Die Gartenlaube (1855)/Heft 1

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]

No. 1. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


Die weiße Rose.
Von A. v. W.


I.

Der erste Januar des Jahres 1850 hatte begonnen. In den Straßen der Residenzstadt M. war es noch lebhaft, und aus einzelnen Häusern erscholl der Jubel fröhlicher Gesellschaften weithin durch die klare, kalte Winternacht. In einem palastähnlichen Hause einer der Hauptstraßen war der erste Stock glänzend erleuchtet, und die Vorübergehenden blieben stehen, um den Tönen einer rauschenden Ballmusik zu lauschen. Vor der mit strahlenden Laternen geschmückten Thür hielten einige Wagen, der zögernden Gäste harrend, die sich den Armen des Vergnügens nicht so leicht entwinden konnten.

Es schlug zwei Uhr im Thurme der nahen Kathedrale, als die Gestalt eines Mannes, in einen großen Pelz gehüllt, zu einem der Diener trat, die im Gespräche an den Stufen der Steintreppe standen.

„Wer wohnt in diesem Hause, Freund?“ fragte er leise.

„Die Commerzienräthin Simoni!“ war die Antwort.

„Und sie giebt den Ball?“ fuhr der Fremde hastig fort

„Ja, mein Herr.“

„Das trifft sich gut!“ sagte der Mann im Pelze, dann dankte er für ertheilte Auskunft, und trat rasch auf die glänzend erleuchtete Hausflur.

Mägde und betreßte Diener flogen die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinauf und herab, ohne sich um den Eingetretenen zu kümmern. Man sah an ihrer hastigen Eile, daß es galt, eine zahlreiche Gesellschaft zu bedienen. Der Fremde beobachtete einige Minuten das geschäftige Treiben, er schien unschlüssig zu sein, an welche der Personen er sich wenden sollte. Da trat plötzlich aus einer der Thüren ein greiser Diener, der einen zierlichen Korb mit kleinen Blumensträußen trug. Der Fremde zuckte freudig zusammen.

„Georg!“ flüsterte er.

Der Greis sah auf und trat überrascht näher. Prüfend betrachtete er das von dem Pelze eingehüllte Gesicht des Fremden.

„Mein Herr,“ sagte er, „ich weiß nicht, wer mir die Ehre erzeigt – –“

„Georg, alter Freund, erkennen Sie mich wirklich nicht wieder?“

„Nein, nein!“ versicherte der Alte.

„Hier kann ich mich nicht entdecken – führen Sie mich in ein Zimmer, wo wir allein sind.“

Der Greis öffnete dieselbe Thür wieder, aus der er erschienen war. Beide befanden sich in einem einfachen Zimmer, das durch eine grüne Schirmlampe matt beleuchtet ward. Der Fremde zog seine Mütze, schlug den großen Pelzkragen zurück, und das feine, bleiche Gesicht eines Mannes, der dreißig bis zweiunddreißig Jahre zählen mochte, ward sichtbar. Dem alten Georg entsank vor freudiger Bestürzung das Blumenkörbchen.

„Himmel,“ rief er, „darf ich denn meinen Augen trauen – Herr Franz?!“

„Ich bin es, guter Georg,“ sagte Franz, dem Greise freudig die Hand schüttelnd. „Franz Osbeck steht vor Ihnen wie er liebt und lebt.“

„Ach, Verzeihung, lieber Herr, wenn ich Sie nicht sogleich erkannte; ich werde nun alt und grau –“

„Und auch ich habe mich verändert, nicht wahr? Sagen Sie es nur frei heraus, daß meine blühende Gesichtsfarbe verschwunden ist, daß ich krankhaft aussehe. Doch lassen wir das, mein alter, guter Freund; ich preise den Zufall, der mich das Haus, und in demselben Sie finden ließ. Vor einer Stunde bin ich angekommen, in dem Hotel erfuhr ich, daß die reiche Wittwe Simoni, die vor einem Jahre aus Hamburg hierher gezogen, nicht weit wohne, und einen glänzenden Silvesterball gebe – ich benutze nun die Gelegenheit, die Schwester meines seligen Vaters zu sprechen, und werde mit Tagesanbruch weiterreisen. Vermitteln Sie mir eine Unterredung mit meiner Tante,“ fügte Franz hastig hinzu, „und Sie leisten mir einen Dienst, den ich Ihnen ewig danken werde.“

„Wollen Sie nicht einige Tage bei uns bleiben?“ fragte Georg.

„Wäre es möglich, ich würde nicht lange säumen; aber jede Stunde ist mir kostbar. Georg, ich muß selbst wünschen, daß meine Tante mir im Geheimen eine Unterredung gewährt, und daß Niemand die Anwesenheit ihres Neffen erfährt.“

„Auch Robert nicht, der einzige Sohn ihrer Tante?“

„Wie, ist Robert hier?“ fragte Franz überrascht.

„Er ist vor einem Monate angekommen, und wird den Winter bei seiner Mutter zubringen. Der Silvesterball ist sein Werk. Madame hätte sicher nicht daran gedacht, ein so glänzendes Fest zu geben, da das Trauerjahr um Herrn Simoni kaum vorbei ist. In den Sälen über uns befindet sich die Geldaristokratie dieser Stadt, und Herr Robert hat nichts gespart um zu zeigen, daß er der einzige Erbe des berühmten Großhandelshauses Simoni ist.“

Franz hatte mit düstern Blicken diesen Bericht angehört.

„Robert ist hier!“ flüsterte er sinnend vor sich hin. „Ich glaubte, der junge Chef der Handlung befände sich in Hamburg. Georg,“ sagte er, „ich habe Gründe, meine Anwesenheit dem Sohne so lange zu verbergen, bis ich die Mutter gesprochen habe. Ihnen [2] vertraue ich mich an, denn ich weiß, daß Sie meinem verstorbenen Vater, dem alten Buchhalter des Hauses Simoni, mehr ein Freund als ein Diener gewesen sind. Georg, ich habe die gewichtigsten Gründe von der Welt, meine Anwesenheit geheim zu halten, und so rasch als möglich weiter zu reisen.“

„Sie, Sie sind hier!“ sagte bewegt der Greis, indem er noch einmal die Hand des jungen Mannes ergriff. „Wohl war Ihr Vater mein Freund, wir hatten keine Geheimnisse vor einander, und haben nicht selten von Ihnen gesprochen – –“

„Still, Georg, still!“ sagte Franz düster. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Treffe ich dereinst dort oben meinen Vater wieder, so werde ich das vor ihm zu verantworten wissen, was ihm in seinen letzten Tagen Kummer bereitet hat. Die Zeit vergeht,“ fügte er unruhig hinzu – „kann ich Ihre Rückkehr hier erwarten?“

„Bereiten Sie sich vor, Madame Simoni zu sprechen!“

Georg half Franz den schweren Reisepelz ablegen, dann nahm er seine Blumen, und verließ das Zimmer.

„Der arme junge Mann!“ murmelte er vor sich hin. „Fast möchte ich glauben, daß sein bleiches, hageres Gesicht und seine unruhigen Blicke bestätigen, was man von ihm vermuthet. Wie blühend und schön war er, als er uns das letzte Mal besuchte – ich hätte ihn jetzt wahrhaftig nicht wieder erkannt. Madame muß ihn empfangen, und sollte ich mich einer List bedienen müssen, ihn einzuführen. Der arme Franz ist ja der Sohn ihres einzigen Bruders und meines besten Freundes!“

Franz Osbeck ging unruhig im Zimmer auf und ab.

II.

Wir betreten eine halbe Stunde früher als Georg den glänzend decorirten Hauptsaal der Wittwe Simoni. Wirthin und Gäste schienen zu wetteifern, den raffinirtesten Luxus zur Schau zu tragen. Man sah einen Flor junger Damen in den reizendsten Toiletten, da war kein Kopf, den nicht schimmernde Blumen, kein Busen, den nicht ein kostbares Diamantgeschmeide schmückte. Paris und London hatten die theuersten und geschmackvollsten Roben zu diesem Feste geliefert. Die Tafel war vorüber, und die von Champagner erhitzten Gäste gaben sich mit einem wahren Feuereifer den flüchtigen Freuden des Tanzes hin. Die bedächtigen Alten saßen in den Nebenzimmern beim Spiel oder an mit Flaschen besetzten Tischen.

Der Sohn vom Hause, Robert Simoni, stand mit gekreuzten Armen in einer der Fenstervertiefungen und sah sinnend dem Tanze zu. Er schien den allgemeinen Frohsinn nicht zu theilen, den er selbst durch seinen Reichthum vorbereitet; mit düster glühenden Blicken verfolgte er ein Tänzerpaar, das aus zwei stark kontrastirenden Personen zusammengesetzt war. Der Tänzer mochte ein Mann von einigen vierzig Jahren sein, er trug einen eleganten Ballanzug von auffallend hellen Farben und strotzte von Goldschmuck. Sein Gesicht war völlig bartlos, aber von vielen Falten durchzogen, die bei dem unaufhörlichen Lächeln stärker hervortraten. Den ziemlich dicken Kopf schmückte eine dunkle Perrücke, die über der Stirn ein hohes Toupet bildete. Seine Tänzerin war die schönste Dame der Gesellschaft, obgleich sie nicht mehr zu den jüngsten zählte, und wir irren nicht, wenn wir ihr Alter auf vierundzwanzig Jahre schätzen. Sie war einfach in dunkle Seide gekleidet, so daß sich ihre elegante Gestalt in dem Kreise der Tanzenden stets unterscheiden ließ. Sie hatte den niedlichsten Fuß von allen, die diesen Abend den Parketboden berührten. An ihrem schneeweißen runden Halse schimmerte eine feine Goldkette mit einem kleinen Kreuze. Den vollen Busen schmückte eine einfache weiße Rose von mattem Silber. Wie der Ausdruck ihres schönen Gesichts waren auch ihre Bewegungen ruhig, aber von unbeschreiblicher Grazie und Eleganz.

„Sie kokettirt mit der bescheidenen Toilette!“ flüstert eine junge Dame ihrem Tänzer zu, die in der Nähe des beobachtenden Robert stand. „Ist das ein Ballkleid?“ fügte sie spöttisch hinzu. „Man sollte glauben, die gute Dame befände sich in einem Trauerhause.“

„Vielleicht hat sie keine große Auswahl von Roben,“ flüsterte der Tänzer zurück.

„Wohl möglich!“

„Wer ist denn diese schwarze Taube?“

„Man sieht sie stets im Gefolge der Madame Simoni – vielleicht eine arme Verwandte. Ich saß bei Tafel neben ihr, – sie spricht nicht viel, aber gut, das muß ihr der Neid lassen. Ihr ganzes Wesen erscheint mir so niedergedrückt – –“

Das Gespräch ward unterbrochen, da die Tänzer von der Fluth des Gallops mit fortgerissen wurden. Der bunte Tänzer mit seiner schwarzen Tänzerin stand jetzt in der Nähe Roberts.

„Ich bitte, mein Herr,“ flüsterte sie, „erlauben sie mir, daß ich abtrete – der rasche Tanz hat mich so erschöpft, daß ich mich unwohl fühle.“

„Befehlen Sie, daß ich Sie in ein Nebenzimmer führe?“ fragte rasch der Stutzer. „Es herrscht in der That eine glühende Hitze in dem Saale.“

Robert trat rasch zu der Dame.

„Wie, Helene, Sie fühlen sich unwohl?“ fragte er hastig.

„Es wird vorübergehen, Herr Simoni, wenn ich mich erholen kann!“ antwortete sie in einem Tone, der ihre Überraschung, aber auch das Bemühen verrieth, die sorgliche Aufmerksamkeit des jungen Mannes von sich abzulenken.

„Ich führe Sie zu meiner Mutter, Helene!“ sagte Robert, indem er ihr mit der Dienstfertigkeit den Arm bot, die seine große Besorgniß um die junge Dame verrieth. „Herr Petersen,“ wandte er sich zu dem bunten Stutzer, „wird mir erlauben, daß ich ihm seine Tänzerin auf kurze Zeit entführe.“

Herr Petersen trat ehrerbietig vor dem reichen Manne zurück; er hatte auf die Bitte desselben keine andere Antwort als ein schmerzlich devotes Lächeln, das er halb an Helene, halb an Robert richtete. Mit eifersüchtigen Blicken verfolgte er das junge Paar, das Arm in Arm in der Thüre eines Seitenzimmers verschwand. Dann zog er sein duftendes Taschentuch hervor, trocknete sich die schweißbedeckte Stirn und trat zu dem Buffet, um durch ein Glas Limonade sein aufgeregtes Blut ein wenig zu beruhigen.

„Ich danke Ihnen, Herr Robert,“ flüsterte Helene, „daß Sie mich von der peinlichen Gesellschaft dieses Herrn befreit haben. Ich wäre vor Ueberdruß umgekommen, hätte ich den Tanz mit ihm beendigen müssen.“

„Es bedurfte wenig Scharfsinns, Ihre Absicht zu errathen; aber, Helene, Sie verzeihen meiner Besorgniß um Sie die Bemerkung, daß der Ball nicht die gehoffte Wirkung auf Sie ausübt –“

„Wie, Herr Robert?“ fragte rasch die junge Dame, die in der That so erschöpft war, daß sie sich unwillkürlich in dem Sopha niederließ, zu dem ihr Begleiter sie geführt hatte. Die Phrase von dem Ueberdrusse an der Unterhaltung war nur erfunden, um Roberts Gefälligkeit zurückzuweisen.

Der junge Mann, der in dem Zimmer keine Gäste sah, setzte sich ihr zur Seite.

„Helene,“ flüsterte er, „mit innigem Bedauern habe ich Ihr stilles, schüchternes Wesen bemerkt, das ich für eine Folge Ihrer Stellung hier im Hause halte; so darf es nicht länger bleiben, und nicht das Mitleid, sondern die Achtung vor Ihnen hat in mir den Entschluß gestaltet, Ihnen die Anerkennung zu verschaffen, die Ihnen mein Herz bei dem ersten Erblicken zollen mußte. Sie wissen, daß ich die Veranlassung zu diesem Feste gegeben habe, daß es Mühe gekostet, meiner Mutter, gegenüber, die geräuschvollen Vergnügungen abhold ist, den Plan durchzusetzen: es ist mir gelungen, und jetzt bekenne ich, von meinem Herzen gedrängt, daß das Fest veranstaltet ist, um eine Abwechselung in Ihr einförmiges Leben zu bringen, mehr aber noch, um Ihnen darzuthun, daß Ihr Verweilen bei meiner Mutter von der höchsten Bedeutung für mich ist. Helene, Sie sind die Königin des Festes und meines Herzens! O zweifeln Sie nicht an der Wahrheit dieser Worte – ich werde sie meiner Mutter wiederholen, damit sie weiß, daß Helene mehr ist, als die einfache Gesellschaftsdame, damit sie erfährt, ihres einzigen Sohnes Glück hängt von Ihnen ab.“

„Mein Herr, mein Herr!“ stammelte die bestürzte Helene, indem sie dem jungen Manne ihre zarte Hand zu entwinden suchte.

„Helene,“ fuhr Robert fort, „ich darf, wenn ich dieses Bekenntniß nicht in einem für Sie verletzenden Lichte erscheinen lassen will, die Bitte nicht unausgesprochen lassen: bleiben Sie immer in unserm Hause, werden Sie die Tochter meiner Mutter, werden Sie meine Lebensgefährtin!“ fügte er mit bebender Stimme hinzu.

Helene saß regungslos vor ihm; sie ließ ihre Hand in der seinigen und eine hohe Purpurröthe erschien auf ihren lilienweißen [3] Wangen. Robert harrte in ängstlicher Spannung ihrer Antwort. Sein ganzes Wesen verrieth die schrankenlose Leidenschaft, die in seiner Brust tobte. Und wahrlich, wie keine Andere war Helene fähig, die Gluth der Liebe in einem jugendlichen Herzen zu entzünden; sie verdiente es, das Prinzip aller Handlungen Roberts zu sein.

Als sie immer noch schwieg, flüsterte Robert mit bebender Stimme:

„Verzeihung, Helene, ich wollte Sie nicht kränken, ich weiß, daß die Liebe einer langen Vertraulichkeit bedarf, um eine offene Erklärung zu wagen; aber zweifeln Sie deshalb nicht an meiner Aufrichtigkeit, ehe ich mich Ihnen entdeckte, habe ich mich geprüft, und ich fand kein anderes Mittel, meinem qualvollen Zustande ein Ende zu machen, als Ihnen meine Hand und mein Vermögen anzutragen! Darf ich mit Ihnen vor meine Mutter treten –?“

Jetzt schlug Helene ihre großen, seelenvollen Augen auf, in denen helle Thränen erglänzten.

„Und wenn Sie sich dennoch getäuscht hätten?“ fragte sie mit vor Rührung zitternder Stimme. „Wenn Sie das für eine zärtliche Neigung hielten, was nichts anderes ist als Mitleid mit einem armen, allein stehenden Wesen, das Ihrer Mildthätigkeit empfohlen ward?“

„Ich schwöre Ihnen, Helene, daß ich mich nicht täusche!“ rief hingerissen der junge Mann. „Dort im Saale tanzen die ersten Schönheiten der Residenz, sie haben sich bis zum Ueberflusse geschmückt, um zu strahlen – sie lassen mich kalt, Helene, und ich bedauere die Anstrengungen, die man macht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Verbannen Sie diese Bedenken, und können Sie meine Liebe erwiedern – – –“

„Herr Robert,“ fiel sie rasch ein, „wie undankbar muß ich Ihnen erscheinen, daß ich auf so ehrende Anträge eine ausweichende Antwort gebe. Es lastet ein Familiengeheimniß auf mir, dessen Bewahrung eine heilige Pflicht ist. Ich sage, es lastet auf mir, und dennoch darf ich es nicht aussprechen, selbst um den Preis des großen Glückes, das Sie mir so eben in Aussicht stellten; und durch Ihre Hand in den Kreis einer hochachtbaren Familie eingeführt zu werden, halte ich für ein Glück, das ich kaum verdiene. Mein Herr,“ fuhr sie unter leisem Schluchzen fort, „ich werde es als ein Zeichen Ihrer wirklichen Achtung halten, wenn Sie mir die Erfüllung meiner Pflicht dadurch erleichtern helfen, daß Sie meine Schuld gegen die Großmuth ihrer Familie nicht vermehren. Herr Simoni, ich kann, ich darf Ihnen jetzt nicht mehr sagen; aber es kommt ohne Zweifel eine Zeit, wo ich meine Dankbarkeit in ihrem ganzen Unfange an den Tag legen kann.“

Dem jungen Manne fehlte der Muth, weiter in Helenen zu dringen. Wie schön, wie heilig erschien sie ihm in ihrem stillen Schmerze, dessen Grund er auch jetzt nicht erfahren sollte, nachdem er sich so rückhaltlos erklärt hatte. Die Zweifel, die sie in sein Herz geschleudert, stachelten die Eifersucht an, und dieser Scorpion steigerte seine Liebe bis zur Anbetung. Wie groß, wie erhaben mußte ihre Neigung sein, da sie es vorzog in einer abhängigen, untergeordneten Stellung zu bleiben, für die sie offenbar nicht geboren war, statt die Hand eines reichen jungen Mannes anzunehmen, um dessen Besitz sie die Töchter der ersten Familien beneiden würden. Robert hatte längst gefühlt, daß Helene kein gewöhnliches Weib war; jetzt vergrößerte sie seine Achtung durch die ruhige Ergebung in ihr Schicksal.

Der Tanz in dem Saale war zu Ende, und das Zimmer füllte sich mit fröhlichen Herren und Damen. Auch Herr Petersen erschien, der Miene machte, sich nach dem Befinden seiner Tänzerin zu erkundigen.

Robert und Helene erhoben sich.

„Ich versprach Ihnen, Sie zu meiner Mutter zu führen,“ sagte er laut. „Sie wird sich in dem blauen Zimmer befinden – ich bitte um Ihren Arm!“

Begleitet von der allgemeinen Aufmerksamkeit der Anwesenden verließen die beiden jungen Leute das Gemach. Sie betraten das blaue Zimmer, und hier treffen sie Madame Simoni. Die Wittwe, eine Frau von einigen fünfzig Jahren und ungewöhnlicher Corpulenz, saß in einem großen Lehnstuhle.

„Gut daß Du kommst!“ rief sie ihrem Sohne entgegen.

„Warum?“

„Es steht uns eine Ueberraschung bevor. Da Du der Veranstalter des Balles bist, wird sie Dir doppelt willkommen sein.“

„Was ist es, Mutter?“ fragte Robert, der immer noch Helenen’s Arm in dem seinigen hielt.

„Ich wollte mich so eben zurückziehen, als Georg einen neuen Gast anmeldete, der mir allein vorgestellt sein wollte, bevor er den Saal beträte.“

„Hat er seinen Namen genannt?“

„Nein. Ich glaube den Empfang nicht verweigern zu dürfen; da ich aber bis zum Tode erschöpft bin, wirst Du bei mir bleiben; um die lästige Zeremonie abzukürzen.“

„Wann darf ich zurückkehren, um Madame Simoni in ihr Zimmer zu begleiten?“ fragte Helene, sich verneigend.

Die dicke Frau reichte lächelnd dem jungen Mädchen die Hand.

„Darf ich Sie bitten, liebe Helene, mich in dem kleinen Kabinette zu erwarten? Ich hoffe, Robert wird mir nach fünf Minuten den Rückzug gestatten.“

Der junge Mann führte Helenen höchst galant zu dem Kabinet, öffnete die mit Gardinen versehene Glasthür desselben, und ließ sie eintreten. Dann schloß er die Thür und kehrte mit einem unterdrückten Seufzer zu seiner Mutter zurück.

„Robert, Du bist verstimmt, während Deine Gäste jubeln!“ sagte sie. „Anstatt Dich im Saale zu zeigen, widmest Du deine ganze Aufmerksamkeit ausschließlich unserer armen Helene – was soll ich davon denken?“

Er neigte sich über den Armsessel zu ihr.

„Mutter, fragte er, hat Ihnen Helene noch keine vertrauten Mittheilungen gemacht? Wissen Sie immer noch nicht mehr als das, was Ihnen der Doctor gesagt hat?“

„Die Empfehlungen eines so würdigen Mannes genügen, mein Sohn, um alles Mißtrauen zu verbannen. Außerdem hat Helene in dem halben Jahre, das sie bei uns ist, sich des Vertrauens würdig gezeigt, das ich in sie gesetzt. Sie ist mir nicht mehr eine Gesellschafterin, die mir die Zeit verkürzt; sie ist mir eine unentbehrliche Freundin geworden. Trotzdem aber kann ich den Wunsch auszusprechen nicht unterlassen, daß Dein Benehmen gegen das junge Mädchen diskreter sein möge. Dies erfordert nicht nur Deine Stellung als Chef des Handlungshauses Simoni, es ist auch nöthig, wenn mein Verhältniß zu ihr dasselbe bleiben soll. Ich würde kein geringes Opfer bringen, müßte ich mich des Umganges des armen Mädchen entäußern. Herr Petersen, ein reicher Kapitalist, hat mir vor einiger Zeit nicht undeutlich seine Absichten auf Helenen zu erkennen gegeben. Ich kann mich nicht entschließen, das gute Kind darauf aufmerksam zu machen; es wird aber geschehen, Robert, wenn –“

„Wenn ich sie anders behandle, als ihre Dienerin?“ fragte Robert spöttisch.

„Wenn Du den Vorsatz ausführst, den Winter hier zu bleiben. Deine Pflicht ruft Dich nach Hamburg, und ich hoffe, Du wirst Deiner Pflicht genügen. Wir sprechen ausführlicher über diese Angelegenheit, Robert, denn sie ist mir von Wichtigkeit.“

In diesem Augenblicke öffnete Georg die Thür, ließ Franz, den Neffen der Wittwe, eintreten, und schloß sie wieder. Mutter und Sohn erkannten den Angekommenen nicht sogleich, der durch seine schlichte, durchaus nicht ballmäßige Kleidung ihre Verwunderung erregte. Franz war erstaunt, Robert vorzufinden, denn der alte Georg hatte ihn versichert, er werde die Tante ohne Zeugen sprechen. Er verneigte sich, trat der Wittwe näher, und küßte ihr ehrerbietig die Hand.

„Ein später und dabei ungeladener Gast!“ sagte er. „Madame Simoni wird dem Sohne ihres Bruders verzeihen, daß er sie den Freuden des Balls auf einige Minuten entzieht.“

„Franz!“ rief überrascht die Wittwe, indem sie den bleichen Mann anstarrte.

Der junge Kaufmann erwiederte den Gruß durch eine kalte, nachlässige Verbeugung, so daß Franz seine Absicht, ihm die Hand zu reichen, nicht ausführte.

„Ich bin auf der Reise,“ fuhr er fort; „ein Zufall setzte mich in Kenntniß, daß die Freuden der Sylvesternacht Sie wach erhielten, und ich zögere nicht, Sie um eine Unterredung bitten zu lassen, die für mich wichtig und Ihnen vielleicht nicht unangenehm ist, da ich Sie meine Tante nennen darf.“

„Der Vetter ist gewiß in Noth!“ fragte Robert in einem spöttischen Tone, der seine feindselige Gesinnung gegen Franz deutlich verrieth. „Wenn dies ist, kann er sich versichert halten, daß unsere Unterstützung ihm die Fortsetzung seiner Reise ermöglichen wird.“

[4] „Robert,“ sagte Franz Osbeck in einem schmerzlichen Ausdrucke, „hat die Zeit immer noch nicht Deine Ansicht von mir geändert? Ich will sie nicht gewaltsam zu meinen Gunsten ändern –“

„Diese Mühe würde auch vergebens sein!“ rief Robert. „Meine Ansicht von Dir steht so fest, daß ich Dich bitten muß, mir Dein Hotel zu nennen und dort die Unterstützung zu erwarten, die ich Dir, ohne daß Du darum bittest, senden werde.“

Franz zuckte heftig zusammen und seine Lippen zitterten, als er sich, mit großer Anstrengung seine Fassung bewahrend zu Madame Simoni wandte:

„Ich bin nur in der Absicht gekommen, die Schwester meines guten Vaters zu sprechen; weist auch sie mich ab, so habe ich in dem Hause meiner einzigen Verwandten auf dieser Welt nichts mehr zu suchen.“

Die Wittwe hatte erschreckt die jähe Gesichtsveränderung des Neffen beobachtet.

„Besuchen Sie mich morgen Mittag wieder!“ stammelte sie.

„Zehn Minuten genügen, liebe Tante!“ bat Franz in sichtlicher Angst. „Ich muß reisen –“

„Hier ist Geld!“ rief Robert, indem er seine kostbare Börse hervorzog und sie dem jungen Osbeck vor die Füße warf „Reisen Sie, mein Herr, reisen Sie in Gottes Namen!“

„Das ist zu viel!“ rief Franz mit erstickter Stimme und indem er am ganzen Körper zitternd, einen Schritt zurücktrat. „Robert, Du bist ein Elender!“ fügte er mit glühenden Blicken hinzu, die seinem bleichen Gesichte ein erschreckliches Ansehen gaben. „Mir, mir wirfst Du wie einem Bettler Deine Börse zu? Ich habe vergessen wollen, doch Du regst meine Erinnerung gewaltsam an –“

„Und wessen erinnert sich denn der Herr?“ fragte Robert, den furchtbar aufgeregten Franz mit spöttischen Blicken messend.

„Daß mir die Hälfte des Vermögens gebührt, mit dem Herr Simoni vor der Welt prahlt! Ja, mein Herr, ich weiß nur zu genau, daß mein guter Vater mehr als der Buchhalter seines Schwagers war. Diese Börse enthält erschlichenes Geld!“ fügte er hinzu, indem er sie mit dem Fuße zurückstieß. „Behalten Sie es, es mag auf Ihrer Seele brennen wie Höllenfeuer! Ihr Vater ließ den alten Buchhalter fürstlich begraben, die Journale strotzten von pomphaften Todesanzeigen, und seiner Treue wurde öffentlich erwähnt; aber sein Geld blieb heimlich in der Kasse. Man erklärte mich für verrückt, als ich meine Ansprüche erhob –“

„Und ich werde diese Erklärung bestätigen!“ sagte Robert in kalter Ruhe. „Wer es wagt, einen Todten in der Erde zu schmähen, ist ein Wahnsinniger. Mutter, Sie sind Herrin vom Hause – ich erwarte Ihre Befehle, wenn Sie nicht wollen, daß ich aus eigenem Antriebe handele.“

Das volle Gesicht der Wittwe war ein wenig bleich geworden; aber mit einem bedeutenden Lächeln sagte sie:

„Der gute Neffe hat die fixe Idee, daß sein Vater stillschweigender Compagnon meines seligen Mannes war, er will durchaus nicht glauben, daß er nur den Posten eines ersten Buchhalters bekleidet und dafür einen jährlichen Gehalt von tausend Thalern bezogen hat – ein schönes Geld für einen einzelnen Mann. Doch streiten wir nicht darüber – die Rechtlichkeit meines Gatten war zu bekannt, als daß ein leichtsinniger Mensch sie mit Erfolg antasten könnte. Damit es nicht scheint, als wolle ich durch Geschenke ein Vergehen ausgleichen, ziehe ich meine Hand von Herrn Franz zurück – wo ist Helene? Ich will nach meinem Zimmer gehen.“

Sie setzte eine Glocke in Bewegung, die neben ihr auf einem Tische stand. Auf dieses Zeichen öffnete sich die Thür des Kabinets, und Helene trat ein.

„Madame! Madame!“ rief Franz in einer fürchterlichen Aufregung. Er wollte fortfahren, aber wie plötztlich gelähmt an Geist und Körper starrte er die eintretende Helene an. Die Aufregung der Mutter und des Sohnes war so groß, daß sie den Zustand des jungen Mädchens, der dem ihrigen glich, nicht bemerkten, eben so wenig den bedeutungsvollen Blick, den sie dem armen Franz zusandte. Zugleich deutete sie mit der zitternden Hand auf die weiße Rose an ihrer Brust. Dieses Zeichen wirkte wie ein Zauber auf den regungslosen Franz; seine Züge belebten sich, in dem kalt glänzenden Auge zeigten sich Thränen, und, beide Hände auf die Brust gepreßt, suchte er den jähen Ausbruch eines freudigen Gefühls zu unterdrücken. Mit übermenschlicher Anstrengung rang Franz nach Ruhe. Die Erscheinung des reizenden Wesens aber hatte zu mächtig auf ihn gewirkt, als daß er die Folgen in sich zu verschließen vermochte. Er bedeckte mit beiden Händen sein Gesicht und begann bitterlich zu weinen. Die Thränen eines Mannes erschüttern das kälteste Herz; Madame Simoni sowohl als Robert konnten dem Weinenden ihr Mitleid nicht versagen. Beide hielten diesen raschen Wechsel seiner Stimmung für eine Wirkung der ausgesprochenen Absicht seiner Tante.

„Sein Verstand hat wirklich gelitten!“ flüsterte Robert so laut der Mutter zu, daß Helene, die neben ihrem Stuhle stand, es verstehen konnte.

Helene sandte einen unbeschreiblichen Blick zum Himmel. Dann wartete sie ruhig auf die Befehle der Wittwe. Außer den ungestümen Wallungen des Busens verrieth nichts die gewaltigen Empfindungen, die in ihr tobten. Ihr Gesicht war bleich, aber ruhig.

Madame Simoni erhob sich.

„Ihren Arm, mein Kind!“ sagte sie artig.

Die Angeredete unterstützte den schwerfälligen Gang der Dame.

„Du wirst, Robert, diesen Herrn zu trösten wissen! “ wandte sie sich im Gehen zu ihrem Sohne.

Aber Robert hörte es kaum; Helene, die ihm in dieser Verfassung noch tausend Mal schöner erschien, hatte sein ganzes Wesen ergriffen. Seine glühenden Blicke schienen das reizende Geschöpf verschlingen zu wollen.

Auch Franz erhob sich und starrte den beiden Damen nach, die langsam der Thür zu gingen. Niemand bemerkte, außer Franz, daß Helene zum zweiten Male auf die weiße Rose deutete, die ihren Busen schmückte. Die Thür schloß sich und Franz und Robert waren allein. Eine peinliche Pause trat nun ein. Der junge Kaufmann hatte nicht den Muth, seinen armen Vetter zu verlassen, der mit gefalteten Händen, als ob er still betete, verklärten Angesichts nach der Thür sah, durch welche die beiden Frauen verschwunden waren. Als ob Franz der Gewalt seiner Empfindungen nicht länger entgegenkämpfen konnte, wandte er sich rasch zu seinem Vetter, und ergriff dessen Hand.

„Robert,“ rief er, „jetzt verzeihe ich Dir, Alles, Alles! Sieh, ich bin ein armer Mann, und ich verhehle nicht, daß ich gekommen bin, Deine Mutter um eine Unterstützung zu bitten. Du hast mich wie einen Bettler behandelt, hast mich einen Wahnwitzigen gescholten – ja, ich bin ein Wahnwitziger, ein Bettler, behandle mich als solchen, aber gieb mir eine Summe, mit der ich reisen und mir in einem entfernten Winkel der Erde eine Existenz gründen kann. Dann sollst Du mich nie, nie wiedersehen. Der arme Franz wird für Dich todt sein, wie mein Vater für Dich todt ist! Du schweigst, Robert, lächelst mich kalt an – o, vergiß meine Beleidigungen, denke, daß sie Dir ein unzurechnungsfähiger Mensch zugefügt hat! Robert, ich will vor Dir knien, ich will kniend bitten: gieb mir von Deinem Ueberflusse, daß ich nicht in den Abgrund des Verderbens stürze, der mich angähnt. Noch kann ich glücklich werden, und Du, Du allein kannst mich glücklich machen!“

Robert zog seine Hand zurück, die der aufgeregte Franz Osdeck noch einmal ergreifen wollte.

„Was ist das?“ fragte er kalt. „Woher kommt diese plötzliche Umwandlung?“

„Frage mich nicht! Frage mich nicht!“ bat Franz.

Mit dem Scharfsinne, den die Eifersucht giebt, hatte Robert nach dem Ursprunge der jähen Umwandlung Franzen’s geforscht. Die Antwort Helenen’s hatte seinen Verdacht geweckt, den Verdacht gegen Alle, die sich in ihrer Nähe befanden. Der spekulirende Kaufmann ging in den glühenden Liebhaber über. Mit einem Blicke übersah er die Lage der Dinge. Helenen’s geheimnißvolles, schmerzliches Wesen, und Franz in dieser Verfassung, seit sie in dem Zimmer erschienen war. Seine Angst wollte Gewißheit haben.

„Reisest Du allein?“ fragte er mit einem stechenden Blicke.

Franz ward plötzlich ruhiger.

„Allein?“ wiederholte er mit unsicherer Stimme. „Wer sollte mich begleiten? Ich bin allein, ganz allein!“ fügte er mit unverkennbarer Aengstlichkeit hinzu. „Rüste mich aus, und wenn der Tag graut, reise ich ab.“

(Fortsetzung folgt.)
[5]
Die Gartenlaube (1855) b 005.jpg

Die drei Gesellen.

Es waren drei Gesellen,
Die stritten wider’n Feind,
Und theten stets sich stellen
In jedem Kampf vereint.

5
Der ein’ ein Oesterreicher,

Der andr’ ein Preuße hieß
Davon sein Land mit gleicher
Gewalt ein Jeder pries.
Woher war denn der dritte?

10
Nicht her von Oestreichs Flur,

Auch nicht von Preußens Sitte,
Von Deutschland war er nur.

Und als die drei einst wieder
Standen im Kampf vereint,

15
Da warf in ihre Glieder

Kartätschensaat der Feind.
Da fielen alle dreie
Auf einen Schlag zugleich;
Der eine rief mit Schreie:

20
Hoch lebe Oesterreich!

Der andre, sich entfärbend,
Rief: Preußen lebe hoch!
Der dritte, ruhig sterbend,
Was rief der dritte doch?

25
Er rief: Deutschland soll leben!

Da hörten es die zwei,
Wie rechts und links daneben
Sie sanken nah dabei;
Da richteten im Sinken

30
Sich beide nach ihm hin,

Zur Rechten und zur Linken,
Und lehnten sich an ihn.
Da rief der in der Mitten
Noch einmal: Deutschland hoch!

35
Und beide mit dem dritten

Riefen’s, und lauter noch.

Da ging ein Todesengel
Im Kampfgewühl vorbei,
Mit einem Palmenstengel,

40
Und liegen sah die drei.

Er sah auf ihrem Munde
Die Spur des Wortes noch.
Wie sie im Todesbunde
Gerufen: Deutschland hoch!

45
Da schlug er seine Flügel

Um alle drei zugleich,
Und trug zum höchsten Hügel
Sie auf in Gottes Reich.

 Friedrich Rückert.

[6]
Ein Besuch im großen Schuldgefängniß zu London.

Es ist merkwürdig, daß ich wegen der Expedition nach der Krim auf die „Bank der Königin“ (wie man Queen’s Bench wörtlich übersetzen müßte), in’s große londoner Schuldgefängniß kam, freilich, Gott sei Dank, weder als Schuldner, noch als Gläubiger, sondern nur als neugieriger Besucher und als Freund eines Lordssohnes, der vom Papa jährlich blos 6000 Pfund (über 40,000 Thaler) Taschengeld bekam und sich daher genöthigt gesehen hatte, jedes Jahr noch zwischen 10 und 20,000 Thaler Schulden zu machen. Also wir wanderten eines schönen londoner November-Nachmittags, d. h. durch eben so dicken Nebel um uns, als Schmutz unter uns, durch das übliche Gedränge und betäubende Rasseln und Knattern von Menschen und Wagen vermittelst der Waterloobrücke über die Themse hinüber und hinunter in das jenseitige oder Surrey-London, wo Alles noch viel rauchiger und schmieriger, noch viel arbeits- und fabrikgrauer, noch viel sorgenvoller und emsiger aussieht, als in dem London diesseits der Themse. Hinunter die lange breite Waterloostraße vor Eisenbahnhöfen, zwei Theatern vorbei mit einem „Magdalenenstift" in der Mitte bis zum Obelisken und der Blindenanstalt hinunter, von wo wir neulich schon einmal eine Expedition links ab nach Bedlam machten. Diesmal wenden wir uns rechts nach dem von fünf Straßen gebildeten großen Vieleck, in dessen Mitte sich das größte Hotel Londons, dieses Schuldgefängniß, wie ein Schloß erhebt mit einem großen luftigen Spielplatze, groß genug, um ein Regiment Soldaten darin exerciren zu lassen. Die einfache Antwort auf die einfache Frage, wen wir besuchen wollten, verschaffte uns ohne alle Schwierigkeiten Eintritt durch das große eiserne Thor in den großen luftigen Vorhof. Ueber 1000 anständige Fenster blickten ganz harmlos, als kennten sie keine Sorge hinter ihren Scheiben, auf eine Menge spielende und lärmende Gruppen herab. Sie spielten Cricket und Rocket (mit Bällen und Keulen) und thaten dabei so ausgelassen, als wären sie Gymnasiasten oder Studenten in Freistunden, freilich die dicken Bäuche und Backenbärte, die verschmitzten Gesichter, aus deren Physiognomieen die Ströme und Stürme und Zuckungen und Leidenschaften des modernen Geschäftslebens die ächte Schminke der Jugend und ihrer freudig pulsirenden Psyche weggeleckt und verwaschen und hier und da mit häßlichen Furchen durchwühlt hatten, das ehrliche und tragische Unglück, das fest auf den Stirnen einzelner, einsam hin- und herwandernder Spaziergänger saß, eifrige Zwiegespräche in diesem und jenem Winkel, stilles Brüten und in die Luft starren, um darin Mittel und Moneten ausfindig zu machen, weinende Weiber und Kinder, die immer wieder umkehrten, um noch einmal und noch einmal Abschied zu nehmen, eifrig herbeieilende Boten, deren Evangelien schmerzliche oder wüthende Convulsionen auf den Gesichtern hervorriefen – dies Alles erzählte ausführlich und deutlich genug, daß hier die Freude und die Hoffnung und das Glück nur Gäste waren und sich vor Thorschluß entfernen mußten, wie wir. Uebrigens behielt ich nicht viel Zeit, weitere Studien unter den etwa 1500 Bewohnern dieses Hotels (das nur noch etwa 300 Zimmer zu vermiethen hatte, während früher oft über die Hälfte leer standen) zu machen, da ich bald unserm neuen Freunde, dem Lordssohne vorgestellt ward und dieser uns durch seinen gefangenen Löwengrimm und seine gastronomischen Vorstellungen, Weine verschiedene Art, Geflügel, Pasteten, Eingemachtes, Gebratenes, Geräuchertes, Geschmortes und Gebackenes aller Art ausschließlich in Anspruch nahm.

Um hier gleich von vorn herein einem Vorwurfe zu begegnen, als wollt’ ich mit der Freundschaft eines Lords leuchten, versichere ich, daß darin gar nichts Schmeichelhaftes für mich liegt. Ich weiß es, daß ich, wie drei Viertel der übrigen Menschheit in den Augen meines hochgebornen Freundes wohl kaum als ein überhaupt nur Geborner, geschweige als ein Ebenbürtiger angesehen werde. Der junge Lord wollte überhaupt nur Leute um sich sehen, um nicht gegen die leeren Wände zu toben und nicht allein zu essen und zu trinken. Die „Ebenbürtigen“ waren alle weit fort und liegen theils elendiglich verwundet oder begraben bei Varna, Balaklava und Scutari. So war es mehr ein Zufall, daß ein Engländer, den ich übrigens im Verdacht habe, daß er dem jungen Lord nicht einmal umsonst Freunde zuschleppt, mich einlud, dem gefangenen Löwen die Zeit vertreiben zu helfen. Ich wußte, daß dies keine ehrenvolle Rolle ist, ging aber doch mit, theils um das berühmte Hotel einmal anzusehen, theils einen gefangenen deutschen Bekannten aufzusuchen.

Und dann hat ja der schuldgefangene Sebastopolstürmer auch so etwas Charakteristisches und Romantisches in seiner Lage. Man bedenke nur, daß ihn sein eigener, leiblicher, im Oberhause sitzender Vater in’s Schuldgefängniß sperren ließ, freilich nicht um schnöder Geldforderungen willen (da er zuletzt immer die Extraläpperschulden des Sohnes von 10–20,000 Thalern jährlich bezahlt), sondern als zärtlichster der Väter, der den jungen Löwen nicht dem Kampfe der „westlichen Civilisation“ geopfert wissen wollte. Der junge Lord (ein zweiter Sohn, denen man in der Regel gute Offizierstellen kauft, um sie für den Mangel der erbenden Erstgeburt zu entschädigen) hatte die ingrimmigste Begeisterung für den Krieg gegen Rußland verrathen, und da er, wie ich selbst sah, auch gefangen sich als den rücksichtslosesten, edeln Hitzkopf zeigte, konnte ich mir seinen tragikomischen Fall und die väterliche Barbarei aus Liebe sehr gut erklären. „Der Junge läuft mir in die erste russische Kanone, die er zu sehen bekommt,“ hatte der alte Lord gesagt und sich vergebens bemüht, ihn zum Verkaufe seiner Offizierstelle zu überreden. Im Gegentheil hatte diese Zumuthung das edele, kriegerische Feuer in dem jungen, nobeln Hitzkopfe noch mehr aufgeblasen, sodaß Vater, Mutter und Geschwister ihn schon im Voraus als Todten beweinten. Da half nun nichts, es mußten Mittel gefunden werden, das Leben des zärtlich geliebten, schönen Wildfangs zu retten. Und so fand sich der Orient, der ihm den Tod drohte, umgekehrt, dem Sohne westlicher Civilisation das Leben zu sichern. Der alte Lord war nämlich zu einem reichen Juden gegangen, der geschäftlich als Freund in der Noth reichen Jungen bekannt war.

„Wie viel ist Ihnen mein Sohn schuldig?“ –

„O, ’ne Kleinigkeit, blos 5000 Pfund, der Herr Sohn haben Credit bei mir auf 10,000 Pfund.“

„Das ist Thorheit. Ich bezahle keinen Forthing mehr für ihn. Suchen Sie zunächst nur Ihre 5000 Pfund zu bekommen, denn da er mit nach der Krim geht und in seiner Hitze sich jedenfalls todtschießen läßt, werden Sie Vorsicht nöthig haben.“

„Was soll ich thun gegen so ’n einflußreichen jungen Offizier?“ –

„Sie lassen ihn ohne Weiteres arretiren, wozu Sie ohne Umstände berechtigt sind, da mein Sohn erwiesener Maßen im Begriff ist, das Land zu verlassen. Die Kosten des Verhaftsbefehles und der sonstigen Proceduren werd’ ich tragen.“ –

Und kurz und gut, so ließ der Vater seinen Sohn einsperren und so saß er mit uns an einer wohlgefüllten Tafel und aß und trank und schimpfte und tobte über die Liebe seines Vaters zu ihm und die Liebe Aberdeen’s zu Rußland und über den von Varna her verpfuschten Feldzug und über die entehrenden Beschränkungen, denen er hier, wie jeder andere gemeine Sterbliche unterworfen sei, und dabei goß er ein Glas starken Portwein nach dem andern hinunter, und hieb mit einer wahren Wuth ein Stück Fleisch nach dem andern von einer mächtigen Rindskeule ab, als bestände jede Faser aus einem Russen, und dabei war er im Grunde doch ganz glücklich über die List, mit welcher es ihm vermittelst seines Dieners gelungen war, die halbe Flasche Wein, die jedem Bewohner des Schuldgefängnisses täglich gestattet war, oft auf 10 Flaschen zu erhöhen, und glücklich über uns, daß wir ihm nur zuhörten und ihn der Qual überhoben, allein zu fluchen und dazu zu essen und zu trinken.

Das Gesetz, welches die spirituösen Erquickungen für jeden Bewohner auf das Maximum einer halben Flasche Wein täglich herabsetzt, ist noch neu. Früher war das Schuldgefängniß oft nichts Besseres, als eine Liederlichkeits-, Trink- und Spielherberge. Kartenspiel ist streng verboten, eben so der Besuch von Damen über Nacht. Daß alle diese Gesetze in der Regel, wenigstens in allen Fällen, wo Geld genug dahinter steckt, übertreten werden, versteht sich von selbst. Die Strafe besteht nach jeder erwiesenen Uebertretung in Einsperrung in den „strong room“ (wörtlich: [7] hartes Zimmer), eine kleine, dunkle Gefängnißzelle, auf Stunden, Tage und Wochen, je nach der Größe und Wiederholung des Vergehens. Unser Lord, der drei ganz fürstlich eingerichtete Zimmer bewohnte, verschaffte sich den ungesetzlichen Wein auf folgende Weise. Sein Diener holte sich jeden Morgen von 12–20 ärmeren Mitgefangenen Ordres auf je eine halbe Flasche Wein und kam damit jeden andern Morgen am Thore der Controle an, wo er für jede Flasche einen Kunden angab. Die Controleurs lächeln, da dem Gesetze Genüge geschehen, und lassen ihn jeden Morgen direct mit dem schweren Flaschenkorbe zu seinem Herrn marschiren. Da der Lord auch jede Nacht Karte spielt und nie mit einem Spiele zweimal, bringt der Diener auch jeden Morgen ein funkelnagelneues Kartenspiel mit. Jeden Morgen wurde gefragt, zu welchem Zwecke er es mitbringe. Jeden Morgen antwortete er, daß der junge Lord Bilder und Gemälde liebe, und er sich diese Kunstproducte mit Muße besehen wolle. Auch das genügt, da das Gesetz zwar Kartenspiel verbietet, aber nicht das Studium schöner Künste. Und da das schöne Geschlecht den Tag über bis 10 Uhr Abends ungehindert Zutritt findet, fehlt es nie an theilnehmenden, zarten Seelen, am Wenigsten dem gefangenen, jungen Löwen. Wer hier Geld hat, genießt alle Freuden des Lebens ohne dessen Sorgen, nur mit Ausnahme des Privilegiums, das ziemlich weite Bereich der äußern Mauern nach Belieben verlassen zu können. Das gilt wenigstens ganz wörtlich von Denen, und zwar ziemlich Vielen, die beschlossen haben, nie ihre Schulden zu bezahlen, sondern hier ihr Leben zu beschließen. So zeigte man mir unter den Cricketspielern einen alten, blühenden, kahlköpfigen, lustigen Gentleman, der wegen 120,000 Pfund Sterling schon seit 12 Jahren „saß“ und nur manchmal besorgt war, daß seine Frau die Gläubiger beschwichtigen und ihn so aus seinem Paradiese herausholen könne. Es gäbe keinen größern Unsinn, soll er gewöhnlich sagen, als seine Schulden zu bezahlen, da man damit nur Geld durchbringe, sein Vermögen aber gerade recht hübsch für ihn und seine Familie hinreiche, um es bis zu einem anständigen Grabe zu bringen.

Jeder, der als Bewohner nach Queen’s Bench gebracht wird, kann sich unter den leer stehenden Zimmern eins aussuchen und gegen wöchentliche Bezahlung (5 bis 15 Schillinge für eins) miethen und ganz nach seinem Belieben und seinen Mitteln sich Essen und Trinken, Kleider, Bücher u. s. w. entweder bringen oder holen lassen oder in dem Hotel des Gefängnisses speisen oder sein eigener Koch sein. Es wohnt denn eben Jeder Chambre garni, natürlich kann er sich auch leere Zimmer nehmen und sie nach seinem Geschmacke selbst ausmöbliren.

Aber die Schiffbrüchigen des Geschäfts und der Zahlungsverpflichtungen ohne Mittel? Das ist freilich schlimm. Wer ohne Mittel in’s Schuldgefängniß kommt, wird noch mehr über die Achsel angesehen, als der Mittellose im freien Leben Englands. Er gilt für einen Pinsel, muß mit 3–4 andern Pinseln zusammenwohnen und essen und trinken, was ihm die Schuldgefängnißregierung vorsetzt. Doch hungern braucht er dabei auch nicht, er bekommt sogar täglich sein Bier und jede Woche dreimal Fleisch, welches Sonntags gebraten ist. Das klingt den Umständen nach ganz human. Aber bei alle der Lustigkeit, die um mich her rauschte und lärmte, bemerkte ich doch Viele, denen die pure Verzweiflung auf der Stirn stand, sah ich doch mit Entsetzen leibhaftig die furchtbare Barbarei, welche hier noch Jeden, der seinen Gläubiger nicht befriedigen konnte, zeitlebens zum Gefangenen desselben macht. Oft handelt es sich nur um eine Kleinigkeit, die aber der Unglückliche um so weniger auftreiben kann, als ihm die geraubte persönliche Freiheit jede Möglichkeit dazu abschneidet. Die Barbarei ist um so größer, weil in den modernen, complicirten Geschäfts-, Productions- und Handelsverhältnissen die Schuld von Insolvenzen oft ganz außerhalb der Berechnung des Einzelnen, oft sogar in ferne, faule politische und diplomatische Verhältnisse fällt. Zwar giebt es eine Vorhölle zu Queen’s Bench, den großen Saal in der City, „White Cross“ (weißes Kreuz) genannt, wo oft Hunderte von Candidaten des Schuldgefängnisses vorläufig zusammensitzen, bis über die Art ihrer Insolvenz und ihrer Bankerotte entschieden ist. Der Gefangene, der hier genau nachweisen kann, daß seine Zahlungsunfähigkeit ganz außer seiner Schuld liegt, wird freigelassen, muthwillige, fahrlässige und betrügliche Bankerotts müssen zum Theil durch lange „harte Arbeit“ in besondern Gefängnissen gebüßt werden. Aber wie oft kann die Schuldlosigkeit nicht gerichtlich nachgewiesen werden? Wie oft kommt die Unschuld erst an den Tag, wenn die ganze bürgerliche Existenz des Gefangenen ruinirt ist! Der Deutsche, den ich besuchte, erzählte mir einen wahrhaft entsetzlichen Fall.

Ein Franzose war nach dem zweiten December Napoleon’s mit seiner jungen Frau nach London geflüchtet. Hier hatte er einen Jugendfreund aus Paris in dem größten Elend gefunden und ihn zu sich in’s Haus genommen, ihn gekleidet, gepflegt und behandelt, wie es nur ein großmüthiger Freund kann. Er war großmüthig, denn er behielt ihn auch noch bei sich, nachdem er ihn erst zart, dann entschieden wegen der Freiheiten, die er sich gegen seine junge Frau erlaubte, hatte zur Rede stellen müssen. Eines Morgens nun läuft der Großmüthige plötzlich in die Arme zweier Policemen, die einen Verhaftsbefehl gegen ihn vorzeigen und ihn in’s Schuldgefängniß bringen. Hier wird ihm mitgetheilt, daß er dem bei ihm wohnenden Franzosen so und so viel Geld schuldig sei, und dieser eidlich und durch Zeugen erklärt habe, daß er sich seiner Verpflichtung durch Verlassen des Landes entziehen wolle. Der Mann, anfangs fast sprachlos vor Erstaunen, bittet und beschwört, daß man die Sache sofort untersuchen möge, hier müsse ein absoluter Irrthnm zu Grunde liegen. Man weist ihn kaltblütig auf die übliche Praxis hin, nach welcher er warten müsse, bis die Reihe an ihn komme und schließt ihn mit den Andern in den großen Saal von White Cross ein. Wie er an die Reihe kam, war sein Ankläger nicht da, sodaß er bis zu einem zweiten Termine warten mußte. Da endlich stellt sich heraus, daß der gepflegte Freund, nachdem er alle dessen Sachen bis auf das letzte Stück verkauft, mit dessen Frau London verlassen habe. – Ich bemerke hier, daß auch die englische Habeas-Corpus-Akte ihre Löcher hat. Erstens schützt sie den Ausländer viel weniger, als den englischen Bürger und auch letztern nicht, wenn es gelingt, einen absoluten Verhaftsbefehl gegen ihn zu bekommen. Dieser wird aber in solchen Fällen, wo der angebliche Gläubiger nachweisen kann (durch Eid oder Zeugen), daß der Schuldner das Land verlassen wolle, gegeben. Stellen sich hinterher auch Eid und Zeugen als falsch heraus, hilft dies natürlich dem Opfer nichts mehr.

Nur noch ein Wort über meinen Besuch bei dem deutschen Bewohner des Queen’s Bench. Er war Public-house-Wirth (Besitzer eines Bierlokals u. s. w.), gewesen und saß nun hier mit ein Paar Dutzend englischen Collegen, die mehr Bier losgeworden waren, als ihren Kassen und Verpflichtungen lieb war. Er zumal, als ein lustiger, sanguinischer Herr, hatte einer Masse Gästen, die sich alle militärisch titulirten (mit „Capitain“ als dem niedrigsten Grade) die Rechnungen ellenlang wachsen lassen, da die erwarteten Summen von den großen Gütern in allen Gegenden Europa’s nicht immer zu rechter Zeit, in der Regel sogar zu gar keiner Zeit ankamen, wie ihre Güter auch auf gar keinem irdischen Fleck Erde lagen. Obgleich er nun die Rechnung niemals ohne den Wirth gemacht hatte, da er immer dieser selbst war, wohnte er nun doch plötzlich hier in Queen’s Bench sehr viel Treppen hoch für 5 Schillinge wöchentlich mit einer sehr schönen Aussicht auf unbegrenzten Rauch, aus dem nach allen Seiten Schornsteine schwarzgrau und entsetzlich von Gestalt hervorragten, und befand sich den Umständen nach ganz wohl, zumal da er mit dem jungen gefangenen Löwen von Lordssohn fortwährend auf die heiterste Weise alle Hausgesetze übertrat. Jetzt kann er das freilich nicht mehr, denn erst vor einigen Tagen begegnete ich ihm in dem Paradiese aller höhern Pflastertreter Londons, der Regent-street, als dem freiesten Manne.

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Bausteine zu einer naturgemäßen Selbstheillehre.
Die Verstopfung.

Die Verstopfung des Leibes, die Quelle vielfacher Beschwerden und Gemüthsverstimmungen, läßt sich nur nach vorheriger Besprechung der Leibeseröffnung richtig beurtheilen, und deshalb sei zuerst die Frage beantwortet: was ist Stuhlgang oder Leibesöffnung? Die Ausfuhr von theils unverdaulichen, theils unverdauten oder auch schon verdauten Resten der genossenen Nahrungsmittel entweder in zersetztem oder unverändertem Zustande und gemischt mit Bestandtheilen der Galle, mit Darmschleim und Oberhautpartikelchen der Darmschleimhaut. Dieser Abgang geschieht aus dem Darmkanale nach unten, in manchen Fällen jedoch (gewöhnlich bei vollständigem Verschluß eines Darmstückes) können diese Speisereste (Excremente genannt) selbst aus dem untersten Theile des Darmkanals, auch rückwärts und zum Magen aufwärts geschoben und durch Brechen entleert werden (d. i. Kothbrechen oder Miserere). Ja, bei widernatürlichen und mit einander zusammenhängenden Oeffnungen im Darme und in der Bauchwand wird der Stuhl ganz oder theilweise durch letztere entfernt (d. i. eine Kothfistel)– Um nun einen richtigen Begriff von diesem Speiserestabgange zu bekommen, muß nochmals kurz des Verdauungsprocesses und Verdauungsapparates (s. Gartenl. I. Jahrg. Nr. 22. S. 232) Erwähnung geschehen.

Die zerkauten und eingespeichelten Speisen, nachdem sie verschluckt und aus der Mundhöhle durch Schlundkopf und Speiseröhre in den Magen gelangt sind, werden hier mit Hülfe des sauern Magensaftes in einen Brei (den Speisebrei, Chymus) verwandelt, welcher nach einiger Zeit, nach der Verdaulichkeit der Speisen, in 1–3 bis 6–8 Stunden durch die wurmförmigen Zusammenziehungen des Magens aus diesem hinaus in den Darmkanal geschafft wird. Im obersten Stücke des Darmkanals, im Zwölffingerdarme, wird jetzt der Speisebrei mit Galle und Bauchspeichel durchtränkt und dann auch noch, während er allmälig durch den Darmkanal hindurch geschoben wird, mit Darmsaft und Darmschleim vermischt. Das Fortschaffen des Speisebreies besorgt hierbei, unterstützt von den Zusammenziehungen der Bauchwand und des Zwerchfells (beim Athmen), die Fleischhaut des Darmes, welche durch ihre vom obern zum untern Theile des Darms fortlaufenden, wurmförmigen Zusammenziehungen den Brei vorwärts drückt. Zum leichtern Fortbewegen desselben ist die innere Oberfläche des Darmes, welche von Schleimhaut mit einem seinen Oberhäutchen überkleidet ist, mit Schleim überzogen und dadurch schlüpfrig gemacht. Je weiter der Speisebrei im Darme herabrückt, desto trockener wird derselbe; der Grund davon ist der, daß die Saugadern und Blutgefäßchen in der Darmwand alles Flüssige, das Wasser und die darin aufgelösten Nahrungsstoffe der Nahrungsmittel, aus dem Speisebreie allmälig heraussaugen und in den Blutstrom schaffen. So bleibt natürlich schließlich nur noch das Ungelöste der Nahrungsmittel übrig, was aber, da von der Galle ebenfalls einige Bestandtheile wieder aufgesogen werden und andere nicht, auch noch mit einigen Gallenstoffen und Darmschleim vermischt ist. Das Ungelöste können nun ebensowohl ganz unverdauliche, wie auch verdauliche, aber aus irgend einem Grunde unverdaut gebliebene, daneben aber auch noch bereits verdaute und nicht aufgesogene Substanzen sein. Die Verdauung oder Auflösung der verschiedenen Nahrungsstoffe geschieht nämlich so, daß die eiweißartigen Substanzen vom Magen- und Darmsafte, die fetten Materien durch die Galle, den Bauchspeichel und Darmsaft, die stärkemehlhaltigen Stoffe durch den Mund- und Bauchspeichel verdaut und zur Aufsaugung geschickt gemacht werden. Es hängt sonach von der Gegenwart und Menge des einen oder des andern der genannten Verdauungssäfte ab, ob dieser oder jener von den Nahrungsstoffen ganz oder theilweise verdaut wird oder unverdaut bleibt und dann im letztern Falle unbenutzt mit dem Stuhle aus dem Körper wieder entfernt wird. So würde z. B. bei Mangel an Speichel die Stärke unverdaut bleiben, bei Mangel an Magen- und Darmsaft würden die Eiweißsubstanzen ungelöst mit dem Stuhle abgehen u. s. f.

Die Untersuchung der Excremente bei gesunder Verdauung hat gelehrt, daß dieselben im Allgemeinen hauptsächlich aus sämmtlichen unverdaulichen Bestandtheilen der Nahrungsmittel, besonders der pflanzlichen Speisen, bestehen, sonach vorzugsweise aus den von Cellulose (Pflanzenfaser oder Pflanzenzellstoff) gebildeten Pflanzengebilden, wie: aus leeren oder (mit Blattgrün, Stärkekörnchen, Harz u. s. f.) gefüllten Zellen, Gefäßbündeln und Oberhaut, sodann aus sehnigen, elastischen und knorpligen, sowie Knochenpartikelchen der Fleischnahrung, abgesehen von einer Menge zertrümmerter Fleischfasern. Gewöhnlich finden sich neben den unverdaulichen Stoffen aber auch noch verdauliche, jedoch nicht verdaute, sowie verdaute und nicht aufgesaugte Nahrungsmittel wie Fett, Stärke, Zucker, Salze (besonders Kalksalze) und Säuren. Dies ist in der Regel dann der Fall, wenn entweder zu viel und zumal von unverdaulichen Substanzen eingehüllte Nahrungsstoffe eingeführt wurden, sodaß die Verarbeitung und Aufsaugung aller unmöglich wurde, oder wenn die Verdauungsorgane nicht in dem Zustande sind, um die gehörige Menge von Verdauungssäften zu liefern und die Aufsaugung des Verdauten zu fördern. Neben diesen Speiseresten machen nun aber auch noch Gallenbestandtheile einen Hauptbestandteil der Excremente aus, und diese befinden sich, nach der Länge der Zeit, welche die Speisen im Darmkanale verweilten, in größerer oder geringerer Zersetzung. Ist der Gallenzufluß zum Speisebrei gehindert (bei Gelbsucht), dann fehlen auch den Excrementen die Eigenschaften, welche sie den Gallenstoffen verdanken. – Die Menge der Excremente muß sich sonach ebenso wie ihre Beschaffenheit nach der Menge und Beschaffenheit der genossenen Nahrungsmittel, sowie nach dem Zustande des Verdauungsapparates und der Menge der Verdauungssäfte richten. Je weniger und je löslichere, flüssigere Nahrungsstoffe genossen werden, desto geringer ist die Menge der Excremente und umgekehrt. – Der Feuchtigkeitsgrad der Excremente hängt theils von der genossenen Flüssigkeit, theils von der Menge und Consistenz der zur Verdauung verbrauchten Säfte ab. – Was die Dauer des ganzen Verdauungsprocesses betrifft, so ist diese ebensowenig fest bestimmt, wie die Beschaffenheit und Menge der Excremente; im Allgemeinen läßt sich etwa sagen, daß nach ungefähr 24 Stunden der Rest des Genossenen wieder aus dem Körper weggeschafft wird. – Der Stuhlgang selbst kommt durch die Zusammensetzungen ebensowohl der Mastdarm- wie der Bauchmuskeln und auch noch durch Beihülfe des Zwerchfells (beim tiefen Einathmen) zu Stande.

Verstopfung des Leibes (Stuhlverhaltung und Stuhlträgheit) kann durch die mannigfaltigsten Ursachen zu Stande kommen und bedarf deshalb zu ihrer Hebung auch sehr verschiedener Mittel und Wege, nicht etwa blos der Anwendung von Abführmitteln. – Bei sehr hartnäckiger und längere Zeit andauernder Verstopfung ist stets ein mechanisches Hinderniß im Darmkanale zu argwöhnen und deshalb vom Arzte eine genaue Untersuchung der Unterleibsorgane vornehmen zu lassen. – In den allermeisten Fällen liegt aber der Grund zur Verstopfung in träger Fortbewegung des Speisebreies und der Speisereste durch den Darm und diese kann abhängig sein: von zu kraftloser Zusammenziehung der Darm- und Bauchmuskeln, von zu großer Trockenheit des Darmes und des Speisebreies und von zu bedeutender Schwere oder Umfänglichkeit der Speisereste. In der Regel kommt die Verstopfung erst im untern Theile des Darmkanales, im sogen. Dickdarme, zu Stande, jedoch können sich die Speisen auch im Magen und Dünndarme länger als Recht ist, aufhalten. – Die widernatürliche Anhäufung und Zurückhaltung der Speisereste im Darmkanale ruft die verschiedenartigsten unangenehmen Empfindungen im Leibe hervor (wie das Gefühl von Vollsein, Druck, Angst), sodann Auftreibung des Bauches durch Gase, Störungen des Unterleibsblutlaufes, Athembeschwerden, Herzklopfen mit Angst und Druck auf der Brust, ärgerliche Gemüthsstimmung und Eingenommenheit des Kopfes. Vorzüglich macht die Verstopfung Diejenigen, welche ängstlich nach täglicher Leibesöffnung spähen, zu sehr unangenehmen Menschen. Uebrigens kann auch langdauernde Stuhlträgheit den ganzen Verdauungsproceß, somit aber die Blutbildung und die Ernährung des Körpers stören, sowie durch Erzeugung von Pfortaderstockungen (s. Gartenlaube Jahrg. II. Nr. 18) Hämorrhoidalbeschwerden und schließlich Gemüthsstörungen (Hypochondrie) hervorrufen.

Bei der Behandlung der Verstopfung und Stuhlträgheit handelt es sich durchaus nicht darum, durch künstliche Mittel Stuhl [9] zu erzwingen, sondern vielmehr um Hebung der Ursache des Verstopftseins. Allerdings wird es auch sehr oft nöthig, wenigstens zu Anfange der Kur, von Zeit zu Zeit stuhltreibende Mittel anzuwenden, aber dies muß mit großer Vorsicht geschehen, wenn daraus nicht Nachtheil für die Verdauungsorgane erwachsen soll. Eben weil die Meisten glauben, sofort Stuhl durch Mittel zu schaffen sei die Hauptaufgabe bei Verstopfungen, darum nimmt bei Vielen gerade in Folge der Anwendung von Abführmitteln die Ursache der Verstopfung zu. Man wählt nämlich meistens solche Abführmittel, welche öfterer gebraucht die Schleim- und Fleischhaut des Magens und Darmes anstatt zu kräftigen, untauglicher zu ihrer Function machen. Am sichersten geht man deshalb, wenn man bei Verstopfung Klystiere in Gebrauch zieht, durch welche auch in den allermeisten Fällen auf die verstopfenden Speisereste im Dickdarme unmittelbar eingewirkt werden kann, während bei Anwendung von Abführmitteln der Magen und Dünndarm zunächst leiden und für Etwas büßen müssen, was sie gar nicht verbrochen haben. Verf. hält deshalb auch Abführmittel nicht nur für ganz entbehrlich und vollkommen durch Klystiere ersetzbar, sondern erklärt auch die meisten derselben bei öfterem Gebrauche geradezu für schädlich. Wenn man freilich nach der augenblicklichen Wirkung der Abführmittel, die besonders vielen der mit solchen Mitteln quacksalbernden Charlatanen sehr zu Gute kommt, urtheilen will und nicht die weitern Folgen abwarten, dann wird man den Abführmitteln ein Vertrauen schenken, welches sie gar nicht verdienen. Der Verf. hat Klystiere (entweder blos aufweichende von warmem Wasser oder reizende mit Seife, Salz oder Oel) in Fällen, wo überhaupt Stuhl herbeizuschaffen war, noch niemals so unwirksam gefunden, daß er zu abführenden Arzneien seine Zuflucht hätte nehmen müssen. Man bedenke übrigens auch, daß die durch Abführmittel erregten Stühle stets eine große Menge von noch guten Nahrungsstoffen und von guten Blutbestandtheilen, welche den Gefäßen der Darmwand abgezwungen worden sind, enthalten und daß sie deshalb zur Blutarmuth führen, die Ernährung herabsetzen und schwächen können.

Eine vernünftige Behandlung der Verstopfung und Stuhlträgheit, die nur zeitweilig zur momentanen Erleichterung Klystiere oder, wenn es denn nicht anders sein kann, ein mildes Abführmittel (Aepfelwein, Pflaumenbrühe, Buttermilch, Tamarindenmus, Ricinusöl, Bitterwasser), in Gebrauch zieht, strebt immer nach radicaler Heilung des Uebels und sucht deshalb die Ursache der Verstopfung zu ergründen und wegzuschaffen. Zunächst ist hierbei auf die Menge und Beschaffenheit der Nahrung Rücksicht zu nehmen. Diese muß anfangs eine leicht verdauliche, meist flüssige oder breiige, mehr thierische als pflanzliche sein und lieber öfterer und in geringer Menge, als in größerer Portion auf einmal genossen werden. Von großem Vortheile dabei ist der reichliche Genuß von

Flüssigkeit (Wasser, Bier). Nur allmälig, mit wachsender Verdauungskraft, gehe man dann zu festern und schwerer verdaulichen Speisen über, kaue dieselben aber recht ordentlich. Um die Zusammenziehungen der Fleischhaut der Darmwand zu unterstützen, gleichzeitig aber neben den Darmmuskeln auch die Bauchmuskeln zu kräftigen, müssen solche Bewegungen vorgenommen werden, welche die Bauchwand straff machen, sowie kräftiges Ein- und Ausathmen veranlassen. Zweckmäßiges Turnen hebt Stuhlträgheit in den meisten Fällen. Es versteht sich übrigens wohl von selbst, daß die Musculatur des Darmes und des Bauches zuvörderst, ehe man derselben Anstrengungen zumuthet, durch nahrhafte Nahrungsmittel ordentlich ernährt werden muß, wie dies besonders bei Bleichsüchtigen und Blutarmen nöthig ist. Wo die eigenmächtigen Zusammenziehungen der Bauchmuskeln noch zu kraftlos sind, da kann vorläufig Kneten, Reiben, Drücken und Pochen des Bauches die willkürlichen Zusammenziehungen unterstützen. Insofern nun sehr häufig ein Hauptgrund der Muskelschwäche der Darmwand ein träger Blutlauf in den Pfortaderwurzeln, also die sogen. Unterleibsanschoppung oder Pfortaderstockung, ist, so muß dieser natürlich, wie in Gartenlaube Jahrg. II. Nr. 18. S. 209 ausführlich angegeben wurde, mit Energie entgegen getreten werden. – Und was wären denn nun die naturgemäßen Heilmittel gegen Verstopfungen und Stuhlträgheit? Es sind passende Nahrung, reichliches Wassertrinken, zweckmäßige Bewegungen und kräftiges Athmen. Wer diese Mittel ordentlich anwendet, wird stets Ordnung, Ruhe und Frieden in seinem Unterleibe erhalten, wer denselben aber nur von Zeit zu Zeit einmal durch Abführungskuren aufregt, wird immer öfterer zur Pillenschachtel greifen müssen und schließlich durch und durch zum Scheusal.
(B.) 




Pariser Bilder und Geschichten.
Ein Besuch bei Thiers.

Auf dem Platze St. Georges wird dem Fremden ein elegantes Hotel gezeigt, dessen Vorhof mit einem vergoldeten Gitter eingefaßt, und dem hoch emporgewachsene Baume ein frisches anmuthiges Aussehen verleihen.

„Hier wohnt der kleine Thiers!“ verkündigt lakonisch der Cicerone, denn er weiß, daß dieses Wort hinreicht, die Aufmerksamkeit des Ausländers oder des Provinzialen auf das bezeichnete Haus zu lenken.

„Nicht übel für einen ehemaligen Proletarier,“ dachte ich bei mir, als mir diese kurze Andeutung zu Theil wurde.

„Ist es schwer, sich dem Herrn Thiers vorzustellen?“ frug ich.

„Unmöglich, wie Sie wohl denken können, ohne besondere Empfehlung,“ lautete die Auskunft meines Führers, der, wie ich später erfuhr, Vieles in seinem Leben versucht hatte, dem viele Pläne gescheitert waren, ehe er zu seinem gegenwärtigen Beruf gelangt war.

„Warum diese Unzugänglichkeit?“ frug ich weiter.

„Wäre die Thüre zu dem berühmten Manne immer und Jedem offen, so hätte er keinen Augenblick zu seiner Verfügung, in dem Maße wurde er von allerhand Zudringlichen überlaufen und bestürmt. Jeder Schüler brächte ein Manuscript und verlangte Rath, Urtheil, Empfehlung; jeder Zeitungsleser kramte ihm seine politische Weisheit aus, um sich vom Staatsmann loben zu lassen, jedes Stückchen Ehrgeiz würde Unterstützung verlangen. Neugierige, Enthusiasten und Enthusiastinnen würden die Zimmer des Hotels füllen, Autographenliebhaber die ganze schriftstellerische Thätigkeit des Berühmten in Anspruch nehmen. Sie sind ein Fremder und kennen unser Paris nicht, wo Jeder ausgebeutet wird, der sich nicht wehrt.“

Ich war belehrt und wir gingen weiter.

Nach einiger Zeit gelang es mir, ein Empfehlungsschreiben an den ehemaligen Minister zu erlangen und ich verfügte mich in das wohlbekannte Hotel. Der Corridor, das Vorzimmer oder vielmehr Wartesaal, die vielen Diener in Livrée, Bilder und Statuetten, die Marmortreppe mit dem prunkenden Teppich über dieselbe gebreitet, verkündeten den Reichthum eines Fürsten. Ein Diener meldete mich und zurückkehrend ließ er mich wissen, daß sein Gebieter in diesem Augenblick dringend beschäftigt, sich für den nächsten Tag um sieben Uhr Morgens meinen Besuch erbitte. Ich glaubte unrichtig gehört zu haben und frug: „Um sieben Uhr Morgens?“

„Ja wohl, mein Herr,“ erwiederte der Diener.

Und als ich mich zur angezeigten Stunde einfand, war Herr Thiers bereits in fertiger Toilette, im schwarzen Frack, dem Lieblingskleid des Staatsmannes, in seinem Arbeitssaale von Geschäften in Anspruch genommen. Der Luxus eines gebildeten, kunstsinnigen Mannes in dem Arbeitssaale wirkte viel wohlthuender auf mich, als der banale Ausdruck des Reichthums in den anderen Theilen des Hauses, durch die ich kam.

Herr Thiers empfing mich höflich mit einfacher Freundlichkeit und in einem Nu war ein lebhaftes Gespräch im Gange.

Sein Aeußeres ist wenig anziehend, aber es interessirt durch sein besonderes Gepräge. Eine hohe breite Stirn ist sichtlich der Schauplatz einer lebhaften, ununterbrochenen Gedankenjagd. Hinter Augenfasern glänzt ein Auge, sprühend von Geist und südlichem Feuer und von durchdringender Schärfe; die Gestalt ist klein, es fehlt ihr nicht an einem komischen Anstrich. In dem ganzen Wesen spricht sich etwas Koboldartiges aus. Man glaubt gar nicht, [10] daß aus diesem Munde mit den ironischen Winkeln etwas Anderes als neckender Hohn heraus kommen könne. Man ist erstaunt den Mann ernst reden zu hören und glaubt am Ende, daß selbst dieser Ernst nichts als Scherz sei.

Herr Thiers spricht viel, unterscheidet sich aber von den meisten Redseligen dadurch, daß er auch viel zuhört, wenn Andere sprechen. Er erzählte von seinen Reisen durch Deutschland, um die dortigen großen Schlachtfelder bei Jena, Leipzig, Wagram zum Gebrauch für seine Geschichte zu betrachten. Er sprach vergleichend von Wien und Berlin, und ich mußte finden, daß er eben so wie seine Landsleute sammt und sonders von deutschem Leben und Empfinden, deutscher Kunst, deutscher Anschauungsweise und deutschem Charakter keinen Begriff habe, und daß er so wie die Andern sein Urtheil über unser Land und Volk in die fertigen französischen Phrasen zwängt, die auf unsere Verhältnisse und Zustände gar nicht anzuwenden sind. Nur die Pointen, welche mit unterliefen, gehörten dem geistreichen Redner an.

„In Berlin ward ich frostig aufgenommen," erzählte er, „ich weiß nicht ob daran meine ausgesprochenen Rheingelüste oder das nordische Klima und der sandige Boden, der keinen Wein hervorbringt oder gar die deutsche Philosophie, welche in der Stadt an der Spree so übermäßig von Jung und Alt, von allen Ständen und Geschlechtern getrieben wird, Schuld waren. In Wien wurde ich viel gastfreundlicher empfangen. Man schien an der Donau viel mehr meine rednerische als meine politische Richtung zu berücksichtigen. Selbst Herr von Metternich war sehr zuvorkommend und behandelte mich wie einen berühmten Künstler. - Wien machte auf mich den Eindruck eines Fashionable, der sich nur um Vergnügen und Zerstreuung, um Tänzerinnen, Schauspielerinnen, Pferde, Tafel und Lustparthien kümmert und gerade so viel von Bildung erhascht, als zu einem angenehmen Verkehr erforderlich. - Berlin hingegen kam mir wie ein Stubengelehrter vor, der viel weiß und viel denkt; aber immer morose und ein schlechter Gesellschafter ist.“

Eine ganze Stunde war ich bei Herrn Thiers geblieben, sie war wie eine Minute verflogen und als ich ihn verließ, da schwirrte es in meinem Kopfe von tausend Gedanken, welche durch die Unterhaltung mit dem Exminister angeregt und belebt wurden.

Ich fand bei Herrn Thiers eine leichte Weise des Benehmens, welches die Mitte hält zwischen Intimität und Vornehmthuerei. Die Conversation wurde durch ihn so rasch angeknüpft, so lebhaft geführt, daß sich alles Gezwängte und Peinliche einer ersten Begegnung im Nu verlor, und was ich besonders anziehend an dem politischen Kobold fand, der Europa fortwährend geneckt, ist das große Interesse, welches er an allen Fragen nimmt oder zu nehmen scheint, die er im Gespräche zur Verhandlung bringt. Er läßt Einen immer fühlen, daß er sich belehren lassen wolle und gesteht dadurch Jedem, der mit ihm spricht, ein Stückchen Ueberlegenheit zu. Dieser eigenthümliche Kitzel der alltäglichen Eitelkeit hat dem begabten Manne auf seiner politisch-constitutionellen Laufbahn wesentliche Dienste geleistet, indem er ihm Anhänger und Stimmen gewann.

Louis Adolph Thiers ist am 16. April 1797 zu Marseille, der südlichen Seestadt, geboren. Sein Vater war ein Hafenarbeiter von nicht ganz untadelhaftem Lebenswandel, aber seine Mutter war die würdige Tochter einer ehrenwerthen Kaufmannsfamilie und von dieser Seite hat Herr Thiers eine ausgezeichnete Verwandtschaft, denn André Chenier, der berühmte Poet und Girondist, war sein Vetter. Die große Dürftigkeit, in welche die Familie seiner Mutter verfiel, erklärt die ungleichartige Verschwägerung.

Als Napoleon I. den Universitätsunterricht in Frankreich einführte, war Thiers gerade in dem Alter, seine Studien zu beginnen. Er trat in das Lyceum zu Marseille mit einem kaiserlichen Stipendium versehen, das ihm seine Mutter ausgewirkt. Im Anfange überließ er sich ganz seinem Muthwillen und kümmerte sich wenig um die Wissenschaft. Er hatte fortwährend Zank und Streit mit seinen Mitschülern, und selbst seinen Lehrern gegenüber ließ er es an der schuldigen Achtung fehlen. Man erzählt, daß er es sich einmal beikommen ließ, Pech auf den Stuhl seines Professors zu legen, um ihn, wie er sagte: „unabsetzbar“ zu machen. Ein andermal zog er während der Vorlesung einen jungen Kater aus seinem Pult, dessen Pfoten er in Nußschalen gesteckt hatte, und ließ ihn unter dem Tische los. Erschreckt durch das Geklapper der ungewohnten Fußbekleidung, sprang das Thier mit kläglichem Geschrei wüthend umher. Man denke sich den Aufruhr in der Schule. Der Unruhstifter ward zu acht Tagen Haft verurtheilt. Die Strafen wirkten nicht; aber eine Zurechtweisung, in welcher man dem Alumnen die Wohlthat vorhielt, die er leichtsinnig vergaß, verletzte und demüthigte ihn so sehr, daß sie eine plötzliche Umwandlung in seinem ganzen Wesen hervorbrachte. Diese Demüthigung machte den Knaben ernst, arbeitsam bis zur Unermüdlichkeit, besonnen. – Ein wunderbarer Charakterzug bei einem Kinde. Von nun an erhielt der kleine Thiers fortwährend und bis zum Jahre 1815 den ersten Preis in seiner Klasse.

Durch die Vorbereitungsschulen gelangt, ging er nach Aix, um daselbst die Rechte zu studiren. Frei von jenen Fesseln, die ihm die kaiserliche Unterstützung angelegt hatte, gab er sich seinen Widerstandsgelüsten auf eine ernstere Weise hin, als früher, wo er durch muthwillige Streiche Professor und Mitschüler in Aufruhr gebracht. Die politische Bewegung, die zu jener Zeit überall hin, in jedes Dorf, in jede Gemeinschaft, in alle Geister eine strenge Scheidung brachte, riß ihn in ihre Wirbel fort, und in einem Alter von 18 Jahren war Thiers, seiner unansehnlichen Aeußerlichkeit zum Trotz, Mittelpunkt, Führer der liberalen Partei unter seinen Mitschülern, denen sich andere gleichgesinnte junge Leute anschlossen. Die unbedingten Anhänger der Bourbons unter den Bürgern sowohl als unter den Schülern und Professoren haßten auf’s Bitterste den jungen Rebellen, dessen Wort sich schon damals geeignet zeigte zu überreden, hinzureißen und besonders zu überführen. Der junge Mann arbeitete mit einem Eifer und einer Ausdauer, die man seinem leichten beweglichen Geiste gar nicht zugemuthet hätte; er übte sich auf’s Anhaltendste im Denken, im Ordnen und Ausdrücken seiner Gedanken.

Die Akademie zu Aix schrieb einen Preis auf die beste Lobrede zu Ehren des berühmten Marquis von Vauvenargués aus. Der angehende Jurist behandelte die Aufgabe. Er besorgte zwei Kopien der Ausarbeitung, von denen er Eine unter der üblichen Form der Akademie zustellte und die Andere seinen intimsten Freunden vorzulesen sich das Vergnügen bereitete.

Die Mitbewerbung des kleinen Thiers um den Preis blieb nun kein Geheimniß. Auch gelang es den Akademikern, von denen ein Theil den Bourbons eben nicht ergeben war, Zeichen zu erhalten, an denen sie die Arbeit des gehaßten Gegners zu erkennen vermochten. Auf diese Weise geschah es, daß die Stimmen getheilt waren und die Preisvertheilung vertagt wurde.

Das nächste Jahr legt der kleine Revolutionair ganz einfach die bekannte Arbeit der Akademie vor. Die Richter sehen sich gezwungen, ihr ein „accepit“ zuzuerkennen. Mit dem Preise gekrönt wird eine Lobrede Vauvenargués, die aus Paris gekommen war, und auf die alles Lob der gelehrten Gilde ohne Unterschied der politischen Meinung geschüttet wurde. Welches war das Erstaunen der Preisrichter, als sie das Siegel von dem Papier, das den Namen des Verfassers einschloß, rissen und unsicher zaudernd „Adolph Thiers“ lasen, der die Sendung der Rede von Paris aus veranstaltet. Der vollgedrängte Saal bricht in ein lautes Gelächter aus. Die Akademiker senken beschämt und geärgert die Blicke. Die politische Leidenschaft mischt sich nun in die Angelegenheit, und der Preisgekrönte wird von den Einwohnern zu Aix im Triumphe durch die Straße getragen.

Für den jungen Thiers gab es nur einen Weg, den er einschlagen konnte: den nach Paris.

Als er seine Rechtsstudien vollendet hatte, machte er sich in der That mit seinem Freund und Schulkameraden Mignet auf die Reise, und sie gingen Beide nach der Haupt- und Residenzstadt an der Seine, nach dem Mekka des Ehrgeizes, nach dem Eldoraldo aller glücksuchenden Franzosen. Herr Thiers mußte nach Paris gehen, denn diese Stadt und dieser Mann sind wie für einander geschaffen. Beide unbeständig, beweglich, rastlos, fieberhaft, in stetem Wechsel mit Neigung und Leidenschaft, gehören zusammen. Der junge Pilger brachte nach dem Ziel seiner Wallfahrt nichts mit als seine 20 Jahre, die Gabe der Rede, die Preisschrift im Koffer, schimmernde Schlösser, wie sie die Jugend baut, in der Seele und den festen Willen, emporzukommen, so hoch es geht.

Die Tempel des Glückes zu Paris haben eiserne Thüren, in die man auf dreierlei Arten zu gelangen vermag, entweder durch einen goldenen Schlüssel, der alle Thüren öffnet, durch Kraft, welche zertrümmert, oder indem man geschmeidig hexenhaft [11] durch das Schlüsselloch schlüpft. Letzteren Weg nahm der kleine biegsame Glücksritter aus Marseille.

Im Anfang hatten die beiden Schulfreunde recht schlimme Tage, in einer ärmlichen Wohnung der Passage Montesquieu untergebracht, waren sie so verlassen, wie man es nur in Paris sein kann, wo man oft von jedem vergessen wird, nur nicht von dem Hunger, der stets und regelmäßig seine Armenbesuche macht.

Der kleine Thiers lief umher, überall anklopfend, überall seine Dienste anbietend in Redaktionskanzleien und Ministerien. Umsonst! Da packte er seine beiden Preisschriften zusammen, schrieb mit großer Gewandtheit einen Brief, in welchem er die ganze Schönheit seines Styls heraustreten ließ, und in welchem die drollige Geschichte der Mystification der realistischen Akademiker erzählt war und trug das Päckchen in die Deputirtenkammer zur Abgabe an Herrn Rochefoucauld-Liancourt, einem der Häupter der liberalen Partei. Der Zufall fügte es, daß der Glücksucheude gerade an dem Tage und in der Stunde den Vorsaal des Palais Bourbon betrat, als Manuel durch Diener der Gerechtigkeit von der Rednerbühne gerissen und in’s Gefängniß fortgeführt wurde, weil er sich zu erklären vermaß, daß er „mit allem Widerwillen seiner Seele“ die Rückkehr der Bourbonen nach Frankreich gesehen. Der junge Südländer sah die Scene, und als man ihm den Namen des Mannes sagte, der die Mißhandlung erfuhr, näherte er sich dem Deputirten, und hingerissen von seinem heißen Blute – denn damals hatte er noch heißes Blut – rief er: „Rache! Die Abeordneten sind unantastbar. Wehe denen, welche die Charte zerreißen!“

„Schweigen Sie,“ ermahnte Manuel in mildem Tone den unvorsichtigen Jüngling, „wollen Sie sich denn einsperren lassen? Wie heißen Sie?“

Thiers gab dem Fragenden seine Karte.

Einige Tage nachher hatte unser kleiner Held zwischen der Stelle eines Secretairs bei Rochefoucauld-Liancourt und der eines Mitarbeiters am Constitutionel, dem einflußreichsten Oppositionsblatte, zu wählen. In richtiger Beurtheilung des Dargebotenen entschied er sich für Letztere. Und somit hatte er die erste Stufe zu seinem Glück betreten. Von nun an ward ihm seine Fähigkeit und Gewandtheit zur Schwinge, und er flog so hoch, als sich ein Mensch nur wünschen kann, der ohne ein Anrecht auf eine Krone zur Welt gekommen. Von allen Journalisten der Opposition war er es, der am Kühnsten, am Schneidensten, am Schonungslosesten die Feder führte, Niemand wie er verstand die Pfeile zu werfen, spitz und scharf geschossen, die ohne gewaltsame Risse bis in’s Herz des Feindes drangen. Alle schriftstellerischen und nicht schriftstellerischen Notabilitäten erblickten in dem kleinen Journalisten einen David, der es mit einem Goliath aufzunehmen vermöchte. Herr Talleyrand, der eben nicht verschwenderisch mit Anerkennung war, wollte das Schlänglein, das im Constitutionel so giftig züngelte und biß, in der Nähe betrachten und ließ sich den jungen Zeitungsschreiber vorstellen. Mehr noch als die Artikel gefiel dem alten Diplomaten das Gespräch Thiers’; er lud ihn ein, öfters zu kommen und weihte ihn in die Staatskünste ein.

Bald setzte der junge Schriftsteller durch seine Geschichte der französischen Revolution Frankreich in Erstaunen und die Tuilerien in Schrecken. Das Werk galt für eine That und verschaffte ihm nach der Julirevolntion einen Sitz in der Kammer der Abgeordneten. Wo möglich noch mehr denn als Schriftsteller machte sich Herr Thiers als Redner geltend. Und wenn er von der Rednerbühne herab sprach, auseinandersetzte, erzählte, besonders wenn er ausfiel und die Wappenmänner auf der Ministerbank angriff, lauschte ganz Europa ängstlich, damit ihm ja kein Wörtchen verloren gehe. Thiers als Redner ist ein Wunder. Weder durch das Organ, noch sonst durch einen äußern Vortheil begünstigt, ist es lediglich die natürliche Anmuth des Gedankens und des Ausdrucks, ist es die Feinheit der Wendungen, sind es die tausend Einfälle, welche sich so leicht und frei aneinander fügen, denen es zuzuschreiben, daß man sich umstrickt und fortgezogen fühlt, wenn man auch die Ansicht des Redners verwirft. Thiers auf der Rednerbühne unterhält und belustigt, er tödtet durch Erheiterung das strengste Urtheil. Und erst wenn er ausgesprochen, kann sich der Unwille gegen ihn wenden. Jetzt ist er stumm. Alles Einflusses entledigt, ist er ganz und gar mit seinen historischen Arbeiten beschäftigt. Thiers wird so hart von dem Parteihaß nicht nur in seinem politischen, sondern in seinem Privatleben angegriffen, daß er mit Maria Stuart sagen kann: „Ich bin besser als mein Ruf.“

Nichts ist ungerechter als der Vorwurf, der ihm allenthalben gemacht wird, daß er seine Ueberzeugung geändert, denn er hat nie eine gehabt.




Militärische Kleinigkeiten.
Zum Verständniß der Kriegsbegebenheiten.

Wenn zwei, seien es Staaten oder Menschen, sich bekämpfen, so ist es wohl natürlich, daß sie die Stelle angreifen, wo dem Andern am Leichtesten beizukommen; daß sie sich aus dem Gleichgewicht bringen wollen, – daß sie also den Schwerpunkt der gegnerischen Masse aufsuchen und gegen diesen ihre Stöße richten.

Der Schwerpunkt staatlicher Massen liegt nicht sowohl in der Kompaktität dieser Masse selbst, in ihrem absoluten Zahlengehalte, als hauptsächlich in dem relativen Zahlengehalte. Das Verhältniß der Bewohner zur bewohnten Bodenoberfläche, das Verhältniß der Bodenfläche und ihrer Erzeugnisse zur Zahl und Lebensart der Bewohner, das ist der Maßstab, nach welchem die Lebensthätigkeit der Masse ermessen werden kann. Mit der Lebensthätigkeit gehen die Verkehrsverhältnisse Hand in Hand; in den Verkehrsverhältnissen, in ihrer Spannung oder Erschlaffung sind die Kräfte des Staats begründet, und mit ihnen ihre Steigerungsfähigkeit und Verwendbarkeit – mit einem Worte der Reichthum eines Staats an Mitteln.

Diesen, wo nicht zu zerstören, so doch der Art zu erschüttern, daß die Verwendung derselben noch größere Opfer verlangt, als die Erfüllung des feindlichen Willens: das ist das Ziel eines jeden Krieges – und wenn der augenblicklich im Osten Europa’s, jedoch nur scheinbar stillstehende Kampf uns in jeder seiner Phasen großartige Kraftentwickelung zeigt, so liegt Das eben sowohl im Umfange und in der Bedeutung der in Konflikt gerathenen Staaten, als auch in dem Umfange und der Bedeutung der orientalischen Frage für die gesammte sociale Organisation Europa’s.

Daß bei einem Kampfe von so tief in alle socialen Verhältnisse eingreifendem Ziele alle Hülfsmittel aufgeboten werden, welche Kriegskunst und Kriegswissenschaft an die Hand geben, ist naturgemäß, und eine Betrachtung derselben wohl nicht ganz ohne Interesse.


Nr. 1. Die Verpflegung der Armeen.

Man glaubt in der That kaum, mit welchen großen Zahlen die Administration eines Heeres zu thun hat, wenn man nicht selbst einmal gelegentlich hinter die Coulissen geblickt hat. Wer da weiß, wie viel darauf ankommt, ob der Soldat, wenn er sich schlagen soll, gegessen hat, oder nicht satt ist, oder hungert, müde oder kräftig, vom Fieber durchschüttelt, oder von Kampfbegier erhoben, der wird auch dem Ausspruche eines Veteranen beipflichten, der einmal sagte: „Die Grundfäden aller Strategie liegen eben so gut im Magen, wie die erhabensten Gedanken und Handlungen auf dem Begriffe „Satt sein“ fußen.

Mit welchen Schwierigkeiten die Administration eines Heeres zu kämpfen haben kann: davon giebt der Kriegsschauplatz in der Krim Zeugniß.

Nimmt man das Heer Mentschikoff’s, wie es ungefähr auch besteht, zu 120,000 Mann, mit Einschluß von 30,000 Pferden der Cavallerie und Artillerie an, und berechnet man den täglichen Bedarf

für den Mann:       für Reit- und Zugpferd:
1 Pfd. Zwieback      2 Metzen Hafer,
1/4 Pfd. Speck,      6 Pfd. Heu,
1/4 Pfd. trockne Gemüse,      4 Pfd. Stroh,
1 Loth Salz,
1/4 Kanne Schnaps,

[12] so ergiebt sich derselbe für die Armee:

 120,000 Pfund Zwieback,
030,000 Pfund Speck,
030,000 Pfund trockne Gemüse,
004,000 Pfund Salz,
030,000 Kannen Schnaps (mindestens 50,000 Pfd. wiegend),
060,000 Metzen Hafer (3750 Scheffel, à 95 Pfund = 356,250 Pfund),
180,000 Pfund Heu,
120,000 Pfund Stroh.

Es repräsentirt demnach der tägliche Bedarf eine Last von 850,000 Pfund, oder von 340 zweispännigen Wagenladungen zu 2500 Pfund. - Es wachsen daher dem Bedarfe für jeden Tagesmarsch, den die Verpflegung auf der Achse zurücklegen muß, Futter für 680 Pferde, Ration für mindestens 350 Mann zu, und beträgt dies für eine Entfernung von 40 Meilen, welche im günstigsten Falle in 11 Märschen von der Verpflegungskolonne zurückgelegt werden würde, einen Zuwachs von

 3850 Pfund Zwieback,
9621/2 Pfund Speck,
621/2 Pfund trockene Gemüse,
120 Pfund Salz,
9621/2 Kanne Schnaps,
14,960 Metzen Hafer (935 Scheffel),
44,800 Pfund Heu,
29,920 Pfund Stroh.

Dieser Zuwachs ist für einen jeden Tag Transport also mindestens auf 1,82, weit eher jedoch auf 2, ja wohl gar 2,5 Prozent des Bedarfes zu setzen.

Die Schlußfolgerung liegt nahe, daß eine Armee, welche per Achse ihre Verpflegsbedürfnisse aus der Ferne bezieht, in hohem Grade von der Wegsamkeit des zwischenliegenden Landes, wie von der Nachhaltigkeit der eröffneten Hülfsquellen abhängt; auf die Jahreszeit, den nöthigen Ersatz, die Ungleichmäßigkeit der Kraftleistung etc. Rücksicht nehmend, kann man jedoch die Verpflegs-Kolonne, so täglich bei dem russischen Heere eintreffen muß, nicht unter 500 zweispännige Fahrzeuge veranschlagen. - Die Wegsamkeit der südrussischen Steppen, durch welche ein großer Theil, wo nicht Alles des Nachschubes an Lebens- und Lagerbedürfnissen der Armee des Fürsten Mentschikoff dirigirt werden muß, hängt eben so sehr von der Jahreszeit ab, wie die Fahrbarkeit des schwarzen Meeres, schleudert hier der Sturm Schiffe an die felsige Küste, – so begräbt ein einziges Schneewetter leicht einen ganzen Transport.

Dies Verhältniß wird um so ungünstiger, je mehr die russische Armee auf das tägliche Eintreffen von Lebensmittel-Convois angewiesen ist, je weniger eine kurze, günstige Zeit dazu benutzt werden kann, große Vorräthe an Ort und Stelle zu bringen. – Hierzu eignet sich allerdings allein der Transport zur See; – ein Schiff von 300 Tonnen, was ungefähr einen mäßig großen Kauffahrer bezeichnet, hat ein Tragvermögen von 600,000 Pfund. - Rechnen wir die Armee der Alliirten in der Krim 75,000 Mann mit 3000 Pferden, so ergiebt der tägliche Bedarf an:

 150,000 Pfund Brot,
37,500 Pfund Fleisch,
18,750 Pfund trockene Gemüse,
2,350 Pfund Salz,
18,750 Kannen Wein (mindestens 30,000 Pfund),
37,500 Pfund Stroh zur Ergänzung des Lagerstrohes, pro Mann täglich 1/2 Pfund oder in 8 Tagen 4 Pfund,
375 Klaftern 6/4 ellig weiches Scheitholz zu Wärme- und Kochfeuern, auf 200 Mann täglich eine Klafter gerechnet (14,000 Cubikfuß oder circa 90,000 Pfund),
6,000 Metzen Hafer (375 Scheffel = 35,625 Pfd.),
18,000 Pfund Heu,
12,000 Pfund Stroh,

demnach in Hauptsumma 421,725 Pfund. Es erscheint sonach weit leichter in Balaklava einen mehrwöchentlichen Vorrath anzuhäufen, als in Simferopol, und wenn man annimmt, daß die Bedürfnisse der russischen Armee zweifelsohne ihren Hauptdepot in Ickaterinostan haben, also in gerader Linie 50 Meilen, oder ungefähr 15 Tagemärsche von Simferopol, so stehen die Alliirten selbst bei einer Verproviantirung von Toulon oder Malta aus im Vortheil, da man von Toulon bequem in acht, von Malta in sieben Tagen die Bucht von Balaklava erreicht.




Die russische Armee.

Um unsere Soldatenbilder aus dem Orient zu vervollständigen (wir gaben im vorigen Jahrgang schon gute Abbildungen der englischen, französischen und türkischen Truppen), lassen wir heute eine Abbildung des russischen Militärs folgen, das durch die ihm beigegebenen irregulären Bestandtheile ein buntes Gemisch von Trachten zeigt, wie es keine andere Armee aufzuweisen hat.

Es liegt in der Natur der Sache, daß einem Reiche von der Ausdehnung Rußlands die Gleichförmigkeit der militärischen Streitkräfte nicht durchzuführen ist, denn außer den geographisch-lokalen Hindernissen, tritt zugleich physische Beschaffenheit der verschiedenen Volksstämme einer kompacten militärischen Verschmelzung entgegen. Um das bestätigt zu finden, braucht man nur den blondgelockten Sohn Polens mit dem struppigen Kalmücken zu vergleichen.

Die reguläre russische Waffenmacht wird durch die regelmäßigen Aushebungen in den europäischen Provinzen gebildet und concurriren hierzu etwa 45 Millionen Einwohner, was bei ein Procent 450,000 Mann ergiebt. Den Kern der Infanterie bilden dabei die eigentlichen Russen, und ist übrigens, was die technische Zusammensetzung der Armee anbelangt, dieselbe jeder andern an die Seite zu stellen.

In der Liste ist das russische Heer angegeben zu 810,000 Mann, davon 640,388 Mann Infanterie, 101,692 reguläre Cavallerie, 42,902 Artillerie, 25,000 Genie und Stäbe. In der Wirklichkeit sind aber, wie gesagt, etwa 600,000 Mann aktiv, deren Unterhalt täglich eine Million Rubel kostet. Reserve und Depots, die jetzt sämmtlich mobil gemacht sind, belaufen sich dabei auf 240,000 Mann. Die Flottenbemannung beträgt außerdem 50,600 Mann.

An die reguläre Armee schließen sich in erster Reihe die halbregulären Truppen, die Kosaken, welche einer ziemlich geordneten Disciplin unterworfen sind, sich selbst aber nie als Soldaten, sondern immer nur als Kosaken betrachten. Sämmtliche Kosaken sind, wie überhaupt der russische Soldat im Allgemeinen ihr lebelang Krieger, die im Feldzuge hauptsächlich zum Vorpostengefecht, Eskortiren, zu Ueberfällen, zur Verfolgung des Feindes etc. verwendet werden. Sie bilden die Augen und die Ohren der russischen Armee, und jedem Corps werden verschiedene Pulks zu 500 Mann beigegeben.

Endlich müssen wir noch der irregulären Reiterei gedenken, welche in der Hauptsache aus Tartaren, Kalmücken und Kirgisen besteht. Es ist dies eine wilde, aller Disciplin baare Truppe von Schrecken erregendem Aeußern, die nur zu großen Chors in offenen Feldschlachten benutzt werden kann, im Uebrigen aber ohne große Bedeutung ist, meistens eben so sehr zur Plage des eigenen Heeres wie des Feindes wird, und daher auch nicht regelmäßig zum Kampfe gezogen wird.

[13]
Die Gartenlaube (1855) b 013.jpg

Linien-Infanterie.  Uhlane.  Kürassier.  Husar.  Jäger.
  Linienkosack.
Irreguläre Cavallerie: Tartare.  Kirgise.  Ural-Kosack.




Ein Dienstritt.
Nach der Erzählung eines deutschen Offiziers.

Es war ein prachtvoller Sommerabend und der Mond beschien eine Landschaft mit so herrlichen Umrissen, wie man sie nur in Südafrika findet, wo der hügelige Boden mit gruppenförmig vertheilten und köstlich blühenden und duftenden Gesträuchen und Bäumen bedeckt ist, sodaß man sich inmitten des schönsten Gartens versetzt glaubt.

Aber der Mond schien auch auf andere Gegenstände, die wenig mit diesem prächtigen grünen Laube und den duftigen Blüthen [14] in Einklang waren, auf Pyramiden von Waffen und anderes Kriegsgeräth, das auf ein blutiges Handwerk deutete. Daneben bewegten sich die rothen Uniformen durch das Gebüsch und hier und da lagerten sich die Soldaten um die Wachtfeuer, deren rothe Flamme sonderbar gegen das Mondlicht abstach.

Es war das Bivouac eines Detaschements der englischen Truppen, die an der Grenze lagen. Wir gehörten nur zeitweilig zu ihnen, und uns war das Lagerleben, sowie die Mehrzahl unserer Kameraden, der Offiziere, noch neu. Das Gespräch drehte sich daher wesentlich um das Land und seine Bewohner, und Jeder gab seine Erfahrungen darüber zum Besten.

„Zu Abenteuern,“ fragte ich hierbei, „bietet Südafrika wohl keinen Stoff dar?“

„Nun je nachdem,“ erwiederte einer der Offiziere. „Ich für meinen Theil habe hier den gefahrvollsten Tag meines Lebens gehabt.“

„Ja, das müßt Ihr erzählen, Merden,“ rief ein Zweiter aus, „das ist eine famose Geschichte.“

„Ja wohl, thut es!“ riefen ein halbes Dutzend Stimmen.

„Ich bin aber ein schlechter Erzähler.“

„Thut nichts. Um so mehr wird uns der Stoff Eurer Geschichte anziehen.“

„Nun, meinetwegen,“ begann Lieutenant Merden.

„Es mögen wohl drei Jahre her sein und es war rechtes Kaffern-Wetter, d. h. wir hatten ewige Nebel, die den Himmel verdunkelten und es den verdammten Schwarzen möglich machten, ihrem alten Lieblingsgewerbe, dem Viehstehlen, nachzugehen. So hatten sie auch damals einem Farmer an der Grenze Vieh gestohlen und ihn selbst verwundet und es wurden Truppen ausgesandt, ihnen den Raub wieder abzunehmen. Demgemäß kam ich an den Fluß Rhei Kops zu stehen und wurde dort zum Recognosciren beordert. Ich hatte einen Hottentotten-Soldaten zur Begleitung, einen kleinen, schlauen Kerl, der stets eine halbe Meile weiter sah, als ich.

„„Da sind drei Kaffern, Herr, mit Flinten,“ rief er aus.

„Ich konnte weder die Kaffern, noch die Flinten sehen, fand aber, daß er vollkommen recht hatte, denn als ich darauf zuritt, fand ich richtig die Kaffern, und ihre verlegenen Blicke sagten mir auch zur Genüge, daß sie ihre Gewehre versteckt hatten, es fehlte mir indessen an Zeit, danach zu suchen.

„Die nächste Bemerkung, welche Piet machte, war noch fataler. „Mein Pferd ist lahm, Herr,“ sagte er.

„„Ach, dummes Zeug!“ rief ich aus, „vorwärts.“ Es war aber kein dummes Zeug, denn das Pferd wurde immer lahmer und konnte zuletzt nicht mehr fort. Ich war daher genöthigt, ihn absitzen und das Pferd nach Hause führen zu lassen, und allein weiter zu reiten.

„Bald darauf hörte ich einen Schuß, achtete jedoch nicht besonders darauf, weil ich mir dachte, daß einer der Farmer auf der Jagd sei.

„Dies mochte auch wohl der Fall gewesen sein, denn ich war noch nicht dreißig Schritt weiter, als ich plötzlich einen großen, prachtvollen Tiger vor mir sah. d. h. was man in Südafrika so nennt. Es war einer der großen Leoparden, die hier hausen, und der schönste, den man nur sehen konnte.

„Längere Zeit hindurch blickte ich ihn blos staunend an, denn ich wußte ja, daß diese Thiere, so wild sie auch sind, selten den Menschen angreifen, es währte aber nicht lange, so wurden wieder Gedanken in mir rege, denn ich sah ihn geradesweges auf mich loskommen, als wolle er mich angreifen. Ich griff daher zu meiner Doppelbüchse, von der aber, wie ich mich gleichzeitig erinnerte, nur ein Lauf mit einer Kugel geladen war. Der andere enthielt nur Schrot. Ich zielte, so gut ich bei dem schnellen Lauf des Thieres vermochte und traf ihn auch in die Weichen, aber dies störte ihn nur für einen Augenblick, und er stürzte nur um so wilder, zähnefletschend und mit fürchterlich rollenden Augen auf mich zu. Ich ergriff meine Büchse und wirbelte sie um meinen Kopf, um seinem Angriffe zu begegnen, sobald er mich anfallen wollte. Mein Pferd war indessen anderer Ansicht und setzte sich in Galopp, um dem Feinde zu entgehen.

„Diese Flucht dauerte indessen nur eine Minute, als ich an dem Stöhnen des Pferdes erkannte, was sich, wie ich vorhersah, nun ereignen mußte. Der Tiger war auf uns gesprungen, hatte die linke Klaue in die Weichen des Pferdes geschlagen und suchte die rechte in meine eigne Seite zu bohren.

„Das Pferd sprang jetzt wie eine Antilope in die Luft, machte die tollsten Kapriolen, um den Feind abzuschütteln und schlug, als dies nichts half, mit den Hufen nach ihm, allein auch diese erreichten ihn nicht. Der Tiger klammerte sich nur um so fester an.

„Dies dauerte unr einige Sekunden, sie reichten indessen hin, mich über den ersten Schreck, den ich empfand, hinwegzuhelfen. Ich entdeckte, daß der Tiger zu meinem Glück einen schlechten Sprung gemacht hatte. Er war zu kurz gesprungen und hatte Mühe, sich zu halten, seine Hinterfüße schwebten in der Luft und das Ausschlagen des Pferdes genirte ihn gewaltig.

„Aber wo waren, werdet Ihr fragen, unterdessen die freundlichen Zähne der Bestie? So fragte auch ich mich, denn meine erste Erwartung war die gewesen, daß er mein Rückgrat zu durchbeißen suchen würde. Ein wunderbares Schnaufen, Pusten und Knurren hinter mir überzeugte mich indessen, daß er einstweilen noch eine andere Beschäftigung gefunden hatte.

„Ich pflegte, nach Cavalleristen Art, hinter mir eine Cartouchebüchse von starkem Zinn zu führen, in die ich meine Munition und sonstige Utensilien steckte. In diese hatte der Tiger sich verbissen, und was er darin fand, namentlich das Pulver, mochte wohl so wenig seinem Geschmack behagen, daß er denselben durch Pusten los zu werden versuchte, während seine Zähne in dem Zinn verbissen blieben.

„Dies hielt ihn für einen Augenblick auf, aber wie lange sollte dieser währen? Ich mußte einen Entschluß fassen.

„Dabei schien mein wahnsinniges Pferd Lust zu haben, sich niederzuwerfen, um wo möglich mich und den Tiger zugleich los zu werden. Der Tiger zog seine Klaue für einen Moment zurück, aber nur, um mich gleich darauf enger an sich zu ziehen. Bewies dies, daß er vorrückte?

„In solchen Lagen kommt Einem eine Minute wie eine Viertelstunde vor und die Pein, welche man empfindet, ist furchtbar. Gott sei Dank, währen solche Situationen indessen nie lange.

„Ich überlegte also, was ich thun sollte. Hätte ich mich umdrehen und ihm die Spitze bieten wollen, so wäre dies mein sichrer Tod gewesen; abspringen konnte ich auch nicht, dazu hielt die Bestie mich zu fest, es blieb mir daher nur noch ein Mittel übrig: in nicht weiter Entfernung sahe ich das dunkle Gewässer des Flusses Rhei Kops, und der Gedanke flammte in mir auf, daß diese mich erretten konnten. Dahin wendete ich daher den Lauf des Pferdes, und als es seinen Kopf dahin richtete, schien es mich zu verstehen, denn es brauste in wahnsinnigem Schnelllauf fort. Der wilde Jäger kann nicht schneller geritten sein.

„Alles hing von der Schnelligkeit des Pferdes ab. Wenn es das Wasser erreichen konnte, ehe die Bestie seine Zähne von der Zinnbüchse zu befreien vermochte, hatte ich Aussicht auf Rettung, falls wir nicht sämmtlich vorher den Hals brachen, daran dachte ich indessen wenig. Meine Gedanken waren nur darauf gerichtet, ob es dem Tiger gelingen würde, weiter hinauf zu kriechen und ob ihn die Zinnbüchse lange genug beschäftigen würde. Das Pferd befolgte die kluge Politik, zuweilen wieder auszuschlagen und dadurch den Tiger zu verhindern, emporzuklettern. Als er seinen Kopf brüllend aufzurichten suchte, gab er mir einen solchen Stoß, daß ich glaubte, ich würde vornüber stürzen, aber die Klaue, die er mir in die Seite geschlagen hatte, hielt mich fest. Endlich sahe ich den Fluß frei, nur noch dreißig Schritt weit vor mir. Ich wußte, daß er sehr tief war und eine heftige Strömung hatte – um so besser für mich, denn sie konnte mich von dem Tod drohenden Feinde hinter mir befreien. Es war hohe Zeit dazu, denn ich merkte, daß der Tiger seine Zähne los machte und die furchtbare Waffe zum Angriff bereit hielt.

„Mein Pferd ließ mir indessen nicht Zeit, darüber nachzudenken, denn es sprang mit einem Satz in den Fluß. Eineu Augenblick waren wir unter Wasser, dann tauchten wir wieder empor und jetzt versuchte ich mein Experiment, auf das ich meinen Plan gebaut hatte. Ich riß den Kopf des Pferdes so viel als möglich in die Höhe, um den ganzen Vortheil des Wassers für mich zu gewinnen. Der Fluß trug uns mit reißender Schnelle abwärts und bald hörte ich meinen Hintersassen pusten, schnaufen und gurgeln, als inkommodire ihn das Wasser gewaltig. Ich blickte über meine Schulter und sah ihn mühsam mit dem Wasser kämpfen und seine Nase emporhalten.

[15] „Immer klammerte die Bestie sich aber noch fest und suchte sogar weiter hinauf zu kriechen. Da gab ich dem Pferde einen neuen Ruck, daß es beinahe aufrecht dastand und ich selbst einen solchen Stoß an meinen Kopf bekam, daß ich halb ohnmächtig wurde. Diese Stellung brachte den Tiger aber völlig unter Wasser, und ich hörte ihn heftiger als bisher pusten und schnaufen. Er mußte jetzt um sein Leben kämpfen und in dieser Todesangst ließ er seine Klaue los. Welche Wonne für mich, als ich dies fühlte und ich ihn gleich darauf dicht bei mir vorbeischwimmen sah.

„Er schien sich in dem ihm aufgedrungenen Elemente sehr unglücklich zu fühlen und sah verdammt verzweifelt aus, als ihn der Strom mit Blitzesschnelle dahintrug.

„Auch mein Pferd hatte längst das Schwimmen aufgegeben und ließ sich von dem Strome tragen; dies konnte, wenn es erschöpft war und auf Felsen stieß, die sich in dem Flusse befinden, seinem Untergang herbeiführen und ich sann daher jetzt für mich allein auf Rettung durch Schwimmen, denn ich verstand mich darauf und konnte mir zutrauen, das Land zu erreichen. Als ich mich vom Pferde geworfen hatte und dies versuchte, fand ich mich jedoch sehr durch meine Büchse behindert, die ich nicht Preis geben wollte, weil sie das Andenken eines mir theuern Freundes war der in Syrien sein Grab gefunden hatte.

„Ich hatte daher hart mit dem Strome zu kämpfen und fürchtete mehrere Male, er würde mich überwältigen, ich trug indessen den Sieg davon und es gelang nur freilich in einer bedeutenden Entfernung von dem Punkte, wo wir hineingesprungen waren, das Ufer zu erreichen.

„Ich war so erschöpft, daß ich dort eine Weile regungslos liegen blieb. Sowie ich aber einigermaßen wieder zu mir kam, gewahrte ich etwas, das mir plötzlich wieder das Blut in die Adern jagte. Etwa zehn Schritt weit stand der verruchte Tiger, der sich ebenfalls an diese Stelle gerettet hatte. Er sah zwar elend und halb ertränkt aus, aber seine Augen brannten doch von verzehrendem Feuer, als er sie auf mich richtete. Ich hatte indeß jetzt keine solche Furcht mehr vor ihm, als vorher. Jetzt war ich auf gleichem Fuß mit ihm und konnte meine Kraft mit der seinen messen. Ich blickte daher ruhig umher, indem ich mich auf das Schlimmste gefaßt machte.

„Es währte nicht lange, so legte er sich katzenartig nieder und heftete seine glühenden Augen auf mich. Es war kein Zweifel mehr, er hatte in mir seinen Feind erkannt. Dann hob er sich und sprang mit Geheul auf mich ein. Ich erwartete ihn aber mit meiner fest gefaßten Büchse und begegnete ihm damit rechtzeitig, indem ich sie derb an seinen Kopf schlug und ihn damit auf die Seite warf.

„Welch ein Geheul ertönte jetzt an dem Ufer! Aber obwohl seine Hirnschale eine beträchtliche Erschütterung erlitten hatte, war er doch nicht todt, sondern erhob sich zu neuem Kampfe. Ehe er dazu gelangen konnte, ertheilte ich ihm zwei neue Schläge, die ihn niederwarfen, und bald darauf fand mein Messer seine Kehlader und ich wurde seiner Herr, freilich nachdem meine Hände beträchtlich von seinen Klauen zerfetzt worden waren.

„Als dies Alles vorüber und der Sieg mein war, überkam mich von Neuem eine Schwäche und ich sank fast bewußtlos auf einen Haufen Steine nieder. Dort hätte ich vielleicht lange hülflos liegen können, zu meinem Glücke hatte indessen das Geheul des Tigers zwei Hottentotten-Jäger herbeigezogen, die auf der Büffeljagd waren.

„Sie kamen näher, um zu sehen, was es gab, und waren mir behülflich, nach Hause zu kommen.

„Vorher zogen wir dem Tiger das Fell ab. Es war so prachtvoll, wie ich nur je eins gesehen habe, und ich sandte es später nach Hause, wo es jetzt den verdienten Ehrenplatz einnimmt. Beim Abledern fanden wir die Kugel, welche den Tiger vor der meinen verwundet hatte. Sie rührte von dem Schuß her, den ich gehört hatte und war die Ursache gewesen, ihn zur Wuth und zum Angriff gegen mich zu treiben.

„Ich selbst hatte aber an den Wunden und Schrammen, die mir die verdammte Bestie beigebracht, so lange zu leiden, daß Monate darüber vergingen und das gestohlene Vieh und die Strafe, welche den Kaffern dafür zuertheilt wurde, längst vergessen waren, als ich wieder meinen Dienst antrat.“




Deutsche Söldner in England.
Scenen aus der deutschen Auswanderungs-Herberge in London.

Im Osten Londons, unweit des Towers und der „Katharine Docks,“ wo schon „Klein-Deutschland“ anfängt, kann man seit einiger Zeit rührende Scenen aus „Groß-Deutschland“ erleben. In dieser Gegend befindet sich nämlich auch die deutsche Auswanderungs-Herberge für die, welche über London nach Amerika oder Australien scheiden oder mit Schiffen aus einem deutschen Hafen kommen und sich hier aufhalten müssen, bis volle Ladung eingenommen worden. Die Herberge ist schwer zu finden. Sie liegt wie ein großer Reitstall in den hintern Räumen einer engen schmutzigen Straße, traurig, lichtscheu, roh und ungehobelt von Innen und Außen. Durch ein großes Thor in das hohe, hohle, übelriechende Innere eintretend, bemerken wir zuerst eine unabsehbar lange, schmale, angenagelte Tafel mit angenagelten rohen Brettern auf beiden Seiten. Das ist der Mittagstisch. Am Ende desselben duftet es in allen Graden des Fuselöl- und Biergeruchs hinter einem schmutzigen Schenktische hervor. Der Geist des Fuselöls verkörpert sich in ein Paar grauen, grobknochigen Gestalten mit biersauren, halsabschneiderischen Physiognomieen, die hinter dem Tische hervor nicht bedienen, sondern herrschen. Ringsherum an den Wänden, in allen möglichen und unmöglichen Winkeln und Höhen an den Balken hinauf reihen sich Tauben- und Hühnerhäuser oder Menageriekäfige aus den rohesten Brettern grob zusammengenagelt. Aber es wohnen keine wilden Thiere darin, sondern zahme Deutsche, die zu je Fünfen in diesen Prokrustes-Betten ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht schlafen müssen, obgleich sie schon für je drei Personen zu schmal und zu kurz sind.

Etwa 6 Tage vor meinem Besuche war eine Sendung deutscher Auswanderungswaaren angekommen, 270 Personen vom Rheine her, Hessen (natürlich Kurhessen), Baiern, Badener und wie die Völker und Namen sonst hießen, die gastlich hier zusammenkamen, um dem Heimweh, und dem Weh der Heimath, zu entfliehen. Die Scenen und Gruppen, die sie hier in dem großen Reitstalle bildeten, runzelige Bauern und taillenlose oder tonnenartig getaillte Frauen und Mädchen, kleine Jungen mit sehr langen Röckchen, sehr großen Stiefeln und sehr dummen, gaffenden Gesichtern aus übelriechenden Queersäcken, schmutzigen Papieren und Lappen Käse, Wurst, Brot u. s. w. verzehrend, schreiende Säuglinge, blasse Kranke, die hier und da von allen möglichen Höhen aus ihren Bretterkasten hervorguckten und riefen, ohne daß es Jemand zu hören oder irgend Einer zu ihnen zu gehören schien, hier neugierig und leichtgläubig horchende Gruppen, dort lebhafte Discussionen über Dinge, in denen Niemand den geringsten Bescheid wußte, diese Gruppen und Scenen deutscher Komik und Naivität sind Stoffe für Genremaler. Wir fühlen uns nicht aufgelegt, diesen Wirrwarr in einzelne Bilder einzurahmen. Es war an diesem Tage so lebhaft und voll, weil es hieß, die ganze Gesellschaft solle diesen Nachmittag „verlesen“ und dann in’s Schiff transportirt werden. Die Verlesungsscene ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Ein dicker, breitschulteriger Fallstaff trat mit einem schmalen Herren herein und gab einige furchtbare Töne des Zornes von sich, worüber die ganze Auswanderungsgesellschaft dermaßen erschrak und sich in unterthänigster Andacht erhob und alle Arten von Kopfbedeckungen vor den verwirrten Herren herunterriß, daß ich im ersten Augenblicke nicht anders dachte, als ihr wirklich angestammter gestrenger Landesvater stände in höchst eigener Person vor ihnen. Aber es war blos ein gewöhnlicher, englischer Steuermann vom Schiffe mit einem gewöhnlichen deutschen Individuum neben sich, das ihm als Dollmetscher diente. Beide traten wie unumschränkte subalterne Polizeibeamte aus der alten deutschen Unteroffizierschule auf, und die Bauern und ihre Familien waren ganz Andacht und Ehrfurcht darüber. Als einige gar zu gebückt und furchtsam mit ihren breiten Stiefeln [16] eintraten und sich noch das Haar vom unbedeckten Haupte auf die Stirne herunterstrichen, gleichsam um den Ausdruck ihrer von Natur starken Einfalt unterthänigst noch zu verstärken, konnte ich nicht umhin, sie laut darauf aufmerksam zu machen, daß sie keine deutsche Obrigkeit vor sich hätten, sondern untergeordnete Diener des Auswanderungsgeschäfts, die von ihrem Gelde lebten und dafür verpflichtet seien, ihnen zu dienen. Wenigstens möge Jeder in diesem kalten, zugigen Raume seinen Kopf bedecken, wenn er nicht durchaus freiwillig beschlossen habe, ohne Mütze oder Hut zu erscheinen. Aber sie horchten mit tauben Ohren und sahen mich und dann den Fallstaff mit stierem Erstaunen an und schienen sich zu wundern, daß ich nicht sofort in Ketten gelegt und auf Lebenszeit eingesperrt würde. Da sah ich nun freilich mit einem Male ein, daß die beiden Herren, die so viel Ehrfurcht einflößten und sich so absolut benahmen, klüger und praktischer waren als ich. Dieses Benehmen war den Leuten Bedürfniß.

Doch zur Sache. Fallstaff wollte nicht blos vorlesen, sondern auch Rekruten werben. Er ließ durch seinen deutschen Dolmetscher bekannt machen, daß das Parlement dem Ministerio die Bildung einer Fremdenlegion genehmigt habe und man dabei besonders auf die ehrlichen, biedern, „Freiheit liebenden und Rußland hassenden Deutschen“ gerechnet habe. Jeder, der sich dem patriotischen Unternehmen anschließen wolle und für tüchtig befunden werde, bekomme sofort seine volle tägliche Löhnung, eine aus Fleisch, Butter, Brot, Thee, Bier u. s. w. bestehende Kost und nach Ablauf seiner Dienstzeit eine freie Fahrt nach dem glücklichen, goldenen Australien, eine Fahrt, die sonst mit 150 Thalern bezahlt werden müsse. Außerdem bekomme Jeder, der sich hier melde und annehmbar sei, das bereits bezahlte Geld für seine Ueberfahrt nach Amerika zurück. Das Söldlingsleben unter englischen Kriegsgesetzen auf der Krim ward sodann mit den lachendsten Farben ausgemalt. Einige junge Burschen horchten mit steigender Theilnahme auf dieses Evangelium, so daß ich der Versuchung, ein Wort zu rechter Zeit zu sagen und ein gutes Werk zu stiften, nicht widerstehen konnte. Sobald das Evangelium zu Ende war, rief ich sofort in die bunte Menge hinein, daß man so Etwas erst gehörig überlegen und jede unsichere Münze von beiden Seiten besehen müsse. Die andere Seite stelle sich aber, ganz nach den authentischen Berichten und Leitartikeln der Times, der politischen Bibel Englands, so dar.

Die Times sagte in Bezug auf das englische Militär, daß über dem Eingange zu demselben stehe, was nach Dante über dem Thore der Hölle zu lesen war: „Keine Hoffnung!“ Außerdem steht in den Paragraphen des Fremden-Militär-Gesetzes, daß Niemand nach der Entlassung, mag er gesund, verwundet oder verkrüppelt sein, Ansprüche irgend einer Art machen kann. Das Freibillet nach Australien ist also zunächst blos ein Privat-Versprechen. Es ist ungefähr 100 Thaler Werth für Den, der durchaus nach Australien will. Die Sache steht also so, daß der Deutsche für die unverbürgte Aussicht auf den Werth von 100 Thalern seine Nationalität, seine persönliche Freiheit, seine Ehre und sein Leben verkauft, mit einer Aussicht von 100 gegen 1/2, daß er dieses verkaufte, entehrte Leben nicht retten werde. Dieselbe Times ließ sich von ihrem Correspondenten vom Kriegsschauplatz berichten und durch unzählige Thatsachen beweisen, daß der zerlumpteste, elendeste Bettler in den Straßen Londons das Leben eines Fürsten führe im Vergleich zu dem des englischen Soldaten auf der Krim. Der Gesunde bekommt die ihm bestimmten Lebensmittel nur halb und muß im Regen und Schnee, im Schmutz und Wasser schlafen, denn selbst durch die Leinwand der Zelte (wenn er ja unter eins kommt) regnet es, wie durch ein Sieb. Der Kranke kommt nach Vernachlässigungen aller Art auf ein Schiff, wo keine Medizin und keine Aerzte sind. Diese giebt’s in Menge, aber immer am unrechten Platze. Der Verwundete wird auf Karren über Stock und Stein und Moräste gestaucht, um in ein Schiff gepackt und 100 Meilen weit in ein Lazareth geworfen zu werden, wo er auch unter Pflege oft nicht mehr zu retten ist.

Die Soldaten gehen zerrissen und zerlumpt einher, da Winterkleider, Zelte, Lebensmittel aller Art tausendcentnerweise vom Sturme in den Grund des Meeres versenkt wurden, woran erwiesenermaßen nicht der Sturm, sondern die Liederlichkeit und Unordnung der aristokratischen, höhern Beamten, die sich einander nicht unterordnen, Schuld ist, wie an allem übrigen Elend, aller Ratlosigkeit und Anarchie im englischen Lager, so daß viel mehr an den Folgen dieser Anarchie sterben, als von den Kugeln der Feinde. Beweise dafür hat der Correspondent der Times massenhaft in seinen ellenlangen Berichten gehäuft und die Times selbst sprach sich in ihren Leitartikeln auf das Schärfste gegen diese Schmach aus, die um so greller und entsetzlicher hervortritt, als es sich hier um das Leben und das Glück von vielen Tausenden englischer Bürger und Familien handelt und als die Ordnung und Humanität im daneben aufgeschlagenen französischen Lager durchweg musterhaft gefunden ward.

Wenn die Aristokratie Englands so liederlich und brutal mit den Söhnen ihres eigenen Landes umgeht, was haben dann erst die fremden, gekauften Söldlinge zu erwarten? –

Auch hierauf antworte ich aus der Bibel Englands, dem berüchtigten Leitartikel der Times vom 22. December. –

„Die Regierung hat es“ sagt sie, „mit dem großen bessern, England verhaßten „Fremden-Militär-Gesetze“ besonders auf die Deutschen abgesehen. Sie sieht auf diese simpeln, unschuldigen, milden, blauäugigen, flachshaarigen jungen Deutschen wie der Fischer von Falmouth auf eine Heerde junger Makrelen oder der Orkney-Insulaner auf eine „Schule“ lebhafter, junger, flaschennasigter Wallfische. Sie sind auswanderungslustig, sehr zum Gehorsam gezogen, leicht zu regieren und im Alter von 26–30 Jahren in der Regel gut militärisch einexercirt. Sie sind ein excellentes Material für die Civilisation und politische Macht. England möchte sie daher lieber verbrauchen, als seine eigenen Söhne und lieber in’s englische Australien bringen als in das unabhängige Amerika tausendweise ziehen lassen.

„Sie sind geboren, um sich gebrauchen zu lassen. Sie sind gemacht, um betrogen und mißbraucht zu werden. (They are made to be fleeced.) „Sie haben dabei ohne Zweifel Muth, doch sind sie der Autorität gegenüber wie Lämmer. Wenn unter einem Haufen solcher jungen Deutschen irgend ein Gauner träte, sich für einen Polizeidiener ausgäbe und ihre Kleider und ihr Geld verlangte, sie würden’s ihm unterthänigst ausliefern.“

Das ist der Hauptinhalt jenes Leitartikels. So berief ich mich in meiner Zwischenrede vom Anfange bis zum Ende entweder auf Thatsachen oder auf Urtheile der politischen Bibel Englands und wies jede Unterbrechung von Seiten Fallstaff’s mit Luther’schem Pochen auf diese Bibel und auf englische Redefreiheit zurück.

Aber was half mir’s? Die drei Einzigen, die noch jung aussahen und einzeln standen, gingen gläubig und hoffnungsvoll in die Falle und verkauften Gut und Blut, Ehre und Leben für eine sklavische, elende Existenz und einen Krieg, der erst noch beweisen muß, daß er für die Humanität und Civilisation geführt werde. Kein Mann von Ehre wird die größten Strapatzen und für sein Leben fürchten, wenn es wirklich die höchsten Güter der Menschheit gilt, aber was bezweckt die englische Diplomatie und unter welchem Hohne kauft sie sich Deutsche? Ich habe hier auf Thatsachen hingewiesen, die hoffentlich auf die Leser in Deutschland besser wirken, als auf die drei blauäugigen Schwaben in der Londoner Auswanderungs-Herberge.[1]


  1. Mögen diejenigen, welche den lockenden Verheißungen der englischen Werber Folge zu leisten gedachten, diesen Warnungsbrief wohl beachten. – Muß schon die Frechheit, mit der sich einzelne Mitglieder des Parlaments über Deutschland und deutschen Muth äußerten, jeden ehrliebenden Deutschen tief verletzen, um wieviel mehr dieser kalte Hohn einer englischen Zeitung, deren Aussprüche in ganz England wie ein Evangelium aufgenommen werden. Deutsche Leichen für englisches Geld – der Menschenschacher des vorigen Jahrhunderts in anderer Form, nur daß hier gleich von vorn herein die Ehre einer militärischen Gleichstellung abgesprochen, das Brandmal der Verachtung aufgedrückt ist.  Die Redaktion.