Die Gartenlaube (1854)/Heft 27

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[309]

No. 27. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.

Arzt und Advokat.
I.

Eine trübe, nebelige Nacht lag über die Häusermasse Hamburgs. Die feuchten Straßen waren wie ausgestorben, nur von Zeit zu Zeit hörte man die schweren Tritte der Wächter, die sich wie unheimliche Gestalten an den hohen Gebäuden hinbewegten. Die Glocken hatten die erste Stunde nach Mitternacht verkündet, als ein Mann, fest in einen Mantel gehüllt, den neuen Wall betrat, eine der schönsten Straßen, die nach dem verheerenden Brande im Jahre 1812 in der reichen Handelsstadt entstanden sind. Er ging so eilig über die breiten Trottoirs, daß ihm ein alter Diener, der ihn begleitete, kaum zu folgen vermochte. An einem der größten und prächtigsten Häuser blieb er stehen. Der Diener zog einen Schlüssel hervor, öffnete die schwere Thür, und ließ seinen Begleiter eine weite, matt erhellte Hausflur betreten.

„Wo ist Herr Raimund?“

Noch ehe der Diener diese an ihn gerichtete Frage beantworten konnte, öffnete sich eine Thür, und ein junger Mann, bleich und zitternd, trat hastig heraus.

„Doctor! Doctor!“ rief er leise, indem er sich ihm wie ein Verzweifelnder an die Brust warf, den Kopf auf seine Schulter senkte, und leise zu weinen begann.

„Muth, Muth, mein lieber Freund!“ sagte mit bewegter Stimme der Arzt. „Wir Alle stehen in Gottes Hand, und er hat schon oft geholfen, wenn menschliche Kunst und Hülfe vergebens waren. Sie sind meiner Aufforderung gefolgt und von der Reise zurückgekehrt – das ist mir lieb. Jetzt fassen Sie sich, und führen Sie mich zu der theuern Kranken.“

Raimund erhob sich und sah mit seinen thränenfeuchten Augen den Arzt schmerzlich an.

„Mir scheint“, flüsterte er, „der Zustand meiner guten Louise ist sehr bedenklich – sie erkannte mich nicht, als ich vor einer Stunde ankam – in meiner Todesangst ließ ich Sie rufen.“

„Sie haben recht gethan“, sagte der Arzt, und drückte dem betrübten Manne tröstend die Hand. Dann warf er seinen Mantel ab und ließ sich von Raimund in das Krankenzimmer führen, das mit großer Bequemlichkeit, selbst mit Luxus ausgestattet war.

Eine schon bejahrte Kammerfrau entfernte sich bei dem Eintritte der beiden Männer. Der Arzt trat zu dem Bette, dessen weiße Gardinen zurückgeschlagen waren, und betrachtete prüfend das bleiche Gesicht der Kranken, einer schönen jungen Frau von vielleicht drei- bis vierundzwanzig Jahren.

Wohl zehn Minuten verflossen unter tiefem Schweigen. Dann trat der Arzt zurück und flüsterte:

„Es ist eine Krisis eingetreten. Wir können nichts thun, als uns in Geduld fassen.“

„Doctor“, flüsterte Raimund dringend, „verbergen Sie mir nichts, sagen Sie mir die reine Wahrheit, ich habe die Kraft, sie zu hören! Sehen Sie doch – ich bin völlig ruhig – ich beklage mich nicht – was halten Sie von dieser Krisis?“

Trotz der Anstrengung, mit der Raimund seine Bewegung zu verbergen suchte, verriethen dennoch die Blässe des Gesichts die mit Thränen gefüllten Augen, und das leise Beben der Stimme die ungeheure Angst, die sein Herz zusammenpreßte.

Der Arzt begriff nur zu gut die schreckliche Verzweiflung, die sich unter dieser scheinbaren Ruhe verbarg. Er erfaßte die brennende Hand Joseph Raimund’s, drückte sie sanft und sagte in einem schmerzlich milden Tone, mit dem man Unglückliche zu trösten sucht: „Raimund, mein lieber, lieber Freund, ich hoffe zu Gott, daß diese Krisis heilbringend sein wird; aber ich verhehle auch nicht, daß sie die schlimmsten Folgen haben kann. Jetzt entfernen Sie sich, ich beschwöre Sie – Ihre Gegenwart ist mir lästig, sie stört mich in meinen Beobachtungen. Glauben Sie mir, ich bedarf meiner ganzen Ruhe und Kaltblütigkeit. Die geringste Bewegung übt einen unheilvollen Einfluß auf die Kranke aus. Ein Wort, ein Seufzer kann die Hoffnung vernichten, die ich noch hege. Darum entfernen Sie sich, mein Freund – ich bitte Sie!“

„Nein, Doctor, nein!“ antwortete der junge Mann in verzweifelnder Beharrlichkeit – „ich kann dieses Zimmer nicht verlassen. Dort, dort, am Fußende ihres Bettes ist mein Platz. Tragen Sie keine Sorge, ich werde still und stumm sein, denn ich weiß ja, daß von meiner ruhigen Ergebung das Wohl meiner geliebten Louise abhängt.“

„Nun, so bleiben Sie denn, da Sie es wollen; aber ich empfehle Vorsicht, die größte Vorsicht!“

Der Arzt schwieg und setzte sich leise auf einen Stuhl neben dem Bette. Wie überwältigt von seinen Gefühlen, versank Raimund in eine schmerzliche Regungslosigkeit. Eine wahre Grabesstille folgte dem leise geflüsterten Gespräche der beiden Männer. Man hörte nichts mehr als die gleichförmigen Schläge einer Pendeluhr und das schwere Athmen der Kranken. Draußen hörte man die Stimme des Wächters zwei Uhr rufen.

Benutzen wir die eingetretene Pause, um den Lesern etwas Näheres über die drei Personen zu sagen, die sich in dem Zimmer befinden. Der angehende Greis ist der Doctor Friedland, einer der angesehendsten Aerzte Hamburgs. Der jüngere Mann ist der Großhändler Joseph Raimund, der Besitzer eines der größten [310] Handlungshäuser der Stadt. Die Kranke ist Louise Raimund, die innig geliebte Gattin des jungen Kaufherrn.

Joseph Raimund stammte aus einer unbemittelten Familie; aber seine redlichen und großmüthigen Gesinnungen, seine Liebe zu allem Großen und Erhabenen und seine rastlose Thätigkeit wiesen ihm einen Platz in jener kleinen Zahl von arbeitsamen und intelligenten Menschen an, die sich künftig eine Bahn durch die Wogen des Lebens brechen. Joseph hatte früh schon seine Mutter verloren, und sein Vater, ein achtbarer aber armer Maler, hatte ihm jene schlecht geleitete und ungenügende Halbbildung geben lassen, die in unserer Zeit für das praktische Leben so wenig taugt. So hatte er bis zu seinem fünfzehnten Jahre das Gymnasium besucht. Um diese Zeit verfiel der Maler in eine langwierige Krankheit, an Erwerb war nicht mehr zu denken, und Joseph, den Kopf voll Griechisch und Latein, voll heroischer Erinnerungen und glorreicher Traditionen, mußte in dem väterlichen Hause bleiben, um den Kranken zu pflegen und mit Mangel und Elend zu kämpfen. Die Krankheit des Vaters endigte nach einigen Wochen mit dem Tode, und der arme Joseph war älternlos.

Seine Lage war die bejammernswertheste von der Welt, und ein weniger stolzer Geist als der seine würde dieser trostlosen Wirklichkeit, die alle seine Illusionen und Hoffnungen mit einem Schlage vernichtete, erlegen sein; aber Joseph ließ sich nicht entmuthigen. Wie er früher von Ehre, Glück und Vermögen geträumt, so fügte er sich jetzt der Armuth und der Arbeit.

Joseph hatte auf dem Gymnasium mit Julius Morel eine jener so ergebenen, so uneigennützigen Freundschaftsverbindungen unterhalten, die den Anschein haben, als ob sie ewig dauern müßten, aber wie alle Ideen und Ansichten in diesem Lebensalter durch den Druck der socialen Verhältnisse einer Wandelung unterliegen.

Der Vater des jungen Morel war ein reicher und vielgesuchter Advocat. Er hatte Joseph’s Ordnungsliebe, seine Intelligenz, seine Lebhaftigkeit und seine beharrliche Willenskraft kennen gelernt. Als Herr Morel von dem Unglücke hörte, das den Freund seines Sohnes betroffen, fühlte er das lebhafteste Mitleid, er nahm sich des Verwaisten thätig an, und bald gelang es seinen Empfehlungen, ihm eine Stelle bei einem Negocianten zu verschaffen. Joseph gab sich nun der Arbeit mit einem brennenden Eifer hin. Noch waren nicht zehn Jahre verflossen, und aus dem armen Commis war ein erster Buchhalter geworden. Nach kurzer Zeit ward der Buchhalter Cassirer, und der Cassirer schwang sich zum Compagnon des Handlungshauses empor, in das ihm die liebevolle Fürsorge des Herrn Morel Zutritt verschafft hatte.

Zeit und Unglück hatten das Freundschaftsband, das Joseph und Julius umschlang, nicht gelockert; die beiden jungen Leute liebten sich, und keiner hatte vor dem Andern ein Geheimniß. Joseph sprach von seinen Arbeiten, von seinen Mühseligkeiten und seinen Hoffnungen – Julius ermuthigte ihn, und hatte seine Freude daran, wenn er ihm die Zukunft mit lebhaften und glänzenden Farben schildern konnte. Solche Unterredungen fanden in der Regel Sonntags statt, wenn die beiden Freunde an den Ufern der Elbe weite Spaziergänge unternahmen, sich am Fuße eines Baumes niederließen, und mit jugendlicher Schwärmerei den Ergießungen des Herzens folgten.

In einer dieser traulichen Unterhaltungen gestand Joseph seinem Freunde, daß er die Tochter seines Prinzipals liebe.

Louise Cordes war ein reizendes Mädchen von achtzehn Jahren. Sie hatte ein volles blondes Haar, einen schneeweißen Teint, himmlisch blaue Augen, sanft geröthete Wangen, und schön geschweifte rosige Lippen, die, wenn sie sich öffneten, blendend weiße Perlenzähne zeigten. Oft artete ihre kindliche Fröhlichkeit in Uebermuth aus, aber sie verstand es, zu rechter Zeit den Zügel anzulegen, und dann zeigte sie einen guten, großmüthigen Charakter. Seit ihrer Rückkehr aus dem Pensionate einer benachbarten Residenz wohnte sie bei dem Vater. Joseph, der sie nun täglich sah, liebte sie bald mit der ersten Glut der Jugend, und nach zwei Jahren ungewissen Harrens und Hoffens glaubte er die Gewißheit zu haben, daß Louise ihn wiederliebe.

Sechs Monate später ward Louise Cordes die Gattin Raimund’s, und der junge Mann, der einst als armer Waisenknabe in das Haus gekommen, befand sich auf dem Gipfel irdischen Glückes.

Seit dieser Heirath hatte Louisen’s Vater dem Schwiegersöhne das Geschäft übergeben, und sich auf ein Landgut zurückgezogen, was er auf den fruchtbaren Fluren Holsteins besaß. Joseph arbeitete mit verdoppeltem Eifer, er erweiterte den Kreis seiner Operationen, und in wenig Jahren hatte er das Vermögen seiner Frau um das Zwiefache vermehrt. Als Vater eines reizenden Kindes, das er mit Liebe erzog; als Gatte einer schönen, zärtlich geliebten Frau, die ihn wiederliebte; reich, geachtet und geehrt war Joseph Raimund der glücklichste der Menschen. Um diese Zeit kam auch Julius Morel von einer großen Reise zurück, die er nach glänzend bestandenem Examen angetreten; er übernahm die ausgebreitete juristische Praxis seines Vaters, und ward Advokat.

Joseph Raimund feierte einen hohen Festtag, als er Julius, den Freund und Bruder, seiner geliebten Louise vorstellen konnte. Das Haus Joseph’s ward auch das Julius Morel’s, und die Freundschaft erhöhte das Glück der Liebe.

So standen die Sachen, als Raimund, der, wie schon gesagt, seine Handelsverbindungen erweitert hatte, eine Reise nach Süddeutschland unternehmen mußte. Er wollte nur einen Monat dazu verwenden; glückliche Anknüpfungen aber veranlaßten ihn, länger zu bleiben, und in Frankfurt am Main empfing er von dem Doctor Friedland eine telegraphische Depesche, die ihn von der Krankheit Louisen’s in Kenntniß setzte. Die Eisenbahn brachte ihn bald nach Hamburg, und drei Stunden nach seiner Ankunft fand die Scene statt, die wir Anfangs mitgetheilt haben.

II.

Joseph Raimund war dreißig Jahre alt; aber schon zeigten sich in seinem schönen Gesichte die Spuren seines Fleißes und seiner anstrengenden Thätigkeit. Das Haar begann zu bleichen, auf der Stirn zeigten sich Furchen, und die vollen Wangen sanken zusammen. In diesem Augenblicke, wo wir ihn zu den Füßen seiner kranken Gattin sehen, lauschend auf jeden Athemzug, der dem geliebten Munde entquillt, beobachtend jedes Zucken der zarten Glieder, die er schon dem Tod verfallen wähnt – jetzt erliegt Joseph, der starke Mann, das Werkzeug seines eigenen Glückes, zum ersten Male den Schlägen des Unglücks. Eine herbe Verzweiflung hat sich seines Herzens bemächtigt, und in der vom furchtbaren Schmerze erzeugten Zerrüttung seiner Sinne hadert er mit dem Himmel, der ihm sein höchstes Gut zu entreißen droht.

Ein durchdringender Schrei, den plötzlich die Kranke ausstieß, weckte ihn aus seiner schmerzlichen Betäubung. Die Krisis hatte begonnen. Louise erhob gewaltsam ihren schweren Kopf. ihre Augen blitzten in einem seltsamen Feuer, und gebrochene Worte und klagende Seufzer entrangen sich den bleichen Lippen.

Der Arzt gab Raimund ein Zeichen, daß er sich ruhig verhalten möge. Der unglückliche Gatte sah mit trockenen, starren, Augen auf die Leidende, mit übermenschlicher Anstrengung suchte er seine Fassung zu bewahren – aber der Schmerz besiegte ihn, zitternd faltete er die Hände, und sank neben dem Bette auf beide Knie nieder.

Die Kranke stieß einige unverständliche Worte aus, dann begann sie bitterlich zu weinen.

Eine peinliche Pause trat ein. Wie gern hätte Joseph seine arme Gattin in die Arme geschlossen, und die Thränen von ihren hohlen Augen geküßt – aber der Arzt bat durch Geberden und Winke, daß er seine Anwesenheit nicht verrathen möge. Das schwache Licht der Lampe beschien eine traurige Gruppe.

„Mein Gott! Mein Gott!“ flüsterte die Kranke in ihrem Fieber, „ich bin verloren! Warum habe ich auf ihn gehört? Joseph, mein guter, großmüthiger Joseph, darf ich Dir je wieder unter die Augen treten? Laß mich – ich bin eine unglückliche Gattin – laß mich – ich bin Deiner nicht mehr würdig!“

Bei diesen Worten hatte sich Raimund erhoben, seine starren Augen glühten, und, gebeugt über das Bett, schien er jedes Wort zu verschlingen, das in kurzen Stößen den Lippen der Sterbenden entschlüpfte.

„Fieberphantasien!“ flüsterte der Arzt.

Aber vergebens bemühte sich der besorgte Greis, den aufgeregten Gatten von dem Bette zu entfernen. Joseph sah und hörte nichts mehr – sein Gesicht, noch blässer als das ihrige, neigte sich tiefer über das Bett, und er sog begierig alle Worte ein, die das Delirium der unglücklichen Frau entriß.

„Ich ertrage es nicht mehr!“ fuhr sie unter leisem Schluchzen fort. „Meine Kraft ist gebrochen – die Strafe ist zu schrecklich! [311] Julius, lassen Sie mich – vergessen Sie mich – ich darf Sie nicht mehr anhören! Gehen Sie – ich muß meine verlorene Ruhe wiedererlangen. O wie strafbar sind wir! Joseph ist Ihr Freund – Ihr Bruder – wir haben ihn verrathen! Mein Gott, verzeihe mir!“

Joseph war zur Bildsäule erstarrt. Fürchterliche Gedanken durchkreuzten seinen Kopf. Diese Frau, die er glücklich, schön und tugendhaft verlassen hatte, fand er auf dem Sterbebette wieder, eine Sünderin an den heiligsten Pflichten, eine Verrätherin an der Liebe, die ihm Alles war auf dieser Welt – und der Urheber dieses Unglücks war Julius, sein einziger, sein bester Freund!

Es schien, als ob die Kranke von einem gewaltigen, unwiderstehlichen Drange zum Reden gezwungen würde, als ob die Stimme des Gewissens sie zum Geständnisse und zur Bekehrung aufforderte. Ihre hastig und kurz ausgestoßenen Worte unterbrachen Seufzer und ein heftiges Schluchzen.

„Nehmen Sie Ihre Briefe zurück, Julius,“ fuhr sie fort, indem sie die bebenden Hände ausstreckte – „sie brennen wie Feuer auf meiner Seele – sie tödten mich – vernichten Sie die Papiere – und alle Erinnerungen an unsere verbrecherische Liebe!“

Der arme Joseph vermochte seine Fassung nicht länger zu bewahren, er stieß einen durchdringenden Schrei aus, und sank neben dem Bette nieder, dessen Pfosten er mit vor Schmerz und Verzweiflung bebenden Händen umklammerte.

Durch diesen Schrei schien Louise zum Bewußtsein und zum Leben zu erwachen; sie erkannte ihren Mann, und machte eine verzweifelte Bewegung, als ob sie sich der Papiere, von denen sie gesprochen, wieder bemächtigen wollte. Dann sank die unglückliche Frau in die Kissen zurück, und ihre Glieder erbebten in einer fürchterlichen Convulsion. Der Arzt trat hastig näher, führte den willenlosen Raimund zu einem Sopha, und beschäftigte sich dann mit der Kranken.

Eine ängstliche, unheimliche Stille herrschte in dem Gemache. Die kranke Gattin lag wie todt in ihrem Bette, und der unglückliche Gatte, von gräßlichen Gedanken gefoltert, fast regungslos, einer Leiche ähnlich, in einer Ecke des prachtvollen Polsters.

So verfloß eine halbe Stunde, dann schloß der Arzt die Vorhänge des Bettes und setzte sich zu Raimund, der in diesem Augenblicke aus seinem schmerzlichen Nachsinnen erwachte. Als er die geschlossenen Vorhänge sah, fragte er mit tonloser Stimme:

„Ist sie todt?“

Und zugleich überlief seinen Körper ein kalter Schauder.

„Sie ist gerettet,“ antwortete leise der Greis – „sie wird leben!“

„Gerettet, gerettet,“ schluchzte der arme Mann, „und ich bin verloren!“

Er bedeckte mit beiden Händen das Gesicht, sein Schmerz löste sich in Thränen auf – er begann still zu weinen. Der Himmel hatte ihm seine Gattin wiedergeschenkt, der Freund hatte sie ihm entrissen.

Auch dem greisen Arzte traten die Thränen in die Augen.

„Bedenken Sie,“ tröstete er, „daß die Kranke im Fieberwahne gesprochen hat. Die Phantasiegebilde eines Kranken sind oft so wunderlich, daß sie Schrecken erregen, und dennoch entbehren sie jeder Begründung. Sie haben weder ein Recht, Ihre Gattin zur Rechenschaft zu ziehen, noch weniger aber dazu, sich mit verderblichen Illusionen zu martern. Sie bedürfen der Ruhe, mein lieber Freund, gehen Sie zu Bett. Vertrauen Sie Ihrem Arzte, der zugleich Ihr väterlicher Freund ist; hat sich die Aufregung gelegt, so sprechen wir mehr über diesen Gegenstand, und Sie werden sehen, daß ich Recht habe.“

Geduldig wie ein Kind, ließ sich Raimund in sein Zimmer führen. Der Arzt gab der Kammerfrau noch einige Anweisungen. Dann verließ er das Haus, in welchem der Reichthum, aber auch das Unglück wohnte. Nachdem er seine nahe Wohnung erreicht, holte er ein Paket Briefe hervor. Er öffnete einen derselben, las ihn und flüsterte mit Entsetzen: „Louise ist strafbar! Es ist ein Glück, daß ich mich dieser verhängnißvollen Papiere bemächtigen konnte, welche die Kranke in ihrem Bette zu verbergen suchte. Noch gebe ich das Glück des braven Raimund nicht auf, ich hoffe, daß ich die Verirrte auf den rechten Weg werde zurückführen können. Louise ist von Herzen gut und liebt ihren Gatten; der schurkische Advokat muß ein großer Virtuos in der Verführungskunst sein, daß ihm diese Infamie gelungen ist.“

Der Doctor Friedland verschloß die Briefe in seinem Secretair.


III.

Am folgenden Morgen erschien der wackere Arzt im Hause Julius Morel’s. Der Advokat, ein schöner, blühender Mann von neunundzwanzig Jahren, empfing den Doctor in seinem Arbeitszimmer.

„Was ist das, Doctor?“ rief er aus. „Ihr sonst so heiteres Gesicht ist ernst – bringen Sie mir eine Trauerkunde?“

„Nein, Herr Morel.“

„Wie befindet sich Madame Raimund?“ fragte er mit großer Theilnahme, indem er den Arzt zum Sopha führte.

Der Greis sah den jungen Mann mit einem scharfen Blicke an.

„Sie ist seit gestern außer Gefahr,“ antwortete er ruhig und ernst. „Diese Nacht trat eine heilsame Krisis ein.“

„Gott sei Dank!“ rief der Advokat. „Nun fürchte ich die Rückkehr meines Freundes Raimund nicht mehr.“

„Die Krisis,“ fuhr der Arzt fort, „war heilbringend für Körper und Geist der Kranken.“

„Für den Geist?“ fragte Julius verwundert.

„Oder richtiger, für das Herz, Herr Advokat. Es war in Beiden eine Störung der gewöhnlichen Existenz eingetreten, die durch eine Reaction nun wieder beseitigt ist. Ich besuchte diesen Morgen die Kranke. – Die Genesung hat begonnen, und wenn nicht neue, heftige Gemüthserschütterungen eintreten, so wird Raimund’s, unsers gemeinschaftlichen Freundes, Glück bald wieder feststehen. Den ersten Impuls zu der schweren Krankheit Madame Raimund’s hat ein moralisches Leiden gegeben, gegen das sie lange gekämpft haben muß. Die Frauen sind von Natur schwächer als die Männer, und es ist unsere Pflicht, die Schwachheit nicht zu mißbrauchen, vorzüglich wenn ein Freund darunter leidet.“

„Sie sprechen seltsam, Doctor!“ rief Julius, indem er eine leichte Verwirrung zu verbergen suchte.

„Aber doch für den verständlich genug, der das unbeschreibliche Glück kennt, das Rainnmd in dem Besitze seiner unbescholtenen Gattin findet. Der Arzt hat einen scharfen Blick, mein Herr, und er sieht durch den kranken Körper in die tiefste Seele, die von jenem abhängig ist. In Louisen’s Seele habe ich nun gelesen, daß sie nicht frei von verderblichen Einflüssen ist, daß sie vielmehr in ihrer Eitelkeit Huldigungen empfängt, die das schwache Weib auf Abwege führen. Der Arzt sucht den Quell der Krankheit zu ersticken, wenn er heilen will – Herr Morel, ich bin der Arzt Louisen’s – Sie sind der Freund Raimund’s – ich bitte Sie, zerstören Sie mir meine Kur nicht durch Unvorsichtigkeit.“

„Was soll das heißen, mein Herr?“ fragte Julius wie verletzt. „Mir scheint, Sie setzen Dinge von so zarter Natur voraus, daß sie dem Bereiche eines Arztes fern liegen.“

„Mein Herr,“ sagte ernst der Greis, „eine lange Erfahrung hat mich meine Pflichten und Berechtigungen so genau kennen gelehrt, daß ich deren Grenzen wohl zu unterscheiden weiß. Fürchten Sie also nicht, daß ich sie überschreite, noch weniger aber, daß ich zu falschen Mitteln greife, wenn ich den Grund der Krankheit erkannt habe. Sie fühlen sich verletzt, indem ich als Arzt zu Ihnen rede – dies ist mir ein sicheres Merkmal, daß ich den rechten Punkt getroffen habe. Herr Morel, Ihr Vater hat Raimund’s Glück begründet – wollen Sie, der Sohn, es zerstören?“

„Ich habe nie daran gedacht!“ fuhr Julius auf. „Uebrigens erklären sie sich deutlicher, mein Herr, und aus Rücksicht für meinen Freund Raimund werde ich Sie ruhig anhören.“

„Gut, gut,“ sagte der Greis, „so will ich reden, und Ihnen als Arzt Verhaltungsregeln vorschreiben. Gestern Abend ist Raimund von seiner Reise zurückgekehrt, ich konnte ihm die tröstliche Versicherung geben, daß seine Louise gerettet ist. Was ich in der Kranken erblickt, die von schmerzlicher Reue gefoltert wird, muß zu seinem und seiner Gattin Heile ihm ein ewiges Geheimniß bleiben. Ihre Freundschaft ist dem braven Manne ein Bedürfniß, ich weiß es – setzen Sie Ihre Besuche als ein wahrer Freund fort, achten Sie Louise als seine Gattin, und tragen Sie Sorge, daß er nie, nie die Verirrungen derselben erfahre. Die Brust des Arztes ist ein heiliges Depositum – unser Gespräch ist vergessen, und selbst Louise, die meine Kenntniß ihres Uebels nicht ahnt, [312] darf es je erfahren, damit wir ihr Zartgefühl nicht verletzen. Ich werde über meine Kranke wachen, Herr Morel, und nur wenn ich mich überzeugt habe, daß keine Gefahr mehr zu fürchten ist, ziehe ich mich zurück. Aber bis dahin bin ich der unerbittlich strenge Arzt, der alle unheilvollen Einflüsse mit starker Hand entfernt. Jetzt ruft mich mein Amt – leben Sie wohl, Herr Morel, und erinnern Sie sich dieses Morgens, so oft Sie Raimund’s Haus betreten.“

Der Doctor Friedland ergriff seinen Hut, verneigte sich, und verließ das Haus.

Julius sah ihm einige Augenblicke gedankenvoll nach, ohne sich von seinem Platze zu bewegen.

„Das war eine Drohung!“ flüsterte er. „Der Doctor muß sehr genau unterrichtet sein, er würde sonst diesen Ton nicht angeschlagen haben. Aber wer hat ihm verrathen, daß ich in die reizende Louise verliebt bin, und daß sie meine zärtlichen Aufmerksamkeiten gern annimmt? Er sprach von Reue – Louise war schwer krank – sie selbst! Die alte Meta kann nicht geplaudert haben, da bei der Zerstörung unsers geheimen Verhältnisses ihr eine ergiebige Erwerbsquelle versiegen würde. Ich täusche mich nicht, wenn ich annehme, daß Louise Gewissensbisse fühlt! Diese Krankheit kam mir sehr ungelegen. O, über diese thörichte, schwache Frau! Hat sie nicht selbst das Feuer der Leidenschaft angefacht, das mich verzehrt? Und trägt Raimund nicht selbst die Schuld, da er mir seine Frau empfahl, als er abreiste? Mein Freund ist ein guter Speculant, aber ein schlechter Ehemann. Louise, die junge reizende Frau, fordert eine gluhende Liebe – und er bringt ihr eine kalte, ruhige Neigung. Dieser moralische Doctor verbannt sie schonungslos zu einem freudelosen Leben, und weil sie als gehorsame Tochter dem Drängen des spekulativen Vaters bei der Wahl ihres Gatten gefolgt ist, soll sie nun in dem Umgange mit einem trockenen Geschäftsmanne untergehen – das muß jeder Vernünftige eine grausame Tyrannei nennen. So richtig die Herren mit Waaren speculiren, so arg haben sie sich mit dem Herzen Louisen’s verrechnet. Das sind die Folgen einer Speculationsheirath. Louise steht mir näher als Joseph – ich kann und darf sie nicht aufgeben. Doch ehe ich einen Entschluß fasse, will ich sondiren, und wehe Dir, alter Graukopf, wenn Du Dir eine ungebührliche Freiheit angemaßt, wenn Du in Deiner alten Moral zu weit gegangen bist. Dann mag der Prozeß beginnen, der Mediciner kämpfe mit einem Juristen.“

Nach einer Stunde betrat er Raimund’s Haus. Der junge Kaufmann empfing ihn mit schmerzlicher Freundlichkeit; kein Blick, kein Wort verrieth, was in der verflossenen Nacht vorgegangen.

Joseph’s ehrenhafter Charakter konnte es nicht über sich gewinnen, den Sohn seines Wohlthäters durch einen Vorwurf zu kränken, bevor er nicht vollkommen gewiß war, daß er ihn verdient hatte.

(Fortsetzung folgt.) 




Die englischen Hülfstruppen in der Türkei.
Aus London.

Soldaten waren in England seit der großen Ausstellung, wo ich nach London kam, immer ein sehr untergeordnetes und für mich nur komisches Element des Lebens und Treibens hier. Die unförmlichen, langen, rothen Kerle mit einem Spazierstöckchen in der Hand, einer ganz kleinen, lahtschigen Frau oder Geliebten am andern Arme und einem von Bärenfell gebauten Straßburger Münster (das dicke Ende nach Oben) auf dem Kopfe oder einer kleinen Mütze, ganz weit herunter nach dem Ohre mit dem großen Teller derselben, zuweilen auch etwas „im Schuß“ mit sammt dem unvermeidlichen Anhängsel aus den Königreichen der Küche, diese krebsrothen Kolosse ragten immer nur sehr selten aus der stets wimmelnden schwarzen, backenbärtigen, vatermörderlichen und Oben ganz hutverfilzten Civilisation des Geschäfts und der Bürgerlichkeit hervor. Freilich wenn zufällig einmal ein solcher langenglischer Rothrock mit einem blauen Policeman zusammenstand – welch ein Stolz Englands, welch eine Garantie, eine breite Grundlage der bürgerlichen Freiheit. Jeder der seltenen, einzelnen Erscheinungen von Soldat, bewaffnet mit einem niedlichen, dünnen Kunstwerk von Stock-Meyer in Hamburg und der Policeman mit einer „Flöte“, außerdem decorirt mit der unerschöpflichen Bescheidenheit und Allwissenheit in der Kenntniß von Wegen und Straßen und „wat o Clock it is.“ Fragte ein mit riesigen Zeitungen beladener Junge nach der „Glocke“ oder dem Wege, so wurde das Bild noch beneidenswerther: der waffenlose Policeman zeigt der Presse den Weg, statt sie aufzuhalten. Die Engländer lachten, wenn ich sie auf solche kostbare Lebensbilder aufmerksam machte und meinten, das wäre bei ihnen ’ne alte Geschichte und das verstände sich doch ganz von selbst. Die Glücklichen, sie haben’s ganz vergessen, daß die englische Militär- und Polizeigewalt einst den Schriftstellern mehr Ohren abschnitt, als sie entbehren konnten. Ja, die Barbarei der englischen Geschichte ist stark mit Gras überwachsen. Gewehre und Säbel kommen entweder gar nicht oder nur als Hirschfänger und Jagdflinten freier Jäger vor. Kanonen waren seit undenklichen Zeiten blos vor Freude zu Geburtstagen oder Geburten am civilen Hofe losgegangen. Ich sah und merkte keine Spur von Militär- und Polizeigewalt. Erst als nach dem Staatsstreiche in Paris die Presse von „Invasion“ sprach und daß Napoleon eines schönen Morgens bei Hastings landen könne, schneller als Wilhelm der Eroberer vor 786 Jahren, entdeckte ich den ganz verborgenen militärischen Schatz Englands, der sich überall regte und zeigte und in Chobham ein Lager aufschlug, dergleichen die ganze Generation nicht gesehen. Es wurde wieder still und die kolossalen Rothröcke gingen wieder sehr einzeln mit Spazierstock-Meyer und je einer schönen Hälfte als Raritäten der geldmachenden Welthandelsstadt umher.

Da „Nachts um die zwölfte Stunde verläßt der Tambour sein Grab“ und trommelt die ganze Christenheit und Türkenheit aus dem Friedensschlafe. John Bull, der während der vierzig Friedensjahre fabelhaft viel Geld zusammengeschachert hat, fängt an ernstlich zu untersuchen, ob seine feuerfesten Geldspinden und Handels-Comptoire in aller Welt umher mit Schlüsseln versehen sind, die Sicherheit gewähren gegen den zur „Kirche von Bethlehem“, welcher als erster Aufwiegler zum allgemeinen Kriege emporgehalten ward und als ein Allerwelts-Dieterich alles Privateigenthum von Europa und Asien, so sehr es auch gegen Feuer-, Hagel- und Mottenschaden versichert sein mochte, unsicher machte. John Bull, sagt ein jovialer, friedlicher Kerl, versteht in dieser Beziehung nicht den geringsten Spaß und glaubte es dem friedlichen, greisen, weisen Aberdeen nicht, wenn er sagte, daß Alles nur Spaß sei. Und als gar der Weiseste der Weisen, Palmerston, das Parlament im vorigen Herbste mit der Versicherung entließ, daß Rußland, welches über den Pruth gegangen, seiner Ehre wegen jedenfalls von selbst wieder zurückgehen werde, sagte er Etwas, das kein Tertianer in seiner Ferienarbeit hätte wagen können, ohne daß ihm der Rektor gesagt haben würde, er möge abgehen und Gänsejuuge werden, da er zum Studiren keinen Kopf habe. John Bull, obgleich kein Genie, glaubte nicht an den diplomatischen Schäker und wühlte in allen Kriegshäfen herum, untersuchte alle Schiffe und Casernen und schmolz und goß Eisen und baute Schiffe und machte Flinten und Säbel und rüstete und rüstete, wie er es noch nie gethan, und stellte ein Paar Flotten hin, wie sie die Welt noch nie gesehen und rüstete eine Flotte „nach“, als wollt’ er nicht blos die Erde, sondern auch den Mond erobern. Hat 5000 Kanonen auf dem baltischen und schwarzen Meere schwimmen mit manchen eine deutsche Meile weit tragenden Sechsundachtzigpfündern. Ohne die Enten des Charles Napier und von Dundas und die in allen Häfen der Welt zerstreut liegenden Kriegsschiffe sind unterdessen in den vier englischen Häfen von Portsmuth, Devonport, Chatam und Sheerneß nicht weniger als 161 Kriegsfahrzeuge mit 6807 Kanonen, theils ganz fertig geworden, theils auf dem Wege naher Vollendung. Außer diesen 161 werden noch fünf in Portsmouth, sieben in Devonport, eins in Sheerneß, sechs in Chatam, eilf in Pembroke, vier in Deptfort, vier in Woolwich und eins in Millwall – zusammen 39, gebaut, so daß, wenn die baltische und schwarze Meer-Flotte bis auf Mann und Maus zerstört würden,

[313]
Englische Hülfstruppen in der Türkei.
Die Gartenlaube (1854) b 313.jpg

 Leichte Infanterie.   Officier vom 13. leichten Dragoner-Regiment.
39. Regiment Hochländer.       Offizier vom 6. Dragon.-Reg. (Inniskilling.)
Erstes Grenadier-Regiment.       Artillerieoffizier in Feld-Uniform.       Offizier vom 11. Husaren-Regiment.

rasch eine neue Kriegsflotte von 200 Schiffen mit beinahe 8000 Kanonen vom Stapel laufen konnte, um unsern geschäftlichen John Bull die Geschäfte und die Geldspinden in aller Welt zu sichern.

Und dabei bezahlt er Alles baar, beide Flotten und die Reserveflotte und die Bürgersoldaten zu Hause und die Hülfstruppen für die Türkei und die Schulen und den Unterhalt für die ungeheuere Masse Weiber und Kinder, welche die Soldaten zurückgelassen haben. Und dabei ist kein einziger Soldat gepreßt worden – Alles freiwillig, während noch für Wellington die Leute von organisirten Banden im ganzen Lande umher gestohlen, geraubt, durch List geworben und gekauft, nicht selten im Schlafe überfallen wurden.

Man sieht, es ist jetzt den Engländern Ernst, was sich der Dorfbarbier und alle Andern, die barbieren oder sich barbieren lassen, zu Herzen nehmen mögen. Daß sie nicht blind drein schlagen, zeigt mir, daß es ihnen noch mehr kaltblütiger, gründlicher Ernst ist. Sie haben eben Alles mit der größten Gründlichkeit vorbereitet und nach allen Seiten gedeckt und geschützt, um furchtbar sicher zu gehen. Die englische Courage renommirt nicht und [314] bemüht sich kein Ruhmes-Flittergold anzuhängen. Wer ruhig mitten auf dem neutralen Boden sitzt und seit Monaten alle Tage wieder liest, daß die entscheidende Schlacht noch nicht geschlagen und selbst Spielereien von kriegerischem Mord und Todtschlag sich nicht immer bestätigen, dem geht seine strategische Weisheit aus und er ruft muth- und unwillig, wie die Buben von der Gallerie: „Anfangen! Anfangen! Vorhang auf! Schießen Se los!“

Ich rufe auch mit, denn ich bin kein strategisches Genie, der hinterm Vorhange Bescheid weiß, aber so viel habe ich gesehen, daß man mit der furchtbarsten, kolossalsten Thätigkeit bei Tag und Nacht doch ungeheuer viel Zeit brauchte, um mit 20,000 Mann und dem nöthigen Proviant für Menschen, Pferde und Weiber (die in ziemlicher Anzahl mitfuhren), der nöthigen Munition, den nöthigen Kohlen u. s. w. von England bis nach Gallipoli und Scutari zu kommen. Man sehe sich die Entfernung mal auf der Karte an, denke sich die Hunderte von Meilen einzeln und dann zusammen und dann, daß eine an gutes Essen und Trinken gewöhnte Armee, eine Land-, Fuß- und Pferde-Armee zu Wasser aus dem Abendlande in das Morgenland zu bringen war – so haben wir mit Hülfe dieses leicht skizzirten Vorder- und Hauptgrundes wohl Stoff genug zur richtigen Beurtheilung der englischen Hülfstrnppen in der Türkei. Da sie nicht „in einem Futter“ hinkommen konnten, sondern auf Malta übernachten mußten, bekamen wir im Wesentlichen drei dramatische Hauptbilder, in welchen wir ihre nähere Bekanntschaft machen: Abreisebilder in England, Rasttage auf Malta, Landungs- und Aufenthaltsscenen in Gallipoli und Scutari.

Es ist nach Mitternacht. Selbst in Londons Hauptstraßen ist Leere und die Lampenreihen beleuchten blos einsame Gestalten männlichen und leider auch weiblichen Geschlechts. Nur auf dem Trafalgar-Platze wimmelt und murmelt es um Karls I. Reiterstatue und die hohe Nelson-Säule herum immer lauter und dichter, je näher der Morgen kömmt, größtentheils von Weibern und Kindern, welche in den Armen der Mütter schlafen, aber es diese Nacht sehr oft vorzuziehen scheinen, unbarmherzig zu schreien. Die Erwachsenen verhalten sich ruhig und beruhigen Kinder und Erwachsene. Ihr zäher Geduldfaden reicht durch die ganze kalte Nacht hindurch bis acht Uhr Morgens. Die Garde, welche von hier aus Abschied nehmen wollte, um nach dem Osten abzugehen, hatte schon um vier Uhr fertig sein sollen, und die Frauen, Verwandten und Geliebten deshalb gleich nach Mitternacht zum letzten Stelldichein gebeten. Aber ehe ein englischer Soldat mit Sack und Pack, diesmal in fürchterlichster Vollständigkeit, fertig wird, vergehen die strengsten Ordres auf Zeit wie Spreu. Muß er nicht auch jeden Morgen frisch rasirt sein? Bis acht Uhr hatten sich also die kolossalen Rothröcke mit weißbordirten rothen Leibrocksklappen hinten, fürchterlichen Pelzmützen auf dem Kopfe und sechsfach mit Lederzeug zugeschnürter Brust alle durch die Weiber und Kinder und Enthusiasten, die wiederholt jauchzten und Mützen schwangen, hindurch gedrängt und jeder Weib und Kinder zum letzten Male an das Lederzeug gedrückt. Es mußte angetreten werden. Die Musik schmetterte und donnerte, die Leute jauchzten und heulten und mit gleichem, schwerem, langbeinigem, sonst aber ziemlich ungenirtem und bequemem Schritt marschirte das Regiment ab nach der Eisenbahn, die es zunächst nach der Hafenstadt bringen sollte, wo man Wochen lang unaufhörlich an der Ausrüstung des Schiffes gearbeitet. Das war noch nicht der hundertste Theil. Und mit welchen Schwierigkeiten mußten zum Theil die andern 99 vorbereitet und zu Schiffe und zu Lande oft Hunderte von Meilen weit her bis zum Hafen geschafft werden, von Ireland, von den schottischen Hochlanden und sonst aus unzähligen innern Theilen her! Die Grenadier-Garde, die Füsilier-Garde, die Coldstreams (von Monk in dem Orte Coldstream, Schottland, gegründet und seitdem am Reichlichsten mit militärischem Ruhm bedeckt) das 41ste, 47ste, 49ste, 88ste Linienregiment, das 33ste, 37ste, 77ste der Linien-Infanterie, die beinkleiderlosen Hochländer (39ste) und einige andere Infanterie-Bestandtheile mit ihren Aerzten, Apotheken, Krankenwagen, neuen Testamenten und Bierkrügen, dann die zwei Brigaden leichte und schwere Cavallerie, letztere aus der vierten irländischen Escadron Garde-Dragoner, der fünften „der Prinzessin von Wales“, der ersten Königlichen Dragoner und der sechsten „Inniskilling“, erstere aus der achten „Königs königlichen irländischen Husaren“, der eilften „Prinz Albert’s eigenen Husaren“, der dreizehnten leichter Dragoner und der siebenzehntcn Lanziers (zusammen 2000) bestehend, mußten alle gründlich vorbereitet, ausgestattet, zusammen- und nach dem Hafen gebracht, flott gemacht und so nach und nach in’s Morgenland spedirt werden. Zwanzigtausend Mann für den Krieg, mit Pulver, Blei, Eisen, Pferden, Decken, Wäsche, Testamenten und gutem Rasirzeug!

Unser Bild sagt, wie sie aussehen. Zum Theil fabelhaft kostspielig, und weniger zum Theil geschmacklos und unpraktisch uniformirt und überladen. Am Malerischsten sieht noch der hochschottische Infanterist ohne Beinkleider aus. Er hat doch wenigstens etwas Schottischkarrirtes, Nationales an sich. Es ist eine Art historischer Styl an ihm. Die gewöhnliche englische Infanterie hat sich durchweg einen furchtbaren schwarzen Bären auf den Kopf gebunden, auf dessen Fell die Sonne der Levante gar lieblich warm scheinen muß. Der Soldat kann sich sein Rostbeef unter der Mütze schmoren. Seine krebsrothe, eng zugeknöpfte, weißbelitzte Uniform schimmert in der Sonne sehr weit, so daß ihn der Russe gut treffen kann, zumal da das dreifach über die Brust gespannte und geschnürte weiße Lederzeug die Brust zu einer guten, gefelderten Schießscheibe macht. Die leichte Infanterie hat zum Theil Bären auf dem Kopfe, zum Theil Czako’s in dem alten preußischen Styl mit Sternen und je einem großen Balle darauf.

Die Artillerie, von der eine noch nicht abgeschlossene Zahl hinübergeschafft ward und wird, ist blau und golden und auch beczakot. Am Stolzesten sind die Engländer auf die Roß-Garde, die Leibgarde der Königin, wo jeder Mann zu Pferde für 700 bis 1000 Thaler Kleidung und Schmuck an und unter sich (ohne das Pferd) haben soll. Demnächst sind ihre Augenweide die leichten Dragoner, husarenartig behangen und mit einem breitgeformten Bärenpelze bedeckt, aus dem eine Kugel, aus der Kugel ein schwerer, metallener Halter und aus dem Halter ein fliegender Flederwisch hervorragt. Die Presse hat sich über das Geschmacklose, Schwerfällige, den Muth in der Brust Zusammendrückende, dem Kopfe Verbrennende oder Zerquetschende, das niederträchtig Krebsrothe u. s. w. der englischen Militär-Kleidungsstücke die Finger wund geschrieben: es hat nichts geholfen. Man traut dem Soldaten einmal Alles Gute zu und ist fest überzeugt, daß ein Engländer gleich drei Franzosen gleich zehn Türken gleich vierhundert Russen und überhaupt unvergleichlich sei. Von sachverständigen Militärs habe ich gehört, daß der englische Soldat im sogenannten „kleinen Dienste“, in Scharmützeln und Attaken, überhaupt da, wo es gilt, persönlichen Muth zu zeigen, unvergleichlich, dagegen in der großen Schlacht, in weiten, großen Evolutionen den Russen durchaus weit untergeordnet sei. Sonst versteh’ ich nichts davon; ich will denselben Vorzug des guten Bürgerthums, das die „Bürgerwehr“ wohl vergessen haben wird, bei dem Leser voraussetzen.

Ich bemerke noch, daß Lord Raglan, Sprößling einer alten sächsischen Familie, mit hoher Stirn, die durch etwas kahlköpfigkeit noch erhöht erscheint, Schnurrbart und etwas Haarwuchs zwischen Unterlippe und Kinn, wodurch er sich vortheilhaft vor den englischen Durchschnitts-Physiognomien unterscheidet, Chef-Commandeur der englischen Hilfsstruppen und Ritter des russischen St. Annen-Ordens ist und in dem prächtigen Palaste des russischen Gesandten zu Constantinopel wohnt. Earl of Lucan ist Commandeur der Cavallerie, der Herzog von Cambridge, ein großer, schöner Lebemann im höchsten Style, von dem es früher einmal hieß, daß er statt des Prinzen Albert von der Königin gewählt werden würde, commandirt die Infanterie. Wer das General-Commando über beide vereinigten Heere erhalten soll, ob ein Franzose oder Engländer, war bei dem Niederschreiben dieser Zeilen noch eine große Streitfrage in Varna. Wahrscheinlich giebt England „nach“: die Franzosen sind sehr eifersüchtig und eitel. Fanden sich doch die Engländer schon genöthigt, ihre Fahnen, die mit Waterloo und dergleichen historischen Reminiscenzen decorirt sind, zu verhüllen.

Nun einen kleinen Abstecher auf Malta, das wir dem Leser schon früher gezeigt haben. Lavaletta sieht jetzt aus wie ein Feldlager. Mit den eingebornen Malteser Inselsoldaten finden wir 10 Regimenter (alle sehr klein im Vergleich zu dem continentalen Begriffe von Regiment, ich glaube 6–800 Mann jedes) Engländer, drei Bataillons Garde, zwei Compagnien „Rifle“-Soldaten und vier Compagnien Artillerie, schottische Füsiliere, „Buffs“ (drittes Regiment) Grenadiergarde u. s. w., die alle in ihren verschieden gescheckten Uniformen die Straßen, Kaffee- und Speisehäuser und andere Häuser erfüllen und mit komischem Staunen die seltsamen [315] Costume und die dunkeln Gesichter der Malteser und Malteserinnen, die schnurrbärtigen Kaufleute, die Priester und Soldatenmönche, die barfuß mit Stricken gebunden, umherwandeln, anstarren. Die scharfen Kehltöne der braunen Malteserinnen und die scharfen Blicke aus ihren mandelkernförmigen Augen, das Geklimper der Kirchenglocken, das Trommeln und Signalschießen von Nah und Fern, das Landen und In-See-Gehen von ganzen Regimentern, das Gedränge, der Lärm und die Confusion allenthalben, die schon die Hochschottländer nöthigte, sich zwischen den Bastionen unter ihren Zelten häuslich niederzulassen – das Alles zusammen giebt ein kaleidoskopisches, dramatisches, malerisches Leben, von dessen ewig frischem Farbenwechsel man sich kaum einen Begriff machen kann. Ganze Regimenter Rothröcke, die niemals etwas von verbesserten Schießgewehren gesehen, müssen sich täglich mit den neuen „minié rifles“ üben. Dazu kommen eine unendliche Menge Offiziere und einzelne Soldaten, welche so glücklich waren, sich Colt’sche „Revolvers“ zu verschaffen (es sind schon Tausende nach der Türkei abgegangen) und welche nun einzeln überall umherknattern, daß den Maltesern die Mäuler weit offen stehen. Dabei herrscht strenge Disciplin. Namentlich passen die höheren Offiziere scharf auf Kleider und den Bart auf, der jeden Morgen rein weggeschabt werden muß. Nur einzelne Abtheilungen der Cavallerie haben etwas Feld für Bartcultur. Hoffentlich werden später die Russen warten, bis sich die Armee immer ordentlich rassirt hat. In diesem gebildeten Jahrhundert wird auch der Russe einsehen, daß es besser ist, gut rasirte Menschen todt zu schießen, statt halbbarbarischer Individuen, die das Rasirmesser nicht als das erste aller Civilisationsinstrumente verehren.

Landungen und Landleben in Scutari und Gallipoli, das von englischen Correspondenten an Ort und Stelle auf die reichste Weise ausgemalt und täglich frisch nach London geschickt wird, schildern wir wohl gelegentlich in besondern Gruppen. Hier mir das gemeinsame Bild. Ein Soldatenschiff erscheint in der Ferne. Man schießt hin und her zur Freude. Boote laufen aus, um die Schiffe zu leeren. Die Landungsplätze füllen sich mit türkischen Unterthanen aller Farben und Formen und in jedem Costüm, unter denen das der Lumbacivagabunden und Barfüßler das hervorstechendste ist. Die Boote kommen an und mit gravitätischer Höflichkeit und Galanterie reichen die Türken jedem Rothrock die Hand, als wär’ er eine zarte Dame, um ihm beim Aussteigen behülflich zu sein und beladet sich diensteifrig mit seinem Gepäck und wird für eine Weile zur Salzsäule des Erstaunens, wenn ihm auf eimal eine der vielen Soldatenfrauen die Hand reicht, um sich ebenfalls aus dem Boote helfen zu lassen. Die kunterbuntesten Züge vom tiefsten Schwarz bis zum frischen Käseweiß in den Gesichtern setzen sich nun in Bewegung durch den schon gräßlich entweihten Cvpressenhain, wo die Türken ihre Todten begruben, nach den riesigen Selimskasernen bei Scutari, einer der geräumigsten Paläste, der je für Soldaten gebaut ward, und sucht sich unter der Verwirrung aller Sprachen Gehör, Platz und Bequemlichkeit zu verschaffen. Viele mußten inzwischen in Lagern untergebracht werden. Im Ganzen sieht’s bei den Landungen in Gallipoli ähnlich aus. Von Erhaltung der „Integrität der Türkei“ ist so wenig die Rede, daß überall sofort das Gegentheil hervortritt. Namentlich fingen die Franzosen an, überall, da, wo sie in eine Stadt kamen, die Straßen mit französischen Namenschildern zu decoriren und die Häuser zu numeriren, mit Türken Wein zu trinken und mit Türkinnen zu schäkern. Sie trinken den Kaffee „ohne Satz“ und mit Zucker, sie machen Wege durch die größten Heiligthümer der Türken, die Cypressenhaine ihrer Todten, sie legen sich nicht auf Divans, sondern setzen sich auf Stühle, sie werfen Handküsse in die Harems und exerciren die Türken in französischer Sprache ein.

Die Türken staunen und schlagen die Hände über dem Kopfe zusammen und sagen nur, wenn sie hören, daß man ihnen helfen und sie von den Russen befreien wolle: Inshallah! (Gott geb’ es!) Inshallah ist ein merkwürdiges Wort. Der Türke ruft es aus im höchsten Entzücken und im höchsten Schmerz. Es ist die Interjection des türkischen Glaubens, der in allen Lagen und Stimmungen, die sein Gleichgewicht stören, ihm seine Ruhe nehmen, den großen Allah herbeiruft. Die französischen und englischen Freunde haben ihm seine Ruhe genommen, den Glauben an sie und sich. Und so hört man überall bis Varna und Silistria, bis wohin die vereinigten Hülfstruppen vorgedrungen sind, in Freude und Schmerz tausendfach ausrufen: Inshallah! Inshallah!




Populäre Chemie für das praktische Leben.
In Briefen von Johann Fausten dem Jüngeren.
Sechster Brief.
Sprengen durch den galvanischen Strom.

Aller Augen sind jetzt auf den Norden gerichtet, wo für lange Zeit die Geschicke Europa’s entschieden werden sollen. Auf den Wellen der Ostsee, die kaum den Namen eines Meeres verdient, sondern nur den eines großen Landsees, schaukelt sich eine stolze Flotte, wie sie vorher der Ocean nie gesehen und gegen die selbst die sprüchwörtlich gewordene „unüberwindliche Armada“ des finsteren Philipp II. ein winziges Kind ist. Die öffentlichen Blätter sind voll von den furchtbaren Vertheidigungsanstalten, die längs der ganzen russischen Küste angeordnet sind, und dennoch scheint die Sicherheit, mit der man dort dem Feinde mit ironischem Lächeln entgegensieht, nicht ganz sicher zu sein. Man traut der Anzahl der Feuerschlünde nicht, denn durch alle Blätter lief jüngst die Kunde von einem noch viel furchtbareren – weil es im Finsteren schleicht – Vertheidigungsmittel. Man hat im Plane, von unter dem Wasser her die feindliche Flotte in die Luft zu sprengen. Dem Publikum wird dies als eine neue Entdeckung des Akademikers Jacobi aufgetischt, eines Deutschen, der durch russisches Geld durch und durch Russe geworden, so daß er vor Kurzem sein Vaterland arg schmähete.

Wir haben hier wieder ein Beispiel, aus wie trüben Quellen die Belehrung des Publikums fließt. Hätten die Zeitungsschreiber nur eine Idee von der Wissenschaft, so würden sie gewußt haben, daß dies eine „längst abgedroschene Sache“ ist. Aber bei ihnen heißt es auch: „wem Gott ein Amt giebt, dem giebt’er auch Verstand“. Bei den jetzigen Zeitläuften und dem Umstande, daß diese äußerst interessante Anwendung des galvanischen Stromes so wenig in größeren Kreisen bekannt ist, scheint es gerechtfertigt, wenn wir hier näher darauf eingehen.

Daß Schießpulver durch den elektrischen Funken entzündet wird, wußte schon Franklin, der den Blitz vom Himmel zur Erde herniederzog. Noch jetzt gehört dieser Versuch oder das Sprengen einer mit Knallgas gefüllten Blase aus weiter Ferne mittelst einer Drahtleitung zu den interessantesten Experimenten in den Vorträgen über Physik und Chemie. Shaw in New-York benutzte 1831 zuerst den Funken einer Leidener Flasche, um Felsen zu sprengen. Die Elektrisirmaschine ist jedoch zu einem Gebrauch in der Technik nicht geeignet; einmal ist sie zu zerbrechlich, um den Händen gewöhnlicher Arbeiter überlassen zu werden und dann versagt sie zeitweise, wenn die Atmosphäre feucht und daher ein guter Leiter der Elektricität ist, ganz und gar den Dienst.

Die vielen Unglücksfälle, welche beim Steinsprengen vorkommen, machten dringend eine bessere und sicherere Methode wünschenswerth. Durch Shaw’s Versuche kam Hare, Professor der Chemie an der Universität zu Pensylvania, auf den Gedanken, sich des galvanischen Stromes zu bedienen. Er machte schon darauf aufmerksam, wie vorzüglich diese Entzündung der Minen beim Sprengen von Felsen unter dem Wasser anzuwenden wäre. Aber auch sein Apparat war nicht geeignet zum alltäglichen Gebrauch und daher fand der Vorschlag keine Anwendung, wenngleich die erzielten Erfolge überraschende waren.

Endlich wurde die Sache 1842 von Roberts in’s Reine gebracht. Er stellte vor einer Commission der Highland Society Versuche an, indem er Felsen unter dem Wasser und auf dem [316] Lande sprengte und die hierbei erhaltenen Resultate wurden unbedingt gut geheißen. Nun ist das Sprengen großer Felsenmassen eben so sicher und gefahrlos, wie das Abfeuern eines Gewehrs, außerdem noch wirksamer und weniger Kosten verursachend wie bisher. Besondere Aufmerksamkeit widmete Roberts dem galvanischen Apparat, der die Entzündung besorgt. Nach und nach hat er ihn so vereinfacht, daß jeder Zimmermann ihn verfertigen und jeder Arbeiter ihn mit Erfolg anwenden kann. Der Apparat hat Aehnlichkeit mit dem bekannten Troggapparat; es ist ein hölzerner, wasserdichter Kasten, der jedoch keine Zellen enthält; die Platten sind nur durch Holzleisten getrennt. Statt des Kupfers ist hier das billigere und wirksamere Eisen gewählt und die Anordnung so getroffen, daß die Platten erst im Moment des Losschießens in die erregende Flüssigkeit, die Säure, eintauchen und nach dem Gebrauch sogleich wieder daraus entfernt werden können. Dadurch erzielt man eine weit größere Stromstärke und eine bedeutende Verringerung der Kosten. Für wenige Groschen Säure reicht für ein ganzes Jahr aus, selbst wenn die Batterie täglich im Gebrauch sein würde. Die Person, welche die Schließung der Batterie, also die Entzündung der Mine zu besorgen hat, kann sich noch weiter von dem Bohrloch entfernen und die Schließung durch Ziehen an einer langen Schnur besorgen.

Die Ersparung an Pulver – gegen das gewöhnliche Verfahren – ist von größerer Bedeutung als man auf den ersten Blick glaubt. Bedeutende Sprengungen verursachen viele Kosten. Bei den Philadelphia-Wasserwerken kostete das verschossene Pulver 21,000 Thaler, bei einer neuen Straße nach Edinburg 7000 Thaler und bei Granitbrüchen verschießt man oft auf einmal für mehr als 20 Thaler Pulver.

Um nicht erst für jede Explosion den feinen zwischen den Leitungsdrähten ausgespannten Eisendraht, der durch den galvanischen Strom zum Erglühen gebracht wird, vorrichten zu müssen, hat Roberts Patronen angefertigt, die man in beliebiger Zahl anfertigen kann und die in die Mitte der Pulverleitung eingesetzt werden, so daß die langen in ihr befestigten Drähte noch mehrere Fuß über den Felsen hervorstehen. Nun wird in das Loch ein Pfropf von Stroh oder Werg eingesetzt, so daß ein lufterfüllter Raum zwischen ihm und dem Pulver bleibt, dessen Größe von den zu erzielenden Erfolgen abhängt; dann wird das Loch lose mit Sand ausgefüllt. Die hervorstehenden Drähte werden mit den Zuleitungsdrähten, die zur Batterie führen, verbunden. Letztere sind mit Zwirn übersponnene Kupferdrähte von ungefähr 1 Linie Durchmesser und stärker. Je nach der Stärke der wirkenden Batterie, die sich genau berechnen läßt, kann man die Mine aus beliebiger Entfernung anzünden; nicht allein eine, sondern beliebig viele, die alle durch Drahtleitungen mit der Batterie in Verbindung stehen und dann alle genau zu ein und derselben Zeit losgehen. Auf die Art erlangt man durch eine Reihe von kleineren, zweckmäßig vertheilten Bohrlöchern eine bei weitem größere Wirkung als durch eine einzige große Mine selbst mit stärkerer Ladung. Ja man kann sogar die Felsmassen in Stücke von bestimmten Formen sprengen, während man früher nur regelmäßige Stücke erhielt, die bei der Verarbeitung viele Abfälle lieferten.

Uns liegt ein Bericht vor über Versuche, welche auf Veranlassung des sächsischen Oberbergamts in Schneeberg angestellt wurden. Hier werden die Vortheile der neuen Sprengmethode gebührend anerkannt. Näheren Aufschluß darüber werden einige großartige Sprengungen geben, die in England ausgeführt worden sind.

Die Londonderry-Cotoraine Eisenbahn in Irland geht bei Downhill mittelst zweier Tunnel durch die Basaltfelsen, welche an der irischen Küste in seltener Großartigkeit auftreten. Um die Arbeit zu beschleunigen, führte man die Sprengung mittelst des galvanischen Stromes aus. Die größere Ladung betrug 2400, die kleinere 600 Pfund Pulver; beide wurden durch eine Batterie zu gleicher Zeit entzündet. Kaum war die Batterie geschlossen, so sah man den Fuß des Felsens sich etwas erheben; die obere Masse zitterte und in tausend Spaltungen zerberstend rollte eine Felsenmasse von über einer halben Million Centner in’s Meer. Man hörte einen tiefen hohlen Ton, wie fernen Donner, aber keinen Knall.

Die großartigste und kühnste Sprengung aber wurde wenige Jahre vorher in der Nähe von Dover ausgeführt. Um einen geraden Weg bei der von Folkestone herkommenden Eisenbahn herzustellen, mußte ein nicht unbeträchtlicher Theil des merkwürdig gestalteten Rounddownfelsens, der bekannten Shakspeareklippe, die sich 3/5 Fuß hoch über das Meer erhebt, fortgeschafft werden. In drei großen Kammern am Ende der Schichte barg der Felsen in seinem Schooße den vernichtenden Feind, im Ganzen 18,000 Pfund Pulver, eine Menge, wie sie noch nie angewendet worden. Auf der Rückseite des Felsens war ein hölzerner Schuppen errichtet, aus welchem die drei großen elektrischen Batterien aufgestellt waren. Die Länge der Drahtleitung betrug 1000 Fuß. Man hatte sich vorher eingeübt, um mit Sicherheit das Losgehen aller drei Minen auf einmal zu erreichen. Der Tag der Ausführung wurde auf den 26. Januar 1843 angesetzt. In der Nähe waren Tribünen errichtet und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit harrten viele Tausende in ängstlicher Erwartung auf den Ausgang dieses seltsamen Schauspieles, eines der kühnsten Unternehmen, die je der menschliche Geist ausgeführt hat. Genau 26 Minuten nach 2 Uhr empfand man eine leise Erschütterung des Bodens, darauf hörte man ein tiefes, schwaches, undeutliches und unbeschreibliches unterirdisches Rollen. Herschel vergleicht es mit einem dumpfen Murmeln, das kaum länger als eine halbe Secunde dauerte und so schwach war, daß es nur bei der lautlosen Stille gehört werden konnte. Unmittelbar darauf fing der untere Theil des Felsens an herauszubrechen und beinahe zu gleicher Zeit begannen etwa 500 Fuß in der Breite von der Spitze her geräuschlos allmälig herabzusinken, so sanft, daß die auf dem Gipfel des Felsens aufgesteckte Heggenstange unbeschädigt mit den Trümmern unten anlangte. Die Explosion war also nicht lautkrachend, das Zerklüften des Felsens nicht geräuschvoll. Dies erklärt sich aus der eigenthümlichen Struktur der Kreide und dem zerklüfteten Zustande des Felsens. Die Kreide ist am wenigsten geeignet den Schall fortzupflanzen und am besten, die durch einen schweren Schlag erzeugte Schwingung zu dämpfen. Außerdem war die Kraft des Pulvers so genau berechnet, daß nicht ein einziges Bruchstück weit hingeschleudert wurde und so Gefahr brachte. Als hätte der Felsen seinen festen Zustand mit dem flüssigen vertauscht, glitt er wie ein Strom in das nahe Meer, riß das Ufer in seinem Laufe auf und trieb den Schlamm heftig mit sich fort. Der ganze Vorgang dauerte höchstens 8 Minuten. In einem Augenblick war der Felsen zertrümmert, der durch unzählige Jahrtausende hindurch den vereinten Kräften der Stürme und den aufgeregten Wogen getrotzt hatte; seine Trümmer bedeckten einen Raum von 15 Morgen 20 Fuß hoch mit einem Gewicht von 20 Millionen Centnern. Das giebt uns eine Schätzung für die ungeheure Größe der vernichtenden Kraft. Durch diese Sprengung wurden 80,000 Thaler Arbeitslohn erspart.

Unser Erstaunen wächst um so mehr, wenn wir an die Winzigkeit des Feindes denken, gegen den der menschliche Geist diesen Riesenkampf einging. Die Kreide wird bekanntlich durch die Kalkpanzer von Infusorien gebildet, von den Ueberresten kleiner Thierchen, die unser blödes Auge nicht wahrnehmen kann und von denen Schleiden sagt, daß der Ueberzug einer einzigen Visitenkarte schon ein zoologisches Cabinet von vielleicht 100,000 Thierschalen bildet. Tausende dieser Geschöpfe vermag der Druck eines Fingers zu vernichten. Halten wir die besprochene Thatsache dagegen, so lernen wir, daß in dem Wörterbuche der Natur das Wort „klein“ nicht enthalten ist. Nur wir bezeichnen mit groß und klein das, was sich von dem gewöhnlichen entfernt; die Natur kennt einen solchen Maaßstab nicht, in ihr giebt es nichts Ungewöhnliches.

In England bedient man sich des Sprengenn auch häufig bei dem Niederreißen der Häuser; die Maurer sind hier zugleich auch Minirer und üben so also die Nachtheile ihrer Kunst aus. Diese Thatsache verdient von unserer Seite Beherzigung, da der Fleiß der Maurer sprüchwörtlich geworden und hier und da Sitte zu sein scheint, Gebäude aufzuführen, um sie schnell wieder einzureißen. Die Artillerie eines einzigen Schiffes reichte hin, um alle Häuser der abgebrannten langen Straße in Edinburg in wenigen Minuten „sanft niedersitzen“ zu machen, eine Arbeit, zu der Maurer, bei dem Schneckengange ihrer Arbeit, viele Monate gebraucht haben würden. Bei Abbrechen der Mauern des Schlosses Dunbar löste ein einziger Schuß eine Masse von 3000 Centnern.

Beim Sprengen kann auch mit der Zeit die Schießbaumwolle zu Ehren kommen. Versuche, die in England angestellt worden sind, lehren, daß in Schieferbrüchen ein Gewichtstheil Schießbaumwolle ebenso viel leistet, wie sechs bis sieben und in festern [317] Gestein wie vier bis fünf Theile Pulver. In einem Schieferbruche wurden 11,000 Centner Gestein durch nur 1/2 Pfund Schießbaumwolle sanft von dem festen Lager abgestoßen.

Sprengungen unter Wasser wurden bereits ausgeführt bevor man noch die Wirkungen des galvanischen Stromes kannte, doch waren sie sehr kostspielig und unsicher; unter zehn Versuchen mißlangen mindestens drei. Der englische Oberst Paslay hat die neue Sprengungsmethode unter Wasser so ausgebildet, daß sie dieselbe Sicherheit gewährt wie auf dem Lande. Er hat mit dem Ingenieurcorps zahlreiche Versuche auf dem Medway bei Chatham angestellt. Er entzündete aus einem Boote auf 500 Fuß Entfernung eine am Grunde des Flusses lagernde Pulvermasse, sprengte ein unter dem Wasser liegendes Wrack, dessen Trümmer unmittelbar nach der Explosion mit der emporgeschleuderten Wassermasse an die Oberfläche kamen und in 14 Fuß Tiefe versenkte große Sandsteinblöcke. Die Leitungsdrähte – von 1/8 bis 1/5 Zoll Stärke werden an einem mit siedendem Theer getränkten Tau der Länge nach durch Umwickeln von Hanfgarn befestigt, so daß das Ganze ein einfaches Tau bildet, das sich beliebig aufrollen und ausspannen läßt. Die Patronen werden durch Ueberziehen mit einer geschmolzenen Mischung von Pech und Talg wasserdicht gemacht. Solche wurden mit großer Sicherheit abgefeuert, nachdem sie bereits zehn Tage unter Wasser gelegen hatten. Die Batterie arbeitete stets in freier Luft, oft bei starkem Regen, einmal bei einem heftigen Schneesturme, ohne jemals zu versagen.

Von großem Interesse sind die Sprengungen, welche Pasley 1839–1840 in dem Hafen von Spithead ausführte, um das die Schifffahrt hindernde Wrack des Royal George, der vor 57 Jahren hier versunken war, fortzuräumen. So lange hatte die Festigkeit dieses Linienschiffes den Angriffen des Wassers getrotzt und auch jetzt konnten Ladungen von mehreren Tausend Pfund Pulver nur Stücke davon abreißen. Die ersten Angriffe gegen das ungeheure Wrack begannen am 29. August. Fünf Ladungen, zusammen 360 Pfund Pulver, wurden mit Erfolg zu gleicher Zeit losgebrannt. Die Wirkung glich einem heftigen Erdbebenstoße; die in der nächsten Nähe vor Anker liegenden Schiffe geriethen, ungeachtet ihrer Größe, in ein heftiges Schwanken. Das Wasser blieb jedoch vollkommen ruhig; erst nach einigen Secunden bUdete es unter heftigem Blasenwerfen und Sprudeln einen Kreis, der sich allmälig bis auf 50 Fuß in die Runde ausdehnte. Den 22. September wurden 2320 Pfund Pulver, die von Tauchern längs des festesten Theiles des Wracks befestigt worden waren, aus 500 Fuß Entfernung losgebrannt. Das Wasser, bei einer Tiefe von 90 Faden, dessen Oberfläche ganz glatt und ruhig war, gerieth anfänglich in eine zitternde Bewegung, die kleine unregelmäßige Wellen von nur ein Paar Zoll Höhe erzeugten. Nach drei oder vier Secunden aber erhob sich das Wasser in Gestalt eines großen Bienenkorbes, anfänglich langsam, dann aber rasch und an Umfang zunehmend bis es zu einer Höhe von 30 Fuß emporstieg. Von dieser Höhe herabfallend, bildete es sodann eine Reihe von Ringen, die sich nach allen Richtungen ausbreiteten und von denen der erste wie eine mehrere Fuß hohe Welle erschien. Weder die Erschütterung, noch der Knall war so groß, wie man nach den ersten kleineren Explosionen erwartete. Bei einer zweiten Explosion einer gleichen Pulvermenge hob sich das Wasser jedoch nur halb so hoch. Die ganz in der Nähe liegenden Schiffe wurden zwar heftig umhergeworfen, litten aber nicht den geringsten Schaden.

Es bleibt hier noch sehr zweifelhaft, ob die englischen Meerungeheuer, die „Erfindung Jacobi’s“ mehr zu fürchten haben werden, als den Heldenmuth der russischen Flotte, die ruhig die Küstenstädte bombardiren läßt und eben nur bei Sinope ihre Ehrentage zu feiern scheint. Ueberhaupt scheint der ganze Plan nur in den Köpfen der Zeitungsschreiber zu existiren. Anders wäre es, könnte man durch Taucher das Pulver direkt unter den Schiffen fest machen.

Viel Unglück würde man verhüten, wenn man im Frühjahr beim Aufgehen der Flüsse das Eis auf diese Art sprengen wollte. – Nach Vollendung der unterseeischen Telegraphen zwischen England und Frankreich machte man mit Hülfe der bestehenden Drahtleitung den merkwürdigen Versuch von einem Ufer der Meerenge zum andern ein Geschütz abzufeuern. Beim Entzünden des Pulvers auf so weite Entfernungen hin, bedarf man außerordentlich großer Batterien. Die neueste Zeit hat aber gelehrt, daß man bei Anwendung eines Inductionsapparates, den wir später in Gemeinschaft mit den übrigen galvanischen Apparaten erläutern werden, durch nur zwei Bunsen’sche Elemente Pulver selbst in einer Entfernung von über 3 Meilen sicher entzünden kann.




Das Haus des Präsidenten.

Zwar ist auch in Europa die Zeit vorüber, wo im Frohndienst Stein auf Stein zu kolossalen Bauten aufgethürmt wurde, um der Laune oder den bizarren Einfällen eines Großen zu genügen, der vielleicht, wie in Spanien kaum ein Eskorial mit seinen 36,000 Fenstern und 14,000 Thüren für würdig genug fand, seine Person zu beherbergen. Jene Zeit ist dahin, selbst so sehr dahin, daß in unsern Tagen vergleichsweise bescheidene Regentensitze, wie z. B. das herzogliche Schloß in Braunschweig aus lauter Sparsamkeit zur Hälfte unvollendet blieben. Allein die stolzen, auch jetzt noch benutzten Hallen, die sie uns übrig ließ, mahnen stets an ein Stück Geschichte, von welchem der Amerikaner nichts weiß, wenn er vor dem weißen Hause in Washington steht.

Die Geschichte vom weißen Hause ist kurz! Es ist die Amtswohnung des Präsidenten der großen Republik, und erhielt seinen Namen von der Farbe seiner Mauern. So steht es in der Bundesstadt Washington an den Ufern des Potomak, still und reizend gelegen zwischen Busch und Baum als bescheidener Sitz des Erwählten der freien Männer, die von Long Island bis zur Bai von St. Franzisko wohnen. Die Wohnung des Präsidenten ist so bescheiden wie sein Gehalt von 25,000 Dollars, womit das Maaß von Glanz angegeben ist, mit welchem die Amerikaner den Ersten im Staate umgeben wissen wollen. Den Republikanern der neuen Welt stand es wohl an, daß sie das Kapitol, wo der Kongreß tagt, der die Hauptsumme aller politischen Gewalt umschließt, in gewaltigen Umrissen errichteten, eine sinnbildliche Darstellung der Oberherrlichkeit des Volkes; – für die Wohnung des Staatsoberhauptes konnte man sich so genügsam erweisen, wie man sich erwies!

Schmucklos wie von Außen ist es auch innen im weißen Hause; schmucklos – nicht geschmacklos! Einen Ceremonienmeister giebt es dort nicht, von Antichambriren ist keine Rede und keine Wache ruft Dir irgendwo Halt entgegen oder wehrt hierhin oder dorthin den Eintritt. Auch wird das Auge nicht von Glanz geblendet; keine golddurchwirkten Tapeten schmücken die Wände und keine orientalischen Teppiche bedecken den Boden. An und in dem weißen Hause ist Alles fein bürgerlich und sittig. So aber will es der Amerikaner und Keinem kommt es in dem Sinn, sich deshalb mit weniger Achtung (Ehrfurcht kennt der Amerikaner Menschen gegenüber nicht) der Wohnung seines Präsidenten zu nahen. Außerdem hat die Leichtigkeit, mit welcher man Zutritt beim Präsidenten erlangt, nicht gerade zur Folge gehabt, daß davon übermäßiger Gebrauch gemacht wird; die Amerikaner wissen, daß bei ihnen das Staatsoberhaupt der müßigen Stunden nicht zu viele hat und so kommen nichtssagende Audienzen im weißen Hanse nicht vor. Die Arbeitszeit des Präsidenten hat eine Art Unverletzlichkeit erlangt, und fast immer geht es still in seiner Wohnung her.

Fast immer, – denn bisweilen herrscht doch auch reges Leben im weißen Hause. Der 4. Juli, an welchem Tage im Jahre 1776 die vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit erklärten, ist einer jener Tage, wo sich das weiße Haus füllt und die Amerikaner ihren Präsidenten sehen wollen. Die Toiletten sind dann nicht so bunt wie bei der großen Cour eines Monarchen in Europa, indem der schwarze Frack allein von Galla ist, jedoch die Würde, welche herrscht, ist nicht geringer, wenn es jedenfalls auch freier und ungezwungener hergeht und man sich weniger tief bückt, als in der alten Welt. Zur Zeit des Kongresses ist es der Brauch, daß der Präsident die Repräsentanten des Volkes einige Mal in der Woche gesellig um sich vereinigt, wobei dann auch die fremde Diplomatie, überhaupt die Elite Washingtons und die feinere Damenwelt hinzugezogen wird. Es fehlt den Raouts des Präsidenten nicht an Würze, und wenn auch nicht so und so viel Ahnen erforderlich [318] sind, um zutrittsfähig zu sein, so muß man doch so und so viel Geist besitzen; die Dummheit macht nirgends weniger Glück als in Amerika.

Die Gesellschaften bei dem ersten Beamten der großen amerikanischen Republik bieten in Bezug auf Nationalität der Gäste ein Gemisch, wie es bunter kaum irgend anderswo vorkommen kann. Neben allen Völkern Europa’s, die man daselbst durch ihre stehende Gesandtschaften vertreten findet, begegnet man dort sämmtlichen reinen und gemischten Typen des nordamerikanischen Kontinents, die rothhäutigen Ureinwohner des Landes und die frommen Quäker von Philadelphia; die echten Yankees aus den östlichen und nördlichen Staaten neben den Kreuzlingen französischen und spanischen Blutes aus den Küstenpflanzerstaaten; den unerschrockenen Hinterwäldler, der halb Indianer, halb Yankee ist, Arm in Arm mit dem Sohne deutscher Eingewanderter. Das Alles wogt in den Gesellschaftszimmern des weißen Hauses auf und ab, plaudert in den hundert Dialekten, welche in dem ungeheuern Ländercomplex der vereinigten Staaten gesprochen werden, und denkt mitten unter den geselligen Vergnügungen an die Geschäfte des Landes, zu deren Besorgung sich die Meisten in Washington befinden. Sei es in öffentlichen oder eigenen Angelegenheiten, ganz bei Seite setzt der Amerikaner die Geschäfte zu keiner Zeit.

Die Gartenlaube (1854) b 318.jpg

Das Haus des Präsidenten in Washington.

Das weiße Haus hat in den letzten fünfundzwanzig Jahren regelmäßig alle vier Jahre seine Bewohner gewechselt, da während dieses Zeitraums keiner der stets nur auf vier Jahre erwählten Präsidenten wiedergewählt wurde. Seit dem 4. März vorigen Jahres hat es Franklin Pierce inne, dessen Ernennung, in heftigem Kampfe von der demokratischen Partei durchgesetzt, manche Befürchtung in Europa aufsteigen ließ. Der praktische Sinn aller, auch der entschieden demokratischen Amerikaner, bewahrte jedoch den Präsidenten Pierce und seine Partei vor Fehlgriffen, und diejenigen, welche von den gegenwärtigen Tonangebern im weißen Hause handwerksmäßiges Demagogentreiben erwartet hatten, sahen sich getäuscht. Wir wollen damit nicht sagen, daß alle Geheimnisse bekannt sind, welche in dem Arbeitskabinet des Präsidenten verhandelt werden, wenn die sämmtlich in der Nähe des weißen Hauses wohnenden Minister sich zur Berathung daselbst einfinden. Die Sklavenfrage, dieser wunde Fleck der Union, hat erst in den letzten Monaten wieder die ganze Gewandtheit der amerikanischen Staatsmänner in Anspruch genommen, um den unheilvollen Zwiespalt zwischen den freien und sklavenhaltenden Staaten, der schon mehr als einmal einen Bruch zwischen den nordöstlichen und südwestlichen Staaten herbeizuführen drohte, zu beseitigen. Der weite Gebietsstrich Nebraska, der zum Territorium erhoben wurde, mußte die Erlaubniß Sklaven einzuführen erhalten, so sehr sich auch die Abolitionisten dagegen sträubten. Dem Frieden, vielleicht dem Bestand der Union zu lieb, mußte diese Concession gemacht werden.

Bezüglich der auswärtigen Politik hat der Mann im weißen Hause einen leichtern Stand. Die Erwerbung Cuba’s, welche dabei zunächst in’s Spiel kommt, ist eine Herzensangelegenheit aller Amerikaner. Von Zeit zu Zeit, so erst vor Kurzem wieder, wird immer ein Vorwand gefunden zu Händeln mit Spanien um die köstliche Insel; durch Nachgiebigkeit von Seiten Spaniens beigelegt, tritt dann gewöhnlich wieder scheinbare Ruhe ein, darunter gährt und schürt es aber fort, bis das Gelüst nach der Königin der Antillen (s. Gartenlaube Nr. 39 v. J.) jedes Mal heftiger erwacht. Spanien sendet jetzt Truppen über Truppen nach der bedrohten Insel, und doch wird diese voraussichtlich ihrem Schicksal nicht entgehen. Cuba kann sich übrigens ein solchen Schicksal gefallen lassen. Eine andere, ebenfalls seit Jahren reife Erwerbung steht den Amerikanern im stillen Ocean bevor, wo der König der Sandwichsinseln (s. Gartenlaube Nr. 8 d. J.) des Regierens müde ist und sein ganzes Land der Union einzuverleiben gedenkt. Das durch die Wirren im Orient beschäftigte Europa wird zur Stunde weniger als je den jungen Riesen in seinem Anwachsen aufhalten, und Alles wird mit ein Paar scheelen Gesichtern der englischen und französischen Minister abgemacht sein, wenn die im weißen Hause gehegten und gepflegten Pläne reif an’s Sonnenlicht hervortreten.

[319]
Mein erster Wallfisch.

„Ihr müßt wissen, meine Herren, „erzählte mein Freund, als wir bei einer Tasse Thee im traulichen Zimmer saßen, „daß ich meine Laufbahn als Apotheker angefangen habe. Jetzt bin ich das freilich nicht mehr, so wenig wie ein Ellenreiter. Ich bin – doch darauf kommt es nicht an. Ich war also in meiner Jugend in einer Apotheke und handthierte ein Paar Jahre mit Mörser und Keule. Eines Morgens, als ich gerade Augenwasser für die alte Gräfin Kinkerlicky zurechtmachte, rief mich mein Prinzipal, der zugleich mein Onkel war, zu sich und sagte:

„Tim, mein Junge, ich will einen Mann aus Dir machen. Du mußt in einer halben Stunde nach der Baffingsbai abgehen! Du bist Chirurgus auf dem Wallfischfahrer „Jupiter.“ Fünfzig Pfund für die Fahrt, Du Schelm, nebst Kost, Wohnung und Wäsche. Doch halt! Ueber die letztere bin ich nicht ganz sicher.“

„Ich war ganz verdutzt und wußte nicht, wie mir geschah. Ich war jedoch damals schon so voll von Principien, daß ich mich nicht enthalten konnte, meinem Oheim demgemäß zu erwiedern: „Onkel, sagte ich, ich habe erst ein Jahr studirt, und kann die Verantwortlichkeit nicht über mich nehmen, Beine abzuschneiden, bis ich mehr von der Anatomie und Physiologie verstehe.

„Was bist Du für ein Narr! sagte mein Onkel darauf, der ein kleiner brünetter Mann war, und Napoleon glich, den Alten meine ich, nicht den jungen.

„Ich wollte eben weitere Einwendungen machen, da kam aber gerade der Rheder des „Jupiter“ herein und ich mußte still schweigen.

„Ist Euer Neffe einverstanden?“

„Ja wohl!“

„Ich wollte den Mund aufmachen, aber mein Onkel trat zwischen mich und den Rheder, und ich mußte davon abstehen.

„Nun, dann kommt, Doctor!“

„Jetzt wurde ich vollends roth vor Schaam, als ich Doctor genannt wurde. Ich Springinsfeld, der ich eine schmutzige Schürze umhatte und nach Kastoröl, Opodeldoc und Gentiantinktur roch – ich sollte mit einem Mal einen Doctor spielen! Was blieb mir aber übrig ? Ich mußte meine Schürze abnehmen und dem Rheder folgen.

„Ich fürchte nur, Herr, daß meine medizinischen Kenntnisse – begann ich, als wir in das Menschengewühl traten, das uns von meinem Onkel trennte, er schnitt meine Bedenken aber kurz mit den Worten ab: „Schon gut, wir wissen schon Alles.“

„Damit kamen wir nach dem Kai, wo ein Langboot in Bereitschaft lag und ich wurde ohne weitere Ceremonie an Bord gewiesen.

„Na, leb wohl, Tim, sagte mein Onkel zu mir, ich wollte Dir wohl noch etwas Taschengeld geben, Junge, aber die Esquimaux da unten kennen doch keine Münzen!“

„Ich hatte weder Vater noch Mutter und nun verließ mich auch noch mein Onkel. Zu welchem Schicksal, war klar. Ich war noch nicht aus den Flegeljahren. Das Boot flog wie ein Pfeil hin und brachte uns nach dem „Jupiter,“ der zum Abfahren bereit, unruhig auf und ab wogte.

„Habt Ihr den Doctor mit?“ rief eine Stimme durch ein Schallrohr.

„Ja!“

„Dann paßt auf!“

„Der „Jupiter“ machte eine Wendung, ein Strick flog uns zu, wir kletterten herauf und in drei Minuten waren wir vor Wind und die Thürme von W– schwanden aus unserm Gesichtskreise. Ich wurde seekrank und man beorderte mich in die Kajüte. Dort blieb ich zwei oder drei Tage, bis die Krankheit vorüber war. Dann stieg ich herauf und wurde über das Wie und Wo meiner Anstellung als Chirurgus der guten Barke „Jupiter“ in Kenntniß gesetzt.

„Jeder Wallfischfahrer mußte gesetzlich eine Art Chirurgus mit sich führen, und nahm dazu gewöhnlich einen Studenten der Medizin, der eben seinen Cursus gemacht hatte. Der Jüngling, den der „Jupiter“ dazu engagirt hatte, war aber mit einem Male durch die Aussicht auf die Seefahrt so in Schrecken gesetzt worden, daß er fortgelaufen war. Was blieb dem „Jupiter“ übrig? Capitain Junk wollte den guten Wind nicht um so einen Schlingel von Doctor verlieren, und erklärte, er wolle seine Leute schon selbst kuriren, der Rheder wollte aber die gesetzliche Strafe nicht riskiren, und wendete sich daher in dieser Verlegenheit an meinen Onkel. So mußte der „Jupiter“ so lange in der Rhede liegen, bis ich eingefangen war.

„Der alte Junk war ein Teufelskerl. Er war im Stande, einen Matrosen oder einen seiner Bulldogs ohne viele Vorrede niederzuhauen, wenn sie ihm in die Quere kamen, aber das geschah nur, wenn sie ihn in Harnisch setzten. Sonst war er nicht grausam, und wenn man ihm seinen Willen that, so sanft wie ein Lamm. Ich erkannte dies bald und lebte ganz gut mit ihm. Ich corrigirte ihm seine Federn, spitzte seine Bleistifte und rollte seine Karten auf, machte ihm den Thee und so dergleichen.

„Aber, wenn Ihr nun Kranke zu behandeln hattet?“ fiel ich ein.

„Pah! es gab keine Kranken. War einer von den Matrosen unwohl, so gab ich ihm Liqueur aus Zucker, und der bekam ihnen vortrefflich. Matrosen sind fast immer gesund.

„Aber wenn sie nun Arme oder Beine brachen?“

„Pah, sie wußten, daß ich mein Diplom nicht hatte und hüteten sich daher, Arme und Beine zu brechen. Ich hatte also gute Zeit am Bord des „Jupiter“ und unterhielt mich ganz gut. Allmälig wurde es aber verteufelt kalt und ich hätte arg frieren müssen, wenn ich nicht glücklicher Weise in dem Koffer meines Vorgängers gute warme Kleider gefunden hätte. Seine Mutter hatte für diesen offenbar auf das Beste gesorgt.

Endlich kamen wir nach dem Nordpol und legten vor einem weiten Meere von Eis vor Anker. Der alte Junk kletterte nach dem Krähennest, das sich, wie Ihr wissen werdet, auf dem Hauptmast befindet, um nach Wallfischen zu sehen und ließ sogleich die Boote in Stand setzen. Das war am Freitag Morgen. Die Boote wurden voll bemannt und nur der Capitain, ich und drei Schottländer blieben zurück. Ihr müßt nämlich wissen, wenn ein Wallfischfahrer nicht Leute genug hat, so legt er an den Schelllandsinseln an, wo er immer arme Teufel genug findet, die mit ihm gehen, und zum groben Schiffsdienst ganz brauchbar sind.

„Bald nachdem unsere Boote fort waren, trat ein dicker Nebel ein, so daß wir kaum unser Bugspriet sehen konnten. Er hielt Tag und Nacht an und Junk wurde unruhig. Am nächsten Morgen war es noch eben so nebelig – wir riefen, feuerten unsere Kanonen ab und machten allen möglichen Lärm – kein Ruf kam zurück. Keine Boote waren in Sicht.

Wir waren zwar um die Leute nicht besorgt, denn sie hatten Lebensmittel genug und konnten sich auch mit ihren Büchsen Wild schießen, wir hatten auch keine Furcht, daß sie nicht wiederkehren würden, denn sie waren aller Wahrscheinlichkeit nach bei dem Aufeisen aufgehalten worden. Aber Junk konnte es seinem heftigen Charakter gemäß nicht ertragen, daß er so ganz ohne Nachricht blieb. Er ging in steter Erregung auf dem Verdeck auf und ab, und konnte weder schlafen noch essen. Am Sonntag Morgen beschloß er darauf, eine Entdeckungsexpedition auszusenden, die ich kommandiren sollte. „Doctor, sagte er zu mir, ich bin besorgt wegen der Boote – zieht Eisstiefeln an, nehmt eine Pike und geht nur über das Eis – vielleicht ist’s da klarer, und wenn Ihr ein Paar Meilen vorgeht, können sie Euch besser hören als uns. Ich kalkulire, wir liegen hier an einer langen Eiszunge, und wenn Ihr in rechtem Winkel eine halbe Stunde vorgeht, müßt Ihr an klares Wasser kommen. Merkt Euch aber Euere Spuren im Schnee, damit Ihr Euch zurückfinden könnt. Ich will Euch einen von den Schottländern mitgeben.“

„Ich sah wohl, daß die Spedition nicht ohne Gefahr war, aber ich war des ewigen Einerleis in dem Nebel müde, und wollte auch vor dem alten Junk meinen Muth zeigen. Ich willigte also ein.

„Darauf wurde ich für die Reise ausgerüstet und ich machte mich mit dem Schottländer guten Muthes auf den Weg. Wir gingen die angegebene Richtung entlang, riefen fortwährend und gingen so ein Paar Stunden. Der Nebel blieb aber immer derselbe. Endlich hörten wir etwas wie das Geräusch der See zu unserer Rechten. Das belebte unsere etwas schwach werdenden Geister, denn die Beschwerlichkeit, die uns das Gehen auf dem Eise verursachte und das stete Forthelfen mit der Pike, hatte uns müde gemacht und wir schritten ermuthigt dahin, bis wir den Rand des Wassers erreichten. Hier sahen wir die Bucht einer Bai vor uns, über die hinaus, so viel wir bei dem Nebel sehen konnten, wieder Meilen weit Eis lag. Das Wasser war ungefähr eine Viertelmeile breit. Wir standen an dem Vorgebirge und schrieen, so laut unsere Lungen es erlaubten, erhielten aber keine Antwort und entschlossen uns daher, nach dem „Jupiter“ zurückzukehren. Seitdem wir unsere Reise angetreten, hatte es ab und zu geschneit, wir hatten indessen keine besondere Unbequemlichkeit davon gehabt. Jetzt sahen wir aber zu unserm Schrecken, daß, je weiter wir vorgingen, desto mehr auch unsere Fußtapfen verschwanden. Ich wollte meine Furcht nicht zeigen, um meinen Gefährten nicht zu entmuthigen, er hatte nicht diese Rücksicht gegen mich, sondern brach sogleich in Thränen aus und erklärte, wir würden nie mehr nach dem Schiff zurückkommen, sondern vor Kälte und Hunger sterben oder von Bären gefressen werden.

„Ich dachte freilich bei mir, etwas der Art könnte wohl passiren, war indessen zu stolz, um vor dem feigen Schottländer meine Furcht zu zeigen und bot ihm daher die Spitze.

„Seid stille, Ihr alte Memme, sagte ich. Doctorcn sterben nicht vor Hunger und Kälte und was die Bären betrifft, so will ich den sehen, der mich fressen will. Wenn jetzt einer käme, würde ich ihn bei der Kehle packen und beim Zapfen festhalten, dann würde er wohl, meine ich, genug haben.

„Der Schottländer sah mich erstaunt an, denn ich war noch ein schlankes Bürschchen. Da er aber sah, daß ich ein gehöriger Eisenfresser war, so ergab er sich mir.

„Was wollt Ihr thun, Doctor?“ fragte er ganz demüthig.

„Thun? Was, wir gehen den Weg zurück, den wir gekommen sind, zu unserem Schiff. Es liegt auf der andern Seite des Eises und wir brauchen blos herumzugehn. Wir werden es sicher bald treffen. Also vorwärts.“

„Wir Waren diesmal schon sehr müde, versichere ich Euch. Wir gingen also zurück, entdeckten aber zu unserm Mißbehagen, daß der Schnee auch unsere letzten Spuren verwischt hatte und mußten daher unsere Richtung ganz auf’s Geradewohl suchen. Nach einer langen mühsamen Wanderung kamen wir wieder an die See. Unsere Freude darüber war aber nicht groß, denn wir sahen bald, daß wir nur an die andere Seite der Bai gelangt waren, die wir verlassen hatten. Das war nicht sehr einladend, und wir waren so erschöpft, daß wir nur noch, um unser Leben zu retten, eine Viertelmeile uns weiter schleppen konnten. Jetzt sah es in der That so aus, als sollten wir hier umkommen. Ich verlor aber auch jetzt den Muth noch nicht. Ich hatte eine Pfeife, Taback und Feuerzeug bei mir, und bot meinem Gefährten die Hälfte von dem Kraute an. Der arme Teufel konnte aber weder rauchen noch kauen: „Ich will Euch was sagen, lieber Freund, rief ich ihm darauf zz.

Ihr solltet was Besseres thun, als hier auf dem Eisstück sitzen und heulen, und Euch lieber frisch und wach halten, denn wenn Ihr in Schlaf fallt, so erfriert Ihr und müßt sterben.“

„Ach, Doctor, wir sind verloren. Ich bin müde und wenn die Bären uns wittern.“

„Pah, hängt die Bären! Hier, thut einen Zug aus meiner Pfeife, das wird Euch den Mund wärmen.“

„Er versuchte es, es machte ihm aber nur übel und er gab es wieder auf.

[320] „Doctor, was sollen wir nun thun?“ fragte er flehentlich.

„Was wir thun sollen? Uns ein Wenig ausruhen, und dann wieder aufbrechen. Ich warne Euch aber zum zweiten Mal; wenn Ihr Euch zu sehr der Furcht hingebt, seid Ihr ein todter Mann.“

„Ich war so voll Furcht wie er, zeigte sie aber auch jetzt nicht. Er fiel einige Male in Schlaf, ich weckte ihn aber von Zeit zu Zeit immer wieder auf. So verbrachten wir die Nacht, wenn das stete Zwielicht, das uns umgab, so zu nennen ist, und zuletzt verschwand der Nebel. Ich besaß keine Uhr und weiß daher nicht, wie spät es war. Es war aber gegen Morgen, als der Schottländer, während ich auch ein wenig nickte, mich mit dem Ruf weckte: ein Bär, ein Bär!

„Wu, wwwu, wu–u“, rief etwas, das einem Bären gleich sein konnte, zuweilen rasch hinter einander wie eine Locomotive und dann wieder leiser.

Ich spitzte die Ohren und griff nach meiner Pike. Nachdem ich ein Paar Mal hingehört, fand ich zu meiner Befriedigung, daß der Ton aus der See kam, und bald darauf sah ich eine glänzende Masse, die wie ein großer Mahigoniblock aussah, auf mich zuschwimmen. Das Wasser war dabei ganz ruhig, denn des Thieres Flossen waren ruhig, und es bewegte sich nur mit dem Schwanz langsam vorwärts.

„Wu, wu“, stöhnte der Wallfisch und ich und der Schottländer wir waren ganz starr vor Erstaunen auf das Wunder. Hätte ich eine Harpune gehabt, ich hätte ihn so leicht wie einen schlafenden Hund durchbohren können, aber was hätte uns Beiden halbtodten Leuten der Wallfisch nützen sollen!

„Ich hatte noch nie einen Wallfisch gesehen, und kannte ihn nur aus Beschreibungen. Ich wußte, daß Leviathan zuweilen an die Oberfläche kommt, um Luft zu schöpfen und dann wieder untertaucht. Mir kam es aber so vor, als geschehe sein Athmen sehr unregelmäßig, und ziehe er das Oxygen länger an sich, als es ein gesunder Fisch thun würde. Konnte dies daher nicht ein sterbender Wallfisch sein, der hierher gekommen war, um sein Leben in Gegenwart zweier menschlichen Wesen auszuhauchen, die wahrscheinlich bald demselben Schicksal folgen würden? Dieser Gedanke gab mir neue Frische und über diese interessante Frage vergaß ich für eine Zeit lang Hunger und Kälte. Nicht so der Schottländer. Seine Neugier war bald zufrieden gestellt und trotz aller meiner Ermahnungen verfiel er in eine Art Starrsinn, der in solcher Lage das Vorspiel zu dem Tode bildet.

„Er war aber noch nicht todt, und der Wallfisch war es auch nicht, und so lange er am Leben war, konnte ich mich der Hoffnung nicht entschlagen, daß etwas zu unserer Befreiung geschehen könnte; was, wußte ich freilich noch nicht. Weiteres Umhersuchen war nutzlos, denn meine Kraft hatte mich verlassen und ich war erschöpft durch Hunger und Kälte. Ich setzte mich daher nieder und beobachtete den Wallfisch. Er athmete immer schwächer und unregelmäßiger. Er war ersichtlich krank. Aber woran? War er vielleicht harpunirt worden und die äußere Blutung hatte aufgehört und die innere hatte begonnen, oder hatte ein Schaalthier ihn verwundet oder wollte er der Natur überhaupt nur seinen Zoll abtragen, denn weshalb sollten die Wallfische nicht so gut sterben, wie alle andern Thiere? Diese Frage beschäftigte mich länger als eine Stunde. Die Lösung sollte mir aber nicht lange verborgen bleiben. Nachdem er sich wie ein schwerfälliger holländischer Ostindienfahrer umhergewälzt, legte sich das Ungeheuer auf den Rücken, streckte den Kopf in die Höhe und versank dann mit einem Male in den Abgrund der See. Er war noch nicht ganz todt und sank auch nicht ganz unter, und ich beobachtete daher mit steigendem Interesse die Zuckungen seiner feinen Muskeln, indem ich unwillkürlich daran denken mußte, wie schwer allen Kreaturen der Abschied vom Leben wird. Ich wußte, daß nach dem Tode sich gewisse Gase entwickeln und daß der Cadaver auf der Oberfläche erscheinen mußte und lauerte daher voll Begier auf diese Erscheinung. Inzwischen nahm aber eine neue Gefahr meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Das Eis um mich herum begann zu krachen und ich sah plötzlich, daß ich auf einem festen Block stand, den die See zu isoliren und zu zermalmen suchte. Es entstand ein Lärmen wie von Kanonenschüssen. Ich rüttelte den Schottländer, er blieb aber unempfindlich. Da überkam mich ein Gefühl, als ob auch mir der kalte Tod die Hand auf die Schulter legte.

„Da – o Freude – erblickte ich mit einem Male ein Boot in der Ferne. Ich rief, so laut ich konnte, die Matrosen achteten aber nicht darauf, sondern das Boot glitt ruhig weiter. Jetzt überkam mich wilde Verzweiflung. Ich stampfte den Boden, raufte mein Haar und rief auf’s Neue. Sie ruderten noch immer weiter. O, diese Menschen haben kein Herz – es sind Ungeheuer in Menschengestalt – da kam mir plötzlich eine Idee, ich hatte ja ein Mittel, ihre Selbstsucht, ihr Interesse zu erregen. Zu meinen Füßen lag der Wallfisch, der mehrere Hundert Pfund Sterling werth war, und nach dem sie sicher steuern würden, wenn sie es wüßten. Ich raffte also meine letzte Kraft zusammen und schrie aus vollem Halse:

„Ein Wall, ein Wall, ein Wall!

„Dieser Ruf schien wie Musik in ihre Ohren zu dringen, denn sie legten sogleich nach mir um. Mittlerweile hatte die See meinen Eisberg gelockert und ich stand darauf wie auf einer schwimmenden Insel, umrauscht von den Wogen.

„Wo ist der Wallfisch? fragte der Harpunier des Bootes.

„Hier, hier!“ erwiederte ich, indem ich nach der Stelle zeigte, wo der Wallfisch verschwunden war.

„Was macht Ihr hier?“

„Ich bin der Chirurgus des Jupiter und suche nach dessen Booten. Ich und der Schottländer hier wir haben unsern Weg verloren und ich fürchte, er ist im Sterben.“

„Wir dachten, Ihr wäret Esquimaux und wollten Euch deshalb nicht antworten.“

„Jetzt tauchte der Wallfisch gerade zu meinen Füßen auf, und da ich mich jetzt außer Gefahr fühlte, fiel mir auch dessen Handelswerth wieder ein. Ich sprang auf seinen Rücken, um ihn zu reclamiren.

„Ihr seid Engländer, sagte ich, und werdet das Recht achten. Ich nehme Besitz von diesem Fisch als einer der Offiziere des „Jupiter“, unter Commando des Capitains Junk, und ersuche Euch, mir den Preis sichern zu helfen.“

„Doctor, Ihr seid halb erfroren, kommt und nehmt etwas Spirituöses zu Euch, kommt an Bord und wärmt Euch.“

„Ich dankte dem Harpunier für sein freundliches Anerbieten und trat in sein Boot. In demselben Augenblick stieß er aber seine Harpune in den Fisch. Dies war sehr kunstgerecht ausgeführt worden, ich konnte aber nicht begreifen, weshalb er den Finger an die Nase legte und[WS 1] das ganze Schiffsvolk lachte. Ich fragte daher darnach und erhielt folgende Auskunft:

„Doctor“, sagte er, „Ihr seid ein wahrer Grünschnabel. Der Wallfisch gehörte dem Jupiter, so lange Ihr darauf standet, als Ihr aber von dessen Rücken wegspranget, ohne den Besitz zu bezeichnen, gehörte er dem ersten Besten, der ihn markiren konnte. Seht her, das ist die Harpune der Nancy und das Seil der Nancy, sowie das Boot der Nancy, und deshalb ziehen wir den Fisch als den der Nancy mit und, und ich will den sehen, der ihn uns nehmen will. Hättet Ihr nur Euer Messer hineingesteckt und Euer Halstuch daran gebunden, so hätte der Fisch Euch gehört. Merkt Euch das, Doctor, wenn Ihr wieder einmal einen todten Wallfisch findet.“

„Und das ist Gesetz?“

„Abgemacht im Haus der Lords“, was ich nachher allerdings bestätigt fand.

„Wie Ihr denken könnt, machte ich ein traurigen Gesicht. Als ich indessen den Wallfisch verschmerzt hatte, dachte ich an den Schottländer. Er befand sich in einem traurigen Zustande. Nachdem man ihm indessen einige Hülfe geleistet, kam er wieder zu sich, und der Chirurgus der Nancy erklärte nachher, es sei nicht so schlecht um ihn bestellt, er habe nur vier Zehen und drei Finger zu verlieren. Mich nahm man an Bord der Nancy gut auf, aber die Unerfahrenheit, die ich in Bezug auf den Wallfisch gezeigt, blieb das stete Stichblatt der Matrosen, und ich sehnte mich deshalb nach dem Jupiter. Aber kein Jupiter ließ sich sehen und nachdem die Zeit für den Fischfang vorüber war, segelten wir nach dem luftigen England zurück. Nachdem ich dort angekommen, eilte ich gleich zu meinem Onkel und erzählte ihm meine Abenteuer und Gefahren, denn von dem Jupiter wußte man noch nichts. Erst nach einigen Wochen hörte ich, daß mein alter Capitain in Sicht sei und eilte nach dem Kai, ihn aufzusuchen.

„Hoho“, rief Junk, „beim heiligen Georg, das ist der Doctor! Gebt mir Eure Pfote, junger Magnesia. Ich hätte drauf geschworen, daß Ihr längst zum Teufel wäret.“ – „Weiter sagte er aber nichts und wir gingen auseinander.“




Blätter und Blüthen.

Türkische Sprüchwörter. Das türkische Leben und die türkischen Gedichte alter, neuerer und neuester Zeit sind stark mit moralischen Sentenzen gespickt, die sehr häufig als Sprüchwörter im Leben dienen. Daraus zu schließen haben die Türken eine sehr edele Moral. Wir ziehen aus einem großen Werke über die neueste türkische Gnomologie (Spruchweisheit) einige solcher „Gnomen“ aus.

„Wer die Gewohnheit als sechsten Sinn hat, dem helfen die fünf andern nichts.“

„Verstehst Du die Thür der Leidenschaft nicht zu schließen, öffne sie gar nicht.“

„Die Katze wandelt auch unter einer ganzen Heerde von Mäusen noch sicher.“

„Mit der Wahrheit kommen wir nur langsam vorwärts, mit der Lüge gar nicht.“

„Wenn der Vornehme auf dem Kopfe steht, werden Elende auch seine Füße mit Ehrerbietung anreden.“

Gefahr kennt nur der, dem der Muth fehlt, ihr entgegenzutreten.

„Dürre Knochen findet der Hund überall, wie der Schurke Entschuldigungen.“

„Brüste Dich nicht mit Deiner Enthaltsamkeit, Verschnittener des Harems.“

„Wenn Du, Edler, durch Zufall Deines Freundes holdes Weib unverschleiert siehst, dann reiße Dir beide Augen aus, wenn Du Deines Freunden Schwelle wieder betreten willst.“ (Ein radicales Mittel gegen „Hausfreunde.“)

„Das Gesetz ist für die Armen, für die Reichen das Recht.“

„Wer die Rosse bellen hört, ist auch im Recht, wenn er behauptet, daß die Hunde wiehern.“

„Verachte Keinen, den Du nicht kennst. Auch das Blatt den Cactus sieht schlecht aus, aber schwellend in Purpur ist die Blüthe, die aus dem stacheligen Blatte hervorwächst.“

„Auch das edele Zuckerrohr verliert seine Süßigkeit im Schilfsumpfe des rothen Meeres.“

„Der Dummkopf,’ der den ernsten Weisen spielen will, erinnert an den Mohn, der so ernst sein Haupt im Winde wiegt, obgleich wir wissen, wie klein die Körner sind, die darin wohnen.“

Und eine dichterische Lobpreisung des Dichters: „Der Dichter ist der Sultan aller Sultane. Seine Unterthanen sind Tausende von Versen, seine Waffen die Gedanken, die er aus seinem Haupte schleudert; sein Schatz ist die Anbetung der Völker, sein Erbe, das er der ganzen Welt vermacht, der Ruhm, der an seinem Grabe zwischen Cypressen eine Moschee errichtet und den Seinigen durch Jahrhunderte hindurch so lange Kränze flicht, so lange noch ein Sproß seines Stammes das holde Licht der Sonne begrüßt.“


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nnd