Die Gartenlaube (1871)/Heft 12

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 12.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die Zuwider-Wurzen.
Eine Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


„Ah nein – es ist nit der Müh’ werth,“ sagte die Alte, indem sie sich über die Augen fuhr. „So was geschieht alle Tag’, und es kümmert sich kein Mensch darum als der, den’s halt gerad’ angeht. Kannst Dir wohl denken, ich bin auch einmal jung gewesen und sauber und eine lebfrische Dirn’; ich hab’ gejuchzt, wenn die Sonn’ heraufkommen ist, und hab’ einen Kreuzsprung gemacht, wenn sie untergegangen ist. Ich bin auch da heroben gewesen als Sennerin auf der Brettenalm, vor so ein vierzig Jährl’n bin ich da gesessen, wo wir jetzt sitzen, hab’ gesungen und Cither gespielt und gemeint, die ganze Welt gehört mein. Einmal, wie ich in der Fruh die Hütt’n aufgemacht hab’, ist auf der Schwell’n, auf’m Antritt – siehst? gerad’ da, wo jetzt das Feuer hinscheint – ein Buschen gelegen von Edelweiß und Steinräutel, die wachsen nirgends schöner als an der Brettenwand, die gleich hinter der Hütt’n in die Höh’ geht, und der Buschen war so frisch, daß der Thau noch d’rangehängt ist, und mir ist so eigen um’s Herz worden, wie noch niemals zuvor; es ist mir heiß aufgestiegen, und doch ist mir wieder gewesen, als wenn ich anfangen wollt’ zu frieren. Ich hab’ mir wohl einbilden können, von wem der Buschen sein könnt’; ich hätt’ ja blind sein müssen, wenn ich nit gesehen hätt’, daß mir der Jagdg’hilf’ von der Jachenau schon lang’ zu Gefallen ’gangen ist! Er hat sich in der Kirch’ alleweil’ so gestellt, daß er mich hat sehen können, und beim Tanz bin ich die Erst’ und die Einzige gewesen, die er aufgezogen hat. Und wie ich den Buschen aufgehoben hab’ und hab’ herumgeschaut um mich, ist er, der Jäger, auch schon vor mir dagestanden … gerad’ dort, wo der Zaun ist und wo das Bergbachl ’nuntergeht in die Tiefen. Nachher ist er zu mir herkommen und bei mir gesessen, und nachher haben wir miteinander geschwatzt, und so ist er oft und nachher jeden Tag ’kommen, bis es Herbst ’worden ist und bis wir abgetrieben haben von der Alm. Da ist’s aus gewesen mit der ganzen Glückseligkeit, die ist abgefallen wie die Lauber von unsere Kerschbäum’. Der Vater hat nix hören wollen davon, daß ich ein’ Jäger heirathen sollt’; Dein Vater aber, mein Bruder, der Lipp, der ist noch wilder gewesen und hat gescholten und gedroht: wenn er den Jäger treffen thät’, so thät’s ein Unglück geben. So lang’ man denkt, hat er gesagt, hat keine Jachenauerin einen Fremden geheirath’t; das wär’ eine Schand’, und bei so was sollt’ auf dem Kurzenhof nit der Anfang gemacht werden. Erst hab’ ich mich auf’s Bitten gelegt, dann auf’s Weinen und zuletzt auf’s Trotzen – aber es hat Alles nix geholfen; bei mir ist’s wahr gewesen, es hat sich Niemand angenommen um mich – ich hab’s ’nunterschlucken müssen in mir, und wie der Auswärts wiederkommen ist, da hat’s geheißen, der Jäger, dem’s verleid’t gewesen ist in der Jachenau, der wär’ fort – wohin, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich ihn nimmer gesehen hab’ und daß die Zeit da heroben auf der Brettenalm meine letzte fröhliche Stund’ gewesen ist … So, jetzt weißt meine ganze Lebensgeschicht’,“ schloß die Alte, indem sie sich erhob. „Jetzt überleg’ Dir’s, Madel, ob Du eine Ursach’ hast, so feindselig und trotzig zu sein! Und jetzt, denk’ ich, wird’s auch Zeit sein, Du löschest das Feuer aus und machst die Hütt’n zu … Ich will mich derweil’ niederlegen – ich bin ordentlich müd’, und morgen vor’m Tag muß ich wieder unterwegs sein, damit ich drunten bin, wenn die Arbeit losgeht.

Sie that, wie gesagt, und lag bald still auf dem Heulager, während Stasi noch eine Weile am Herd und in der Hütte beschäftigt war und dann vor die Thür trat, um in den klaren sternigen Nachthimmel hinauszublicken – ein Hauch unendlicher Ruhe und unsäglichen Friedens wehte ihr daraus entgegen; sie athmete ihn begierig ein, mit ihm die Ahnung eines ungekannten, sehnsüchtig erwarteten Glücks. Spät erst ging auch sie zur Ruhe und nahm ihren Platz neben der Mahm ein, die entweder fest schlief, oder, weil ältere Leute der Schlaf nicht mehr so dauernd besucht, in stillem Sinnen und Beten lautlos verharrte, als ob sie schliefe; noch ehe aber drunten in den Dörfern die Hähne sich zu regen begannen, war sie schon wieder rüstig auf den Beinen und wanderte den Weg in die Jachenau hinunter; Stasi ließ sich nicht nehmen, sie eine Strecke zu geleiten, nachdem sie noch im Stalle nachgesehen und die hintere Thür geöffnet hatte. Als sie von einander schieden, geschah es zum ersten Male ohne Streit; kein gereiztes Wort ging hin und wieder. Stasi sah lange der sich Entfernenden nach; es war ihr immer zu Muthe, als müsse sie sie zurückrufen, als habe sie etwas Wichtiges vergessen, um das sie nothwendig fragen müsse.

Langsam kehrte sie wieder zurück; gesenkten Blickes der Hinterthür zu, ging durch den Stall in die Hütte und stieß die Thür auf, trat aber sogleich mit einem leichten Aufschrei zurück: auf der Schwelle lag ein Busch von Edelweiß und Steinraute, so schön, wie er nur auf den höchsten Graten der Brettenwand vorkommt, so frisch, daß der rings aufsteigende Morgenschein in den daran [190] [hän]genden Thautropfen schimmerte. Ueber die aus dem Schlafe erwachende, in weißes Duftgewölk gehüllte Welt ergoß sich unten rosiges Licht und drang verklärend bis in ihre Seele: es ward ihr eigen um das Herz wie noch nie, heiß wallte das Blut empor und pochte in den Schläfen, und doch schauerte sie zusammen, als ob sie anfangen wollte zu frieren. Die Erzählung der Base fiel ihr ein – erging es ihr doch gerade wie dieser! Nur ein Umstand traf nicht zu; denn dort vor ihr stand die leichte Umzäunung, welche den Felseneinschnitt umgab, in dem der Bergbach zur Tiefe sauste; aber keine Spur war zu gewahren, wer den Strauß gebracht haben könnte. Die Base hatte es auch leicht gehabt, den Geber zu errathen, der sich schon um sie beworben, Stasi hatte keine solche Erinnerungen, die ihr als Spur dienen konnten, und wenn eine Vermuthung in ihr aufblitzte, war sie auch im Entstehen mit der Schnelligkeit des Blitzes wieder verschwunden; sie wußte sich nur von Haß und Groll zu erzählen – konnten Haß und Groll eine Gabe der Liebe bringen? Einen Augenblick schwankte Stasi, was sie thun solle: eine freudige Regung zog ihre Hand, den Strauß aufzuheben; der Stolz hielt sie zurück; dennoch siegte die erstere, von der Neugier unterstützt, sie ergriff den Strauß, und sinnend ruhte ihr Blick auf den mattweißen Sammetsternen, dem trefflichen Bilde einer Treue, die nicht durch welkende Farben und verfliegende Düfte blendet, aber dafür durch bleibende, immer schöner sich entfaltende Anmuth zu fesseln weiß. Immer näher kam der Strauß ihren Lippen, natürlich nur, um ihn näher und genauer zu betrachten und den Hauch der Frische einzusaugen, der ihn statt des Duftes umwehte. Plötzlich fuhr sie zusammen: neben der Hütte war das Geräusch von Schritten laut geworden, sie blickte auf und ihre Augen trafen mit dem Augenpaar zusammen, in das sie nur ein einziges Mal geschaut hatte, und das sie dennoch unter Tausenden wiedererkannt haben würde. … Sie bebte erbleichend zusammen und vermochte nicht zu sprechen.

Auch Martl stand einen Augenblick unbeweglich; seine Stimme zitterte merklich, als er ihr seinen Gruß zurief: „Grüß Gott, Sennerin!“ sagte er, indem er sich den Anschein gab, als ob er sie nicht wiedererkenne. „Du bist ja schon gar vor der Sonn’ auf der Höh’.“

Stasi blickte fester nach ihm hin; schon wollte sie unwillig antworten, aber sie hielt inne, denn in dem auf sie gerichteten Blicke lag etwas, wogegen sie vergeblich ankämpfte. Da stand der verwegene Bursche wieder vor ihr, als Holzknecht, die Hacke auf der Schulter, den Bergstock in der Hand und denselben schäbigen Hut auf dem Kopfe wie beim ersten Begegnen. Dennoch kam er ihr bei Weitem nicht mehr so unsauber vor, und hatte sie dort über dem Gewande den Träger weniger beachtet, so ruhte diesmal ihr Auge nur auf dem Manne und sah kaum, wie er gekleidet war. Wie von einem Wirbelwinde umgejagt, drehten sich ihr die Gedanken. Wie kam er hierher? War es Zufall oder Absicht, was ihn hierher geführt? Erkannte er sie wirklich nicht, oder wollte er sich verstellen? Wenn er wirklich die Blumen gebracht, welchen Grund konnte er haben, als ihr ein Zeichen zu geben, daß er fühle, wie sehr er ihr Unrecht gethan, daß es ihn reue und dränge, das wieder gut zu machen? Das Alles klang im leisen Beben ihrer Stimme nach, als sie ihm nach einigem Zögern antwortend entgegenrief: „Grüß Gott auch! Bist ja noch früher unterwegs, weil Du schon auf der Brettenalm bist. Ist Dir Niemand begegnet auf der Alm?“

„Ich hab’ Niemand gesehn … Warum fragst, Sennerin?“

„Weil da vor meiner Thür der Busch’n gelegen ist, und weil ich gern wissen möcht’, wer ihn etwa verloren hat.“

„Das ist wohl kein Platz zum Verlieren,“ sagte Martl mit Beziehung, „ich bild’ mir ein, wer den Strauß hingelegt hat, der hat ihn wohl verlieren wollen … Wird wohl ein Bue sein, der Dir als seinem Schatz ein’ Ehr’ anthun will.“

„Könnt’ mir nit einbilden, wie ich zu einer solchen Ehr’ käm’ … und von wem … Da müßt’ Einer schon erst fragen, ob’s mir ein’ Ehr’ wär’.“

„Warum, Sennerin? Ist denn das was Unrechtes?“ sagte Martl, den Hut lüftend, unter dem es ihm schon wieder heiß zu werden begann. „Das ist wohl niemalen keine Schand’ für ein Dirndl, wenn ihr ein ordentlicher Bursch zeigen will, daß er was auf sie halt’ … Aber mir kommt’s vor, als wenn’s der Bursch – wer’s auch ist – bei Dir nit recht getroffen hätt’! Bist mit’m linken Fuß zuerst heut aufg’standen, Sennerin, oder bist alleweil so z’wider.“

So geneigt Stasi anfangs gewesen, das unerwartete Begegnen eine freundliche Wendung nehmen zu lassen, war es ihr doch wie Martl ergangen: ihn hatte die leise Andeutung ihres Stolzes abgekühlt, sie fühlte sich verletzt, weil seine Rede im Grunde nichts Anderes war, als ein kaum nothdürftig verkleideter Liebesantrag, der nach dem Vorgefallenen nur eine neue Beleidigung war. „Wird schon so sein,“ sagte sie mit fliegendem Roth auf den Wangen. „Was kommst her und fragst und thust, als wenn Du mich nit kennen thätst’? Weißt ja eh’, wie ich bin – was bind’st an mit einer solchen Z’widerwurz’n?“

„Ah so,“ sagte Martl und nahm den Hut vollends von der erglühenden Stirn, „Du kennst mich also noch? Dann hab’ ich meine Sach’ freilich verkehrt angepackt … hab’ mir halt nit eingebild’t, daß Du mich noch so gut im Andenken haben thätst …“

„Na – ich mein’, Du hast mir einen ordentlichen Denkzettel gegeben!“

„Und Du mir gar eine Denkmünz’!“ rief er hitzig. „Es ist wahr, was Du sagst, aber hinterher hat’s mir gleich leid gethan, ich hätt’s gern wieder gut machen mögen, und das – das hab’ ich Dir zeigen wollen, und deswegen hab’ ich Dir den Busch’n vor Deine Thür gelegt.“

„Gut machen?“ fragte Stasi mit vollem Hohne. „Bildest Du Dir ein, Du hättest so viel Gewalt, daß Du was hättest schlecht machen können bei mir? Was frag’ ich nach Dir und nach dem Gered’ von den Leuten! Und wenn der Buschen von Dir ist, nachher nimm Deinen Daunderlaun (Bagatelle) nur wieder! Da liegt er – Schad’, daß Du Dich in aller Früh’ schon so d’rum hast plagen müssen!“

„Ja wohl hab’ ich gut machen wollen,“ rief Martl außer sich, „aber blos meinetwegen, weil ich keinem Menschen mit meinem Willen Unrecht thun mag, weil ich selbigesmal zu hitzig gewesen bin und vergessen hab’, daß ich mit einer Dirndl gered’t hab’, mit einer reichen Bauerntochter, – ich, ein armer Holzknecht, der nix hat als eine Büchs’ und eine Hacke und ein Paar Arm’ zum Regieren dazu! Ja, von mir ist der Busch’n, ich will’s nur eingesteh’n, und schäm’ mich nit derentwegen! Ich hab’ ihn zuhöchst von der Brettenwand heruntergeholt – es steigt nit leicht Einer so hoch hinauf, als das Edelweiß gewachsen ist … Ich hab’ gemeint, Du sollt’st es errathen, von wem der Buschen ist, und sollt’st es merken, was er zu bedeuten hat – Du willst es nit verstehn, meinetwegen; aber das sag’ ich Dir, jetzt ist meine Rechnung ausgewischt, und Du stehst jetzt ganz allein noch in meinem Schuldenbüchl! Schau’ zu, hoffärtige Sennerin, wie Du fertig wirst mit den Leuten und mit Dir selber! Den Buschen aber, den nimm’ ich wieder, weil er Dir doch für nichts gut ist …“ Raschen Griffes hatte er den Strauß, der auf die Bank gefallen war, erfaßt und hoch über die Umzäunung in die Schlucht des abstürzenden Bergbaches geschleudert. „Für was wär’ auch ein solcher Daunderlaun gut bei einer solchen Z’widerwurz’n!“




3.

Der Abend desselben Tages lag verglühend auf der Jachenau und ließ die Wiesen und Aenger in jenem eigenthümlich grünen Glanze erscheinen, den der Landmann im richtigen Gefühle mit dem Spruche bezeichnet, wenn man seine Wiese verkaufen wolle, müsse man den Käufer Abends auf dieselbe führen. Der Bauer beim Kurzen am Berg saß wieder wie an jenem Ostermorgen vor dem geöffneten Fenster der großen Wohnstube, das jetzt so dicht und reich von den Blättern der Weinrebe umgittert war, daß es kaum genügend Raum bot, den Duft des Grummets hereinwehen zu lassen, das draußen noch einmal gerecht wurde, um am andern Morgen wieder ausgebreitet und von der Sonne zur Aufbewahrung vollends reif gemacht zu werden. Wieder war der Bauer in Gedanken versunken; sie waren nicht so angenehm, wie sie damals bei ihm eingekehrt. Die letzten Wochen hatten ihn unwohl gemacht, und mit der Kränklichkeit war auch die Grämlichkeit eingekehrt; ein bedenkliches Reißen in den Gliedern, wie es die Schwester auch verspürte, wollte nicht weichen, und der Alte ließ es sich nicht nehmen, er sei kerngesund, es müsse ihm angethan worden sein, denn gesunde Beine seien ein Erbstück in der Familie. Die Schwester saß ihm gegenüber; sie hatte über den vielen Geschäften des Hauses [191] erst jetzt Zeit gefunden, dem Bruder vollständigen Bericht über ihre Wanderung nach der Brettenalm zu erstatten. Das Ergebniß war nicht dazu angethan gewesen, ihn besonders erfreulich zu stimmen; schweigend hatte er zugehört, und den Kopf in die Hand gestützt, saß er noch eine Weile schweigend da, bis er dem gepreßten Herzen fast unwillkürlich in einem Seufzer Luft machte:

„Wenn sie nur erst wieder da wär’!“ sagte er. „Ich mein’, mir wär’s dann gleich leichter, ich hätt’ auch nit so viel Weillang auszustehn – das Madel könnt’ mir wenigstens vorlesen; denn Du kommst ja den ganzen Tag kaum ein paar Minuten in die Stuben.“

„Ja, Ein’s muß sich halt doch um den Hof und um die Wirthschaft annehmen,“ sagte die Base, „sonst kommt das Hinterste vor’s Vöderste zu stehn! Es giebt Arbeit genug: das Grummet muß ’rein, und ich fürcht’, das Wetter halt nit mehr lang’, und wenn man nit alleweil’ hinter den Eh’halten her ist, so legen sie die Hände in den Schooß. Laß Du die Stasi nur noch eine Weil’ droben auf der Brettenalm! Die Einöd’ thut ihr ganz gut, da lernt sie fein ein Bissel einsehen, was es ist um die G’sellschaft und um die Leut’ – wirst die paar Wochen schon auch so hinüber bringen! Und bild’ Dir nur ja nit ein, daß sie Dir vorlesen thät’ – das wär’ das erste Mal, daß sie mir oder Dir in irgend etwas den Willen gemacht hätt’. Verzeih’ mir Gott die Sünd’, wenn’s eine ist – aber mir ist völlig gut, wenn sie nit da ist! Es ist eine ordentliche Ruh’ und ein Frieden im Haus; man hört den ganzen Tag keinen Streit und keinen Zank … wenn das Dirndl da ist, ist’s ja nit anders, als wenn alle Augenblick der Wecker ablaufen thät’ an der Uhr.“

„Na ja, das kennen wir schon,“ sagte der Bauer, „ihr Weiberleut’ thut’s einmal nit anders, als daß ihr die Sachen übertreibt – thät’s doch was nützen, wenn ich ihr einmal recht zureden thät’. Ich glaub’s wohl, daß sie die Stichelreden und die Geschicht’ mit dem Spitznam’ nit so leicht verwinden kann – es geht mir auch nit anders, und wenn ich erst an die zurückgegangene Heirath denk, könnt’ ich vor Gift in der Mitt’ abspringen wie eine Blindschleich’! Aber eben deswegen möcht’ ich haben, daß ein End’ hergeht. Das Madel verschlagt sich sonst ganz, und es kommt noch so weit, daß sie mitsammt ihrem saubern Gesicht und mit ihrem Geld ledig bleibt, und daß gar Keiner mehr einheirathen will auf den Kurzenhof.“

Die Base war aufgestanden und zum Bruder getreten. „Na,“ sagte sie, „das fürcht’ ich g’rad’ nit – die Mannsleut’ sind nit so heikel; aber wenn’s wär’, Bruder, dann müßt’st Du Dich halt auch d’rein finden und denken, daß Du’s an mir verschuld’t hast.“

Sie verließ die Stube, in der es so still wurde, daß hell und deutlich das Abendläuten aus der Pfarrkirche herauftönte und mit dem letzten rothen Abendstrahl in’s Zimmer drang. Die Erinnerung, die durch die letzten Worte der Schwester in dem Alten geweckt worden, mochte nicht angenehm sein; er hatte keine Antwort und fuhr sich ein Mal um das andere über den kahlen Kopf, und wieder drang etwas, das sich wie ein Seufzer anhörte, aus der beklommenen Brust.

Da wurde es plötzlich draußen laut, und ein kleiner Knabe kam athemlos und schreiend in die Stube getrampelt; es war der Geisbub’ von der Brettenalm. „Du sollst nit erschrecken, Bauer“, rief er schon auf der Thürschwelle; „aber der Z’widerwurz’n ist ein Leids g’scheh’n.“

„Was? Wem ist ein Leid passirt?“ rief der Bauer und hatte mit seinem langen Arm den Buben, der ihm zu nahe gekommen war, am Kopfe erwischt. „Wie red’st Du von der Tochter von Dein’ Bauern?“ setzte er hinzu, indem er ihn tüchtig an den Haaren schüttelte. Im nämlichen Augenblick aber ließ er ihn auch wieder los, denn ein Knecht stand bereits als zweiter Unglücksbote in der Thür und wiederholte die Mahnung, nicht zu erschrecken, es habe auf der Alm ein kleines Unglück abgegeben. Der Bauer konnte nicht mehr erschrecken, als er schon erschrocken war; er versuchte vergebens, sich aus dem Stuhle zu erheben – die Füße trugen ihn nicht und zwar nicht blos des Reißens wegen; ein ängstlich gestammeltes: „Was ist’s denn … was ist denn geschehn?“ war Alles, was er hervorbrachte.

„No, no, macht die Sach’ nur nit ärger, als sie ist!“ rief die Mahm herbeieilend dazwischen, während der gebeutelte Geisbube laut heulend davon lief. „Ich hab’s von dem dummen Bub’n schon draußen erfragt – die Stasi ist halt gefallen und hat sich den Fuß verstaucht, daß sie nit auftreten und gehen kann, – das ist Alles! Die anderen Sennerinnen haben eine Tragen zurecht gemacht und haben sie über die Bergweg’ heruntergetragen und haben den Bub’ vorausgeschickt, man soll ihnen das Wagel entgegenschicken, soweit die Fahrstraßen geht.“ Der Bauer wollte wieder aufstehen, brachte es aber noch immer nicht zu Stande und die Base drückte ihn in den Stuhl nieder. „Bleib sitzen,“ sagte sie, „ich hab’s schon dem Knecht draußen g’sagt, er hat gerad’ eingeschirrt g’habt, um die letzte Fuhr’ Grummet hereinzuholen, da hat er gleich das Wägerl ang’spannt – sei nur nit gleich so aus dem Häusel, es wird wohl so weit nit g’fehlt sein; sie werden sie bald bringen, glaub’ ich!“

„Bringen!“ jammerte der Bauer. „Was das für Reden sind! Am End’ wollt Ihr mir’s nit sagen, und sie ist gar schon todt!“

„Warum nit gar!“ erwiderte die Schwester. „Der Bub’ sagt, sie hat ihm erst, wie er von ihr fort ist, noch ein’ Renner gegeben, daß er fast über und über gekugelt ist. Zum Sterben muß sie also noch nit sein! Wie sie dazu ’kommen ist, weiß ich freilich nit, der Bub’ sagt, sie hat Edelweiß brocken woll’n und ist ausgerutscht dabei!“

Der Bauer fuhr aus seinem Stuhle empor; so groß der Schmerz in seinen Knieen war, er empfand oder beachtete ihn nicht in der augenblicklichen Erregung. „Was hat sie gethan?“ rief er. „Edelweiß gebrockt? Ja ist denn das Dirndl völlig übergeschnappt? Wo wachst denn auf der Brettenalm und d’rum herum ein Edelweiß, als zuhöchst auf der Brettenwand, auf die sich kaum die allerverwegensten Gamsjager hinaufzukraxeln trau’n?“

„Nu geduld’ Dich nur!“ sagte die Schwester. „Wir werden’s ja bald hör’n; sie wird nimmer lang’ ausbleiben – ich freu’ mich jetzt nur, wie das werden wird, wenn sie daheim ist und sich nit rühr’n kann wegen dem Wehthun an ihrem Fuß, und mit ihrem guten Humor! Da kann’s recht unterhaltlich werden auf’m Kurzenhof – Du sitz’st in dem einen Eck’ und brummst, sie in dem andern und zankt, da gefreut mich mein Leben! Da werd’ ich mein Bündel schnüren, daß es hergericht’t ist, wenn ich’s nimmer aushalten kann.“

Der Bauer stieß einen Laut schmerzlichen Unwillens aus, wie wenn ihn die Worte der Schwester wie ein Stich getroffen, oder als ob es ihm einen Stich in dem kranken Beine gegeben hätte, nach welchem er ängstlich tastete. „Schwester,“ stöhnte er, „Du thust mir auch Alles an, was mich ärgert – auf Dich thät ein g’wisser Spitznam’ auch ganz gut taugen; Du kannst Dich gleich d’rauf vormerken lassen, wenn er einmal frei werden sollt’!“

„Damit hat’s kein’ G’fahr,“ antwortete die Schwester lachend. „Gestern früh, wie wir auseinandergegangen sind, ist sie mir wohl ein bissel dasig (kleinlaut) vorgekommen, das hat aber nit mehr bei ihr zu bedeuten, als wenn im April die Sonn’ scheint; deswegen stürmt’s doch wieder in der nächsten Minuten. Am Abend zuvor wenigstens ist sie noch so schiech gewesen, daß ich nit gewußt hab’, wie ich sie anfassen soll, wie ein Ei, das ohne Schalen auf die Welt gekommen ist.“ Die Mahm benutzte hier die willkommene Gelegenheit, das Erlebte noch einmal zu erzählen und zu schildern, wie Stasi die Kunde über das Zurückgehen der beabsichtigten Heirath, von welcher der Vater sich so starke Wirkungen versprochen hatte, ganz gleichgültig und in ihrer gewohnten spitzigen Weise aufgenommen, und wie also blutwenig Hoffnung vorhanden sei, daß Worte mehr nützen sollten als Thatsachen. Mitten im vollsten Flusse hielt sie jedoch inne, wie Jemand, der in der Nacht dahinwandert und dem unvermuthet Licht und mit ihm das Ziel seiner Wanderung entgegenblitzt. „Wie, wenn das wär’ –!“ rief sie. „Ja, wo hab’ ich denn meine Augen gehabt? Wenn sie sich zuletzt selber schon einen Hochzeiter ausgesucht hätt’, und wenn sie desweg’n so letz (böse) gewes’n wär, weil sie denkt, sie kann ihn nit hab’n!“

„Was nit noch?“ rief Lipp lachend. „Wer sollte denn das sein! Unten im Dorf seh’ und kenn’ ich jeden Christenmenschen, der in’s Haus kommt, und droben auf der Alm da ist nix daheim, als Jäger und Schwärzer, Kohlenbrenner und Holzknecht’ – da schaut mein’ Tochter nit hin, das weiß ich! Na, da laßt Dich Deine Weisheit wieder einmal sitzen, Schwester – aber ich kann mir schon einbilden, wie Du darauf kommst: das ist bloß, weil Du eamal selber in denen Schuh’ gestanden …“

Er vollendete nicht, denn die Schwester stand mit einem [192] Male ganz nahe und kerzengerade vor ihm, hochaufgerichtet und mit funkelnden Augen – es war wohl zu erkennen, daß auf dem Kurzenhofe unter den weiblichen Gliedern der Familie trotziger Sinn und entschiedenes Wesen keine Fremdlinge waren und daß Stasi nur einen besonders starken Theil dieser Familienerbschaft erhalten hatte. „Lipp,“ sagte sie mühsam und ballte die Schürze zwischen den Fäusten „wenn Du mit mir Ruh’ haben willst, so fang’ mir von dem Capitel nit an! Du hast gewiß von mir noch nie ein böses Wort darüber gehört; aber wenn Du deswegen meinst, ich hätt’s vergessen, dann bist weit irr’ – ich hab’ Dir’s wohl in ein Wachs’l gedruckt … wann Du gescheidt bist, mahn’ mich nit selber daran, was Du noch bei mir auf der Nadel hast!“

Der verblüffte Bauer hatte nicht Zeit, sich auf eine Antwort zu besinnen, denn vor dem Hause war es laut, ein wirres Durcheinander von Stimmen verkündete das Herannahen des Fuhrwerks, das die erwartete Kranke oder Verunglückte bringen sollte. „Kreuzbirnbaum, da ist sie schon!“ fluchte der Bauer, indem er sich zusammennahm und ziemlich raschen und kräftigen Schrittes durch das Fletz auf die Stufen eilte, vor denen das Fuhrwerk eben anhielt. Es war ein leichtes, offenes Gefährte von der Art, wie sie auf dem Lande als Schweizer Wägelchen bezeichnet werden; auf dem Sitze neben dem Knecht, der die Zügel führte, lehnte Stasi: das schöne, von Schmerz verzogene Antlitz war wie ermüdet zur Seite gesunken, den kranken Fuß hatte sie vor sich auf eine Unterlage von Stroh gestellt, neben ihr, halb auf ihrem Schooße, lag ihr Hut, in dessen Band ein paar Edelweißblüthen steckten.

„Kreuzbirnbaum!“ rief der Alte, von dem Anblick ergriffen, in einer Mischung von Zorn und Rührung. „Stasi, Du verfluchte Dirn’ – was treibst denn für narretes Zeug? Was fallt denn Dir ein, daß Du selber in’s Edelweißbrocken gehst? Kannst es ja genug haben! kannst Dir holen lassen, so viel Du willst, wenn Du gar so versessen bist auf solchen Daunderlaun.“

Stasi biß die Zähne zusammen; das Wort war ihr vom Morgen her noch so frisch im Gedächtniß, daß sie zuckte, als hätte eine rauhe Hand eine schlecht vernarbte Wunde berührt; sie that aber, als habe ihr der Wagen, der eben mit einem tüchtigen Ruck anhielt, einen Stoß an den Fuß gegeben.

„So gieb doch Acht!“ rief der Vater dem Knechte zu, der den Pferden die Zügel über den Rücken gelegt hatte und nun herbeikam, um beim Absteigen behülflich zu sein „Könntest auch langsam herfahren, wenn Du weißt, daß Du ein Krankes auf dem Wagen hast! … Gebt’s Acht, Leut’ – thut’s ihr nit weh – Kreuzbirnbaum, wie wer’n wir das Dirndl vom Wagen ’runterbringen?“

„Mach’ nit so viel Aufhebens, Vater!“ unterbrach ihn Stasi. „Ich hab’ mir den Fuß vertreten – in ein paar Tagen ist Alles wieder gut. Den weiten Weg hab’ ich freilich nit geh’n können; aber über den Wagen kann ich schon herunter, wann mir Eins ein wengel hilft.“ Sie erhob sich rasch, stützte sich mit der Hand auf die Schulter des Knechtes und schwang sich kräftig herab, während der Vater davonging, Hut und Kleidungsstücke aus dem Wagen zu nehmen und in das Haus zu tragen. Das Absteigen ging indessen doch nicht so ganz leicht von statten – beim Auftreten zuckte Stasi schmerzlich zusammen und rief, indem dunkle Zornesgluth ihr Gesicht überflog, dem Knechte eine derbe Verwünschung zu. „Du Hackstock!“ sagte sie, „glaubst wohl, Du hast ein Fuhr’ Holz zum Abladen? Wie kannst mich so grob anfassen?“ Sie schien noch mehr sagen zu wollen; aber sie unterbrach sich selbst: es war, als ob neuer Schmerz ihr das Wort im Munde stocken mache; von der Base geleitet, die sie am Arme unterfangen hatte, ging sie mühsam und hinkend einige Schritte vorwärts, blieb aber bald wieder stehen und brach plötzlich ganz in den alten, gewohnten Unmuth aus. Auf die Gefahr hin, daß sie nicht allein zu stehen vermöge und zusammenbrechen würde, riß sie sich von der Base los und rief mit greller, keifender Stimme dem Vater nach, der bereits auf der Schwelle des Hauses angelangt war: „Was treibt denn der Vater? Warum giebt er nit Acht auf meine Sachen? Wenn er Alles auf dem Erdboden herumstreut, nachher hätt’s der Geisbub’ auch besorgen können!“

Der Mahm stieg wegen der umstehenden Dienstboten eine Röthe unwilliger Beschämung in’s Gesicht, der Bauer wandte sich verdutzt auf der Schwelle um und sah forschend auf die Steinstufen und den Weg zurück, den er zurückgelegt hatte. „Was hast denn so Kostbares bei Dir,“ sagte er, „das ich verstreut haben soll? Ich seh’ ja nix.“

„Was ist denn nachher das da, was da auf der Staffel liegt?“ rief sie, indem sie ungestüm dem Vater ihren Hut aus der Hand riß und sich zugleich nach dem bezeichneten Gegenstande bückte – es waren ein paar ziemlich unscheinbare Zweiglein Edelweiß, die im Tragen von dem abwärts gewendeten Hute weggefallen waren.

„Ja, ist denn das auch der Müh’ werth?“ sagte der Bauer. „Wegen einen solchen Bettel machst ein’ Lärm, als wenn schon das Feuer zum Dach ’rausschlagen thät’!“

Stasi stand jetzt gerade vor dem Bauer; sie schlug die Augen nicht auf, sondern hielt sie fest auf den Hut und auf die Blumen gesenkt, die sie wieder daran festzustecken versuchte. Sie war todesbleich geworden, um im nächsten Athemzuge wieder wie eine Pfingstrose zu glühen; ein Erbeben ging sichtbar über ihren ganzen Körper, wie wenn der Wind leicht über Wellen oder Saaten streicht. „Vater,“ sagte sie dann leise, aber sicher und bestimmt, „ich glaub’, ich bin am End’ doch kränker, als ich selber mein’. Von dem mag’s wohl herkommen, daß ich Euch so angefahren hab’. Verzeih’ mir der Vater nur; ich will’s nit wieder thun.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen, die er wie mechanisch ergriff; wenn unmittelbar vor ihm die Erde geborsten, oder ein Stern vom Himmel ihm vor die Füße gefallen wäre, er hätte nicht erstaunter und betroffener sein können, als über diese Worte, wie er sie aus dem Munde seiner Tochter noch nie vernommen. Ihm gegenüber hinter Stasi stand die Mahm ebenfalls erstarrt, als habe sie wie Lot’s Frau in das brennende Sodoma hineingeblickt. Beide gewahrten kaum, daß der Knecht und die Magd die Leidende in die Wohnstube führten, und standen noch eine Secunde wie festgewachsen an ihren Plätzen. Die Base gewann zuerst Leben und Bewegung wieder; sie fuhr sich mit der Schürze über die Augen, als ob sie etwas wegzuwischen hätte, und that ein paar Schritte gegen die Thür. „Na Lipp,“ sagte sie innehaltend, „willst nit auch hereinkommen in die Stuben?“

„Ja, ja, ich komm’ schon,“ entgegnete der Bauer, indem er sich auf die Bank vor dem Hause niederließ. „Ich muß nur zuerst ein Bissel ausrasten. Ich weiß nit, sind’s meine Füß’, oder ist mir sonst was in die Glieder gefahren … aber ich bin völlig wie erschlagen … ich komm’ gleich nach – muß mich erst erholen von dem Unglück.“

„Sei doch gescheidt!“ erwiderte die Schwester. „Verlier’ nit gleich den Kopf! In ein paar Wochen ist der Fuß geheilt und Alles wieder beim Alten.“

„Na,“ sagte der Bauer mit traurigem Kopfschütteln, „dassel’ glaub’ ich nit! Hast nit gehört und geseg’n, wie das Madel so ganz verwandelt ist? Sie hat mich um Verzeihung bitt’, weil sie mich angefahren hat … das hat s’ in ihrem ganzen Leben noch nit gethan … So geht’s mit denen Leuten, hab’ ich mir sagen lassen, die bald sterben. Du wirst sehn, das bedeutet nichts Gutes! Das Mad’l ist wohl auswendig gesund; aber sie muß sich beim Fallen inwendig was gethan haben – Du wirst sehn, Schwester, die Stasi treibt’s nimmer lang’!“

(Fortsetzung folgt.)




Aus dem Regen in die Traufe.
Eine Fuchshistorie von L. B.


Der Wind steht Nordwest – Hochwasser überall! auch unser altes Jagdrevier, die fruchtbare Niederung drüben, ist plötzlich in einen See verwandelt. So weit das Auge reicht, eine blanke Wasserfläche, aus welcher hie und da vereinzelt Kopfweiden ihre struppigen Häupter emporstrecken. Unten am Horizont ein schmaler, dunkler Streifen – das feste Land. Auf der grauen Regenluft jagen hohe dunkle Wolkengebilde schattenhaft und gespenstig vorüber. Dicht vor uns im Vordergrunde hebt der Strom in regelmäßigen

[193]
Die Gartenlaube (1871) b 193.jpg

Aus dem Regen in die Traufe.
Originalzeichnung von Ludwig Beckmann in Düsseldorf.

[194] Zwischenräumen das kohlschwarze Hintertheil eines versunkenen Nachens kerzengerade in die Höhe. Er schwamm eine Weile gleichsam unschlüssig hin und her und sinkt dann langsam, träumerisch in das nasse Fluthengrab zurück.

Versetzen wir uns im Geiste oder mit Hülfe eines soliden Fernrohrs in den Mittelpunkt dieser idyllischen Landschaft, zu jenem alten, wellenumspülten Weidenstumpf, denn dieser bildet gewissermaßen die einzige Basis unserer Erzählung. Unser Held aber ist kein anderer als Reineke Fuchs, der, vom falschen Wasser betrogen, nach langer Irrfahrt hier ein Asyl fand.

Wenn das Wasser nur nicht so abscheulich naß wäre, hätte er sicher längst schon den Versuch gewagt diesen Fluthen zu entrinnen. Irgendwo muß der Schwindel doch ein Ende nehmen und das feste Land wieder anfangen. Er lugt aufmerksam in die Ferne und schüttelt sich heftig.

Eine vorüberfliegende Krähe hat dies auffällige Geräusch vernommen, sie kreiset über dem Baume und sobald sie ein rothes Haar vom Fuchs entdeckt, geht der Spectakel los. Sie schlägt Lärm, binnen zehn Minuten sind sämmtliche Krähen des Regierungsbezirkes über der Kopfweide versammelt. Ein vorwitziges Exemplar vergißt sich in seinem Hasse, von oben herab durch’s Gezweige auf Reineke zu stoßen. Schnapp! bald hätte er sie erwischt! – die Krähe entflattert mit Mühe – die schwarze Rächerschaar dort oben erhebt einen Höllenlärm.

Reineke thut als ob nichts vorgefallen, die Krähen ermüden endlich und zerstreuen sich nach allen Himmelsrichtungen. – Der Fuchs putzt sich die Federn aus der Schnauze und tröstet sich damit, daß eine Krähe doch eigentlich ein schlechtes Essen sei. In besserer Zeit sei dieselbe niemals auf seinem Speisezettel angeführt, selbst im harten Winter sei ihm eine alte, trockene Schuhsohle gerade so lieb gewesen. – Darauf rollt er sich cirkelrund zusammen, klemmt die Nase unter den linken Hinterlauf und schlägt die buschige Lunte querüber, so daß kaum das rechte Auge aus dem Pelzkragen hervorschielt. „Er denket fromm, Gott giebt’s im Schlaf den Seinen,“ und schnarcht denn auch bald wieder, wie eine Holzsäge. –

Der Abend kommt – ein dichter weißer Nebel lagert über der weiten Wasserfläche und steigt dampfend aufwärts. Da tönt fernes Gänsegegacker durch die nächtliche Stille. Reineke horcht auf – „Gänse?! – die müssen oben bei Heerdt in’s Fahrwasser gerathen und hier herunter getrieben sein.“ – Das Gegacker nähert sich. – „Aha! die suchen hier Schutz zwischen den Weiden – jetzt heißt’s aufgepaßt!“ Der Lärm wird stärker, „gack, gack, gihgak, griht, gröht,“ tönt es ringsum durch den Nebel. Da sind sie! – O! die Täuschung! es sind Wildgänse, welche bekanntlich die fatale Eigenschaft des Fliegens besitzen. Näher rückt das mächtige Geschwader – regelrecht in zwei gleiche Colonnen getheilt, mit schwerem, taktmäßigem Flügelschlage – bald grau bald weiß, je nachdem sich die Schwingen senken oder heben. Jetzt ziehen sie mit betäubendem Lärm gerade über Reineken dahin – griht, gröht, gih–gahk! nichts als Himmel und Gänse!! – Sie sind kaum ein Fuß über den Zweigen der Kopfweide – viel zu hoch für den armen, hungrigen Schelm da unten!

Reineke schaut wehmüthig zu, wie die Federn abermals das Fleisch von dannen tragen, doch weiß er sich zu fassen. „Die sind jedenfalls thranig,“ meint er – „ja! wenn’s zahme Gänse wären!“

Die Gänse trompeten noch eine Weile in der Ferne, dann wird’s still. Reineke ruht bald wieder in Morpheus’ Armen, er träumt sicher von Lätare und dem kommenden Frühling, von Waldschnepfen, Kibitzeiern, von den kleinen, flinken Grashüpfern und was sonst die ganze Saison an schönen Gottesgaben mit sich bringen mag. Dabei fährt das schmale rothe Züngelchen fortwährend höchst begehrlich über die spiegelblanke Nase.

Da plätschert und kraspelt es unten im Wasser und am Weidenstamm. Reineke fährt erschrocken zusammen – sollte da so’n verwünschter Dorfspitz in’s Wasser gerathen sein und hier herauf wollen? – Das fehlte gerade noch!

Das Gekraspel wird stärker.

Reineke hebt vorsichtig den Kopf und schaut besorgt hinunter. Seine Züge erheitern sich plötzlich, der neue Ankömmling dort unten ist wahrhaftig – ein Hase! ein leibhaftiger, greifbarer, fetter Lepus timidus! – allerdings sehr durchnäßt von der langen Wasserfahrt, aber sonst doch ganz appetitlich anzuchauen! Der Hase scheint dem Ding nicht zu trauen – vielleicht „wittert es hier zu sehr nach Fuchs“, er ist unschlüssig, ob er weiter hinauf klettern oder umkehren soll. Er wünscht vor allen Dingen Klarheit in den Verhältnissen.

Doch wir bemerken mit Schrecken, daß wir ganz unbewußt in’s Gebiet der reinen Thierfabel gerathen sind und den dünnen naturalistischen Leitfaden unserer Erzählung bereits verloren haben. Schließen wir also unsere kleine Humoreske mit dem Hinweis auf das beigegebene Bild und überlassen das Weitere der Phantasie des freundlichen Lesers.

Nachträglich sei noch erwähnt, daß das Motiv unserer kleinen Erzählung der Wirklichkeit entlehnt ist, allein hier einen ganz unerwarteten Verlauf nahm. Es ward nämlich während einer Ueberschwemmung ein Fuchs dicht neben einem Hasen in friedlicher Eintracht sitzend auf einer Kopfweide entdeckt. Augenscheinlich war der Fuchs durch die total veränderten Terrainverhältnisse derartig in Furcht gesetzt, daß er seinen Nachbar völlig ignorirte. Er harrte mit Ungeduld auf den ersten günstigen Moment, wo er sich aus der unerträglichen Situation retten könne. Die hervorstechendste Eigenschaft im Charakter des Fuchses ist weder seine sprüchwörtlich gewordene List und Tücke, noch die Mordlust – sondern das Mißtrauen und die stete Besorgniß um das eigene werthe Ich. Alles Andere ist untergeordnet und kommt erst nachträglich und bedingungsweise zum Vorschein. Dem Uebersehen derartiger Eigenheiten aber, wie der Unbekanntschaft mit den vererbten und erworbenen Gewohnheiten der Thiere verdanken wir die Unzahl mißverstandener Thier-Anekdoten, welche nur dazu dienen, unsere äußerst dürftige Kenntniß der Geistesthätigkeit der Thiere noch mehr zu verwirren.




Schulkindkrankheiten oder Schulkrankheiten?
Ohne phosphorhaltiges Gehirn kein Verstand, kein Gemüth, kein Wille, also keine geistige Thätigkeit.
Strafpredigt für Eltern, Lehrer und Schulvorsteher.
VI. Blut- und Blutlaufsleiden.


Die Quelle des Lebens ist das Blut. Nur, wer sich der gehörigen Menge guten Blutes erfreut und bei wem sich dieses Blut im richtigen Laufe durch den Körper befindet, nur Der kann leben und gesund sein. Es ist sonach eine Hauptaufgabe für Jeden: die Blutbildung und den Blutlauf innerhalb seines Körpers in Ordnung zu halten und Alles zu vermeiden, was störend auf die Menge, die Beschaffenheit und den Lauf des Blutes einwirken könnte. Daß dies nun aber die allermeisten Menschen nicht verstehen und daß deshalb ein so jämmerliches Menschengeschlecht existirt, das fällt als Schmach und Schande auf die Schule und die Lehrer zurück. Die große Mehrzahl der letzteren, zu denen auch Directoren von Lehrerbildungsanstalten, von Volks- und höheren Schulen gehören, sie sollten sich schämen, daß sie in ihrem lächerlichen Dünkel auf ihr pädagogisches Wissen die Kenntniß der im Weltall und im Menschen herrschenden Naturgesetze viel zu wenig achten und der Lehre vom Baue, Leben und der Pflege des menschlichen Körpers viel zu wenig Werth beilegen. Daher kommt es denn aber auch, daß sie ebenso wenig das körperliche wie das geistige Wohl des Schulkindes gehörig zu wahren, noch auch dem Schüler die für’s Leben nöthige Kenntniß von der Gesundheitspflege beizubringen verstehen. Nur der Gesunde vermag aber sein und seiner Mitmenschen, sowie seiner Nachkommen Wohl zu fördern, denn das, was er dazu bedarf: einen klaren Verstand, einen kräftigen Willen und ein echt menschliches Gemüth, diese können nur in einem gesunden Körper (mit phosphorhaltigem Gehirn) durch richtige Gewöhnung allmählich herausgebildet werden.

Die gehörige Menge guten Blutes ist nun vorzugsweise im Schulalter des Menschen ein Haupterforderniß, denn in diesem Alter wird ebensowohl zum Wachsthum des ganzen [195] Körpers, wie auch zur geistigen Arbeit des Gehirns und zur Kraftentwickelung der Muskeln (beim Geradesitzen, Turnen, weiblichen Arbeiten etc.) eine große Menge von Blut verbraucht. Zunächst haben natürlich die Eltern des Schulkindes für die richtige Menge und Beschaffenheit des Blutes, und zwar durch zweckmäßige Nahrung und Luft (besonders im Schlafzimmer), Sorge zu tragen. Aber auch in der Schule kann gegen das Blut gesündigt werden, insofern entweder durch zu große körperliche und geistige Anstrengung zu viel davon verbraucht wird, oder indem durch Einathmen einer schlechten Schulzimmerluft die Mischung des Blutes verdorben wird. Die allermeisten Schulmädchen verlassen die Schule mehr oder weniger blutarm (bleichsüchtig), und daran tragen nicht blos die Eltern, sondern auch die Lehrer die Schuld.

Allerdings wird der Grund zur Blutarmuth (Anämie) und Bleichsucht (Chlorose) hauptsächlich im elterlichen Hause, durch mangelhafte und unzweckmäßige Nahrung, Ueberbürdung mit Arbeiten (Privatstunden, weiblichen und häuslichen Arbeiten), falsche geistige und gemüthliche Behandlung, gelegt, nicht selten auch durch geschlechtliche Unarten, aber auch die Schule trägt zur schnellern und hochgradigen Entwickelung dieser Krankheit nicht unbedeutend bei, und zwar: durch Ueberanstrengung des Gehirns und der Sinne, stark ermüdende Muskelanstrengungen (besonders beim zu langen Geradesitzen und Turnen) und durch schlechte Schulzimmerluft. Auch kann der Schulbesuch, besonders wenn dieser bald nach dem Essen stattfindet, insofern den Grund zur Blutarmuth mit legen, als ein nachtheiliger Einfluß auf die Verdauungsorgane (den Verdauungsproceß) durch unzweckmäßiges (gebücktes) Sitzen ausgeübt wird, wobei der Unterleib zusammengedrückt und der Blut- und Speisesaftlauf, sowie die Darmbewegungen erschwert werden. Nicht selten trägt auch die geistige Anstrengung, Mangel an geeigneter Bewegung und schlechte Schulluft die Schuld an Störungen des Appetits und der Verdauung und dadurch an Blutarmuth. Es ist aber diese Blutarmut in den Schuljahren von ganz enormer Bedeutung. Denn sie befördert nicht nur die Kurz- und Schwachsichtigkeit, das Schiefwerden (wegen der Schwäche der Rückenmuskeln), Hirn und Nervenaffectionen (besonders epileptische Zustände), sondern legt auch, weil sie sehr oft aus der Schulzeit in die späteren Lebensjahre verschleppt wird, den Grund zu bleibender körperlicher und geistiger Schwäche, zu Nervenleiden und Gemüthsstörungen. Der dabei bestehende Blutmangel im Gehirn und in den Muskeln erzeugt Kopfschmerz, Schwindel und selbst Ohnmacht, Ohrensausen, heftigeres Herzklopfen, Kurzathmigkeit, geistige und körperliche Schlaffheit und Trägheit, Gemüthsverstimmung und Willensschwäche. Ein Lehrer, der bei seinen Schülern auf die Blutarmut nicht aufmerksam ist und von blutarmen Kindern, die sehr oft und ganz mit Unrecht als faule und unaufmerksame bestraft werden, dieselbe geistige (Hirn-)Arbeit verlangt wie von solchen mit blutreichem Gehirn, kann viel Unglück anrichten. Doch was kümmert die meisten Lehrer die Gesundheit ihrer Schüler? Das ist ja Sache des Arztes. Blutarme und darum trägsinnige Schulkinder sollten, wenn die Schule human sein will, stets apart und ihrem langsam arbeitenden Gehirne gemäß unterrichtet werden, da sie im Lernen mit hirnkräftigen Kindern niemals oder nur auf Kosten ihrer Gesundheit gleichen Schritt halten können. – Die Blutarmut ist übrigens leicht zu erkennen: durch die Blässe und den schwach-wachsartigen Glanz der grünlich- oder gelblichangehauchten, kühlen, dünnen Haut mit blaßviolett-durchscheinenden Blutadern, durch die Bleichheit der Lippen (besonders an ihrer innern Fläche), des Zahnfleisches und der innern Augenlidfläche. Die Röthe der Wangen ist nicht maßgebend, da manche sehr blutarme Mädchen im Gesichte wie „Milch und Blut“ aussehen.

Die Mischung des Blutes, welche außer durch passende Nahrung hauptsächlich durch gute sauerstoffhaltige Luft in einem zum Leben und Gesundbleiben tauglichen Zustande erhalten werden muß, ist in der Schule nicht ungefährlichen Abänderungen ausgesetzt. Diese sind nun theils die Folgen einer schlechten Schulluft, theils der Behinderung der blutbildenden Apparate (besonders des Athmungs- und Verdauungs-Apparates) in ihrer Thätigkeit. Ganz vorzüglich trägt die Luft, welche sich in der Schulstube durch die Ausathmung und Ausdünstung der Schulkinder bildet, die Schuld an der Blutverschlechterung bei den Kindern, welche in dieser Luft längere Zeit athmen. – Es athmen nämlich die Schulkinder fortwährend Kohlensäure aus, eine Luftart, die schon dann gesundheitsschädlich ist, wenn die einzuathmende Luft mehr als ein Procent davon enthält (ja schon bei einhalb Procent, wenn sie längere Zeit eingeathmet wird). Auch bei der Verbrennung von Heizungs- und Beleuchtungsmaterial wird fortwährend Kohlensäure gebildet. – Sodann enthält die ausgeathmete Luft neben Kohlensäure auch noch Wasserdampf und bewirkt dadurch, daß ihre Wärme höher ist als die der Zimmerluft, ein Aufsteigen und Circuliren der schädlichen Kohlensäure, obschon diese schwerer ist als die atmosphärische Luft. – Hierzu gesellen sich ferner noch Zersetzungsgase aus dem Blute (Butter- und Baldriansäure) und Haut- und andere Ausdünstungsstoffe (Kohlensäure, Schwefelwasserstoff, Ammoniak, Wasserdampf). Diese gasartigen Stoffe schaden aber dadurch, daß schon eine geringe Menge derselben eine ziemlich große Luftmenge sättiget, so daß alsdann, weil die Schulzimmerluft bald nichts mehr davon aus unserm Körper aufnehmen kann, die Abgabe von Wärme und jenen schädlichen Ausdünstungsstoffen aus dem Körper erschwert und gehindert wird. – Daß trotz der großen Schülerzahl in engen und niedrigen Schulzimmern doch die Luft nicht so schlecht ist, als sie eigentlich werden sollte, liegt darin, daß auch die besten Fenster und Thüren durch ihre Spalten, ja sogar die Mauern einen Luftaustausch zwischen der äußern und der Schulluft zulassen. Bei vielen Kindern in einer niedrigen und verhältnißmäßig kleinen Stube hilft aber dieser natürliche Luftwechsel nicht viel. – Jedenfalls gehört es deshalb zu den Pflichten eines gewissenhaften Lehrers, auf die Luft im Schulzimmer gehörig zu achten und für eine gute Luft darin Sorge zu tragen. Es ist durchaus nöthig, daß, trotz aller künstlichen Ventilation, doch am Ende jeder Unterrichtsstunde (wo möglich auch die Nacht hindurch) Thüren und Fenster der Schulzimmer, nach Entfernung der Schüler aus dem Luftzuge, auf kurze Zeit geöffnet werden. Uebrigens hat auch das Verlassen des Schulzimmers in den Zwischenstunden von Seiten der Schüler den Vortheil, daß diese sich nicht Unarten aller Art (selbst geschlechtlicher Art) hingeben können, was doch bei der unbewachten Jugend so häufig vorkommt. – Die Aufstellung größerer Blattpflanzen im Schulzimmer könnte insofern zur Verbesserung der Schulluft beitragen, als die grünen Pflanzentheile bei Sonnenlicht Kohlensäure aufnehmen und durch Zerlegung derselben in ihre Grundstoffe (in Sauerstoff und Kohlenstoff) Lebensluft (Sauerstoff) ausgeben. – Auch der den Athmungsorganen sehr feindliche Staub (durch offene Fenster eingezogen, vom Feuerungsmaterial etc. herrührend) könnte die Schulzimmerluft verunreinigen und muß natürlich baldigst entfernt werden. – Daß übelriechende Luftarten aus benachbarten Abtritten und Pissoirs nicht in eine Schulstube gehören, versteht sich wohl von selbst. – Eine sehr gefährliche Luftart, die sich im Winter, in Folge der Ofenheizung der Schulzimmerluft beimischen kann, ist das Kohlenoxydgas. Dieses kann nämlich nicht blos durch Ritze und Thüren der Oefen herausdringen, sondern auch durch die eisernen Wand derselben, weil durch rothglühendes Eisen Gase hindurchzugehen im Stande sind. Es erzeugt dieses sehr giftige Gas schon in kleineren Mengen Kopfweh, Schwindel und Zittern.

Der Blutlauf darf nicht behindert werden. Gutes Blut kann nämlich die einzelnen Theile des Körpers nur dann lebend, gesund und zu ihrer Thätigkeit geschickt erhalten, wenn es in der gehörigen Menge in dieselben ordentlich einströmen und unbehindert durch dieselben hindurchfließen kann, so daß dadurch deren Ernährung (die Zufuhr neuer guter Baustoffe und die Abfuhr unbrauchbar gewordener Stoffe), sowie deren Kraftentwickelung (Arbeit) im richtigen Gange erhalten wird. Was auf den Blutlauf durch den ganzen Körper und durch dessen einzelne Organe störend einwirkt, kann ebenso Nachtheile für die Beschaffenheit des Blutes, wie auch auf das Wohlbefinden der einzelnen Organe ausüben. Würde z. B. der Blutlauf durch die Lungen irgendwie erschwert oder theilweise gehemmt, so würde nicht blos die Lunge erkranken, sondern auch das Blut in Folge der gestörten Thätigkeit der Lunge (des gestörten Athmens, der verringerten Einnahme von Sauerstoff und der herabgesetzten Ausgabe von Kohlensäure) in seiner Beschaffenheit verschlechtert werden. Aehnlich verhält es sich auch bei den andern, der Bildung und Reinigung des Blutes dienenden Organen (Haut, Leber, Nieren etc.). Ganz besonders großen Nachtheil aber erleiden durch Störungen des Blutlaufs diejenigen Organe, welche der geistigen Thätigkeit (dem Verstande, Gefühle und Willen) vorstehen, wie das Gehirn mit seinen Nerven, [196] und diejenigen, welche zur Erweckung der geistigen Thätigkeit bestimmt sind, wie die Sinnes- und Empfindungsapparate, also gerade diejenigen Organe, welche das Schulkind in der Schule am nöthigsten braucht.

Der Athmungsapparat, dessen Bewegungen beim Ein- und Ausathmen, nach den Herzzusammenziehungen, den größten Einfluß auf den Blutlauf ausüben, kann in der Schule auf verschiedene Art Nachtheile erleiden: theils durch die schlechte Luft, welche sich in den mit Schülern überhäuften Schulstuben bildet und von jenen eingeathmet wird, theils durch die unzweckmäßige Temperatur in den Stuben, theils durch das Erschweren der Athembewegungen in Folge falscher Körperhaltung. – Was die einzuathmende Luft betrifft, so wirkt vorzugsweise deren Verunreinigung mit Kohlenoxydgas und mit Staub schädigend auf die Schleimhaut der Luftwege. – Die Temperatur der Schulzimmerluft kann ebenso durch zu große Wärme, wie durch zu große Kälte nachtheiligen Einfluß auf die Athmungswerkzeuge der Schulkinder ausüben. Zu große Wärme der einzuathmenden Luft versetzt die Lunge, welche für gewöhnlich eine kältere Luft athmet, in einen Zustand der Blutüberfüllung und kann dadurch Lungenleiden verursachen. Auch wird bei zu hoher Temperatur das Athmen gestört, denn es sinkt dabei die Zahl und Tiefe der Athemzüge, sowie die Menge der ausgeathmeten Kohlensäure, und der gesammte Kreislauf geht weniger rasch von Statten als in kühlerer Luft. – Besonders ist aber den Kindern der schnelle Wechsel zwischen der sehr warmen Schulzimmerluft und der kalten Luft im Freien gefährlich, denn er ruft sehr leicht Entzündungsprocesse im Athmungsapparate hervor. Solche gefährliche Entzündungen kommen besonders dann leicht zu Stande, wenn die Kinder, aus der warmen Luft der Schulstube kommend, bei kaltem rauhem Ost- oder Nordwinde auf dem Schulwege herumtollen und laut schreien. Es ist deshalb die Pflicht des Lehrers, seinen Schülern eindringlich zu rathen, beim Verlassen der warmen Schule draußen in der rauhen freien Luft den Mund zu schließen und durch die Nase Athem zu holen. Ueberhaupt wird und sollte ein gewissenhafter Lehrer dem Athmen seiner Schüler mehr Aufmerksamkeit widmen, als dies zur Zeit geschieht; er sollte die Schüler in den Zwischenstunden freie reine Luft gehörig langsam und tief einzuathmen veranlassen. Hierbei lasse er die Achseln zurücknehmen und die Brust herausdrücken, damit die durch das gebückte Sitzen erzeugten Störungen im Athmungs- und Kreislaufs-Apparate baldigst aufgehoben und wieder ausgeglichen werden.

Eine falsche Körperhaltung des Schülers, besonders das starke Beugen des Kopfes und Oberkörpers, das Andrücken des Rumpfes an den Schultisch, übt vorzugsweise nachtheiligen Einfluß aus den Blutlauf aus und erschwert die Thätigkeit der durch die Beugung gedrückten und verschobenen Organe. – So kann, wenn der Kopf tief herabgebeugt wird, der Blutlauf in den großen Adern des Halses gestört und ebenso der Zufluß guten Blutes zum Gehirne wie der Abfluß schlechten Blutes von demselben erschwert werden. Kopfschmerzen, Schwindel, dicker Hals und Kropf, Nasenbluten, können auf diese Weise (als sogenannte mechanische, passive Congestionen) entstehen, und zwar um so leichter und in um so höherem Grade, wenn enge Kleidungsstücke den Hals und die Brust zusammendrücken und so ebenfalls noch auf Blutfluß und Athmung hemmend einwirken. – Der Druck auf die Unterleibsorgane bei stark gebeugtem Oberkörper wirkt aber ebenso auf den Athmungs-, wie auch auf den Verdauungsapparat störend ein und Appetitlosigkeit, Unregelmäßigkeiten in den Verdauungs- und im Unterleibsblutlaufe sind die Folgen davon. Diese Beschwerden kommen um so leichter zu Stande, je zeitiger nach dem Mittagessen das Kind in der Schule zusammengekrümmt sitzt.

Außer den genannten, auf mechanische Weise (durch Druck) entstandenen Störungen im Blutlauf (mechanische Congestionen) mancher Organe erscheinen beim Schulkinde auch sogenannte active Congestionen mit vermehrter Herz- und Gefäßthätigkeit (Erweiterung der Pulsadern) in Folge von angestrengter Hirnthätigkeit und von Ueberstrahlungen (Reflexen) vom Gehirn und von den Hirnnerven auf die Herznerven und das Gefäßnervensystem. Diese Art von Congestionen könnten ebenfalls erzeugen: Kopfweh (mit geröthetem Gesicht, heißer Stirn, rothen Ohren, Benommenheit des Kopfes, Schwindel, Flimmern vor den Augen, Schläfrigkeit, Brechneigung und Brechen), besonders bei Mädchen; Nasenbluten, besonders bei Knaben und vorzugsweise in den obern Classen; dicken Hals, der in den Ferien gewöhnlich wieder verschwindet, Kropf (Schulkropf), der nach den Schuljahren oft kleiner wird. – Diese genannten Leiden finden sich um so leichter ein, je höher die Temperatur der Schulzimmer ist. Denn heiße Luft ruft Erweiterung der Blutgefäße (mit Blutüberfüllung) hervor und dadurch Blutungen (in Folge von Zerreißung mit Blut überfüllter Gefäße) und Störungen (vorzugsweise Mattigkeit) in der Thätigkeit der Organe (besonders auch des Gehirns und der Sinnesorgane, der Musculatur). Hierzu kommt noch, daß die Hitze auf die Kinder, wegen des Wachsthums ihrer Organe, weit ungünstiger einwirkt als auf Erwachsene, und es ist deshalb grausam und gewissenlos vom Lehrer, Kinder in heißen Schulstuben geistig anstrengen zu wollen. Die Schulstunden müssen durchaus Mittags und Nachmittags ausgesetzt werden, sobald die Luft im Freien früh gegen neun Uhr vierundzwanzig Grad Réaumur im Schatten erreicht hat. Uebrigens ist dem Kinde in der Schule die Hitze dadurch erträglicher zu machen, daß das Schulzimmer gelüftet und mit Wasser (und Essig) besprengt wird, daß die Sonne soviel als möglich von demselben (durch Fenstervorhänge u. dgl.) abgehalten wird, daß die Kinder nicht zu dicht beisammen und nicht in unbequemer, anstrengender Haltung zu sitzen gezwungen sind.

Außer den aufgeführten Schulkindkrankheiten, welche man in ihrem Entstehen oder doch in ihrer Verschlimmerung der falschen Behandlung des Kindes in der Schule zuzuschreiben pflegt, treten am Schulkinde aber auch noch Uebel auf, die es vom Hause in die Schule mitbringt und die recht wohl vom Lehrer beachtet werden sollten. Solche Uebel könnten entweder den andern Schülern Schaden bringen, wie ansteckende Krankheiten (besonders der Haut) und ekelerregende, besonders den Gesichts- und Geruchssinn beleidigende Uebel, oder sie könnten den kranken Kindern selbst, deren Eltern sehr oft zu wenig Aufmerksamkeit auf jene Uebel verwenden und selbige für zu unwichtig halten, für die Zukunft sehr nachtheilig werden, wie Leiden der Sinneswerkzeuge und im Athmungsapparate (Hustekrankheiten). – Krampfkrankheiten, besonders Epilepsie und Veitstanz, werden den Mitschülern nicht blos durch den Anblick der Leidenden widerwärtig, sondern rufen sogar (durch sogenannte psychische Ansteckung) ähnliche Krämpfe bei denselben hervor. – Ganz besonders muß auch die Uebertragung parasitischer Pflanzen (Kopfgrinde) und Thiere (Läuse, Krätzmilben) von einem Kinde auf andere verhütet werden.
Bock.




Im Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl.
Von unserem Berichterstatter Georg Horn.
Dreizehnter Brief. Ein Stündchen in der Armeepost.


Napoleon der Erste ließ seinen Soldaten von den Briefen, welche dieselben aus der Heimath bekamen, nur den vierten Theil zustellen, ebenso machte er es mit den Correspondenzen, welche aus dem Felde nach der Heimath gingen. Wenn er aber einen Sieg errungen hatte, da gestattete er die Beförderung aller Soldatenbriefe, da waren sie ihm ein willkommenes Mittel, die freudige Botschaft in Frankreich zu verbreiten, während sonst die Schilderungen der Mühen und Strapazen des Krieges, vielleicht auch der Niederlagen die Stimmung daheim verderben konnten, und im Felde hinwieder die allzu lebhafte Verbindung mit der Heimath einen üblen, erschlaffenden Einfluß auf den militärischen Geist ausüben konnte. Das war Napoleon’sche Praxis und für einen Eroberer in den damaligen Zeiten mochte dieselbe auch ganz zweckmäßig sein, die moderne Kriegführung aber würde damit nicht mehr auskommen. Wir führen ja auch keinen Eroberungskrieg, bei dem nur das Interesse eines Einzigen im Spiele ist, und der darum die Wahrheit und die öffentliche Meinung zu scheuen hat, wir führen einen Nationalkrieg, an dem die Interessen unseres ganzen Volkes betheiligt sind; wir haben auch keine Söldlinge, keine Prätorianer im Felde stehen, es ist unser ganzes Volk, das die Waffen trägt, die deutsche Familie. [197] Die Verbindung der Armee mit der Heimath wird, anstatt den militärischen Geist zu schädigen, denselben im Gegentheil beleben, den Muth, die Pflichttreue stärken; jeder einzelne Mann wird im Fortleben mit seiner Familie auf brieflichem Wege von dem Bestreben erfüllt werden, sich auszuzeichnen, er wird, durch seine Kraft und strengste Pflichterfüllung, einen Zustand des Friedens herbeizuführen bestrebt sein, welcher ihm und den Seinigen den Segen friedlicher Arbeit, Wohlfahrt, Gedeihen und Glück dem ganzen Vaterlande verheißt. Und wird nicht der Gefahr der Verwilderung, welche jeder Krieg in gewissem Sinne mit sich bringt, durch die beständige Verbindung mit dem Hause ein moralisches Gegengewicht entgegengesetzt?


Die Gartenlaube (1871) b 197.jpg

Das ausgebrannte Schloß Meudon, im Februar 1871.
Nach der Natur aufgenommen von unserem Feldmaler F. W. Heine.


Von solchen Gesichtspunkten aus ist dem brieflichen Verkehr in diesem Feldzuge aller nur mögliche Vorschub geleistet worden. Jeder Soldat kann so viel und so oft schreiben, als er will, jeder Brief von ihm und an ihn geht nicht nur frei, es wird ihm auch noch die Postkarte zum Schreiben geliefert, jeder Brief endlich von ihm oder an ihn wird mit nicht geringerer Sorgfalt behandelt, als ein Brief an seinen commandirenden General. Jede Division hat ihre Post und jeden Tag kann der Soldat vom Hause seinen Brief haben.

Welche riesenhafte Verhältnisse hat aber auch der Postverkehr in diesem Feldzuge angenommen! Bekannt ist die Veröffentlichung des Generalpostmeisters Stephan, eine Statistik des vom 16. Juli bis 31. December stattgehabten Feldpostverkehrs. Nach derselben sind von der Heimath in das Feld und von da in die Heimath an Briefen, Zeitungen Dienst- oder Privatgeldern Dienst- oder Privatpaketen täglich an vierhundertfünfzigtausend Stück hin- und hergegangen. Welche enorme Ziffer.

„Eigenthümliche Menschen, Ihre Landsleute,“ sagte mir einst ein Franzose, „wenn sie nicht kämpfen oder marschiren, so putzen sie, und wenn sie nicht putzen, so essen sie, wenn sie mit dem Essen fertig, so schreiben sie; letzteres am meisten, und Jeder kann auch schreiben! Das ist komisch!“

Der Franzmann hatte Recht. Ich habe unsere Soldaten überall schreiben sehen, vor und nach den Schlachten, bei Sonnenschein und bei Wind und Sturm, im Quartier wie auf der Feldwache, hinter Hecken und in Gräben; der Tornister muß als Unterlage dienen, und dann geht es flink fort auf dem Papier, wie etwa: „Wir hatten eine Schlacht, ich war mitten drin, unsere Compagnie verlor so und so viel, ich bin aber gesund geblieben; schickt mir Tabak, auch einige Thaler können nicht schaden; im Uebrigen grüßt Euch von ganzem Herzen Euer lieber Sohn.“

Wie bereits bemerkt, hat jede Division ihre eigne Post, zwei oder drei große grau angestrichene Postwagen, welche die Sendungen aus oder in die Heimath und zugleich alle Bureau-Utensilien enthalten, diese Wagen werden von den Postillonen gefahren und von den Postschaffnern begleitet, erstere wie letztere sind aus dem heimathlichen Postdienst genommen und keine Soldaten. Während der Märsche fahren sie mit der Division, der Postmeister mit dem Secretär in einem eigenen Wagen voraus. Außerdem hat jedes Obercommando seine eigene Post; dieselbe wird zum Unterschiede von Divisionsfeldposten Armeepost genannt. Oft kommt es vor, [198] daß an einem Orte, wie z. B. in Orleans, drei verschiedene Postanstalten waren, die Armeepost, mehrere Divisionsposten und ein Relais, d. h. eine Posteinrichtung, die an einem Knotenpunkte an Stelle der Landespost getreten ist, und für die auf dem Marsche befindlichen Obercommandos und Divisionen die Sendungen in Empfang nimmt. Marschiren wir z. B. heute von Orleans ab und machen einen Marsch von drei Meilen bis nach Beaugency, so wird von der Armeepost die nächste Post aus Orleans beim Relais geholt werden müssen. Rücken wir am nächsten Tage weiter nach Blois, so ist während des Tages bereits in Beaugency ein Relais eingerichtet worden, an welches die Postsachen von Orleans aus geschickt und bei welchem sie von unserer Armeepost von Blois aus abgeholt werden. In dieser Weise wird die Verbindung mit den Truppenteilen hergestellt.

Je weiter wir natürlich vorrücken, desto schwieriger und langsamer wird der Postdienst, ich will nicht sagen ungewisser. Ich habe sehr selten über abgesandte und nicht angekommene Briefe klagen hören; mir persönlich ist es nur zweimal passirt, daß ein Brief verloren gegangen ist, und zwar nach Frankreich aus einem deutschen Lande, das ich nicht nennen will, über dessen Postanstalten ich aber mehrfache Klagen gehört habe, namentlich im Beginn unseres Feldzuges. Ich kann annehmen, daß ich während der sieben Monate desselben hundertfünfzig für die Oeffentlichkeit bestimmte Briefe geschrieben habe, und kein einziger derselben ist ausgeblieben, alle haben sie den Ort ihrer Bestimmung erreicht. Je weiter wir nach Westen kamen und je zahlreicher die Relais wurden, desto weniger war die Laufzeit eines Briefes zu bestimmen; von Le Mans aus gingen manche in sieben Tagen nach Berlin, andere brauchten elf Tage, aber sie kamen doch an. Wie überhaupt in diesem Kriege an jede Kraft, an jede Thätigkeit die höchsten Anforderungen gestellt wurden, so auch an den Postdienst. Die oben angeführten Zahlen sind die besten Belege.

Aber nicht allein die unausgesetzte Regsamkeit, die nie ruhende Arbeit verlangen ihre Würdigung, sondern auch die Strapazen und die Gefahren, die mit dem Postdienste verknüpft waren, und der Muth, der erforderlich war, um ungeachtet dieser Gefahren die Transporte zur festgesetzten Stunde heranzuschaffen. Der vergangene Winter war einer der strengsten, die Frankreich seit dreißig Jahren gehabt hatte, die Wege waren oft verschneit, von Gräben durchrissen, ganz und gar unpassirbar gemacht, ohne Wegweiser an ihren Scheidepunkten, und nun mußten Schaffner und Postillone mit den schweren Wagen durch, wegen mangelnder Sprachkenntniß unfähig, nach dem richtigen Wege zu fragen, und wenn sie im Dunkel des Abends an dem ihnen vorgeschriebenen Ziele angekommen zu sein glaubten, dann zeigte sich vielleicht, daß sie so und so viele Kilometer falsch gefahren waren, dann befanden sie sich in einem Orte, in welchem nicht ein Mann Militär war, noch dazu umringt von einer feindseligen Bevölkerung. Ebenso auch der Beamte, der mit seinem Relais oft in einem Orte saß, in welchem meilenweit und breit kein deutscher Soldat zu spüren war, ausgesetzt jede Stunde am Tage wie in der Nacht den Angriffen einer fanatisirten Menge, in deren Sinne der Todtschlag eines Feindes ein Verdienst um das Vaterland war.

Es ist an einem der gewöhnlichen Marschtage, deren wir in diesem Feldzuge so viele hatten. Am Morgen ist das Obercommando vom letzten Hauptquartier abgerückt, hat auf offener Landstraße bei einem Bivouakfeuer Mittag gemacht und ist nun gegen drei Uhr Nachmittags in’s Quartier gekommen. Bei den ersten Häusern des betreffenden Ortes hatte einer der Schaffner, der vorausgeschickt war, um Quartier zu machen, die Colonne erwartet, um den Weg nach dem Logis zu zeigen.

„Nun, Brodhuhn, wie sieht’s hier aus; haben wir ein Local, in dem sich’s existiren läßt?“

„Herr Sekertär – es is Sie wieder sehr faul. Es is eben wieder eine Kneipe, wie immer. Nischt andersch war zu finden – es is Sie wieder ein elendes Nest.“

Kaffeehauslocale müssen nämlich immer für die Etablirung der Postbureaus herhalten. Es ist gewissermaßen, als ob zwischen Beiden eine geheime Anziehungskraft stattfinde. Sie bieten wenigstens einen hinreichenden Raum, um die Postsachen, die Bureau-Utensilien unterzubringen, den regen Verkehr ohne Belästigung unterhalten zu können. Eine halbe Stunde nach der Ankunft des Hauptquartiers ist Alles in Ordnung, die Tagesstempel eingeschraubt, die königlich preußische Postfirma ausgehängt; in den Kamin hat Brodhuhn einige Baumstämme geschoben, damit die Dinte nicht einfriert, denn draußen ist es eklig kalt. In dieses Local treten wir ein, wir fragen, ob die Post noch nicht angekommen, wir haben einen Brief zu erwarten. „Nein,“ heißt es, „die Post wird vielleicht erst in einer halben Stunde kommen.“ Wir wollen so lange warten. An der gewöhnlichen Wirthstafel sitzt „der Herr Sekertär“ Ninow und „bearbeitet die Sachen“. In einer Ecke sitzt der Schaffner Brodhuhn und liest die Nordhausener Zeitung, „die von Baltzern geschrieben wird“.

„Brodhuhn, wo ist denn Wilke?“

Wilke ist nämlich der erste Unterbeamte. Vielleicht erinnern sich seiner die Leser aus der Schilderung des Hauptquartiers vor Metz.

„Wilke is mit die faulen Briefe fort. Herr Sekertär, mir is wahrhaftig keine Arbeit zu viel, aber wenn ich Sie schon immer die faulen Fuhrmannsbriefe kommen seh, dann werd’ ich Sie giftig, wie der Baltzer in der Nordhäuser. Draußen vor dem Neste hält nur eine Proviantcolonne – keiner von den Fuhrleuten kennt den Namen vom Andern, nun such’ mir einer die Ritter von Madrid! Gestern hatt’ ich Sie zwei Briefe: einen ‚an den Fuhrmann Stefen Krautherr, Colonnenwagen Nr. 304 in Frankreich.‘ In Frankreich! Das schreiben die zu Haus in Großenhain oder in Penig nur so flottweg hin – da sucht ihn auch in Frankreich! Und der zweite Brief war Sie noch scheener. Da hieß die Adresse: ‚An den Colonnenfuhrmann Martin Baßler von den Magdeburger Fuhrleuten, die am 6. August nach Frankreich gefahren sind. Er hat einen Schecken und einen Braunen.‘ Reene des Deibels möchte man wär’n, wenn man solche Adresse liest. Es ginge bei uns Alles so glatt und scheene ab – wenn nur die verfluchten Fuhrmannsbriefe nich wären. Die hab’n mer schon manche schwere Stunde gemacht. Und was steht drin in den Briefen? Ich weeß nicht, aber ich denk’ mersch so: daß sie’s sehr kalt zu Hause haben und daß die Nachbarschaft scheene grüßen läßt.“

„Das ist ganz gleich, was drin steht,“ versetzt der ‚Sekertär‘, „für uns kommt es nur darauf an, was darauf steht und ob der Mann zu finden ist. Und dazu darf uns keine Mühe und keine Arbeit zu viel sein; der arme Colonnenmann hat dasselbe Bedürfniß, von den Seinigen Nachrichten zu erhalten, wie der vornehmste Officier. Im Gegentheil, er hat so viele Mühen und Strapazen zu erdulden, daß ihm die Freude, von den Seinigen zu Hause ein Lebens- oder Liebeszeichen zu erhalten, um so mehr zu gönnen ist.“

Brodhuhn studirt die Nordhäuser Zeitung weiter. Im Kamin knistert das Feuer, nach einer Weile kommt Wilke, wirft ein Paket Briefe auf den Tisch und stimmt dasselbe Klagelied an. Er war bei der Proviantcolonne gewesen, kein einziger von den Adressaten war zu finden.

„Seit acht Tagen treiben sich nun die Briefe hier herum und jeden Tag dieselbe Geschichte. Da möcht’ man ja lieber Franctireur werden, als Briefträger für die Colonne. Es wird den Leuten zu Hause doch so bequem gemacht, so und so müßt ihr die Adresse schreiben – aber sie capiren’s nicht. Hier, Herr Sekertär, ist ein Brief – Name, Vorname, aber welche Colonne, bei welchem Corps, welcher Division? Gar nischt – nur die Bemerkung: ‚er fährt den Wagen mit der Erbswurst‘. Nu, da brat’ mir jetzt Eener einmal einen Storch!“

Plötzlich wird die Thür aufgerissen. Zwei Soldaten mit sehr fröhlichen Gesichtern Arm in Arm erscheinen, und rufen gleich beim Eintreten:

„Monsieur – öng – öng Getreidekümmel!“

„Hier ist die Armeepost, aber kein Kaffeehaus!“ ruft Wilke mit Stentorstimme.

„Ach so, verzeihen Sie, Herr Oberpostdirector Stefan, ick habe Ihnen nich jleich erkannt – ick dachte, weil’s so hell hier war, et wär’ eene Kneipe.“

„Dann muß es schon sehr duster bei Ihnen aussehen, wenn Sie das Postschild draußen nicht sehen.“

„Wat haben Sie jesprochen, Herr Oberpostdirector Stefan?“

„Die Thür sollen Sie von außen zumachen!“

Nix comprends – nix comprends!“ versetzen die Schelme und verschwinden unter lautem Lachen. Sie geben einem andern Soldaten die Thür in die Hand. Ein fröhliches jugendliches Gesicht in Husarenuniform schaut zur Thür herein. Es ist ein Officierbursche, im ganzen Hauptquartiere wegen seiner Schalksstreiche

[199] bekannt. Sowie Wilke denselben erblickt, ruft er ihm entgegen:

„Noch nischt. In einer halben Stunde kommen Sie wieder. Da wird die Post da sein.“

„I da verlohnt sich’s doch nicht mehr, daß man zu Hause geht, denn wenn ich ohne Postsachen komme, da schnauzt mich mein Lieutenant doch an. Es ist doch ein übel Ding, so wie er in den Krieg zu müssen und eine sechsunddreißigstündige junge Frau zu Hause zu lassen. Täglich nur ein Brief, dann ist’s schon nicht recht, dann sind die Stiefeln nicht blank, dann ist das Pferd nicht gut geputzt, dann hab’ ich ein sehr dummes Gesicht – nächstens aber werd’ ich mich hinsetzen und an die gnädige Frau schreiben und sie bitten: ‚Ach schreiben Sie ihm doch so viel Papier voll, daß er gar nichts weiter zu thun hat, als immer nur zu lesen, damit er wenigstens nur mich zufrieden läßt.‘ Also in einer halben Stunde? Bon.

Er will gehen, kehrt aber um und wendet sich an Wilke:

„Meine Pfeife ist ausgegangen. Haben Sie nicht ein Bischen Feuer? Sie verzeihen, Herr Secretair.“

Wilke giebt ihm Feuer, er will gehen; die Thür in der Hand haltend kehrt er nochmals um und bittet um ein paar Couverts. Wilke giebt ihm auch Couverts, bemerkt aber in etwas unwirschem Tone, daß die Post zwar Postkarten, aber keine Couverts ausgebe.

„Aber zu den Couverts gehören auch noch ein paar Briefbogen,“ bemerkt der Bursche. „Das können Sie auch noch für’s Vaterland thun. Die ganze Briefmappe von meinem Herrn steht mir zu Gebote, aber seine Briefbogen sind alle mit dem Namenszug und mit der Krone, und wenn ich auf einem solchen Bogen an meine Auguste schreibe, dann ist der Teufel los, dann denkt sie, ich stehe mit einer hohen französischen Chateaubesitzerin in einem so vertrauten, unerlaubten Verhältnisse, daß ich schon auf ihrem Papiere schreibe. Man muß an Alles denken. Ein paar Briefbogen, Herr Secretair, ja?“

Der Secretair giebt ihm auch noch die Briefbogen, und fragt mit unverkennbarer Ironie, ob er nicht noch einen Zehnthalerschein wünsche.

„Wahrhaftig, das hätte ich fast vergessen, den können Sie mir auch noch wechseln, das ist sehr gut, daß Sie mich selbst darauf gebracht haben.“

Wohl oder übel muß der Beamte auch diesem Ansinnen nachkommen; er selbst hat die Sache angeregt; er zählt aus einer kleinen, eisenbeschlagenen Cassette zehn blanke Thaler auf, der Bursche streicht diese ein, sagt schönen Dank und will gehen.

„Aber bitte um den Zehnthalerschein!“ ruft ihm der Secretair nach.

„Ach so – den wollen Sie auch haben. Fast hätt’ ich’s vergessen!“ und zögernd holt er die Banknote aus der Tasche, legt sie auf den Tisch. „In einer halben Stunde also! Was man derweile nur macht!“

Da fällt sein Blick auf Brodhuhn, der noch immer am Kamin sitzt und die Zeitung liest. Auf diesen geht er zu, zieht ihm sachte die Zeitung aus der Hand und sagt:

„Die können Sie mir so lange borgen. Ich bringe sie, wenn ich die Post hole, wieder. Nordhäuser? Das war immer mein Fall. Jeder Deutsche hat ein geistiges Bedürfniß nach etwas Bismarck. Das ist das Schlimme. Mein Lieutenant hält nur französische Zeitungen, und diese Sprache verachte ich – ich bin ein deutscher Jüngling.“

Fort ist er. Der Secretair lacht, die beiden Schaffner sind über diese „Ausverschämtheit“ wüthend, Brodhuhn sagt:

„Das geht doch noch über die Colonnenbriefe! Ich laß mir die Zeitung extra von Hause kommen und der liest sie. Gerad’ mitten in einem Artikel, wo beschrieben ist, wie die Pariser die beiden Elephanten gegessen haben. Das war Sie sehr scheene zu lesen, Herr Sekertär.“

Auch als Dolmetscher muß der Secretair dienen. Ein Officierbursche tritt mit einem Franzosen, seinem Quartiergeber, in’s Local und klagt seine Noth. Der Bursche soll dem Mann die Wäsche seines Herrn geben, um sie zur Wäscherin, zu einer femme de lavement, zu bringen, und nun wolle der Blaukittel nicht capiren, er frage immer, ob Officier malade wäre. Er, der Bursche, spreche doch sehr deutlich, laver heiße waschen, also lavement Wäsche, und femme de lavement, Wäscherin. Schließlich muß ihm der Secretair begreiflich machen, daß die französischen Wäscherinnen nur auf das Wort blanchisseuse hörten und daß das andere Wort eine ganz andere Bedeutung habe.

Es vergehen fünf Minuten – es vergehen zehn Minuten, ohne daß die Glasthür des Postbureaus in Bewegung gesetzt wird, was allerdings zu den Seltenheiten gehört. Die Post ist, wie wir gesehen haben, für alle Wünsche, für alle Bedürfnisse, für alle Angelegenheiten da; zu Hause würde sich ein Beamter für diese Nebenbeschäftigungen höflichst bedanken. Hier im Felde jedoch bringen das die Verhältnisse mit sich.

„Brodhuhn!“ ruft der Secretair.

„Herr Sekertär!“

„Legen Sie diesen Brief hier zu denen, die zurückgeschickt werden. Tour Köln-Hamburg.“

Es ist ein Feldpostbrief, adressirt: „An den Gefreiten Christian Baumgardt bei der neunten Compagnie des fünfundachtzigsten Regiments, sechsunddreißigste Brigade, achtzehnte Division, neuntes Armeecorps.“ Unten am Rande des Couverts steht: „Absenderin: Wittwe Katharina Baumgardt in Altona.“ Wenn die Absenderin auch nicht auf dem Briefe verzeichnet stünde, so würde man doch an der Schrift, an den etwas weitgezogenen, von der zitternden Empfindung des Herzens geführten Zügen erkennen, daß es eine Mutterhand war, die dieses geschrieben hat. Die Adresse ist ganz richtig, jedenfalls hat ihr der Sohn vor dem Abschiede dieselbe vorgeschrieben, und ein Labsal war es für das treue Mutterherz, mit Feder und Dinte, die sie vielleicht lange nicht mehr in der Hand gehalten hatte, den vorliegenden Worten langsam nachzufahren. So sieht die Adresse des Briefes aus. Derselbe ist dicker, als ein gewöhnlicher Brief; das Papier des Couverts ist an einer Stelle zerrissen und einige Tabaksblätter fallen heraus. O treue, liebende Sorgfalt! Der Mutter ist vielleicht im Momente des Absendens noch eingefallen: Ei, du könntest diesem Briefe noch etwas beifügen – ein wenig Tabak; kann’s auch nur wenig sein, so sieht er doch die Liebe. Vielleicht könnte die Frau auch nicht mehr beipacken, selbst wenn es die Postbehörde gestattete, vielleicht hat sie ihren letzten Groschen hingegeben, um dem Sohne das Liebeszeichen senden zu können. Weihnachten ist zudem nahe, und da macht man den Kindern immer eine kleine Vorfreude. Wie wird ihm die Pfeife schmecken, wie wird er dabei immer an seine Mutter daheim denken und sich in seinem Herzen sagen: die Alte ist doch die Beste! Wer weiß, dieser Sohn ist vielleicht das einzige Kind, ihr einzig Gut und Blut, Alles, was einer Armen an Erdenglück geblieben ist, ihr Glück im Leben und ihr Trost im Sterben; wie sehnsüchtig wird sie eine Antwort von ihrem Kinde erwarten, wie freudig wird ihr Herz aufschlagen, wenn sie den Briefträger auf ihr Haus zukommen sieht, er kann ja nur einen Feldpostbrief bringen, einen Brief von ihrem Kinde. Der Briefträger hat auch einen Brief in der Hand, ergiebt ihr denselben, aber es ist ihr eigener. Im ersten Augenblick wird sie den Zusammenhang nicht fassen können, sie wird das Nächste und Natürlichste glauben, daß bei dem Briefe irgend eine Unregelmäßigkeit war, in Folge derselben die Postanstalt ihn zurückgehen läßt, bis sie den Brief umkehrt. Auf der Rückseite stehen einige Worte mit kleiner, fremder Schrift, die sie mit bloßem Auge nicht lesen kann; sie muß ihre Brille zur Hülfe nehmen und liest: „Adressat ist am vierten December in der Schlacht vor Orleans gefallen. Feldwebel Ohm.“ –

Kehren wir jedoch aus dem Stübchen in Altona in das deutsche Postbureau nach Frankreich zurück. Zwei Geldbriefe werden aufgegeben; den ersten bringt ein Soldat von einem Regimente, das zufällig die Besatzung des Ortes bildet. Der Brief ist an eine Frau in einem Dorfe Litthauens adressirt. Der Soldat fragt, ob ein Brief wohl richtig nach Litthauen komme, auch wenn er nicht fünffach gesiegelt sei. Das sei gar nicht nöthig, giebt man ihm zur Antwort, vorausgesetzt, daß kein Geld darin sei.

„Es ist aber Geld darin,“ gesteht der Absender.

„So geben Sie doch die Summe an, die sich in dem Briefe befindet!“ räth der Beamte.

Darauf wird der Bringer des Briefes merkbar verlegen. „Hm, Sie meinen, Herr Postdirector, es muß darauf stehen, wie viel darin ist?“

„Es muß nicht, aber Sie sind mehr gesichert. Der Brief wird wohl auch so ankommen; aber wenn Sie wollen, will ich die Summe darauf schreiben!“

„Bitte, Sie können den Brief fünffach siegeln!“

[200] „Wie viel ist denn darin?“

„Ach, nehmen Sie es nicht übel, es ist nur ein Thaler, den ich meiner Frau schicke. Mehr hab’ ich von meinem Sold bisher nicht erübrigen können. Sie kann unser Kind nicht stillen, weil sie auf Arbeit geht; von dem Thaler kann sie wenigstens Milch kaufen. Ich wollte darum nicht darauf schreiben, daß Geld darin ist, weil es sonst gleich in dem ganzen Dorfe herum ist: ‚Fritze Nujahn hat Geld geschickt!‘ Dann kommt der Krämer, dem wir zwei Thaler, und die Hebamme, der wir noch einen Thaler schuldig und, und wollen Geld haben, und meine Frau in ihrer Angst – ja, die giebt’s hin. In drei Wochen will ich wieder etwas schicken; dann sollen die Schulden zum Theil wenigstens bezahlt werden – aber den Thaler soll meine Frau behalten.“

„Gut, dann schicken Sie den Brief als einfachen Brief; ankommen wird er eben so sicher wie ein Geldbrief. Aber machen Sie das Couvert noch einmal auf. Hier ist ein anderes; hier können Sie auch noch einmal die Adresse schreiben.“

„Warum denn das, Herr Postdirector?“

„Warum? Ich – ich muß mich überzeugen, ob der Papierthaler auch darin ist.“

Das sagte aber der Secretär nur so; vielleicht liegt in dem Briefe, wenn er in dem ärmlichen polnischen Dorfe ankommt, das Dreifache von dem, was der pflichttreue Gatte und Vater in Frankreich eingesiegelt hat. Wer weiß, vielleicht war’s ein Heckethaler, den er gerade gefaßt hat; die sollen, wie man sagt, im Handumdrehen mehr werden.

„Noch ein Geldbrief!“ ruft der Secretär, von einem neu eintretenden Soldaten einen Brief empfangend. „Das geht ja heute, als ob’s der Erste im Monat wäre. Aber über hundert Thaler werden nicht angenommen, sag’ ich Ihnen gleich.“

„Hundert Thaler? Ach du lieber Gott! So viel Geld hab’ ich noch nicht gesehen. Zehn Silbergroschen sind drin.“

Dieser Betrag als Privatgeldsendung war dem Beamten noch nicht vorgekommen.

„Ach, schicken Sie’s nur fort, Herr Expeditor! Sehen Sie, ich will Ihnen ja auch sagen, wofür diese Summe ist. Beim Ausrücken aus der Garnison hat mir mein Bruder vier Thaler eingesteckt. ‚Wenn Du was brauchst, wenn Du mal einen Extraappetit kriegen solltest; verstehst Du mich?‘ ‚Ach wo,‘ sprach ich, ‚wo werde ich denn Geld von Dir nehmen!‘ ‚Sei kein Hansnarre,‘ spricht er wieder. ‚Nimm’s nur; was Du übrig behältst, kannst Du mir wiedergeben.‘ Nun hab’ ich aber im Anfang der Campagne immer sehr vielen Hunger gehabt und auch drei Thaler zwanzig Silbergroschen von dem Gelde ausgegeben; aber nun haben wir Alles genug, nun liegen wir immer in feinen Quartieren, die Kopfkissen haben Garnirungen, die Pommedeterres sind auf französische Art gemacht, und die gebratenen Puten haben alle noch ihre Köpfe, wenn sie auf den Tisch kommen – kurz, es geht uns sehr gut, und da ich nichts mehr von den vier Thalern brauche, muß ich doch als preußischer Soldat auch ein ehrlicher Kerl sein und ihm das Uebriggebliebene nach Hause schicken. ‚Was Du übrig behältst, kannst Du mir wiedergeben,‘ hat er gesagt, und nun, Herr Expeditor, nun bitte ich über meine zwei Fünfgroschenstücke um einen Postschein.“

Der Litthauer war gegangen; auch der Absender des zweiten Briefes ist abgefertigt worden. Er hat seinen Schein bekommen, seine Sendung ist in zwei Bücher eingetragen worden, um seinen Brief wird ein eigenes Couvert gemacht, mit Bindfaden umwunden, versiegelt, Alles das um zehn Silbergroschen. – Der Secretär sieht auf die Uhr und findet, daß die Post lange ausbleibt. Wilke erinnert an die schlechten Wege und daß das eine Pferd seit gestern lahme.

„Und dann ist ja auch noch Hänfling nicht da,“ meint Brodhuhn im Scherze. „Ehe er nicht da ist, eher kann auch die Post nicht kommen.“

In dem Augenblick thut sich die Thür auf, die kurze gedrungene Gestalt eines Trainsoldaten erscheint und mit ihr das komischste Gesicht, das man sehen kann: als ob es in Kautschuk gedrückt wäre und die eine Hälfte desselben lacht, während die andere weint. Bedächtig macht der Eintretende die Thür hinter sich zu, geht langsam einige Schritte vorwärts, sieht sich nach allen Seiten um und sagt ernst und feierlich:

„Guten Abend in’s Local!“

„Nun ist die Brieftaube ja da!“ meint Wilke.

„Verzeihen Sie, ich gehöre zu das Geschlecht der Hänflinge, und mein Herr heißt mich flattern, um die Post zu holen.“

„Bedaure, Herr Hänfling, Sie müssen sich noch etwas gedulden; aber da Sie da sind, kann die Post unmöglich lange bleiben.“

„Heute ist mein Herr zu happig auf Briefe – man kann’s ihm ja nicht verdenken, morgen ist sein Geburtstag; jeder Mensch ist froh, geboren zu sein; nun hört er gern, wenn auch Andere ihm sagen, wie glücklich sie sein Dasein mache. Na, das Papier ist ja geduldig. Herr Sekertär, erlauben Sie, daß ich meine Füße ein wenig an’s Kaminfeuer halte? Die Sohlen von den Parisern sind zu dünn und das Schneewasser beißt sich überall durch, wie die Mäuse durch die Speckseite.“

„Warum tragen Sie denn auch immer Pantoffeln? An Stelle Ihres Herrn hätte ich es Ihnen schon längst untersagt. Das ist gar nicht militärisch.“

„Militärisch nicht, mein Sekertär, aber seelenvoll. Sehen Sie, Herr Sekertär, diese Pariser hat mir meine Alte in den Krieg mitgegeben; Kinder haben wir nicht, daß sie auf den linken Fuß derselben den Knaben, auf den rechten vielleicht das Mädchen hätte sticken können; aber einen Hund haben wir, und den hat sie mir zur Erinnerung mit ihrer kunstvollen Hand in Wolle genäht. Hier können Sie’s sehen. Da ich aber während des Tages keine Veranlassung habe, an meine Emilie zu denken, so ziehe ich des Abends die gestickten Pariser an, um mich im Geiste zu ihr zu versetzen. Sagen Sie, Herr Sekertär, ist in letzter Zeit keine unserer Posten durch die Franctireurs abgeknöpft worden?“

„Daß ich nicht wüßte, Hänfling.“

„Schade darum, daß die Franctireurs keine erwischt haben. Es wäre mir sehr lieb gewesen.“

„Wieso denn?“

„Gestern hat mir meine geliebte Emilie in einem Schreibebriefe vier Seiten voll Vorwürfe gemacht, daß ich so lange nicht geschrieben. Wenn nun glücklicher Weise uns so ein Malheur arrivirt wäre, so könnte ich ihr doch schreiben, daß ein langer Brief an sie durch die Franctireurs abgekniffen worden ist und daß sie bedenken möge, daß das Alles nicht so glatt abgeht wie zwischen Berlin und Potsdam, sondern daß wir hier im blutigsten Kriege sind. Aber heute scheint die Post überfallen worden zu sein.“

„Hänfling, malen Sie mir den Teufel nicht an die Wand! Wir haben heute an die sieben Paketsäcke dabei, und fast werde ich ein wenig unruhig, da Götting, der beim Wagen, doch ein so gewissenhafter Schaffner ist.“

Da läßt sich von der Straße das Pferdegetrappel vernehmen und das Rollen eines schweren Wagens. Brodhuhn geht hinaus, um demselben das Postlocal zu zeigen. Die übrigen im Locale Befindlichen lauschen hinaus.

„Ist es der Postwagen?“

„Es scheint nicht so, er fährt zu schnell,“ bemerkt Wilke, „und durch die Ortschaften fahren unsere Postillone immer langsam.“

Auf dem Gesichte der Beamten prägt sich lebhafte Besorgniß aus. Der Wagen kommt näher, er fährt jetzt draußen vor, er ist’s, die Post ist angekommen. Draußen hört man die eiserne Stange fallen, welche den Wagen verschließt, und im Bureau erscheint nun der Schaffner Götting, den Beutel mit den Werthsachen in der Hand, halb erfroren trotz Decken und Mantel. Er war nicht durch Franctireurs angegriffen worden, aber ein Wagenrad war gebrochen und mußte in einem Dorfe erst ausgebessert werden.

„Die Post ist da!“ rufen in allen an der Hauptstraße gelegenen Wohnungen die Herren, welche den Wagen hatten ankommen hören, ihren Burschen zu; in Zeit von einigen Minuten ist der Platz vor dem Locale äußerst belebt, aber die Herren Burschen dürfen nicht eher eintreten, als bis die Post sortirt ist. In einer Viertelstunde ist das geschehen, und nun wird ein Herrenname nach dem andern aufgerufen, und der Bursche empfängt für denselben die Briefe, Zeitungen und Pakete. Wilke fliegt als Brieftaube mit den Sachen des Obercommandos nach dem Bureau desselben. Auch uns ist ein Brief mit einer angenehmen Botschaft zugekommen, und wenn wir auch ein Stündchen warten mußten, so wünschen wir nur, daß dasselbe unseren lieben Lesern nicht langweilig geworden.


[201]
Die Gartenlaube (1871) b 201.jpg

Friedensfeier zwischen Himmel und Erde.
Für die Gartenlaube gezeichnet von Erwin Oehme in Dresden.

[202]

– „und Friede auf Erden!“
Mit Abbildung.

Der Todesrabe flog so lang’
Her über den Rhein und sein Krächzen drang
Zu den Herzen durch Wände und Mauern.
Tief unter der Erde der Bergmann lauscht,
Wenn droben der schwarze Fittig rauscht,
Durch die Werkstatt zittert ein Schauern,
Der Schiffer am Steuer, der Bauer am Pflug,
Der Jäger im Wald, – wo der Fittig schlug,
Erfaßt ihre Seele das Trauern.

Und der hoch auf dem Thurm, lief unten die Welt,
Bei Tag und Nacht das Wachthorn hält,
Der Thürmer sollt’ ihn nicht sehen?
Er soll nicht hören des Raben Schrei? –
Ist doch sein eigener Sohn dabei,
Und die Liebste sein hilft ihm spähen,
Und die blinde Mutter, bei Nacht und Tag
Vernimmt sie den leisesten Flügelschlag,
Und Alle beten und flehen!

Und siehe, da leuchtet’s vom Abend her
Hell über der Deutschen Land und Meer;
Sie kommt, sie kommt geflogen,
Die Friedenstaube im Freudenstrahl
Kommt hoch daher über Berg und Thal
Mit dem heiligen Oelblatt gezogen –
Auch über des Thurmes Wächterhaus,
Das willkommjubelnde, spannet sich aus
Des Himmels Friedensbogen.

Doch seid leise, die Ihr, voll Friedenslust
Die siegesstolze deutsche Brust,
Zu solchem Bilde tretet!
Da ist die große Seligkeit,
Die in dem großen Herzeleid
Vom Himmel Ihr erflehtet.
Wie ruht sich’s Herz an Herzen aus!
Der Alte winkt’s in die Welt hinaus,
Das blinde Mütterlein betet.

F. H.




Das bairische Wunderöl.


Vermag sich selbst die Mehrzahl der Gebildeten des Glaubens an „viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Philosophie nichts träumen läßt,“ nicht zu erwehren, so haben wir davon, welche Macht der Aberglauben auf die Geister der großen Masse ausüben muß, tagtäglich die schlagendsten Belege vor Augen. Der vernünftigsten Vorschrift des rationellsten Arztes tritt sowohl der Kranke als dessen Angehörige in der Regel mit einem gewissen Zweifel entgegen, auf die unsinnigsten Rathschläge und Mittel eines Quacksalbers, eines Schäfers, Scharfrichters, alten Weibes und so fort schwört man Stein und Bein, und so kommt es, daß die Hoff, die Daubitz, die Dittmann und andere unglückselige Lohgerber nicht nur nicht aussterben, sondern alle Tage neue und erfolgreiche Nachfolger finden. – Je einfältiger und widersinniger der Humbug ist, um so gläubigere Anhänger gewinnt er; das Unbegreifliche ist’s ja eben, was den Menschen anzieht, weil er nur zu oft wahrnimmt, daß sich nicht alle Dinge und Erscheinungen um ihn herum mit dem Verstande begreifen und erklären lassen.

Zu den betriebsamsten Förderern dieses, sowie hundertfachen anderen Aberglaubens haben zu allen Zeiten die Priester jedweden Bekenntnisses gezählt und werden dazu zählen bis zum Ende aller Dinge. Ihr Reich ist ja nicht von dieser Welt, das heißt: es ist nicht das Reich des gesunden Menschenverstandes und der klaren Vernunft, sondern das Reich geistiger Umnebelung und Verdunkelung, und Alles, was mehr oder weniger nach Wunder schmeckt, heißen sie als zweckdienliches Werkzeug ihrer Verfinsterungsbestrebungen willkommen. Am liebsten ist es ihnen natürlich, wenn sich die Gelegenheit darbietet, ein solches Wunder im großen Style in Scene zu setzen, etwa eine leibhaftige Erscheinung der Jungfrau Maria oder wenigstens eines der vielen heiligen Fürbitter und Nothhelfer. Indeß, so Imposantes läßt sich leider nicht alle Tage bewerkstelligen, und da nehmen denn die schwarzen Herren auch mit geringeren Leistungen auf diesem Gebiete fürlieb, mit Wundertränkchen und Wundermitteln, Alles zur größeren Ehre Gottes und Sanct Geldbeutels, des Heiligsten unter den Heiligen der Christenheit und der Judenschaft.

Einer der frechsten und – einträglichsten dieser Wunderschwindel wird noch heutigen Tages in Baiern getrieben; er kennzeichnet zugleich die Stützen jener Partei, welche über die Erhebung und Neugestaltung Deutschlands Mord und Zeter geschrieen und mit Hand und Fuß wider die von jedem Patrioten so lange und heiß ersehnte Einigung des Vaterlandes angekämpft hat. Deshalb ist vielleicht jetzt gerade der rechte Moment, daß die Gartenlaube sich den sauberen Wunderkram einmal auf’s Korn nimmt.

In der wohlbekannten Stadt Eichstädt in Mittelfranken lebte vor neunhundert Jahren eine sehr fromme Dame, Walpurgis mit Namen. Sie war Stifterin und Aebtissin eines Benedictinerfrauenklosters und wurde wegen ihres gottseligen Wandels alsbald in die Zahl der Heiligen aufgenommen, als welche sie noch heutigen Tages einer hohen Verehrung genießt. An der Stelle nun, wo man einst die sterblichen Ueberreste der berühmten Nonne in die Gruft gesenkt, begab sich nachmals, damit der Segen der heimgegangenen Aebtissin auch über den Tod hinaus dem Kloster und der Christenheit zu Theil werde, ein erhabenes Wunder: aus einem Steine der Grabstätte sprudelte ein merkwürdiges wasserklares Oel, das selbstverständlich nur zur Heilung der kranken Menschheit und zu ihrer Errettung aus allerlei anderen Fährlichkeiten gespendet sein konnte. Die gottseligen Schwestern des heiligen Benedict hatten darum nichts Eiligeres zu thun, als das Gnadenöl aufzufangen, in kleine Flaschen zu füllen und als Heilmittel wider jegliche Gebrechen des menschlichen Leibes anzupreisen. Wir brauchen nicht erst zu versichern, daß das Wundermittel einen reißenden Absatz fand, wohl aber müssen wir sagen, daß die hochlöbliche medicinische Facultät zu Pavia in Italien ihm ein förmliches Ehrendiplom ausstellte und damit dem Handel die wissenschaftliche Sanction ertheilte. Jahrhunderte lang ist das heilige Oel der Kirche zu St. Walpurgis in Eichstädt zum wahren Gnadenbronnen geworden, und noch heutigen Tages gehen alljährlich Tausende von Fläschchen davon in die katholische und nichtkatholische Welt, obschon das Geschäft nach und nach einen kleinen Stoß erlitten zu haben scheint. Damit aber der segenspendende Quell nicht am Ende völlig in Mißachtung gerathe, verbreitet man an maßgebender Stelle eine Schrift unter dem Titel „Lebensbeschreibung der heiligen Aebtissin Walpurg, sammt einem Anhange von neuen Wohlthaten. Zum Drucke befördert von P. Johann Evangelist Reichmayer, Benedictiner und Capitular im fürstlichen Reichsstift zu St. Emmeran in Regensburg, Pfarrer und ordentlichem Beichtvater des berühmten löblichen Frauenklosters Ord. S. P. Benedicti zu St. Walpurg in Eichstädt.“ Der Ursprung dieses Werkes datirt zwar noch aus dem letzten Decennium des vorigen Jahrhunderts, allein man hat es fort und fort neu aufgelegt und mit weiteren Sammlungen wunderbarer Heilungsmärchen bereichert.

Von Anfang an haben Geistliche, katholische und protestantische, das Mögliche geleistet, die lichtbringende Presse Guttenberg’s zu mißbrauchen; ein abgeschmackteres und erbärmlicheres Machwerk als die angeführte Schrift hat aber selbst diese Literatur kaum aufzuweisen. War das Buch, ein ganz stattlicher Band von dreizehn Bogen, bei seiner Veröffentlichung schon der tollste Hohn auf das Zeitalter und den gesunden Menschenverstand, so wird es jetzt, wo, Gott sei Dank! das Licht doch immer eine wachsende Anzahl von Köpfen zu erhellen beginnt und wo namentlich die Kenntniß der Natur und ihrer Kräfte und Gesetze sich mehr und mehr verbreitet, geradezu ein Hochverrath [203] an der menschlichen Vernunft, und es erfüllt mit wehmüthigen Betrachtungen, daß die Menge Derer, welche solchen Unsinn nicht blos dulden, sondern als Evangelium und Trosteshort hinnehmen, sich noch immer nach vielen Tausenden berechnen läßt. Daß der Hokuspokus mit „bischöflicher Approbation“ von Stapel gelassen wird, kann nicht überraschen; wessen man sich von dieser Seite zu versehen bat, weiß ja alle Welt und haben uns die Bestrebungen des jüngsten Concils und seine Unfehlbarkeitsspielerei zum Ueberfluß von Neuem dargethan.

Weß Geistes Kind nun dies unser Eichstädt-Regensburger Machwerk ist, werden unsere Leser, von denen, wie wir hoffen, es keiner aus eigenem Gebrauche kennt, aus einigen Auszügen erfahren. „Hier sehen also,“ hebt das Vorwort des classischen Erzeugnisses an, dessen Stillosigkeit und schülerhafter Satzbau auf einen nicht eben bedeutenden Bildungsgrad seines nun in Gott ruhenden Verfassers hinzudeuten scheinen, „die wahren Verehrer der heiligen Jungfrau und Aebtissin Walpurg ihren frommen Wunsch erfüllet. Hier können sie lesen, empfinden und den Ruhm der großen Wohlthäterin erheben helfen; den Ruhm, den die Güte des Ewigen selbst gegründet, den die Heiligen mit ihren Lobsprüchen verherrlichet, die Geheilten mit ihren Dankliedern noch mehr ausgebreitet und alle Gutgesinnten mit einer edlen Unerschrockenheit nach den echten Grundsätzen der Wahrheit von jeher vertheidiget haben.“ „Was soll man,“ heißt es an einer anderen Stelle der Schrift, „gar von Katholiken sagen, die sich bei jeder Gelegenheit mit gelehrter Miene über die Lebens- und Wundergeschichte der heiligen Walpurg lustig machen, die ihre schmutzigen Gesinnungen über die Andacht gegen die Heilige sogar an die Zeitungsschreiber übersenden, um nur desto geschwinder an den Tag geben zu können, wie viel ihnen daran gelegen sei, ehrenrührerische Unwahrheiten in die Welt zu verbreiten, die Tugenden und Verdienste der Heiligen herabzusetzen, Protestanten und Maulchristen zu gefallen, armen Elenden ihre Zuflucht und allen Trost in ihrer Bedrängniß zu rauben, den Gläubigen den Grundsatz, daß es gut und nützlich sei, die Auserwählten als Freunde Gottes um Hülfe anzuflehen, zu tilgen und den Schwachen, die nicht im Stande sind, widrige Einwendungen nach der Strenge der Wahrheit zu prüfen, Ekel, Mißtrauen und Verachtung gegen alles Heilige einzuflößen!“

Die bösen „Zeitungsschreiber“ haben also schon damals den geistlichen Herren viel Sorge und Herzeleid bereitet und wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn heutzutage, wo der Einfluß der Presse ein so gewaltiger geworden ist, auch jene Sorge und jenes Herzeleid eine nicht geringe Vergrößerung erfahren hat. Doch hören wir unsern frommen Pater noch weiter.

„Unverschämt genug,“ fährt derselbe in seiner Oelbegeisterung fort, „die ersten Augenzeugen dieses Wunders als Urheber eines so groben Betruges ohne allen Grund zu beschuldigen; unverschämt genug, die würdigsten Bischöfe und Regenten von Eichstädt, die von jeher bis auf diese Stunde gegen dies heilige Oel die größte Ehrfurcht geheget, als Beihelfer eines so groben Betruges anzuklagen; unverschämt genug, einem so zahlreichen Menschengeschlechte, das gegen neunhundert Jahre in Eichstädt gelebt, den gesunden Verstand und die Macht, Betrug von Wahrheit zu unterscheiden, alle Beurtheilungskraft abzusprechen; unverschämt genug, so vielen Auswärtigen, wer sie auch sind, die so deutliche Denkmale ihres vollen Vertrauens und redende Beweise ihrer innerlichen Ueberzeugung zurückgelassen und es noch thun, in das Angesicht zu sagen: Eure Voreltern waren hierin die dümmsten Leute; ihr seid es noch mehr, ihr seid betrogen!“

Und in diesem Feuereifer wider die Ketzer, welche so ruchlos sind, an das Wunderöl der heiligen Walpurg nicht zu glauben, und gar fromme Gemüther vom Glauben daran abtrünnig zu machen suchen, geht es noch Seiten lang fort. Das Wunderöl ist ja ein viel zu gutes Geschäft, als daß man sich einen so gewinnbringenden Handelsartikel, jedenfalls den besten und leichtest zu erzeugenden im ganzen Bisthum Eichstädt, ohne Weiteres in Mißcredit bringen lassen sollte.

Das Köstlichste des Buches sind indeß die Geschichten und Berichte von einer Menge der wunderbarsten Heilungen und Rettungen, welche mittelst des heiligen Walpurgisöles vollzogen worden sind. Ein paar Beispiele, die wir auf das Gerathewohl aus der umfänglichen Sammlung herausgreifen, werden unsere Leser von der unvergleichlichen Kraft des heiligen Gnadenbornes überzeugen.

„In Thierhaupten schien ein wütendes Feuer das ganze Bräuhaus einäschern zu wollen, ohne eine Hoffnung der Rettung übrig zu lassen. Man warf nun durch die Hand eines Priesters heiliges Walpurgisöl in die Flammen, und gleichsam in einem Augenblicke wurde die Wuth des Feuers so mächtig zurückgehalten, daß es sozusagen stille stand und sich willig den Auslöschern ergab.“

„Ein vierzehnjähriger Knabe in Amberg hatte das Unglück, bei einem Strohaufzug von einem schweren Balken so gewaltig an den Kopf geschlagen zu werden, daß die Hirnschale zerschmettert und daraus eine Menge Blut und Hirn verspritzt wurde. Vier volle Tage lag der Knabe in einer jämmerlichen Ohnmacht, woraus ihn zu ziehen alle menschliche Hülfe umsonst bemüht war. Endlich verschaffte sich sein Vater ein Fläschchen vom heiligen Walpurgisöl, goß dem Knaben einige Tropfen desselben ein und bestrich damit die Wunde. Und siehe da! es geschah dies mit so guter Wirkung, daß der Halbtodte allsogleich ein Lebenszeichen gab und die erschreckliche Wunde in wenigen Tagen geheilt war.“

„In Augsburg erkrankte eine angesehene Bürgersfrau an einem bösartigen krebsähnlichen Geschwüre, und vergeblich suchten mehrere Aerzte dem Uebel Einhalt zu thun. Da nahm sie zur Wunderheiligen von Eichstädt ihre Zuflucht, bestrich die kranken Stellen mit dem heiligen Oele, und was alle ärztlichen Mittel nicht hatten erreichen können, das vollbrachte das heilige Walpurgisöl in ganz kurzer Zeit.“

Doch die Macht des heiligen Oeles ist eine so überschwängliche, daß schon der feste Vorsatz, sich seiner bedienen zu wollen, öfters hingereicht hat, die gewünschte Hülfe zu leisten. Man höre und staune:

„Ein Knabe fiel von einem hohen Thurme. Während des Fallens kam ihm der Gedanke, sich der heiligen Walpurgis zu verloben, und frisch und gesund kam er unten auf dem Erdboden an. Ein wahres Wunder!“

„Ein Mädchen von Bregenz im Vorarlberg hatte das Unglück, in den Bodensee zu fallen. Sechs (!) Stunden lang kämpfte sie mit den Fluthen, und schon war sie dem Ertrinken nahe, da verlobte sie sich der heiligen Walpurgis, und alsbald belebte sich ihre Kraft von Neuem und glücklich und – trockenen Leibes gelangte sie wieder an’s Land.“

Derart stehen noch Dutzende von Wundermärchen in dem Reichmayer’schen Opus, welches mit bischöflicher Genehmigung von Jahr zu Jahr neu aufgelegt und zur Erbauung der frommen Seelen und zum Preise der großen Eichstädter Heiligen in die Welt geschickt wird. Die Bischöfe des nämlichen Bisthums befördern das Buch, dessen Diöcese einst, schon im vierzehnten Jahrhunderte, jener wackere Philipp von Rathsamhausen verwaltete, welcher „gegen das unaufhörliche Predigen und Hörensagen von abgeschmackten Miraculn“ eiferte und fast zweihundert Jahre vor Luther nicht müde ward, darauf zu dringen, daß „die christliche Religion von den römischen Schlacken gereinigt werde.“

Was ist nun aber dies heilige Wunderöl? werden die Leser fragen. Auch darauf können wir ihnen Antwort ertheilen. Zunächst müssen wir bemerken, daß der merkwürdige Eichstädter Artikel äußerlich höchst zierlich und elegant in den Handel kommt. Jedes einzelne Gläschen wird in ein niedliches, mit buntem Papiere überzogenes Holzkästchen verpackt. Auf dem Deckel dieses Behälters stehen in goldenen Buchstaben ein S und ein W (Sancta Walpurgis), unter dem Deckel aber findet man auf einem Zettel das nachstehende Gebet gedruckt:

„Verleihe, o gütigster Gott! auf den wir allein hoffen und vertrauen, daß wir durch die großen Verdienst und Fürbitt der heiligen Jungfrau und Aebtissin Walpurgis, welche du mit unzählbaren Wunderwerken gezieret hast, von allen Leibes- und Seelenbeschwerden auf den Gebrauch ihres heiligen Oeles erlediget werden. Durch Jesum Christum unsern Herrn. Amen. Lobet den Herrn in seinen Heiligen. Ps. 150.“

Die Gläschen selbst sind überaus niedlich, je einen Zoll hoch, mit ein wenig Wachs zugepfropft und in reine weiße Baumwolle eingehüllt. Ebenso rein und weiß und ebenso durchsichtig wie das Glas ist auch die darin enthaltene Flüssigkeit. Und woraus besteht diese letztere? Aus einem sehr unschuldigen Material – aus destillirtem Wasser! dies haben verschiedenfache chemische Untersuchungen unwiderleglich dargethan, ja ein ehemaliger Benedictiner hat bereits vor siebenzig Jahren auf diesen Schwindel die öffentliche Aufmerksamkeit hinzulenken gesucht, allein die Herren Geistlichen, unter Vorgang des Bischofs, haben seine Schrift confiscirt, [204] und nach wie vor wird an St. Walpurgis in Eichstädt gewöhnliches Wasser zu theurem Preise als heiliges Wunderöl verkauft und von unzähligen Menschen innerhalb und außerhalb Baierns als solches bezahlt und vertrauensvoll gebraucht!

Die Daubitz und die Hoff nebst Consorten übervortheilen das Publicum zwar auch, insofern als sie für ihre Producte einen drei- und vierfach höheren Preis verlangen, als der Werth der Artikel rechtfertigt, und indem sie ihren Schnäpsen und Bieren Eigenschaften und Wirkungen andichten, welche diese selbstverständlich nicht besitzen und nicht besitzen können, aber die industriösen Herren geben uns doch wenigstens etwas Substantielles und Genießbares für das Geld. Die heilige Walpurgis zu Eichstädt hingegen liefert uns für unsere guten Gulden ein vollständiges Nichts, das auch nicht den reellen Werth eines halben Kreuzers in Anspruch nehmen kann, und bedient sich, um ihren Schwindel auszuführen, überdies noch des Deckmantels der Religion, jener dehnbaren sanften Hülle, die zu allen Zeiten noch viel nichtswürdigeren Gaukeleien zu Gute gekommen ist und ferner zu Gute kommen wird. Und die höchsten geistlichen Behörden widersetzen sich dieser frechen Geldschneiderei – anders kann man den Hokuspokus nicht wohl bezeichnen – nicht nur nicht, sondern ertheilen ihr in aller Form die ausdrückliche Sanction!

So geschieht es in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, nicht in dem an Wundern so reichen Italien, nein, mitten im Herzen des aufgeklärten deutschen Reiches, in demselben speciellen „Vaterlande“, welches der Welt einen Feuerbach geschenkt hat!
H. S.

Vierundzwanzig Stunden im Paris der bittern Noth.[1]
Von Friedrich Hofmannn.
Orleans, den 9. Februar 1871.

Sie wissen bereits, daß es nicht meine Absicht war, nach Paris zu gehen, sondern mein kühnstes Ziel eines Abstechers von dem Sanitätszug war Versailles. Dorthin lautete auch der Reisepaß, welchen ich mir von der Präfectur in Orleans hatte ausstellen lassen und auf welchen hin ich eine Fahrkarte bis Vitry erhielt, der nächsten durch die Eisenbahn von Orleans zu erreichenden Station vor Versailles. In Juvisy, einem Knotenpunkt, wo die Pariser Bahn nach Orleans und nach Corbeit abzweigt, versorgte ich mich, auf den Rath deutscher Landsleute, mit einem Proviant an Brod, Butter und Wurst für die Weiterreise und fuhr dann mit dem Mittagszuge nach Vitry.

Das Etappen-Commando zu Vitry hatte, wie alle diese Commandos um den Pariser Mauergürtel, die Verpflichtung, Niemanden französischer Nation nach oder von Paris passiren zu lassen, der nicht im Besitz der ganz bestimmt vorgeschriebenen Legitimation war – dem leichtfertigen Franzosenvolk gegenüber allerdings eine Aufgabe, deren Durchführung nicht zu den Freuden dieses Lebens gehörte. – Ich für meine Person war in Vitry am ersten Ziel meiner Reise angelangt. Jetzt galt es, von da nach Versailles zu kommen. So fest stecken in unsern deutschen Köpfen die Friedensvorstellungen, daß ich mir nicht anders denken konnte, als in Vitry könne es an Fahrgelegenheit nach dem deutschen Hauptquartier gar nicht fehlen. Statt dessen konnte ich kaum einen Weg dahin entdecken. Die Aussicht, fünf bis sechs Stunden querfeldein stampfen zu müssen, verführte mich zu einem Gedanken, den ich dem Herrn Commandanten mit der Frage vorlegte: „Sollte ich denn von Paris aus nicht leichter nach Versailles gelangen können?“

„Das ist wohl möglich,“ meinte er. „Zeigen Sie doch mal gefälligst Ihren Paß.“ Nachdem er ihn gelesen, fragte er mich in theilnehmendem Tone: „Ist es Ihnen wirklich darum zuthun, nach Paris zu gelangen?“ Und als ich dies bejahte, sagte er: „Aus Achtung vor der Gartenlaube gestatte ich Ihnen die Weiterfahrt nach Paris, ich will sogar Ihrem Paß auch noch meine Unterschrift beifügen; nach Paris kommen Sie, wie Sie aber in Paris damit zurechtkommen, das ist Ihre Sache. Jedenfalls thun Sie am besten daran, über Vitry zurückzukehren.“

Ich sprach meinen Dank für die außerordentliche Vergünstigung aus und wenige Minuten später rollte der Zug, von da an nur noch voll Stockfranzosen um mich herum, der weltberühmte „Enceinte“ entgegen. Jetzt erst, wo man „die schreckliche Tyrannei der preußischen Barbaren“ überstanden hatte, zeigten alle Zungen, und zwar auf einmal, daß sie gelöst waren; es gab ein ohrzerreißendes Durcheinanderschreien in allen Tonlagen und Tempi, haarsträubende Wuthausbrüche und Drohungen gegen die Preußischen Räuber und Mörder, – und da saß Einer mitten unter ihnen – und sagte es nicht! – Wie vollkommen mit Allem einverstanden, was man da zusammen und durcheinander parlirte, hielt ich’s mit einem wahrhaft Moltke’schen Schweigen und ließ um so eifriger die Augen links und rechts hinaus nach den neuen Eindrücken haschen.

L’enceinte, l’enceinte!“ schrieen plötzlich die Glücklichen an den Fenstern, und husch! steckten so viel Köpfe in den Luken, daß es Nacht in den Wagen wurde. Das Donnern derselben im Walldurchgange sagte mir: jetzt bist du drinnen! Mit einem Blick zurück glaubte ich noch zu Geschützständen führende Rampen und allerlei wild durcheinander liegendes Schanzzeug zu erkennen. Das Erste, was ich von Paris sah, war eine Reihe kleiner Vorstadthäuser, die Neugierigen an Fenstern und Thüren, die Kinder auf der Straße, gerade wie bei uns; dann große, rauchgeschwärzte, aber leere Niederlagen und Waarenhallen, todte Maschinenbauwerkstätten und endlich die offene Aussteigehalle mit einem großen umgitterten Hof. – Fünfzig Centimes Nachzahlung für die Fahrt von Vitry her – und nun noch Befriedigung des Octroibeamten. Meine verehrten Mitreisenden waren meist mit sehr vielen Säcken, Bündeln und Schachteln behaftet, so daß ich es für zweckmäßig fand, mit meiner leichten Last mich vorzudrängeln. Ich eröffnete dem Manne am Gitterthor einen Einblick in mein Paketchen mit dem erklärenden Zusatz – und meinem ersten Französisch in Paris! –: „Un peu de pain!“ – „Entrez, Monsieur!“ Und so geschah’s, und da war ich! –

„Du bist in Paris!“ Das mußte ich mir immer und immer wieder sagen, und ich hatte Grund dazu, denn die Boulevards (B. de l’Hopital, Place und B. d’Italic), die ich, um nach dem Linken-Ufer-Bahnhof von Versailles zu suchen, zuerst durchwanderte, erinnerten keineswegs an die Großartigkeit und Pracht, die für unser Ohr an den Namen hängt. Ein- und zweistöckige Häuser, gepflasterte Trottoirs oder mit Steinen eingefaßte Asphaltwege, Parterre Laden an Laden sehr gewöhnlicher Art, viel Schmutz [205] und viel Volk ohne die Rührigkeit und Beweglichkeit, welche ein bestimmtes Ziel und Streben in die Glieder bringt, und welche ja das „glückliche Paris“ als ein besonderes Kennzeichen seiner unternehmenden Bewohner rühmte. Hier war offenbar eine der Heimstätten jenes unglücklichsten Theils des Mittelstandes, welcher sich zurückzieht, wo gefordert, und sich schämt, wo gebettelt wird, d. h. Das, was wir den unverschämten Straßenarmen gegenüber den „verschämten Hausarmen“ nennen. Bei den Männern mochte das Gewand täuschen, denn etwas Militärisches hatte Jeder an sich und wär’ es nur die rothe Streife an der Hose oder Mütze, auch hatten sie vielleicht wirklich weniger gelitten; aber in die Gesichter der armen Frauen war das bittere Leiden förmlich eingeschnitten, da hatten Hunger und Thränen entsetzliche Furchen gezogen. Ueberhaupt – wenn der Antheil des Heldenmuths bei der Vertheidigung von Paris gemessen wird, so gebührt den Frauen, und vor Allen den Müttern der größte Theil: sie haben das Ungeheuerste ausgestanden, sie

Die Gartenlaube (1871) b 205.jpg

Auf dem Friedhofe zu Bar le Duc.
Nach einer Photographie.

haben ihre Kinder dahinsterben sehen müssen, weit sie für sie keine Nahrung, keine Milch und keinen Ersatz für Milch mehr hatten, kein Ei, keinen Zucker, kein Weißbrod, kein Mehl, keine Butter, und an der rauhen Kost, welche der kräftige Organismus noch leidlich überwand, gingen namentlich Kinder unter einem Jahr über zehntausend zu Grunde!

Und dagegen war noch während meiner Anwesenheit keine genügende Hülfe geschafft: während noch keiner Stunde waren schon sieben Kindersärge an mir vorüber getragen. Noch am selben Abend belehrte mich La petite Presse, welche ich unterwegs gekauft, über diese Zustände. Jetzt folgte ich der allgemeinen Strömung, die Männer, Weiber und Kinder nach einem Ziele lockte. Der Menschenstrom stemmte sich vor einem Hause zur Linken, und bald war die Ursache zu riechen: hier begann eben der Brodverkauf oder eine Brodvertheilung, dahinter kam ich nicht. Aber hier sah ich zuerst selbst Frauen in anständiger schwarzer Tracht und selbst zwei Priester, letztere mit Tragkörbchen am linken Arm, um der lieben Gottesgabe willen mit in der Menge stehen. Uebrigens herrschte hier kein Schreien und Drängen; der furchtbare Ernst des Lebens hatte die Zungen gebändigt.

Um einer Procession auszuweichen, kam ich von den Boulevards weit links ab und nach vielen Irrgängen, endlich mich nordwärts haltend, auf den Quai de la Tournelle. Auf diesem ganzen Wege – ich war drei Stunden gelaufen, der Tag neigte sich zum Abend – hatte sich immer dasselbe Straßenbild wiederholt: überall ganz und halb uniformirte Gruppen und Züge von Männern und jungen Burschen, Zeitungsverkäufer, bettelnde Kinder, die Frauen der untern Stände außer den fast immer reinlich weißen Hauben in ziemlich verwahrloster Toilette, die wenigen schwarzgekleideten Frauen meist verschleiert, häufiges Trommeln bei Wachthäusern der Nationalgarde, halbe Knaben mit Chaffepots und rothgestreiften Mützen, nur hier und da ein zweirädriger Karren, fast nirgends ein Geschirr, kein Omnibus, kein Ficere, und Alles trübselig, wie der Regentag – sodaß schließlich das Beobachten von Alledem von selbst aufhörte.

Ich habe Ihnen gestern geschrieben, wie übel es mir mit meinen Versuchen erging, mein preußisches Geld zu verwerthen. Nachdem ich auch mit einem Zehnthalerschein so schlechte Ehre eingelegt hatte, stand ich mit meinem blauen Proviantpäckchen allerdings wie Einer da, dem die Hühner das Brod gestohlen haben. Drüben, jenseits der Seine, die ich nun in Paris zum ersten Mal sah, that sich erst die Pracht der Weltstadt auf, da ragten Paläste und Dome und wogte ein ganz anderes Massenleben, als ich bisher gesehen, – und ich mitten darin ohne Geld! – Indeß hieß es auch da: rasch entschlossen! Ich durfte die Versuche, mein preußisches Geld anzubringen, nicht fortsetzen; diese Thaler und mein entschieden thüringisches Französisch konnten mich zu leicht als „Prussien“ verrathen, und den politischen Zauber der österreichischen Münze kannte ich noch nicht. Ich beschloß, sofort nach Vitry zurückzukehren, und schlug den Weg rechts der Seine entlang ein. Endlich hielt ich’s für gut, mit etlichen Sousstücken in der Hand einige Knaben nach der „Gare d’Orléans“ zu fragen. Während von den Jungen jeder sich nach den Sous herandrängte und alle durcheinanderschrieen, wandte sich von einer Gruppe Erwachsener ein junger Mann zu mir, warnte mich vor den Buben und erbot sich, mir den gewünschten Weg zu zeigen. Ich nahm das freundliche Anerbieten natürlich sehr dankbar an, warf aber doch die Sousstücke den Jungen zu, die sich nun wacker darum balgten und uns ohne Nachlauferei gehen ließen.

In diesem jungen Mann nun erkannte ich, nach kurzer Unterhaltung, so viel Bildung und gutes Herz, daß ich mich ihm ohne Weiteres anvertraute, – und ich hatte es nicht zu bereuen. Wenn Jahre des Friedens Paris der deutschen Reiselust wieder erschlossen haben, dann kann ich denen, welchen es um einen ebenso unterrichteten wie grundbraven Führer zu thun ist, keinen bessern empfehlen, als meinen jungen Freund, und werde seine Adresse gern mittheilen; seinen Namen sogleich zu nennen, möchte um seiner selbst willen nicht rathsam sein.

„Aber nun, mein Freund, eilen wir zu einem wo möglich recht nahen Ort, wo es ein gutes Glas Wein und Etwas zu essen giebt!“ Dieser Stoßseufzer meiner deutschen Natur, die sich stark regte, fand Anklang auch im französischen Herzen, und bald saßen wir bei einem Restaurant am Boulevard de l’Hopital gemüthlich in einer Ecke einander gegenüber. Ich hatte mit meinem Führer, Herrn P., unter Anderm die Verabredung getroffen, daß er mir Alles, was meine Person ganz besonders angehe, zu meinem sicheren Verständniß aufschreibe. Jetzt schrieb er mir auf, ich möge sofort diniren, weil er später nicht dafür stehen könne, daß ich noch etwas Gutes bekomme. Währenddeß wolle er eine „Auberge“ für mich suchen. Er führte mich in’s nächste Zimmer, bestellte für mich ein Diner nach der „Carte du jour,“ lehnte meine Einladung dazu ab und ging. Ich lehnte mich an ein einsames Tischchen, legte vorsichtig mein blaues Proviantpäckchen daneben auf einen Stuhl und harrte nun seltsam gespannt der Dinge, die da kommen sollten.

Angesagt war mir: „Bouillon, Roastbeef und Confitures“, ein Teller mit Brod und eine Flasche Wein machte die Einleitung. War dies das verschrieene Belagerungsbrod das aus Kleie, Gerste, Hafer und Sägespähnen bestand und so viel Siechthum und Todesfälle verursacht haben soll? Ich schnitt ein Stück ab und versuchte es, nach eifriger Voruntersuchung nach dem letzteren [206] Bestandtheil, zu kauen, – aber es widerstand meinen gesunden Kauwerkzeugen, ich – konnte durchaus keinen Gebrauch davon machen, wickelte mir das abgeschnittene Stückchen in Papier ein, um es Ihnen nach Leipzig mitzubringen, und ersetzte es durch ein Stück von meinem Vorrath von Iuvisy. Das Brod war offenbar besser, als das berüchtigte Belagerungsbrod, von Sägespähnen fand ich keine Spur, aber es war weder unser Schwarzbrod, das uns so trefflich mundet und gut bekommt, noch war es Weißbrod, sondern eine hellbraune Rinde lagerte um eine gelbliche Masse, die aus lauter einzelnen, engzusammenhängenden Mehlklümpchen bestand und süßlich roch. Die übrigen Gäste schienen es sogar mit Behagen zu verzehren, wie Alles, was ihnen vorgesetzt wurde.

Da kam Nr. 1, die Bouillon in der großen Tasse oder dem kleinen Porcellanschüsselchen. Es war gewiß Pflicht gegen mich selbst, hier Alles zu verzehren, um den Fremden nicht zu verrathen, – aber im vorliegenden Fall mußte ich’s auf’s Aeußerste ankommen lassen: ich konnte diese Bouillon nicht hinunterbringen, sie duftete gar zu verdächtig, meine aufgehetzte Phantasie konnte die Rattenschwänzchen nicht loswerden. Trotz der Pfefferlage, die ich darauf warf, mußte ich von ferneren Versuchen gegen dieses Gericht abstehen. – Wie ich befürchtete, so geschah’s: der „ Garçon“ schöpfte Verdacht, die verschmähte Bouillon und mein fremdes Brod sagten ihm genug. Er maß mich mit sehr eigenthümlichen Blicken und auch Herr und Madame gingen mehrmals mit ähnlichen Augen an mir vorüber, so daß es mir in steigendem Grade unbehaglich zu Muthe wurde. Da mußte etwas Versöhnendes geschehen. Als der Garçon Nr. 2 brachte, bot ich ihm ein tüchtig Stück meines Brodes als „pain d’Orléans“ an – und abermals war ich gerettet. Der junge Mann sagte mir mit tausend Dank, daß er selbst aus Orleans sei, und dem eben zurückkehrenden Herrn P. versicherte er, er wisse zwar, ich sei ein „Prussien“, aber er wolle schweigen.

Nr. 3 war als Roßbeef gar nicht zu verkennen, aber jetzt galt’s klug und artig sein. Ich bedeckte die blühende Röthe des Fleischstücks dick mit Senf und verzehrte es, die Gabel in der Rechten, das Weinglas in der Linken. Gottlob, das war „dinirt“ im Paris des Jammers. Die „Confitures“ sowie den Rest meines Brodes nebst Butter und Wurst verehrte ich meinem Führer, und wie freute sich dieser, solche Herrlichkeiten seiner Gattin und seinem Kindchen mit heimbringen zu können.

Wenige Häuser von diesem „Restaurant“ entfernt war das „Hotel de Tours“, in welchem Herr P. mir ein Logis besorgt hatte. Ich verabredete mit Herrn P., daß wir am andern Morgen Punkt halbacht unsere Wanderung durch Paris beginnen wollten, – für heute war der Tag geschlossen, denn Abendvergnügungen, wie Theater, Concerte, Cafés-Chantants und dergleichen giebt es nicht in diesem Paris. Ist leidlich dinirt und genügend schwadronirt, so legt man sich nieder. Gute Nacht! –

Trotz aller Ermüdung war ich jedoch zu aufgeregt von den Erlebnissen des Tages, um schon Ruhe im Bette zu finden. Ich steckte mir eine deutsche Friedenscigarre an und öffnete die Fenster. Draußen dehnte sich die lange Boulevardstraße in die Finsterniß hinein; nur einzelne Gestalten gingen des Wegs, hie und da von dem Lichtschein getroffen, der aus den Häusern auf die Straße fiel. Gegenüber ein freier Platz, über den hier und da ein Laternchen wie ein Irrlicht dahinhuschte. Und das ist Paris! Paris, dessen Gasstrahlenglanz ehedem durch den Widerschein am Himmel auf Meilen Entfernung dem Reisenden und den Umwohnern sich verkündete! Und nun so todt, Alles todt, das Licht und das Leben!

Der erste Gang am Morgen des Achten führte wenige Häuser weit in ein Café. Auch hier vertrat Cognac die Stelle der Milch oder Sahne. „Mürbes“ gab’s ebenfalls nicht und ebensowenig Butter. Nur Zucker war wieder da. Wir begnügten uns mit dem Kaffee, der anderthalb Franken kostete.

Und nun begann das Tagewerk. Am Ende unseres Boulevard wandten wir uns links am Eingange zur Rue de Buffon und am „Jardin des Plantes“ vorüber, über dessen angebliche Verwüstung und Auszehrung die lieben Engländer uns sogar mit illustrirten Berichten erschütterten, – und standen vor der „Halle aux Vins“, dem seit 1808 bestehenden Hauptweinmarkt von Paris. Hier erlebte ich den großartigsten Anblick, den ganz Paris mir bieten konnte. Der bedeutende Raum – er mißt hundertvierunddreißigtausend Quadrat-Mètres – ist für die daselbst lagernden Weinsorten in fünf Hauptgruppen durch fünf Straßen getrennt, welche darnach Rue de Touraine, de Languedoc, de Bordeaux, de Champagne und de Bourgogne heißen. Nun braucht Paris innerhalb der Octroi-Linie jährlich in Bausch und Bogen fünf Millionen preußische Eimer Wein und über zweihunderttausend Eimer gebrannte Getränke. Die Keller der Weinhalle fassen auf einmal etwas mehr als anderthalb Millionen Eimer. Am besten verproviantirt war aber ohne Zweifel Paris mit Wein. Da nun während der ganzen Belagerungszeit die geleerten Fässer nicht fortgeschafft werden konnten, so bildeten sie allgemach Das, was mir vor Augen stand: fünf Hochgebirgsreihen, zu denen man nur mit Staunen und Grauen hinaufsehen konnte. Und als geschickte Baumeister haben sich die Franzosen auch hier bewährt: so fest sind diese Fässermauern aufgethürmt, daß sie ruhig bis zu jener schwindelnden Höhe emporsteigen konnten, auf welcher jetzt die kühnen Kletterer beschäftigt sind, mit Tauen und Leitern ausgerüstet, vorsichtig die fünf Berge wieder abzutragen.

Unser nächster Gang führte uns vor und in die Notre-Dame. Nur in den Kirchen sind jetzt die hohen vornehmen Frauengestalten zu finden, schwarz umhüllt vom Haupt bis zu den Füßen. Auf dem Hochaltar und an einigen Seitenaltären brannten die Kerzen und vor ihnen lagen die Andächtigen zahlreich auf den Knieen. Aber wie in der Kathedrale von Orleans boten auch hier den ergreifendsten Anblick die, welche vor dem einsamen Lämpchen einer Mater dolorosa ihren Trost suchten. Ich sah da manches Antlitz, dessen Schmerz mich mit tiefer Ehrfurcht vor dem Unglück erfüllte. Hier weinten Mütter und Bräute ihr bitteres Leid aus – und gar mancher dieser Frauen war es anzusehen, daß mehr als ein Schwert durch ihre Seele gegangen war. –

(Wir müssen leider schon hier, aus Mangel an Raum, unsere Mittheilungen aus dem sehr ausführlichen Briefe, welchen der Verfasser in seinem Reisebuche vollständig zum Abdruck bringt, schließen und fügen nur noch den Schluß desselben an.       D. Red.)

Nach achtstündiger Pflastertreterei nahmen wir zum letzten Theil unserer Tour, über die Boulevards von der St. Madeleine bis zum Bastilleplatz, den Omnibus zu Hülfe. War das eine genußreiche Fahrt! Das Auge entzückte der Prachttheil einer wunderschönen Stadt. Nur am Bilde des Straßenlebens besserte sich nichts. Wie die Zeitungen, füllte alle Köpfe von Paris nur die Sorge um das „Ravitaillement“, die große Masse lebte eben im Uebergang von der schmerzlichen Entbehrung zur Hoffnung auf bessere Nahrung.

Auch bei der Julisäule hatte, wie bei der Statue von Straßburg auf dem Concordienplatz, eine Demonstration der Trauer stattgefunden: eine hohe Tricolore, mit einem schwarzen Flor umhüllt und mit einem Todtenkranz geschmückt, lehnte am Denkmal der Freiheitsmärtyrer von 1830.

Von da eilten wir in den Bahnhof von Orleans. Die Zahl der Reisenden entsprach auch heute nicht der Größe dieser Hallen. Herr P. verließ mich nicht eher, bis er mein Fahrbillet nach Iuvisy (nur bis dahin durften von Paris aus Fahrkarten ausgegeben werden!) in meiner Hand wußte. Dann schieden wir von einander, ich mit dem dankbarsten Herzen für seine in solchen Tagen gewagte treue Führung, die ich ihm nie vergessen werde.

Erst als ich nun allein im Wartesaal zwischen all’ dem schnatternden Volke stand, überkam mich wieder die Frage: „Wirst du wirklich so ohne allen Anstoß aus Paris herauskommen?“ Daß ich meinen deutschen Paß keiner französischen Behörde vorgezeigt, war offenbar gut gewesen. „Wer viel frägt, erfährt viel.“ Aber nun konnte man doch nachträglich darnach fragen. Zur bestimmten Zeit ward das Signal zum Einsteigen gegeben, die Thüren zum Perron öffneten sich und Alles drängte nach den Wagen. Ich kam zwischen einen Geistlichen und ein Frauenzimmer, das seine Köchin zu sein schien. Mir gegenüber saß ein Elsässer. Alle hatten bereits ihre Pässe in den Händen, so daß ich in meiner Vermuthung, die französische Behörde werde auch ihr Aufsichtsrecht hier ausüben, bestärkt werden mußte. Endlich ging der Zug ab. Haha, bei dir Enceinte wird die Untersuchung losgehen, dachte ich und nahm auch meinen Paß in die Hand. Da verstopften plötzlich wieder alle Köpfe an den Fenstern die Aussicht – ich höre das Donnern der Wagen durch den Thürweg des Mauergürtels, der Zug rollt und rollt weiter, und als die Fenster wieder frei waren, lag Paris hinter mir und ich fuhr dem Schutze der deutschen Macht in Vitry entgegen.

[207]
Blätter und Blüthen.

Armeelieferanten. Obgleich wir die blutigen Kriegsstürme hinter uns haben und die sanften Zephyre des Friedens wieder zu wehen beginnen, möchte es für viele Leser der Gartenlaube doch von Interesse sein, noch einmal zurückzuschauen, um über die Art und Weise der Verpflegung der Truppen im Felde des Genaueren unterrichtet zu werden.

Für die preußischen Truppen haben die Gebrüder Lachmann in Berlin den größten Theil der Lieferungen an Proviant und Fourage in Entreprise. Die genannten Herren erfreuen sich des ganz besonderen Wohlwollens der obersten Militärbehörden, und müssen wohl als bewährt in ihrem Fache gefunden worden sein, denn sie hatten die Lieferungen schon 1859, 1861, 1864 und 1866, und man hat sie ihnen 1870 und 1871 wieder in umfassendster Weise anvertraut. Auch bei den Truppen ist der Name Lachmann ein wohl accreditirter. Im österreichischen Feldzuge war die Redensart bei den preußischen Soldaten gang und gäbe: „Wenn die Noth am größten, ist Lachmann am nächsten.“ Man fragt sich, wenn man die Zahlen auf dem Papier liest: Wie ist es möglich, diese ungeheuren Quantitäten an Proviant und Fourage, die zur Erhaltung, zur Kräftigung und zur Belebung eines so riesigen Truppenkörpers nöthig sind, immer frisch und rechtzeitig zu liefern? Die Gebrüder Lachmann haben es aber fertig bekommen. Hätte Gambetta die Lachmanns vor der Belagerung von Paris eingefangen und zu Lieferanten für die „heilige Stadt“ gepreßt – die hätten wohl Ochsen per Luftballon herangeschafft und mancher braven Katze wäre der Opfertod auf dem Altare des Vaterlandes erspart worden.

Der Bedarf eines preußischen Armeecorps beträgt, bei einer Stärke von 40,000 Mann und 12,500 Pferden pro Tag, bei reglementsmäßigen Portionen und Rationen: 300 Centner Fleisch oder 133 1/3 Centner Speck, 100 Centner Reis oder Graupen oder 200 Centner Hülsenfrüchte, 20 Centner gebrannten Kaffee, 20 Centner Salz, 600 Centner Brod, 1400 Centner Hafer und 375 Centner Heu. Will man den täglichen Bedarf der ganzen deutschen Armee, die in Frankreich gekämpft, kennen lernen, so muß man obige Summe mit 20 multipliciren. Nach Ueberschreitung der Landesgrenze erhielten die Truppen fünf Cigarren pro Mann, also 20,000 Stück für ein Armeecorps und 4,000,000 für die ganze deutsche Armee täglich. Bei größeren Anstrengungen wird an die Mannschaften noch ein Zehntel Quart Branntwein und eine Extrazulage an Fleisch, Gemüse und Kaffee gegeben. Diese Verpflegungsgegenstände mußten größtentheils aus entfernten Gegenden beschafft werden, da in den occupirten Ländern, welche kurz vorher die feindlichen Truppen zu verpflegen hatten, fast gar keine Vorräthe zu finden waren. Die Ankäufe geschehen auswärts und es sind dazu viele und gute Verbindungen und ein ausgedehnter Credit erforderlich. Es braucht viel Zeit, viel Umsicht und Erfahrung, um die billigsten und besten Bezugsquellen kennen zu lernen, außerdem einer besonderen Kenntniß der nöthigen Waaren und äußerster Vorsicht, um Alles probemäßig und preiswürdig zu erhalten. Hat der Lieferant durch Erfahrung die Stellen kennen gelernt, wo gutes Material zu finden, so sichert er solches durch bewährte und zuverlässige Agenten, über die er stets eine genaue Controle führt. Die Versendungen gehen größtentheils, wegen der nothwendigen schleunigen Beförderung, per Eisenbahn, aber leider waren, gegen alle Erwartung, die Verkehrsstockungen während des letzten Krieges so groß, daß die Ankunft der Bahnzüge außer aller Berechnung lag, und die größten Verlegenheiten hätten entstehen müssen wenn nicht mit bedeutenden Opfern von Seiten der Lieferanten das Nothwendigste für die Truppen im Felde herbeigeschafft worden wäre.

Die prompte Beförderung der Telegramme ist bei dem öfteren Wechsel der Dislocationen unumgänglich nothwendig, trotzdem war selten auf eine solche Beförderung zu rechnen, und so waren in dem letzten Feldzuge ungewöhnlich große Schwierigkeiten zu überwinden.

Von den Endstationen der Eisenbahnen geschieht die Weiterversendung des Proviants und der Fourage per Fuhre, und hierzu ist ein Fuhrenpark von circa zehntausend Wagen erforderlich, wobei die Arbeit des Umladens, wegen der Zeitversäumniß und der dazu gehörigen Arbeitskräfte, nicht gering angeschlagen werden darf.

Die Vertheilung geschieht zunächst an ganze Bataillone, an Escadrons und Batterien, von diesen erhalten die Detachements und von den letzteren endlich die Mannschaften ihre Antheile. Verluste sind bei solchen Transporten sehr bedeutend, und in diesem Feldzuge hat z. B. die Viehseuche veranlaßt, daß in Saarlouis resp. Remilly allein über fünfzehnhundert Ochsen todtgeschossen werden mußten. Es gehört zur Ausführung solcher Lieferungen in großartigem Maßstabe ein durchaus tadelfreies Renommée, viel Geld, genaue Sachkenntniß, entschiedenes Organisationstalent, eine feste Gesundheit und unausgesetzte Thätigkeit. Die geistige und körperliche Anstrengung ist eine fast unglaubliche und für lange Zelt aufreibende. Bei der Eile und der kurzen Frist, in welcher das zur Ausführung erforderliche große Personal zusammengestellt werden muß, ist die Auswahl eine so überaus schwierige, daß oft, trotz der größten Vorsicht, Elemente sich einzuschieben wissen, die nicht selten auf das Renommée der Armee-Lieferanten einen ungünstigen Einfluß ausüben, da viele Personen geneigt sind, die Handlungsweise des Einzelnen der ganzen Kategorie beizumessen.

Sehen wir uns nun in einem Magazine der Herren Lachmann in Berlin ein wenig um. Dasselbe gleicht völlig einem Bienenstocke. Das Ein- und Ausschwärmen der verschiedenen Truppengattungen der Briefträger und Telegraphenboten, der Agenten, Commis, Unterhändler, Gewerbetreibenden, die ihre Waaren anpreisen, das ist so bunt und mannigfaltig, daß es jeder Beschreibung spottet. Der stille Zuschauer weiß in Wahrheit nicht, wohin er seine Blicke zuerst richten soll. Hier kommt z. B. ein Fleischer mit Speckproben, hinter ihm ein Destillateur mit Cognac, danach ein Tabakshändler mit Cigarren; der Speck wird mikroskopisch untersucht, der Cognac gekostet, eine Cigarre zur Probe angeraucht, und was nicht durchaus preiswürdig ist, wird ohne Umstände zurückgewiesen. Zur Abwechselung meldet sich auch ein Schlaukopf, der ein Surrogat für den Kaffee erfunden haben will, reiner Mocca, das Pfund drei Silbergroschen, er beansprucht aber keine so hohe Belohnung für seine Erfindung, wie der Erfinder der Erbswurst; er will sich für das Vaterland opfern und bittet nur den „Herrn Doctor“, der alle eingelieferten und angepriesenen Waaren sanitätlich zu prüfen hat, in die Düte hineinzuriechen. Um sich des Lästigen zu erwehren, kommt der Sanitätsbeamte der Bitte nach – die Düte duftet wirklich nach Mocca, jedenfalls war frischgebrannter Kaffee in der löschpapierenen Hülse, um ihr den nöthigen Duft zu verleihen, das Surrogat selbst erweist sich aber als ein jämmerliches Mixtum compositum von Cichorien, Mehl, gebrannten Eicheln und anderen anti-moccaitischen Bestandtheilen, so daß man den „Erfinder“ ersucht, einige Häuser weiter damit zu gehen; aber das hat keinen Einfluß auf ihn: er hat auch eine neue sehr gesunde und dauerbare Grützwurst „erfunden“, auch Reis aus Kreidemehl und Zuckerabfällen, so daß die sehr beschäftigten Magazinbeamten sich endlich gezwungen sehen, die Schmeißfliege durch einen Verlader etwas unhöflich vor die Thür führen zu lassen.

Wie sehr die großen Lieferanten mit solchen Anpreisungen belästigt und überlaufen werden, das geht über alle Begriffe. Die Proben der angebotenen Waaren sind in der Regel vortrefflich; die höchste Vorsicht ist aber bei Abnahme des Gros dieser Waaren erforderlich, um nicht betrogen zu werden. Die Abnahmebeamten von Seiten der Militärverwaltung sind sehr streng in diesem Punkte.

Zwischen all dieser Arbeit treffen Telegramme ein: „Nach Saarbrücken sofort hunderttausend Cigarren. Nach Mars la Tour fünfhundert Pfund Fliedertee, für die Kranken. – An der letzten Lieferung für die Achtundzwanziger Jäger fehlten achtzig Pfund Speck. – Der Proviantzug nach Nancy ist entgleist. – In Herny fehlt es an Hafer und Heu etc.“ Das Verlangte muß nun schleunigst gewogen, verladen und an seine Adresse versandt werden. Mit jeder Sendung geht ein Agent oder ein Commis, um die richtige Ablieferung zu constatiren. Die Materialien und Naturalien werden auf mannigfache Weise beschafft. Bei meiner Anwesenheit im Magazin traten zwei junge Männer ein, diese erhielten vom Chef den Auftrag, bis nächsten Sonnabend fünftausend Centner Speck anzukaufen. Den Auftrag kaum vernommen, beginnen Beide einen Rundlauf durch Berlin. Kein Fleischer wird verschont, bei jedem fragen sie an: „Wie theuer verkaufen Sie den Speck und wie viel Centner sind Sie bis Sonnabend zu liefern im Stande?“ Der Fleischer muß sich dann schriftlich verpflichten, die von ihm angegebene Centnerzahl für einen bestimmten Preis bis Sonnabend, bei einer ziemlich bedeutenden Conventionalstrafe, zu liefern. Derlei Agenten liefen während des Krieges schaarenweise in Berlin herum. Neun Zehntheile von ihnen waren Anhänger des Alten Testaments.

Jedem Lieferungsmagazin ist ein königlicher Proviantamts-Beamter beigegeben, der bei etwa vorkommenden Differenzen zwischen Lieferanten und Militärbehörden über Qualität der Naturalien etc. zu schlichten hat. Fügen sich die Parteien dem Verdict dieses Beamten nicht, dann wird eine Commission ernannt, bestehend aus zwei Sachverständigen und einem Officier als Präses, und diese Commission hat dann eine endgültige Entscheidung zu treffen. Jedenfalls haben die Franzosen manche Niederlage den präcisen Lieferungen der Gebrüder Lachmann zu danken, und das Sprüchwort: „Ein guter Lieferant im Krieg ist der halbe Sieg“ hat sich durch sie auf’s Neue bewährt.
A. H.

Auf dem Friedhofe zu Bar le Duc. (Mit Abbildung.) Am Sylvesterabend des verflossenen Jahres saß zu Bar le Duc eine muntere Gesellschaft von deutschen Officieren und deutschen Beamten beisammen; man besprach die hoffnungsreiche Zukunft und die ereignißreiche Vergangenheit; man dachte mit stolzer Freude an die überstandenen Gefahren zurück und erinnerte sich mit Wehmuth jener Cameraden, denen ein weniger freundliches Loos gefallen und denen es nicht mehr vergönnt war, im Kreise der Freunde, in Mitte der Lebenden zu weilen. Wo waren sie geblieben? Da und dort auf den Schlachtfeldern Frankreichs, überall, wo deutsches Blut geflossen war für die Ehre und für den Sieg Deutschlands. Auf dem Friedhofe zu Bar le Duc lagen allein über hundert deutsche Krieger – ihrer gedachte der Eine und der Andere im Kreise wohl mit besonderer Trauer, und da war es denn im rechten Augenblicke, daß der Etappencommandant von Mellenthin den Vorschlag machte, diesen braven Cameraden ein ihrer Tapferkeit und ihres Heldentodes würdiges Denkmal zu errichten. Der Vorschlag ward mit allgemeinem Beifall aufgenommen, und seine Ausführung möglich zu machen, betheiligten sich sofort mit Beiträgen sämmtliche Beamte, sämmtliche Officiere, die ganze Mannschaft der in Bar le Duc liegenden Truppentheile, eine große Anzahl bairischer Officiere, welche zufällig auf dem Bahnhofe mit Ersatzmannschaften übernachteten, und außer diesen sogar die Kranken des Lazareths, deren Zahl damals wohl über zweihundertfünfzig betrug.

Das Denkmal, dessen Errichtung dem Premierlieutenant Daun im hohenzollernschen Füsilierregiment Nr. 40 anvertraut wurde, durfte nur von deutscher Hand gefertigt werden, und wirklich fanden sich denn auch unter den Mannschaften tüchtige Steinhauermeister, die Wehrleute Denn, Mohr, Schneider und der Gefreite Doch vom Landwehr-Bataillon Jülich Nr. 65, welche das Monument mit kundiger Hand aus Stein meißelten und dasselbe nach der Angabe Daun’s auf einem vier Fuß hohen, drei Stufen bildenden Fundament errichteten, an der höchsten Stelle des Friedhofs, wo unmittelbar gegen achtzig deutsche Krieger ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, und dem auf der Landstraße Kommenden schon weithin sichtbar. Der die Pyramide tragende Sockel zeigt folgende Inschrift: „Ihren fern vom Vaterland hier ruhenden deutschen Brüdern widmen [208] dieses Denkmal ihre Cameraden und Landsleute, die Kriegsbesatzung und die deutschen Beamten. 2. Bataillon (Jülich) 5. Rhein. Landwehr-Regt. Nr. 65. – Escadron des Pommerschen Ulanen-Regt. Nr. 9. Bar le Duc. Im Januar 1871.“ Die Pyramide selbst ist zu beiden Seiten mit dem Lorbeerkranz und vorn mit dem Eisernen Kreuz vom 1870 geschmückt.

Die braven Wehrleute arbeiteten so rüstig, daß das von vier, durch schwere Eisenketten miteinander verbundenen Ecksteinen umgebene Monument schon Mitte Januar im Beisein der Garnison und der deutschen Beamten von dem evangelischen Pastor Frommholz und dem katholischen Pfarrer Schmitz aus Toul eingeweiht werden konnte. Als aber die schwermüthigen Klänge der Bataillonsmusik auf dem Friedhofe verhallt waren, sorgte Premierlieutenant Daun auch noch dafür, daß geeignete photographische Aufnahmen des Denkmals hergestellt und durch die entsprechenden Regimenter den Verwandten jedes in Bar le Duc ruhenden Soldaten zugeschickt wurden. Das aber dünkt uns das Schönste an der Sache und deshalb haben wir auch unseren Lesern eine Abbildung des Denkmals gebracht. Denn mitten im tiefsten Schmerz muß es den Hinterbliebenen kein geringer Trost sein, im Gegensatz zu vielen tausend Anderen wenigstens die Stätte sich vorstellen zu können und wenigstens ein Abbild von ihr zu besitzen, an welcher der theure Gefallene ruht.


Nachtrag zu Moltke’s Liebes- und Eheleben. Als der berühmte General in Constantinopel verweilte, um dem türkischen Cabinet die Vorzüge der preußischen Militärinstitute darlegen zu helfen, war er noch Hauptmann im Generalstabe, dieser „Geniefabrik“, wie eine geistreiche Dame in Berlin es nennt. Moltke schrieb dort sehr interessante Reisenotizen, die er in Briefform in die Heimath schickte, namentlich an seine Schwester, welche mit einem reichen Engländer, Sir John Burt, verheirathet war und in Holstein lebte. Sie war die zweite Frau ihres Gemahls und fand schon drei Kinder erster Ehe bei ihm vor, wovon eine Tochter an Herrn Baron v. Brockdorff in Holstein verheirathet ist, ein Sohn hat als Dichter sich einen Namen erworben, starb aber früh, und endlich eine Tochter Mary wurde die Gattin des berühmten Moltke. Die Briefe, welche er aus Constantinopel schrieb, las das fünfzehnjährige Mädchen mit Begeisterung und schöpfte daraus ein lebhaftes Interesse für den fernen Bruder ihrer Stiefmutter. Als er dann später persönlich erschien, steigerte sich dasselbe zu einer warmen Herzensneigung, die den ernsten ältlichen Mann tief rührte und zu Gegenliebe entflammte. Es ward ein sehr glückliches Ehepaar aus Stiefnichte und Stiefonkel; die Hochzeitsreise wurde nach Italien gemacht, Herr v. Moltke versah nämlich einige Zeit den Dienst als Adjutant des preußischen Prinzen Heinrich in Rom, die junge Frau erlangte einen ungewöhnlichen Bildungsgrad durch diesen römischen Aufenthalt und hätte wohl in jeder Hinsicht in den Berliner Gesellschaften glänzen können, aber sie verschmähte es und namentlich verachtete sie auch alle Toilettenkünste. Die unscheinbarste Dame in nächster Nähe der Kaiserin-Königin und ganz besonders von ihr ausgezeichnet war die Gattin Moltke’s; ihr kühnes Reiten paßte eigentlich nicht zu ihrer durchaus sanften weiblichen Art und Weise. In der Weihnachtszeit von 1868 erlag ihre blühende Gesundheit ganz plötzlich einem Erkältungfieber.


Plonplon’s Lieblingssitz. Halben Wegs zwischen Versailles und der „Enceinte“ von Paris giebt es an der Eisenbahn des linken Seine-Ufers eine Station Meudon. Dort stand bis vor wenigen Wochen ein schönes und durch seine denkwürdigen Bewohner berühmtes Schloß. Jetzt ist’s im Innern vollständig ausgebrannt. Einige Tage nach dem Ende des großen Bombardements brach darin eine Feuersbrunst aus, deren Entstehung noch unklar ist. – Es ist schade um den Bau und um den lieblichen Platz, den es zierte. Von der Terrasse, auf welcher es lag, erfreut sich jedes Auge an dem großartigen Landschaftsbilde der Seine, des Boulogner Waldes und des Pariser Häusermeers. Das Wäldchen von Meudon ist noch leidlich erhalten und kann auch künftig zur Erfrischung der Jugend des „Quartier latin“ dienen. – Da ragen die stattlichen Trümmer, wo die Ludwige vom Vierzehnten bis zum Siebenzehnten ihre königlichen Freuden genossen, wo die erste, große Revolution ihre Luftballons anfertigen und aufsteigen ließ, wo der König von Rom der Schicksalsvorfahr Lulu’s war und wo nun mit Plonplon der letzte Napoleonide aus Frankreich hinausgemaßregelt ist, wenn die Republik ehrlich bleibt.


Literarische Pionniere. Es wird unsere Leser interessiren zu erfahren, daß sich in Metz, nachdem kaum der französische Adler mit lahmen Flügeln aus dessen Mauern vertrieben worden war, zwei deutsche Buchhandlungen aufgethan haben, als Verbreiter deutschen Wissens, deutschen Denkens und deutscher Sitte. Hoffen wir, daß sich die Macht der Idee auch hier unwiderstehlich beweisen und, getragen und gefördert von tüchtigen Männern, auch in dem neugewonnenen Lothringen die Herzen und Geister bald dem deutschen Mutterlande ganz wieder zuführen werde.


Für die Verwundeten und die Frauen und Kinder unserer unbemittelten Wehrleute

gingen wieder ein: Gesammelt auf dem Friedens-Commerse der Nichtverbindungs-Studenten Leipzigs am 25. März 29 Thlr. 8 Ngr.; sechster Beitrag von einigen Deutschen und Freunden deutscher Sache 50 Thlr. 10 Ngr.; erste Knabenschule in Straußfurt 2 Thlr.; von E. G. R. A. und C. Bfd. in Rittersgrün mit herzlichen Gegengrüßen nach Prag 7 Thlr.; Ertrag einer Theatervorstellung des dramatischen Lesekränzchens in Dresden 17 Thlr.; vom Stammtisch in Oscar Renner’s Marquise in Dresden, mit der Devise „Wir kennen Sie nicht, überhaupt Sie“ 12 Thlr.; N. N. in Butzbach 5 Thlr.; Whistclub in Höringhausen 6 Thlr. 20 Ngr.; H. F. in E. 2 Thlr.; H. F. in Ebersdorf 7 Thlr. 15 Ngr.; dritte Sendung deutscher Zecher der Locomotivenfabrik in Wiener Neustadt 16 fl.; aus der Sparbüchse von Wilhelmine und Max 4 fl.; zweite Sammlung unter deutschen Bürgern in Großschenk 15 fl. 24 kr. und 1 Duc., vom Kaffeeclub bei Schatter 7 fl. 19 kr., Kaffeeclub bei Lipp 3 fl. 40 kr., Biergesellschaft bei Schatter 1 fl. 30 kr., Gemeinde Rohrbach bei Großschenk 2 fl., zusammen 29 fl. 13 kr. und 1 Duc.; gesammelt bei der Friedensfeier in Glashütte 10 Thlr.; Sammlung des constitutionellen Casinos in Eibenschütz 68 fl., Sparpfennige von Molly, Franziska und Adolph 2 fl. rh. u. 1 Thlr.; sechsundzwanzigste Sammlung der Klinkhardt’schen Buchdruckerei 3 Thlr. 18 Ngr.; Sammlung des deutschen Vereins in Amsterdam 100 fl. holl. (57 Thlr.); Ein wahrer Deutscher in Stepanie (Südrußland) 5 Rubel; Sammlung von Henry Keller in Elkader (Iowa) 68 Thlr.; aus Jübar 2 Thlr.; Prof. O. L. in Ungar. Altenburg 15 fl.; Turnverein „Wüstenbrand“ 6 Thlr.; H. Schr. 5 fl.; J. Sp. in D. 1 Thlr.; H. Müller in Apolda 3 Thlr.; zweiter Ertrag des Kutschke-Marsches von Peter 10 Thlr.; Frau E. S. in Barcelona 30 Thlr.; H. G. in L....p 1 Thlr.; gesammelt von den Kindern einer Armenschule in Brighton (durch Arn. Ruge) 10 Schill.; gesammelt von sechs Deutschen in Gorodischtsche (bei Kiew) 5 Duc. und 1 Halbimperial; Redaction der Gartenlaube 100 Thlr.


Der große Krieg ist zu Ende, wir feiern die Feste des Friedens, und bald werden unsere Landwehrmänner, die nicht ein Grab in fremder Erde gefunden, zu ihren Lieben zurückkehren. Ist uns die Sorge für letztere dadurch erleichtert, so tritt dafür die nicht weniger dringende für die Tausende ein, welche als Verwundete, als Krüppel und Kranke die Heimath wiedersehen. Ihnen dürfen wir unsere Hülfe so lange nicht entziehen, bis der Staat die Erfüllung der Ehrenpflicht gegen sie übernommen hat. Lassen wir in der Opferfreudigkeit nicht nach! Verdienen sich unsere Leser auch von ihnen den Dank, den ihre bisherige Theilnahme für die armen Wittwen und Waisen unserer Landwehrmänner ihnen so reichlich eingebracht hat.

Die Gaben der Leser der Gartenlaube haben bisher hingereicht, nicht weniger als vierzehnhundert Frauen und Wittwen mit allwöchentlichen Unterstützungen zu bedenken, und diese, wie viele einmalige Unterstützungen an Verwundete und Wittwen gingen in die verschiedensten Gaue des Vaterlandes ab, wie nach Friedland und Nürnberg, nach Seebach und Graudenz, nach Zeitz, Berent, Fulda und Oberkaufungen, nach Schmiedefeld, Baireuth, Michelsdorf etc.

Wie können wir unsern Lesern besser darthun, welche Segensquelle aus den Gaben geworden ist, die sie als freiwillige Steuern ihrer Vaterlandsliebe für die Frauen und Kinder unserer Wehrmänner im Kriege uns anvertrauten, als wenn wir ihnen wenigstens einige von den Worten des Danks mittheilen, die uns von den unterstützten Frauen zugekommen sind? Diese Briefe lassen zugleich einen Einblick in den Jammer zu, welcher durch den so entsetzlich „männerfressenden“ Krieg in so viele vorher in ihren bescheidenen Verhältnissen frohe und glückliche Familien gebracht worden ist, – und sind auch deshalb geeignet, an die deutschen Herzen zu pochen, denen der Himmel es verliehen hat, ohne Klage sich des herrlichen Sieges zu freuen.

Eine Frau Mathilde N. schreibt: „Die Freude über die fünf Thaler kann ich Ihnen nicht beschreiben. Gerade war mein Herz centnerschwer; weil mein kleinstes Kind so nervenschwach und krank ist, so konnte ich diese Woche mein bischen Arbeit nicht liefern und wußte vor Angst nicht, wie ich sollte mein Brod und Lebensmittel bezahlen; ich wußte keinen Ausweg, und meine größeren Kinder weinten mit mir. Da kam das Geld von der Gartenlaube und rettete mich aus der tiefsten Noth und aller meiner Betrübniß. … Gott der Allmächtige segne Sie dafür, und das schöne Bewußtsein, edel gehandelt zu haben, erfülle Ihr Inneres mit himmlischer Freude! …“

Eine Frau Henriette L. schreibt: „Dank ist das erste Wort, welches ich Ihnen zuflüstere. Es hat mich zu sehr gefreut, ich hab’s vor Freude meinem Mann geschrieben, weil dieser so große Bange um uns trug. … Der gute Gott wird der rechte Vergelter sein. …“

In einem Briefe von Frau Wilhelmine L. in K. lesen wir: „Welche Freude, als ich Ihren Brief erblickte! Ich hatte schon einige Tage mit den lieben Kindern keinen Bissen Brod und keine Feuerung gehabt, da waren mir diese 4 Thaler ein großer Beistand. Ja, es bleibt ein wahres Wort: Wenn die Noth am größten, ist Gottes Hülfe am nächsten. …“

Eine Frau aus demselben Orte schreibt: „Ich bedanke mich recht höflich für die freundliche Liebesgabe, welche mir die Gartenlaube am 24. Februar zu Theil werden ließ. Ich wußte mir mit meinen drei armen Kindern keinen Rath mehr, denn auf meinen lieben Mann seinen Namen borgte mir Niemand mehr, da er am 30. August in der Schlacht bei Sedan ein Opfer des schrecklichen Krieges werden mußte und nicht mehr in die Heimath zu seinen drei armen Kindern zurückkehren kann. …“

Diese, wie noch Hunderte von Briefen, alle bezeugen, wie groß die Noth unter der Mehrzahl der Landwehrfrauen war; sie bezeugen aber auch, daß mit dem Krieg die Noth nicht aufgehört hat und daß der Friede uns nicht von der Pflicht entbindet, in gleicher Weise für die noch lebenden Opfer unserer Siege zu sorgen.

Möge jedes deutsche Herz seine Pflicht thun, Mann und Weib und Kind, alle, alle!
Ernst Keil.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Seitdem wir Hofmann’s ersten Brief aus Paris in der Gartenlaube veröffentlicht, sind auch einzelne Berichterstatter großer Tageszeitungen von Versailles aus dort zugelassen worden und haben ihr Erschautes mitgetheilt. Die Data dieser Berichte nun geben uns die überraschende Ueberzeugung, daß, ausgenommen einige Deutsche, die mit einem Schweizer, letzterer unter dem Gesandtschaftsschutze des Dr. Kern, schon vor dem siebenten Februar nach Paris kamen, Fr. Hofmann der erste deutsche Berichterstatter war, der sich, und zwar ohne Paßschutz für das Innere von Paris und nicht von Versailles aus, sondern auf einer Seitenstraße her, in das Paris des Waffenstillstandes gewagt hatte. Selbst jener Engländer, welcher sich rühmte, mit seinem Schinken der erste Fremde in Paris zu sein, hat seinen Ritt erst am siebenten Februar ausgeführt, also an demselben Tag, an welchem Hofmann mit seinem Brodpaketchen unterm Arm dort einzog. Kann nun auch Das, was Hofmann in anderthalb Tagen Sturmlaufs durch die große Stadt sah und noch als besondere Merkmale der Belagerungszeit und der Kriegsnoth erkannte, nur ein flüchtiges Bild von der Stadt im Augenblick nach ihrem furchtbarsten Schicksal geben, so ist es doch ein Bild aus erster Hand, ein Bild, an welchem seit dem „Ravitaillement“ (der Neuverproviantirung) jede Stunde die größten Veränderungen bewirkt: jede Getreidezufuhr, jeder Viehtransport, jeder Pferdeeinzug, jeder Menschen-Aus- und Eingang, jede Schaufelführung der Tausende von Händen auf Straßen und Plätzen – Alles verwischt das Bild der Zerstörung, in welchem namentlich jedes deutsche Auge Paris nach dem Bombardement glaubt sehen zu müssen. Daß nun Hofmann dieses Paris zuerst gesehen, giebt seinem Berichte einen nicht mit dem Tag vergehenden Werth, und das berechtigt uns auch jetzt noch, nachdem die Berichterstatter, wenigstens die nichtdeutschen, in Schaaren die nun für Alle offenen Straßen durchschwärmen können, unsern Lesern wenigstens Einiges von seinen dortigen Erinnerungen mitzutheilen; das Ausführlichere wird er demnächst in einem besonderen Buche „Fünf Wochen im Sanitätszug. Eine Fahrt durch Frankreich vom 12. Januar bis 14. Februar 1871, mit Abstechern nach Straßburg, Nanzig, Orleans und Paris“ veröffentlichen.
    Die Redaction.