Die Gartenlaube (1872)/Heft 40

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[649]

No. 40.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



„Und er soll Dein Herr sein.“[1]


Der Wirklichkeit nacherzählt von E. Rudorff.


„Katharina, hat meine Nichte ihre Balltoilette schon beendet?“ fragte die verwittwete Landräthin von Herbeck eine in das Zimmer tretende Dienerin, welche Shawls, Capuzen und Wintermäntel hereinbrachte.

„Das Fräulein wird bald herunterkommen, gnädige Frau!“

„So bringen Sie uns um sechs Uhr den Thee, Katharina! Das Thermometer ist zwar auf Null gestiegen, allein eine Tasse warmen Thees kann vor einer Fahrt über Land nicht schaden!“

Katharina verließ das Zimmer, und die Landräthin erhob sich von ihrem Lehnstuhl und ging einige Male in dem schönen großen Gemach auf und nieder.

Die Dame konnte fünfzig Jahre zählen und hatte milde, freundliche Züge. Sie war in ein Gewand von schwerem Seidenstoff gekleidet. Eine schwarze Mantille hing über einer Stuhllehne; Batisttuch und Handschuhe lagen daneben und aus einem offenen Haubenkörbchen guckte ein Spitzenaufsatz mit weißen Bändern hervor. Alles schien sorglich zu der Fahrt auf den Sylvesterball vorbereitet zu sein, welche man nach D., der eine halbe Meile entfernten Hauptstadt der Provinz, unternehmen wollte.

Frau von Herbeck folgte einem lebhaften Gedankenzuge. „Wenn Emmy doch ihr Glück nicht verscherzen wollte!“ – sprach sie zu sich selbst – „einen Bewerber wie Löbau findet sie wahrscheinlich nie wieder! Aber predige man doch Vernunft einem achtzehnjährigen, durch Huldigungen verwöhnten Kinde! Emmy ist schön, schöner noch, als ihre Mutter, meine so früh dahingegangene Schwester Antoinette, es war; in wenigen Jahren jedoch wird die Schalkheit und der Muthwille, welchen die Männer jetzt so unwiderstehlich an ihr finden, ernsteren Anschauungen, vielleicht der Erkenntniß begangener Thorheiten gewichen sein! Und wer weiß, ob die Schaar der Anbeter nicht überhaupt sich lichtete, wenn meine Augen geschlossen wären!“

Der Landräthin war von ihrem Gatten, mit dem sie zwanzig Jahre in einer kinderlosen und wenig befriedigenden Ehe gelebt hatte, nach dessen vor drei Jahren erfolgtem Tode der Nießbrauch seines Vermögens und das Gut Birkenwalde auf Lebenszeit testamentarisch gesichert worden, jedoch mit der Beschränkung, daß das Gut nach dem Ableben der Landräthin an den Vetter ihres Gatten, Herrn Victor von Herbeck, fallen solle.

Emmy hatte ihren Vater, den Hauptmann von Rohr, in zartem Kindesalter verloren, und die Mutter war dem Gatten nach wenigen Jahren gefolgt. Die Landräthin nahm sich der Verwaisten in treuer Liebe an und ließ des Mädchens schöne Anlagen in der nahen Hauptstadt der Provinz auf’s Sorgfältigste ausbilden, damit Emmy nöthigenfalls im Stande wäre, dereinst auf eigenen Füßen zu stehen. Seit ihrer Confirmation lebte Emmy ganz im Hause der Tante, und je mehr diese sich an dem frischen, heiteren Wesen und der innigen Liebe des Mädchens zu ihr erquickte, um so trauriger ward sie bei dem Gedanken, daß Emmy, die so ganz geschaffen schien, Lust und Freude in einem häuslichen Kreise zu verbreiten, genöthigt sein könnte, ein Unterkommen in einem fremden Haushalt zu suchen.

„Immer mit leichtem Sinn
Tanzen durch’s Leben hin –“

sang – nein jubelte gleich der Lerche – eine silberhelle Stimme im Corridor. Die Thür des Zimmers öffnete sich und die reizendste Mädchengestalt, welche man erschauen konnte, eilte über die Schwelle, breitete die Arme aus und umschlang Frau von Herbeck.

„Emmy, Du zerknitterst ja Deine weißen Tarlatanröcke und die Rosen und Schleifen bei dieser stürmischen Umarmung,“ warnte die Tante.

„Tantchen, wenn die Röcke und die Blumen mich hindern sollten, Dir den herzlichsten Kuß zu geben, so legte ich sie gleich wieder ab! Ich wollte Dich um Verzeihung bitten, daß Du so lange auf mich warten mußtest. Mein Wellenscheitel wollte gar nicht halten, und da habe ich ihn so lange bearbeitet, bis er völlig glatt anliegt und ich wie die Kirchengängerin auf dem Bilde in unserm Kalender aussehe. Ich will auch heute eine ganz ernste Miene auf dem Ball annehmen, gehen wir doch in ein neues Jahr! Wer weiß, was es bringen wird?“

Einen Augenblick schaute das liebliche Geschöpf träumerisch vor sich hin, dann glitt wieder ein glückseliges Lächeln über die schönen Züge und Emmy rief, die Hand der Landräthin an ihre Lippen ziehend: „Was es auch bringen mag, ich will es muthig tragen, bleibt mir nur die Liebe meiner guten, trauten, besten Tante!“

Frau von Herbeck streichelte die Wangen des reizenden Kindes und sagte: „Emmy, Du hast mich so lieb, und in einem Falle thust Du doch nicht, was ich so herzlich wünsche!“

Schalkhaft und mit leisem Erröthen blickte Emmy zu der Tante auf und sagte fragend: „Löbau? nicht wahr, ich hab’s errathen?“

„Warum bist Du so kurz angebunden, so wenig liebenswürdig [650] zu unserm Nachbar? ist er nicht ein sehr ehrenwerther Mann?“

„Tante, ehrenwerth! das klingt so alt, das klingt so kalt, wie kann ein ehrenwerther Herr mich interessiren?“ Pathetisch declamirend rief Emmy:

 „Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann!“

„Nun gut, Du kleiner Schalk, lassen wir das Beiwort ehrenwerth, obwohl der achtundzwanzigjährige junge Mann es in reichem Maße verdient. Ist Löbau nicht ein geistvoller, liebenswürdiger und sehr hübscher Mann?“

„Ja, das gebe ich gerne zu, allein er ist viel zu nachgiebig. Sieh, Tantchen –“

Katharina brachte den Thee, und Emmy bereitete sorgsam eine Tasse für Frau von Herbeck, rückte deren Lehnsessel näher an den Tisch und fuhr fort, als die Dienerin das Zimmer verlassen:

„Sieh, Tantchen, ich weiß nicht, wie ich Dir das veranschaulichen soll; allein ein Mann könnte nur dann den rechten Eindruck auf mich machen, wenn er eine Art von Tyrann wäre, wenn ich um seinen Beifall buhlen, ein wenig Angst vor ihm haben müßte. Heirathe ich einmal, so soll es nicht heißen: das ist der Mann von der Frau von Löbau! Nein, mein Herr Gemahl muß Jedermann zu imponiren verstehen, und mir ganz besonders. Löbau freut sich über Alles, was ich sage, er lächelt zu meinen Thorheiten, ja er läßt sich meine Unarten gefallen. Das reizt mich geradezu, nur immer unangenehmer zu werden. Neulich im Kränzchen bei Restorfs sage ich während des Cotillons zu ihm: ‚Die Hitze ist wirklich unerträglich hier im Saale, wenn man doch Limonade herumreichte!‘

‚Fräulein,‘ sagt er beeifert, ‚ein Glas Limonade soll augenblicklich zu Ihren Diensten sein.‘

Er eilt fort, kommt mit einem Diener, nimmt diesem das Glas ab und reicht es mir.

‚Ach, das ist ja gewöhnliche Citronenlimonade,‘ sage ich enttäuscht.

‚Wünschten Sie etwas Anderes, Fräulein?‘

‚Ich trinke nur Himbeerlimonade, Herr von Löbau.‘

‚Schade, daß Sie dies nicht sofort mir sagten –‘

‚Ich sagte Himbeerlimonade, Herr von Löbau!‘

‚Wenn Sie das mit solcher Bestimmtheit versichern, so muß ich allerdings nicht gut gehört haben; ich werde gleich die gewünschte Limonade beschaffen.‘

Tantchen, ist das nicht schrecklich? Weißt Du, was ich an seiner Stelle gethan hätte?“ Emmy trat einige Schritte von dem Theetische zurück, zog ihr Gesicht in die düstersten Falten und sprach in dem tiefsten Tone, den ihre Stimme hervorzubringen vermochte: „‚Sie kleiner Naseweis,‘ hätte ich gesagt, ‚meinen Sie, ich werde Ihre Unarten so ruhig hinnehmen? Wenn Sie, anstatt für die gebotene Erfrischung zu danken, mich chicaniren wollen, so wählen Sie künftig zur Erfüllung Ihrer Wünsche einen Andern; ich fühle mich dazu viel zu schade!‘“

Bei den letzten Worten schlug die Stimme in den höchsten Discant über, und die Landräthin, in deren Mienen Aerger und Lachen miteinander kämpften, rief: „Genug von Deinen Thorheiten, Emmy! Trinke Deine Tasse Thee! Es ist Zeit, daß wir aufbrechen.“

Frau von Herbeck schellte und gab den Befehl zum Anspannen.

„Tantchen,“ sagte Emmy, als die Dienerin sich wiederum entfernt hatte, „laß mich noch vollenden, was ich aussprechen wollte. Ich finde es gar nicht so thöricht, wenn bei einigen wilden Völkerschaften die Frauen – wie man sagt – ihre Männer um so inniger lieben, je mehr Schläge sie von diesen erhalten. Nur ein Satan, ein wirklicher kleiner Satan, wird dereinst Dein Schwiegersohn,“ – hier nahm die Stimme einen wahrhaft rührenden Ton kindlicher Liebe an – „denn Du bist ja in der That meine zweite Mutter, und keine Mutter könnte gütiger sein.“

Frau von Herbeck küßte Emmy auf die Stirn und sagte: „Gott gebe, daß Alles ein gutes Ende nehme! Dein Schicksal macht mir oft genug Sorge.“

„Der Wagen ist vorgefahren!“ meldete die Dienerin, und die Reisetoilette begann. Emmy zog einen kurzen, mit Pelzwerk gefütterten Paletot an und setzte eine Capuze von weißer zarter Wolle über das prächtige blonde Haar.

„Aber Dein Paletot ist so weit, Emmy, da dringt die Kälte ja überall durch!“ warnte die Landräthin.

„So will ich den rothen Shawl um die Taille nehmen und sehe dann wie ein Russe in seinem Kaftan aus.“

„Und was ziehst Du über die Atlasschuhe, Emmy?“

„Die will ich gleich in die Stiefelchen stecken, welche Du mir zu Weihnachten gestrickt hast, Tantchen! Nicht wahr, ich bin gehorsam, ich thue Alles, was Du wünschest?“

Frau von Herbeck schüttelte leicht den Kopf.

Das Reisecostüm war angelegt; die Dienerin geleitete die Damen in den Wagen, legte noch eine tüchtige Pelzdecke über die Füße, wünschte eine glückliche Reise, und fort ging es über den knisternden Schnee.

Schnell war die Grenze von Birkenwalde überschritten, und das Herrenhaus von Charlottenhof – der Wohnsitz des Assessors von Löbau – trat als düstere, compacte Masse in dem Halbdunkel hervor. So sehr auch Emmy gegen Löbau geeifert hatte, sie bog doch das Köpfchen aus der Wagenecke bis an die Scheiben der Wagenthür und ließ prüfend den Blick über das Gebäude schweifen, in welchem nur aus zwei Fenstern des Erdgeschosses ein matter Lichtstrahl hervorschimmerte.

„Löbau ist schon nach D. gefahren; die unteren Zimmer bewohnt ja der Inspector,“ murmelte sie.

Da die Tante keine Fragen that und den Schleier noch fester über das Gesicht zog, so lehnte auch Emmy den Kopf wieder in die Kissen und träumte selig von den Freuden ohne Zahl, welche der heutige Sylvesterball ihr bringen mußte.




Assessor Otto von Löbau, an dem seine näheren Freunde mit einer fast verehrenden Zuneigung hingen, konnte bei Fernstehenden leicht für einen schwachen, lenksamen Mann gelten. Er maß die Dinge mit ernstem großem Blicke; was ihm als Recht und Pflicht erschien, davon hätte ihn nichts abzubringen vermocht; wie Unbedeutendes sich abspielte, dünkte ihn gleichgültig, und er stellte zuvorkommend den Wünschen seiner Freunde und Bekannten die eigenen nach. In den gewöhnlichen gesellschaftlichen Beziehungen gab es daher keinen freundlicheren, liebenswürdigeren Mann, als Löbau es war. Wehe Dem jedoch, welcher die Milde und Höflichkeit seines Auftretens mißverstehen und Ungebührliches wagen sollte! Einer der größten Raufbolde der Universität – als ausgezeichneter Schläger bekannt und gefürchtet – trug noch jetzt die tiefe Narbe, mit welcher Löbau’s kraftvoller Arm für eine versuchte Rohheit ihn im Duell gezeichnet hatte. –

Vor drei Jahren, als Löbau sich soeben zu einem zweiten juristischen Examen vorbereitete, fiel ihm unerwartet das schöne Majoratsgut Charlottenhof zu. Jedermann glaubte nun, er werde mit Studiren sich nicht weiter plagen und als hochangesehener Mann auf der Besitzung seiner Vorfahren sich niederlassen. Man hatte falsch gerechnet!

Das Studium, welches er begonnen, meinte Löbau auch in Ehren zu vollenden. Erst wenn er sein Staatsexamen gemacht, wollte er auf einige Monate Urlaub nehmen, um zu prüfen, wie ihm das Leben auf dem Lande und die damit verbundenen Pflichten zusagen würden. Löbau setzte einen tüchtigen Landwirth als Oberinspector in Charlottenhof ein und fixirte dessen Einkommen in der großmüthigsten Weise. Auch die Lage seiner Gutsleute stellte er so günstig für sie, als es nur geschehen konnte, ohne seinen minder gut situirten Nachbarn dadurch Verlegenheiten zu schaffen. Nach einem glänzend bestandenen Assessor-Examen war Löbau gegen das Ende des Sommers zu einem längeren Aufenthalte in Charlottenhof eingetroffen.

Emmy hatte gleich bei dem ersten Zusammentreffen den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht. Ihre Schönheit und Anmuth entzückten ihn, und selbst der Muthwille und die kleinen Unarten standen ihr so allerliebst an, daß man wohl ein wenig zürnen, jedoch nicht ernstlich böse werden konnte. Auch leuchtete – wenn sie zu der Tante sprach – ein Strahl so innigen Empfindens aus den herrlichen blauen Augen, daß kein Zweifel an ihrer Herzensgüte haften blieb. Je mächtiger das Gefühl wurde, welches Löbau erfüllte, um so schwerer ward ihm der leichte, neckende Ton der Unterhaltung dem geliebten Mädchen gegenüber.

Wenige Tage vor dem Sylvesterball beschloß er Klarheit in [651] sein Verhältniß zu Emmy zu bringen. Löbau wollte innig und voll Ernst zu ihr sprechen und, fand er sie sich geneigt – wie er es hoffte –, schnell die Entscheidung herbeiführen. In tiefster Seele bewegt und voll quälender Unruhe, traf Löbau an dem Sylvesterabend[WS 1] schon eine Stunde vor dem Beginn des Balles in D. ein. Gleichgültiges und mit Gleichgültigen zu sprechen, war ihm unmöglich; sein erstes Wort sollte an diesem Abend an Emmy gerichtet sein.

Löbau begab sich daher in eine dem Balllocale gegenüber liegende Conditorei, setzte sich in eine Fensternische und blickte auf die vorfahrenden Wagen, während er, scheinbar in die neueste Nummer der Zeitung ganz vertieft, dieselbe vor sich ausgebreitet hielt. Endlich fuhr die Equipage der Landräthin vor, die er sofort an den beiden Grauschimmeln und den großen Wagenlaternen erkannte. Wie eine Sylphide eilte Emmy die Stufen der Freitreppe hinauf; Löbau verließ seinen Platz und ging ebenfalls in das Balllocal. – Als Emmy in der Garderobe kaum die Winterhülle abgelegt hatte, traten Frau von Restorf und deren Tochter Laura – eine von Emmy’s Freundinnen – ein. Mit freudigem Ausruf begrüßten sich die jungen Mädchen, dann flüsterte Laura, indem sie in Emmy’s Haaren den Kranz von dunkeln Rosen befestigte, derselben zu: „So eben ist ein gewisser Jemand mit mir zusammen die Treppe heraufgekommen!“

„Ich weiß nicht, von wem Du sprichst!“ entgegnete Emmy, während sie das Köpfchen abwendete – anscheinend um Laura’s Bemühungen zu erleichtern.

„Schelm, Du weißt sehr gut, wen ich meine; Löbau ist Dir gar nicht so gleichgültig, wie Du uns einreden willst!“

„Mir nicht gleichgültig!“ eiferte Emmy, „er ist mir gerade so gleichgültig, wie Dir ‚Lord Merino‘!“

„Lord Merino“ hieß eigentlich Isidor Erlanger und war der einzige Sohn des reichsten Wollhändlers in der Provinz. Isidor hatte zu seiner geschäftlichen Ausbildung sich zwei Jahre in England aufgehalten und schwärmte nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt nicht nur für Alles, was er in jenem Lande gesehen, sondern ahmte auch die Sprechweise und das Gebahren der Engländer in fader Weise nach. Die jungen Mädchen, mit welchen er häufig in einem Lesekränzchen zusammenkam, hatten ihm daher spottweise den Namen „Lord Merino“ gegeben.

Laura achtete auf Emmy’s Bemerkung nicht weiter; die beiden jungen Mädchen halfen sich nun gegenseitig die von der Fahrt etwas in Unordnung gerathene Toilette ordnen, und Laura begann wiederum: „Gewiß tanzt der Bewußte heute den Cotillon mit Dir!“

„Das heißt, wenn ich es will, Laura! mir wird dies Gerede von Euch wirklich lästig; das Beste wird sein, ich tanze gar nicht mehr mit ihm!“

„Wenn er Dich auffordert, mußt Du doch mit ihm tanzen, Emmy!“

„Ich muß? Bin ich eine Sclavin? müssen wir Mädchen uns stets glücklich schätzen, wenn solch ein gestrenger Herr der Schöpfung uns würdigt, mit ihm einen Galopp oder eine Polka zu tanzen? Nein, Du sollst sehen, was ich thun werde!“

„Kinder, seid Ihr endlich fertig? plaudern könnt Ihr ja noch den ganzen Abend im Ballsaal!“ sagte Frau von Restorf, und die Damen verließen das Zimmer.

Das Garderobenzimmer führte auf einen Corridor, und aus diesem trat man in ein schmales Vorzimmer, von dessen beiden Seiten einige Stufen in den Ballsaal führten. Dieses Vorzimmer hatte drei offene Fensterbrüstungen gegen den Saal zu, welche – gleich den Logen im Theater – den schönsten Blick über den Ballraum und den Vorzug einer gemäßigten Temperatur gewährten. Die Landräthin nahm hier auf einem gepolsterten Sitze Platz und übergab Emmy dem Schutze von Frau von Restorf, die beide Mädchen in den Saal führte.

Emmy befand sich in einer gereizten Stimmung, die ihrem Wesen sonst ganz fremd war; wem sie eigentlich zürnte, das hätte sie kaum anzugeben gewußt. Der Saal hatte sich schon mäßig gefüllt, und in der Mitte desselben standen die Ballordner und einige andere Herren, unter diesen auch Löbau.

Bei dem Eintreten Emmy’s näherte er sich ihr sofort und sagte mit gepreßter etwas heiserer Stimme: „Darf ich um den ersten Walzer bitten, Fräulein von Rohr?“

„Ich danke, Herr von Löbau, ich bin schon engagirt,“ entgegnete Emmy in einem so kurzen herben Tone, wie sie noch niemals zu dem jungen Manne gesprochen. Das Mädchen erschrak selbst, als die Worte ihrem Munde entflohen waren; sie erwartete von Löbau die Aufforderung zu einem andern Tanze, den sie jetzt angenommen haben würde, oder irgend ein Wort des Bedauerns, an das man anknüpfen konnte. Allein er verneigte sich schweigend und ging nach dem Ausgange rechts, dem Treppenansatze zu.

Ihm unmittelbar folgte Herr Isidor Erlanger, der ebenfalls um den ersten Walzer bat. Mit Lord Merino tanzen müssen! das war hart! Emmy sagte jedoch schnell zu, damit der fatale Walzer vergeben sei und sie nicht als Lügnerin vor Löbau zu stehen hätte.

Nun wandte sie den Kopf, um der Tante freundlich zuzunicken, als ihr Blick dem Auge Löbau’s begegnete, der, statt die Stufen hinaufzusteigen, wenige Schritte von ihr entfernt stehen geblieben war. Emmy erbebte unter seinem Blicke, so hatte noch kein Auge auf sie geschaut. Was lag Alles in diesem Blick! Wer ihr das hätte deuten können! Wenn sie noch einmal in sein Auge blickte?

Wie ein furchtsames Kind, welches ein Gespenst zu sehen vermeinte und allen seinen Muth zusammennimmt, um noch einmal nach jener gefürchteten Stelle zu schauen, so wendete Emmy den Kopf nach Löbau hin.

Löbau war fort!

„Mit wem wird er tanzen?“ fragte sich Emmy.

Bald ertönten die einleitenden Tacte des Walzers und Herr Isidor Erlanger holte seine Tänzerin. Emmy war schweigsam, und Lord Merino trug die Kosten der Unterhaltung. Er erzählte von seinem Aufenthalte in England, daß er dort mit einer sehr angesehenen Familie verkehrt habe, die einmal sogar den Premier – Disraeli – bei sich gesehen, und daß er beinahe dort mit diesem Staatsmann zusammengetroffen wäre. Dann fragte er, ob Emmy „Coningsby“ von Disraeli kenne und daraus erfahren habe, daß die bedeutendsten Männer der Neuzeit jüdischen Ursprungs gewesen seien.

Endlich war der Walzer zu Ende. Löbau hatte ihn nicht getanzt! Emmy ersuchte ihren Partner, sie zu der Tante in das Nebenzimmer zu führen. Vielleicht hatte diese ihn gesprochen, vielleicht war er dort. Emmy nahm sich vor, sehr freundlich zu sein und ihm den ersten Orden im Cotillon zu geben. Die Landräthin hatte Emmy tanzen sehen, und diese mußte berichten, welchen Herren sie die übrigen Tänze zugesagt.

„Hast Du Löbau nicht gesehen?“ fragte die Tante.

„Er forderte mich zum ersten Walzer auf –“

„Nun, und –“

„Ich sagte ihm, daß ich bereits engagirt sei!“

Frau von Herbeck schöpfte keinen Argwohn, und bald mischte Emmy sich wieder unter die Reihen der Tanzenden. Es folgten noch drei Tänze, und den Schluß machte der Cotillon. Löbau tanzte nicht, das war sicher, und hatte, so schien es, das Balllocal schon vor dem Beginne des Walzers verlassen. Emmy suchte die Unruhe und Unbehaglichkeit, welche sich ihrer bemächtigten, unter einer forcirten Heiterkeit zu verbergen, die ihr immer schwerer wurde und sie endlich ganz traurig machte. War dies der Ball, von dem sie so viel Freuden sich versprochen?

Keine Dame empfing mehr Sträußchen, keine wurde so oft gewählt. Emmy hatte vorzügliche Tänzer; ihre Freundinnen plauderten heiter mit ihr. Die Tante lächelte beglückt dem Lieblinge zu – allein was war mit Löbau geworden?

Um die Mitternachtstunde erschollen zwölf dumpfe Schläge im Saale; es wurde Tusch geblasen, und Jeder eilte zu den Freunden und Bekannten, um ein glückliches neues Jahr zu wünschen. Wie eine kleine Königin stand Emmy da, umgeben von einer Menge Herren und Damen, die dem heitern, reizenden Mädchen die herzlichsten Wünsche darbrachten. Und sie war so gar nicht froh!

Frau von Herbeck und einige befreundete Familien blieben zur Abendtafel. Es war zwei Uhr Morgens, als die Tante und Emmy den Wagen zur Rückfahrt bestiegen.

Leuchtend stand der volle Mond am Himmel; unzählige Sterne glitzerten an dem dunkelblauen Firmamente. Ein zarter Reif hatte die Aeste und Zweige der Bäume mit allerlei phantastischen Blüthen und Blättern geschmückt, die in dem herrlichen [652] Mondlichte gar zauberisch erglänzten. Tiefer Friede ruhte über der stillen Landschaft; kein Windhauch regte sich; man hörte nichts als die Bewegung der Räder des schnell dahinrollenden Wagens.

Emmy war müde – so hatte sie der Tante gesagt –, und beide Frauen lehnten sich schweigend in die weichen Polsterkissen des Reisewagens. Wieder hob Emmy das Köpfchen, als man Charlottenhof sich näherte. Alle Bewohner des großen Gebäudes schienen der Nachtruhe zu pflegen, nur die Zimmer Löbau’s im ersten Stock waren noch beleuchtet. Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust des jungen Mädchens. Wenige Schritte hatten sie das Herrenhaus hinter sich gelassen, als plötzlich ein wunderbarer Lichtglanz durch die Wagenfenster drang. Der Anblick, welcher sich den beiden Frauen bot, war in der That märchenhaft, und eine ungeahnte Ueberraschung sollte ihnen bereitet werden.




Unmittelbar vor der großen Gutsscheune lag ein kleiner Teich, um welchen Löbau vor drei Jahren auf den Rath des Inspectors hatte Eschen pflanzen lassen. Zwischen die mit glänzenden Eiskrystallen bedeckten Bäume waren jetzt buntfarbige, reichverzierte Lampions gehängt, deren schimmerndes Licht im Verein mit den Mondesstrahlen die spiegelblanke Fläche des Weihers zauberhaft beleuchteten. Als der Wagen der Landräthin sich vis-à-vis dem Weiher befand, rief eine energische Stimme dem Kutscher ein „Halt“ zu, die Pferde standen, die Wagenthür wurde geöffnet und – Löbau trat an den Schlag.

„Gnädige Frau,“ sagte er sich ehrfurchtsvoll vor der Landräthin verbeugend, „gestatten Sie, daß ich Ihnen ein glückliches neues Jahr wünsche.“

Die erstaunte, nur vor wenigen Augenblicken aus einem Halbschlummer erwachte Dame erwiderte einige Worte des Dankes.

Löbau gab nun ein Zeichen, und aus der geöffneten Scheunenthür ertönten, von einer kleinen Capelle ausgeführt, die Melodien eines beliebten Walzers.

„Fräulein von Rohr,“ wendete sich nun Löbau artig an Emmy, „darf ich um den ersten Walzer bitten?“

„Herr von Löbau,“ entgegnete Frau von Herbeck, „was hat diese seltsame Aufforderung zu bedeuten?“

„Gnädige Frau, es traf sich gestern Abend für mich so unglücklich, daß Ihr Fräulein Nichte den Walzer, um welchen ich sie bat, nicht mit mir tanzen konnte. Ich hoffe bestimmt jetzt keine Fehlbitte zu thun.“

„Herr von Löbau, dies kann wohl nur ein Scherz sein, und ich finde die Tageszeit dazu nicht ganz passend.“

„Gnädige Frau, ich gab mir das Wort, Fräulein von Rohr würde einen Walzer mit mir tanzen, ehe sie ihr Haus betreten hätte, und ich habe noch stets ausgeführt, was ich mir in solcher Weise vorgenommen. Für Musik und Beleuchtung ist gesorgt, der kleine Teich ist eben wie das schönste Parquet eines Ballsaales; die Nacht ist wunderbar mild und Teppiche bedecken die kurze Strecke bis zu der Eisfläche. Fräulein von Rohr, ich bitte nochmals um den Walzer.“

„Liebe Tante,“ sagte Emmy, „ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich durch meine Weigerung Dich noch einen Augenblick länger der Nachtluft aussetzte. Herr von Löbau, ich werde Ihrer Aufforderung Folge leisten.“

Mit der größten Artigkeit half Löbau dem jungen Mädchen aus dem Wagen, schloß die Wagenthür und führte Emmy über die ausgebreiteten Teppiche zu dem improvisirten Tanzplatz. Emmy war gekleidet wie bei der Hinfahrt; Löbau trug einen Paletot und eine niedrige Jagdmütze. Mit festem Arm hielt er das Mädchen auf der spiegelglatten Fläche; unter den Klängen des Strauß’schen Walzers „Das Leben ein Tanz“ und bei dem Glitzern der herrlich leuchtenden Himmelskörper tanzten sie zweimal um die Rundung des kleinen Weihers. Als Emmy wieder den Fuß auf die Teppiche setzte, sagte Löbau: „Indem ich Ihnen, Fräulein, den besten Dank abstatte, gebe ich mir zugleich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen; ich reise mit dem Morgenzuge nach der Residenz.“

„Wohl eine Vergnügungsfahrt, Herr von Löbau?“

„Nein, Fräulein, ich werde für immer in der Residenz bleiben.“

„Ach –“

„Was ist geschehen, Fräulein?“

„Ich vertrat mir den Fuß –“

„Stützen Sie sich fester auf meinen Arm, Fräulein!“

„Ich muß einen Augenblick stehen bleiben! – Herr von Löbau, ich möchte Sie sprechen, ehe Sie abreisen.“

„Das wird kaum möglich sein, Fräulein! Der Zug geht um sieben Uhr ab, und ich habe noch Manches zu ordnen.“

„Ich darf die Tante nicht länger warten lassen, allein, ich wiederhole es, ich möchte Sie noch sprechen, bevor Sie Charlottenhof verlassen. Hier liegt mein Shawl –“ Emmy knüpfte den rothen Shawl los, den sie um die Taille geschlungen, und ließ ihn niedergleiten – „besteigen Sie ein Pferd, sagen Sie unseren Dienstleuten, daß Sie meinen Shawl gefunden haben und mir denselben persönlich übergeben wollen!“

„Ich werde sofort Ihren Befehl ausführen, Fräulein!“

Schweigend legten Beide die wenigen Schritte bis zu dem Wagen zurück, in welchen Löbau seine Tänzerin hob. Dann verabschiedete er sich von der Landräthin, als wäre nichts Ungewöhnliches vorgefallen.

Frau von Herbeck befand sich in der höchsten Aufregung. Kaum war die Wagenthür geschlossen und die Pferde hatten sich in Trab gesetzt, als sie Emmy fragte, ob irgend etwas sich zugetragen habe, das dieses extravagante Benehmen Löbau’s zu entschuldigen im Stande wäre. Emmy küßte die Hand der Tante und bat, sie möge augenblicklich nicht weitere Auskunft verlangen, morgen werde sie berichten, was sie wisse. Da heiße Thränen auf die Hand der Landräthin fielen, so schwieg die Dame, obwohl sie gern Klarheit in der Sache gehabt hätte. – Die Landräthin und Emmy hatten eben die Reisekleider abgelegt, als Katharina melden kam, daß Herr von Löbau zu Pferde angekommen sei. Derselbe habe den Shawl von Fräulein von Rohr gefunden und wünsche, ihn dem Fräulein selbst abzugeben.

„Liebe Tante,“ fiel Emmy ein, ehe Frau von Herbeck eine Antwort geben konnte, „gestatte, daß ich Herrn von Löbau empfange, ich komme sogleich wieder zu Dir herauf.“

„Zünden Sie die Lampe in dem Balconzimmer an, führen Sie Herrn von Löbau hinein und melden Sie, daß meine Nichte erscheinen werde,“ sagte die Landräthin zu der alten Dienerin.

„Emmy, das ist doch unerhört –“

„Geliebte Tante, gönne mir diese kurze Frist! Du sollst bald Alles hören!“ bat das Mädchen.

Emmy hüllte die schönen Schultern in eine Mantille, schlang ein leichtes Tuch über das Haar und ging dann nach dem Balconzimmer, in welchem Löbau sie erwartete.

Ihr reizendes Gesicht trug nicht jenen schelmischen Ausdruck, der es sonst so bezaubernd machte; die blauen Augen blickten ernst, und die liebliche Stimme zitterte, als sie den jungen Mann anredete.

„Herr von Löbau, ich habe gegen Sie gefehlt, und Sie haben nach Ihrem Ermessen mir eine Strafe auferlegt, unsere Rechnung könnte also geschlossen sein; allein ich mußte meiner geliebten Mutter einst als Kind versprechen, daß ich mich nie zur Ruhe legen würde, wenn ich für eine begangene Unart nicht um Verzeihung gebeten hätte, nicht in Frieden mit mir und allen Menschen einschlummern könnte. Darum will ich vor Ihrem Scheiden Ihnen sagen, daß ich – gleich nachdem Sie mich auf dem Balle verließen – es herzlich bereute, Sie verletzt zu haben. Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht mehr?“

In der Brust Löbau’s wogte und stürmte es; sollte er Emmy’s Hand ergreifen und gestehen, was er gefühlt und gelitten? Nein, Schmerz und Grimm, welche in ihm getobt, siegten, und er sagte artig: „Ich danke Ihnen für Ihre gütigen Worte, Fräulein, und werde mich nur an diese erinnern.“

Allein seine Augen ließen sich nicht zügeln, wie die Worte, und Emmy mußte vor dem feurigen Strahl, der sie traf, erröthend die ihrigen senken.

„Herr von Löbau,“ sagte sie wieder zu ihm aufblickend, „wollen Sie mir noch eine Frage offen und wahrheitsgetreu beantworten?“

„Ich verspreche es, Fräulein!“

„War es bereits Ihre Absicht, nach der Residenz zu reisen, als Sie gestern den Ball besuchten?“

„Erlassen Sie mir die Antwort – –“

[653]
Die Gartenlaube (1872) b 653.jpg

Verwaiste Vögel im Berliner Aquarium. Nach der Natur aufgenommen von Emil Schmidt.

Bachstelze.      Wiesenpieper.      Wendehals.      Kuckuck.

[654] „Sie haben mir Wahrheit gelobt!“

„Nun wohl, ich gedachte für immer hier zu bleiben. Ich war ein Thor, ein Träumer! ich hatte mein volles Herz einem Mädchen gegeben, schön und anmuthig, wie keine zweite. Ich fühlte die Kraft in mir, sie zu schützen und zu bergen an der treuesten Brust; kein rauher Windhauch sollte meine zarte Blume treffen! Aber für den Mann giebt es noch Eines, das höher ist, als die Liebe, soll sein Wirken nicht verloren sein – die Ehre! Sie muß unangetastet bleiben; sie duldet nicht den leisesten Makel. Ein Hauch ist übergenug, ihren hellen Spiegel zu trüben. Dem Weibe, das mich liebt, müßte meine Ehre eben so heilig sein; nicht nur im Großen und Ganzen, nein, in jedem Augenblick, in jeder Aeußerung und Regung. Mit dem bittersten Schmerz habe ich mich davon überzeugt, daß es jenem Mädchen nicht nur leicht wurde, mir augenfällig eine unverdiente Kränkung zuzufügen, sondern daß sie dieselbe noch verschärfte, indem sie einen anerkannten Narren mir vorzog.“

„Herr von Löbau,“ erwiderte Emmy mit bebender Stimme, indem sie gewaltsam ihre tiefe Bewegung unterdrückte, „Sie haben nicht recht gethan, jenes Mädchen ungehört zu verdammen. Sie hätten auch daran denken sollen, daß sie eine Waise ist, die nie eines Vaters freundlich ernste Mahnung vernahm, eine Waise, die Jeder nach einer andern Richtung hin erzogen hat. Gott gab ihr einen heiteren Sinn. Darum verkümmerte sie nicht unter soviel Schwerem; wie fröhlich sie jedoch in das Leben blickte, stets regte sich in ihr die Sehnsucht, von einer starken Hand liebevoll geleitet zu werden. Sie haben gesagt, Herr von Löbau, daß es für den Mann noch etwas Höheres giebt, als seine Liebe – für die Frau ist sie gewiß das Höchste! Und weil sie ihr so heilig ist, ruht sie tief verschlossen in stiller Brust. Oft weiß ein Mädchen ja kaum, was es empfindet, und erst des geliebten Mannes Wort offenbart ihr das Geheimniß ihres Herzens. Wie zürnt sie allen Unberufenen, daß sie voreilig rütteln an dem, was so verschwiegen bleiben müßte! Und damit nicht Fremde erfahren, was sie zuerst dem Geliebten gestehen möchte, tritt sie oft herb und kalt dem Mann entgegen, der ihr so theuer ist! – Sie haben schwer gelitten, Herr von Löbau; jenes Mädchen leidet auch! Sie fühlt – – –“ Emmy stockte.

„Vollenden Sie, Fräulein, ich beschwöre Sie darum!“ rief Löbau und ergriff der Geliebten Hand.

„Sie fühlt – – – daß sie den Mann gefunden, den sie ersehnt, und – sie hat ihn verloren!“ – –

„Nein, Emmy, beim wahrhaftigen Gott, Du hast ihn nicht verloren! wer könnte solch’ hochherziger Offenheit widerstehen!“ und mit vollem Glücksgefühl umfaßte er das zitternde Mädchen.

Man klopfte.

„Die gnädige Frau wünscht Fräulein von Rohr zu sprechen,“ meldete die Dienerin.

„Wir kommen!“ rief Löbau, der sein Glück Allen verkünden wollte.

Die erstaunte Landräthin gab dem feurig Bittenden die ersehnte Einwilligung zu dem Herzensbunde. „Sie werden es jedoch schwer haben mit dem kleinen Schelm, lieber Löbau, das sage ich Ihnen zuvor,“ warnte sie freundlich.

„Fürchte nichts, Tantchen!“ entgegnete Emmy, und zum ersten Male schwebte wieder das reizende Lächeln über die schönen Züge, „Der versteht’s! Wenn ich einmal nicht thun werde, was ich soll, gleich giebt es einen Walzer auf dem Eise!“ –




Verwaiste Vögel.


Von Brehm.


„Diesmal aber habe ich etwas ganz Besonderes für Sie,“ sagte der Vogelfänger, welcher das Fluggebauer des Berliner Aquariums mit inländischen Vögeln versorgt, und löste vorsichtig das Tuch, in welches er einen kleinen Käfig eingeschlagen hatte. „Es ist eine ganze Familie, Alte und Junge, und Fremde sind auch darunter.“

In dem Gebauer wimmelte es bunt durcheinander. Zwölf Vögel kletterten und hüpften auf und nieder, hin und her, kreischten bettelnd nach Futter, suchten sich gegenseitig zu verdrängen, um zu einem älteren zu gelangen, welcher, unbekümmert um die auf ihn gerichteten Augen der menschlichen Zuschauer, unbeirrt auch durch die verschiedenen Schreihälse, von denen einer den anderen ununterbrochen zu verdrängen und zu überschreien suchte, fort und fort einen Schnabel voll Ameisenpuppen vom Boden aufnahm und bald in den einen, bald in den anderen weitgeöffneten Rachen steckte.

Es war eine Bachstelzenfamilie mit eigenen und fremden, verwaisten Vogelkindern, welche man vor sich sah. Der Vogelfänger hatte auf mein Ansuchen ein Nest der mir besonders an’s Herz gewachsenen, jedes Fluggebauer wahrhaft zierenden Stelze ausgekundschaftet, gewartet, bis die Jungen so ziemlich herangewachsen waren, sodann beide Alten nacheinander gefangen, die ganze Sippschaft in einen Bauer gesteckt, mit Nahrung wohl versehen und auf die Elternliebe der alten Vögel gerechnet, um sich die Last des Aufziehens der Jungen vom Halse zu schaffen. Seine Voraussicht erwies sich als richtig; die Eltern ließen angesichts der fünf pflegebedürftigen Jungen alle Rücksichten schwinden, atzten fleißig, und die Kleinen gediehen. Wenige Tage später fand unser Mann zufällig einen kaum noch befiederten Kuckuck in einem Grasmückenneste, aus welchem der Gauch, wie er zu thun pflegt, die rechtmäßigen Kinder verdrängt hatte, hob den Vogel ebenfalls aus und sperrte ihn in jenes Gebauer zu der Bachstelzenfamilie, in der Erwartung, daß das Mutterherz es nicht über sich gewinnen werde, den häßlichen Schreihals unbefriedigt kreischen zu hören und verkümmern zu lassen. Auch diesmal hatte er sich nicht geirrt. So belastet die alte Bachstelze war, so willig übernahm sie doch sofort die Pflege des Findelkindes und begann augenblicklich nach Kräften zu arbeiten, um den fast ununterbrochen geöffneten Rachen zu stopfen. Zwei junge Wiesenpieper vermehrten die Gesellschaft, und auch sie fanden bei der barmherzigen Waisenmutter Aufnahme und Befriedigung der Nothdurft ihres Leibes und Lebens; ja, diese ließ sich zuletzt noch herbei, zwei jungen Wendehälsen, welche ihr gebracht wurden, die nöthige Pflege angedeihen zu lassen.

So ungefähr erzählte der Mann, während die hungrige Kinderschaar kreischte, piepte, bettelte und drängte, der Gauch mit gewohnter Rücksichtslosigkeit sein allerwerthestes Ich fortwährend in den Vordergrund zu schieben versuchte, die Wiesenpieper auf ihm umherkletterten, als wäre er ein Stück Rasen, die Wendehälse ihre lange Klebezunge probten, die Mutter und Pflegemutter anscheinend unter bedauernden Blicken auf ihre ersichtlich verkürzten Jungen Ameisenpuppen aufraffte und abwechselnd bald in den einen, bald in den anderen, zumeist aber doch in den Rachen des Gauchs steckte, ohne von ihrem Gatten unterstützt zu werden, da dieser den Kopf vollständig verloren zu haben schien, bald hierhin, bald dorthin stelzte und bedeutungsvoll mit dem Schwanze wippte.

„Das giebt ein Bild für die Gartenlaube,“ sagte Emil Schmidt und schabte bereits ein Stück Kohle zurecht, um sofort mit der Aufnahme beginnen zu können; „hier stellt und gruppirt sich ja Alles von selbst.“

„Nicht wahr,“ warf der Vogelfänger ein, welcher die Gruppe noch immer wohlgefällig betrachtete und mit seiner Kunde des Vogelherzens sich hervorzuthun suchte, „nicht wahr, das ist wirklich etwas Schönes, wie man es selten zu sehen bekommen kann; ich habe mir gleich gedacht, daß Ihnen das Freude machen würde.“

„Eine Sünde und Schande ist es,“ erwiderte mißbilligend Seidel, der Futtermeister, „ein armes Thierchen so zu plagen und zu quälen,“ und streute eine Handvoll frischer Ameisenpuppen in das Gebauer, um der Waisenmutter die Abfütterung zu erleichtern.

„Gekauft aber werden sie, die Eltern wie die Kinder und Waisen,“ schloß Freund Hermes die Unterhaltung, „solcher Zug aus dem Vogelleben muß jeden Besucher des Aquariums fesseln, ein fühlendes Frauenherz insbesondere förmlich rühren. Wir wollen die ganze Gesellschaft ausstellen und ein Stück Jugendgeschichte des Kuckuck’s vor aller Augen abspielen lassen.“

[655] Und sie wurden gekauft und ausgestellt und zogen in der That die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Die bereits fast erwachsenen Jungen gediehen unter der unermüdlichen und unablässigen Pflege der Bachstelze weiter, ihr Federkleid vervollständigte sich, und schon nach wenigen Tagen waren sie, mit Ausnahme des Kuckuck’s, soweit erstarkt und selbständig geworden, daß sie der treuen Pflegerin wenigstens einen Theil ihrer Last abnehmen konnten. Die eine und die andere junge Stelze versuchte ein Bröcklein aufzunehmen, die Pieper folgten, und selbst die jungen Wendehälse lernten ihre Spechtzungen nach und nach gebrauchen. Nur der Gauch verursachte noch Arbeit und Mühe ohne Ende. Sein Hunger schien unersättlich, sein Magen unerfüllbar zu sein; wenn alle anderen Jungen sich befriedigt zeigten: er war es nie. Kaum hatte er die letzte Atzung von unzähligen hinabgewürgt, so öffnete sich der weite orangegelbe Rachen wieder, ein heiseres Kreischen wurde laut, und schwerfällig trippelnd nahte er sich der Pflegemutter, sie gelegentlich auch wohl durch einen nicht mißzuverstehenden Schnabelhieb an ihre Pflicht erinnernd. Dabei nahm er in unglaublich kurzer Zeit anscheinend um das Doppelte seiner Größe zu, das Gefieder wuchs so zu sagen ersichtlich, und je rascher er sich entwickelte, um so gewaltiger äußerte sich sein Heißhunger. Die Pflegemutter hatte, als die übrigen Kinder und Waisenkinder schon selbst fraßen, sich höchst gesittet benahmen und sie im Ganzen wenig behelligten, noch volle Arbeit, um den ewig Verlangenden zu befriedigen. Doch auch er sah es endlich den Halbgeschwistern ab, daß man selbst aus dem Futternapfe zulangen müsse, und schien zu erkennen, daß die unbeschreibliche Gier am Ende doch leichter dadurch gestillt werden könne, wenn er den weitgeöffneten Schnabel eigenmündig gebrauche, um mit einem Griffe desselben mehr in den Schlund zu bringen, als ihm die Pflegemutter bei zehnmaliger Atzung bieten konnte. So lernte er allgemach fressen und – schweigen.

Währenddem nahm unser Künstler die Gesellschaft auf wie sie war, ohne etwas hinzuzuthun oder wegzulassen, brachte das anziehende Familienbild getreulich in seine Mappe und ebenso auf den für die Gartenlaube bestimmten Holzstock.

Ich erzähle eine uralte, aber ewig sich erneuende Geschichte. So wie die Bachstelze, verfährt gar manche Vogelmutter noch. Alle echten Kuckucke werden von anderen Vögeln groß gezogen und zwar keineswegs von Stelzen und sonstigen Kerbthierfressern allein, sondern auch von Ammern und Finken, ja selbst von den so sehr mit Unrecht verschrieenen Rabenvögeln, überhaupt den zärtlichsten, hingebendsten Eltern, welche man sich denken kann. Schon gegenwärtig kennen wir über fünfzig verschiedenartige Zieheltern unseres über Europa und den größten Theil Nord- und Mittelasiens verbreiteten Kuckuck’s, und jedes Jahr fast lehrt uns neue Pflegeeltern verschiedener Verwandten des Gauchs kennen. Zu meiner nicht geringen Ueberraschung sah ich während meiner Reisen in Afrika einen Straußkuckuck, die zweite in Europa vorkommende Art der Familie, in ein Nest der Nebelkrähe fliegen, dort geraume Zeit verweilen und nachher sich wieder entfernen. Bei Besteigung und Untersuchung des Horstes entdeckte ich, daß dieser Vogel, ein Weibchen, soeben ein Ei zwischen die Kräheneier gelegt hatte. Wenige Tage später traf ich eine Krähenfamilie an, welche den jungen Straußkuckuck atzte. Diese von mir seiner Zeit veröffentlichten Beobachtungen wurden bezweifelt, sind aber inzwischen vollkommen bestätigt worden. In Spanien, wo Krähen und Straußkuckuck nicht zusammen vorkommen, legen die letzteren in die Nester der Elstern und Blauelstern, und werden von ihren Pflegeeltern mit den eigenen Jungen, welche glimpflicher als die Halbgeschwister unseres Kuckuck’s wegkommen, das heißt, nicht aus dem Nest geworfen werden, aufgefüttert und groß gezogen, so daß man in den Frühlingsmonaten auf dem Vogelmarkte von Madrid jederzeit junge Kuckucke unter den dem Neste entnommenen Blau- und gemeinen Elstern sehen kann. Ein in Indien lebender Kuckuck, der Koël, findet seine Zieheltern in der Glanzkrähe, während amerikanische und afrikanische Arten wiederum kleinere Vögel hierzu auserwählen. Nächst den Kuckucken entäußern sich die Kuhvögel, in Amerika lebende Verwandte der Staare, der Sorge für die Erziehung ihrer Jungen. Es giebt also immerhin eine ziemliche Anzahl von Vögeln, welche vom Hause aus zu Waisenkindern verurtheilt werden.

Alle bisher genannten Ziehkinder pflegelustiger Vögel wurden schon im Ei den Waisenmüttern in das Nest geschoben. Die Eier haben mit denen der Pflegeeltern eine mehr oder minder große Aehnlichkeit, und somit ließe sich vielleicht annehmen, daß die Alten den Betrug nicht merkten, sondern, wie man zu sagen pflegt, instinctmäßig brüteten und die entschlüpften Jungen großzögen, widersprächen dem nicht anderweitige Beobachtungen, welche die Barmherzigkeit der Vögel unzweifelhaft beweisen. Nicht allzuselten nämlich geschieht es, daß ältere Vögel und zwar nicht allein brutfähige Paare, sondern auch noch brutunfähige jüngere, sich hülfloser Jungen ihrer oder verwandter Arten freundlich annehmen und ihnen alle Liebesdienste, welche Eltern ihren rechtmäßigen Kindern angedeihen lassen, erweisen. Mein Vater beobachtete, wie ich bereits in meinem „Leben der Vögel“ mitgetheilt habe, daß eine Sumpfmeise die Jungen einer Finkmeise leitete, fütterte und bei Gefahr warnte, ganz als wären die Fremdlinge ihre eigenen Kinder, und daß die Pfleglinge dem fremden Elternpaare folgten und gehorchten, als sähen sie in ihm ihre Erzeuger. Ich selbst sah kleine Schilfsänger den Jungen eines verunglückten Rohrsängers Futter zutragen, ein uns befreundeter Forstmann eine Bachstelze junge Rothschwänze füttern. Auf allen Vogelbergen welche von Alken und Lummen bewohnt werden, finden sich jederzeit gutmüthige, überzählige, das heißt nicht verpaarte Vögel, welche blos auf die Gelegenheit warten, hülfsbedürftigen Jungen ihre Liebesdienste anthun zu können. Sobald eines der Eltern sich vom Neste entfernt, eilen sie herbei, um das Ei zu bebrüten oder das Junge zu füttern, und falls durch einen unglücklichen Zufall beide Eltern das Leben verlieren, übernehmen sie mit größtem Eifer die Aufzucht und Pflege der verwaisten Kindlein, so daß es auf einem Vogelberge wohl selten, vielleicht niemals so unglückliche Waisen giebt wie[WS 2] unter den Menschen. Alle Siedelvögel verfahren mehr oder weniger in derselben Weise, indem sie sich der Hülflosen annehmen, oder es sich doch gefallen lassen, wenn diese zu ihnen sich gesellen und mit den eigenen Kindern ihre Führung und Atzung beanspruchen. Entenarten, welche dicht nebeneinander brüten, gehen noch weiter, da sie gar nicht darauf warten, bis es Waisenkinder giebt, sondern lieber gleich die Eier ihrer Nachbarinnen stehlen und in ihr eigenes Nest rollen, gleichviel, ob diese Nachbarinnen mit ihnen zu einer Art gehören oder nicht. Kurz, der Trieb zu bemuttern zeigt sich bei einer sehr großen Anzahl der allerverschiedenartigsten Vögel, und unsere Henne, welche so oft als Ziehmutter der Enten dienen muß und ihre Pflichten mit größter Gewissenhaftigkeit erfüllt, auch wenn die natürliche Begabung der Entchen sich zu entfalten beginnt, erscheint den Kundigen keineswegs als besondere Aufnahme.

Nicht immer sind es alte, erwachsene Vögel, welche andere bemuttern und pflegen; es übernehmen vielmehr auch junge, kaum dem Neste entronnene Vögel Elternlasten und Elternsorgen. Halbgeschwister helfen ihren Eltern die spätere Nachkommenschaft groß ziehen und übernehmen altklug deren Führung und Leitung, gleichsam als wollten sie noch vor Kurzem empfangene Liebesdienste zurückzahlen. Mein Vater beobachtete dies bei Grasmücken. Naumann bei Teichhühnchen, und wahrscheinlich liegen noch viele ähnliche Beobachtungen vor, welche nicht veröffentlicht wurden oder mir nicht mehr erinnerlich sind.

Diese ausgesprochene Pflegelust, welche man recht wohl als Barmherzigkeit bezeichnen kann, wird von mir regelmäßig bei Erziehung junger Vögel benutzt, und ich habe auch in meinen „Gefangenen Vögeln“, einem praktischen Hand- und Lehrbuche für Liebhaber und Pfleger einheimischer und fremdländischer Käfigvögel, geradezu den Rath ertheilt, in zweifelhaften Fällen ebenso zu verfahren. Neunmal unter zehn Fällen darf man darauf rechnen, daß alte, zumal weibliche Vögel, es buchstäblich nicht mit ansehen können, daß Waisenkindlein verderben sollten, und daher willig und gern die Pflege derselben übernehmen. Ich will eine Geschichte wiederholen, welche ich in dem eben erwähnten Werke bereits erzählt habe, um meine Behauptung zu bekräftigen; sie mag als weiterer Beleg für das bis jetzt Mitgetheilte dienen. Vor zwei Jahren im Juni brachte man mir ein Nest mit halbflüggen Gartensängern. Ich war bekümmert, als ich die Vögel sah, kaufte sie aber doch, weil ich mich der Hoffnung hingab, daß einige Alte derselben Art, welche ich pflegte, meine Erwartungen nicht zu Schanden machen würden. Das Nest wurde in den Gesellschaftskäfig gebracht, passend befestigt, das fast ausschließlich [656] aus frischen Ameisenpuppen bestehende Futter reichlich mit Mehlwürmern beschickt und außerdem noch Fleisch und Zucker in besonderen Näpfen beigegeben, um Fliegen anzulocken. Der erste Laut der Jungen erregte die Aufmerksamkeit der Sprachmeister oder Gartensänger. Sie umflatterten einige Male das Nest und begannen sofort mit der Atzung der Waisen. Aber nicht sie allein – auch zwei Sumpfschilfsänger, eine Bachstelze, ein Trauerfliegenfänger übernahmen gleichzeitig die Pflege, jagten eifrigst auf alle Fliegen, welche in den Käfig kamen, lasen die Mehlwürmer, pickten die Ameisenpuppen auf, sparten sich den Bissen am eigenen Munde ab, kurz erfüllten alle Elternpflichten mit vollster Hingebung. Und im Verlauf von wenigen Tagen thaten die Genossen des Käfigs, Grasmücken, Laubsänger, Roth- und Blaukehlchen, es ihnen gleich; die Jungen gediehen zusehends und verließen rechtzeitig das Nest.

Es leuchtet ein, daß diese Mildherzigkeit dem Liebhaber, welcher sich junge Vögel erziehen, will, zum größten Vortheile gereicht. Auch dem besten Meister in der schwierigen Kunst, Nestvögel groß zu ziehen, will dies nicht immer gelingen, und deshalb eben sieht man einzelne, höchst anziehende Arten so selten im Käfige. Uebergiebt man solche Nestlinge barmherzigen Samaritern der eigenen Classe, so kommt man regelmäßig zum Ziele; denn diese erfüllen ihr Amt mit ungleich größerer Gewissenhaftigkeit und Sorgsamkeit, als der beste menschliche Pfleger, und gewöhnen ihre Ziehkinder unvermerkt an die Gefangenschaft und ihre Entbehrungen.




Ein deutsches Heiligthum und sein Untergang.


„Anmuthig Thal! du immergrüner Hain!
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das Beste!“

Mit diesen Worten begrüßte der Altmeister Goethe die ihm lieb gewordene Gegend von Ilmenau in Thüringen, als er im August 1783 wieder einmal dort

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Das Goethehäuschen auf dem Kickelhahn.

Einkehr hielt. Das Gedicht „Ilmenau“, welches mit obigen Worten beginnt und welches dem fürstlichen Freunde Karl August zum Geburtstage, den 3. September 1783 gewidmet war, entstand dort in der zweiten Hälfte des August jenes Jahres. Wir ersehen daraus, wie vielfache und theure Erinnerungen den Dichter an jene Gegend fesselten, in welche er so oft schon „mit wechselndem Geschicke“ zurückgekehrt war. Acht Jahre waren es her, seit er, nach Weimar übergesiedelt, jene liebliche Gegend kennen gelernt hatte, acht unruhige, rastlos durchstrebte, zum Theil in leidenschaftlichem Strudel durchbrauste Jahre. Wohl manchmal während dieses Zeitraumes mahnte der Genius den Dichter zur Einlenkung in andere Bahnen. Schon in jenem ersten Nachtliede vom 12. Februar 1776 „Der du von dem Himmel bist“ seufzte er auf: „ach, ich bin des Treibens müde!“ und sieben Monate, nachdem er in Weimar als Geheimer Legationsrath angestellt worden war, schrieb er in demselben Sinne an Lavater, wie er sich „in dem bunten Treiben der Welt, unter Verdruß, Hoffnung, Liebe, Abenteuern, Haß, Albernheiten, Thorheit, Flachem und Tiefem, unter Festen, Tänzen, Schellen, Seide und Flittern“ bewege. Dazu kam die Sorge um das Gedeihen des jungen Fürsten, der sich ihm ganz hingegeben, und um die schwere Last der Berufsgeschäfte, welche jener auf seine Schultern gelegt hatte.

Da trat am 2. Februar 1783 ein glückliches, ersehntes Ereigniß für Karl August ein, die Geburt eines Erbprinzen, des nachmaligen Großherzogs Karl Friedrich, welches einen wichtigen Wendepunkt auch für Goethe mit sich brachte. Denn wenn Karl-August im Februar desselben Jahres an Merck schrieb: „Sie haben Recht, wenn Sie sich mit mir – (über die Geburt des Erbprinzen) – freuen; wenn je gute Anlagen in meinem Wesen waren, so konnte sich, der Verhältnisse halber, bis jetzt kein früherer Punkt finden, wo sie zu verbinden waren;“ wenn er dann weiter fortfährt, daß er nun einen festen Anhaltspunkt für sein Streben gewonnen habe und „mit Hülfe Goethe’s und des guten Glückes“ womöglich etwas Tüchtiges erreichen werde, wenn er dann schließt: „wünschen Sie mir Glück zu diesem Vorhaben!“ so erhellet klar, wie die Folgen jenes Ereignisses in das Schicksal Goethe’s hineingriffen. Das hochherzige Streben, welches die beiden großen Menschen von jeher verband, wurde fortan durch hohen heiligen Ernst bestimmt. Der Blick richtete sich mehr vom Genusse der Gegenwart ab, dem Gewinn der Zukunft zu.

In der Bethätigung solchen Strebens drang Goethe’s Genius immer mehr hindurch, er sah immer mehr ein, daß er ganz zum Dichter bestimmt sei, diese Erkenntniß aber weckte um jene Zeit schon die stille Sehnsucht nach dem Lande der Kunst, nach Italien, immer mehr und mehr.

In solcher Stimmung ist „Ilmenau“ geschrieben. An Wald und Berg richtet der Dichter die Worte:

„Verjüngt euch mir, wie ihr es oft gethan,
Als fing’ ich heut ein neues Leben an.“

Und er sieht sich erhört:

„Ihr seid mir hold, ihr gönnt mir diese Träume;
Sie schmeicheln mir und locken alte Reime,
Mir wieder selbst, von allen Menschen fern,
Wie bad’ ich mich in euren Düften gern!“

„Er fühlte um jene Zeit, daß sein gährendes Dichtergemüth sich zu beruhigen und zu klären begann.“ (Viehoff, Erläuterungen.)

Nächst der glücklichen Wendung in den äußeren Lebensverhältnissen war es die besänftigende, heilende Kraft jener herrlichen Natur, welche solche Wirkung hervorgebracht hatte. Wie ein Kind in seines Herzens Beängstigung, sich vertrauensvoll an die Brust der Mutter wirft und das sanfte Mutterwort Ruhe und Trost in die bebende Seele gießt, so warf sich Goethe in die Arme der Mutter Natur: er eilte in seine lieben Ilmenauer Berge. Und sie waren ihm hold, fern von den Menschen fand er sich selbst wieder. Von Tag zu Tag setzte sich jenes beseligende Gefühl immer mehr in der Dichterbrust fest. Am 7. September 1783 schrieb er das wunderbar schöne, innige „Nachtlied“:

„Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh’.
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch.
Die Vögel schlafen im Walde;
Warte nur, balde
Ruhest du auch.“

Klingt es nicht wie süßinniger Ton aus Muttermund, dem beängstigten Liebling zugeflüstert? Welche Zuversicht in dem aus Seelenruhe geborenen Trostworte am Schluß des Liedes!

So kennzeichnet dieses einfache Lied eine bedeutsame Wandlung in Goethe’s Leben und deshalb eine bemerkenswerthe Epoche in der deutschen Literaturgeschichte. –

Es war, wie erwähnt, in der Nacht des 7. September 1783, [657] als Goethe dieses Lied in einem Bretterhäuschen auf der Höhe des Kickelhahnberges bei Ilmenau mit Bleistift auf ein rohes Brett der Innenwand neben einem Fenster aufschrieb. Schon früher hatte er sich wiederholt, einmal sogar acht Tage lang mit einem Diener, in diesem Häuschen aufgehalten, und auch späterhin kehrte er noch gern dahin zurück. Zunächst am 29. August 1813, wo er die Schriftzüge des „Nachtliedes“ noch einmal mit Bleistift überzog, diese Erneuerung auch mit eigener Hand beurkundete, indem er unmittelbar darunter schrieb: „Ren. (renovatum) 29. August 1813.“

Im Jahre 1783 war die Kuppe des Kickelhahn noch nicht mit Bäumen bestanden. Zur Hegung des Wildes wurde damals Hafer und Kohl dort gebaut. Frei ragte das zweistöckige, thurmähnliche, mit Holzschindeln gedeckte Bretterhäuschen empor, und ungehindert konnte der Blick über alle Gipfel dahinschweifen. Das Häuschen diente ursprünglich zu Jagdzwecken; seit Goethe’s öfterem Verweilen darin und namentlich nach dessen Tode blieb es pietätvoll ausschließlich jener großen Erinnerung geweiht. In der Folge wurde auf dem Kickelhahne Nadelgehölz angepflanzt, welches im Jahre 1831 bereits bis zur Höhe des Häuschens herangewachsen war. Ein Neubau des Häuschens hat seit 1783 nicht stattgefunden, auch nicht einmal ein größerer Reparaturbau; sorgfältig überwacht, wurde jeder entstehende Schaden durch alsbaldige Reparatur beseitigt.

Das letzte Mal war Goethe am Vorabend seines letzten Geburtstages, am 27. August 1831, dort. Als er jene Zeilen wieder durchlas, erfaßte ihn tiefe Rührung,

Die Gartenlaube (1872) b 657.jpg

Goethe’s Handschrift im Kickelhahn-Häuschen.

und Thränen strömten über seine Wangen. Wehmüthig wiederholte er laut die Schlußworte: „Warte nur! balde, balde ruhest Du auch!“ Ein Zeitraum von achtundvierzig Jahren war seit der Entstehung des Liedes vergangen. Als er diesmal die Worte las, da mag er wohl an die Grabesruhe gedacht haben, die ihn erwartete; sieben Monate später sank er hinab. Auch jenes letzte Mal hat er, wie er an Zelter schrieb, „die Inschrift recognoscirt“.

Jenes einsame Bretterhäuschen ward so zu einem theuren Heiligthum geweihet; unter der Bezeichnung „Goethehäuschen“ wurde es weithin bekannt und nahm einen ehrenvollen Platz ein unter den classischen Stätten unserer größten Literaturepoche. Tausende und Abertausende wallfahrteten herbei, um zwischen den rohen Bretterwänden jenes heiligen Schauers theilhaftig zu werden, der den Verehrer geistiger Größe an den Orten so mächtig erfaßt, wo große Geister einst gewaltet haben.

Während der Sommerzeit wurde das Häuschen stets offen gehalten und den Besuchern keinerlei Hinderniß in den Weg gelegt. Aber wenn auch das Auge Kilian Merten’s, des Forstaufsehers auf dem Gabelbache bei Ilmenau, in dessen Aufsichtsbezirk das Goethehäuschen lag, mit ängstlicher Sorgfalt darüber wachte, daß das seiner Obhut schon seit einer langen Reihe von Jahren anvertraute Heiligthum nicht profanirt werde, so konnte er doch nicht verhindern, daß rohe Hände durch Einschreiben und Einschneiden von Namen und allerlei Thorheiten die Stätte entweihten.

Als man bereits angefangen hatte, unmittelbar neben der Inschrift herumzukritzeln und zu schneiden, brachte Merten, um wenigstens letztere zu schützen, eine Glastafel darüber an, welche durch Kopfnägel an der Wand festgehalten wurde. Diese Tafel hatte einst ein frecher Tempelschänder, den Merten für einen blonden Sohn Albions hielt, abgenommen und schickte sich eben an, das werthvolle Brettstück mit einer kleinen Säge herauszuschneiden, als glücklicherweise Merten gerade hinzukam. Zwei derbe Thüringer Fäuste machten mit verschiedenen Körperbestandtheilen jenes Spitzbuben gründliche Bekanntschaft. „Verklagt hat er mich nicht!“ setzte der „Faustrichter“ treuherzig hinzu, als er mir die Geschichte später erzählte. Nun wurde zwar die Glastafel mittels vier Rahmen fest mit der Bretterwand verbunden, aber die Besorgniß eines Verlustes wollte nicht mehr von dem treuen Hüter weichen. Um für den schlimmsten Fall wenigstens etwas zu retten, ließ er vor einigen Jahren das denkwürdige Manuscript photographisch nachbilden.

Und dafür wissen wir ihm Dank! Ist dieses Blättchen doch ein wesentliches Hülfsmittel, die Erinnerung an ein untergegangenes Heiligthum treu zu bewahren!

Seit dem 12. August 1870 existirt das Goethehäuschen nicht mehr; nur das geringe Fundamentalgemäuer, auf dem es errichtet war, ist noch zu sehen. Das Häuschen selbst wurde an jenem Tage, früh zwischen sechs und sieben Uhr ein Raub der Flammen. Die Tagesblätter haben damals vielfach über die Katastrophe berichtet; zum Theil gegen die Wahrheit. So liegt mir zum Beispiel ein amerikanisches Blatt vor, der „Baltimore Wecker“, Nr. 212, wonach „eine tempelschänderische Frevlerhand“ das Goethehäuschen bei Ilmenau durch Brandstiftung vernichtet haben soll. Dem ist aber nicht also. Von dem Redacteur der Gartenlaube veranlaßt, theile ich auf Actenkunde gestützt, den Hergang in Folgendem mit; gilt es doch zugleich eine Ehrenrettung.

Am 12. August 1870, früh halb sieben Uhr, war Kilian Merten von einem Streifgange durch den Wald zurückgekehrt, als sich in der Richtung vom Kickelhahn her eilige Schritte seiner Wohnung näherten. Dichter, feuchter Nebel stand auf dem Gebirge, so daß man nicht weitersehen als greifen konnte. Daraus hervor trat ein Mann aus Ilmenau, der hastigen Bericht dahin erstattete, daß der Kickelhahn Feuer speie, denn es sei droben ein Knistern und Prasseln, und glühende Steine flögen durch die Luft. Der Mann hatte sich mit einem Holzfuhrwerke bis auf einige hundert Schritte dem Goethehäuschen genähert, als er durch das urplötzlich hereinbrechende unheimliche Geräusch erschreckt wurde. Merten eilte schleunigst an Ort und Stelle und fand da, wo das Goethehäuschen gestanden, nur noch einen qualmenden Trümmerhaufen. Von dem Goethe’schen Manuscripte war natürlich keine Spur zu finden, es war mit verbrannt.

Die über die Entstehung des Feuers geführte Untersuchung hat folgendes Resultat ergeben:

Am 11. August 1870 hatten sich drei Personen aus dem zwei Stunden entfernten Dorfe Geschwende in die Nähe von Gabelbach in den Wald begeben, um Beeren zu suchen, welche sie dann in Ilmenau verwerthen wollten. Durch starke Regengüsse wurden die Leute durchnäßt; sie beschlossen, als der Abend herbeikam und sie das genügende Quantum von Beeren noch nicht zusammengebracht hatten, ihre Heimath auch zu entfernt war, in dem stets offen gehaltenen Goethehäuschen zu übernachten und ihr Geschäft dann am andern Morgen fortzusetzen. Sie gingen nach dem Goethehäuschen und nahmen Besitz von dem obern Raume, in welchem sich eben das Goethe’sche Manuscript befand. Dort entzündete ein Mann auf einem kleinen Estrichguß, worauf früher ein Ofen gestanden, ein Feuer, um die nassen Kleider zu trocknen und die frierenden Glieder zu wärmen. Als die Leute am andern Morgen früh gegen fünf Uhr das Häuschen verließen, glimmten noch Kohlen auf der Feuerstätte und es stieg noch schwacher Rauch auf. Um diesem Abgang zu verschaffen, öffnete derselbe Mann, der das Feuer angezündet hatte, beim Weggange ein Fenster und ließ die Thür offen stehen. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Fahrlässigkeit jenes Mannes die Ursache des Brandes geworden, indem durch den hergestellten Luftzug das noch glimmende Feuer angefacht worden ist, welches dann das dürre Holzwerk entzündet haben mag.

Die angestellten Erörterungen hatten den Verdacht der Thäterschaft sofort auf jene Beerensucher gelenkt, die denn auch gleich am 12. August, als sie sich in Ilmenau blicken ließen, in vorläufige Haft genommen wurden. Dieselben hatten noch keine Ahnung von dem Unglück, welches durch die Schuld jenes [658] Mannes angerichtet worden war. Weinend beklagte derselbe im Gerichtszimmer das Ereigniß mit dem Bemerken, er wisse wohl, daß der große Dichter Goethe im Häuschen gewesen sei. Vom großherzoglichen Kreisgericht Arnstadt wurde der Schuldige wegen fahrlässiger Brandstiftung zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. –

So ist denn wieder eine Erinnerungsstätte deutscher Poesie Schutt und Asche. Aber die Magie geistiger Größe ist gewaltiger als die Macht des vernichtenden Schicksals: das Goethehäuschen sank in Trümmer – aber die Stätte, wo es gestanden, bleibt eine geweihte bis in die spätesten Tage deutschen Lebens, und wer die Berge von Ilmenau durchwandert, der gedenkt auf den ausgebrannten Resten des Goethehäuschen in Andacht des großen Mannes, der hier sein herrliches „Nachtlied“ gedichtet.

Julius Keßler in Ilmenau.




Der Vater des Kladderadatsch und der Berliner Posse.


Nachdem ich meine Studien in Berlin beendet und die Examina glücklich überstanden hatte, machte ich eine Reise in meine oberschlesische Heimath, um Verwandte zu besuchen. Einige Tage verweilte ich in Ratibor, das mir außer seinem bekannten schlechten Klima und seinem ausgezeichneten Ungarwein keine Merkwürdigkeiten bot. Den letzteren kredenzte mir, und zwar in den ältesten und vorzüglichsten Jahrgängen, ein lieber Jugendfreund; was ihm auch nicht schwer fiel, da er selbst einer der größten und renommirtesten Weinhändler Oberschlesiens war. Zur Feier unseres Wiedersehens nach so langer Zeit versammelte mein guter, leider zu früh gestorbener Wirth eine muntere Gesellschaft, unter der bald ein kleiner, unansehnlicher junger Mann von höchstens zwanzig Jahren mit krankhaftem, blassen, bartlosen Gesicht, aber interessanten, orientalischen Zügen durch seinen schlagenden Witz, liebenswürdigen Humor und seine sprudelnde Laune meine Aufmerksamkeit erregte, nachdem erst einige Gläser des köstlichen feurigen Tokaiers seine Zunge gelöst und die ihm angeborene Schüchternheit überwunden hatten.

Wie dies beim Weine zu geschehen pflegt, wurden wir schnell mit einander bekannt, da wir außerdem vielfache Anknüpfungspunkte und gemeinschaftliche Freunde hatten. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich, daß er in Breslau geboren war, wo er bis zu seinem fünfzehnten Jahre das Gymnasium besuchte, um zu studiren. Durch den Tod seines Vaters, der die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ, sah er sich jedoch gezwungen, als Lehrling in die Handlung der Gebrüder Bauer, welche in Breslau ein ansehnliches Galanterie- und Möbelgeschäft besaßen, einzutreten. Nichts desto weniger erwarb er sich in kurzer Zeit die Zufriedenheit seiner Principale in so hohem Grade, daß sie ihm die selbstständige Leitung ihrer Ratiborer Commandite übergaben. Trotz dieser einträglichen Stellung und der Beliebtheit, deren er sich in den besten Familien der Stadt als heiterer Gesellschafter und talentvoller Gelegenheitsdichter erfreute, fühlte er sich hier keineswegs wohl, noch durch seinen kaufmännischen Beruf befriedigt, vielmehr verzehrt von einem unwiderstehlichen Drange nach Bildung und Wissen, wozu ihm weder die kleine Stadt noch seine Stellung die erwünschte Gelegenheit boten.

Mit jugendlicher Begeisterung schwärmte er für Poesie und Literatur, besonders für Börne und Heine, für die glänzenden Verirrungen der französischen Dichter, für Victor Hugo, Eugen Sue, Jules Janin und vor Allen für Beranger, wie wir Alle das mehr oder minder in jenen vormärzlichen Tagen thaten. Wiederholt von unserem Wirthe und von mir aufgefordert, eine Probe seines eigenen poetischen Talentes zu geben, entschloß er sich mit jungfräulichem Sträuben und schüchternem Erröthen, einige Verse vorzutragen, worunter sich eine „unterthänige Bitte an seine erzürnte Principalin“ befand, ihn von dem lästigen Abendbrode zu dispensiren. Die charakteristischen Strophen, von denen ich später eine Abschrift erhielt, lauteten:

„O halt’ es nicht für eiteles Vermessen,
Daß ich verletzt Dein strenges Eßgebot!
Preßfreiheit giebt es nicht; drum frei vom Essen
Eßfreiheit, Herrin! – und kein Abendbrod!

Nie würde diese Gnade ich vergessen,
Verspritzte gern für Dich mein Blut so roth,
Ich will des Mittags Alles, Alles essen –
Entsetzlich essen – nur kein Abendbrod.

Laß sterben nicht, ein Opfer der Kabale,
Mich einer Stopfgans schmachvoll knecht’schen Tod!
Laß ab, laß ab! sonst wird zum Abendmahle,
Zum letzten Mahl für mich – Dein Abendbrod.

D’rum, Herrin, denke, einst – o welch Entsetzen!
Gefunden werd’ ich todt beim Morgenroth;
Die Nachwelt wird mir dieses Denkmal setzen:
Er war Commis und aß kein Abendbrod.

Mit diesen Proben eines schon damals unverkennbaren Talents wechselten lustige Geschichten, Scherze und Anekdoten aus dem Breslauer Leben, Jugenderinnerungen aus seiner Gymnasial- und Lehrlingszeit, die von ihm in so drollig drastischer Weise vorgebracht wurden, daß wir laut auflachen mußten, während er selbst ganz ernst blieb und mit seinem blassen Gesicht fast melancholisch dreinschaute, wodurch unsere Heiterkeit nur noch erhöht und die Wirkung durch den Contrast gesteigert wurde. Mit unbeschreiblicher Komik schilderte er die eigenthümlichen Verhältnisse seiner Vaterstadt, das Treiben der zahlreich sich daselbst aufhaltenden polnischen Juden, sein erstes Debut in einem Tanzkränzchen, wo er in einem alten, beim Trödler erkauften braunen Leibrock mit blanken Knöpfen erschien, der ihm um eine Welt zu weit und zu lang war, seine Irrfahrten mit verschiedenen Schulfreunden, mit dem später als Verfasser der „Keilerei auf der Wartburg“ und als Dichter unvergessener Burschenlieder bekannt gewordenen Dr. Hermann Wollheim, mit dem kleinen, witzigen „Spatel“, einem verwachsenen, überaus humoristischen Handlungsreisenden, der als ein zweiter „Till Eulenspiegel“ in seinem Einspänner die kleinen schlesischen „Städte“ durchzog und mit der Trompete seine Kunden zum Kaufen einlud, hundert lustige Streiche verübend.

So zauberte der unansehnliche Commis, der David Kalisch hieß, mir das ganze alte, seitdem gänzlich veränderte Breslau vor Augen. Das gothische Rathhaus mit dem berühmten „Schweidnitzer Keller“, die engen winkligen Gassen, die dunklen Häuser mit ihren seltsamen Durchgängen, die polnischen Juden mit ihren gedrehten Locken und ihrem zersetzenden Witz, die Bierphilister mit ihrer schlesischen Gemüthlichkeit, die Studenten mit ihren Suiten, die zahlreichen Liebhabertheater, in denen er seine ersten dramatischen Eindrücke empfing, die lustigen Tanzkränzchen, wie sie Freytag in „Soll und Haben“ schildert, das ganze Treiben der schlesischen Hauptstadt mit ihrem Handel und Wandel und ihrer eigenthümlichen Poesie lebte wieder in meiner Erinnerung auf. Er selbst erschien mir an diesem Abend, der den ersten Grundstein zu unserer langjährigen Freundschaft legte, als das specifische Product dieser verschiedenen Elemente seiner Vaterstadt, des jüdischen Witzes und der dichterischen Leichtigkeit, jenes liebenswürdigen, schalkhaften Humors und witziger Gelegenheitspoesie, wodurch von jeher die Schlesier sich auszeichneten, durch Karl Schall, Grün, Geisheim und vor allen Holtei damals würdig vertreten.

Am nächsten Tag, wo ich Ratibor verließ, besuchte ich noch einmal den mir interessanten Commis, um von ihm Abschied zu nehmen. Ich fand ihn hinter dem Ladentisch, seine Kunden bedienend, mit Rechnungen und seinen kaufmännischen Büchern eifrig beschäftigt, sichtlich abgespannt, verstimmt und gedrückt, so daß ich kaum den gestrigen, ausgelassen heitern Gesellschafter, den witzig geistreichen Dichter wiedererkannte. Er schien mir mehr als je von seiner damals schon zuweilen ihn befallenden Hypochondrie und unter dem Druck der ihm widerwärtigen Geschäfte zu leiden, was er auch offen mir gegenüber aussprach, indem er sich über sein Loos bitter beklagte und wiederholt die Absicht zu erkennen gab, aus seiner bisherigen Stellung zu scheiden.

Zehn Jahre waren seit jenem Abend vergangen, als ich Kalisch in Berlin unter gänzlich veränderten Verhältnissen wieder sah. Aus dem unbekannten Commis in einer oberschlesischen Provinzialstadt war ein namhafter Schriftsteller, ein berühmter [659] Possendichter, der Begründer und Hauptmitarbeiter des ersten Witzblattes in der preußischen Residenz geworden. Ich war natürlich neugierig, meinen Freund wiederzusehn und aus seinem eigenen Mund diesen wunderbaren Schicksalswechsel zu erfahren. Zu diesem Zweck suchte ich ihn in seiner damaligen Wohnung auf, die vor dem Thor in dem sogenannten „Albrechtshof“, einer Besitzung seiner nachmaligen Schwiegereltern, lag. Mit alter Herzlichkeit kam er mir entgegen, und bald saßen wir in seinem comfortabel eingerichteten Arbeitszimmer und sprachen, während wir eine gute Cigarre rauchten, von unseren Erlebnissen, seitdem wir uns getrennt. Während ich nur wenig Bemerkenswerthes zu erzählen hatte, bot seine Vergangenheit eine Fülle der seltsamsten Begebenheiten und merkwürdiger Abenteuer, die er mir theils bei diesem ersten Besuch in Berlin, theils im ferneren Verlauf unseres intimen Verkehrs mittheilte.

Einige Monate nach meiner Abreise von Ratibor wurde die dortige Commandite aufgelöst und Kalisch von seinen Principalen nach Breslau in ihr Geschäft zurückberufen. Obgleich er Procurist desselben wurde, konnte er, an Selbstständigkeit gewöhnt, sich nur schwer mit der Stellung eines Untergebenen und, da er auch den Tisch im Hause hatte, noch schwerer in die Ordnung desselben finden, so daß er die Herrin von Neuem erzürnte, bis er sich endlich mit seinen Collegen feierlich von dem verhaßten Abendbrod lossagte. Dazu kam noch die alte Sehnsucht und der Wunsch, die Welt kennen zu lernen, jener unbewußte jugendliche Drang, das Glück zu suchen, vor Allem das instinctartige Bedürfniß nach bedeutenderen Eindrücken und Anregungen, als er in seinem Stande und in seiner schlesischen Heimath fand. So reifte in ihm der Entschluß, in Gesellschaft eines Freundes nach Paris zu gehen, eines jener zahlreichen Projectenmacher, der Rothschild einen neuen Finanzplan vorlegen wollte, während Kalisch seine zärtlich geliebte und um ihn besorgte Mutter durch die Erklärung zu beruhigen suchte, daß er in Paris die Fabrikation der französischen Luxusartikel studiren würde.

In Wahrheit lockten ihn ganz andere Wünsche und Hoffnungen; es war im Jahre 1844, wo während der letzten Regierungsjahre Louis Philipp’s Paris noch als die Metropole der Welt, als das Asyl der Freiheit, als der Mittelpunkt aller großen politischen und socialen Bewegungen, als das Pantheon aller großen Männer, als das Eldorado der Schriftstellerwelt, als der große Freudentempel aller Nationen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die deutsche Jugend übte, welche, angewidert von den beschränkten Verhältnissen, von der kleinlichen Polizeiwirthschaft des eigenen Vaterlandes, dort Freiheit, literarischen Ruhm und die höchsten Genüsse des Daseins zu finden hoffte.

Mit ähnlichen Aussichten und Gedanken kam auch Kalisch nach Paris, wo er anfänglich von seinen bisherigen Ersparnissen lebte, in der Absicht, später ein Engagement in irgend einem deutschen Handelshause anzunehmen. Vorläufig aber stürzte er sich in den Strudel des Pariser Lebens; er schlenderte auf den Boulevards umher, besuchte die Cafés und Vergnügungslocale, vor Allem die kleinen Theater, wo Kalisch so leicht bei keiner ersten Vorstellung fehlte. Hier legte er den Grund zu seiner bewunderungswürdigen Bühnenkenntniß; angeregt von dem verwandten Geist, eignete er sich fast unbewußt die Leichtigkeit, den schlagfertigen Witz, den glänzenden Esprit seiner französischen Vorbilder an, erwarb er jene Meisterschaft, womit er die eigenthümlich feine Grazie des Chansons, die scharfen Pointen und zugeschliffenen Spitzen des Couplets zuerst auf unsere deutschen Verhältnisse übertrug.

Zugleich erweiterte sich sein politischer Horizont, seine ganze Gedankenwelt, indem er im Verlauf der Zeit durch den Breslauer Socialisten Wolf mit verschiedenen deutschen Flüchtlingen und Parteiführern, wie Marx und Karl Grün, mit Dichtern, wie Herwegh und Heine, bekannt wurde und selbst dem unzugänglichen Proudhon näher trat. Leider aber wurden seine unbedeutenden Mittel schnell erschöpft, so daß er ernstlich mit Mangel und Noth zu kämpfen hatte, da die gehofften Hülfsquellen ihn im Stich ließen oder nicht lange vorhielten. Alle Bemühungen, als deutscher Correspondent oder in sonst einer angemessenen Branche ein Unterkommen zu finden, scheiterten meist an seiner unansehnlichen Persönlichkeit. Zuletzt sah er sich genöthigt, seine entbehrlichen Kleidungsstücke zu verkaufen, um nur das Leben zu fristen. Gerade in dem Augenblick, wo er einem Trödler das letzte seidene Taschentuch anbot, fuhr ein glücklicher College, den er in besseren Tagen gekannt, der Fürst Pückler-Muskau, in eleganter Equipage, mit Mohr und Jäger auf dem Bock, an ihm vorüber. Oefters hatte Kalisch den Fürsten, der ein Kunde seiner Breslauer Principale war, bedient und mit ihm gesprochen; jetzt wollte er ihn anrufen, ihm seine Noth klagen, um Hülfe bitten, aber der Muth fehlte ihm, die Scham hielt ihn zurück, und bevor er einen Entschluß faßte, war der Wagen mit dem Fürsten verschwunden. Dagegen wandte sich Kalisch an den berühmten Heine und fand bei dem vielfach verkannten, menschenfreundlichen Dichter die erwartete Theilnahme und Unterstützung, für die er seinem edlen Collegen bis zum Tode dankbar war.

In jener Zeit, wo er wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalme griff, las oder hörte er von einem wohlhabenden Herrn, der einen der Landessprache kundigen Reisebegleiter nach Spanien suchte. Kalisch meldete sich bei ihm, in der Hoffnung, bis zum Tage der Abreise noch so viel Spanisch zu lernen, um zur Noth als Dolmetscher dienen zu können. Leider war sein Wille besser als sein Talent, sich die fremde Sprache in so kurzer Zeit anzueignen, so daß er schon an der Grenze das erste Examen so schlecht bestand, daß seinem Begleiter nichts übrig blieb, als ihn wieder zu entlassen. Endlich blieb ihm keine andere Wahl, als mit blutendem Herzen nach Deutschland zurückzukehren, nachdem er noch in Straßburg ein vorübergehendes Engagement gefunden. Mit dem letzten Thaler in der Tasche langte Kalisch eines Tages in Baden-Baden an, außer Stande, seine Reise fortzusetzen. In dieser verzweifelten Stimmung, dem Selbstmord nahe, machte er die zufällige Bekanntschaft eines reichen Russen, der sich langweilte und ihm deshalb vorschlug, bei einer Partie Ecarté ein Glas Wein mit ihm zu trinken. Da sich Kalisch schämte, seinen Mangel an Geld einzugestehen, so nahm er das Anerbieten an, ohne jedoch nach der Höhe des Einsatzes zu fragen. Nachdem Beide mehrere Partien gespielt und einige Flaschen geleert, erklärte der im Verluste befindliche Russe, aufhören zu wollen, indem er zugleich fünf Napoleonsd’or auf den Tisch legte, die Kalisch anzunehmen zögerte, bis er zu seinem Schrecken erfuhr, daß der Einsatz für jede Partie einen Gulden betragen habe. Berauscht von seinem Glücke und dem genossenen Weine, folgte Kalisch seinem Begleiter zur Bank im Cursaal, wo er sich verführen ließ, ein Goldstück im Trente-et-un zu setzen. In kurzer Zeit gewann er hier eine verhältnißmäßig große Summe, die ihn aus aller momentanen Verlegenheit riß und ihn noch in den Stand setzte, eine ihm höchst drückende Ehrenschuld abzutragen.

Bald jedoch sah er sich von Neuem gezwungen, ein Unterkommen zu suchen, das er zunächst in einem Berliner Speditionsgeschäfte fand, wo er einige Zeit wieder Ballen verlud, Kaufmannsgüter expedirte und Rechnungen schrieb. In den Mußestunden bearbeitete er französische Vaudevilles für die deutsche Bühne, die jedoch kein Theater aufführen wollte. Immer entschiedener machten sich seine literarischen Neigungen geltend, so daß er sich veranlaßt fand, seine bisherige Stellung wieder aufzugeben und als Hülfsredacteur dem bekannten witzigen Schriftsteller Eduard Oettinger in Leipzig beizustehen. Bald jedoch trat er wieder unschlüssig in die Wechselstube eines jungen, mit ihm noch von Breslau her befreundeten Banquiers, der sich mit äußerst geringen Mitteln damals erst etablirt hatte. Während der zukünftige Rothschild die von seinen Kunden gewünschten Werthpapiere, die sein eigener Geldschrank leider nicht enthielt, bei einem benachbarten, besser situirten Collegen sich borgte, hatte Kalisch die Aufgabe, den Wartenden durch seine Unterhaltung die Zeit zu vertreiben. Da er auch als Banquier nicht seine Rechnung fand, so kehrte er wieder zu den verlassenen Musen zurück. Er bezog mit dem durch seine Reise nach Japan bekannten volkswirthschaftlichen Schriftsteller Dr. Maron zusammen eine Wohnung, und Beide, die sich in gleich trauriger Lage befanden, vereinten ihr Talent, um ein Trauerspiel zu dichten, wobei sie sich durch den Genuß von starkem schwarzem Kaffee und heißem Rum anfeuerten, um die gräßlichsten und blutdürstigsten Scenen zu erfinden.

Aber nicht die ernste Melpomene, sondern die heitere Thalia sollte endlich seine Wünsche krönen. Nicht jene blutige Tragödie, welche die undankbaren Theaterdirectoren zurückwiesen, sondern

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Die Gartenlaube (1872) b 660.jpg

Ueberrumpelung Bazaine’s durch braunschweigische Husaren in der Schlacht bei Vionville. Originalzeichnung von Otto Fikentscher.

[661] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [662] der lustige Schwank „Ein Billet von Jenny Lind“ erschien zuerst auf den Brettern, welche die Welt bedeuten. Draußen vor den Thoren Berlins, in dem Dorfe Schöneberg, auf einer ärmlichen Sommerbühne feierte Kalisch seinen ersten, so folgereichen Triumph, der über sein Schicksal entschied. Der unerwartete Beifall, den das frische Gelegenheitsstück fand, munterte ihn auf und öffnete ihm zugleich die Pforten des alten Königsstädter Theaters, um das noch die Erinnerungen an die Sontag, Spitzeder und Beckmann, an die heiteren Singspiele Holtei’s, an die lustigen Possen eines Angely schwebten, wenn auch der frühere Glanz im Erlöschen war. Mit und durch Kalisch kam ein neuer Geist in die absterbende Königsstadt, die noch einmal wieder auflebte.

Schon sein nächster Versuch, die einactige Posse „Herr Karoline“, nach dem Französischen, erregte ein ungewöhnliches Aufsehen, während die größere Posse „Hunderttausend Thaler“, eine freie Bearbeitung eines gleichfalls französischen Stoffes, ein epochemachendes Ereigniß in der Theaterwelt war, begleitet von einem nie geahnten Erfolge. Mit einem Schlage war Kalisch der Held des Tages, der erste Possendichter Deutschlands, der moderne Aristophanes, wie er vielfach von enthusiastischen Bewunderern damals genannt wurde. Publicum und Kritik sprachen sich gleich günstig über die neue Erscheinung aus. Die Leiermänner spielten auf der Straße die Melodien seiner Lieder, und die lebenswahren, lebensfrischen Charaktere seiner letzten Posse, besonders „Herr Zwickauer“, erfreuten sich der größten Popularität. Während die Direction des Königsstädter Theaters die glänzendsten Einnahmen erzielte, blieb Kalisch selbst so arm wie zuvor, da er für sein Werk vorläufig nur fünfzig Thaler erhielt, denen die Familie des Theaterdirectors Cerf bei der hundertsten Vorstellung ein freiwilliges Geschenk der gleichen Summe großmüthig hinzufügte.

Dafür entschädigte ihn die allgemeine Anerkennung, die Freundschaft und Aufmunterung, die dem talentvollen Schriftsteller von angesehenen Künstlern und Collegen zu Theil wurde. Selbst die sogenannte Hippel’sche Clique, die sich unter dem Vorsitz des gefürchteten Bruno Bauer in der gleichgenannten Weinstube versammelte, nahm Kalisch freundlich in ihrer Mitte auf, wo er die letzten Ausläufer der Hegel’schen Schule und ihre Alles zersetzende Kritik aus eigener Anschauung kennen lernte. Durch seine beiden ihm nicht nur geistig, sondern auch durch die Bande des Blutes verwandten Vettern Ernst Dohm und Rudolf Löwenstein, welche sich zu derselben Zeit in Berlin aufhielten, kam er mit einem nicht minder einflußreichen Kreis junger, talentvoller Männer in Berührung, die eine zwanglose Gesellschaft, das sogenannte Rütli, bildeten. In dieser Versammlung, zu der außer den Genannten noch Rudolf Gottschall, Titus Ullrich, Eduard Kossak, der geistvolle Zeichner Wilhelm Scholz, der Musiker Truhn, Philosophen, Theologen, Doctoren der Medicin, junge Adelige ohne Beschäftigung und einige gebildete Kaufleute gehörten, herrschte jene übermüthige Heiterkeit, die später sich als der sogenannte „höhere Blödsinn“ proclamirte. Man besprach hier mit kühnem Freimuth die öffentlichen Angelegenheiten, die hervorragenden Persönlichkeiten, die lächerlichen Erscheinungen der Gegenwart in einer eigenen Rütlizeitung, die von den Mitgliedern verfaßt und von dem genialen Scholz illustrirt wurde. Hier fand Kalisch die ersten Keime, die Urelemente des „Kladderadatsch“.

Es bedurfte aber erst des günstigen Augenblickes, der Erkenntniß des richtigen Zeitmoments, der nothwendigen Kühnheit und Schlagfertigkeit, der Ausdauer und eines höheren Gedankens, um diese zerstreuten Witzstrahlen, diese mehr persönlichen und localen Lichtfunken in einem Brennpunkt zu sammeln und ihnen eine universellere politische und sociale Bedeutung zu geben. Dazu war allein Kalisch berufen, der mit wunderbarem Instinct den kühnen Griff that und gleich in den erste Wochen nach der Märzrevolution den „Kladderadatsch“ in’s Leben rief, dessen erste Nummer er ohne jede fremde Beihülfe schrieb. Wie die Gartenlaube (Jahrgang 1867, Nr. 13) in der von ihr erzählten Geschichte des „Kladderadatsch“ ausführlich berichtet, war Kalisch nicht nur der Gründer des „Kladderadatsch“, sondern auch die Seele desselben, der Vater des höheren Blödsinns, der Schöpfer des berühmten „Zwickauer“, der Pathe von „Müller und Schulze“. Er hat außerdem den Quartaner „Karlchen Mießnik“ erfunden; die meisten prosaischen Artikel im Berliner Dialect, fast all die geistreichen Parodien und komischen Novellen, die „Sprüche der Weisheit“ verfaßt, den „Kladderadatsch-Kalender“ in’s Leben gerufen, den „Kladderadatsch zur Industrieausstellung in London“, sowie die ersten Bände von „Schulze’s und Müller’s Reisen am Rhein und im Harz“ geschrieben. Aber vor Allem gebührt ihm einzig und allein das Verdienst, ein Blatt von der großen Bedeutung wie der „Kladderadatsch“ geschaffen und im Verein mit Ernst Dohm, Rudolf Löwenstein und Wilhelm Scholz auf seine jetzige Höhe gebracht zu haben.

Trotz dieser großen Verdienste und der ihm immer mehr zu Theil werdenden Anerkennung bewahrte sich Kalisch eine seltene Bescheidenheit. Er fühlte die Lücken seiner mangelhaften Bildung, die er durch einen ehernen Fleiß, durch unablässiges Studium und durch den Umgang mit bedeutenden Männern auszufüllen suchte. Er selbst war eine jener tiefer angelegten Naturen, die ihr Bestes vor der Welt verbergen, wie die meisten echten Humoristen ernst und zur Schwermuth geneigt, mißtrauisch gegen sich und Andere, trotzdem ein zuverlässiger Freund seiner Freunde, dankbar für jede ihm erwiesene Gefälligkeit, leicht verletzt, aber eben so leicht versöhnt, reizbar und doch zugleich besonnen, klug und berechnend, aber weich bis zur Sentimentalität, ein seltenes Gemisch von scharfem Verstand und tiefem Gemüth. So erschien er mir im näheren Umgange, der sich mit den Jahren immer vertraulicher gestaltete. Ich war Zeuge seiner inneren und äußeren Kämpfe, seiner Aufregung, die ihm jede Aufführung eines neuen Stückes verursachte, seiner Triumphe, seiner steigenden Popularität, die dem schüchternen Dichter manche Verlegenheit bereitete. Trotz seiner Zurückgezogenheit sah er sich zuweilen gezwungen, aus seiner Verborgenheit hervorzutreten. Es fehlte ihm nicht an Einladungen, die er nicht gut zurückweisen konnte, obgleich sie nicht selten nur in der Eitelkeit der Gastgeber, den vielbesprochenen Theaterdichter bei sich zu sehen, ihren Grund hatten. So lud ein reich gewordener Parvenu den berühmten Verfasser der „Hunderttausend Thaler“ zu einem Diner. Bei Tisch, während der Champagner umhergereicht wurde, erhob sich der neue Kunstmäcen und klopfte an sein Glas, worauf allgemeine Stille erfolgte. Statt des erwarteten Toastes wandte sich der Wirth an seine überraschten Gäste mit den Worten: „Herr Kalisch, der in unserer Mitte weilt, wird jetzt die Güte haben, einen Witz zu reißen.“ Wir entsinnen uns nicht mehr, was Kalisch auf diese Unverschämtheit geantwortet hat.

Am liebsten verkehrte Kalisch mit seinen Büchern und mit einigen intimen Freunden, in deren Gesellschaft der sonst so zurückhaltende und fast schüchterne Humorist eine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit, eine hinreißende Heiterkeit entwickelte, die um so schärfer mit seinem gewöhnlichen Ernst und gemessenen Wesen contrastirte. Ebenso fühlte er sich zu dem Volk hingezogen, zu tüchtigen Bürgern, mit denen er gerne bei einer „kühle Weißen“ in schlichter Unterhaltung saß, wobei er seine Studien im Stillen machte, Charaktere beobachtete und manchen Witz in sein stets bereit gehaltenes Notizbuch verzeichnete. Die meisten seiner so lebenswahren Gestalten verdanken diesen Beobachtungen ihren Ursprung und ihre Popularität. Hier fand er die Originale seiner komischen Figuren, die er fast immer der Wirklichkeit entlehnte. Ebenso eifrig sammelte er alle witzigen Redensarten, alle volksthümlichen Ausdrücke und populäre Melodien, um sie bei Gelegenheit anzuwenden. Sein Fleiß ging mit seinem Talent Hand in Hand und sicherte seine Erfolge. Er arbeitete mit einer peinlichen Gewissenhaftigkeit, änderte, strich und that sich nie genug. Er selbst gab den Componisten meist die Melodien zu seinen Liedern an und leitete die Proben seiner Stücke. Er war nicht nur Dichter, sondern zugleich Musiker und Regisseur. Ein feiner Tact, der ihn nur selten täuschte, ein ebenso dramatisch als musikalisch sicherer Geschmack, eine genaue Kenntniß der localen Verhältnisse, ein wunderbares Erfassen der momentanen Zeitrichtung, vor Allem aber sein ursprünglicher Witz, seine meisterhafte Behandlung des Couplets und Liedes zeichneten ihn vor allen neueren Possendichtern aus, obgleich ihm eigentliche Erfindungsgabe und poetische Schöpferkraft fehlte, weshalb er sich meist an fremde Vorbilder anlehnte oder in Gemeinschaft mit Andern arbeitete.

Obgleich sich nach und nach auch die materiellen Verhältnisse des Dichters so günstig gestalteten, daß er seinen eigenen Herd gründen und die Tochter seines bisherige Hauswirths, nach seinem erfolgten Uebertritt zum Christenthum, trotz mancher Schwierigkeiten endlich heimführen durfte, so datirte doch erst [663] von seiner Verbindung mit dem Wallner-Theater, das damals noch die „Grüne Neune“ im Munde des Volkes hieß, die eigentliche große Epoche seiner literarischen und pecuniären Erfolge. Die unermüdliche Thätigkeit Wallner’s, jenes wunderbare dramatische Kleeblatt, Helmerding, Reusche und Neumann, die unvergleichlichen Soubretten, Fräulein Wollrabe, Schramm und Stolle, spornten Kalisch zu neuen Schöpfungen seiner komischen Muse an, die eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf das Berliner Publicum übten. Die größeren Possen „Berlin, wie es weint und lacht“, „der Actienbudiker“, „die Mottenburger“, die kleineren Vaudevilles wie „der gebildete Hausknecht“, „Dr. Peschke“, „Verpflefft“ etc. erlebten hunderte von Wiederholungen, welche dem glücklichen Verfasser in manchen Jahren eine Tantième von sechstausend bis achttausend Thalern abwarfen.

Zugleich hatte Kalisch auch mit dem bisherigen Herausgeber des „Kladderadatsch“ einen neuen Contract abgeschlossen, wodurch seine Einnahme, entsprechend der großen Auflage und steigenden Bedeutung des Blattes, erhöht wurde. So gestalteten sich seine Verhältnisse mit jedem Tage günstiger, wozu noch ein glückliches Familienleben kam, das einen höchst vortheilhaften Einfluß auf seine ganze Lebensanschauung und seine Gesinnung ausübte. In seiner Jugend nicht frei von einer Neigung zum Leichtsinn, angesteckt von der Frivolität seiner Zeit und Umgebung, von jener negativen und zersetzenden Kritik der vormärzlichen Zeit erfüllt, vertraut mit den Schwächen und Lächerlichkeiten der Menschen, im Besitz eines vernichtenden Witzes, strebte Kalisch immer mehr nach dem positiven Inhalt des Lebens, nach Vertiefung seines Geistes, nach Veredlung seines Herzens. Mit bewunderungswürdiger Energie und Ausdauer, mit Entsagung seiner liebsten Genüsse arbeitete er fortwährend an der Vermehrung seines Wissens, wie an der Ausbildung seines Charakters. Die Welt kannte nur den heitern Possendichter, den witzigen Gründer des „Kladderadatsch“, den lebensklugen und glücklich situirten Schriftsteller, aber nur seine nächsten Freunde wußten oder ahnten, wie tief und ernst Kalisch seine Aufgabe nahm, wie unzufrieden er mit sich und allen seinen Leistungen war, wie schwer er mit sich und seinen Schwächen rang, wie gewissenhaft er seine Pflichten nach allen Seiten zu erfüllen suchte. Daher kam es, daß Alle, die ihn näher kannten, eine so hohe Meinung von seinem Geist und seinem Charakter hatten, daß er die bedeutendsten Männer zu seinen Freunden und Bewunderern zählte.

Leider wurde die glückliche Stellung, die er sich erworben, häufig durch wiederholte Kränklichkeit und damit verbundene geistige Verstimmung getrübt, die sich zuweilen bis zur schwärzesten Hypochondrie steigern konnte. Dies war auch im letzten Sommer der Fall, wo verschiedene gemüthliche Aufregungen hinzutraten und ein langjähriges Leiden zu einer gefährlichen Krankheit steigerten. Von einer Reise nach Sylt zurückgekehrt, fand ich Kalisch von seinen Aerzten aufgegeben. Auf seinem Sterbebette begrüßte er mich mit der alten Herzlichkeit, streckte mir die zitternde, fieberheiße Hand entgegen, dankbar für die Stunden, die ich bei ihm verweilte, für jedes tröstliche Wort, womit ich ihn in seinen schweren Leiden aufzurichten suchte. Der Tod entriß ihn zu früh im kräftigen Mannesalter seiner Familie, seinen Freunden und der Welt. Auf dem Kirchhof der Matthäi-Gemeinde in der Nähe von Schöneberg, wo er seine ersten Erfolge auf der Sommerbühne als armer, unbekannter Commis errungen, wurde der bedeutendste Humorist der Gegenwart, gefolgt von einem unübersehbaren Leichenzuge, von den ersten Schriftstellern Berlins, von Männern aus allen Ständen, zu Grabe getragen. Dort ruht David Kalisch, dessen Andenken als Begründer des „Kladderadatsch“, als Vater der modernen Posse unvergeßlich bleiben wird.

Max Ring.




Was die Schwalbe sang.


Von Friedrich Spielhagen.


(Fortsetzung.)


Gotthold war entschlossen, auf keinen Fall heute Abend in eine Auseinandersetzung mit dem mehr als halb Berauschten einzugehen, und ebenso entschlossen, seinen Drohungen, wenn dies eine sein sollte, nicht nachzugeben und sich das Lösegeld abtrotzen zu lassen, das er zu erlegen hatte, wenn er, im Uebrigen straflos, von dannen ziehen wollte.

Brandow war der Ausdruck ruhiger Entschlossenheit in dem ernsten Gesicht seines Gastes nicht entgangen; er ließ die halb erhobene Waffe sinken, legte sie aus der Hand, kam wieder an den Tisch, warf sich in seinen Stuhl und sagte:

„Du hast Recht! es könnte ein Unglück geben; aber kein Hahn würde danach krähen, und es wäre am Ende doch nur consequent, wenn ich mir eine Kugel durch den Kopf schösse. Du bist ein glücklicher Kerl. Du hast von Jugend auf arbeiten müssen und so viel gelernt; nun kommt Dir noch im Schlaf ein großes Vermögen, rein zum Ueberfluß! Ich, ich habe nie gearbeitet, ich habe nichts gelernt, und ich verliere ein Vermögen, ohne das ich nichts bin, weniger als nichts: der Spott aller Leute, die mich gekannt haben, eine Scheuche für die bunten Vögel, denen ich es bis dahin gleich und zuvor gethan habe, und die nun die arme gerupfte Krähe ihrem Schicksale überlassen. Tod und Teufel!“ –

Er stieß das Glas auf den Tisch, daß es zerbrach.

„Ah bah! die Sache ist nicht werth, daß man darüber außer sich geräth. Einmal muß doch Alles ein Ende haben, und wie sie mich auch verhöhnen werden, das kann Keiner behaupten, daß ich mein Leben nicht genossen. Ich habe mein Lebtag die feinsten Weine getrunken, die schnellsten Pferde geritten und die schönsten Weiber geküßt. Du bist ja auch ein Kenner, Gotthold; Du hast es gewiß nicht anders gemacht, in Deiner stillen Weise natürlich! Ja, Du warst immer ein Schlaukopf, und ich habe schon auf der Schule einen verdammt großen Respect vor Deiner Schlauheit gehabt. Na, schadet nichts! ganz dumm bin ich auch nicht, und kluge Leute, wie Du und ich, werden sich immer gut vertragen; es sind nur die Dummköpfe, die sich in die Haare fahren – Dummköpfe, dumme Jungen, wie wir es damals waren! Weißt Du noch? Terz, Quart, Quart, Terz! Ha! ha! ha! Das kann uns jetzt nicht mehr passiren! Angestoßen, alter Bursche! angestoßen auf gute Cameradschaft!“

Und er hielt ihm das volle Glas entgegen.

„Mein Glas ist leer,“ sagte Gotthold, „und so ist die Flasche. Laß uns zu Bette gehen; wir haben überreichlich getrunken.“

Er hatte das Zimmer verlassen, bevor Brandow, der ihn mit weit vorspringenden Augen anstierte, ein Wort erwidern konnte.

Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, machte Brandow einen Satz, dem Raubthier gleich, das hinter der Beute her ist, und blieb dann mitten in der Stube stehen, die weißen Zähne fletschend, und mit geballten Fäusten nach der Thür drohend.

„Verfluchter Schurke! ich will Dein Blut, Tropfen für Tropfen! aber erst will ich Dein Geld!“

Die erhobenen Arme sanken herab; er wankte nach dem Tisch und saß da, den brennenden Kopf in beide Hände gestützt, mit den spitzen Zähnen an den Lippen nagend, daß das Blut durch die Haut sprang, im Geiste Verbrechen auf Verbrechen häufend, nur daß alle nicht zu dem Ziele führen wollten. Auf einmal richtete er sich empor, ein heiseres Lachen brach aus seiner Kehle. So mußte es gehen! Sie, sie selbst mußte es von ihm fordern, und das war das Mittel, sie zu zwingen! Rache, Rache vollauf! und keine Gefahr dabei! nur daß die Dirne plaudern konnte! sie hatte schon ein paar Mal damit gedroht und war heute unverschämter als je; aber morgen mußte ja Alles geschehen sein, und die Nacht war zu vielen Dingen gut!

In dieser Nacht – er wußte nicht, wie spät es war; denn er hatte so dagelegen, angekleidet, mit fiebernden Schläfen, wach, und doch, wie in einem tollen Traum, von der Höhe mehr als irdischer Seligkeit in die Tiefe rathloser Angst und Sorge taumelnd – in dieser Nacht hörte Gotthold durch das Rascheln [664] des Laubes vor seinem Fenster und das Klopfen des Regens gegen die Scheiben einen Ton, der ihn jäh sich vom Bette emporrichten und mit angehaltenem Athem in die Nacht hineinhorchen ließ. Es war wie ein Schrei gewesen, eines Weibes Schrei, und konnte nur aus dem Zimmer unter ihm gekommen sein, wo Cäcilie allein mit dem Kinde schlief. Mit einem Sprunge war er am Fenster. Wind und Regen schlugen ihm in’s Gesicht, dennoch durch Wind und Regen hörte er jetzt deutlich Brandow’s Stimme, bald lauter, bald leiser, wie ein Mensch spricht, den die Leidenschaft fortreißt und der sich dann wieder gewaltsam zur Ruhe zwingt. Zwischendurch glaubte er ein paar Mal ihre Stimme zu vernehmen; aber seine bis zum Wahnsinn erhitzte Phantasie füllte auch vielleicht nur die Pausen aus, in denen er die Stimme des Verhaßten nicht hörte. Eine eheliche Scene im Schlafgemach der Gattin, die ihre Thür nicht verschließen kann, nicht verschließen darf; die die wüsten Worte des Wüthenden, Trunkenen anhören muß, ihm nichts entgegenzusetzen hat als Thränen!

„Und es dulden, dulden müssen! Hülflos die Hände ringen müssen! Das ist bitterer als der Tod!“ murmelte Gotthold. „Warum habe ich nicht gesprochen? es könnte jetzt schon Alles entschieden sein! Ist denn schweigen, wo man sprechen müßte, nicht auch Lüge, grauenhafte, scheußliche Lüge? und muß denn hier gelogen sein, von dem Guten, wie von dem Schlechten? Morgen! wäre der Morgen da, wenn es nach solcher Nacht noch einen Morgen giebt!“

Er warf sich stöhnend, schluchzend auf sein Bett, den Kopf in die Kissen begrabend, außer sich, und sprang dann wieder auf. War es nicht ein Schritt, der über den Bodenraum knisterte, vorsichtig langsam? kam man zu ihm? mit der Mordwaffe in der Hand? gleichviel! und Gott sei Dank!

Gotthold sprang nach der Thür, die er aufriß. Alles war still, still und dunkel. Die Treppe von unten führte grade in der Mitte zwischen den beiden Giebeln herauf; der vorsichtige Schritt, den er gehört, war nicht nach seiner Seite, war ohne Zweifel nach der andern gegangen, wo seinem Zimmer gegenüber zwei kleinere Zimmer lagen, von denen das linker Hand leer stand, und das rechter Hand der hübschen Rieke eingeräumt war. Denn aus dem Zimmer rechter Hand durch die Ritze der Thür schimmerte jetzt ein schwacher Lichtschein, der ebenso schnell wieder erlosch, und durch die lautlose Stille kam ein Lachen, das alsbald abbrach, wie wenn sich eine rasche Hand auf den lachenden Mund legte.

Gotthold schloß die Thür; er mochte nichts weiter sehen und hören.




15.


Der dunkeln regnerischen Nacht war ein grauer trüber Morgen gefolgt. Endlose, dann und wann zu finsteren Wolken zusammengeballte Dunstmassen wälzten sich vom Meere her, so tief, daß sie fast die hohen Wipfel der Pappeln streiften, die vor dem rauhen Winde sich jetzt über die verregneten Strohdächer der Scheunen bogen und jetzt trotzig zurückschnellten und dann wieder unmuthig sich schüttelten.

Gotthold stand am Fenster der Wohnstube und blickte düstern Auges auf das düstere Schauspiel. Er hatte erst gegen Morgen, wider Willen fast, eine Stunde geschlafen; aber schwerer als die physische Erschöpfung auf seinem Körper, lastete auf seiner Seele die Sorge des Kommenden. Furchtbar wie die Nacht gewesen, es hatten dann und wann doch Hoffnungssterne auf Augenblicke tröstlich durch die Finsterniß gefunkelt; jetzt wollte ihm bedünken, als sei der trübe Tag nur deshalb angebrochen, ihm zu sagen: dies öde häßliche Treiben ist das Leben, ist die Wirklichkeit; was gehen mich deine Träume an? Er hatte, als er die Treppe hinabkam, mit einem Gefühle des Grauens fast gesehen, wie man in dem großen sonst unbenutzten Saale nach dem Garten die Vorbereitungen zu der Gesellschaft traf, und aus der Küche am Ende des langen Ganges das Klappern der Kessel gehört und das laute Gespräch der Mägde; und eben schob ein Knecht aus der Remise den Wagen heraus, der die Gäste aus Prora holen sollte. Das ging Alles seinen Gang, als sei heute wie gestern und morgen wie heute, als sei nichts geschehen, als könne nichts geschehen, was die alte Welt wieder jung macht wie am ersten Paradiesestage. Und doch, und doch! es war ja kein Traum; es war ja geschehen! es konnte nicht verwehen wie formloser Nebel! es mußte eine Gestalt annehmen, heraustreten aus dem Chaos, vielleicht herausgearbeitet werden in heißem Kampf – gleichviel! nur verloren konnte es nicht sein!

Aber dies öde thatlose Warten war fürchterlich. Sie mußte wissen, daß er hier stand, seit einer halben Stunde schon, ihrer harrend, auf ein Wort aus ihrem Munde, auf einen Blick nur, der ihm sagte: ich gehöre dir, wie du mir; zähle auf mich, wie ich auf dich. Warum kam sie nicht? der Augenblick war günstig, wie er im Laufe des Tages vielleicht nicht wiederkam. Brandow war vorhin über den Hof nach den Ställen gegangen, wie er es jeden Morgen that; das Frühstück stand auf dem Tische; sie waren noch immer um diese Zeit eine halbe Stunde ungestört beisammen gewesen – und heute, heute mußte sie ihn allein lassen!

Eine grenzenlose Ungeduld erfaßte ihn; er schritt in dem Gemache auf und ab; jeden Moment wieder die Blicke nach der Thür wendend, durch die der Andere heute Nacht gekommen und gegangen und die für ihn verschlossen war, gespannten Ohres lauschend, ob er keinen Laut vernehmen würde. Er hörte nichts, nichts als das verschlafene Summen einer Fliege; selbst die Wanduhr in dem hohen alten Holzgehäuse tickte heute nicht, der Zeiger war während der Nacht stehen geblieben.

Er preßte die Hände gegen die pochenden Schläfen; es war ihm, als müsse er wahnsinnig werden, wenn diese Marter nicht bald ein Ende nahm; und dann kam ihm ein Gedanke, entsetzlicher als alle früheren. Hatte sie Furcht vor ihm? Hielt sie die Scham gebannt, Dem vor die Augen zu treten, dessen Herz gestern an ihrem Herzen geschlagen, dessen Kuß sie genommen und erwidert hatte? Nein! nein! und tausendmal nein! Was sie auch fern von ihm hielt, das war es nicht, das nicht! Es war Versündigung an der Stolzen, es zu denken! Sie konnte sterben, aber nicht ehrlos leben. Vielleicht war sie krank, zum Sterben krank, hülflos, allein –

Doch da, das war Gretchens Stimme. „Mama, ich will mit, ich will mit zu Onkel Gotthold, ich will Onkel Gotthold ‚Morgen‘ sagen!“ und dann leise beschwichtigende Töne, und dann öffnete sich die Thür, und sie trat herein.

Gotthold stürzte auf sie zu, aber nur wenige Schritte. Sie hatte beide Hände erhoben in einer Geberde rührendster Bitte, und rührendste Bitte blickte aus den großen thränenumflorten Augen und aus jeder Miene des holden, von tödtlicher Blässe bedeckten Gesichtes. So kam sie auf ihn zu. So blieb sie vor ihm stehen, und dann kam über die zuckenden Lippen kaum hörbar:

„Wirst Du mir verzeihen, Gotthold?“

Er war nicht im Stande, zu antworten; diese Geberde, diese Miene, diese Worte – sie sagten ihm, daß seine bange Sorge zur Wahrheit wurde, daß, so oder so, Alles für ihn verloren sei.

Ein grimmiger Schmerz erfaßte ihn, und dann wallte der Zorn in seinem Herzen auf; er lachte laut.

„Das also ist Dein ganzer Muth!“

Ihre Arme sanken herab, ihre Lider schlossen sich, ein krampfhaftes Zucken flog über ihr Gesicht, sie bebte am ganzen Körper.

„Es ist nicht mein ganzer Muth, Gotthold! Aber ich danke Dir, daß Du so zornig bist; es wäre mir sonst doch wohl unmöglich. Nein, blicke mich so nicht an! nicht so! Lache, wie Du eben lachtest! Was kann ein Mann thun, als lachen, wenn eine Frau, von der er sich geliebt glaubt, kommt und sagt: –“

„Es ist nicht nöthig,“ rief Gotthold, „es bedarf dessen nicht; dergleichen begreift man nicht, aber man versteht es ohne Worte.“

Und er wandte sich zur Thür.

„Gotthold!“

Es lag Verzweiflung in dem Tone; der junge Mann ließ die Hand vom Drücker.

„Cäcilie, kann es denn sein? Ich habe Dich durch meine Heftigkeit erschreckt; es soll nicht wieder geschehen. Sage mir nur das Eine Wort, daß Du mich liebst, so will ich alles Andere tragen, so ist ja alles Andere gleichgültig; es muß und wird sich finden; aber so kannst Du mich nicht fortlassen, so nicht!“

[665] Er spähte vergeblich in ihrem Gesichte nach einer Bestätigung. Ihre Züge waren wie erstarrt in einem grauenhaften Lächeln.

„Nein,“ sagte sie, „so nicht; nicht, bevor Du mir versprochen hast, daß Du meinen Mann, den ich liebe und ehre, von dem ich mich nicht trennen kann und mag, retten willst –“

Sie sprach die Worte langsam, tonlos, wie ein Auswendiggelerntes und schwieg jetzt, wie eine Schülerin, die ihre Lection vergessen hat.

„Was soll die Komödie?“ sagte Gotthold.

Die Thür zur Schlafstube that sich auf, Gretchen streckte ihren Lockenkopf herein und kam dann auf die Mutter zugesprungen. Cäcilie riß das Kind an sich und fuhr, während fieberhafte Gluth die frühere Blässe verdrängte, hastig fort: „– retten willst vom Bankerott, dem er verfallen ist, wenn Du ihm nicht hilfst. Es handelt sich um – um –“

Sie hatte Gretchen losgelassen und griff mit den Händen nach der Stirn.

„Mama! Mama!“ rief Gretchen und fing laut an zu weinen, als Gotthold die Schwankende nach dem nächsten Stuhl führte.

„Was ist mit meiner Frau?“ fragte Brandow.

Gotthold hatte ihn nicht kommen hören. Bei dem ersten Ton seiner Stimme richtete sich Cäcilie aus seinen Armen auf und stand jetzt zwischen den beiden Männern, ohne Stütze, das Kind an sich drückend, blaß; aber mit dem Ausdruck finsterer Entschlossenheit, und es lag eine sonderbare klanglose Festigkeit im Ton ihrer Stimme, als sie jetzt, die Augen auf ihren Gatten richtend, sagte:

„Er weiß es und wird es thun.“

Und dann zu Gotthold gewandt:

„Nicht wahr, Gotthold, um unserer alten Freundschaft willen wirst Du es thun? Und, lebe wohl, Gotthold; wir werden uns nicht wiedersehen.“

Sie reichte ihm eine eiskalte Hand, nahm Gretchen auf den Arm und verließ das Zimmer, ohne sich umzusehen, während Gretchen über ihre Schulter die Händchen nach Gotthold ausstreckte, rufend: „Bring’ mir heute was Schönes mit, Onkel Gotthold! hörst Du, Onkel Gotthold?“




16.


„Wenn doch die Frauen nicht gleich Alles tragisch nehmen wollten!“ sagte Brandow, „es ist wirklich ein Leidwesen! erst erbietet sie sich selbst, und jetzt – aber Consequenz darf man von den guten Geschöpfen freilich nicht fordern.“

„Und was forderst Du von mir?“ fragte Gotthold.

Er hatte sich an den Tisch gesetzt, während Brandow unruhig auf und ab ging, und sich bald da, bald hier im Zimmer etwas zu schaffen machte.

„Fordern! wie Du nur redest! fordern! wenn ich etwas von Dir zu fordern hätte, ich würde nicht so lange geschwiegen haben; aber ich denke, meine Frau hat Dir Alles gesagt, oder sollte sie –“

„Sie hat Alles gesagt, bis auf die Summe, um die es sich handelt!“

„Bis auf die Summe! prächtig, prächtig! so ganz frauenzimmermäßig! bis auf die Summe! auf solche Nebensachen braucht man freilich kein Gewicht zu legen!“

Und Brandow versuchte ein Lachen, das sehr heiser klang.

„Kurz und gut!“

„Kurz, meinetwegen! und gut! na, ich hoffe, daß Du es gut nimmst! ich brauche fünfundzwanzigtausend Thaler.“

„Zu wann?“

„Das ist eben der Teufel; zehntausend, die ich dem Curatorium für die aufgelaufene Pacht schuldig bin, sind morgen Vormittag an der Klosterhauptcasse in Sundin zu zahlen, nur daß Sellien, wenn er heute kommt, sie gleich mitnehmen wollte; aber natürlich ist das nur eine Gefälligkeit von seiner Seite, und würde eine Coulanz von der meinigen sein – keine Verpflichtung. Die Geschichte hat also bis morgen Zeit. Der Rest – will sagen fünfzehntausend – ist eine Schuld auf Ehrenwort, respective Ehrenschein, die heute Abend bezahlt sein muß, wenn ich meinen Brownlock und meine Weizenernte, die ich als Pfand eingesetzt, nicht verlieren will. Unter uns, man hat es eigentlich nur auf den Brownlock abgesehen; man, das heißt, die beiden Plüggens und Redebas, die mir seiner Zeit das Geld förmlich aufgezwungen und den Termin auf heute angesetzt haben, weil sie wußten, in welcher Klemme ich durch meine Pachtverpflichtungen bin, und hofften, ich würde auf keinen Fall zahlen können, und dann hatten sie den Brownlock! Die Schleicher, die Gauner! den Brownlock, der noch einmal so viel werth ist, als die ganze Mahlzeit, den Brownlock, auf den ich jetzt schon Fünfzehntausend in meinem Wettbuch habe und der mir seine Dreißigtausend einbringen soll, so wahr ich Karl Brandow heiße!“

Er that, als ob er sich in Zorn geredet habe und schlug mit der Reitpeitsche durch die Luft und an die Stulpen seiner Stiefel, während sein Lauerblick unverwandt an Gotthold haftete, der noch immer, die Stirn in die Hand gestützt, regungslos an dem Tische saß.

„Und das Geld sollte ich Dir verschaffen? Wie hast Du Dir das gedacht?“

„Ich dachte etwa so. Meine Frau sagte mir, daß Du uns heute schon verlassen willst; es thut mir natürlich ungeheuer leid; aber Du hast gewiß Deine Gründe, die ich achte, ohne sie zu kennen, und da benutzest Du vielleicht den Wagen, den ich eben, um Selliens zu holen, nach Prora schicke. Ich werde Dir Hinrich Scheel mitgeben, auf den ich mich vollkommen verlassen kann, und Hinrich könnte mir dann die Fünfzehntausend, mit denen ich meine lieben Gäste füttern muß, gleich zurückbringen. Du brauchst das Geld gar nicht zu zählen; Dein ausgezeichneter Wollnow, dieser untadelhafte Manichäer, verzählt sich nicht. Die Zehntausend für Selliens können gleich dort bleiben; er kann sie sich ja morgen mitnehmen, da er doch wieder über Prora muß. Du schreibst mir nur eine Zeile, oder sagst auch nur Hinrich, daß das Geld für ihn bei Wollnow auf meine Anweisung bereit liegt. Er läßt mir dann die Quittung gleich hier, oder giebt sie morgen an Wollnow, wo ich mir sie ja dann gelegentlich holen kann, und die Sache ist in Ordnung.“

„Und wenn Wollnow mir das Geld nicht geben will?“

„Nicht geben will? aber ich denke, Du hast Fünfzigtausend in seinem Geschäft?“

„Keinen Groschen mehr als Zehntausend!“

„Aber Semmel versicherte mich doch –“

„Semmel irrt.“

Brandow war mit erhobener Reitpeitsche stehen geblieben. Sollte der Mensch sich auf’s Handeln legen? elende Zehntausend? und dachte damit durchzukommen?

Ein höhnisches Lächeln flog über sein scharfes, heute ungewöhnlich blasses Gesicht, und die Reitpeitsche sauste durch die Luft.

„Ah bah! so hast Du doch Credit für Fünfzigtausend. Credit ist Geld, das weiß Niemand besser als ich, der ich seit lange schon von Credit lebe. Aber mache, was Du willst! Ich plaidire nicht für mich – ich bin von hartem Holz und werde auch diesen Sturm überstehen. Um die arme Cäcilie thut es mir freilich leid. Sie hat so sicher auf Deine Freundschaft gerechnet; sie hat mir so zugeredet, mich Dir anzuvertrauen –“

Gotthold hatte seine ganze Kraft zusammennehmen müssen, um während dieser abscheulichen Scene an sich zu halten, seinem Gegner nicht zu zeigen, wie furchtbar er litt. Plötzlich flirrte es ihm vor den Augen, es sauste in seinen Ohren, ihm war, als ob er am Boden läge und Brandow, der über ihm stand, holte eben zu einem zweiten Hiebe aus. Und dann raffte er sich mit einer ungeheuren Anstrengung aus der Ohnmacht, die ihn zu befallen drohte, auf und sich erhebend sagte er:

„Es ist gut; Cäcilie soll nicht umsonst auf meine Freundschaft gerechnet haben; sieh’ Du zu, daß Du Dich nicht verrechnet hast.“

Brandow war, von dem geisterhaften Ausdruck in Gotthold’s Gesicht erschrocken, unwillkürlich ein paar Schritte zurückgewichen. Er wollte mit einem Scherz erwidern, daß er sich, wenn es seine Schulden beträfe, nicht zu verrechnen pflege; aber Gotthold schnitt ihm mit einem verächtlichen „Genug!“ die Phrase in der Mitte durch und verließ das Zimmer, seine Sachen zu ordnen.

Eine Viertelstunde später rollte der Wagen, den Hinrich Scheel lenkte, in den Nebelmorgen hinein über die Haide den Weg nach Prora.


(Fortsetzung folgt.)




[666]
Das schwimmende Pathchen.


Wie wir schon in Nr. 33 unseres Blattes unseren Lesern mitgetheilt haben, stand damals der Stapellauf eines neuen Stralsunder Schiffes bevor, das auf den Namen „Die Gartenlaube“ getauft werden sollte. Dieser Taufact und Stapellauf ist nun vollbracht. Ein Augenzeuge der Feierlichkeit setzt uns in den Stand, dem vielfach gegen uns ausgesprochenen Wunsch entsprechend, eine kurze Beschreibung derselben hier folgen zu lassen.

Rüstig wurde noch am 23. August auf der Kirchhoff’schen Werft gearbeitet, um Alles für den Stapellauf am folgenden Tage vorzubereiten. Der Abend war herrlich und versprach einen schönen Morgen für den andern Tag. Eine leichte Brise aus Norden hatte für den beabsichtigten Stapellauf einen günstigen Wasserstand herbeigeführt, und so schien denn Alles den besten Fortgang nehmen zu wollen. In ungetrübtem Glanze begann die Sonne am Morgen des Vierundzwanzigsten ihren Lauf. Leichtes Gewölk hing nur hier und da an dem sonst blauen Himmel, und über die ganze an Abwechslung reiche Landschaft schien ein leichter, freundlicher Herbstduft gelagert. Zwar hatte der über Nacht gen Süden umgesprungene Wind den Wasserstand im Hafen um vier bis fünf Fuß verringert und schien die Feierlichkeit bedenklich zu machen; aber noch am Vormittag sprang der Wind abermals in nördlicher Richtung um, und so konnte denn mit um so größerer Zuversicht auf Gelingen an die Ausführung gegangen werden.

Manches Schiff wohl hatte im Laufe der Jahre die Stralsunder Werften verlassen; aber noch bei keinem hatte sich eine so große Zuschauermenge eingefunden, als beim Stapellauf der „Gartenlaube“ am 24. August. Im Interesse der lieben Schuljugend war es gewiß ein recht glücklicher Zufall, daß der 24. August auf einen Sonnabend fiel, wo am Nachmittag die Schulen geschlossen zu sein pflegen; denn so konnte sie nun rechtzeitig, d. h. ein paar Stunden vor dem festgesetzten Termine nach dem Schauplatze hinauseilen und die möglichst günstigste Position einnehmen. Aber auch die erwachsene Bevölkerung ließ es nicht an Zuzug fehlen, und je näher die bestimmte Stunde rückte, in desto dichteren Schaaren eilten nicht Hunderte, nein, Tausende hinaus zu den Werftplätzen und auf den gegenüberliegenden Hafendamm. In freundlichster Weise hatten sämmtliche Herren Schiffsbaumeister ihre Werften geöffnet und die Benutzung ihrer im Bau begriffenen Schiffe oder der Bauholz- und Plankengerüste als Tribünen gestattet. Es war in der That ein herrliches Panorama, das sich da vor dem Auge ausbreitete! Rechts und links in bunter Menge, Kopf an Kopf gedrängt, die aus allen Ständen herbeigeeilten Zuschauer! Ueber sich der freundliche Himmel, vor sich die See und der Hafen mit seinen zum größten Theil zu Ehren des Tages beflaggten Schiffen! Rechts die kleine Insel Dänholm mit ihrem (leider vormaligen) Marine-Etablissement, und noch weiter drüben Rügen mit dem freundlichen Dörfchen Altfähre im Vordergrunde, links aber das altehrwürdige Stralsund mit seinen Thürmen und Festungswällen!

Und nun erst das bis jetzt noch namenlose Schiff selbst, der Mittelpunkt der Neugierde und des geschäftigen Treibens! Wie stattlich stand er da, der schöne Dreimaster, in sonst fast voller Takelung, nur noch der „Raaen“ (Querstangen an den Masten) entbehrend! Die „Bramstangen“ (die Verlängerungen des eigentlichen Mastes) waren „gestrichen“ und nur der „Top“ (äußerste Spitze) des „Großmastes“ (des mittelsten und größten Mastes), bestimmt den „Stander“ mit dem Namen des Schiffes nach vollzogener Taufe zu tragen, erschien noch unbeflaggt. Dafür aber flatterten sonst eine große Menge der buntesten und verschiedenartigsten Flaggen lustig hinaus in die Luft, und auch der Schmuck von Blumen und Kränzen mit Namenszügen in ihrem Innern konnte natürlich nicht fehlen. Am Bord des Schiffes selbst aber tummelte sich, außer dem nöthigen Schiffspersonal und einer Anzahl geladener und ungeladener erwachsener Gäste, lustig eine muntere Schaar Jungen, denen das Glück zu Theil geworden war, das Schiff auf seiner Landfahrt von der Werft bis zur See begleiten zu dürfen. Dieses selbst kehrte, wie es jetzt bei allen größeren Schiffsbauten auf der Werft üblich ist, seine Vorderseite (Vordersteven) dem Lande, seine Hinterseite aber (Hintersteven) der See zu. Hier am „Spiegel“ sah man das bunte Wappen der Stadt Stralsund, und unter diesem wird später der Name „Die Gartenlaube“, von Blumenranken umgeben und trefflich in Holz geschnitzt, prangen; am Vordersteven aber an der „Gallion“ (eine Art Ausbau) unter der „Krülle“ (eine Art Giebelstück an der äußersten Spitze) erglänzte in bunten Farben auf dem „Brustschilde“ der ebenfalls trefflich in Holz geschnitzte und heraldisch richtig ausgeführte deutsche Reichsadler.

Unter dem Schiffe selbst ertönten jetzt unter dem Zuruf eines der beschäftigten Zimmerer in regelmäßigem Tacte mächtige Hammerschläge, und hier ist wohl der Ort, um denjenigen Lesern der Gartenlaube, welche dem Stapellaufe eines Schiffes noch nicht beigewohnt haben, das Bild eines solchen in kurzen Umrissen zu entwerfen.

Während das Schiff auf den „Stapelblöcken“ (d. i. übereinander gelegten und befestigten starken Holzstücken, deren unterstes das größte, deren oberstes aber das kleinste ist) gebaut wurde, ruhte dasselbe auf dem Kiel und den Seitenstücken, so jedoch, daß es, da die Stapelblöcke nach der Landseite und dem Vordersteven zu am höchsten, nach der Seeseite aber am niedrigsten waren, nicht auf einer horizontalen, sondern nach der Seeseite geneigten Ebene lag. Zum Ablaufen ist das ganze Gewicht des Schiffes auf eine bewegliche Grundlage übertragen worden und für diese eine Bahn construirt, auf der sie gleiten kann. Auf jeder Seite des Kiels, etwa um ein Viertel der Schiffsbreite, ist nämlich ein langer Balken, der „Schlittenbalken“ (noch eigentlicher „Sudholz“) genannt, unter den Schiffskörper gekeilt, und unter diesem befindet sich eine starke, feststehende, geneigte Bahn, die „Gleitplanken“, auch „Schmierplanken“ oder „Seitenpfannen“ genannt. Das ganze mit dem Kiel parallel laufende Zimmerwerk heißt man wohl auch „Schlitten“. Um zu vermeiden, daß das Schiff etwa vom geraden Wege abweiche, sind zwei „Borten“ an die Gleitplanken (Seitenpfannen) befestigt und stark abgestützt. Die Stapelblöcke, bis auf einige am Vordersteven, sind bereits weggenommen und kurze starke Rinnen (Kielpfannen) statt ihrer unter den Kiel gebracht. Alles ist gehörig an seiner Stelle: Kiel, Gleit- und Schlittenplanken sind stark mit Talg, Oel und Seife bestrichen, das Schiff ruht jetzt eigentlich auf drei Kielen oder richtiger gesagt in den zwei oben erwähnten Seitenpfannen und in der Pfanne, die den Kiel trägt.

Um das Schiff von den Stapelblöcken zu heben und seine ganze Last auf Rinne und Schlitten zu bringen, treibt man, vom Hintersteven beginnend nach dem Vordersteven zu, Keile unter die Kielpfannen, und zwar geschieht dies von zwei Seiten zugleich. Von dieser Arbeit eben ertönten jene mächtigen Hammerschläge, deren oben Erwähnung geschah.

Die letzte Rinne in der Nähe des Vorderstevens war eben gekeilt, eine Stütze nach der andern gefallen: nur ein Stapelblock und eine Strebe unter dem Kiel hielten noch das gewaltige Gebäude auf seinem alten Lager zurück. Das Schiff war zum Ablaufen fertig und der Moment der Taufe somit gekommen. Schon vernahm man einzelnes Knacken vom Schiffe her, als ob es den Augenblick nicht erwarten könne, wo auch das letzte Hinderniß beseitigt sei, um seinem wahren Elemente zueilen zu können. Alles stand voller Erwartung, man kann sagen banger Erwartung, „ob wohl auch das Werk gelingen werde.“

An dem (der Landseite zugekehrten) Vordersteven hing, an zwei vom Bord ausgehenden Schnüren befestigt, die nach unten in einem Winkel zusammengebunden waren, eine Flasche mit Champagner. Von diesem Vereinigungspunkte der zwei Schnüre ging noch eine dritte, längere aus, deren Ende eine Nichte des Capitains, Fräulein Schröder, welche die Taufe vollziehen sollte, in der Hand hielt. In kurzer Entfernung nun vor dem Schiffe stehend, umgeben von dem Rheder des Schiffes, von dem stellvertretenden Pathen etc., sprach die junge Dame folgende Verse:

„Fahr’ hin nun zu den blauen Wellen,
Mein Schiff, Du deutschen Fleißes Zier!
Mag Ost, mag West die Segel schwellen, –
Glück auf, mein Fahrzeug! Gott mit Dir!

Sei Du ein Gruß am fernen Strande
Dem deutschen Aug’, das Dich erblickt,
Ein Gruß vom lieben Vaterlande,
Der jedes deutsche Herz erquickt!

Ich will Dir einen Namen geben,
Der ist in aller Welt bekannt,
In aller Welt, wo Deutsche leben:
‚Die Gartenlaube‘ sei benannt!“

Bei den letzten Worten ließ die Jungfrau die Schnur, nachdem sie dieselbe vorher straff an sich gezogen, aus der Hand gleiten. Unter lautem Klirren zerbarst die Flasche am Vordersteven, mit ihrem schäumenden Inhalte Planken und Erdboden tränkend, und in demselben Augenblicke wurde auf dem Top des Großmastes der Stander mit dem auf weißem Grunde in Roth ausgeführten Namen „Die Gartenlaube“ aufgehißt. – Der Taufact war vollzogen.

Jetzt wurde nun noch vermittelst einer seitwärts arbeitenden Ramme die Strebe unter dem Kiel herausgeschlagen. An allen Gliedern knackte und krachte das mächtige Schiffsgebäude, gleich einem Löwen, der stolz seine Mähne schüttelt. Langsam kam es in Bewegung, die aber immer schneller und schneller wurde, so daß durch die bedeutende Reibung Rauch und Funken unter dem Kiel hervorbrachen. Endlich hatte das Schiff seine Holzbahn verlassen und stürzte sich nun unter mächtigem Brausen in die hochschäumende See, begrüßt von dem vieltausendstimmigen Hurrah der versammelten Menge und von Kanonendonner, als es nun, eine lange Furche ziehend, stolz auf seinem Elemente schwamm.

Vielleicht dürften den Lesern der Gartenlaube einige kurze Notizen in Bezug auf die Größe des Schiffes nicht uninteressant sein. Seine Länge über Deck beträgt 133 Fuß rheinländisch, die Länge auf dem Kiel 115, seine Breite 29 und seine Tiefe 15½ Fuß. Sein Gehalt wird sich zu ungefähr 280 Lasten à 4000 Pfund bemessen. Sein großer Anker wiegt 22 und der nachgrößte 20 Centner. Die äußere und innere Einrichtung am Bord sind ebenso zweckmäßig als, was namentlich die Wohnräume anlangt, bequem und sogar mit einiger Eleganz ausgestattet, so daß Alles bei dem Beschauer einen befriedigenden und wohlthuenden Eindruck hinterlassen muß.

So liegt nun „die Gartenlaube“ vor der Werft, um vorerst noch gekupfert zu werden und ihrer sonstigen Ausrüstung harrend. Dann wird sie, nachdem sie in Danzig Ladung eingenommen, ihre erste Reise nach Brasilien antreten. Mögen all die guten Wünsche, die ihr mit auf den Weg gegeben sind, in Erfüllung gehen! Möge das Glück sie begleiten auf allen ihren Fahrten und dieselben segenbringend machen für den wackern Capitain mit seinen Leuten wie für den Rheder, zur Ehre auch ihres Baumeisters! Das walte Gott!




[667]
Blätter und Blüthen.


Luther’s Trauring. Eine Anfrage hinsichtlich des vielbesprochenen echten Verlobungs- und Traurings Martin Luther’s veranlaßt uns, die von einem Abkömmling der Lutherfamilie uns gewordene Auskunft mit einer Illustration zu verdeutlichen.

Die Gartenlaube (1872) b 667.jpg

Luther’s Verlobungs- und Trauring.

Immer ist von Neuem die Frage aufgeworfen worden: „Wo befindet sich der echte Lutherring?“ Eben deshalb ist’s nothwendig, diese Frage endlich mit der wohlbegründeten Antwort zu ewigem Schweigen zu bringen: Es ist nicht mehr möglich, den echten Ring zu bestimmen. Derselbe war nicht nur ein Geschenk des Kurfürsten, sondern auch ein Meisterstück der Goldarbeiterkunst jener Zeit; nimmt man dazu die hohe Verehrung, in welcher Luther selbst stand, so wird die Wahrscheinlichkeit sehr nahe liegen, daß nicht erst 1817, sondern schon zu Luther’s und seiner Katharina Lebzeiten Nachahmungen dieses Ringes, oder beider Ringe, des größeren Luther’s und des kleineren der Katharina, gemacht worden sind.

Luther’s Ring ging ohne Zweifel in den Besitz seiner Gattin über, und sie bewahrte ihn sicherlich als ihr werthvollstes Kleinod. Aber mit Luther war die Ruhe ihrer Tage dahin. Schon ein Jahr nach seinem Tode mußte sie, als der Schmalkaldische Krieg (1547) des Kaisers Heer gen Wittenberg führte, mit ihren Kindern fliehen. Sie verweilte in Magdeburg und Braunschweig und kehrte erst im folgenden Jahre nach Wittenberg zurück. Als aber im Sommer 1552 dort die Pest ausbrach, entfloh sie abermals mit ihren Kindern. Auf dem Wege nach Torgau hatte sie das Unglück, daß der Wagen umfiel und sie in’s Wasser stürzte. Von Schrecken und Erkältung krank, kam sie nach Torgau und starb dort schon am 20. December. Wohin ist ihr Nachlaß gekommen? Wer weiß es? Besaß sie die Ringe noch? Oder gingen sie bei dem Unfall verloren? Niemand giebt Antwort – und welche Kriegszeiten sind seitdem zerstörend über deutsches Hab und Gut dahingegangen!

Auch zu Freiburg im Breisgau befindet eine Dame sich im Besitz eines Lutherringes, welcher auf das Genaueste der Abbildung entspricht, die im fünften Stück des zweiten Bandes von des Weimarischen Landes-Industie-Comptoires allbekannten „Curiositäten der physisch-literarisch-artistisch-historischen Vor- und Mitwelt“ dargestellt ist und die wir hier ebenfalls danach mittheilen.

Freuen wir uns, daß uns die Abbildung der Ringe treu bewahrt ist; wir geben dieselbe auch in der Gartenlaube wieder, damit jeder Besitzer eines solchen Ringes weiß, was er besitzt. Die Beschreibung lassen wir nach den „Curiositäten“ hier folgen.

Der ziemlich breite goldne Ring von durchbrochener und erhabener Arbeit besteht aus einem verzierten Hauptreif (Fig. 1.) in der Mitte, auf welchem ein Rubin steht, und zwei Nebenreifen zu beiden Seiten (Fig. 2.), ebenfalls mit Figuren verziert. Diese drei Reifen sind aber fest mit einander verbunden, und keineswegs aus einander zu nehmen. Der Hauptreif, welchen der in einen Kasten gefaßte Rubin in zwei Hälften theilt, stellt in der einen Hälfte einen Baum vor (Fig. 3.), wie verschiedene Aeste unten und oben anzeigen, mit einem Querbalken, dicht unter dem Rubin, so daß der Baum ein der Natur des Ringes wegen gekrümmtes Kreuz bildet, auf welchem die bis zu den Muskeln ausgearbeitete Figur des Gekreuzigten erscheint. Am Baume unten, dicht zu den Füßen Christi, befindet sich ein Würfel, und weiter unten noch einer in den Aesten. Diese Würfel sind durch drei mit Punkten versehene Seiten kenntlich gemacht.

Die andere Hälfte des Hauptringes (Fig. 4.) enthält, diesseits des Rubins, noch die obere Spitze des Kreuzbaumes mit Geäste, unter welchem man die Inschrift: I. N. R. I. (Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum) deutlich lesen kann. An die Spitze des Kreuzbaums schließt sich in dieser andern Hälfte des Hauptringes die durch Gesims und Architektur kennbare, natürlich ebenfalls gekrümmte Säule der Geißelung oder Krönung an (vielleicht die, welche nach Chateaubriand, in der Kirche des heiligen Grabes die Abyssinier betrachten). Diese Säule ist mit Stricken umwunden, an denen unten, wo der Ring zusammengeht, ein dritter Würfel sich befindet, und oben eine Figur, wie ein großer Hammer, querüber gelegt ist.

Die Nebenreife werden in der einen Hälfte (Fig. 3.), den Gekreuzigten zur Linken und Rechten, durch zwei Marterinstrumente, wie Speere oder Schwerter, oder von einer in entgegengesetzter Richtung der Hauptfigur liegenden Geißel oder Ruthe gebildet. Die andere Hälfte der Nebenreife, welche die Säule des Hauptreifs umgiebt, stellt diesseits eine gekrümmte Leiter (Fig. 4.), die nach dem Kreuze zu geht, und jenseits ein Schwert dar, oder eine Lanze. Aus noch einer Verzierung neben dem Kreuze könnte man den Kopf und das Gesicht eines Kriegsknechts herausstudiren.

Inwendig im Hauptreife stehen ausgeschrieben die Namen der Verlobten (Fig. 5.), und innerhalb des Nebenreifes, mit kleiner Schrift, der 13. Juni 1525. (Fig. 6.) Dieses ist das Datum der Verlobung und Verheirathung zugleich.




Ein kritischer Augenblick. (Mit Abbildung S. 660). Warum soll nicht auch ein Kriegsbild hier Platz finden, dessen Werth mehr auf seinem künstlerisch glücklichen Gegenstand, als auf dem Erfolgreichen des dargestellten Ereignisses beruht? Uebrigens gewinnt der, wie unser Künstler sich ausdrückt, „für den Schlachtenmaler so dankbare Moment“ durch die Hauptperson gerade jetzt besonderes Interesse, und immerhin kann die Gefahr, in welcher der französische Oberfeldherr damals stand, wenigstens mit Recht ein kritischer Augenblick nicht blos der Schlacht, sondern des ganzen Kriegs genannt werden; denn hätten die Husaren unseres Bildes ihren vornehmen Gegner festpacken können, wer weiß, wie anders dann gar Manches gekommen wäre.

Marschall Bazaine hat in seiner Schrift über den „Feldzug der Rheinarmee vom 12. August bis zum 28. October 1870“ den Vorfall zwar nur kurz, aber doch so erwähnt, daß die wirkliche Bedeutung desselben zwischen den Zeilen zu lesen ist. Er sagt:

„Den 16. August früh trafen die Spitzen der preußischen Colonnen auf die Cavalerie-Division de Forton, die auf das zweite Armeecorps zurückweichen mußte, und nahmen Mars-la-Tour ein. Um halbzehn Uhr war die Schlacht gegen das zweite und sechste Armeecorps aufgenommen. Um diese Zeit hatte die Armee den beabsichtigten Marsch nach Verdun noch nicht angetreten, weil ich erst das Heranrücken des dritten und vierten Armeecorps abwarten wollte und Marschall Leboeuf mich deshalb um Aufschub gebeten hatte. Gegen Mittag trieben die Deutschen so nachdrücklich zum Angriff, daß ich die Garde in’s Gefecht eintreten lassen mußte. Während dieser Bewegung wurde ich in einen Sturmritt braunschweigischer Husaren verwickelt und von meinem Stabe getrennt, der mir mehrere Stunden fehlte.

Genaueres geben die deutschen Kriegsgeschichtsschreiber. Am klarsten zeigt uns den Gang in der Schlacht bis zu diesem Augenblick A. Niemann in seiner „Militärischen Beschreibung des französischen Feldzugs von 1870 bis 1871.“ Er erzählt den betreffenden Vorgang so:

„Das dritte Armeecorps behauptete sich um Mittag in den errungenen Stellungen von Flavigny und Vionville und wies mit Hülfe von Theilen der sechsten Cavaleridivision, welche um ein Uhr Nachmittags, Flavigny links lassend, in der Richtung gegen die Chaussee attakirte, alle Versuche des Feindes, Vionville wiederzunehmen, erfolgreich zurück. Der französische Divisionsgeneral Bataille ward um halb Eins verwundet, seine Division begann zu weichen, und diese Bewegung zog einen Theil der Division Bergé mit zurück. Um diese Lücke auszufüllen, ließ der Marschall Bazaine vom dritten Lancierregiment und von den Kürassieren der Garde einen Choc gegen die feindliche Infanterie machen. Der Angriff der Lanciers ward abgeschlagen, und auch die Kürassiere, in drei Echelons anstürmend, vermochten die Quarrés nicht zu erschüttern. Eine Schwadron des braunschweigischen Husarenregiments von der Division Rheinbaben gelangte bei [668] der Verfolgung dieser zurückströmenden Cavalerie bis in eine Batterie der Garde, in deren Mitte sich der Marschall selbst befand, so daß derselbe gleich seinem Generalstabe den Degen ziehen und sich in einen Kampf mit der blanken Waffe einlassen mußte.

Das ist der von unserm Künstler dargestellte Augenblick. Wir sehen den Marschall, obwohl mitten im Kampfgewühl, dennoch als Hauptgestalt, um welche der Waffentanz sich dreht, soeben den Säbel ziehen; sein Schimmel ist offenbar bereit, ihn linksum aus der Gefahr zu tragen. Rings um ihn sind von den Männern seines Stabs die Klingen zu seiner Vertheidigung geschwungen, so daß sich ein förmlicher Kranz von Zweikämpfen aus der wilden Masse heraushebt. Links stürmen französische Husaren heran, um sich zu ihrem Feldherrn Bahn zu hauen, der von den Braunschweigern bereits völlig umschwärmt ist. Daß eine französische Batterie in der Nähe gestanden, wo jetzt das Reitergefecht rasch vorüberstürmte, hat der Künstler durch den umgestürzten Protzkasten des Vordergrunds angedeutet. Bazaine selbst ist an der Portraitähnlichkeit sogleich zu erkennen.

Nach Raum und Zeit nicht weit entfernt von diesem Reiterstückchen geschah dann Bredow’s Reiterbrigadesturm, welcher uns zu dem Artikel über den „Trompeter von Mars-la-Tour“ veranlaßte.

Wie viele solcher einzelner Glanzpunkte persönlicher Tapferkeit und Aufopferung dieses Kriegs mögen noch ihrer Verherrlichung harren! Stift und Griffel haben noch unabsehbare Stoffe zu bewältigen.




Die Frau des Paters. Die Zeitungen haben unlängst die Nachricht von der Vermählung des Paters Hyacinthe Loyson gebracht, welche am 3. September d. J. von dem Reverend N. Stanley in der Westminster-Abtei zu London vollzogen worden ist. Dieser entscheidende Act, der den Pater Hyacinthe wohl mehr als Andere noch aus der Gemeinschaft der katholischen Priester ausscheidet, obwohl er in seinem erlassenen Briefe sagt, daß er ein solcher sei und bleiben wolle, erfüllt uns nicht allein mit neuem Interesse für diesen Luther des neunzehnten Jahrhunderts, er erweckt auch den Wunsch, etwas Näheres über die Frau zu erfahren, die sich soeben mit ihm verbunden hat.

Das schönste Lob giebt ihr ohne Zweifel der Pater selbst, wenn er sagt: „Ich thue diesen Schritt mit Ueberlegung und Freudigkeit; ich bin ihn der edlen Freundin schuldig, welche mir seit mehreren Jahren die größte Aufopferung bewiesen hat. Als ich vor fünf Jahren aus dem Kreise der Kirchenglieder ausgestoßen ward, als meine Glaubensbrüder, meine Freunde, ja selbst meine Familie sich von mir abwendeten, da wäre ich an mir selbst und an der Menschheit verzweifelt, wenn mir diese hochherzige Freundin nicht Alles ersetzt hätte.“

Mrs. E. Meriman, jetzt Madame Hyacinthe Loyson, ist die Wittwe eines angesehenen Kaufmanns aus New-York; sie besitzt ein bescheidenes Einkommen, das sie durch schriftstellerische Arbeiten zu vergrößern weiß; sie ist etwa fünfunddreißig Jahre alt, von hoher, kräftiger Gestalt, hat große, seelenvolle Augen, einen schönen Teint und volles schwarzes Haar, das sie gern nach griechischer Weise aufsteckt. Sie hat einen Sohn von sechszehn Jahren, der vor etwa fünf Jahren die internationale Schule zu St. Germain en-Laye besuchte, und hielt sich während des Sommers 1867 in dieser Stadt auf um ihm nahe zu sein. Schreiber dieser Zeilen hatte damals Gelegenheit, mit ihr in Berührung zu treten, und erinnert sich mit Vergnügen des interessanten und liebenswürdigen Eindrucks, den die Dame auf ihn gemacht hat. Das kleine unscheinbare Häuschen in der Rue de Poissy war ein Asyl für Kunst und Gelehrsamkeit; das Arbeitszimmer, dessen Thür nach dem Garten stets geöffnet blieb, bot einen Geist und Auge erfreuenden Anblick durch die Büsten und Gemälde, mit denen es in geschmackvoller Weise geziert war.

Mrs. Meriman, welche zu jener Zeit für eine bedeutende amerikanische Zeitung schrieb, empfing nur wenige gewählte Freunde und widmete sich ausschließlich der Erziehung ihres Sohnes und ihrem schriftstellerischen Berufe; ihre Erholungsstunden waren der Malerei und der Musik gewidmet, für welche sie ebenfalls nicht unbedeutende Anlagen hatte. Mit dieser reichen Begabung, mit dieser Liebe für Kunst und Wissen verbindet Mrs. Meriman eine seltene Bescheidenheit, welche ihren Umgang nur um so anziehender macht; nur bei Erwähnung des tiefen Kummers, den sie bei dem Verluste eines vierjährigen Töchterchens erlitten, ließ sie uns ein rührendes Gedicht sehen, das sie damals geschrieben, und so erfuhren wir von ihrem Talente.

Vielleicht unternimmt es eine geübtere Hand, einige dieser Schriften zu übertragen; es schien uns aber eine angenehme Pflicht, der interessanten Begegnung mit einer Frau zu gedenken, die durch die Vermählung mit einem so tapferen Kämpfer für religiöse Freiheit eine gewisse historische Bedeutung erlangt hat.




Der Meister der Panoramen. Am fünften August drückte zu Frankfurt am Main der Tod ein Paar Augen zu, die im Leben redlich ihre Schuldigkeit gethan hatten. Friedrich Wilhelm Delkeskamp, der erste und größte deutsche Panoramenzeichner, starb in seinem achtundsiebzigsten Jahre. Bekanntlich giebt es zweierlei Panoramen: solche, welche von einem festen, und solche, welche von einem beweglichen Standpunkt aus aufgenommen sind, so daß sie sich dem Betrachter entweder als ein Rund- oder als ein Längenbild darstellen. Zu ersterem soll natürlich, wie schier allemal, ein Deutscher, der Danziger Professor Breisig, die erste Idee gehabt und im Kleinen ausgeführt, ein Engländer, oder vielmehr ein Schotte, Robert Barker, dagegen die erste große Ausführung vollbracht und damit die Erfinderehre an sich genommen haben. Solche Panoramen, namentlich von großen Städten, sieht man in besonders dazu construirten Holzbauten häufig auf Messen und Jahrmärkten.

Die Längenpanoramen sind zwar nicht die erste Idee Delkeskamp’s gewesen, denn von einem Fräulein von Adlerflycht sah er die erste Skizze eines Rheinpanoramas von Bingen bis Koblenz, aber in der Durchführung derselben und namentlich in der Ausführung bis auf’s Größte, auf die panoramische Darstellung eines ganzen Gebirgslandes, wie die Schweiz, leistete er das Bedeutendste auf diesem, insofern auch von ihm selbst geschaffenen Felde.

Wie fast unzählich vielen Reisenden haben seine Werke schon das Leben im Naturgenuß erleichtert und versüßt! Ob von Speier nach Mainz oder von Mainz nach Köln oder gleich von Basel bis an’s Meer die Sehnsucht des Wandernden reicht, immer ist Delkeskamp da und führt ihn ruhig und sicher. Auch auf kleineren Strecken läßt er ihn nicht im Stich, wie von Koblenz nach Wasserbillig oberhalb Trier im Moselpanorama, oder im Ahrthal von Sinzig bis Altenahr, oder im Weltbadeorte Baden-Baden, – und gar in der Schweiz! Ihrer Verherrlichung in Panoramenbildern hat er den besten Theil seines Lebens geopfert; fünfzehn Sommer Bergklettern mit unsäglichen Mühen und Gefahren gehörten dazu, um unsern Meister die mehr als achthundert Standpunkte gewinnen zu lassen, welche zur Darstellung eines solchen Riesenpanoramas nöthig waren. Leider ward ihm bei diesem den Kräften und Mitteln eines Einzelnen zu viel zumuthenden Unternehmen nicht die Unterstützung zu Theil, welche sein „malerischer Plan von Frankfurt am Main und seiner nächsten Umgebung“ von Seiten der dortigen städtischen Behörden fand. Was dieses sein letztes Werk ihm so lieb machte, ließ sein „Malerisches Relief der Schweizer und angrenzenden Alpen“ stets sein Schmerzenskind bleiben. Das Ganze sollte fünfundzwanzig Blätter umfassen; nur zehn ganze und drei halbe Blätter sind erschienen; das außerordentlich werthvolle Material zu dem Uebrigen liegt noch in des Meisters nachgelassenen Mappen.

Mit Delkeskamp ist eine echte deutsche Künstlernatur von uns geschieden; für sein Andenken hat er selbst am besten gesorgt.




Das Langenbeck’sche Mittel zur Stärkung schwachen Haares. Vor einigen Monaten verdeutlichte Professor Langenbeck aus Hannover in dem „Ausland“ ein Verfahren, das nach seiner Meinung zur Regeneration des schwachen Kopfhaares führen sollte; der Gedankengang Langenbeck’s war folgender: „Das Haar wird dünn wegen ungenügender Nahrungszufuhr, diese Nahrung muß hauptsächlich aus Hornstoff bestehen, da das Haar viel Hornstoff enthält; wenn ich also aus Thierhaaren Hornstoff extrahire und diesen in die Kopfhaut einreibe, muß ich die Kahlheit heilen können.“ Ein Auszug aus jenem Aufsatze ist in die verschiedensten Journale und Zeitungen übergegangen, und wie ich aus vielen Zuschriften ersehen, haben sehr viel Halb- oder Ganzkahle das Mittel wirklich angewendet, selbstverständlich ohne allen Erfolg.

Mit Rücksicht auf die mehrfach an mich ergangene Aufforderung theile ich hier meine Meinung über die Sache mit: Professor Langenbeck (von den Meisten verwechselt mit dem hiesigen Professor und Geheimen Medicinalrath Langenbeck) ist offenbar kein Arzt; seine Absichten sind redlich, aber seine Ansichten sind irrig.

Es fehlt dem kreisenden Blute des Kahlköpfigen keineswegs an Hornstoff oder den anderen Materialien, aus welchen das Haar sich aufbaut; sondern die kranke Kopfhaut ist (wie ich bereits in einem Aufsatz über das Ergrauen gesagt habe) außer Stande, diese Materialien aufzunehmen und zu verarbeiten; vollends das äußere Auftragen der Materialien wirkt nur als fremder Ballast. Die menschliche Haut ist keine lockere Erde, deren mangelhafte Zusammensetzung man durch äußere Zuthat beliebig ändern könnte.

Ich bin außerordentlich überrascht gewesen, daß so viele Zeitungen und Zeitschriften den Gedankengang des Professor Langenbeck ohne Kritik wiedergegeben haben; in diesem Fall ist kein Schaden entstanden, da es sich um einen Schönheitsfehler handelt, nicht um ein ernstes Leiden. Aber der Menschenfreund und besonders der Freund naturwissenschaftlicher Bildung ersieht daraus mit Betrübniß, daß wirkliche Naturkenntniß außerordentlich wenig verbreitet ist. Der Langenbeck’sche Rath beweist ebensowenig Naturkenntniß, als wenn Jemand vorgeschlagen hätte, zur Heilung der durch Lähmung geschwächten Muskeln Liebig’sches Fleischextract in die Haut einzureiben oder in die schwachen Muskeln einzuspritzen.[2]

Berlin.

Stabsarzt Dr. J. Pincus, 
Docent a. d. Universität. 

  1. Der Verfasser behält sich das Recht der dramatischen Bearbeitung vor.
  2. Im Interesse der Aufklärung ersuche ich um möglichst häufigen Nachdruck dieser Zeilen.




 Von E. Werner, dem Verfasser der vielbesprochenen Erzählung: „Am Altar“, ist soeben erschienen:


Gartenlaubenblüthen.


Enthaltend die beiden Erzählungen „Hermann und „Ein Held der Feder“.
2 Bände. Elegant broschirt à Band 2 Thlr.
Die Verlagshandlung von Ernst Keil in Leipzig.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sylversterabend
  2. Vorlage: wi