Quell entsprangen, als er vermuthete, und zeigte wieder jenes Lächeln, hinter dem sie ihre Ruhe barg. Einen Moment leuchtete dies Lächeln hell auf, wie in vergangenen Tagen, die ernsten Züge verriethen ein reines Glück, – es war als ihr Auge auf eine liebliche, jugendliche Erscheinung fiel, – ihre älteste, glückliche Tochter. Rosig wie der junge Tag, leicht wie ein Zephyr, schwebte sie daher, gefolgt von einer schönen männlichen Gestalt, die sie zu erhaschen strebte.

„Ihr spielt ja wie die Kinder!“ rief der Vater lächelnd.

„Alexander will mir meinen alten Ring entreißen, lieber Papa.“

„Und hab’ ich nicht Recht, daß Olga nur einen, meinen Ring tragen soll, liebe Mama? Außerdem ist der Reif entzwei.“

„Er sprang vorhin erst, Alexander.“

„Was ist das für ein Ring?“ fragte der Graf.

„Der von Miß Ellen, lieber Vater! den sie mir gab, als sie von uns ging – ich bewahrte ihn, da ich es ihr versprochen, und trag ihn seit Jahren. Sag, Mama, wirst Du Miß Ellen schreiben, daß ich verlobt bin?“

Die Gräfin stand abgewendet neben einer Blumengruppe.

„Wie kann Mama ihr schreiben,“ sagte der Graf, „wir wissen ja über neun Jahre Nichts von Miß Wood.“

„So! – ach ja, wir sprachen schon davon! Wo sie wohl sein mag, Papa?“

„Was kümmert Dich jene Dame!“ rief der Verlobte.

„O Mama, Alexander ist auf Alle eifersüchtig, die ich lieb habe. Das ist aber schön von Dir, mein Alex; und zur Belohnung für Deine Liebe mag der Ring als Opfer fallen.“

Sie warf ihn lächelnd in den Kamin; er wollte sie jubelnd umschlingen, da erdröhnte ein schwerer Fall. Im Tanzsaale nebenan war einer der Kronleuchter zu Boden gestürzt.

Der Graf klingelte und eilte aus dem Zimmer, das junge Paar folgte ihm, die Zurückbleibende aber warf sich vor den Kamin hin, durchstöberte die glimmende Asche, fand das Gesuchte nicht, und auf den Knieen liegen bleibend, betete sie leise: „O Gott – o Gott, laß das kein böses Omen sein!“




Das glänzende Fest, das sich das junge Brautpaar zur öffentlichen Feier seiner Verlobung erbeten, ging froh und ungetrübt von Statten, und erst beim anbrechenden Morgen fuhren die Wagen mit den heiter angeregten Gästen heim.

Als der greise Thürsteher das Portal schließen wollte, trat ein Mann in schäbiger Kleidung hinter dem Pfeiler hervor, händigte dem Diener einen keinen Brief ein und bat, dem Herrn Grafen das Papier sogleich zu übergeben, da es von höchster Wichtigkeit für ihn sei.

Graf B**** las staunend die seltsamen Worte, welche ihm völlig unverständlich waren, ließ aber den Mann in sein Zimmer bescheiden, der in so mystischen Ausdrücken angedeutet, Mitwisser eines Verbrechens zu sein, das eine ihm nahestehende theure Person vor vielen Jahren begangen.

Stundenlang war dieser Mann schon wieder fort, mit dem das Elend die Schwelle dieses Hauses überschritten, hell und strahlend schien die Sonne in ein Gemach, wo dieses Elend einen Menschen zu Boden geworfen, der Zeit seines Lebens so stolz, so kühn und frei sein Haupt erhoben, und zu diesem freien Aufblick auch völlig so berechtigt war, da bisher kein Flecken seine Ehre getrübt, nicht ein Schatten auf seinen Thaten lag.

„Rudolf, ich sterbe vor Angst!“ wimmerte das Weib vor der verschlossenen Thüre ihres Gatten, der auf alle Bitten keine Antwort gegeben.

Endlich, endlich öffnete sich diese Thüre, eine eiskalte Hand erfaßte die ihre und zog sie in’s Gemach. Eine tonlose Stimme frug dann: „Beantworte einfach meine Frage: ermordetest Du vergangene Nacht vor acht Jahren Ellen Wood im Damenzimmer zu E*?“

Und ob sie seit jener Nacht lange, lange Jahre hindurch täglich, ja stündlich gefürchtet, diese Frage einst zu hören, schmetterte sie die Wirklichkeit doch nieder, und seine Kniee umklammernd, ächzte sie: „Gnade, Erbarmen!“

Mit Todesangst, mit Todespein schaute er auf sie – auf sie, die lang sein Stolz – lang sein Glück, fast seit er denken konnte, sein Ein und Alles gewesen! Sie eine Verbrecherin! eine Mörderin, welche nun die Hand der irdischen Gerechtigkeit ereilen – bestrafen sollte. – Fast undenkbar, und dennoch mußt’s durchdacht, immer und wieder klar gemacht werden.

Eine tiefe, furchtbare Stille herrschte unter den Gatten, endlich beugte er sich zu ihr nieder und hob sie auf. „Natalie,“ sagte er sanft, „Du mußt sterben, sterben – doch nicht allein – ich begleite Dich auf dem dunkeln Wege.“

„Nein! – nein!“ schrie sie laut, „wie könnte man Dich tödten!“

„Mich tödten? – Niemand!“ sprach er ernst und voll Würde. „Ich muß es selbst thun, Natalie! – ich könnte nicht gegen Dich zeugen, noch weniger könnt’ ich Dich mit Schmach bedeckt sehen, Dich in Gefangenschaft wissen. Sieh denn ein, mein noch immer heiß geliebtes Weib, daß es besser ist, ich – ich tödte Dich – dann mich, entreiße Dich dem Elend – mich der Qual! – Die Kraft habe ich mir in langem Gebete errungen – nun fasse auch Du Muth und sage mir, wann Du bereit bist. Mir bleibt nur noch wenig zu thun.“

Er fügte einem offen daliegenden langen Briefe noch Einiges hinzu, siegelte dann das Schreiben und berief den Portier in das Zimmer.

„Meiner Schwester! – Du übergiebst nur ihr selbst das Schreiben und sagst Niemand ein Wort davon.“

Er warf sich jetzt einen Moment mit verhülltem Antlitz in die Ecke des Divans; als er nach einer Weile ruhig, gefaßt aufblickte, sah er seine Frau vor sich auf den Knieen liegen. „Bleib’ leben, Rudolf!“ rief sie unter Händeringen, „laß auch mich leben, laß uns, was kommt, erwarten, vielleicht ist der Himmel gnädig mit mir und …“

Er zog sie zu sich empor, lehnte ihren Kopf an seine Brust und flüsterte mit halb erstickter Stimme: „Wir haben das Furchtbarste zu erwarten, Natalie. Er – er ist hier.“

„Wer?“ schrie sie entsetzt.

„Christian Grunewald! Er kehrte aus Amerika als Bettler, als Trunkenbold zurück und ist eine elende giftige Natur. In seiner Hand liegt unser Geschick, und er weiß, was das heißt! – Ich habe ihn gesprochen. Nachdem die Gäste fort waren, kam er zu mir – in diesem Augenblicke, Natalie, ist er vielleicht schon auf dem Gerichte – mindestens drohte er damit, weil ich mich weigerte, ihm eine Summe zu verschreiben, die weit über die Hälfte meines Vermögens beträgt, und jenes Gut, wo wir einst lebten.“

„Wollte er dann schweigen, Rudolf?“

„Vielleicht so lange, bis er es vergeudet, wie jene anderen Summen, die er von Dir seit jener Nacht erpreßte. Er sagte mir Alles, Natalie.“

Sie verbarg ihr Antlitz und weinte still. Der arme Mann legte seine Hände auf das Haupt der unglücklichen Frau. „Warst Du je ruhig, Natalie,“ frug er dann, „einen Tag ganz sicher?“

Nie eine Stunde, Rudolf! – o, es waren furchtbare Jahre, Jahre endloser Qualen!“

[643] „Und wie – wie würden diese Jahre jetzt sein, wenn er als Gutsbesitzer, wenn auch unter angenommenem Namen, in demselben Lande mit uns lebte?“

Sie schwieg, sie sah ein, er hatte das Beste erwählt. – Noch einmal blickte sie in’s Licht der Sonne, noch einmal auf die Bilder ihrer Kinder, und als die Arme des Gatten sie fest und fester – zum letzten Male – umschlangen, da fühlte sie, so tief, wie vielleicht noch nie, wie sie sich einst an diesem Herzen versündigt hatte, fühlte, wie endlos die Gnade des Allmächtigen, der ihr die volle Liebe dieses Herzens auch jetzt als Trost in so schwerer Stunde gelassen.

Hätten Beide dieser endlosen Gnade des Himmels nur fester vertraut – hätten sie nicht eingegriffen in das dem Menschen verhüllte Dunkel der fernen, der – nahen Zukuuft, hätten sie einen lebendigern Glauben an die wunderbaren Fügungen eines liebenden Gottes gehabt – wie bald, wie so sehr bald würden sie diese Fügungen als gänzlich unberechenbare erkannt haben!

In der Stunde, wo Christian Grunewald vor dem Polizeigebäude der Schlag auf offener Straße rührte, durchhallten zwei kurz aufeinanderfolgende Pistolenschüsse das Palais des Grafen B****, in dem wenige Stunden zuvor nur Festesklang und heitere Musik ertönt.

Die entsetzte Dienerschaft, die auf der Straße erschreckten Leute, welche neugierig in’s Haus drangen – Alles, Alles eilte an’s Ende des Corridors, wo man im Zimmer des Grafen seine Leiche neben der seiner Gattin fand.

Um wie viel trostloser dieser entsetzliche Anblick, als ein junges, schönes Mädchen, die älteste Tochter der Unglücklichen, ohnmächtig über die entseelten Hüllen der so heiß geliebten Eltern stürzte, zwei Söhne, stumm in Schmerz versenkt, keine Thräne für diesen Schmerz hatten – drei kleinere Kinder aber immer lauter jammernd: „Vater! Mutter!“ riefen.

Die That war bis auf Weniges Allen ein Räthsel geblieben – ein unaufgelöstes Räthsel trotz alles Forschens der Behörden. Der Eine, der einen starken Anhalt in dem Labyrinthe der Vermuthungen hätte geben können, der alte Diener des Grafen – er schwieg. Er leugnete selbst, als er am nächsten Tage zur Klinik berufen wurde, den Todten, zu dem er geführt wurde, je zuvor gesehen zu haben, obgleich ein Lohnkutscher fest behauptete, diesen Mann, den er am Polizeigebäude vom Schlag gerührt angetroffen, wenige Stunden zuvor am Palais des Grafen B**** in Unterredung mit dem Portier bemerkt zu haben, und sich sogar entsinnen wollte, daß Jener einen Brief von ihm angenommen.

Die Aussagen des Portiers: „Es waren in der That zu Viele, die mich in diesen Tagen angeredet – auch zu Viele, die mir Briefe an den Herrn Grafen übergeben haben, als daß ich mich auf den Einzelnen besinnen könnte,“ – diese Aussagen waren zu wahr, zu natürlich in Anbetracht jenes Festgewühles und vieler Gratulationsschreiben zur Verlobung, als daß man hätte glauben können, der alte Diener gebe diese Antworten aus andern Gründen.

Nur als der greise Thürsteher der Gräfin Clara B**** den Brief ihres Bruders übergeben und im Antlitz seiner nunmehrigen Herrin oft einen Ausdruck banger Sorge entdeckte, wenn unvermuthet ein ungewöhnliches Geräusch im Hause war, beschloß er, sie von dem Tode eines Mannes in Kenntniß zu setzen, der, wie er ahnte, in nur zu nahem Zusammenhange mit dem Selbstmorde seines Herrn und der Tödtung von dessen Frau stand, und von dem die Gräfin sicherlich noch immer die Ruhe ihrer Familie gefährdet glaubte.

Ein Unglücksfall, der sich auf dem Gute ereignete, wohin sie sich zurückgezogen, gab ihm Veranlassung den Punkt zu berühren, denn um keinen Preis sollte sie wissen, daß Christian Grunewald schon damals gestorben – an dem Tage, wo nach seiner Unterredung mit dem Grafen dieser sein und seiner Gattin Leben geendet hatte!

So trat er denn eines Morgens zu Gräfin Clara ein, und nachdem Einiges besprochen war, was er ihr zu melden hatte, sagte er im ruhigsten Tone: „Wären in E* nicht lange die Untersuchungen über jene unglückliche Todte im Damenzimmer beendet, so würde ich jetzt der Behörde melden, daß ich die Leiche des ehemaligen Bahnhofwärters Christian Grunewald erkannt, der nach jener Nacht, wo man die Dame vergiftet gefunden, so spurlos verschwunden ist.“

Der Blick des Entsetzens aus dem ruhigen Auge der Gräfin bewies dem Diener, was sie Alles von dem Namen noch abhängig glaubte, und rascher fuhr er daher fort:

„Sie hörten, daß man vorgestern Abend eine halbverweste Leiche aus dem Weiher unten an der Schloßwiese gezogen; ich erkannte sogleich das Gesicht des Todten, wie ich’s sah.“

„Christian Grunewald todt!“ hauchte sie leise.

„Todt und begraben jetzt, gnädige Gräfin.“

„Hat irgend Jemand ihn in der Leiche erkannt?“

„Niemand – auch Keiner vermuthet, daß er es sein könnte – er ist verschollen und vergessen!“

„Mag er’s bleiben!“ sprach sie ernst.

„Ja – mag er nach den Thaten seines Lebens friedlich im Tode ruh’n.“

Der alte Diener wollte sich entfernen, nachdem er die Beruhigung gewonnen, der Gräfin die größte Last von der Seele genommen zu haben; sie hielt ihn noch einen Augenblick zurück durch die Frage: „Hat man wirklich in E* nie den Namen jener Todten erfahren?“

„Nein – alle Forschungen waren vergeblich, selbst der Koffer, der lange herrenlos in A** stand und den die Behörde von E* endlich als mutmaßliches Eigenthum der Verstorbenen reclamirte, ergab nichts Näheres über ihr dunkes Ende.“

„Hatte er keine Signatur?“

„Nur die Buchstaben E. W. Sie ergaben Nichts.“

Manche, die in Zeitungen die Geschichte dieser Buchstaben gelesen und nie wieder Etwas von Ellen Wood gehört hatten, knüpften wohl Vermuthungen an den schwachen Halt – Vermuthungen, die aber Nichts mit der wahren Sachlage zu thun hatten und nur dem üppigen Boden blühender Phantasie entsprossen waren.

Eine solche Vermuthung erreichte wenige Monate nach dem unglücklichen Ende des Grafen und der Gräfin B**** den ehemaligen Lieutenant von H…dorf. Galt ihm auch im Allgemeinen das Urtheil der Welt wenig, so ertrug sein Rechtlichkeitsgefühl doch nicht den Gedanken, jenes Opfer blinder Leidenschaft auch von denen im Tode verkannt zu sehen, die die heilige Verpflichtung hatten, sie zu achten.

Dies Gefühl trieb ihn nach dem Gute, wo Gräfin Clara in Zurückgezogenheit lebte, und veranlaßte ihn nach kurzer Einleitung die Frage an sie zu richten: „ob sie auch zu Denen gehöre, die da glaubten, daß Miß Ellen Wood den Grafen B**** geliebt habe.“

Als die Antwort nicht so befriedigend lautete, wie er wünschte, und ein Schatten von Verdacht an der Todten haftete, erzählte er, wann er zum ersten Mal von jenem Mädchen gehört, und als er mit möglichster Schonung die Scene jener Nacht in der Nähe des Bahnhofes geschildert, legte er ihr den Inhalt der gefundenen Reisetasche vor, und als sie nach dem Lesen einzelner Briefe tief erschüttert war, fuhr er fort:

„Hätte ich als Mann von Ehre – als Officier, nicht die heilige Verpflichtung gefühlt, über der Ehre der Braut eines Cameraden zu wachen – nie würde ich nach ihrer Vergangenheit geforscht, nie Sie durch so schmerzliche Eröffnungen betrübt haben. Aber ich mußte es thun. So setzte ich denn zuerst eine Freundin von den Schicksalen Ellen Wood’s in Kenntniß, die mir helfen konnte, Näheres über sie in England zu erfahren. – Ich erfuhr durch die Nachforschungen jener Dame, die Verbindungen in England hat, daß Ellen Wood die traurigste Kindheit bei ihrer Tante Mrs. West gehabt, der Sonnenschein ihres Lebens ist nur die Liebe zu ihrem Cousin Harry gewesen, dessen Herz auch warm für sie geschlagen hat. – Als Mädchen von 16 Jahren wurde sie in’s Ausland als Erzieherin geschickt – ihre Schicksale im Hause Ihrer Verwandten werden Sie besser als ich kennen. – Nachdem sie von ihrer Beschützerin, der Baronin F* auch entlassen worden, lebte sie eine Zeit lang von den Unterstützungen ihres Verlobten, Mr. West. Nach England zurück konnte sie nicht – seine Eltern waren gestorben – sie Beide die Letzten ihrer Familie. Zu Moskau bot sich ihr plötzlich ein neues Engagement; sie mußte durch diese Gegend – das Weitere wissen Sie! – Der Einzige, der Interesse an ihrem Leben hatte, konnte nicht nach ihr forschen, er starb in der Krim – sein Name steht auf den Todtenlisten der englischen Armee verzeichnet.“

„Und hat wohl der Arme noch Ihre Sendung erhalten?“ fragte Gräfin Clara voll Interesse.

[644] Herr von H…dorf zog ein altes Zeitungsblatt aus seiner Brieftasche. „Unter den erschütternden Berichten,“ las er, „wie die barmherzigen Schwestern oft Todte und Verwundete auf dem Schlachtfelde finden, nimmt folgende kleine Episode das Interesse Mancher vielleicht mehr in Anspruch, als die größte Schreckensscene des Krieges. Nach dem letzten blutigen Gefechte fand eine der thätigsten und aufopferndsten Diakonissinnen einen jungen sterbenden englischen Officier, dessen brechendes Auge an einem Medaillon hing, worin sich das Bild eines der lieblichsten Mädchenköpfe und eine Locke des schönsten blonden Frauenhaars befand. So lang seine Hand Kraft zum Halten hatte, so lang umklammerten die Finger auch dies Eine, was für ihn im Leben vielleicht sein Alles umschloß!“

„Und Sie glauben, daß jener Sterbende Harry West war?“

„Ich vermuthe, ich hoffe es!“

Nach langer Pause, als der Fremde sich Gräfin Clara empfehlen wollte, ergriff sie seine Hand und fragte unter Thränen: „Wie, mein Herr, wie kann ich Ihnen vergelten, was Sie gethan, wie Ihnen danken?“

„Mein Schweigen war mir kein Opfer,“ sagte der junge Mann, „ich that’s einfach aus Gründen der Menschlichkeit, und Dank verdiene ich deshalb nicht. Wollen Sie mir aber einen Gefallen erweisen, so geben Sie mir Aufschluß über die Ursache jenes entsetzlichen Doppelmordes und – sagen Sie mir, was aus den hinterbliebenen Kindern geworden ist.“

„Lassen Sie mich das Letzte zuerst beantworten! – Meine älteste Nichte ist nach Auflösung ihrer Verlobung in den Orden der frommen Schwestern zu ** getreten; die beiden erwachsenen Söhne haben beschlossen, im Auslande Dienste zu suchen; die drei jüngsten Kinder sind hier bei mir auf dem Gute. Werfen Sie einen Blick durch jenes Fenster, – sehen Sie sie spielen in der glücklichen Sorglosigkeit jenes Alters, in dem man noch Alles leicht vergißt, und hoffen Sie mit mir, daß die Jahre ihnen mehr und mehr die traurige Erinnerung an ein so furchtbares Ereigniß ihres Lebens nehmen werden.“

Gräfin Clara ging nach diesen Worten an ihren Schreibtisch, und Herrn von H…dorf den letzten Brief ihres Bruders und ein Tagebuch ihrer Schwägerin gebend, das sie in dem verborgenen Fache eines Büreaus gefunden, worin Jene wichtige Papiere aufzubewahren pflegte, sprach sie ernst. „Aus Beiden werden Sie Alles ersehen, was Sie zu wissen wünschen; das Tagebuch wird Ihnen völligen Aufschluß über eine That geben, die, im Dunkel der Nacht vollführt, durch Ihre Rücksicht mit im tiefsten Dunkel für die Welt geblieben ist; – dieser Brief aber wird Ihnen offenbaren, daß jene finstere That im Damenzimmer zu E* gesühnt worden, – furchtbar gesühnt ist und sich in entsetzlicher Weise gerächt hat.“


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: enigen