Die Gartenlaube (1872)/Heft 39

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[629]

No. 39.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Was die Schwalbe sang.


Von Friedrich Spielhagen.


(Fortsetzung.)


13.


Die See war von dem Gewittersturm des Nachmittags noch in Aufregung; aber über die dunkeln Wellen hatte die Sonne, ehe sie sank, bereits wieder zitternde Lichter gestreut. Jetzt traten aus dem schwärzlichen Blau des Himmels die Sterne allgemach hervor; Gotthold blickte zu ihnen auf und dann wieder in das stille Antlitz des alten Mannes, an dessen Seite er auf der Bank im Schutze der dicken Mauern des Strandhauses saß. Neben ihnen durch das Fenster schimmerte das Licht der Lampe, die, so lange Vetter Boslaf im Strandhause lebte, Nacht für Nacht dort gebrannt hatte und nun auch weiter brennen würde, wenn ihm der Tod die treuen Augen geschlossen. Zu diesem Zwecke hatte er jetzt eben die Reise nach Sundin gemacht – die erste, seitdem er vor fünfundsechszig Jahren aus Schweden zurückgekommen, und wohl die letzte, die er in seinem Leben machen würde. Es hatte ihn einige Ueberwindung gekostet, der Gewohnheit des Einsiedlers auf Tage zu entsagen, sich noch einmal unter die Menschen zu mischen. Aber es mußte eben sein; er durfte nicht danach fragen, ob ihm der Gang leicht ober schwer wurde. Und so war er in Begleitung des jungen Karl Peters, des Sohnes seines alten Freundes, abgesegelt, und hatte sich in Sundin sechs Tage lang jeden Morgen bei dem Herrn Präsidenten gemeldet und war stets abgewiesen worden, weil der Herr Präsident zu beschäftigt sei, wie der Kammerdiener sagte, der ihm zuletzt in grobem Tone das Wiederkommen verbot in dem Augenblicke, als jener aus seinem Arbeitszimmer trat und, den alten Mann erblickend, freundlich fragte, was er sei und was er begehre. Da hatte Vetter Boslaf dem freundlichen Herrn gesagt, er heiße Bogislaf Wenhof und sei ein gar guter Freund von Malte von Krissowitz gewesen, dessen Bild dort an der Wand hänge und der, wenn er nicht irre, der Urgroßvater des Präsidenten sei; und hatte ihm dann sein Begehr gemeldet. Malte von Krissowitz weiland aber war einer von den sechs jungen Herren, die in dem Wettkampfe zwischen Bogislaf und Adolf Wenhof als Richter fungirt; der Präsident hatte als junger Mensch die famose Geschichte von seinem Vater gehört, der sie von seinem Großvater hatte, dem sie der Urgroßvater erzählt; es war ihm wie ein Märchen vorgekommen, daß der Held jener Geschichte noch lebe und derselbe alte Mann sei, der neben ihm auf dem Sopha saß. er hatte seine Frau und seine Tochter herbeigerufen und sie dem alten Manne vorgestellt und darauf bestanden, daß er zu Mittag bliebe. Alle waren voll Güte und Freundlichkeit gewesen und – was die Hauptsache war – der Präsident hatte ihm beim Abschiede sein gräflich Wort darauf gegeben, daß die gute Sache, für die er eingestanden, fortan seine eigene sein solle.

„Schon in diesen Tagen,“ sagte Vetter Boslaf, „wird hier vor dem Hause auf hohem Unterbau von Strandsteinen eine Leuchtbake errichtet, deren Licht noch eine Meile weiter trägt, als das meiner Lampe. Karl Peters ist zum Aufseher bestimmt und wird mit mir im Strandhause wohnen, das schon jetzt zum Wachthaus dienen und nach meinem Tode Eigenthum der Regierung werden soll. So ist denn diese große Sorge von mir genommen. Ich brauche nicht mehr zu sagen, wenn ich bei Tagesanbruch die Lampe verlösche: wirst du sie heute Abend auch wieder anzünden können?“

Der alte Mann schwieg; lauter knatterte die schwedische Fahne auf dem Giebel des Strandhauses; lauter rauschte die Welle zwischen den Uferkieseln. Gotthold’s Blick streifte mit scheuer Ehrfurcht die Gestalt an seiner Seite, die hohe Gestalt des Neunzigjährigen mit dem Silberhaar, in dessen Brust das Herz noch immer so warm für die Menschen schlug – für die armen Schiffer und Küstenfahrer, die er nicht kannte, die ihn nicht kannten, von denen er nichts wußte, als daß sie dort in der Nacht, selbst seinen scharfen Augen unsichtbar, vorübersegelten und, so lange sie das Licht sahen, von der gefährlichen Küste abhielten, wie es ihre Väter und Großväter sie gelehrt. Der alte Mann, wie er nur für Andere lebte, wie sein Leben eitel Liebe für Andere war, von denen er Gegenliebe, Dankbarkeit weder verlangte noch erwartete, hatte heute sein Leben auf’s Spiel gesetzt, ihn zu retten, der kaum gerettet sein wollte, dem sein Leben werthlos dünkte, weil er liebte und nicht wieder geliebt wurde. Was würde der Alte dazu sagen? würde er in der Unermeßlichkeit seiner selbstlosen Liebe eine so eigensinnig egoistische Leidenschaft auch nur verstehen?

„Das war meine eine Sorge,“ hub Vetter Boslaf wieder an; „die Regierung hat sie mir abgenommen; ich habe noch eine andere, die kann mir Niemand abnehmen.“

„Handelt es sich um sie – um Cäcilie?“ fragte Gotthold mit klopfendem Herzen.

„Ja,“ sagte der Alte, „um sie handelt es sich, um Ulrikens Urenkelkind, die ihrer Ahne so ähnlich sieht, nur daß sie wohl noch unglücklicher ist. Sie hätte den Mann nie heirathen dürfen, [630] wäre es nach meinem Willen gegangen; aber sie haben meinen Rath in den Wind geschlagen; sie haben es immer gethan.“

Eine seltsame, schauerliche Wandlung war mit dem Alten vorgegangen. Die hohe Gestalt war zusammengesunken, als wäre alle Kraft von ihr gewichen, die tiefe und vor wenigen Augenblicken noch so feste Stimme bebte und zitterte, als er nach einer kurzen Pause, die Gotthold nicht zu unterbrechen wagte, fortfuhr:

„Sie haben es immer gethan. Und so haben sie ihre Aecker verloren, einen nach dem andern, und ihre Wälder, einen nach dem andern, und sind Pächter geworden, wo sie einstmals Herren waren, und sind zu Grunde gegangen, Einer nach dem Andern. Ich habe es mit angesehen, mit ansehen müssen, und immer gedacht: nun kann es nicht schlimmer werden – aber das Schlimmste war mir noch vorbehalten. Sie waren Alle kopflos und leichtsinnig; aber schlecht waren sie nicht, Keiner von ihnen; und am Ende waren es Männer, die, wenn es sein mußte, von ihrer Hände Arbeit ehrlich leben konnten. Jetzt, jetzt wird selbst unser alter Name mit mir erlöschen; ein armes hülfloses Weib ist übrig geblieben, das ihren Namen vertauscht hat mit dem Namen eines Mannes, der ein Taugenichts ist, wie es seine Vorfahren waren; der Taugenichts wird sie mit sich in seine Schande ziehen - seine Schande und meine!“

Des Alten letzte Worte waren kaum verständlich gewesen; er hatte das runzelige Gesicht in den knorrigen Händen begraben. Gotthold legte ihm die Hand auf’s Knie.

„Wie mögt Ihr nur so reden, Vetter Boslaf,“ sagte er, „wie mögt Ihr Euch anklagen für ein Unglück, das Ihr nicht habt verhindern können; Euch, der Ihr immer des Hauses guter Geist gewesen seid!“

„Des Hauses guter Geist – großer Gott!“

Der Alte war aufgesprungen und ging mit großen Schritten zum nahen Strande, wo er stehen blieb, das Antlitz dem Meere zugewandt; sein weißes Haar flatterte im Winde; er hob die Arme gegen die dunkle See und ließ sie dann wieder sinken, unverständliche Worte murmelnd. Gotthold war an seiner Seite geblieben; war der alte Mann kindisch, war er wahnsinnig geworden?

„Was ist Euch, Vetter Boslaf?“ fragte er.

„Vetter Boslaf!“ schrie der Alte, „ja wohl, Vetter Boslaf! so hat er mich genannt und sie, und Alle mit ihnen und nach ihnen: meine Kinder und Kindeskinder!“

„Vetter Boslaf!“

„Und immer nur Vetter Boslaf! es ist ja auch ganz recht so, und wird auch so auf meinem Grabstein stehen. Auch sollte es kein Mensch hören, ich habe es geschworen; aber ich trage es nicht länger. Was wir an der Menschheit gefrevelt, soll ein Mensch erfahren, damit er uns unsere Schuld im Namen der Menschheit vergeben kann. Ich habe Dich immer lieb gehabt, und habe Dir heute das Leben gerettet; so sollst Du dieser Mensch sein.“

Er hatte Gotthold wieder zu der Bank geführt.

„Du hast wohl früher einmal von dem Handel gehört, den ich mit meinem Vetter Adolf um Dollan hatte?“

„Ja,“ erwiderte Gotthold, „und habe noch neulich, als ich Euch zu besuchen kam, an Alles lebhaft gedacht und in meinem Herzen die seltene Großmuth gepriesen, mit der Ihr den reichen Besitz und das geliebte Mädchen Eurem Vetter ließet, nachdem Ihr erfahren, daß er der von ihr Bevorzugte sei. Emma von Dahlitz, Ulrikens Vertraute, hatte Euch am Abend vor dem entscheidenden Tage diese Botschaft gebracht; verhielt es sich nicht so?“

„Ja,“ sagte Vetter Boslaf, „nur daß die Botschaft falsch war, und daß sie, die sie mir brachte, gelogen, aus Liebe – wie sie von ihrem Sterbebette ein paar Jahre darauf nach Schweden an mich schrieb – aus Liebe zu mir, den sie dadurch für sich zu gewinnen hoffte. Und dasselbe hatte die Unglückliche auch Ulriken gebeichtet, die, wie ich, ihren Lügen geglaubt, und daß ich ihrer gespottet und gehöhnt, ich wolle lieber eine Lappländerin mein Weib nennen als sie. Nun, ich hatte keine Lappländerin gefreit; aber die Unglückliche war Adolf’s Weib geworden, und so, als Adolf’s Weib und Mutter zweier Knaben, fand ich sie, als ich zurückkam. Ein drittes Kind – ebenfalls ein Knabe – wurde ein Jahr nach meiner Rückkehr geboren. Die beiden ältesten starben in ihrer Jugendblüthe; der dritte blieb leben und blieb das einzige, und dieser Knabe war – mein Sohn!“

„Armer, armer Mann!“ murmelte Gotthold.

„Ja wohl, armer Mann!“ sagte der Alte, „denn wer ist ärmer, als ein Mann, der sich seines Kindes nicht freuen, der nicht vor aller Welt sein nennen darf, was doch sein ist, wenn etwas auf der Welt. Ich durfte es nicht. Ulrike war stolz; sie wäre zehnmal lieber gestorben, als daß sie die Schmach des Ehebruchs auf sich genommen; und ich war feig, feig aus Liebe zu ihr und zu ihm – meinem armen, guten, ahnungslosen Adolf, den ich von Kindesbeinen an wie einen Bruder geliebt hatte, der mir ganz und völlig vertraute, der gegen eine Welt verfochten haben würde, daß ich sein bester, sein treuester Freund sei. So gingen ein paar fürchterliche Jahre hin; Ulrike verzehrte sich in dem entsetzlichen Widerstreite der Pflicht und einer Liebe, zu der sie sich nicht bekennen durfte, und starb; ich hatte ihr in ihre erkaltenden Hände schwören müssen, daß ich das Geheimniß bewahren wolle. So bin ich meinem Kinde und meinen Enkeln Vetter Boslaf gewesen und geblieben. Sie haben mich ein wenig höher gehalten als einen alten Diener, den man nicht verabschieden will, wie lästig er auch oft ist; sie haben mich auch reden lassen, wenn sie bei guter Laune waren; und wenn Eines geboren war, durfte der alte Vetter Boslaf beim Kindtaufsschmaus unten am Tische sitzen, und wenn sie Eines nach Rammin auf den Kirchhof trugen, in der letzten Kutsche hinterdrein fahren, wenn gerade noch ein Platz war. Ich habe es Alles getragen: Bitternisse ohne Zahl und Maß; ich habe geglaubt, daß ich durch Demuth, durch Liebe gegen Andere abbüßen könnte, was ich einst gefrevelt an meinem Fleisch und Blut; aber der Fluch ist nicht von mir genommen: ‚Ich sah niemals den Rechtschaffnen verlassen, noch seinen Samen betteln sein Brod.‘ Ich bin kein Rechtschaffner gewesen, mein Same wird sein Brod betteln müssen; ich bin so alt geworden, es noch zu erleben.“

„Nimmer und nimmermehr!“ rief Gotthold aufspringend, „nimmermehr!“

„Was willst Du thun?“ sagte der Alte, „ihm Geld leihen? Wo bleibt das Wasser, das Du zwischen die Finger nimmst? wo bleibt das Geld, das man einem Spieler leiht? Ich hatte ihm eines Abends die Ersparnisse von sechszig Jahren gebracht; es war eine nicht unbedeutende Summe, das Pachtgeld meiner paar Wiesen und Aecker auf Zins und Zinseszins; er hatte am nächsten Morgen keinen Schilling mehr von Allem. Du sagtest mir vorhin, Du seiest jetzt ein reicher Mann, Du kannst ihm vielleicht mehr geben. Er wird so viel nehmen, als er bekommen kann, und in dem Augenblicke, wo er nichts mehr bekommen kann, Dir den Stuhl vor die Thür setzen und Dir sein Haus verbieten, wie er es mir gethan. Er wußte wohl, daß ich ihn nicht verklagen würde, ja, daß ich ihn nicht einmal verklagen könnte; ich hatte mir es nicht schriftlich geben lassen, daß ich, was ich hatte, meiner Urenkelin geschenkt.“

„Und Cäcilie?“

„Sie ist ihrer Ahne rechtes Kind; sie ist zu stolz, um für das Elend, das über sie gekommen, mehr zu haben, als heimliche Thränen. Ich kenne diese Thränen von Alters her; sie geben dem Auge, das sie auf dem einsamen Kissen nächtens vergießt, einen starren angstvollen Blick, mit dem sie mich angeblickt hat, so oft ich ihr seitdem – es ist nicht oft gewesen – begegnet bin. Wo willst Du so eilig hin?“

Gotthold war aufgesprungen.

„Ich bin schon so lange – zu lange fort.“

„Erwartet sie Dich, Gotthold?“

Der Alte hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt; Gotthold sah, wie die scharfen Augen fest auf ihm ruhten.

„Nein,“ sagte er, „ich glaube nicht.“

„Und es ist besser so,“ erwiderte der Alte. „Es ist genug, daß ein Mensch erlebt hat, was ich erlebt habe. Wann sehe ich Dich wieder?“

„Ich wollte morgen früh fort; ich komme dann von Prora noch hierher.“

„Es ist gut; mein Kind ist so schon unglücklich genug; je früher Du fortkommst, desto besser ist es.“




14.


„Desto besser ist es!“ wiederholte sich Gotthold, während er durch den dunklen Wald dahinschritt. „Für wen? – für mich? mein Schicksal ist entschieden; für sie? was ist es ihr, ob ich [631] komme oder gehe? – für ihn? wenn er nicht mich, nur mein Geld wollte, weshalb hat er es nicht längst gesagt? Ich habe es ihm oft genug angeboten – vielleicht nicht deutlich genug; ich könnte es nicht über’s Herz bringen, noch deutlicher zu sein – es war mir, als ob ich mir damit von dem Manne die Erlaubniß erkaufen wollte, in der Nähe seiner Frau weilen zu dürfen. Warum hat er es nicht gewollt? traut er meiner Aufrichtigkeit nicht? ist er zu stolz, von mir, gerade von mir, zu nehmen? Und doch – wer sollte ihm williger geben als ich? Ist es doch das Einzige, was ich für sie thun kann. Vielleicht fehlt ihnen nur das zu einem vollkommenen Glücke, vielleicht ist seine Liebe von der Sorte, die nur in der Sonne des Wohlstandes gut gedeiht und in den Nebeln der Sorge traurig dahinsiecht. Helfen wir dieser kränkelnden Liebe wieder auf. Das wird die Rosen zurückbringen auf ihre Wangen, und sie wird wieder glückselig lachen, wie sie damals lachte.

Es ist keine glänzende Rolle, die ich in dem Familiendrama spiele; aber wo und wann wäre die Rolle des Dritten glänzend und dankbar gewesen? Der arme, arme alte Mann! Was muß er gelitten haben! was muß er leiden! Aber nicht schuldlos, nein, nicht schuldlos! Nur die Lüge ist Sünde, die Wahrheit nicht. Dieser Ehebund zwischen Adolf Wenhof und Ulrike von Dahlitz, wie er durch eine Lüge zu Stande gekommen, war und blieb eine Lüge. Sie liebte ja einen Andern! und dieser Andere kommt; sie sieht, daß er sie noch liebt, wie er sie immer geliebt hat; in einer Stunde des Rausches nach so langer Qual eignet sie sich dem geliebten Manne; sie wird sein Weib vor ihrem Gewissen, so mußte sie es auch vor den Menschen werden. Doppelte und dreifache und tausendfache Lüge, daß sie es nicht that, daß diese eine Stunde, und wenn sie niemals wiederkehrte, sie nicht mit dem alten Leben brechen, nicht ein neues Leben beginnen ließ! Sie ist an dieser Lüge in ein frühzeitiges Grab gesunken, die Stolze, Schöne! er hat vergebens in dieser endlosen Zeit sein Verbrechen zu sühnen versucht – das Verbrechen, daß er die Wahrheit von seiner Schwelle gestoßen, daß er die Lüge über seine Schwelle gelassen! Heiliger Genius der Menschheit, der du im Lichte der Wahrheit lebst, bewahre mich vor der Sünde, die aller Sünden größte ist, bewahre mich vor der Lüge!“

Ueber die Lichtung nahe am Ausgange des Waldes, die den Fußpfad durchschnitt, kam rasch eine dunkle Gestalt, in welcher Gotthold, als er nahe genug war, den alten Statthalter Möller erkannte, der nun seinerseits beide Arme hob, rufend:

„Gott sei Dank, da sind Sie ja! Sie haben uns eine schöne Angst gemacht!“

„Ich? wem? wodurch?“

„Sie, natürlich, Sie! und wem? uns Allen, vorweg unserer Frau, die so ganz außer sich ist! und wodurch? na, das ist eine schöne Frage! wenn Einer bei so einem gräulichen Gewitter, das noch dazu in die See zieht, auf einer solchen Nußschale von Boot so weit in die See hineinrudert und der alte Schafskopf von Christian sieht es und denkt: na, da bist du doch neugierig, wie der zurückkommt; ist aber gar nicht neugierig, sondern treibt in den Wald hinein und wartet da das Gewitter ab und schickt erst vor einer halben Stunde seinen Jungen herein: das Boot sei noch immer nicht wieder da, und ob dem Herrn wohl ein Unglück passirt sei? – Herr, das ist denn doch ein starkes Stück! Und unserer Frau muß denn dabei auch heil angst geworden sein, denn sie kam gleich gelaufen und brachte uns auf den Marsch. Mit der Frau ist nicht zu spaßen, wenn sie eifrig wird, so seelengut sie sonst ist; und wir kriegten es auch Alle mit der Angst, und ein Paar sind nach Ralow hinunter, ob Sie da vielleicht angetrieben sind, und ein Paar nach Neuhof, und ich sollte eben nach dem Strandhause und den alten Herrn, der ja wohl heute zurück ist, fragen, was wir nun thun sollten. Die Frau wollte selber hin, aber ich habe es nicht gelitten.“

„Wo ist die Frau?“

„Sie wird wohl noch hier auf dem Felde sein,“ sagte Möller nach links deutend; „ich komme eben her.“

„Und wie lange sind die Anderen fort?“

„So lange wie ich; wenn ich mich dazu halte, hole ich sie wohl noch ein.“

Und Statthalter Möller schlug sich rechter Hand in den Wald, mit lauter Stimme die Namen der Knechte rufend, während Gotthold eilig den Fußpfad weiter verfolgte, der ihn nach wenigen Minuten an den Ausgang des Waldes brachte, wo eine alte Buche auf freiem Felde stand. Ueber das Feld warf der Mond zwischen großen schwarzen Wolken hindurch ein trübes wechselndes Licht. Es war die Roggenbreite, von der man heute eingefahren hatte. Ein vollgeladener Wagen setzte sich eben in Bewegung, an ein paar anderen arbeitete man noch, aber, wie es Gotthold schien, nur lässig; er hörte die Stimmen der Leute in einigem Gespräch und sah, wie sie in kleinen Gruppen hier und da zwischen den Hocken standen, von denen sich noch mehrere Reihen am Saume des Waldes hinzogen. Es war Gotthold ein unangenehmer Gedanke, daß man um seinetwillen die so dringende Arbeit unterbrochen hatte oder weniger eifrig betrieb. Er eilte zu den Leuten. Cäcilien hatte er, obgleich er ziemlich deutlich die Scene überblicken konnte, nicht bemerkt; jedenfalls war sie bereits wieder nach dem Hause zurückgegangen.

Aber als er sich der Buche näherte, erhob sich von der Bank, mit welcher der mächtige Stamm umgeben war, eine weiße Gestalt, die dort, das Gesicht in die Hände begraben, gesessen hatte und jetzt durch den eiligen Schritt des Nahenden aufgeschreckt worden war.

„Um Himmelswillen, Möller, Ihr kommt schon zurück. Ist er –“

„Ich bin es selbst; Cäcilie, liebe, geliebte Cäcilie!“

„Gotthold!“

Sie hatte sich an seine Brust geworfen; er hielt die weiche Gestalt, die sich fest und fester an ihn schmiegte, umschlungen; ihre zarten Lippen bebten auf seinen Lippen in einem langen, von süßer Leidenschaft zitternden Kuß.

„Seid Ihr es?“ ertönte plötzlich in unmittelbarer Nähe Karl Brandow’s Stimme.

Er schien wie aus der Erde gewachsen; ohne Zweifel hatten die Hocken, von denen die letzte bereits halb unter den äußersten, tief herabhängenden Zweigen der Buche stand, sein Kommen verdeckt. Aber auch dem Herantretenden konnte aus dem Dunkel unter der Buche wohl nur Cäciliens helles Gewand sichtbar gewesen sein. Dennoch hatte für Gotthold’s Empfindung das laute Lachen des Mannes einen schauerlichen Klang und seine helle Stimme einen nie gehörten, widerwärtig kreischenden Ton, als er jetzt, mit der Reitpeitsche nach seiner Gewohnheit herumfuchtelnd, rief: „Ich habe schon Alles gehört; ich sage ja immer: nur nicht den Rücken wenden! gleich geschieht etwas, was sonst gewiß nicht geschehen wäre. Ich würde Dich nicht so wild haben laufen lassen; ebensowenig, wie ich vorn an der Scheune mit dem Einfahren angefangen hätte. Was soll mit der Geschichte hier werden, wenn es wieder zu regnen anfängt, wie es den Anschein hat, und morgen weiter regnet? Dann können wir’s hernach anstatt in die Scheune nur gleich auf den Dunghof fahren; in acht Tagen kommt hier Niemand mit einem Wagen heran und da ist es längst ausgewachsen.“

„Das ist doch am Ende nicht so schlimm, Herr,“ sagte Statthalter Möller, der mit den Knechten, die er im Walde eingeholt, eben herantrat. „Wir haben so in der Scheune keinen Platz mehr; wir setzen hier eine Miethe, und dann ist es gut.“

„Du weißt es natürlich immer besser!“ rief Brandow.

„Ich habe bei der Scheune anfangen wollen; aber Hinrich Scheel wollte es ja nicht leiden und sagte, Sie hätten selbst –“

„Natürlich hätte ich es selbst – ich bin immer schuld, wenn Ihr eine Dummheit gemacht habt, Ihr Schwachköpfe!“

Es war nicht das erste Mal, daß Gotthold in dieser Weise Karl Brandow mit seinen Leuten schelten hörte; aber nie war die Veranlassung so frivol und das Unrecht so offenbar auf seiner Seite gewesen. Gotthold hatte selbst gehört, daß er heute Morgen beim Wegreiten dem Hinrich Scheel zugerufen, sie sollten mit dem Einfahren oben am Walde anfangen. War er betrunken? hatte er mehr gesehen, als er sich merken ließ? wollte er seine eifersüchtige Wuth an den unschuldigen Leuten auslassen? oder war dies nur das Vorspiel und die Probe, ob er in der Auseinandersetzung, die alsbald erfolgen mußte, die Töne des Gekränkten, Beleidigten finden würde?

Gotthold bangte nicht vor dieser Auseinandersetzung; nur vor dem Gedanken, dieselbe könne in Cäciliens Gegenwart stattfinden. Er wünschte die geliebte Frau weit entfernt und dann fühlte er wieder die Nothwendigkeit, vorher noch ein Wort von ihr zu hören, daß dies Alles kein wirrer Traum, sondern Wirklichkeit [632] sei, daß sie in diesem Kusse, der noch auf seinen Lippen zitterte, sich ihm zu eigen gegeben, daß er für sie handeln, für sie entscheiden dürfe.

Aber machte ihn nun die Sorge, einen Ausbruch Brandow’s hervorzurufen, zaghaft und ungeschickt; wich sie selbst, von derselben Rücksicht geleitet, ihm aus – es gelang ihm auf dem Rückwege nicht, seine Absicht auszuführen. Brandow ging zwischen ihnen; er selbst mußte sein Abenteuer erzählen, und Brandow schalt auf Vetter Boslaf, den alten Hans in allen Gassen, vor dem man selbst auf dem Wasser nicht sicher sei und der ohne Zweifel die ganze Scene nebst Gewitter und allem Zubehör arrangirt habe, um wieder einmal etwas retten zu können. – Gotthold würde unter andern Umständen dergleichen Spottreden, die Brandow noch dazu mit höhnischem Gelächter begleitete, nicht unerwidert gelassen haben; aber so freilich durfte Brandow reden, wie und was er wollte. Und dann schlug ihm Brandow auf die Schulter und rief: „Nichts für ungut, Gotthold, aber ich kann den alten Schleicher nun einmal nicht leiden und habe auch meine Gründe dafür. Entweder man ist Herr in seinem Hause oder man ist es nicht; ein Drittes: die Herrschaft mit einem Andern zu theilen, der überall mit hineinredet und es natürlich immer besser weiß – das giebt es nicht, wenigstens nicht für mich. Wie sagten wir doch auf der Schule: ‚Einer sei König, Einer sei Herrscher!‘ Du wirst auch wohl noch den griechischen Text wissen; ich armer Teufel bin froh, daß ich das Deutsche so ungefähr behalten habe.“

Man langte am Hause an; Gotthold konnte sich von Brandow nicht los machen, der ihn vor der Thür mit einem Gespräch über einen Wirthschaftsgegenstand festhielt, während Cäcilie hineinging. Hinrich Scheel trat heran und beklagte sich über den Statthalter, der heute wieder einmal die Kutschpferde vor den Arbeitswagen habe spannen lassen. Brandow gerieth in großen Zorn; Gotthold murmelte, daß er sich umziehen müsse, und schlüpfte in’s Haus. Aber in der Wohnstube fand er nur die hübsche Rieke, die den Abendtisch deckte und ihn von der Seite mit einer spöttischen Miene, wie es schien, ansah, während er in der Zeitung blätterte, die auf dem Dach vor dem Sopha lag. Das Mädchen ging hinaus, kam aber alsbald wieder und machte sich an dem Wandschrank zu schaffen; sie wollte offenbar im Zimmer bleiben. Gotthold ging nun wirklich nach seiner Stube hinauf und vertauschte seine Kleider, die im Strandhause nur nothdürftig getrocknet waren, mit andern. Dabei versagten seine zitternden Hände ihm fast den Dienst. War es das Fieber der Ungeduld vor der Entscheidung? war es ein wirkliches Unwohlsein, das ihm die Ueberanstrengung während des Sturmes zugezogen? „Nur jetzt nicht krank werden,“ murmelte er, „nur jetzt nicht! jetzt, wo Du Dir nicht mehr selbst gehörst, wo Du Dein Leben, jeden Athemzug, jeden Blutstropfen ihr schuldig bist!“

Brandow’s Stimme schallte von dem untern Flur herauf in lauten, scheltenden Tönen. Galt es Cäcilien? war der bis jetzt vielleicht nur mühsam zurückgehaltene Zorn zum Ausbruch gekommen? sollte sich das Drama vor den Leuten abspielen?

Im Nu war Gotthold zum Zimmer hinaus, über den langen, dunklen Raum die Treppe hinab. Aber seine Furcht war glücklicherweise unbegründet gewesen. Cäcilie hatte sagen lassen, daß sie sich zu angegriffen fühle und nicht zum Abendbrod kommen werde. Weshalb man dann nicht drüben in seiner Stube gedeckt habe, wo man ungestört sei und Niemand störe? ob Rieke niemals Vernunft annehmen werde? Rieke erwiderte, indem sie widerwillig dem Befehl Folge leistete, in schnippischem Ton, sie wünsche, daß es mit der Vernunft anderer Leute nicht schlechter stehe, als mit der ihrigen; und wer wohl wissen solle, was er zu thun habe, wenn man jetzt diesen und in der nächsten Minute einen andern Auftrag bekäme! Brandow befahl ihr zu schweigen. Das Mädchen lachte höhnisch: es sei allerdings das Bequemste, den Leuten den Mund zu verbieten; aber auf die Dauer gehe das nicht, und wenn sie reden wolle, würde sie reden, und dann würden andere Leute wohl schweigen müssen.

„Mach’, daß Du hinauskommst!“ rief Brandow wüthend.

Das Mädchen antwortete mit einem noch frecheren Lachen und ging zur Thür hinaus, die sie unsanft in’s Schloß warf.

„Das hat man davon, wenn man zu gut ist!“ rief Brandow, indem er ein Glas Wein, das er sich mit unsicherer Hand eingeschenkt hatte, auf einen Zug hinuntergoß.

Er warf dabei einen lauernden Blick auf Gotthold, der ihm fest in’s Auge sah. Was bedeutete diese Scene? Was würde das Mädchen reden können, wenn sie reden wollte? Hatte sie an ihren Herrn Ansprüche, welche dieser anerkennen mußte? War ihm hier unverhofft eine Waffe in die Hände gespielt, die ihm in dieser Stunde nützen könnte? Eine unedle Waffe in der That; aber doch vielleicht nicht zu unedel im Kampf mit einem Manne, der, als der Gatte einer solchen Frau, auch die Dirne nicht verschmähte!

Dennoch sagte sich Gotthold, daß er für sein Theil den Kampf nicht beginnen dürfe; daß er, wenn es möglich war, denselben hinausschieben müsse, bis er sich mit Cäcilien über die nächsten Schritte verständigt. Und es schien möglich; ja, es wurde Gotthold bald geradezu zweifelhaft, ob Brandow im schlimmsten Falle mehr als einen dunklen Verdacht habe, dem er keinen Ausdruck geben konnte, oder doch keinen Ausdruck zu geben wagte. Vielleicht wollte er sich nur Muth trinken, während er jetzt Glas auf Glas hinunterstürzte und aus seiner Schlafstube nebenan eine Flasche alten Rothweins nach der andern hervorholte; vielleicht wollte er seinem ohnmächtigen Grimm wenigstens einigermaßen Luft machen, wenn er jetzt auf Vetter Boslaf, den alten Schleicher, schalt, der ihm durch sein ewiges Hineinreden das Leben völlig verleidet habe, bis er ihm denn schließlich das Haus verboten; und wenn er dann wieder auf seine elenden Verhältnisse, wie er sagte, zu sprechen kam, an denen er aber wahrlich weniger schuld sei, als gewisse andere Leute.

„Es ist wahr,“ rief er, „ich habe auf meinen Reisen mehr ausgegeben, als Gevatter Schneider und Handschuhmacher; ich habe auch nachher so wenig wie vorher den Gentleman verleugnen können; aber die hauptsächlichste Veranlassung meiner schändlichen Lage ist doch meine Heirath. Natürlich machst Du ein ungläubiges Gesicht; Du möchtest, als alter Partisan der Wenhofs, mir widersprechen – es würde Dir nichts helfen, lieber Schatz, ich weiß zu gut, wie dies Alles so gekommen ist. Ich will von dem edlen Curt nichts sagen – die paar Universitätsschulden, die ich für ihn bezahlen mußte, waren schließlich nur eine Bagatelle; aber der Alte, der nebenbei gar nicht so alt war, um nicht an den guten Dingen dieser Welt noch verdammt viel Geschmack zu finden, – der Alte war ein bedenklicher Herr Schwiegervater. Daß ich die Kosten der Aussteuer selbst zu tragen hatte – du lieber Himmel – in solcher Zeit holte man ja die Sterne vom Himmel, die Herzallerliebste damit zu schmücken; so machte es mir wahrlich keinen Schmerz, für das Bischen Flitter und sonstigen Kram aufzukommen, wenn es damit sein Bewenden gehabt hätte Das war nun leider nicht der Fall. Ich habe an meinen Herrn Schwiegervater während der zwei Jahre, die er noch lebte, an zehntausend Thaler baar gegeben und nach seinem Tode mindestens eben so viel Schulden bezahlen müssen. Das ist ein hartes Stück Geld, mon cher, wenn man selbst nichts übrig hat, und so ist mein schönes Dahlitz zum Teufel gegangen und ich war froh, hier auf Dollan unterkriechen zu können; und eines Tages wird auch Dollan zum Teufel gehen; denn ohne eigenes Vermögen kann man sich heut zu Tage auf der besten Pachtung nicht halten, und mir haben die wohlweisen Herren vom Curatorium St. Jürgen den Brodkorb noch einmal so hoch gehängt, als meinem Herrn Schwiegervater, der doch auch schon nicht fertig werden konnte. Aber was soll ich einen so rangirten Herrn von solcher Misère unterhalten! Helfen kannst Du mir trotz alledem nicht, und wenn Du mir helfen könntest, von seinen guten Freunden soll man sich nicht helfen lassen – zu dergleichen hat man ja seine guten Feinde.“

Und Brandow lachte laut und sprang dann auf, um mit verstörter Miene, hastigen Schrittes in dem Zimmer hin- und herzulaufen und endlich vor dem Gewehrschrank stehen zu bleiben und eine Pistole vom Nagel zu reißen, deren Hahn er spannte, indem er sich auf den Hacken zu Gotthold umdrehte, rufend:

„Nur daß leider nur zu oft die guten Freunde mit den guten Feinden identisch sind, so daß man sie nicht wohl von einander unterscheiden kann. Meinst Du nicht?“

„Es soll vorkommen,“ sagte Gotthold ruhig, „aber Du thätest gut, die Pistole wieder in den Schrank zu hängen, Deine Hand ist heute Abend zu unsicher für solche Spielereien, es könnte ein Unglück geben.“


(Fortsetzung folgt.)




[633]
Ein altes Familienbild.
Von Gustav zu Putlitz.


Den Lesern der „Gartenlaube“ bringe ich die Wiedergabe eines alten Familienbildes, das ich vor mir habe, indem ich schreibe, das in meinem Zimmer hängt, das mich seit meiner Kindheit lebhaft interessirte und das für mich manche wehmüthige Erinnerung trägt. Von denen aber will ich nicht erzählen, nur von Dem, dessen Züge es aufbewahrte, Züge, die mir so vertraut geworden sind, als ob ich das Original lebend gekannt hätte, und doch ist das Bild fast ein und ein halbes Jahrhundert alt. Freilich gelebt habe ich mit dem Bilde in mancher ernsten und heiteren Stunde und aufgeblickt in erhobener und trüber Stimmung zu den lebensfrischen Zügen, in die dunklen Augen, die so hoffnungsreich und muthig in’s Leben blickten, das noch in demselben Jahre, in dem der Maler das Bild auf die Leinwand fesselte, ein grausamer und jäher Tod beschloß. Es ist das Bild Hans Hermann’s v. Katte, des Jugendfreundes Friedrich’s des Großen. Noch andere Bilder, die zu seinem Leben, zu seinem tragischen Geschick in Beziehung stehen, hängen in demselben Zimmer: seine Großmutter, aus der längst ausgestorbenen Familie v. Capellen; sein Vater, der Feldmarschall v. Katte; seine Schwester, meine Urgroßmutter; das lebensgroße Bild Friedrich’s des Zweiten, ein Geschenk des großen Königs an den Vater seines unglücklichen Freundes.

Die Gartenlaube (1872) b 633.jpg

Hermann von Katte.
Nach einem im Besitz des Herrn Gustav zu Putlitz befindlichen Oelgemälde.

Wie die Bilder in meinen Besitz kamen, ist leicht erklärt. Katte’s Stiefschwester (rechte Geschwister hatte er nicht und seine Mutter, Tochter des Grafen Wartensleben, Minister unter Friedrich dem Ersten, starb früh) war meine Urgroßmutter, und die Bilder kamen aus der Nachlassenschaft einer alten Großtante, die ich noch gekannt habe, in unser Haus. Deutlich noch erinnere ich mich des Tages, als sie mit vielem anderen veralteten Hausgeräth ausgepackt wurden, und ich weiß noch von dem großen Eindruck, den sie dem Knaben machten, denn ich kannte die Geschichte Katte’s, die mir von der alten Großtante als eine Familientradition oft erzählt war. Das einsame, abgeschlossene und meist ereignißlose Leben jener Zeit erhielt die Familiengeschichten durch Generationen lebendig und gab ihnen besondere Wichtigkeit. Diese Geschichte wurde noch durch eine doppelte Empfindung getragen, durch den Schmerz über Katte’s unverdientes und so leicht abzuwendendes Geschick und durch den Stolz auf die Freundschaft des großen Königs, durch die Katte ohne diese tragische Katastrophe eine glänzende und einflußreiche Zukunft gehabt hätte.

Noch ein anderes Andenken bewahre ich von dem Hingerichteten: eine kleine silberne Zuckerdose, auf der sein Wappen, aufgelegt auf das Kreuz des Johanniterordens, eingravirt ist. Diese Dose hat ihn noch in sein Gefängniß begleitet, und mit [634] wunderbaren Empfindungen habe ich sie immer betrachtet. Das Leblose, welches das Lebendige überdauert, der stumme Zeuge eines Geschicks, das Glied einer Kette, die aus der längst verschwundenen Vergangenheit in unsere Tage reicht, hat etwas eigenthümlich Ergreifendes, und immer nur mit einer gewissen Scheu habe ich diese Reliquie berührt.

Wie natürlich also, daß mich die Geschichte Katte’s durch’s Leben beschäftigte, daß ich Alles sammelte, was an Notizen mit derselben in Zusammenhang steht. Sie ist einfach, klar, allbekannt, und mein kurzer Bericht wird dem Leser kaum etwas anderes Neues bringen, als das Bild, das ihn illustrirt. Freilich weicht meine heutige Auffassung der Verhältnisse und des Charakters wesentlich von der jener Familientradition ab und schwächt den Schmerz ab über das Geschick, aber auch den Stolz auf die Freundschaft des jungen Fürsten, der als „alter Fritz“ eine so glänzende Stelle in der Geschichte Preußens einnehmen sollte, ja der die erste Staffel baute zu dem deutschen Bau, der in jüngsten Tagen die Verhältnisse Europas so glänzend wandelte. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, möchte auch das Geschick Katte’s wie ein Zahn im Rade der Geschichte neue Bedeutung gewinnen.

Hans Hermann v. Katte ist im Jahre 1708 geboren. Sein Vater, später Feldmarschall in Königsberg, stand in der Armee; seine Mutter, wie schon erwähnt, war die Tochter des einst so einflußreichen Kriegsministers des Königs Friedrich des Ersten, des Grafen v. Wartensleben, der sich, unter Friedrich Wilhelm dem Ersten aus dem Staatsdienst zurückgetreten, ein Haus in Berlin (etwa an der Stelle, an der jetzt der Schloßbrücke gegenüber das Hôtel de Russie steht) gebaut oder dasselbe wahrscheinlich als Dotation vom König Friedrich dem Ersten erhalten hatte. Unseres Katte Mutter starb früh. Der Vater verheirathete sich zum zweiten Mal und hatte eine zahlreiche Familie aus dieser Ehe, eine ganze Reihe von Töchtern und auch mehrere Söhne, die aber unverheirathet starben, so daß dieser Zweig der Familie und mit ihm der Grafentitel, den Friedrich der Zweite dem Feldmarschall v. Katte beilegte, erlosch. Es war natürlich, daß der alte Großvater, Graf Wartensleben, sich der Erziehung Katte’s vorzugsweise annahm, sie in den Ideen seiner Zeit leitete und seine Verbindungen zu benutzen suchte, um dem Enkel eine Carrière zu machen. Aber diese Ideen wichen sehr ab von denen, in welchen Friedrich Wilhelm der Erste, der damalige König, lebte und regierte.

Friedrich der Erste, prunkliebend, unter dem Einfluß des Auslandes, namentlich des glänzenden, sittenlosen Pariser Hofes, suchte französische Form und Bildung nachzuahmen und liebte es, wenn die Söhne der preußischen Adelsfamilien auf Reisen in das Ausland gingen; der schlichte soldatische Friedrich Wilhelm der Erste dagegen war allem ausländischen Prunk und Wesen abhold, nahm es nicht hoch auf, wenn seine Landeskinder in die Fremde gingen und unpreußische Sitten und Anschauungen heimbrachten, die sich meist in geringschätzendem Spott über die karge Wirthschaft am heimischen Hofe Luft machten. Graf Wartensleben hatte seinen Enkel, treu den Auffassungen seines Königs, aber doch auf Reisen geschickt, und der geistig lebhafte, lebensfrohe, sinnliche Hans Hermann v. Katte, der nicht frei war von Eitelkeit und Ehrgeiz, hatte sich eine für seine Zeit ungewöhnliche äußere und innere Bildung angeeignet, die ihn bei dem entschuldbaren Leichtsinn der Jugend, denn er hatte kaum sein zwanzigstes Jahr überschritten, im Guten wie im Schlimmen vor seinen heimischen Standes- und Altersgenossen auszeichnete und, da er es nicht vermied, von sich reden zu machen, die Augen des Berliner Hofes und der Gesellschaft auf ihn lenkte. Er war als Officier bei den Garde-Gensd’armes eingetreten, aber der eiserne Zwang der preußischen Militärzucht wollte dem an freies und zügelloses Leben Gewöhnten ebensowenig behagen, als der prunklose, knappe Zuschnitt der geselligen Freuden in Berlin, und so zogen ihm vielfache Ausschweifungen und Insubordinationen mancherlei Rügen seiner Vorgesetzten zu, die dem Ohr des Königs nicht verschwiegen bleiben konnten. Der junge Mann war durchaus nicht nach seinem Sinn und erregte oft genug seinen Zorn, den nur die Rücksicht auf den Vater und Großvater in Schranken hielt. Er mißbilligte und verbot den intimen Verkehr des Kronprinzen mit Katte, aber bei der eigenthümlichen Stellung des Vaters zum Sohn, bei der schroffen Verschiedenheit ihrer Charaktere trug das nur noch mehr dazu bei, den Kronprinzen enger an Katte zu fesseln. Und in der That fand er in ihm Alles, was ihn anziehen mußte. Liebenswürdig, gebildet, leichtlebig, tollkühn und zum Abenteuerlichen geneigt, mit den Erfahrungen seiner Reisen, dazu um vier Jahre älter als der Kronprinz, hatte er eine gewisse Ueberlegenheit, die wieder die Verschiedenheit der Lebensstellung ausglich.

Das Verhältniß wurde immer inniger und bald nannte man allgemein den jungen Katte als den entschiedenen Günstling des Kronprinzen Friedrich. Unvorsichtig aus Eitelkeit, unüberlegt aus Tollkühnheit und Lust an Gefahren, die dem einförmigen Garnisondienst Reiz und Abwechselung gaben, trug der junge Officier die Zeichen dieser Freundschaft mehr, als gut war, zur Schau, ja er ging so weit, ein Portrait der Prinzessin Wilhelmine, der älteren Schwester des Kronprinzen, der nachmaligen geistvollen, durch ihre Memoiren berühmt gewordenen Markgräfin von Baireuth, öffentlich zu zeigen und eine freundschaftliche Vertraulichkeit auch zu dieser errathen zu lassen, die vielfach von sich reden machte. Das trug nur dazu bei, daß Neid und Mißgunst, vielleicht auch redlicher Eifer, dem Hof zu dienen, ihn beobachtete, zu verdächtigen suchte und den König immer gereizter gegen ihn machte, eine Stimmung, die in erneuerter Strenge gegen den Sohn ihren Ausdruck fand.

Der Kronprinz schüttete sein empörtes Herz gegen den Freund aus und nährte in dem Verkehr mit ihm nur den Abscheu gegen den Zwang seiner Erziehung und die Sehnsucht, ein freies Leben im Auslande kennen zu lernen. So entstand der abenteuerliche, sinnlose Plan der beiden jungen Männer, durch die Flucht aus der Heimath sich der grausamen Strenge des Königs, der langweiligen Militärzucht zu entziehen. Für Katte war das mehr als Desertion, es war Majestätsbeleidigung, fast Landesverrath. Anfangs mag der Plan nur eine Gedankenspielerei müßiger Stunden gewesen sein, aber eine tiefeingreifende Verstimmung in der Familie des Königs ließ ihn zum festen Entschluß werden. Die Königin beabsichtigte eine Doppelheirath ihrer Kinder, des Kronprinzen und der Prinzessin Wilhelmine, mit den ältesten Kindern ihres Bruders, des Königs Georg des Zweiten von England. Anfangs war der König diesem Plan nicht abgeneigt, aber österreichische Einflüsse, zumeist dann ein Hinhalten und Erschweren der Verhandlungen Seitens des englischen Hofes machten ihn ungeduldig. Er brach ab, und nun begann eine Reihe von Intriguen für den Plan, deren Fäden in der Hand der Königin sich vereinigten und in die der Kronprinz, halb aus Opposition gegen den Vater, mit hineingezogen wurde.

Katte, um sich der Königin und Prinzessin Wilhelmine nähern zu können, ließ sich leicht in’s Geheimniß ziehen, dem er durch mancherlei Verbindungen im Auslande förderlich sein konnte. Durch ihn gingen die Briefe, er bewahrte die Correspondenzen, die man bei ihm sicherer hielt als selbst in den Händen der Königin. Der König, dem alle diese Verhandlungen hinter seinem Rücken nicht völlig verborgen bleiben konnten, ließ seinen Zorn darüber zunächst an dem Kronprinzen aus, der nun wirklich, in völliger Verzweiflung über die seiner Meinung nach unwürdige Behandlung seitens des Vaters, den Fluchtplan mit Katte fest beschloß.

Mag man die Memoiren der Prinzessin Wilhelmine, in nie überwundener Gereiztheit geschrieben, für übertrieben ansehen in Bezug auf den Jähzorn und die Tyrannei des Vaters den Kindern gegenüber, darf man sie überhaupt nur unter dem Gesichtspunkte ihrer Zeit beurtheilen, so erklären sie doch, wie in der Seele des Kronprinzen ein Gedanke reifen konnte, den sonst nicht einmal seine Jugend entschuldigen könnte. Katte hatte einen großen Antheil an demselben, und mögen auch Eitelkeit, jugendliche Lust an der Gefahr bei ihm mit bewegend gewesen sein, jedenfalls waren eine schwärmerische Freundschaft und Bewunderung für den jungen Königssohn und Empörung über die diesem vom Vater widerfahrene Unbill die edleren Beweggründe, sein Leben für ihn zu wagen. In dieser Freundschaft liegt seine Entschuldigung; sie ist das Tragische seines Geschickes, das Motiv, das unsere Theilnahme für ihn berechtigt, und zugleich der Trost für seinen grausamen Tod. Er hat für diese Freundschaft sein Leben hingegeben, ist mit ihr gestorben, in dem vollen Bewußtsein, daß auch Der, dem er sein Herz hingab, diese Neigung erwiderte. Dadurch ist sein Geschick minder tragisch als das jenes unglücklichen [635] Mädchens, der Cantorstochter Doris Ritter aus Potsdam, mit welcher der Kronprinz gegen den Willen des Königs Musik trieb und die Dieser, weil er eine Liebelei voraussetzte, öffentlich auspeitschen und dann in das Zuchthaus nach Spandau bringen ließ. Als sie dort einige Jahre abgebüßt hatte – war sie vergessen.

Außer Katte wußten nur Wenige um den Fluchtplan des Kronprinzen. Etwa ein anderer Freund desselben, der Lieutenant v. Keith, gegen den aber der König schon Verdacht geschöpft und ihn, um ihn von dem Sohn zu entfernen, nach Wesel versetzt hatte, dessen jüngerer Bruder, der Leibpage des Königs war, und die Lieutenants v. Spaen und v. Ingersleben. Jedenfalls wußten Letztere aber nur Unbestimmtes, wie auch die Prinzessin Wilhelmine. Daß noch eine Dame um das Geheimniß wußte, darüber hat mich ein anderes Portrait, das gleichfalls in meinem Zimmer hängt, aufgeklärt. Als damals die Bilder aus der Erbschaft der alten Tante kamen, war eins darunter, das nicht als Familienbild festzustellen war, das aber eine schöne anmuthige Frau vorstellte und deshalb mit den anderen behalten wurde. Tracht und Frisur deuten auf eine etwas frühere Zeit als die Katte’schen Bilder. Nun fand sich viel später auf der Rückseite des Bildes ein Wappen und zwar das der Grafen Rothenburg, einer elsässischen Familie. Graf Rothenburg war zur Zeit des Fluchtversuchs französischer Gesandter am Berliner Hof; seine Gemahlin hatte Güter im Elsaß, und auf diesen wollte der Kronprinz mit dem Freunde nach geglückter Flucht zusammentreffen. Die schöne Frau war Katte’s Vertraute, und so kam das Portrait, wahrscheinlich aus jüngeren Jahren der Gräfin, durch leicht erklärliche Verbindung in den Besitz der Katte’schen Familie. Der lange besprochene Fluchtversuch sollte auf einer Reise, die der König in Begleitung seines Sohnes im Sommer des Jahres 1730 antrat, zur Ausführung kommen. Ueber Leipzig, Altenburg und Ansbach, wo der König kurze Zeit bei seiner verheiratheten Tochter verweilte, von da über Augsburg und Ludwigsburg, das Lustschloß des Herzogs von Württemberg, ging die Reise, und dann über Mannheim und Darmstadt nach Frankfurt weiter. Man konnte die Stadt nicht mehr erreichen und mußte im kleinen Städtchen Sinsheim übernachten.

Katte war in Berlin und erwartete noch nähere Bestimmungen des Kronprinzen. Dieser hatte ihm geschrieben; aber der Brief war durch eine Ungeschicklichkeit des Postmeisters in Nürnberg in falsche Hände gekommen, in die eines Werbeofficiers v. Katt, der sich zur Zeit in Erlangen aufhielt und das ihm unverständliche Schreiben durch einen Courier an den König schickte. Dadurch wurde der Plan verrathen und einestheils der Kronprinz gefangen genommen, anderntheils Katte’s Abreise von Berlin verzögert. Erst als schon die Gerüchte von der Gefangennahme des Freundes in Berlin laut zu werden anfingen, entschloß er sich, zu fliehen, und das nur gedrängt durch die Königin und Prinzessin Wilhelmine, die mit Recht voraussahen, daß seine Anwesenheit, zugleich mit compromittirenden Briefen, die man bei ihm finden könnte, den Zorn des Königs nur vermehren und das Geschick des Kronprinzen verschlimmern würde. Keith war gleich nach der ersten Nachricht von der Verhaftung des Kronprinzen von Wesel nach England entflohen, hatte sich dadurch der Strafe entzogen und kehrte später in die Dienste Friedrich des Zweiten zurück. Der große König hat ihm niemals besondere Gunst erwiesen und nie mit einer Silbe später des Fluchtplanes gedacht. Diese Erfahrung sollte Katte erspart werden.

Eine Kette von Zufälligkeiten hielt seine Abreise von Berlin auf. Erst mußte eine Menge von Briefen des Kronprinzen sicher in die Hände der Königin geliefert werden, was, bei bereits erwecktem Verdacht, nicht ohne Schwierigkeiten geschehen konnte; dann war der französische Sattel nicht fertig, dessen er nothwendig zur Reise bedurfte. Der junge Mann spielte mit der Gefahr, kämpfte mit dem Abscheu gegen eine feige Flucht und mit der Empfindung, das Loos seines königlichen Freundes theilen zu wollen, wie es auch fiele. Aber immer dringender wurden die Warnungen, die drängenden Vorstellungen der Freunde, die Alles ahnten; endlich gab er Befehl, das Pferd zu satteln; in einer Stunde wäre er gerettet gewesen. Der Verhaftsbefehl gegen ihn war bereits angelangt; die Vorgesetzten hielten ihn, schon aus Rücksicht für den Kronprinzen, so lange als möglich zurück, ja man glaubte Katte längst fort aus Berlin, als der Chef seines Regimentes, Feldmarschall v. Natzmer, in seine Wohnung trat, höchlichst erstaunt, ihn noch zu finden, und gezwungen war, ihn zu verhaften. Das geschah am 17. August 1730.

Im September war der König mit dem gefangenen Kronprinzen von seiner Reise zurückgekehrt und setzte sofort ein Kriegsgericht ein, um über den Sohn und seine „Complicen“, wie er sich ausdrückte, Recht zu sprechen. Das Kriegsgericht war in Köpenick zusammengetreten. Die Acten desselben liegen vor. Friedrich Wilhelm der Erste hatte für Alle den Tod verlangt. Wir müssen bei Beurtheilung dieser Handlungsweise seinen Charakter, seiner Zeit und seiner Ueberzeugung Rechnung tragen. Er betrachtete das Vergehen als ein doppeltes – als militärische Desertion und als Landesverrath, der den angestammten Thronerben seiner angeborenen Herrscherpflicht entziehen wollte. Es war ihm Ernst, den eigenen Sohn zu opfern, für das Verbrechen an dem Vaterlande.

Der Spruch lautete wirklich für den Kronprinzen auf Tod, soweit hatte man der Ansicht des Königs nachzugeben, für Katte und den älteren Keith (welcher sich, wie bereits erwähnt, durch die Flucht der Strafe entzogen hatte) hieß er lebenslängliche Festungsstrafe, Degradation und Karrenschieben an der Kette; Spaen und Ingersleben kamen mit leichteren Festungsstrafen davon, und ebenso der jüngere Keith.

Der König war fest entschlossen, die Todesstrafe an dem Sohn vollstrecken zu lassen, trotz der Verwendung des gesammten Kriegsgerichts, das wohl nicht gemeint hatte, daß es so weit kommen würde, und der muthigen Vorstellungen einzelner Personen, unter denen die Obristhofmeisterin der Königin, Frau v. Kamecke, in erster Reihe zu nennen ist. Es bedurfte der Einsprüche der meisten europäischen Höfe, die den König fast in Form von Drohungen zwangen, von diesem blutigen Vaterheroismus abzustehen. Um so weniger ist sein Verhalten gegen Katte zu rechtfertigen. Man hatte die Gelegenheit herbeizuführen gewußt, daß dieser sich dem König zu Füßen werfen konnte, für den Kronprinzen und für sich selbst um Gnade zu bitten. Der König mißhandelte ihn, trat ihn mit Füßen und ging noch weiter – er verschärfte das Urtheil des Kriegsgerichts auf den Tod. Dieser Act der Willkür bleibt ein Flecken auf dem Charakter des sonst nach vielen Richtungen der Anerkennung so würdigen Monarchen und Katte’s Tod ein blutiges Blatt in der Geschichte Preußens.

Von jetzt ab verdient der junge Mann nicht allein unsere vollkommene Theilnahme, sondern jede Anerkennung die Muth, Opferwilligkeit und hochherzige Gesinnung beanspruchen können. Die Briefe an seine Familie, die ganze Haltung dem Tode gegenüber waren eines Helden würdig. Am 2. November war ihm in Berlin das Urtheil publicirt; am 5. wurde er nach Küstrin transportirt, wo schon der Kronprinz als Gefangener gehalten wurde, und am 6. wurde der Spruch durch das Schwert von Henkershand vollstreckt.

Der König hatte befohlen, daß die Hinrichtung in Gegenwart des Kronprinzen statthaben sollte, aber man nahm den Befehl nicht wörtlich, wenigstens steht es fest, daß von dem Zimmer im Schlosse zu Küstrin, das der Kronprinz als Gefangener bewohnte und nicht verließ, der Richtplatz nicht zu sehen war. Dagegen sah er den Freund zum letzten Male, als man ihn an seinem Fenster vorbei zum Tode führte. Er riß das Fenster auf und rief wie ein Verzweifelnder: „Vergieb mir, mein lieber Katte!“

Dieser lächelte und erwiderte: „Der Tod für einen so liebenswürdigen Fürsten ist süß!“ Wenige Augenblicke darauf war sein Haupt gefallen.

Die Triebfedern der Geschichte sind wunderbar! Nicht der so verschieden angelegte Vater allein, fast das ganze Land, jedenfalls das Militär, setzten geringe Hoffnung auf den französischer Bildung anhängenden, Flöte blasenden, verweichlichender Träumerei sich hingebenden Kronprinzen Friedrich. Katte’s Freundschaft hatte Höheres in ihm erkannt, und sein Tod war vielleicht der Eindruck, der im Fürstensohne alle die Eigenschaften reifen ließ, durch die er einst der Stolz Preußens und die Bewunderung Europas werden sollte. Sicher ist mit diesem Augenblicke der Umschwung seines Charakters zu männlicher Energie und ernster Hingabe an seine Herrscherpflicht zu bezeichnen. So konnte Katte die späteren Triumphe des Freundes, die zu theilen ihm nicht vom Geschick vergönnt war, durch das Opfer seines Lebens wenigstens vorbereiten, und dies Leben war kein verlorenes.

[636] Es war eine Grausamkeit der Zeit, daß der Henker persönlich von dem Großvater des Hingerichteten die Kosten der Execution einforderte, und es bedurfte eines Gnadengesuchs der Familie beim Könige, um die Leiche in der Gruft auf dem Familiengute Wust beisetzen zu dürfen. Da ist sie noch zu sehen, und auch das Schwert, welches das Haupt des Jünglings vom Rumpfe trennte, wird in der Katte’schen Familie aufbewahrt.

Das freundlichste Andenken, das er hinterließ, ist sein Bild, und so sende ich es hin, die Theilnahme für den in der Blüthe der Jahre Hingeopferten in vielen Herzen wachzurufen.




Aba Kaissi, der abessinische Räuberfürst.


Von Heinrich Freiherrn von Maltzan.


Stellt man sich einen mittelalterlichen Raubritter in vergrößertem Maßstabe vor, so bekommt man einen annähernden Begriff von dem, was ich einen „Räuberfürsten“ nenne. Sich selbst wird freilich Keiner so nennen. Das gewöhnliche Wort dafür ist in Abessinien „Rebell“, worunter man hier nicht etwa einen kleinen Verschwörer (solche sind fast alle Abessinier, selbst die anscheinend friedlichsten Unterthanen), sondern einen großen Rebellenführer zu verstehen hat.

Das Rebellenthum ist bei den wechselvollen und anarchischen Zuständen von Habesch ein so eingewurzeltes Uebel geworden, daß man es beinahe als eine dem Lande eigene Institution ansehen kann. Gewöhnlich ist ein solcher Rebell ein Dedschas, ein Titel, der traditionell mit „General“ übersetzt wird. Er hat immer ein kleines stehendes Heer unter seinem Befehl und meist auch eine Provinz unter seiner unmittelbaren Verwaltung. Diese beiden Factoren nun liefern ihm die Mittel, sich, sowie er eine günstige Gelegenheit hierzu erspäht, gegen seinen Lehnsherrn aufzulehnen und sich nicht selten zu behaupten. Eine solche Gelegenheit bricht er sehr oft vom Zaun. Ist der Fürst schwach oder augenblicklich in Verlegenheit, im Nu wachsen die Rebellen wie Pilze aus der Erde. Selbst wenn dies nicht der Fall ist, so sind die Dedschasse dennoch oft tollkühn genug, sich gegen ihn aufzulehnen, wenn sie einen Grund zur Unzufriedenheit zu haben glauben.

Das Rebellenthum liegt gleichsam in der Luft. Die Verlockung dazu ist auch zu groß. Wenn man bedenkt, daß in Abessinien in den letzten hundert Jahren kein legitimer Herrscher mehr regierte, sondern daß alle Fürsten nichts Anderes waren, als glückliche Rebellen, so begreift man, daß ein ehrgeiziger und unternehmender Heerführer sich die Frage stellen muß: warum soll nicht auch ich mein Glück durch Rebellion machen und mich zum Herrscher aufschwingen? Auch der oft genannte Kaiser Theodor war ein Rebell. Alle, die sich jetzt in die Herrschaft von Habesch theilen, sind nichts anderes, mit einziger Ausnahme Menelek’s, des Fürsten von Schoa, dessen Vorfahren schon jene Provinz beherrschten. Indeß dem Fürsten legt man nicht mehr den Namen „Rebell“ bei, sondern nur denen, die es werden wollen.

Jeden Rebellen können wir aber nicht einen „Räuber“ nennen, da man für Denjenigen, welcher Länder raubt, diesen Ausdruck mit dem Titel „Eroberer“ vertauscht hat. Freilich rauben alle Rebellen bei Gelegenheit auch Privatgut, aber der Raub ist doch nicht ihr Hauptgeschäft. Wohl aber giebt es in dem gesegneten Habesch auch solche Guerillaführer, deren vorzüglichster Zweck Rauben und Plündern ist; vielleicht nur einstweilen.

Unter diesen zeichnet sich zur Zeit ein Mann aus, den wir das Ideal eines tollkühnen Raubrebellen nennen können. Dieser Mann ist Aba Kaissi, manchmal auch „Aba Käse“ gesprochen, was aber keineswegs nach dem „Livre des sauvages“ mit „Père du fromage“ zu übersetzen ist, wie ein Franzose gethan haben soll, denn so weit im Deutschen, wie die Indianer Nordamerikas, haben es die Abessinier denn doch noch nicht gebracht. Dieser Aba Kaissi ist für uns Deutsche jedoch aus anderem Grunde interessant. Er hat nämlich die Tochter des berühmten Naturforschers Schimper aus Mannheim, dieses Nestors aller Reisenden in Abessinien, zur Frau. Sie ist übrigens Deutsche nur der väterlichen Abstammung nach, Abessinierin dagegen von mütterlicher Seite, durch Geburt und durch Erziehung. Aba Kaissi soll nicht um die Zustimmung des Vaters gefragt haben, ob dieser ihm seine Tochter geben wolle. Ja, wie man mir sagte, hatte die Tochter gleichfalls ihre Zustimmung nicht ertheilt. Ein Abessinier erzählte mir die Geschichte dieser Brautschaft. Ich will sie hier des Scherzes halber wiederholen, obgleich ich gestehen muß, daß ich keinen felsenfesten Glauben daran habe. Sie mag übrigens als Beispiel dessen dienen, was man in Abessinien für möglich hält.

Dr. Schimper war, so viel ich gehört habe, der Erste, welcher die Kartoffelpflanze in Abessinien einführte. Er schenkte den Bauern Kartoffeln, welche diese anpflanzten und die bei dem fruchtbaren Boden des Landes vortreffliche Ernten zur Folge hatten. Aus Dank brachte ihm nun jährlich jeder dieser Bauern einen Sack voll selbstgezogener Kartoffeln. Der Sohn eines solchen Bauern soll (immer noch nach derselben, keineswegs von mir verbürgten Erzählung) Aba Kaissi gewesen sein. Eines Tags mußte auch er einen Sack voll Kartoffeln in das Haus des Naturforschers tragen. Beim Ausleeren war ihm ein junges Mädchen behülflich, deren Schönheit einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Sie war zwar ziemlich dunkelhäutig, hatte aber glattes Haar von einer Länge und Pracht, wie es bei den krausrolligen, meist kurzhaarigen Abessinierinnen nie vorkommt, dazu regelmäßigere Züge und vollere Formen, als die schmächtigen Töchter des Landes, und dennoch entbehrte sie jenes reizenden, halb schmachtenden, halb schwermüthigen Gesichtsausdrucks nicht, der die Frauen von Habesch so unwiderstehlich und sogar für das Herz des Europäers gefährlich machen kann. In der That kommt es vor, daß solche Mischlinge europäischen und einheimischen Blutes nur das Schöne beider Racen zur Schau tragen. Das Gegentheil ist zwar auch manchmal der Fall, und ich kenne mehrere Beispiele davon; hier aber war dem nicht so. Aba Kaissi wurde auf einmal sterblich verliebt. Da er jedoch kein träumender Schwärmer, sondern ein Mann der That war, so hatte er bald den Entschluß gefaßt, sich seiner Geliebten mit Gewalt zu bemächtigen. Der Kartoffelsack gab hierzu das geeignetste Mittel. Er bat das Mädchen, einige Kartoffeln aus der Tiefe des bereits fast ganz geleerten Sackes herauszunehmen, und hielt ihr diesen zu dem Zwecke so hin, daß sie unwillkürlich den Oberkörper ganz in denselben versenkte. Nun streifte er den Sack über den ganzen übrigen Körper, schnürte denselben zu und trug die so geraubte Geliebte in demselben von dannen. Das verblüffte Mädchen soll nicht einmal geschrieen haben. Im Hause aber merkte es Niemand, da man nur einen Kartoffelsack hinaustragen gesehen hatte. Lange vermißte man sie, ehe man erfuhr, daß sie die Gattin Aba Kaissi’s geworden sei. Wenn diese Geschichte auch nicht wahr ist, so verdient sie es zu sein. Uebrigens sind, wie Edmond About in seinem „Roi des montagnes“ sagt, nicht immer die wahrsten Geschichten die, welche wirklich passirt sind.

Nach dieser Geschichte wäre also der so romantisch zu einer Frau Gekommene ein Bauer gewesen. Nach Anderen soll er jedoch schon seit frühester Jugend dem Kriegerstande angehört haben. Vielleicht war er Beides zugleich. Jedenfalls verschaffte ihm sein Muth und seine militärische Tüchtigkeit ein Commando, wohl jedoch nur untergeordneten Grades, denn zum Dedschas hat er es nie gebracht. Aber das regelmäßige Soldatenleben konnte seinem auf Abenteuer erpichten Sinne nicht lange zusagen. An Gesinnungsgenossen fehlt es einem Manne, der sich zum „Herrn des Weges“, was wir etwa „Ritter der Landstraße“ nennen würden, aufwerfen will, in Abessinien niemals. So fand er bald ein Häuflein Gleichgesinnter, und mit diesen begab er sich „in die Berge“, wie man in Habesch die Schlupfwinkel der Räuber nennt, selbst wenn sie in der Ebene liegen sollten. Er hatte anfangs erstaunliches Glück. Sein Anhang mehrte sich zusehends, denn alle Vagabunden, alles Räubergesindel gesellte sich zu ihm. Bald stand er an der Spitze einer kleinen Armee, die aus den verwegensten, gefährlichsten Menschen bestand und im Stande war, es mit der eines Provinzialgouverneurs aufzunehmen. Ein solches Unternehmen bot sich ihm denn auch wirklich dar, und Aba Kaissi kam auf diese Weise in den Besitz einer Provinz.

[637] Jetzt war er ein großer Mann geworden. Wäre er ein ebenso schlauer Politiker gewesen, als er ein geschickter Parteiführer war, so hätte er nun diplomatische Verhandlungen mit einem der Fürsten, die sich in die Herrschaft von Habesch theilten, anknüpfen müssen, den Einen anerkennen, um dadurch dessen ganzen Anhang zu Freunden zu gewinnen, und nur dem Andern gegenüber fortfahren, sich als Rebell zu geriren. So machten es die anderen Rebellen, und dadurch wurden sie in den Stand gesetzt, sich eine Zeitlang zu halten. Aber Aba Kaissi war kein Diplomat. Er hatte den Geist Ismaels in sich, Seine Hand war gegen Jedermann und Jedermanns Hand gegen ihn. Er war zugleich der Feind Kassa’s, des Fürsten von Tigré, und Woronya’s, des Herrschers von Amhara. Anstatt ein Schildträger des mächtigen Kassa zu werden, bekämpfte er nicht nur diesen gewaltigen Fürsten, sondern zugleich auch dessen Feinde, wodurch er sich selbstverständlich in eine gefährliche Zwischenstellung brachte. In offener Feldschlacht wurde er fast immer geschlagen. Aber er erholte sich jedesmal wieder in dem kleinen Guerillakriege, bei nächtlichen Ueberfällen, plötzlichem Eindringen in das Land des Feindes, durch Ueberlistung, Hinterhalt, Verrath. Für diesen Krieg war er wie geschaffen, für den großen nicht. Aber bewundernswerth war die außerordentliche Elasticität, mit der er nach jeder Niederlage sich wieder erholte.

Er soll wohl achtzehn Mal, wie man zu sagen pflegt, „vernichtet“ worden sein, das heißt seine Armee wurde aufgerieben, zerstreut und er selbst rettete sich mit wenigen Getreuen in die Einöde. Seine Feinde glaubten ihn schon erdrückt. Aber kaum war ein Monat vergangen, so stand er wieder ebenso mächtig da, wie vorher. So lange er seine Provinz noch nicht verloren hatte, fand er stets einen Rückhalt, Proviant, Schießbedarf und selbst Leute, die er im Nothfall für seine Armee preßte. Aber dies war selten nöthig, denn an Strolchen fehlte es fast nie, die, angelockt durch das lustige Beuteleben, das man bei ihm führte, in Schaaren unter seine Fahnen eilten. Die Bauern seiner Provinz hatten es freilich sehr schlecht. Sie wurden ausgepreßt wie Citronen. Aber dennoch waren sie ihm treu. So oft nämlich ein Feind in die Provinz eindrang, fand er nichts zu essen. Das Vieh war weggetrieben, die Speicher leer, die Methfässer ausgeschlagen, so daß der Hunger ihn bald zurück trieb. Furcht war natürlich das Motiv dieser anscheinenden Treue. Bei Manchen auch Interesse, denn die kräftige Jugend sah bald ein, daß es vortheilhafter sei, mit Aba Kaissi die Nachbarländer auszuplündern, als von ihm zu Hause ausgeraubt zu werden. Viele ließen Haus und Hof stehen und wurden Raubsoldaten.

Man erzählt sich viele Anekdoten von Aba Kaissi. Folgende ist recht charakteristisch für abessinische Zustände. Wie alle Abessinier, so ist auch Aba Kaissi ein strenggläubiger Christ, der zuweilen das Bedürfniß empfindet, sich fromm zu zeigen und sich Absolution für seine vielen Sünden zu holen. Letzteres Bedürfniß war eines Tages so stark bei ihm geworden, daß es ihn sogar mitten in des Feindes Gebiet trieb, nämlich nach Axum, der kirchlichen Hauptstadt von Habesch, die zum großen Theile von Geistlichen bewohnt ist, von welchen einige in hohem, abergläubischem Ansehen stehen. Bei einem solchen wollte er sich die Freisprechung von seinen Sünden holen. Er kam mit wenigen Getreuen und unter Bewahrung des Incognito, so gut dies eben gehen wollte, in Axum an. Der Weg war natürlich für ihn ein sehr gefährlicher gewesen. Aber einmal in Axum, riskirt er nichts mehr. Dies ist eine geheiligte Freistadt, wo Niemand verfolgt werden darf. Er fand sich bei dem Geistlichen ein und beichtete. Als Dieser das enorme Sündenregister vernahm, weigerte er sich anfangs, die Absolution zu ertheilen. Indeß, in der koptisch-abessinischen Kirche herrscht der schöne Brauch, daß man die Absolution kaufen kann. Es hat sich sogar ein Gewohnheitsrecht ausgebildet, wonach jede Sünde ihren bestimmten Preis hat. Der Mord ist sehr teuer. Für Diebstahl wird je nach der Höhe der gestohlenen Summe gezahlt. Gewöhnlich nimmt man ein Drittheil derselben als Sühnung an; dann darf aber der Dieb das Uebrige mit gutem Gewissen behalten. Die frommen Diebe gehen deshalb gewöhnlich gleich nach vollbrachter That zum Beichtvater und kaufen sich dort das Recht, einen Theil des Gestohlenen als ihr rechtmäßiges Eigenthum zu betrachten. Aba Kaissi hatte nun so viele Menschen beraubt und umgebracht, daß der Geistliche sich in seinem Gewissen gedrungen fühlte, eine recht hohe Summe als Absolutionspreis zu verlangen. Es wurde gehandelt, gefeilscht, wie es immer in solchen Fällen geschehen soll. Endlich kam man überein und zwar für tausend Maria-Theresia-Thaler. Wenig genug im Vergleich zu den Sünden Aba Kaissi’s, aber ein nettes Sümmchen für den Priester, den es nur Ein Wort kostete. Der Rebell hatte das Geld nicht bei sich, gab aber einen Zettel für die Summe, und der Priester vertraute der „Ehrenhaftigkeit“ des Banditen. Schließlich kam jedoch Aba Kaissi noch mit einer kleinen Privatsünde zum Vorschein.

„Hochwürdiger, ich habe noch ein schweres Verbrechen auf dem Gewissen. Während ich nämlich neulich zur Beichte bei einem reichen Geistlichen war, ließ ich unterdessen durch meinen Diener dessen ganze Kirche mit all ihren goldenen und silbernen Gefäßen ausplündern und auch noch den Privatschatz aller Priester der Kirche, der sich in der Sacristei befand, rauben.“

Dem Beichtvater standen die Haare zu Berge bei Anhören dieses Verbrechens, dessen Opfer er ja am Ende auch hätte werden können. Indeß Aba Kaissi war so reumüthig, zeigte so tiefe Zerknirschung, daß er sich endlich bewegen ließ, auch diese Sünde für einen Zuschlag von fünfhundert Thalern abzuwaschen. Er gab also die Absolution. Beide Theile waren sehr zufrieden. Der Priester hatte ein schönes Geschäft gemacht. Ein noch besseres aber war das gewesen, welches Aba Kaissi zu Wege gebracht hatte. Denn als der Priester bald darauf in seine Sacristei kam, fand er dieselbe völlig ausgeleert. Aba Kaissi’s Spießgesellen waren mit dem Kirchenschatz und dem Gelde der Geistlichen entflohen, und das Schlimmste bei der Sache war, daß sie dies nun Alles behalten durften, denn Aba Kaissi hatte ja schon für das Verbrechen gezahlt, das während seines Beichtens im Werke gewesen war. Der Priester war in seine eigene Schlinge gefallen. Sein Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit Aba Kaissi’s wurde übrigens nicht getäuscht, denn einige Tage später erhielt er richtig die tausend Thaler und auch die fünfhundert, den Preis für seine eigene Beraubung, nebst einem freilich etwas ironischen Dankschreiben seines unvergeßlichen Beichtkindes. Er soll seitdem sehr vorsichtig geworden sein, so oft ein Rebell sich bei ihm zur Beichte einfand.

Aba Kaissi hatte bei dieser Handlungsweise zwei arabischen Sprüchwörtern Recht gegeben. Von einem Betrüger sagt man: „Betrügerischer als ein Wolf“, und dennoch heißt es vom Wolfe: „Selbst der Wolf, wenn er versprochen hat, hält sein Wort.“

Wie von Schinderhannes und anderen Idealen des Räuberthums, so erzählt man sich auch von Aba Kaissi einige wohlthätige Handlungen. Einstmals kam eine arme Frau zu ihm und klagte ihm ihr Leid. Ihr Mann, einer der Unterhäuptlinge Aba Kaissi’s, hatte sich plötzlich von ihr geschieden, ohne ihr die in solchen Fällen übliche Entschädigungssumme zu geben. Aba Kaissi sagte der Frau: „Nun warte, ich werde Dir zu Deinem Recht verhelfen.“ Als nun wieder ein Beutezug glücklich ausgefallen war, ließ er die Frau kommen und schenkte ihr den Beuteantheil ihres geschiedenen Mannes. Als dieser sich einstellte, erfuhr er, daß sein Antheil bereits weggegeben war. Er konnte sich nicht beklagen, denn Aba Kaissi hatte im Einklang mit abessinischer Sitte gehandelt. Er wurde aber sein schlimmster geheimer Feind und hat ihn später auch verrathen. Aba Kaissi hatte gänzlich das orientalische Sprüchwort vergessen: „Ein Spitzbube kann nicht ungestraft den Tugendhaften spielen“ oder „Wenn Du redlich bist, so sei es in Allem; wenn Du aber ein Spitzbube bist, so sei es auch in Allem.“

Ergötzlich ist auch die Geschichte, wie Aba Kaissi sich die Geschenke, welche ein reicher Engländer an Kassa schickte, zu verschaffen wußte. Dieser Engländer hatte gegen Kassa, den jetzigen abessinischen Kaiser, Verpflichtungen, da ihn dieser bei einem Jagdzug wirksam beschützt und sogar einmal aus Lebensgefahr errettet hatte. Dafür sandte er ihm nun als Zeichen seiner Erkenntlichkeit eine ganze Karawane mit Geschenken, worunter auch viele europäische Schießgewehre nebst Munition, in Habesch stets die gesuchtesten Artikel Diese Karawane, welche ein Diener des Engländers, selbst ein Brite, begleitete, wurde nun von ihrem richtigen Wege abgeleitet, ihre Führer theils bestochen, theils durch Drohungen zum Schweigen gebracht. Kurz, der Engländer kam mit den Geschenken statt in dem Feldlager Kassa’s [638] in demjenigen des Rebellen Aba Kaissi an. Dieser hatte allen seinen Leuten Befehl ertheilt, ihn für Kassa auszugeben, und spielte selbst dem Engländer gegenüber die Rolle jenes Fürsten. Der Engländer wurde sehr gnädig empfangen. Er übergab die Geschenke in feierlicher Audienz. Man veranstaltete Feste zu seiner Ehre. Drei Tage lang wurde musicirt, gesungen und getanzt. Des Trinkens und des Jubels war kein Ende. Dann wurde der Brite höchst gnädig mit einigen kleinen Gegengaben und einer Empfangsbescheinigung entlassen. Als er diese seinem Herrn überbrachte, wurde der Betrug erst klar, denn Derjenige, der sich für die Gaben bedankte, war nicht Kassa, sondern der freche Räuberfürst Aba Kaissi.

Ein einziges Mal hat Aba Kaissi ein Bündniß mit einem andern „Rebellen“ geschlossen. Dem Schwur des Fuchses ist nun freilich nicht zu trauen. Das hätte Jener bedenken sollen. Der Bund hatte den Zweck, mit vereinten Kräften einen Hinterhalt zu legen, in welchem man Niemand Geringeren als Kassa selbst fangen wollte. Diese Sache hatte ein so gefährliches Ansehen, daß alle seine Leute Aba Kaissi davon abriethen. Aber dieser versprach ihnen hoch und theuer, daß, die Sache möge ausfallen wie sie wolle, sie dennoch ihren reichen Beuteantheil haben sollten. Er hielt auch Wort. Er fing zwar nicht Kassa, denn dieser hatte ganz zufällig einen andern Weg genommen. Dafür nahm er nun aber seinen eigenen Bundesgenossen gefangen. Letzterer mußte schweres Lösegeld zahlen und mit diesem befriedigte Aba Kaissi seine Getreuen. Seitdem hat Niemand mehr einen Bund mit ihm geschlossen.

Wäre der Räuberfürst vernünftig gewesen und hätte er sich nie weit aus seiner Provinz herausgewagt, er würde heute wohl noch im Besitz derselben sein. Aber der tollkühne Mann hatte andere weitergehende Pläne. Seine Provinz war auch nachgerade dergestalt ausgesogen, daß sie nicht mehr die gewünschten Vortheile für seine Anhänger bot. Da er dieselben nur mit Raub zu zahlen pflegte und in der Nähe nichts mehr zu rauben übrig blieb, so entschloß er sich endlich einen Abstecher in eine entfernte, aber für reich geltende Landschaft zu machen; diese Landschaft war Bogos. Dort befand sich eine kleine, eben erst gegründete italienische Colonie, sowie eine katholische Missionsstation, Alles Lockspeisen für Aba Kaissi, denn selbst der ärmste Europäer besitzt doch immer noch manche Dinge, namentlich Waffen, wonach das Herz des Abessiniers sich sehnt. Ein wirklicher abessinischer Fürst hätte sich nun wohl gehütet, Europäer anzutasten, da die an ihnen verübte Unbill selten ungerochen bleibt. Aber Aba Kaissi war heute hier, morgen dort; ihm konnte eine europäische Intervention nichts anhaben. Er respectirte deshalb auch die Europäer nicht im Geringsten, nahm ihnen ihre Waffen und ihre andere Habe, ließ einem Widerstrebenden die Bastonnade ertheilen und soll sogar gegen eine Italienerin sich allerlei gewaltsame Galanterien erlaubt haben.

Bei dieser Gelegenheit fand ein komisches Mißverständniß statt. Einer der Anhänger des Räuberfürsten, der das Haus eines Italieners ausgeplündert hatte, kam plötzlich zu Aba Kaissi gelaufen und verkündete ihm, er habe mehrere Fässer voll Branntwein gefunden. Nichts konnte willkommener sein. Alle Abessinier sind Freunde geistiger Getränke, die ihre Religion ihnen ja nicht verbietet. Ein Faß wurde angezapft, und nun ergab sich die ganze Armee einer glänzenden Orgie. Man fand zwar einen etwas seltsamen Geschmack an dem Branntwein, aber man dachte sich, es sei eben ein unbekanntes europäisches Gebräu, und trank ruhig weiter; ein hitziges und berauschendes Getränk war es jedenfalls, und das ist ja das Einzige, was der Orientale von einem geistigen Getränk verlangt. Indeß schon nach einigen Viertelstunden zeigten sich fatale Wirkungen von dem Branntwein. Die Meisten fingen an, an Uebelkeiten zu leiden. Einige, die besonders viel getrunken hatten, verriethen sogar Symptome einer ernstlichen Krankheit. Im Orient ist man gleich mit dem Verdacht der Vergiftung bei der Hand; so auch hier. Aba Kaissi ließ die Italiener verhaften. Diese, um sich zu rechtfertigen, baten, man möge doch das angezapfte Faß einschlagen, der Grund der Branntweinwirkung werde sich dann zeigen. Der Grund zeigte sich auch in der That, denn das Faß war voll von Schlangen, Scorpionen, Eidechsen und anderem Gethier. Man war an den Spiritus gerathen, in welchem ein Naturforscher seine Sammlungen conservirt hatte. Wer denkt dabei nicht an die Anekdote von der Köchin, die einen ausgestopften Vogel braten wollte?

Indeß dieser muthwillige Streich war doch der letzte im großen Räuberleben Aba Kaissi’s. Endlich ging Kassa die Geduld aus und er beschloß, den Umstand zu benutzen, daß der Rebell gerade von seiner eigenen Provinz fern war. Er ließ ihm also den Weg abschneiden und ihn von allen Seiten bedrängen. Aber nicht weniger als drei Provinzialgouverneure mit ihren Truppen waren nöthig, um ihn einzuschließen. Aba Kaissi hatte zuletzt nur noch zweitausend Mann, seine Gegner wenigstens das Vierfache, dennoch lieferte er ihnen einen heldenmüthigen Kampf, indem er einen ganzen Tag muthig focht und den Feinden blutige Verluste beibrachte, aber zuletzt unterlag er doch. Der größte Theil seiner Truppen wurde gefangen genommen; eine grausame Strafe erwartete sie. Kassa ließ ihnen Hände und Füße abhauen, die gewöhnliche Strafe für Räuber. Ihr Führer war jedoch entkommen. Nur von dreißig Getreuen begleitet, gelang es ihm, sich in die Berge zu schlagen; aber diese Berge lagen fern von seinem ursprünglichen Werbebezirk, wo er sich sonst nach seinen Niederlagen so überraschend schnell zu erholen pflegte. Hier strömten ihm keine Anhänger zu. Er blieb vereinzelt und war nicht einmal im Stande, sich in den umliegenden Dörfern zu verproviantiren, denn die Bauern hegten hier keinen Respect vor seiner ohnehin zum Schatten gewordenen Macht und widersetzten sich mit bewaffneter Hand. Mitten unter Panthern und Leoparden hauste er eine Zeitlang in der Wildniß, bis es ihm gelang, sich in eine mehr bewohnte Gegend zu schlagen, wo er sein altes Handwerk, jedoch diesmal in sehr verkleinertem Maßstab, wieder aufnahm. Ein Bekannter schrieb mir vor Kurzem aus Massoua: „Aba Kaissi ist jetzt ein ganz gemeiner Räuber geworden.“ So schwindet der Ruhm der Welt!




Deutsche Kaiserspuren in Thüringen.


Kyffhäuser.[1] – Rothenburg.[1] – Memleben.

„Mamsellchen, Sie sollen anstecken! Die Herren wollen den Kaiser sehen.“ –

Armer Barbarossa! So weit warst du herabgekommen, daß es nur eines „Mamsellchens“ bedurfte, das ein paar Oellämpchen anbrannte, um dich in deiner hohen Sagenpracht zur Schau zu stellen, – ach, und wie! – Tausende, die in den letzten Decennien das Kyffhäusergebirg erstiegen, um zwischen den Trümmern der sagenreichsten Kaiserburg zu wandeln, haben in der Halle des sogenannten Erfurter Thores der Burg für einen Silbergroschen durch das Fensterchen geguckt, hinter welchem in seinem Gewölbe der alte Barbarossa am steinernen Tisch, von krummgeschlafenen Rittern umgeben, sitzt, vor sich Papier, Schreibzeug und Klingel und in der Hand die Schreibfeder, einen richtigen Gänsekiel. O heilige Romantik, warum hast du das gelitten! –

Das große deutsche Schicksal unsrer Tage hat die Raben vom Friedrichs-Thurm vertrieben, und zwar genau so, wie die Sage es vorschreibt: durch einen Adler aus Norden. Ob der versteinerte Birnbaum auf dem Rathsfeld des Kaisers Heerschild an dem dürren Ast getragen, darüber ist nichts bekannt geworden. Das aber haben wir jüngst in jener Thorhalle in bedenkliche Erfahrung gebracht, daß dem Kaiser Friedrich ein schlimmes Mißgeschick droht. Denn er wird jetzt, wo seine Erlösungsstunde vom siebenhundertjährigen Zauberschlaf endlich geschlagen, vom Kyffhäuser auswandern und nach Berlin übersiedeln, aber nicht unter den Dom, um die Gruft der neuen hohenzollernschen Cäsaren zu weihen, sondern in eine Berliner Kaffeestube, um dort am Spott des Janhagels der modernen Kaiserstadt elend zu Grunde zu gehen.

Doch – Scherz bei Seite mit dem schlechten Conterfei, [639] durch welches trotz alledem das Erhabene nicht in den Staub gezogen werden konnte. Dazu steht es zu hoch. Wir waren ein kleiner Kreis, nur ein Kleeblatt von Männern mit schon ergrauenden und ergrauten Bärten, die wir jüngst die Ruinen umwanderten und durchkletterten; weit hinter uns liegt die köstliche Zeit, wo das junge Auge in Thränen schwimmen konnte, wenn der Geist auf diesen Trümmern in die große Vergangenheit schwärmte und das Herz pochte von glühender Sehnsucht nach der Herrlichkeit des Reichs, die für immer verschwunden schien; aber trotz alledem fühlten wir uns auf dieser Höhe und zwischen diesen Trümmern recht jugendlich patriotisch gehoben, und das bewirkte nicht blos der weite Blick rings in ein wunderschönes Stück deutscher Erde, sondern auch der in die ebenso weite als wunderreiche Vergangenheit dieser Burg, zu deren Verherrlichung Sage und Geschichte sich so innig verbunden haben.

Der erste Blick fällt immer auf die breite, von dunklen Waldhöhen umsäumte Thalfläche der Goldnen Au, die von Nordhausen bis Memleben, ja nach älterer Annahme über das ganze Thal der Unstrut sich ausdehnt, so daß sie alle größten Erinnerungen an Thüringens eigene Königs- und deutsche Kaiserzeit mit ihrem goldenen Rahmen umspannt.

Die drei größten Kaisergeschlechter drückten diesem Boden die unvergänglichen Spuren ihres Herrscherschrittes ein: die sächsischen, die fränkischen und die schwäbischen. Alle diese deutschen Könige und Kaiser hatten bekanntlich keine bestimmte Residenz, sondern sie besaßen allenthalben im Reich Paläste (Pfalzen), um immer da zu weilen, wo sie, ob zum Kriegführen, ob um Reichstage abzuhalten, ob zum Rechtsprechen, nothwendig waren, oder wo es ihnen besonders wohlgefiel. Wie sehr letzteres in Thüringen und dem Harzgebiete der Fall war, dafür zeugen die vielen Pfalzen dieser Lande, von welchen drei im Gesichtskreis des Kyffhäusers, in der Goldenen Au, lagen: Tilleda, Wallhausen und Allstädt, das Heinrich der Finkler zum Pfalzgrafensitz erhob, während wir in Memleben später die Sterbestätte der beiden größten Sachsenkaiser finden werden. – Die fränkische Kaiser, und vor Allen Heinrich der Vierte und der Fünfte, ließen nur Kriegsfußstapfen hier zurück; unter Letzterem ward (1115) die große Schlacht am Welfisholz geschlagen, nach welcher die gegen den Kaiser siegreichen Sachsen den Kyffhäuser nach einer dreijährigen Belagerung erstürmten und in einen Trümmerhaufen verwandelten.

Merkwürdigerweise treten die schwäbischen Kaiser, die in der Geschichte so hell strahlenden Hohenstaufen, wenn auch der Kampf gegen die Welfen sie oft in diese Gegend führte, am glänzendsten hier in der Sage auf. Ja, man möchte wohl wünschen, die Burg wäre nach dem Sachsensturm nicht wieder aus den Ruinen erstanden, um des ganzen späteren Theils ihrer Geschichte enthoben zu sein, die, so frisch und gewaltig aus der Vorzeit daherbrausend wie der Alpenstrom des Rheins, endlich, wie dieser, in elenden Sand verrinnt. Noch zweimal erhob sie ihr Haupt, einmal noch mit dem Ritterhelm, als Kaiser Rudolf die Räuberburgen auch in Thüringen brach und die Rothenburger Beichlingen als kaiserliche Burggrafen auf dem Kyffhäuser saßen; und ebendeßwegen ziehen wir auch die nahe Rothenburg in den Kreis der Kaiserspuren. Zum Zweiten erhob die Burg ihr Haupt mit einem Heiligenschein: ein hölzernes, wunderthätiges Kreuz machte die Capelle zu einem volkumwogten Wallfahrtsort und eben deshalb zu einem Lieblingssitz von Pfaffen, „Jesuitern“ und venetianischen Goldsuchern. Nachdem aber Berthold Schwarz die Ritter aus der Burg und Martin Luther die Pfaffen aus der Capelle verjagt hatte, war’s aus mit der Herrlichkeit des Bergs. Als schwarzburgisches Besitzthum verfiel die Burg so nach und nach, daß ein Zeitpunkt ihrer Zerstörung nicht anzugeben ist.

Gewaltig sind aber noch heute ihre Trümmermassen. Unsere Abbildung, zu der wir uns nun wenden, zeigt im Mittelbilde einen vom südlichen Nachbarberge aufgenommenen Gesammtüberblick der Burg. Zuhöchst steht der Kaiser-Friedrichs- oder Barbarossa-Thurm; rechts von ihm beginnen die Ringmauern, die noch heute den ganzen Umfang der Burg anzeigen. Da, wo der Berg sich abwärts neigt, erkennen wir das „Erfurter Thor“, und in der Mitte zwischen diesem und dem untersten Mauerreste ragen die Trümmer der Capelle empor. Thurm und Capelle sind in den oberen Eckbildern besonders dargestellt.

Dem Wanderer, der von Norden her kommt, bieten sich zwei Wege zum Kyffhäuser, entweder über Tilleda und unmittelbar die steile Waldbergwand hinauf, oder über Kelbra, von wo der Fußgänger durch einen üppigen Buchenwald am Berge der Rothenburg emporsteigt und von da zum Kyffhäuser weiter wandelt; die Fahrstraße (Chaussee von Kelbra nach Frankenhausen) windet sich, immer in frischem, zum Theil noch jungem Walde, durch sieben Thäler bis zur Höhe der Rothenburg empor und führt oft an tiefen, waldesdunklen Abgründen vorüber und mehrmals an Felsstellen vorbei, aus welchen mächtige Stämme versteinerter Bäume zu Tage treten. Von einem aus solchen Baumstämmen errichteten Wegweiser an, der für uns nach links zeigt, erreicht man in einem Viertelstündchen den letzten steilen, steinigen Weg, auf dem man außerhalb der Ringmauern hin zum Erfurter Thore, dem ehemaligen Haupteingange zur Burg, gelangt. Der vorsichtige Wanderer sucht in der als Kneipe wunderlich genug ausgestatteten Thorhalle erst Kühlung und Erquickung, ehe er die windige Höhe, namentlich beim Thurme, betritt.

Steigen wir dann die Treppe hinauf und in’s Freie, so stehen wir mitten in der Verwüstung, denn selbst der Versuch, zwischen dem wilden Gestrüpp und Gebüsch, das den Schutt der versunkenen Bautrümmer überwuchert, gastliche Lauben mit Tischen und Bänken herzustellen, kann das traurige Bild nicht verbessern. Unwillkürlich eilt der Blick aus dieser Umgebung hinaus in die Ferne, und sie ist entzückend über Wald- und Thälerpracht; aber schildern wollen wir sie nicht. Das Nächste, die Burg selbst, übt doch bald ihre Anziehungskraft aus.

Gerade über dem Erfurter Thore erkennen wir am klarsten, daß innerhalb der Ruinen kein Ueberblick über das Ganze möglich ist. Wir müssen das Hervorragendste aufsuchen. Um zur Capelle zu gelangen, geht es steil bergab auf schier beinbrecherischen Treppen von glattgetretenen Steinbrocken. Wir kommen an einem tiefen, am Rande von dichtem Gestrüpp umgebenen Abgrund vorbei, einem ehemaligen Sandsteinbruch, in welchem ebenfalls versteinerte Baumstämme gefunden worden sind und noch zerstreut liegen, und welcher auch das Burgverließ bloß gelegt zu haben scheint, denn oben begrenzt ihn noch das Mauerwerk und Steinhauerspuren gehen im Fels bis in die Tiefe.

Eine Strecke weiter unten betreten wir die Capelle, den besterhaltenen Theil der Burg. Noch stehen die Seitenmauern des Schiffs, des Chors, die Grundmauern des Thurms und das Portal. Erst im Jahre 1433 war sie durch den Erzbischof von Mainz „in die Ehren des heiligen Kreuzes“ eingeweiht worden und schon hundert Jahre später konnte nur noch ein Klausner sich hier aufhalten, weil sonst Alles wüst und verödet war. Für die Sage ist hier keine Blume erblüht, nur eine lächerliche Distel der Criminalgeschichte: der alte Schneider aus Langensalza als letzter falscher Barbarossa, von dem ich Seite 555 des Jahrgangs 1868 der Gartenlaube das Nöthige erzählt habe.

Der Thron der Sagen und der Schmuck der Burg ist und bleibt allein der alte Kaiser-Friedrichs-Thurm, zu dem wir nun emporsteigen. Da streckt er seine schauerlich zerrissenen Glieder noch achtzig Fuß in die Luft auf seinem anderthalbtausend Fuß hohen Felsengrund. Er hat gut trotzen, der alte Bursche. Schatzgräber, die sein Inneres erforschen wollten, haben sich an seiner Südseite einen Zugang zu verschaffen gesucht: dreizehn Fuß Mauerwerk mußten sie durchbrechen, um ein Loch herzustellen, durch das nur der schlankste Gauner hindurchkriechen kann. Die Eingangsöffnung ist etwa achtzehn Fuß hoch angebracht, wie auch unser Bild dies zeigt und wie wir’s ja oft bei solchen Wartthürmen (Berchfriten) finden. Der Raum um den Thurm war von einer besonderen Mauer umgeben und von der übrigen Burg durch einen besonderen Wallgraben mit Zugbrücke getrennt. Und hier ist die Sagenstätte, hier blüht die blaue Blume, hier tanzt Barbarossa’s schönes Töchterlein, hier spielen die Ritter Kegel, hier bläst der Hoftrompeter von Weimar dem Kaiser das Neujahr an und erhält von der Prinzessin die silberne Trompete, die man noch heute in Sondershausen aufbewahren soll, wie in Tilleda den goldenen Becher, welchen der Zwerg jenem Bauernburschen schenkte, weil er des Kaisers Gesundheit so tapfer trank; hier war die geheime Pforte in den Berg, die Niemand sah, dem nicht die Geister sie öffneten; hier wurden gute Wanderer belohnt und böse und schlechte gehudelt und erschreckt; hier hat

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Die Gartenlaube (1872) b 640.jpg

BARBAROSSA THURM Kyffhäuser-KAPELLE

EINGANG ZUR ROTHENBURG KRYPTA in MEMLEBEN
KLOSTER RUINE MEMLEBEN PORTAL auf der ROTHENBURG
 BURGRESTE des KYFFHÄUSER

FERNSICHT AUF DIE ROTHENBURG BLICK auf den BARBAROSSA-THURM
KYFFHÄUSER ROTHENBURG
KLOSTER MEMLEBEN
 R. PÜTTNER 1872

[641] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [642] der Sittendorfer Ziegenhirt in fünf Minuten zwanzig Jahre verschlafen und das Tilledaer Brautpaar in einer Stunde hundert Jahre; hier erhielt der brave Bergmann die Goldstange und der Kornbauer aus Gehofen die ungeheuren Ohrfeigen, und hier schaute der Zwerg alle hundert Jahre nach dem Thurm, ob die Raben noch immer fliegen.

Sie fliegen nicht mehr. Wir glauben es, obwohl wir auch im neuen Reich noch immer ihr Gekrächze hören. Denn diejenigen Raben, welche den Kaiser Friedrich in den Kyffhäuser getrieben, fliegen heute noch: die schwarzen Vögel, mit welchen der Adler soeben in hartem Kampfe liegt. – Wenn aber auch dieser Sieg errungen und uns Gewißheit gegeben wird, daß der herrlichen Barbarossasage letztes Ziel erreicht, die große Verheißung für Kaiser, Volk und Reich erfüllt ist, – dann sollte die deutsche Kunst sich eine erhebende Aufgabe stellen.

Man hat öffentlich den Wunsch ausgesprochen daß die Kyffhäuserburg den Fürsten von Schwarzburg abgekauft, restaurirt und dem deutschen Kaiser zum Nationalgeschenk gemacht werden möge. Diesen Wunsch theilen wir nicht. Man lasse Ruine Ruine bleiben und sorge nur für ihre Erhaltung. Aber der erfüllten Sage errichte man ein Denkmal: ein Sagendenkmal. Ist der Gegenstand nicht reich genug an charakteristischen Gestalten für ein Meisterwerk der Bildhauerkunst? Der aus seinem Zauberschlafe durch des Reiches Wiedererstehen erlöste Hohenstaufe, die schöne Prinzessin mit ihren Frauen, die Ritter und Knappen, der Zwerg und der Mönch, nicht zu vergessen den treuen Schmied von Jüterbogk – sind das nicht Figuren genug zur herrlichsten Gruppe? – Dazu die schönsten Sagen für Reliefstücke – und zuunterst am Boden die Raben, hoch auf des Kaisers Helmkrone der Adler – wahrlich, ein solches Denkmal dem Kaiser-Friedrichsthurm gegenüber auf dem höchsten Burgplatz errichtet, das würde das schönste, sinnigste Denkmal des deutschen Kampfes und Sieges sein! – Mit diesem Wunsch schieden wir von „Deutschlands Sagenthron“.

Auf der Rothenburg fanden wir viel buntes Leben. Das Völkchen der Umgegend feiert gern den Sonntag hier oben, und auch der Wanderer kehrt gern hier ein. Unmittelbar hinter den vom alten „Rothenburger Einsiedler“, dem Kaufmann und Dichter Friedrich Beyer in Kelbra, mit Opfern und Mühen durchweg so niedlich und originell angelegten Wirthschaftsbaulichkeiten, die nun seit seiner Verdrängung aus dieser fürstlichen Pachtstelle in kläglicher Verwahrlosung dastehen, führen zwei Wege zu der Burg. Das auf unserm Bilde links am Rande dargestellte Thor führt rechts von einem sehr dicken, runden Wartthurme unmittelbar in das ehemalige Schloß, und ebenso ist das am rechten Rande gezeichnete Portal der Eingang in den Rittersaal von der linken Seite her; die schönen Bogenfenster des Saales sehen wir im Hintergrunde. Außerdem stehen noch so viele Seiten- und Mittelwandmauern und Gewölbe, daß eine Restauration des Hauptgebäudes leicht möglich wäre. Ueber das hier in einer Art Capelle gefundene angebliche Götzenbild „Püstrich“ habe ich ebenfalls in dem Artikel von 1868 das Meinige gesagt.

Die schönste Aussicht hat man auf der Rothenburg von dem Vorplatze vor dem obern Burgeingange aus. Hier haben wir die Goldene Aue als Mittelgrund in einer mit dem bloßen Auge erkennbaren Nähe vor uns, während auch von der Ferne vom Ohmgebirg des Eichsfeldes bis zum Doppelrücken des Brocken und den Harzvorbergen im Norden mit ihren Schlössern und Ruinen uns nichts besonders Hervorragendes entgeht.

Man scheidet nicht als Alltagsmensch von diesen Höhen; die gehobene Stimmung begleitete uns in’s Thal, und wie entsprechend war hier die Nachfeier! Auf der Bank im Freien vor der Roßlaer Eisenbahnstation überschaut man das langgestreckte Kyffhäufergebirge mit seinen beiden Burgen und dem drüben zu seinen Füßen gelagerten Kelbra, und Alles im Wechselspiel von Form und Farbe bei der abwärts sich neigenden Sonne. Die vielen Schluchten des Gebirgs treten endlich so finster hervor, als ob sie noch heute, wie einst, die goldgierigen Menschen von ihren geheimen Schätzen zurückschrecken wollten.

Zu den Kaiserspuren, zu welchen unser Holzschnitt uns führt, gehören auch die Klosterruinen von Memleben – in der Mitte des Unstrutthals zwischen Artern und Freiburg.

Das ganze Unstrutthal ist ein bis heute noch für den großen Sommerwandererstrom verstecktes Paradies der Natur, der Sage und der Geschichte des Thüringerlandes. Denn hier, sagt ein begeisterter Wegweiser[2] desselben, hier ist der Boden, wo die ältere deutsche Geschichte in wahrhaft dramatischen Episoden vor den Blicken sich aufrollt; hier war der Sitz der thüringischen Könige, bis ihr stolzes Reich von den verbundenen Franken und Sachsen zertrümmert wurde; hier wohnten und wirkten die ersten deutschen Kaiser aus dem Sachsenstamme und die ersten thüringischen Landgrafen; hier weht die Vorzeit aus Ruinen und Sagen mit vernehmlichem Flügelschlage, während die ewig junge Natur die historisch geweihten Stätten, welche allzuvergessen in ihren lachenden Winkeln ruhen, mit immer frischen Kränzen umschlingt.

Auch Memleben war eine kaiserliche Pfalz. Die Waldstelle, an welcher der Sachsenherzog Heinrich beim Vogelfang als gewählter deutscher König begrüßt wurde, ist in dieser Gegend zu suchen. Nachdem er, um die Ungarn zu besiegen, das deutsche Bürgerthum gegründet und das Reich stark und groß gemacht, starb er hier. Ebenso sein Sohn und Nachfolger Otto der Große, dessen Mutter Mechtildis (nach anderen Angaben sein Sohn Otto der Zweite) hier ein Kloster stiftete, das eine der prachtvollsten und berühmtesten Abteien wurde. Im Bauernkrieg theilweise zerstört, wurde sie 1545 völlig aufgehoben; von da an verfiel der herrliche Bau und steht jetzt nur noch als sorglich gepflegte Ruine am Wege bei dem gleichnamigen Dorfe. Unsere Abbildung zeigt links das Innere der Kirchenreste und rechts die wohlerhaltene Krypte. An den inneren Flächen der Pfeiler des Schiffs der Kirche prangten die Bilder der sächsischen Kaiser und ihrer Frauen; sie sind nur zum Theil noch erkennbar. Neben diesen Bildern zieren die Reste der Grabmäler und der Madonnenstatue, die unser Künstler in der Illustration angebracht, noch heute diese Stätte, die, wenn erst die Unstrutbahn den Zugang erleichtert, von Tausenden als ein Wallort großer deutscher Vergangenheit besucht werden wird, gleich den anderen deutschen Kaiserspuren im Thüringerlande.

Friedrich Hofmann.


  1. a b Vergl. Gartenl. 1868, Nr. 35.
  2. Meyer’s Reisehandbücher, Bd. V.: Neuestes Reisehandbuch für Thüringen von Heinr. Schwerdt u. Alex. Ziegler. Hildburgh., Bibliogr. Institut.




Eine große Zeitungsthat.


Von M. E. Plankenau.


Es war ein um die ganze Erde laufendes und die gesammte cultivirte Menschheit freudig erregendes Telegramm, welches zuerst die Kunde brachte: Dr. Livingstone ist gefunden!

Wer ist Livingstone? So fragten aber auch Tausende damals, denn der Mann war so lange verschollen und so oft vergeblich gesucht, daß namentlich vor den ungeheuren Ereignissen der letzten Jahre sein Name und sein Schicksal für die große zeitungslesende Menge in den Hintergrund getreten und in Vergessenheit gekommen war. Trotzdem beschränken wir uns in diesem Artikel auf die Bemerkung, daß Dr. David Livingstone der bedeutendste von allen den Forschungsreisenden ist, die uns Afrika erschlossen haben, und daß er auch der glücklichste ist, insofern er mit nur kurzen Unterbrechungen zweiunddreißig Jahre lang unter den wilden Völkerstämmen Südafrikas lebte, ohne daß ihn das Schicksal so vieler Forscher, ein Opfer der Eingeborenen oder des Klimas zu werden, ereilte. Die Darstellung seines sehr interessanten Jugendlebens und der für geographische Forschung sehr erfolgreichen Reisen von 1840 bis 1864 sparen wir unsern Lesern für einen besondern Artikel auf. Heute ist es unsere Aufgabe, sie vor Allem mit der in mehr als einer Beziehung einzig dastehenden Art der Rettung dieses englischen Afrikaforschers bekannt zu machen. Wenn dies anscheinlich etwas spät geschieht, so ist daran neben der zeitraubenden Herstellung unseres Blattes die Vorsicht schuld, die uns gebot, zur Mittheilung an unsere Leser erst authentische Nachrichten über diesen außerordentlichen Fall abzuwarten. Diese Vorsicht war doppelt [643] nöthig, weil allerdings manche der ersten Zeitungsberichte mancherlei Widersprechendes und Falsches enthielten.

Schon lange vor Christi Geburt erweckte die Erforschung der immer noch unbekannten Nilquellen das Interesse der damals um das mittelländische Meer gruppirten Culturvölker; schon Herodot erwähnt die Quellen des Nils, nach ihm auch Ptolemäus; daher das fabelhafte Mondgebirge und die mächtigen Quellen von unergründlicher Tiefe, aus welchen der Nil seinen Lauf nach Norden nehmen sollte. Burton und Speke, welche 1857 bis 1862 von Sansibar aus nach Westen bis zum Tanganyikasee kamen und dann nach Norden marschirend den ungeheuren Ukerewesee (englisch Victoria Nyanza) berührten, glaubten diesen für den eigentlichen Quellsee des Nils halten zu dürfen; Baker, welcher von Aegypten aus den Nil aufwärts zog, hielt den 1864 von ihm entdeckten ebenfalls ungeheuren Mwutan Nsige (englisch Albert Nyanza) für einen zweiten Quellsee des Nils. In diesen hat der Ukerewe seinen Abfluß; beide liegen unter dem Aequator. Hiermit schien das Problem der Nilquellen gelöst. Livingstone aber beruhigte sich nicht hierbei; getreu der Ansicht, daß kein großer Strom aus einem See entspringe, wollte er nun alle Kräfte daran setzen, um die eigentlichen Nilquellen noch weiter südlich zu suchen. Im Westen und Südwesten der drei oben genannten Seen liegt das ungeheure Gebiet von Innerafrika, in welches noch kein Forscher eingedrungen ist und welches noch auf allen Karten als eine leere Fläche erscheint. In dieses Gebiet wollte Livingstone nun von Osten her eindringen.

Im Herbst 1865 verließ er, damals in noch sehr fester Manneskraft von achtundvierzig Jahren, England, segelte nach Bombay und von dort nach Sansibar. Im Frühjahr 1866 setzte er nach dem Festlande über und fuhr den Rovuma aufwärts; bei einem ihm freundlich gesinnten Häuptlinge hielt er sich längere Zeit auf und zog dann mit seinen dreißig Begleitern westwärts nach dem Nyassasee. Während dieses Marsches entliefen ihm die meisten derselben und verbreiteten bei ihrer Rückkunft nach Sansibar die Nachricht: der berühmte Reisende sei, nachdem er über den Nyassa gegangen, von einem Trupp Eingeborner überfallen und erschlagen worden, sie selbst hätten sich durch die Flucht gerettet. Sie verstanden so meisterlich zu lügen, daß man ihnen glauben mußte.

Um sich Gewißheit zu verschaffen, sandte im Juli 1867 die englische Regierung eine Expedition unter Young ab. Dieser fuhr in einem Dampfer den Zambesi und Schire aufwärts, ging dann über Land zum Nyassa-See und erreichte den Ort, wo Livingstone ermordet sein sollte. Alle Erzählungen von dessen flüchtig gewordenen Begleitern erwiesen sich als Lügen, erfunden, um sich vor Strafe zu sichern. Livingstone hatte den Nyassa im Süden umgangen, unter den dort lebenden Stämmen neue Begleiter angeworben und war wohlbehalten in nordwestlicher Richtung weitergezogen. Hierdurch beruhigt, kehrte die Regierungsexpedition zurück. Bald gab auch der Reisende selbst ein Lebenszeichen von sich. Im April 1868 brachte ein Bote Briefe von ihm nach Sansibar, welche am 2. Februar 1867 zu Bemba (zehn Grad südlicher Breite, zweiunddreißig Grad östlich von Greenwich) geschrieben waren. Später trafen noch weitere Berichte vom December 1867 und Juli 1868 ein. Ein vierter Brief war von einem weiter nordöstlich gelegenen Orte, von Udschidschi am Ostufer des Tanganyika-Sees, den 30. Mai 1869 datirt

Seit jener Zeit blieben alle Nachrichten von Livingstone aus. Alle von Eingeborenen und arabischen Händlern über sein Schicksal erlangten Angaben erwiesen sich nur als vage Gerüchte: der große Forscher war und blieb verschollen.

Der englische Consul in Sansibar, Dr. Kirk, suchte Livingstone Unterstützungen zukommen zu lassen und Genaueres über sein Schicksal zu erfahren; da aber der Verkehr mit dem Binnenlande außerordentlich mühsam und zeitraubend ist, so verstrichen viele Monate, ohne daß man durch Warten gewonnen hätte. Eine größere wohlausgerüstete Unterstützungs- und Aufsuchungsexpedition, welche endlich organisirt wurde, mißglückte vollständig in Folge der auftretenden Cholera. Da die englische Regierung keine weiteren energischen Maßregeln ergriff, um das Schicksal des Verschollenen aufzuklären, beschloß die „Londoner Geographische Gesellschaft“, die Aufsuchung desselben zu einer Ehrensache für sich zu machen. Zu Anfang des laufenden Jahres gingen denn auch die Führer der projectirten Expedition, die Seeofficiere Lieutenants Henn und Dawson, welchen sich Livingstone’s in England lebender Sohn, Oswald, angeschlossen hatte, nach Sansibar ab. Ihre Expedition sollte aber nur ein Project bleiben; was sie erstrebten, war von anderer Seite, wo Niemand es erwarten konnte, längst ausgeführt worden.

Zwei Privatmänner, von denen der eine die Mittel gewährte, der andere diese mit frischer Energie benutzte und gleichsam, als wenn es einen kleinen Abstecher gelte, einen Zug in das Innere von Afrika unternahm, den Viele vorher monatelang bedächtig erwogen, geprüft und dann abermals nach Monaten vielleicht in’s Werk gesetzt hätten, – zwei junge Männer, gewöhnt zu handeln, statt zu reden, hatten das Problem in ganz geräuschloser Weise in Angriff genommen und in kurzer Zeit glücklich gelöst.

Der Eine derselben ist James Gordon Bennett, Besitzer der großen amerikanischen Zeitung „New-York-Herald“, der Andere Henry M. Stanley, Correspondent des vorbenannten Blattes. Des Ersteren Name wurde schon vor Jahren von vielen Zeitungen genannt. Er, als Eigenthümer der Yacht „Henrietta“, hatte mit den Besitzern der Yachten „Vesta“ und „Fleetwing“ eine Wettfahrt über den atlantischen Ocean, von New-York nach England, verabredet und lief nach einer äußerst stürmischen, aber glücklichen Fahrt am Weihnachtsabend 1866 in Cowes, Insel Wight, als Sieger ein, den Siegespreis von neunzigtausend Dollars gewinnend.

Mit welchen Mitteln die ihm gehörige Zeitung arbeitet, die sein nun verstorbener Vater gegründet hat, läßt sich schon daraus entnehmen, daß sie eigens mehrere schnelle Dampfer besitzt, welche vom Hafen von New-York nach der hohen See hinauslaufen, die von fernen Häfen kommenden Schiffe um Neuigkeiten ansprechen und, sobald sie solche von einiger Wichtigkeit erlangt haben, unter vollem Dampf zurückkehren und das inzwischen druckfertig hergestellte Material an die Redaction abliefern – dies Alles nur, damit der „New-York Herald“ die Mehrzahl der wichtigen Nachrichten um oft kaum wenige Stunden früher bringen kann als andere Blätter. Das amerikanische Publicum weiß solchen Eifer allerdings auch gebührend zu schätzen. Ich glaube überdies kaum zu irren, wenn ich weiter anführe, daß der „Herald“ über einige der wichtigsten Strecken der Union sein eigenes Telegraphennetz gespannt hat; ebenso werden ihm politische Nachrichten von Europa und, wenn sie wichtig genug sind, selbst die längsten Reden unverweilt Wort für Wort hinübertelegraphirt, so daß man sie in Amerika gleichzeitig mit uns in Europa liest.

Wie die besseren Correspondenten eines solchen Blattes gestellt sind, läßt sich aus Vorstehendem errathen. Henry M. Stanley gehörte sehr jung schon, während des amerikanischen Bürgerkrieges zum Stabe des „Herald“, wurde 1867 als Berichterstatter über den Befreiungskampf der Griechen nach Creta geschickt, begleitete 1868 die englische Armee nach Abyssinien und zog dann kreuz und quer durch Asien bis nach Bombay. Auf seine Anfrage, was er nun weiter thun solle, wurde ihm der lakonische Bescheid: „Gehen Sie nach Innerafrika, suchen Sie Livingstone auf.“ Sofort machte er sich auf den Weg: der Zweck war einfach und klar, die Kosten Nebensache.

Anfang Januar 1871 war Stanley schon in Sansibar und traf seine Vorbereitungen; bald nachher setzte er nach dem der Insel gegenüber am Festland liegenden Hafenplatz Bagamoyo über, dem Ausgangspunkt der für das Innere bestimmten Karawanen. Seiner frischen Energie, verbunden mit hinreichenden Geldmitteln, gelang es, in wenigen Monaten – für die dortigen Zustände eine außerordentlich kurze Zeit – eine wohlausgerüstete Expedition zu organisiren, und am ersten April schon brach er nach dem Innern auf. Anfang Juli erreichte er die Landschaft Unyanyembe, welche ungefähr zwei drittel des Weges zwischen der Küste und dem Tanganyikasee liegt und eine Art Sammelplatz für alle kommenden und gehenden Karawanen bildet. Von dort aus sandte er seinen ersten Bericht an den „Herald“. Je weiter westwärts Stanley vordrang, desto bestimmter traten die Nachrichten über Livingstone auf, so daß er fest hoffen durfte ihn lebend anzutreffen.

Von Unyanyembe weiter ziehend, traf er auf sich häufende Schwierigkeiten; einige der kleinen eingeborenen Herrscher waren unter sich und mit den arabischen Händlern in Streit gerathen und führten nun Krieg auf echt afrikanische Weise. Hierdurch [644] wurde Stanley der Weg versperrt. Schnell entschlossen verbündete er sich mit der einen Partei, um die andere rasch zu überwältigen und so auf die einfachste Weise Frieden zu stiften. Mit seinen Verbündeten überrumpelte er glücklich einige Dörfer des Feindes und durfte schon hoffen sich bald den Weg gebahnt zu haben, da verhinderte ihn ein böser Fieberanfall an der Erwerbung weiteren afrikanischen Kriegsruhms. Er ging eine kurze Strecke zurück, um sich zu erholen und während dieser Zeit wandte sich das Glück des Krieges dem Gegner zu, so daß Stanley schließlich mit den Resten seiner Expedition nichts übrig blieb, als die mit Krieg überzogenen Gebiete auf weiten Umwegen zu umgehen. Auch dies war keine leichte Aufgabe: offener oder versteckter Widerstand und Böswilligkeit der Eingeborenen, Ungehorsam seiner eigenen Leute, schlechtes Wetter und Krankheiten verzögerten seinen Marsch. Anfang November endlich erreichte er den Tanganyika-See und zog am 3. November 1871 unter dem landesüblichen Höllenlärm mit Trommeln, Hörnern und Flintensalven in der Ortschaft Udschidschi ein.

Unter den ihn in gleicher Weise empfangenden Einwohnern bemerkte er einen dürftig europäisch gekleideten graubärtigen Mann, welcher eine goldbordirte Marinemütze trug. Wohl wissend, wie sehr die Araber den Werth eines Mannes nach der Würde bemessen, mit welcher er sich repräsentirt, benutzte Stanley einen schicklichen Augenblick, um sich dem Manne mit der Mütze zu nähern, als befände er sich mit ihm in Berlin oder Paris.

Höflich grüßend beginnt er: „Doctor Livingstone, glaube ich?“

Und noch einfacher lautet die lächelnd gegebene Antwort: „Ja.“

So war denn der berühmte Forscher gefunden, der Hauptzweck der Reise erfüllt. Livingstone war noch frisch und rüstig und fest entschlossen nochmals westwärts zu gehen, um auch die letzten Unklarheiten bezüglich der Frage über die Nilquellen zu beseitigen. Die Resultate seiner letzten Wanderzüge sind in der Kürze folgende: Westlich vom Nyassa-See zwischen zehn und zwölf Grad südlicher Breite erstreckt sich in großer Ausdehnung von Ost nach West die Wasserscheide von Südafrika, ein bewaldetes, bis zu vier- und fünftausend Fuß ansteigendes, von einzelnen Bergspitzen noch bedeutend überragtes Hochland. In diesem erblickt Livingstone das fabelhafte Mondgebirge der Alten; auch die gewaltigen Quellen finden sich dort. Am Südabhange entspringt der Zambesi mit verschiedenen seiner Nebenflüsse, nach Norden zu rieseln unzählige Bäche in ein weites Thal hinab, vereinigen sich dort zu mehreren großen Flüssen und diese zu einem majestätischen Strome, welcher vielfach gewunden nach Westen und Norden fließt. Letzterer passirt im Westen des Tanganyika eine Reihe großer Seen, zwischen welchen er verschiedene Namen, wie Luapula, Lualaba führt; der Entdecker hält ihn für den eigentlichen Nil. Mancherlei Mißgeschick verhinderte ihn leider, den Flußlauf bis in schon von Norden her erforschte Gebiete zu verfolgen. So bleibt es vorläufig noch unentschieden, ob er wirklich den Oberlauf des Nils entdeckt hat, oder den des Kongo oder des Ogowai, die an der Westküste Afrikas in den Atlantischen Ocean münden. Der Chambeze, nicht zu verwechseln mit dem Zambesi, als dessen Nebenfluß er früher galt, ist von diesem durch die Wasserscheide getrennt und giebt sein Wasser an den neuentdeckten Hauptstrom ab.

Dies sind die hauptsächlichsten Entdeckungen des hochverdienten Forschers. Seine Berichte lassen leider in Bezug auf Klarheit viel zu wünschen übrig; es ist dies wohl erklärbar: verschiedene derselben sind verloren gegangen; es fehlte ihm schließlich an Papier; in die seinem Tagebuch entnommenen Auszüge, welche bei sich bietender günstiger Gelegenheit hastig zusammengestellt wurden, konnten sich leicht genug Irrthümer einschleichen, und der Zustand seiner Instrumente erlaubte ihm überdies nicht, sichere Höhenmessungen und Ortsbestimmungen vorzunehmen. Eine vollständige und klare Uebersicht dessen, was er geleistet hat, wird erst durch eine kritische Bearbeitung des ganzen von ihm gesammelten Materials ermöglicht werden, und diese dankbare Arbeit scheint er sich selbst vorbehalten zu haben.

Westlich vom See Tanganyika fand Livingstone einen Völkerstamm, die Manyema, welche entschiedene Menschenfresser sind, doch bereiste er glücklich ihr Gebiet, ohne ihrem Appetite zum Opfer zu fallen. Alle Eingeborenen, welche die Hochländer der Wasserscheide bewohnen, schildert er als intelligente, kräftige und wohlgeformte Menschen und rühmt namentlich die für Negervölker ungewöhnliche Schönheit und helle Hautfarbe des weiblichen Geschlechtes.

Es mußte ein hoher Genuß für Livingstone sein, nachdem er eine Reihe von Jahren jeden persönlichen Verkehr mit civilisirten Menschen entbehrt hatte, sich mit seinem Entdecker Stanley zu unterhalten und von ihm zu erfahren, welcher großartige Umschwung der Verhältnisse sich unterdessen in Europa vollzogen hatte. Er wußte aber auch diese Zeit nutzbar zu machen, indem er mit dem Abgesandten des „Herald“ schon am 20. November das Nordende des Tanganyika besuchte und endgültig feststellte, daß dieser See mit dem Mwutan Nsige (Baker’s Albert Nyanza) in keinem Zusammenhang stehe. Zurückgekehrt nach Udschidschi verlebten die beiden Reisenden dort das Weihnachtsfest und brachen Ende December ostwärts nach Unyanyembe auf, wo sie bis Mitte März 1872 verweilten. Dann trennten sie sich. Stanley ging mit den Berichten Livingstone’s nach der Küste, Letzterer kehrte nach Udschidschi zurück, um dort die ihm sofort von Sansibar nachzusendende neue Ausrüstung zu erwarten und dann seine Forschung zum vollständigen Abschluß zu bringen.

Unterdessen hatte die von der Londoner Geographischen Gesellschaft veranstaltete Expedition ihre Ausrüstung in Sansibar vollendet und war nach Bagamoyo übergesetzt, um von dort ihren Zug nach dem Innern anzutreten. Während dieser Zeit waren aber von Stanley verschiedene Nachrichten angelangt, welche den glücklichen Fortgang und endlichen Erfolg seines kühnen Unternehmens meldeten; mit Spannung sah man weiteren Mittheilungen entgegen. Da, am Abend des 7. Mai knatterten plötzlich Flintensalven außerhalb der Ortschaft und inmitten seiner Getreuen zog Stanley selbst ein, frisch und energisch wie immer, obgleich arg mitgenommen von Fieber und Strapazen. Echt amerikanisch und doch sehr bedeutungsvoll in ihrer Kürze ist die Bestimmung seines eigenen Körpergewichtes: als er auszog, wog er hundertachtundsiebzig Pfund, bei seiner Rückkehr nur noch hundertzwanzig Pfund.

Nach einer Conferenz mit den schon früher genannten Führern der englischen Expedition wurde diese aufgegeben. Aus ihren Vorräthen wählte Stanley die von Livingstone gewünschte Ausrüstung und sandte diese durch einige fünfzig auserwählte Leute, welche angeworben sind, um den Forscher auf allen seinen weiteren Zügen zu begleiten, nach Udschidschi ab. Die englischen Bevollmächtigten und selbst Livingstone’s Sohn zogen es vor, die Expedition nicht zu begleiten und nach England zurückzukehren. Auch Stanley reiste, nachdem alle seine Geschäfte erledigt waren, über Suez, Marseille, Paris nach England. Die Kosten seiner Expedition nach Innerafrika allein werden sich auf nicht weniger als fünfundzwanzigtausend Dollars belaufen und wachsen noch bedeutend durch die Summen, welche für die telegraphische Uebermittelung verschiedener, viele Spalten des „Herald“ füllender Berichte nach New-York bezahlt wurden.

Ehre sei dem Herrn James Gordon Bennett, dem Besitzer des „New-York Herald“, welcher zu diesem edlen Zwecke solche bedeutende Mittel zur Verfügung stellte, und Ehre sei dem Herrn Henry M. Stanley, welcher unter Preisgebung seiner eigenen Persönlichkeit diese Mittel mit solchem Erfolge benutzte! Möchten doch in Zukunft recht viele Zeitungen in Stand gesetzt sein, auch auf solche Weise im Dienste der Menschlichkeit und Wissenschaft zu wirken, und möchten sie immer energische Männer finden, welche in diesem Sinne handeln!




Ein Orangenzweig.


Von A. Godin.


(Schluß.)


Ein Mädchenherz.


Von Novemberstürmen geschüttelt, sank das buntgefärbte Laub täglich reichlicher nieder, und die Bäume des Parkes streckten schon gar öde kahle Arme aus, als zwei Damen zur Mittagszeit dessen Gänge durchschritten. Dennoch schien die Sonne noch warm genug, um einen Spaziergang angenehm zu machen; überdies [645] sprach und erzählte die Aeltere von Beiden mit so großer Lebhaftigkeit, daß Eifer in diesem Augenblicke ihr wohl ebenso sehr die Wangen röthete, als die herbstlich frische Luft. Mitten in ihrem Vortrage unterbrach sich die würdige Dame jedoch mit einem Male, um ihrer schweigsamen Begleiterin vorwurfsvoll zuzurufen: „Aber Eugenie, interessirt Sie denn das gar nicht?!“

Obgleich die stattliche Gestalt der Präsidentin, welche diese Worte ertönen ließ, noch immer die Hälfte des Pfades ausfüllte, finden wir doch heute ihre vollen Wangen etwas schmaler als dereinst. Kein Wunder! denn unter jenen Wiesbadener Damen, welche den Frauendienst des Krieges übten, wurde sie in erster Linie genannt. Freilich spielte dabei zuweilen ein Lächeln mit, und die in solchem Zusammenhange fast frivol klingende Behauptung Mancher, daß sie ihr Amt der Menschenliebe con amore betreibe, war nicht ohne harmlose Berechtigung. Das stete Bedürfniß der ebenso gutherzigen als lebensfrohen Frau, auf Andere zu wirken und sich in ihrer Umgebung zu sonnen, ließ sie die ihr übertragene Leitung des Regierungslazareths mit einer Art von Leidenschaft führen. Frei von persönlichen Pflichten, ging sie in der Sorgfalt und den Interessen für ihr Hospital völlig auf und war davon so durchdrungen, daß sie auch außerhalb desselben nicht im Stande war, ihre Gedanken auf irgend einen andern Punkt zu richten. Wurde ihr halb scherzend vorgeworfen, daß Knochensplitter ihr liebstes Thema wären, so begann sie, jede Ironie arglos überhörend, sofort eine neue Krankheitsgeschichte. Kein Zug entging ihrer Beachtung, weder jener des Humors, der auf dem Januskopfe alles Menschlichen auch inmitten des größten Elends seine schalkhaften Linien zeichnet, noch die rührenden Episoden, welche, an nahe oder ferne Fäden geknüpft, diesen Krankenbetten mitunter so weihevoll nahten. Sie legte überall Hand an, wo es Noth that, griff geschickt zu, wenn es galt, einen schwer Leidenden umzubetten, hielt mit ihrem starken Nervensysteme selbst bei Operationen muthig aus und war die beste Gehülfin des Arztes. Dabei kannte sie die Leiden, Wünsche und Bedürfnisse, selbst die Launen jedes Einzelnen in allen Sälen, und wo immer ihr rundes mütterliches Gesicht sich blicken ließ, konnte man sicher sein, zugleich Behagen und Humor auftauchen zu sehen. Ja, es war ihr wirklich begegnet, von einem jungen Blute ganz treuherzig als „Mama“ bezeichnet zu werden, und, weit entfernt davon, dies dem gemüthlichen Rheinländer übel zu nehmen, war sie nicht wenig stolz auf ihre Popularität.

Nichts war ihr unbegreiflicher als ein Mangel an Enthusiasmus, wo es diese Interessen galt, und deshalb hatte sie auch jetzt voll staunenden Vorwurfs gerufen: „Aber interessirt Sie denn das nicht?“

Eugeniens von der Sprecherin halb abgewandtes Profil veränderte seine Richtung nicht. Wie in tiefster Zerstreuung hingen ihre Augen auf dem welken Laube, das den Boden deckte; sie ging vorwärts, doch glich ihre Bewegung der einer schreitenden Statue, so lautlos, so, man möchte sagen, regungslos glitt die schöne Gestalt dahin; Alles an ihr schwieg und lauschte, nur die langen Wimpern zitterten leise.

„Sie können doch diesen reizenden Menschen unmöglich bis auf den Namen vergessen haben!“ eiferte die Präsidentin, als selbst ihr Anruf keine Erwiderung fand. „Den vollendetsten Cavalier, der sich vor ein paar Jahren so angelegentlich um Sie bemüht hat! Ach, denke ich an diese Ballnacht und sehe ihn jetzt so hülflos auf dem Krankenlager, dann steigen mir Thränen in die Augen! Solch herrliches Bild frischesten Lebens, und nun seit Monaten im jammervollsten Zustande; nach unsäglichen Leiden kaum dem Tode entgangen!“

„Aber jetzt –“ sprach Eugenie tonlos, „sagten Sie nicht vorhin, Herr von Triefels sei außer Gefahr?“

„Außer Lebensgefahr, ja!“ nickte die Präsidentin, „aber wie elend noch! Bedenken Sie nur, liebes Kind, was ich Ihnen eben erzählte! Viele Wochen lang im Hospital zu Douchery, ohne daß nur daran zu denken war, ihn zu evacuiren, und nun die Anstrengung des Transports, von Etappe zu Etappe! Noch gestern sagte er mir, wie er sich an’s Ziel gesehnt, daß er solch Vertrauen zur hiesigen Quelle hat, und wie es ihn gequält, daß die Aerzte immer wieder tagelange Rast gefordert, ehe sie die Weiterreise gestatteten. Wir wollen ihn aber schon gesund pflegen! Ich bin sehr froh, daß die Officierszimmer in der Wilhelmsheilanstalt alle besetzt waren und er zu uns gekommen ist. Es freut ihn selbst, er hat es mir gesagt, und ich mußte ihm täglichen Besuch versprechen. Ei, versteht sich! Von Unterhaltung ist nun freilich nicht viel die Rede, die Brust muß noch sehr geschont werden, und vieles Sprechen ist ihm untersagt, aber man kann doch ein paar Worte wechseln, kann ihm Dies und Jenes zu Gefallen thun!“

„Und er wird genesen?“ fragte das junge Mädchen kaum hörbar.

„Vollständig!“ erklärte die Präsidentin zuversichtlich. „Der Arzt ist ganz zufrieden. Alles geht gut, weit besser als man zuerst erwarten konnte. Noch einige Wochen und wir sehen den tapfern Helden wieder als brillanten Cavalier. Denken Sie, Eugenie, er hat nach Ihnen gefragt, wollte wissen, ob Sie in Wiesbaden anwesend wären. Ich werde ihn von Ihnen grüßen.“

Die kleine, selbst durch den Handschuh eisig zu fühlende Hand spannte sich mit heftigem Drucke um den Arm der alten Dame. „In keinem Falle,“ sagte Eugenie mit halberstickter Stimme – „in keinem Falle!“

„Das ist aber Prüderie, meine Liebe,“ erwiderte die Präsidentin verdrießlich; „mein Gott, ein so schwaches Zeichen der Theilnahme, wie ein Gruß ist, kann man doch wahrlich einem alten Bekannten auf seinem Schmerzenslager gönnen.“

„Einem alten Bekannten, ja!“ sagte Eugenie jetzt mit voller Herrschaft über Ton und Blick; „aber wenn Sie bedenken, wie viel Zeit, welche Ereignisse zwischen einem längst verklungenen Ballabend und heute liegen, so geben Sie mir gewiß zu, daß ein Gruß von mir Herrn von Triefels befremden müßte, wenn ihn auch das Zusammentreffen mit Ihnen flüchtig an seine Tänzerin erinnert hat. Bitte also, lassen Sie es lieber!“

„Wie Sie wollen,“ schmollte die Präsidentin; „wäre ich an Ihrer Stelle, so schickte ich ihm nicht nur einen Gruß, sondern eine Rose, oder sonst etwas Zartes, wie es dem Kranken wohl thut, einem Helden gebührt! Aber ganz, wie Sie wollen; ich bescheide mich ja!“

Eugenie lächelte gedankenvoll, während sie der alten Dame in die vergebens unwilligen Ausdruck versuchenden Augen blickte und stehen blieb, um sich von ihr zu verabschieden, da Beide an dem zur Villa sich abzweigenden Pfade angelangt waren. Mit rascher Bewegung hob sie die Hand der Präsidentin an ihre Lippen und sagte liebevoll: „Wer von Ihnen gepflegt und gehegt wird, bedarf Nichts von außen!“ – Versöhnt und befriedigt blickte die gute Frau der lieblichen Gestalt nach, die im Hause verschwand, und setzte mit Ruhe ihren Weg nach der Stadt fort, nicht ahnend, welchen Sturm ihre Mittheilung im Innersten ihrer jungen Freundin zurückgelassen.

Er war hier! in ihrer Nähe! Verwundet – seit Monaten von Schmerzen gequält! – so nahe war ihm der Tod gewesen, daß eine Linie tiefer sein Herz für ewig still stehen ließ – das Herz, welches sie so streng von sich gewiesen! – Heute kämpfte sie nicht mehr gegen das ihre! Jeder Pulsschlag flog dem Geliebten zu, sie wog weder eine Schuld, noch dachte sie an Vergeben; nur ein Bewußtsein war kraftvoll lebendig: sie fühlte sich die Seine! Niemals hatte sie dem Erlebten freiwillig nachgehangen, es immer von Neuem fast gewaltsam von sich gescheucht und doch empfunden, daß Erinnerung gleich einer ewigen Lampe im tiefsten Schacht ihrer Seele glühte.

Eugenien war zu Muthe, als sei ein Reif gelöst, der gewaltige Kräfte gefesselt – und sie irrte nicht, denn die höchste Kraft ihrer Natur war Treue! Ihr stets zu den Höhen des Lebens strebendes Wesen hatte unter dem langen Widerstreite des Nichtwollens und doch Müssens unendlich gelitten, jetzt hob befreites Bewußtsein sie plötzlich weit über Kampf und Streit. Zugleich aber pochten die verzärtelten Kinder der Liebe, Sehnsucht und Erbarmen, mit mächtiger Stimme an ihr Innerstes! Seit dem Empfang jener Blüthen wußte sie, daß ihr Bild unerloschen in Triefels’ Seele lebte – durfte, mußte sie nicht jetzt durch ein ähnliches stummes Zeichen, das ihrer Frauenwürde nichts vergab, Licht über sein Schmerzenslager gießen? Alle die Gestalten, welchen ihre Hand seit Monaten Tröstung gereicht, all die Leiden, welche sie geschaut und mitempfunden, verkörperten sich ihr zu dem einen Bilde, dessen sehnsüchtige Augen sie anzuflehen schienen: „Einen Tropfen Deines süßen Trostes!“ Und doch klang durch all das Locken und Drängen die gleiche Empfindung tiefster Scheu, welche sie den Gruß durch eine Dritte hatte verweigern lassen, gleich dem Refrain jenes alten Liedes: „Sei still, mein Herz!“




[646]
Weihnacht im Lazareth.


„Gehen Sie schon?“ fragte Triefels bedauernd, als die Präsidentin sich nach kurzem Morgenbesuch erhob. Das Zimmer, worin der Kranke gebettet, war nicht eben geräumig, aber hoch; es erschien luftig, da ein dreitheiliges Fenster, welches fast die ganze Breite der Front einnahm, ein großes Stück Himmelblau zeigte und den vollen Strahl der heiteren Wintersonne einließ. Ein kleiner, mit Mappen, Büchern und Zeitungen besetzter Tisch war dicht an das Lager gerückt; an der Wand gegenüber stand auf der Commode ein mit silbernen und goldenen Nüssen, blitzenden Glaskugeln und allerlei militärischen Emblemen aus Zuckerwerk reichbehangenes Weihnachtsbäumchen.

„O, die Zeit wird Ihnen nicht lang werden. Sie bekommen sicher viel Feiertagsbesuch,“ tröstete die gute Dame. „Ich muß aber durchaus hinüber; es giebt heute alle Hände voll zu thun für die Weihnachtsbescheerung!“

„Bekommt Jeder ein Bäumchen?“ lächelte Triefels, indem er mit einem Blick auf die kleine Tanne dankbar ihre Hand an die Lippen zog.

„Jeder freilich nicht!“ entgegnete sie geschmeichelt, „aber Alle zusammen bekommen einen Baum, den größten und schönsten, der nur aufzutreiben war. Und ein kleines Geschenk bekommt Jeder, sogar die Franzosen! Es wird wunderschön; ich freue mich wie ein Kind darauf! Die guten Leutchen werden so vergnügt sein!“

Triefels streifte mit dem müden Blicke des Gefangenen die engen Wände seines Zimmers. „Könnte man dabei sein!“ äußerte er mit einem leichten Seufzer.

„Ei, warum denn nicht!“ rief die Präsidentin eifrig. „Nichts leichter, wenn Ihnen das Freude macht! Vier oder fünf der Leute werden mit Erlaubniß des Doctors sammt ihren Betten in den großen Saal getragen, um der Bescheerung beizuwohnen; gewiß hat er nichts dagegen, wenn man auch Ihr Bett sachte hinüberbringt, der Weg führt ja nur die paar Schritte über den Corridor. Ein prächtiger Gedanke! nun freue ich mich noch einmal so sehr!“

Triefels schüttelte den Kopf: „Es war ja nur ein Einfall.“

„Aber ein guter!“ eiferte die lebhafte Frau, „und er muß ausgeführt werden! Nein, Sie dürfen es mir jetzt nicht zu Leide thun, sich anders zu besinnen! Es wird solch hübsche Abwechselung für Sie sein, und Sie werden sehen, wie bequem ich Ihnen Alles einrichte. Sie sollen so leicht und vorsichtig wie möglich hinübergetragen werden. Auf Wiedersehen also, gegen Abend!“ Ehe Triefels nochmals einen kaum ernstlich gemeinten Widerspruch erhoben hatte, war sie verschwunden, überzeugt, ihren Lieblingspatienten heute wie immer erheitert zu haben.

Zwischen Beiden hatte sich in den vier Wochen, welche der Officier im Lazarethe zugebracht, das zutraulichste Verhältniß herausgebildet; was aber dem Tone des Pfleglings eine so besondere Wärme verlieh, ahnte die gute Präsidentin doch nicht. Wie man den Ort der Liebe liebt, so wird auch jede Gestalt, die, wenn auch noch so passiv, mit theuren Erinnerungen verknüpft ist, dem Herzen sympathisch, und hier wurde die harmlose, mittheilungslustige Frau sogar zu einem Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, welches dem stummen, schweigend immer mehr erstarkenden Leben Klang und Ton verlieh. Für Triefels’ Gewandtheit war es eine leichte Aufgabe, die Präsidentin häufig zu einer Aeußerung, einem Bericht über Eugenie hinzuleiten, und dies geschah so unmerklich, war bei der Vorliebe, welche die leichtplaudernde alte Freundin für das liebe Mädchen hegte, so natürlich, daß ihr selbst am wenigsten auffiel, wie oft und mannigfaltig dies Thema verhandelt wurde. Längst hatte Triefels Alles erfahren, was über Eugenie zu berichten war; ihre Liebenswürdigkeit, ihre Hingabe an die neuerdings übernommenen Pflichten, ihr hoher Sinn wurden gebührend gerühmt, aber auch sanfter Tadel blieb nicht aus, denn nach Ansicht der Präsidentin war sie für ihre Jugend doch gar zu ernst, und die Consequenz, mit der sie jede Bewerbung um ihre Hand ablehnte, wurde als Marotte bezeichnet; es klang hierbei sogar ein Ton von Empfindlichkeit durch, und kaum verhüllte Andeutungen ließen errathen, daß die mütterliche Freundin mit der Fürsprache für einen von ihr bevorzugten Freier selbst gescheitert war.

Noch war die Geliebte also frei! aber sie blieb darum nicht minder für ihn verloren! Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hoffte Triefels mit heißem Wunsche auf ein wenn auch noch so leises Zeichen der Theilnahme – es blieb aus. Er wußte, daß die Präsidentin mit Eugenie von ihm gesprochen; es erschien ihm so naheliegend, daß sie wenigstens einmal einen Gruß an ihn sandte, der ihm die Möglichkeit neuer Anknüpfung gegeben hätte, aber er hoffte und harrte vergebens, und Muthlosigkeit zog erst jetzt mit ihrer ganzen Oede in sein Herz ein. Bis dahin hatte er noch immer an eine Zukunft geglaubt, mit jenem Bedürfniß, jenem Rechte echten Gefühls, das sich im Schweigen mehr noch vertieft als im Aussprechen. Es war ein Traum, ein allzu kühner Traum gewesen! Auf die Macht der einst geweckten einst zugestandenen Liebe hatte er gebaut, und nicht einmal Theilnahme war als schwacher Bodensatz zurückgeblieben. Oft verwünschte er jetzt den glühenden Eifer, womit er den Vorschlag des Arztes in Douchery ergriffen, seine Heilung in dem für Schußwunden so günstigen Wiesbaden zu vollenden; er sehnte sich fort, in die ferne nordische Heimath, zur Schwester, die sich nur in Rücksicht auf die Gefahren eines weitern Transports, sowie auf den Nutzen, welchen die Heilquelle gewährte, hatte bewegen lassen, auf seine Pflege in ihrem Hause zu verzichten. Und nie hatte sich diese Reue so lebhaft geregt wie gestern, am Christabende, wo er, an das einsame Lager gefesselt, mit geschlossenen Augen die jubelnden Kinderstimmen der kleinen Nichten zu hören träumte und mit der ganzen Sehnsuchtsschwere eines verletzten Herzens nach der Heimath verlangte. Zugleich mit den Kerzen des Christbäumchens, das ihm die mütterliche Hand der Präsidentin bescheert, war ihm die letzte, kaum sich selbst gestandene Hoffnung erloschen.

Die trüben Gedanken wichen nicht von ihm, auch heute nicht, trotz der fröhlichen Weihnachtsglocken, die den Festmorgen eingeläutet, trotz des lachenden Sonnenscheins, der die von Haus eingetroffenen Liebesgaben beleuchtete, und Arno war der in Aussicht stehenden Zerstreuung wirklich froh, als bald nach Dunkelwerden vier Träger anlangten und ihn unter der Aufsicht einer Pflegerin vorsichtig sammt dem Bette in den großen Saal hinübertrugen. Dort stand die Präsidentin schon zu seinem Empfange an der Schwelle bereit und wies die Leute an, sein Lager an der Mitte der langen Seitenwand niederzustellen, wo sich die beste Uebersicht des Ganzen bot.

Interessirt umfaßte sein Blick das gestaltenreiche Bild, welches sich hier entwickelte. In der Mitte des großen, reich ausgestatteten Saales, welcher zu anderen Zeiten glänzende Gesellschaft zu vereinigen pflegte, stand auf einem Tische der mit Lichterglanz übergossene, über und über geschmückte Weihnachtsbaum. Zur Rechten und Linken desselben senkten sich mächtige Kronleuchter von der Zimmerdecke herab, deren glitzernde Krystallverzierungen im Schimmer der Kerzen farbige Lichter sprühten. Unter jedem derselben stand eine lange weißgedeckte Tafel, mit Zierbäumchen besetzt; auf der einen lagen zahllose Päckchen Tabak und Cigarren; die andere war mit einer Menge farbiger Tücher und Shawls, Notizbücher, Pfeifen und anderer Kleinigkeiten bedeckt, welche eben noch von jugendlichen Frauengestalten beschaut und geordnet wurden.

Rings an den Wänden standen Lagerstätten, theils von ihren darauf gefesselten Inhabern besetzt, theils von Genesenden als Sitzplätze benutzt. Zwischen den Betten und vor denselben drängten sich Soldaten aller Waffengattungen, den Arm, den Kopf noch in der Binde, den Fuß im weiten Filzschuh, von der Krücke gestützt, Mancher das Glied entbehrend, welches die Kugel ihm entrissen, Andere blaß und hager von lange erduldeten inneren Leiden, Dieser gekrümmt von Gicht, Jener mit unförmlich geschwollener Wange – Alle aber in dieser Stunde mit dem gleichen Blicke heiterer Aufmerksamkeit, erwartungsvollen Vergnügens, untereinander Scherzwort und fröhliches Geplauder tauschend.

Eine gewisse Stille, die fast gleichzeitig im ganzen Saal entstand, lenkte Triefels’ Blick dem Eingang zu. Eben war der Geistliche angelangt und schritt freundlich grüßend der Hinterwand entgegen, um von dort aus kurze, schlichte Worte an die lauschenden Krieger zu richten. Es waren nur wenige Sätze und Gedanken und sie fanden den einfachsten Ausdruck – dennoch wurden fast Aller Augen feucht beim Hinweis auf den Gott der Schlachten, der manchen guten Cameraden bereits in sein himmlisches Reich genommen, der Allen, die sich hier zur schönsten heimathlichen Feier vereint, die hohe Gabe des Lichts und des Lebens [647] bewahrt; bei der Erinnerung an die Cameraden im Feindeslande, welche vielleicht in demselben Augenblick stritten um Leben und Tod, denen keine Weihnachtskerzen friedlich leuchteten wie hier! – Lautlos stand Jeder, bis der Geistliche sich am Schluß seiner herzerhebenden Worte dem in seiner Nähe aufgestellten Pianino zuwandte, mit festem Griff einige Accorde anschlug und dann mit bewegtem Tone das Weihnachtslied anstimmte: „O du heilige, o du selige, wonnevolle Weihnachtszeit!“

Wie zurückgedämmte, plötzlich entfesselte Fluth unaufhaltsam hervorbricht, strömte, brauste der Chorgesang gleichzeitig aus allen Kehlen und füllte den weiten Saal. Für einen Moment that sich der Himmel auf, die Weihnachtskerzen strahlten überirdisches Licht aus, höchste Weihe trug alle Herzen über Zeit und Raum. Hell klangen Frauen- und Kinderstimmen zwischen den kräftigen Lauten der Krieger, harmonisch wie die Empfindung, die Alle vereinte.

Triefels war, auf den rechten Arm gestützt, den Worten und Bewegungen des Predigers aufmerksam gefolgt; nun, beim Beginn des Gesanges, wandte er den Blick in die Tiefe des Saals zurück. Ein unwillkürlicher, ihm entschlüpfter Laut verhallte unter dem Brausen des Chors. An dem seinem Bette fast gegenüberstehenden Mitteltische, wo Stühle für die anwesenden Damen aufgestellt waren, hatte er Eugenie erblickt. Sie mußte eben erst eingetreten sein, denn sie saß nicht, gleich den Andern, sondern stand hinter einem der Sitze. Ihre Wange war durchsichtig bleich; die schweren Locken fielen kaum geordnet auf das schwarze Gewand, welches sie trug. Während Strophe auf Strophe des Gesanges dahinrauschte, stürzten immer neue Thränen auf die leichtgefalteten Hände nieder, die sich an die Lehne des Sessels stützten. Der schöne Kopf war tief gesenkt.

Und tief in sich gesenkt waren auch Eugeniens Gedanken. Gleich einem Traum wogte Alles an ihr vorüber, ihr war nicht weihnachtsfreudig zu Muthe. Seit einigen Tagen ruhte schwere Kunde in ihrem Herzen und webte sich durch all ihr Fühlen und Denken: Rudolph Eckhardt war vor dem Mont-Avron gefallen, und die Bestätigung der Nachricht durch Gotter an sie gelangt. Wie mächtig diese Botschaft an ihrem Innersten gerüttelt, kam ihr selbst erst allmählich zum Bewußtsein. Während sie in der Einsamkeit ihres Zimmers weinte und betete wie auf einem Grabe, entrang sich der Trauer ein Entschluß, der ohnedies wohl noch langer Kämpfe bedurft hätte.

Das junge Herz, dessen Hingebung sie erst in der letzten Stunde erkannt, dem sie durch ihr Abwenden so namenlos weh gethan, war stumm geworden – kein Blick, kein Wort vermochte fortan gutzumachen, was es um sie, durch sie gelitten! Ein anderes Herz aber, ihr mit gleicher Treue ergeben, schlug noch dem Leben, der Zukunft, und auch dies ließ sie leiden, durch gleiches Abwenden leiden, nur – weil Stolz und weibliche Scheu dem eigenen Wunsche des Vergebens und Gewährens den Sieg nicht gönnen wollten! Tief blickte Eugenie in die Gründe ihrer erschütterten Seele hinab! Unter dem Geläute der Weihnachtsglocken ward der letzte Kampf durchgerungen – dem Lebenden gerecht zu werden, erschien ihrer hochgespannten Empfindung zugleich als Sühne für den Todten.

Die letzte Strophe des Weihnachtsliedes verhallte. Eugenie erhob den Kopf und ließ ihren träumerischen Blick durch den Saal irren. War es magnetische Gewalt, die ihr Auge plötzlich mit jenem andern zusammentreffen ließ, das an ihr hing, als gälte es Tod oder Leben? Sie senkte es nicht; leuchtend, tief, unermeßlich tief ruhten über den Raum hinweg, der sie trennte, die Augen ineinander. Nur für einen Moment. Dann schob sich die durch den Saal fluthende allgemeine Bewegung als Schranke vor das stummberedte Erkennen.

Unter Anführung der Präsidentin, deren füllereiche Gestalt in wunderbarer Beweglichkeit bald hierhin, bald dorthin kugelte, begann die Vertheilung der Geschenke. Ein Schwarm junger Mädchen, theils zum heutigen Feste geladen, theils Pflegerinnen des Hauses, trug all die kleinen Gaben gleichzeitig in verschiedene Richtung und theilte mit lächelnder Freude den Weihnachtsgruß in alle die heiter dargestreckten Hände aus. Eugenie hatte an einem der Tische Posten genommen und reichte den hin und wieder Schwärmenden unermüdlich die Geschenke zu. Schon war das Meiste ausgetheilt, als die Präsidentin zu ihr kam und bittend sagte: „Nun, Eugenichen, heute müssen Sie lieb und gut sein und mir auch einmal einen Gefallen thun! Ja? Bringen Sie meinem armen Triefels ein Geschenk! was Sie wollen, ein Pfeifchen oder ein Notizbuch, nur damit er nicht ganz leer ausgeht! Von all den jungen Dingern will keine zu dem einzigen anwesenden Officier hingehen, und es wäre doch nicht nett, wenn solch alte dicke Mutter wie ich ihm ein Andenken an den hübschen Abend brächte. Ueberdies sind Sie die Einzige hier, die er von früher kennt; ich weiß gewiß, daß es ihn freuen würde, nicht wahr, Sie thun es mir zu Liebe?“

Eugenie nickte stumm, und während die Präsidentin befriedigt weiter eilte, suchte sie mit bebender Hand unter den vor ihr liegenden Kleinigkeiten herum, ohne zur Wahl zu kommen. Unschlüssig blickte sie vor sich hin; da streifte ihr Auge die zwischen den Sachen stehenden Ziergewächse. Purpur flatterte über ihr Gesicht. Sie neigte sich hastig vor und brach von einem der Bäumchen einen grünen Zweig. Dann blieb sie regungslos stehen. Im nächsten Augenblick jedoch schritt sie langsam und ruhig, mit gewohnter Anmuth um den Tisch, nach der andern Seite des Saales hinüber und stand an Triefels’ Lager.

Er hatte ihre ihm durch den Weihnachtsbaum halb verdeckte Gestalt während der letzten Minuten nur undeutlich unterscheiden können, und als er sie jetzt so unerwartet in seiner Nähe sah, stockte ihm Puls und Stimme. Ganz in Gluth getaucht, stand sie stumm vor dem Schweigenden. Plötzlich hob sie die Wimpern und sah ihn an.

Die zitternde Hand reichte ihm einen Orangenzweig.




Dankfest


Im weiten deutschen Reiche lag die Menge auf den Knieen, den Ewigen zu preisen! Wohl hatten schon vor Monden allerwärts die Fahnen dem Friedensfeste geweht, war der Glocken Feierstimme ihm erklungen – heute aber hob sich der Lobgesang überall zur gleichen Stunde und millionenfältig drang das Te Deum durch alle Lande. Wo immer deutsche Zunge sich regte, ein deutscher Tempel sich wölbte, trug das heilige Echo vollen Geläutes den gleichen Dankeslaut empor. Mit Blumen, den Symbolen des Friedens, schmückte sich die kleinste Waldcapelle so freudig wie der Hochaltar des stolzesten Doms – weit über das Land und Meer, im fernen Welttheil ertönte heute das hohe Lied: „Großer Gott, Dich loben wir!“

Und im Palaste der Könige, wie im Dachstübchen des Aermsten, überall wurden Feste gefeiert – wärmer drückte der heimgekehrte Krieger Weib und Kind an’s Herz, theurer als je ward ihm der heimische Herd, den er mit seinem Blute geschirmt.

Wohl wallte manche trauernde Gestalt gesenkten Hauptes zwischen all den Frohen dahin, aber wenn auch die Thräne noch so heiß niederstürzte, so ward doch empfunden, daß heute das schwarze Gewand nicht nur der Trauer, auch dem Preise der Theuren galt, daß die brennenden Schmerzen der Wittwe, der Waise nicht vergebens durchgerungen wurden, daß sich der Phönix Friede aus der Asche der Geliebten emporgeschwungen. Dem Boden, welchen sie mit ihrem Blute gedüngt, war stolze Saat entsprossen! Um Süd und Nord, von der Ostsee bis zur Alpe, spannte der alte deutsche Volksgeist kraftvoll den liebenden Arm, alles Getrennte vereinend, auch die lang entrissenen Stammgenossen trotz ihres spröden Abwendens mit dem Bewußtsein an sich ziehend, daß über allem Gewöhnen und Entwöhnen das treue vaterländische Herz mit seinem ewigen Besitzrechte steht.

Die Glocken, welche das Dankfest des 18. Juni eingeläutet, bedeuteten einem glücklichen Paare doppelte Feier. Vor demselben blumengeschmückten Altar, von dem aus das feierliche Loblied angestimmt worden, reichte Eugenie Arno Triefels die Hand zum Bunde für das Leben. Noch lag durchscheinende Blässe auf den Zügen des Genesenen, die feste Haltung der hohen Gestalt bewies aber, daß er sich wieder fähig fühlte, dem liebreizenden Wesen an seiner Seite nicht Liebe nur, auch Schutz und Stütze zu bieten.

Vielleicht lag in der Stimmung, womit Staatsrath Wallmoden der Trauung beiwohnte, etwas von der Empfindung, welche wir eben noch als die des neugewonnenen Stammlandes angedeutet – die Achtung war erobert, die unauflösliche Verbindung als Schluß und Recht des Schicksals erkannt und angenommen; um aber das Opfer in Neigung zu wandeln, bedurfte es noch – der Zeit.




Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.
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Blätter und Blüthen.


Aus hessischer Zeit. Wie bekannt, zeichnet sich das frühere Kurfürstenthum Hessen, jetziger Regierungsbezirk Kassel, durch den Reichthum seiner Forsten aus, und der von der Diemel und Weser umflossene Reinhardtswald ist es, der seiner herrlichen Eichenbestände und seines reichen Wildstands wegen die Krone derselben bildet. Da nun die hessischen Fürsten passionirte Jäger waren, so wird man es ganz natürlich finden, daß Herz und Sinn derselben sich dieser fast acht Quadratmeilen großen Waldung zugewandt hatten. Leider war aber auch der Reinhardtswald, in welchem viele Walddörfer liegen, das Eldorado der Wilddiebe und diese durch ihre Schlauheit und Localkunde, wodurch sie bei ihren Pirschgängen aller Nachstellungen der Forstbeamten spotteten, weit und breit berühmt und berüchtigt.

Vorzugsweise war es jedoch das große Kirchdorf Gottsbüren, welches, im Herzen dieser prächtigen Eichenwaldung gelegen, seit Jahrhunderten seine früheren Ruf als katholischer Wallfahrtsort mit dem eines protestantischen Wilddiebnestes vertauscht hatte. Auch des Exkurfürsten Liebe besaß der Reinhardtswald, und nichts konnte den gar eigenthümlich gearteten Herrn mehr in Wallung bringen, als irgend eine Anspielung auf die Wilddiebereien in seinem geliebten Reinhardtswalde.

Nachfolgende Episode mag nun zeigen, wie geschickt diese Stimmung des Exkurfürsten in den vierziger Jahren von einem seiner vortragenden Räthe benutzt wurde, um einem tüchtigen Geistlichen endlich zu einer bessern Stelle zu verhelfen. Metropolitan Dr. Feierabend, seit Jahren Inhaber der ärmlich dotirten Pfarrstelle zu Gottsbüren, hatte sich schon öfters um erträglichere Stellen beworben. Bis dahin jedoch leider stets vergebens, obgleich selbst das Consistorium, welches die Tüchtigkeit Feierabend’s vollkommen würdigte, diesen stets primo loco präsentirte. Den Grund hierzu finden wir in einer der vielen Marotten jenes hohen Herrn. War seinem Ohr nämlich irgend ein Familienname nicht angenehm, so mußte der Träger desselben es büßen, und dies war bei Feierabend der Fall. Dessenungeachtet bewarb sich Anfangs der vierziger Jahre Feierabend auf Anrathen seiner Freunde um das damals vacante, sehr einträgliche Metropolitanat zu Felsberg.

Wie gewöhnlich vom Consistorium primo loco präsentirt, war sein Rescript schon ausgefertigt und von dem vortragenden Ruthe, einem Freunde Feierabend’s, dem Kurfürsten zur Unterschrift vorgelegt worden. Kaum hatte jedoch der Kurfürst den Namen Feierabend erblickt, als er höchst unwillig dasselbe weit von sich schob. Ohne mit einer Miene zu zucken und wie zu sich selbst redend, jedoch so laut, daß der Kurfürst ihn verstehen mußte, ließ der Geheime Rath, der seinen Herrn und seine Eigenheiten genau kannte, sich also vernehmen:

„Hm! hätte doch gedacht, es wäre endlich Zeit, daß Feierabend aus dem Reinhardtswalde käme.“

Kaum hatte jedoch der Kurfürst seinen geliebten Reinhardtswald nennen hören, als er auch schon in seiner gebrochenen Redeweise hastig frug:

„Wie? was? weshalb aus Reinhardtswald schaffen? Feierabend Wilddieb?“

Achselzuckend erwiderte hierauf der Gefragte, daß er das gerade nicht sagen könne, jedoch sollte Feierabend ein guter Schütze sein und einen guten Wildbraten auf seinem Tische lieben.

„So, so – schlecht’ Beispiel abschaffen will – Reinhardtswald mein ist“ – herauspolternd, ergriff der Kurfürst hastig das eben fortgeschobene Rescript, fügte demselben seine Unterschrift bei und – Feierabend war Metropolitan von Felsberg, ganz gegen seine Erwartung.

Nicht lange danach wurde in Hessen die Main-Weser-Bahn gebaut, und der Kurfürst beschloß, mit Gefolge eine Probefahrt nach Station Gensungen, in unmittelbarer Nähe Felsbergs gelegen, zu unternehmen. Damals war dies ein Ereigniß im Hessenlande, und die Bevölkerung der Umgegend strömte in Gensungen zusammen. Auch der Magistrat von Felsberg beschloß, eine Deputation an den Kurfürsten zu entsenden. Da nun auch in weltlicher Rede Dr. Feierabend die Sprache in seiner Gewalt hatte wie nur Wenige, so wurde er zum Sprecher der Deputation erwählt und erwartete an der Spitze derselben, bekleidet mit seinem Chorrock, auf dem Bahnhofe zu Gensungen die Ankunft des Landesherrn. Unter großem Jubel der Menge fuhr der Zug in den Bahnhof ein, und erfreut durch diesen Empfang, verließ der Kurfürst in froher Stimmung sein Coupé, um die Deputation zu empfangen. Feierabend’s Rede machte auf den Landesherrn und sein Gefolge einen gewaltigen Eindruck, und noch unter der Wucht desselben trat dieser auf Feierabend zu, und indem er ihm die Hand reichte, sprach er:

„Danke, danke; – schön, schön gemacht; – guter Schütz – alter Wilddieb – hab’n aber aus dem Reinhardtswald ’rausgeschafft.“

Völlig erstarrt stand Feierabend da. Der vorhin so beredte Mund vermochte kein Wort hervorzubringen, und einige Minuten verflossen, ehe Feierabend im Stande war, dem Kurfürsten zu entgegnen:

„Halten zu Gnaden, königliche Hoheit, ich habe nie im Leben ein Gewehr laden gelernt, wie viel weniger bin ich ein Wilddieb gewesen!“

Durch diese Unterhaltung sichtlich amüsirt, fuhr der Kurfürst fort:

„Still, weiß schon – nicht leugnen – nicht zum Rock paßt!“ Und damit wandte er sich den anderen Deputationen zu.

Als später Feierabend noch einmal Gelegenheit hatte, ein Wort für seine Unschuld einzulegen, erwiderte lachend der Kurfürst, Feierabend in seiner Rede unterbrechend:

„Weiß, was ich weiß – vorüber ist – Ihm in Gnaden gewogen bin.“ Aus den lachenden Mienen des kurfürstliche Gefolges ersah Feierabend, daß diesen Herren die Geschichte nicht fremd war, und erfuhr auch später, durch welches Mittel er Metropolitan geworden.

Unter dem Jubelrufe der versammelten Volksmenge fuhr der Kurfürst nach Kassel zurück. In den Augen desselben war und blieb jedoch Feierabend der Wilddieb des Reinhardtswaldes, und kopfschüttelnd erzählte sich noch längere Zeit die ländliche Bevölkerung von Felsberg, daß dem alten, stillen Metropolitan es doch Niemand angesehen hätte, daß man denselben seiner Wilddieberei wegen aus dem Reinhardtswalde habe versetzen müssen.

H. B.




„Wer so viel ertragen und tragen kann!“

 Von Katharina Koch.[1]

„Großmutter, Du mußt mit zum Circus gehn,
Um auch den starken Mann zu sehn.
Gewiß nicht hundert Männern gelingt,
Was der mit Arm und Brust vollbringt.
Großmutter, so was hast Du niemals gesehn!“
„„So will ich denn mit zum Circus gehn.““

Und im Circus, da stand er, der starke Mann,
Da staunten ihn Hundert und Hunderte an,
Wie die eisernen Kugeln er rollen ließ
Um den Leib, wie er spielte mit Schwert und Spieß. –
„Großmutter, nicht wahr, das bewunderst auch Du?“
Großmutter schwieg, sah ruhig zu.

Und er trug zuletzt noch zu Aller Lust
Einen Ambos, viel Centner schwer, auf der Brust,
Und ließ hämmern darauf und fragte dann:
Wer so viel ertragen und tragen kann? –
„Großmutter, nicht wahr, das kann nur Er?“
Großmutter lächelt: „„Ich trug wohl mehr!

„„Kommt, Kinder, wir wollen nach Hause geh’n,
Für mich giebt’s hier nichts Neues zu seh’n;
Gleich Kugeln umliefen die Sorgen mich,
Wie mit Schwertern spielte mit Schmerzen ich,
Und Kummer trug ich centnerschwer:
Nur zeigt’ ich es niemals für’s Geld, wie Der!““



  1. Wir führen unseren Lesern hiermit eine Dichterin vor, welche, jetzt im zweiundsechzigsten Jahre stehend, durch ihre dichterische Begabung in kleinerem Kreise viel Segen und Freude gestiftet hat. Sie waltet seit mehr als dreißig Jahren als Industrielehrerin an einer Mädchenschule in dem Marktflecken Ortenburg in Niederbaiern. Von der einfachen Ortsschule aus hat sie selbst mit unsäglichem stillem Fleiße sich fortgebildet, oft mit mühevoll zusammengesuchten Bildungsmitteln, und dabei mußte sie sechszehn Jahre theils daheim, theils in Regensburg sich als Dienstmagd durchhelfen. Man staunt über die gewandte Darlegung ihrer Gedanken und ihre schönen festen Schriftzüge. Freilich, Uebung hatten letztere später genug, denn ihre meisten Gedichte und namentlich ihre warmen und klaren geistlichen Lieder sind nur in von ihr selbst geschriebenen Heftchen in ihrer Heimath, in weitem Umkreis um Ortenburg in den Familien verbreitet. Weitstrahlender Dichterruhm ist auf diesem Wege nicht zu erwerben gewesen, aber in ihrem Kreise kennt „die Jungfer Base“ das Kind und der Greis und alle haben sie treu in’s Herz geschlossen. Möge sie uns verzeihen, daß wir sie aus dem Dunkel gleich an das Licht der „Gartenlaube“ ziehen; es ist schon werth, daß man in ganz Deutschland sich über ein solches Dichterwirken freue.
    D. Red.




Kleiner Briefkasten.

F. in K. Bereits im Jahrgang 1859 unseres Blattes haben wir einen eingehenden Artikel über die Marienburg in Preußen mit zwei die Burg von verschiedenen Seiten darstellenden Illustrationen gebracht und können daher nicht weiter auf diesen Gegenstand zurückkommen.

S. in Berlin. Illustrationen von Paraden, Zapfenstreichen, Illuminationen und daneben die Scene der Gequetschten, Zertretenen und Sterbenden! Lassen Sie uns lieber davon absehen.




Nicht zu übersehen!


Mit dieser Nummer schließt das dritte Quartal unserer Zeitschrift. Wir ersuchen daher die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das vierte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.

Die Verlagshandlung.




Außer dem Schluß der Erzählung von Spielhagen: „Was die Schwalbe sang“, erscheint im vierten Quartal noch

„Der Loder“ von Herman Schmid.

Aus der Reihe der unterhaltend-belehrenden Artikel heben wir die „Amerikanischen Reise- und Vorlesungsbilder“ von Louis Büchner (Verfasser von „Kraft und Stoff“), „Aus meiner Jünglingszeit“ von Gottfried Kinkel etc. noch besonders hervor.

Leipzig, Ende September 1872.

Die Redaction.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.