Die Gartenlaube (1872)/Heft 4

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[53]

No. 4.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Am Altar.


Von E. Werner, Verfasser des „Helden der Feder“.


(Fortsetzung.)


„Meinst Du?“ entgegnete der Prälat seinem Bruder. „Ich fürchte das Gegentheil. Man brennt vor Neugierde, diesen neuen Herrn von Dobra kennen zu lernen, und da man sich sehr bequem mit meiner Verantwortung decken kann, so glaube ich eher, auf die allgemeine Dankbarkeit rechnen zu dürfen.“

„Wie es Dir beliebt!“ erklärte der Graf kalt. „Zum Mindesten wirst Du es begreiflich finden, wenn ich und die Meinigen diesem – Herrn möglichst fern bleiben. Ich liebe nicht die Berührung mit Emporkömmlingen solcher Art.“

„Hattest Du immer eine so entschiedene Antipathie gegen das Bürgerthum?“ fragte der Prälat leise und hohnvoll.

Rhaneck wollte auffahren. „Bruder!“

„Ruhig, Ottfried! Du vergißt, daß wir nicht allein sind und daß alle Welt uns beobachtet. Ich kann die Widersprüche in Deinem Charakter nicht leiden, sonst hätte ich Dir die Erinnerung erspart. – Uebrigens habe ich Dir Benedict mitgebracht. Sprachst Du ihn schon?“

Der Prälat hatte das rechte Beruhigungsmittel ergriffen. Die Züge des Grafen wurden sofort sanfter, als er den Genannten erblickte, der in einiger Entfernung von ihnen stand. Ueberdies machte das Hervortreten des jungen Grafen dem Gespräch jetzt ein Ende; der Prälat wandte sich zu seinem Neffen.

„Nun, wie findest Du Dich in unsere Bergeseinsamkeit nach Deinem Residenzleben?“ fragte er halb scherzend.

Auf dem Gesichte Ottfried’s stand deutlich geschrieben, daß ihm Eins so langweilig erschien wie das Andere; indessen dem Oheim gegenüber wagte er doch nicht, seine ganze Blasirtheit zur Schau zu tragen.

„Nun, es ist immerhin eine Abwechslung! Allerdings haben mich die Berge nicht sehr freundlich empfangen bei dem ersten Besuch, den ich ihnen gestern abstatten wollte. Ich ritt über die untere Brücke, von wo der Paß hinein in’s Gebirge führt, da scheut mein Pferd plötzlich, ohne irgend eine äußere Veranlassung, und ist nicht zu bewegen, auch nur einen Schritt vorwärts zu thun. Als ich das Thier schließlich zwingen will, bäumt es und stürzt mit mir, so daß ich von Glück sagen kann, unverletzt davongekommen zu sein. Der alte Florian, der hinter mir ritt, und der den Kopf immer voll Aberglauben und Spukgeschichten hat, behauptet steif und fest, Almansor habe irgend etwas Entsetzliches gesehen, und prophezeit mir alles mögliche Unheil. Nun, ich muß gestehen, glückverkündend war das Omen gerade nicht.“

Er sagte das lachend und spöttisch, aber der Graf, der die Erzählung seines Sohnes mit angehört hatte, runzelte leicht die Stirn.

„An der ganzen Sache wird wohl nur Dein wildes Reiten schuld sein. Du solltest Deine Gesundheit besser in Acht nehmen, Du weißt doch, wie sehr Du sie zu schonen hast.“

Sein Auge glitt dabei flüchtig über die matten Züge des Sohnes, aber in dem Blick lag keine Spur von jener angstvollen Zärtlichkeit, mit der er noch vor kurzem die Blässe eines anderen Gesichtes geprüft, und auch der Ton hatte mehr von Vorwurf als von Besorgniß.

„Noch eins!“ fuhr er rascher fort, „ich wollte Dir bei Gelegenheit des heutigen Festes den Pater Benedict zuführen. Du erinnerst Dich doch noch seiner?“

„Pater Benedict? Nein!“ sagte Ottfried gleichgültig.

„Du mußt Dich doch des Knaben Bruno entsinnen,“ nahm jetzt der Prälat das Wort. „Er kam, so viel ich weiß, öfter in Euer Haus, als er noch das Seminar in der Residenz besuchte.“

Ottfried sah aus, als halte er es für eine starke Zumuthung, seinen Kopf mit dergleichen Nichtigkeiten anzustrengen, indessen die Worte des Oheims schienen doch eine Erinnerung in ihm wachzurufen.

„Ah so, der junge Mensch, den Papa erziehen und ausbilden ließ! Richtig, der scheue störrische Bube, der nie zum Reden oder Spielen zu bringen war! Papa überhäufte ihn mit Wohlthaten, aber er zeigte sich nie besonders dankbar dafür, er mußte immer erst halb gezwungen werden, in’s Palais zu kommen. Ein unerträglicher Bursche!“

Der leise Hohn schwebte wieder um die Lippen des Prälaten, als er schweigend den Bruder ansah, über dessen Stirn aufs neue der schnell verschwindende rothe Schein lief.

„Ich habe nie begreifen können, wie Papa mir einen solchen Spielgefährten zumuthen konnte!“ fuhr der junge Graf fort, den Kopf hochmüthig zurückwerfend. „Er war ja wohl der Sohn irgend eines Bedienten, von einem unserer Güter.“

Rhaneck hatte stumm die Lippen zusammengepreßt, bei den letzten Worten aber zuckte er zornig auf.

„Was Pater Benedict gewesen ist, kommt für Dich jetzt nicht mehr in Betracht. Gegenwärtig ist er Priester, gehört er demselben Stande an, wie Dein Oheim, und Du wirst auch ihm die Achtung und Ehrfurcht zollen, die diesem Stande gebührt; ich verlange das ganz entschieden von Dir.“

[54] Die Zurechtweisung, obwohl mit gedämpfter Stimme gesprochen, klang schneidend scharf, aber freilich die Rhanecks waren streng katholisch, waren es von jeher gewesen, und der Prälat sorgte schon dafür, daß diese Sitte erhalten blieb. Ein Priester nahm dem sonst so ahnenstolzen Geschlecht gegenüber allerdings eine unantastbare Stellung ein, und auch Ottfried war in unbedingter Ehrfurcht vor dem Priestergewande und vor den äußeren Ceremonien der Religion erzogen, so wenig er auch sonst davon in sich tragen mochte. Die heftige Parteinahme des Vaters befremdete ihn deshalb nicht besonders, auch schien dieser seine Erregung bereits zu bereuen, denn seine Stimme war um vieles milder geworden, als er nach einer augenblicklichen Pause hinzusetzte:

„Benedict hat den Erwartungen, die ich bei seiner Ausbildung hegte, in jeder Hinsicht entsprochen. Ich wünsche, daß Du für die Zeit unseres Hierseins ihn zu Deinem Beichtiger erwählst und möglichst bei ihm die Messe hörst, und ich will hoffen, daß sich dadurch ein freundlicheres Verhältniß zwischen Euch anbahnt, als es in Eurer Kinderzeit der Fall war.“

Ottfried schwieg, die äußeren Formen der Ehrerbietung und Rücksicht wurden im Rhaneck’schen Hause streng aufrecht erhalten, aber die Formen waren hier eben auch alles, sie mußten das Herz ersetzen, das nun einmal in allen Beziehungen dieser Familie zu einander zu fehlen schien. Der junge Graf widersprach mit keiner Sylbe dem so bestimmt kundgegebenen Wunsche des Vaters, wenn sein Gesicht auch deutlich verrieth, wie mißfällig ihm derselbe war.

Der Prälat hatte inzwischen durch einen Wink den jungen Priester an seine Seite gerufen und Rhaneck führte ihn seinem Sohne zu, aber zu dem „freundlicheren Verhältniß“, das sich zwischen den Beiden anbahnen sollte, zeigte sich wenig Aussicht. Ottfried, der so eben empfangenen Zurechtweisung eingedenk, zwang sich zur Artigkeit, Benedict blieb kalt und gemessen, es war, als fühlten die jungen Männer instinctmäßig, daß eine weite Kluft zwischen ihnen lag, die wohl nie ausgefüllt werden konnte.

Da gab sich von neuem eine allgemeine Bewegung im Saale kund, ein allgemeines Flüstern und sich Umwenden, alle Blicke waren plötzlich nach der Thür gerichtet, durch die jetzt endlich der längst erwartete neue Gutsherr von Dobra eintrat und, seine Schwester am Arme, sich dem Wirthe näherte, der in der Nähe des Einganges stand.

Der Baron war in der That in einiger Verlegenheit dem Mann gegenüber, der sich so stolz von der ganzen Nachbarschaft abgesondert, und dem gegenüber er gleichwohl, durch höheren Einfluß gedrängt, den ersten Schritt zur Annäherung gethan. Er zog sich indessen noch ziemlich gut aus der Sache, die Bewillkommnung war, wenn auch etwas gezwungen, doch artig, übrigens kürzte er sie so viel als möglich ab und beeilte sich, „Herrn Günther auf Dobra“ seiner Gemahlin vorzustellen. Die Baronin machte es in ähnlicher Weise, sie that, was als Frau vom Hause ihre Schuldigkeit war, aber auch nicht mehr, und so kam es, daß Günther sich, sobald die erste Begrüßung vorüber war, fast gänzlich isolirt neben dem Sessel seiner Schwester fand; die Gesellschaft verharrte vorläufig noch in vollster Ablehnung des fremden, ihr aufgedrungenen Elementes.

Es war kein leichter Stand dieser stummen Opposition des ganzen Kreises und all den neugierigen, mißgünstigen und hämischen Blicken gegenüber, die von allen Seiten des Saales her sich auf diesen einen Mittelpunkt richteten; aber Günther ertrug Eins wie das Andere mit bewunderungswürdiger Gelassenheit. Das war nicht die Haltung eines Mannes, der eine unverdiente Ehre empfängt oder eine unverdiente Kränkung erleidet, Beides schien gleich wirkungslos an dieser gleichgültigen Ruhe abzugleiten, mit der er seinerseits die Gesellschaft musterte, und in dem Blick, der langsam aber forschend darüber hinschweifte, lag nur die eine Frage, die wahrscheinlich allein ihn zur Annahme der Einladung veranlaßt hatte: „Was wollt Ihr eigentlich von mir?“

Jugend und Schönheit haben es überall leicht, selbst dem angestammten Vorurtheile gegenüber, Lucie entwaffnete schon durch ihr bloßes Erscheinen selbst die hartnäckigsten Gegner. Die Herren hatten es bald genug herausgefunden, daß alle übrigen Damen weit hinter dieser lieblichen Erscheinung zurückblieben, und die jüngeren unter ihnen zeigten bereits bedenkliche Neigung, den aristokratischen Principien untreu zu werden. Noch hielt die Furcht vor dem Zorne der respectiven Väter und Mütter die Ueberläufer in Schranken, aber wider alles Erwarten war es diesmal der junge Graf Rhaneck, der das Zeichen zur Fahnenflucht gab.

„Das Mädchen ist reizend!“ rief er mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, „ich werde mir einen Tanz sichern!“

„Aber Rhaneck,“ mahnte einer seiner Nachbarn, „bedenke doch, eine Mademoiselle Günther, die Schwester dieses –“

„Ah bah! Sie sind Gäste des Barons, sind auf Wunsch meines Oheims eingeladen! Er mag die Verantwortung dafür tragen!“

Damit näherte sich Ottfried ohne Weiteres dem Kreise der Damen, ließ sich Lucie vorstellen, und erbat sich ihre Hand für den soeben beginnenden Tanz.

Günther hatte gleichgültig die Annäherung des jungen Officiers gesehen, als jedoch der Name Rhaneck genannt ward, stutzte er und eine sichtlich unangenehme Ueberraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht. Er machte unwillkürlich eine Bewegung, wie um seine Schwester zurückzuhalten, im nächsten Augenblick jedoch schien er sich zu erinnern, daß die Aufforderung sich ohne directe Beleidigung nicht ablehnen ließ. Er ließ es geschehen, daß der junge Graf Lucie in die Reihen der Tanzenden führte, die sich im Nebensaal ordneten, aber sein Blick folgte mit einem Gemisch von Unmuth und Besorgniß den Beiden.

„Wollen Sie mir erlauben, Herr Günther, Ihre Bekanntschaft mit dem hochwürdigsten Abt unseres Stiftes zu vermitteln?“ tönte in diesem Augenblick die Stimme des Barons dicht neben ihm, und als Günther sich umwandte, sah er sich plötzlich dem Prälaten gegenüber.

Einen Moment lang maßen die beiden Männer schweigend einander; der scharfe Blick des Geistlichen drang forschend tief in die Züge seines Gegenüber, als wolle er sofort aus ihnen herauslesen, was eigentlich an dem Manne sei, aber er traf hier auf dieselbe eherne Stirn, auf dieselbe kalte, überlegene Ruhe, die sein eigenes Antlitz kennzeichneten, und dies Antlitz mußte vor jenen prüfenden Augen die gleiche Musterung bestehen. Der eine Blick genügte Beiden, Günther lächelte fast unmerklich, als er das erwartungsvolle Herandrängen der Gesellschaft bemerkte, er wußte jetzt, von wem diese räthselhafte Einladung eigentlich ausging, aber auch der Prälat hatte bereits Stellung genommen – er erwies dem Fremden die Ehre, ihn für einen Gegner anzuerkennen.

Der Baron athmete förmlich auf, als der Anstifter der ganzen fatalen Angelegenheit endlich Miene machte, persönlich in die Sache einzutreten, und damit den Alp wegzunehmen, der seit Günther’s Eintritt auf der ganzen Versammlung zu lasten schien. War diese übrigens schon durch den seltsamen Wunsch Seiner Hochwürden, der natürlich kein Geheimniß blieb, alarmirt worden, so wurde sie es noch mehr beim Anblick der sichtbaren Auszeichnung, deren sich der „Emporkömmling“ erfreute. Wenn der Baron artig gewesen war, so zeigte sich der Prälat geradezu verbindlich; er verstand es sonst meisterhaft, sich in seiner geistlichen Würde unnahbar zu machen, und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen sich und jedem anderen Sterblichen aufzurichten; dem Protestanten gegenüber, der schwerlich geneigt war, diese Unnahbarkeit zu respectiren, fiel diese Schranke unmerklich, aber sofort, hier war es nur der vornehme Weltmann, der sich mit ebenso viel Tact als Artigkeit bemühte, den Fremden in’s Gespräch zu ziehen und ihm die Einführung in die Gesellschaft zu erleichtern.

Diese fing bereits an dem allmächtigen Einfluß des Abtes nachzugeben. Man brannte in der That vor Neugierde, diesen Günther persönlich kennen zu lernen, und half sich dabei genau so, wie der junge Graf Rhaneck. Man deckte sich für alle Fälle mit der Verantwortlichkeit des Prälaten, um ungescheut seinem Beispiel folgen zu können, man wurde gleichfalls artig, gleichfalls verbindlich, und es dauerte nicht lange, so war der Gutsherr von Dobra aus seiner anfänglichen Isolirtheit zu einer Art von Mittelpunkt geworden.

Inzwischen feierte Lucie im Tanzsaale einen ähnlichen Triumph, obgleich sie sich zur Zeit noch nicht viel darum kümmerte. Ihr war in der Freude am Tanzen alles Andere untergegangen, und mit vollster Seele gab sie sich dem ihr so neuen Vergnügen hin. Es war das erste Mal, daß das junge Mädchen überhaupt in eine größere Gesellschaft kam, daß sie aus der „Kinderstube“, in die der strenge Bruder sie verwiesen, in den Salon trat, und entzückt und geblendet blickte sie in die fremde glänzende Welt. [55] Sie sah nur den Kerzenglanz, die bunte, festlich geschmückte Menge, hörte nur die rauschende Musik, alles Andere existirte nicht für sie. Der rosige Mousselin wogte leicht und luftig um die kleine Elfengestalt. Die Rosen in den Locken dufteten und zitterten, als sie so in den Armen des Grafen dahinschwebte. Das jugendliche Wesen war ganz aufgelöst in Freude und Tanzlust und hatte kaum eine Ahnung davon, wie bezaubernd lieblich es in dieser Erregung erschien.

Ihr Tänzer hatte und so mehr Augen dafür. Der junge Graf, gewohnt, überall nur der Coquetterie und Berechnung zu begegnen, deren Ziel meistentheils seine Hand war, schien seltsam angezogen von diesem Kinde, das sich noch so ganz kindlich und unbefangen gab, gar nicht daran dachte, sein Entzücken an dem Feste zu verhehlen, und sicher mit dem jüngsten Sohne irgend eines unbedeutenden Landedelmannes ebenso gern tanzte wie mit dem Erben von Rhaneck. Es war einmal etwas Neues, Ungewöhnliches, dem seine gleichgültige Blasirtheit allmählich zu weichen begann. Die schlaffen Züge Ottfried’s gewannen Leben, in seine matten Augen kehrte das Feuer zurück, während er sich in Artigkeiten und Aufmerksamkeiten aller Art erschöpfte und nicht ohne Erfolg. Der Graf hatte nicht umsonst die hohe Schule in den Salons der Residenz durchgemacht und sich dort in den Ruf der Unwiderstehlichkeit gebracht, um diesen Ruf einem sechszehnjährigen Mädchen gegenüber nicht mit Glück zu behaupten; er konnte glänzen mit seiner Unterhaltungsgabe, wenn er wollte, und heute wollte er es entschieden. Immer kühner und kühner drangen seine Schmeicheleien in Luciens Ohr. Noch lachte sie unbefangen dazu; aber ihr Köpfchen begann bereits zu wirbeln; allerlei romantische Pensionsideen flatterten darin auf. Der gewandte, in allen Künsten der Eroberung erfahrene Weltmann war auf dem besten Wege, das junge unerfahrene Herz in seine gefährlichen Netze zu ziehen.

Da auf einmal zuckte das junge Mädchen leise zusammen und hielt mitten im Tanze inne. Der Graf bemerkte es.

„Wünschen Sie aufzuhören, mein Fräulein?“ fragte er artig. Lucie schüttelte leise das Haupt und tanzte weiter; aber das, was sie vorhin wie ein jäher Stich durchfahren, schmerzte noch, als Ottfried, nachdem er nochmals den Saal mit ihr umkreist hatte, jetzt von selber innehielt. Sie war wieder den „Gespensteraugen“ begegnet, die sie schon einmal so sehr erschreckt hatten, und wendete jetzt langsam und scheu ihren Blick dem Orte zu, wo sie leuchteten.

Der Graf fing diesen Blick auf, dessen Ausdruck nicht mißzuverstehen war. „Pater Benedict scheint Ihnen Furcht einzuflößen, mein Fräulein,“ sagte er spöttisch. „Ich muß bekennen, daß auch mich in seiner Nähe ein gewisses Unbehagen beschleicht, trotzdem er der erklärte Günstling meines Vaters und Oheims ist. Der Fanatiker haßt Alles, was Freude und Jugendlust heißt! Sieht er nicht aus, als wollte er das ganze Tanzgewühl und vor Allem uns Beide bis in die fernsten Tiefen der Verdammniß schmettern?“

Lucie hätte bei jeder andern Gelegenheit mitgelacht und mitgespottet, in diesem Augenblicke aber vermochte sie es nicht. Die hohe finstere Gestalt, welche dort an der Thür lehnte, einsam inmitten der bunten hin- und herfluthenden Menge, von der Keiner Lust bezeigte, sich dem düstern einsilbigen Gaste zu nahen, übte einen beängstigenden Einfluß auf sie aus. Das Antlitz des jungen Mönches hatte freilich nicht mehr jenen kalt verächtlichen Ausdruck, mit dem er beim Beginn des Festes das profane Gewühl um sich her betrachtete. War es Einbildung? Aber es schien Lucien, als suchten jene düster brennenden Blicke einzig sie und ihren Tänzer in diesem Gewühl, als folgten sie ihnen durch alle Verschlingungen des Tanzes, und als Ottfried jetzt auf’s Neue den Arm um sie legte und ihre langen braunen Locken dabei seine Schulter berührten, da flammten die unheimlichen Augen plötzlich auf, nur einen Moment lang; aber das junge Mädchen schmiegte sich, wie Schutz suchend, fester an den Arm des Grafen – er hatte Recht, der Fanatiker dort hätte sie Beide am liebsten zerschmettert mit diesem Blick!

Ottfried mißverstand natürlich diese Bewegung und er mißverstand auch völlig die Befangenheit, die sich seiner Tänzerin auf einmal bemächtigte und ihrem eben noch so frohen Lachen, ihren bisher so neckischen Antworten etwas eigenthümlich Gezwungenes gab. Er hielt für seinen Triumph, was doch nur jene räthselhafte Angst war, die Lucie hier in dem hellen menschenvollen Saale mit derselben Gewalt überkam, wie einst mitten in der Einsamkeit des Waldes. Ihr Vergnügen am Tanze war gestört; sie war unruhig, zerstreut und athmete erst auf, als nach Beendigung des Walzers der Gegenstand ihrer Furcht verschwand und statt dessen die Gestalt ihres Bruders sich in der Nähe zeigte.

Ottfried führte sie zu einem Sitz, und das junge Mädchen hatte kaum dort Platz genommen, als mehrere Herren, durch das Beispiel des Grafen ihren aristokratischen Zweifeln entrissen, ebenfalls hereintraten, um sich um die nachfolgenden Tänze zu bewerben. Es schien, als hätte ihnen Ottfried gern den Vorzug streitig gemacht; aber der Sohn des Grafen Rhaneck hatte gesellschaftliche Verpflichtungen gegen verschiedene vornehme Damen, denen er nachkommen mußte, wollte er nicht den Zorn des Vaters auf sich laden, der jedenfalls schon die Freiheit, die er sich genommen, mit Mißfallen betrachtete. Mit einem kaum verhehlten Unmuthe trat er zurück, verneigte sich vor Lucie und ging, eine schon etwas verblühte Comteß aufzufordern, die sofort das ganze Feuer ihrer Coquetterie auf ihn spielen ließ, aber ohne allen Erfolg. Der junge Graf hatte sich noch nie so unempfindlich gezeigt wie gerade heute. Er entledigte sich so schnell wie möglich der Etiquettenpflichten, und es glückte ihm wirklich, im Laufe des Abends noch mehrere Male jenes reizende kleine Wesen in die Reihen zu führen, das, zur großen Indignation der übrigen Damen, ihn gänzlich bezaubert zu haben schien.

Günther, der nur erschienen war, um sich zu vergewissern, daß seine Schwester nicht etwa an der Seite ihres Tänzers blieb, kehrte, als er sie anderweitig versagt wußte und nachdem er sie einer der älteren Damen mit einigen Worten empfohlen, wieder zu der übrigen Gesellschaft zurück, wo er bald auf’s Neue von dem Prälaten in ein eingehendes Gespräch verwickelt und dabei festgehalten wurde. Drinnen im Tanzsaal war schon seit einiger Zeit eine größere Pause eingetreten, als es ihm endlich gelang, sich loszumachen und nach Lucie zu sehen. Sie war nicht im Saale, und auch auf der Terrasse, von woher ihm das Lachen und Plaudern der anderen Paare entgegenscholl, die dort promenirten, konnte er sie nicht entdecken. Unruhig darüber, wollte er seine Nachforschungen eben weiter ausdehnen, als die Gesuchte plötzlich eintrat, allerdings auch von der Terrasse her, und zwar am Arme des Grafen Ottfried, der seit dem letzten Tanze nicht von ihrer Seite gewichen war.

Das Antlitz des jungen Mädchens zeigte nichts mehr von jener augenblicklichen Befangenheit und Zerstreutheit, das war längst vorüber; jetzt strahlte dort unverkennbar ein kindischer Triumph, und es glühte dunkel auf unter dem Auge des Bruders, der sie und den Grafen mit einem scharfen Blick musterte. Er trat rasch auf sie zu.

„Wo warst Du?“ fragte er kurz, „ich habe Dich überall gesucht!“

„Ach, Herr Günther,“ Ottfried konnte auch gegen Bürgerliche verbindlich sein, wenn sie schöne Schwestern besaßen, „das dürfen Sie der jungen Dame nicht zum Vorwurf machen. Ich führte sie ein wenig auf die Terrasse hinaus und war eben so glücklich, auch die Zusage des nächsten Tanzes von ihr zu erhalten.“

„Das bedauere ich, Herr Graf.“ Günther zog ruhig den Arm seiner Schwester aus dem des Grafen und legte ihn in den seinigen. „Lucie tanzt heute zum ersten Male und ich wünsche nicht, daß sie es übertreibt. Sie ist erhitzt und ermüdet, und wird für diesmal aufhören, wir fahren ohnedies bald.“

„Aber, mein Herr!“ Die Stimme Ottfried’s nahm einige Schärfe an. „Das Fräulein hat bereits über den Tanz disponirt und ich habe doch wohl das Recht –“

„Gewiß, Herr Graf! Aber Sie werden dies Recht sicher nicht in Anspruch nehmen, da Sie hören, daß ich von dem allzuvielen Tanzen nachtheilige Folgen für meine Schwester befürchte. Sie gestatten wohl, daß ich sie mit mir nehme.“

Die Entgegnung klang sehr höflich, aber sie schnitt alle und jede Einwendung von vornherein ab. Ottfried biß sich auf die Lippen und trat zurück, vorher jedoch wechselte er noch einen Blick offenbaren Einverständnisses mit Lucie. Diese war im ersten Moment ganz starr vor Staunen und Schrecken über diesen unerwarteten Eingriff des Bruders, und schien sehr geneigt, sich dagegen aufzulehnen, aber ein Blick auf sein Gesicht ließ sie davon [56] abstehen. Wenn Bernhard so aussah, war keine Nachgiebigkeit von ihm zu erwarten, man that dann am besten, ihm unbedingt zu gehorchen, das junge Mädchen fügte sich, aber es standen Thränen in ihren Augen, als der rücksichtslose Bruder sie so ohne allen Grund von dem ersehnten Vergnügen und von der Seite des liebenswürdigen Tänzers fortriß. Sie konnte nicht begreifen, weshalb er dem Grafen in einer so schroffen, fast beleidigenden Weise entgegentrat, er war heute überhaupt in einer abscheulichen Laune, und während drinnen die verlockenden Tanzweisen auf’s Neue erklangen, führte er sie wirklich fort, mitten unter die alten Damen und Herren, die an den Spieltischen saßen oder in steifer Unterhaltung begriffen waren, und stellte sich wie zur Wache neben ihrem Sessel auf – ein Glück wenigstens, daß jener unheimliche Pater Benedict nicht mehr im Saale zu erblicken war! Hätten diese dunklen Augen sie nun auch noch gequält und gepeinigt, sie wäre sicher in Thränen ausgebrochen.




Graf Rhaneck hatte sich den ganzen Abend hindurch in keiner sehr angenehmen Stimmung befunden. Schon unmuthig über die Opposition, die sein Bruder ihm mit diesem Günther machte, eine Opposition, deren Gründe er weder anzuerkennen, noch zu würdigen geneigt war, verstimmte es ihn auf’s Aeußerste, als er sehen mußte, wie die ganze Gesellschaft allmählich dem Beispiel des Prälaten folgte und der Eindringling mit jeder Minute mehr an Terrain gewann. Nun nahm sich auch noch Ottfried die unverzeihliche Freiheit, Lucie Günther zum Tanz zu führen! Er vergaß über ein Paar schöner Augen vollständig, was er seinem Range und seiner Stellung schuldig war, und der Graf nahm sich vor, ihn ernstlich daran zu erinnern. Geärgert durch all diese Vorkommnisse und auf’s Höchste gelangweilt von den ewigen Jagd- und Pferdegeschichten der übrigen Herren, über deren Niveau seine Natur sich denn doch erhob, riß er sich endlich davon los und trat nach einem Gange durch den Saal auf die Terrasse, die jetzt beim Wiederbeginn des Tanzes vollkommen leer und öde war.

In tiefe und, wie es schien, nicht gerade erfreuliche Gedanken versenkt schritt Rhaneck die Stufen hinunter, als er plötzlich auf einer der seitwärts stehenden Bänke eine Gestalt gewahrte, die wie todtmüde dort hingeworfen, die Stirn gegen den kalten Stein gepreßt, regungslos in dieser Stellung verharrte. Der Graf stutzte einen Augenblick, dann trat er rasch näher und legte dem Einsamen die Hand auf die Schulter.

„Bruno!“

Der Gerufene fuhr auf und sprang empor; es war zu dunkel, als daß der Graf die Blässe und die sichtbare Verstörtheit seiner Züge hätte bemerken können, dennoch klang eine unverhehlte Besorgniß aus seinem Tone.

„Was machst Du hier allein in der Nacht und Einsamkeit? Weshalb bist Du nicht drinnen im Saale?“

„Ich kann nicht!“ stieß Benedict gepreßt hervor, „es ist mir zu schwül drinnen!“

Der Graf schüttelte den Kopf. „Ich weiß, Du liebst diese weltlichen Feste nicht und weißt es meinem Bruder schwerlich Dank, daß er gerade Dich zur Begleitung auserwählte, aber Dich ihnen so hartnäckig zu entziehen, das ist unrecht, das grenzt ja nahezu an Haß.“

„Ich hasse sie auch!“ sagte Benedict dumpf.

Sie standen am Fuße der Terrasse, durch die geöffneten Fensterthüren quoll der Kerzenglanz und der rauschende Jubel der Musik, man sah die einzelnen Paare im Tanze vorüberschweben, der Blick des jungen Mönchs heftete sich starr auf jene erleuchteten Fenster, und es lag in der That etwas von der eben ausgesprochenen Empfindung darin, gleichwohl schien er das Auge nicht losreißen zu können.

„Du gehst zu weit!“ sagte der Graf begütigend. „Du siehst doch, daß Dein Abt und Deine Mitbrüder diese Feste weder verdammen, noch sich ihnen ganz entziehen. Dein Orden giebt uns die Redner unserer Kirchen, die Erzieher unserer Knaben, Ihr könnt und dürft nicht so ganz mit der Welt brechen, wie ein Karthäusermönch es thun mag.“

Benedict gab keine Antwort, er stützte sich auf die Steinbank und sah finster zu Boden.

„Und jetzt komm in den Saal zurück,“ drängte Rhaneck, „es ist ja unheimlich hier in dieser Einsamkeit!“

„O, nicht immer! Man sieht und hört auf dieser einsamen Terrasse oft mehr, als drinnen im Ballsaal.“

Es lag eine unendliche Bitterkeit in den Worten, aber der Graf lächelte unwillkürlich.

„Dein strenges Richterohr hat wohl irgend ein harmloses Liebesgeflüster aufgefangen? Ich fürchte, es spielen mehr solcher kleinen Romane da drinnen unter dem jungen Volk. Es kann nicht ein Jeder die Weltentsagung üben, zu der Du Dich bekennst.“

„Zumal Graf Ottfried nicht!“ sagte Benedict schneidend.

Die Stirn des Grafen umwölkte sich leicht. „Also Ottfried war es, den Du belauschtest? Ja, ich weiß, er ist leichtsinnig, leichtsinniger sogar, als ich ihm mit aller billigen Rücksicht auf seine Stellung und seine Verbindungen in der Residenz zugestehen kann. Ein Sohn meines Hauses sollte doch einen andern Ehrgeiz haben, und eine andere Lebensaufgabe kennen, als nur die, der Löwe der Salons zu sein und in ihren Abenteuern zu schwelgen. Ich fürchte, es ist bei seiner Erziehung Manches versäumt worden, Manches unterblieben, was besser geschehen wäre. Ich habe leider in meinem vielbewegten und vielbeanspruchten Leben niemals Zeit gefunden, mich eingehend darum zu bekümmern.“

Ein großer verwunderter Blick aus den Augen Benedict’s traf den Sprechenden, er erinnerte sich doch, daß der Graf stets Zeit gefunden, sich mit seiner Erziehung zu beschäftigen, daß er oft genug Proben davon erhalten hatte, und nun diese ganz offen eingestandene Vernachlässigung, dem eigenen Sohne und Erben gegenüber! Zum Glück bemerkte Rhaneck nicht sein stummes Befremden.

„Ich hoffe viel von Deinem Einfluß auf Ottfried,“ fuhr er lebhaft fort, „ich habe ihn in Bezug auf die Ausübung seiner religiösen Pflichten an Dich gewiesen und –“

„An mich!“ rief der junge Priester, heftig zurücktretend. „Herr Graf, ich bitte dringend, nehmen Sie diese Anordnung zurück. Graf Ottfried und ich, wir thun besser, uns einander nicht zu nähern!“

„Ich wünsche es aber!“ Der Graf legte einigen Nachdruck auf das Wort. „Du wirst streng gegen ihn sein, ich sehe es an Deiner Entrüstung, aber gleichviel, er wird den Priester in Dir ehren und sich Deinem Spruche fügen, ich bürge Dir dafür. Und jetzt komm, Bruno, ehe mein Bruder Dich vermißt, mir scheint, er wird bald aufbrechen.“

Er ergriff sanft den Arm Benedict’s und zog ihn mit sich fort, ohne ihm Zeit zur Erwiderung zu lassen, Seite an Seite mit seinem Schützlinge betrat er den Saal. Der Prälat hatte Recht, es lagen seltsame Widersprüche in dem Charakter seines Bruders, aber einer derselben wenigstens ward von der Gesellschaft im vollsten Maße getheilt. Auch Pater Benedict war bürgerlich, wie Günther, war jedenfalls von noch niedrigerer Herkunft als dieser, und doch fiel es Niemandem ein, seine Einführung in diesen exclusiven Kreis zu beanstanden. Das Priestergewand deckte Namen und Herkunft, es stand neben, ja über den Wappenschildern, unnahbar für jede weltliche Rücksicht, ein Gegenstand unbedingtester Ehrfurcht. Die grauen Häupter der vornehmsten unter den Herren neigten sich vor dem jungen, aus einer Unterthanenfamilie hervorgegangenen Geistlichen mit einer Achtung, die der gereifte, in allen Lagen des Lebens geprüfte Mann dort drüben, der an Stellung und Reichthum ihnen jetzt gleich war, sich nicht hatte erzwingen können. –

„Darf ich fragen, wer der junge Benedictiner dort hinter dem Sessel des Herrn Prälaten ist?“ wandte sich Günther auf einmal an den Baron Brankow, als dieser zufällig in seine Nähe kam.

„Sie meinen Pater Benedict? Einer der Geistlichen unseres Stiftes, ein junger, erst kürzlich geweihter Priester, auf den seine Oberen, so viel ich weiß, große Hoffnungen setzen.“

„So?“ Günther’s Auge hing so fest an den Zügen des eben Genannten, als wolle er jede Linie darin studiren. „Er scheint sehr vertraut mit dem Grafen Rhaneck, steht er vielleicht in irgend einer verwandtschaftlichen Beziehung zu ihm?“

„Nicht doch!“ sagte der Baron ruhig, „nicht im geringsten. Er stammt im Gegentheil von – mein Gott, der Name ist mir entfallen, die Rhanecks haben so zahlreiche Besitzungen – von einem der Güter des Grafen, der den talentvollen, aber gänzlich mittellosen Knaben erziehen ließ und für das Kloster bestimmte. Er hat ein gutes Werk an ihm gethan, weiter nichts.“

„Gewiß, ein sehr gutes Werk!“


(Fortsetzung folgt.)


[57]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Nr. 33. Vorfrühling im Walde.
Von Guido Hammer.


Brausende, von gepeitschten Regenströmen begleitete Thaustürme haben Schnee und Eis des Waldes schnell zerrinnen gemacht, und nur noch inmitten der hochangeschwollenen Teiche schwimmen, von schäumender Fluth überspült, die gewaltigen Reste

Die Gartenlaube (1872) b 057.jpg

Ueberraschte Reiher.
Nach der Natur aufgenommen von Guido Hammer.

ihrer zersprengten winterlichen Decke umher, die nun, durch die Wucht des wachsenden Wassers vollends gedrückt, mit dumpfem Dröhnen in einzelne Trümmer zerschellen und dabei hoch aufbäumend ihre frischgebrochenen blinkenden Kanten auf Augenblicke dem Wogengegisch entheben, um gleich darauf klatschend in dasselbe zurückzustürzen. Dazu rauscht, ächzt und stöhnt und heult es durch den weiten Wald, während dieselbe hehre Naturstimme das dürre Uferschilf wie mit wimmernden Wehklagen durchzieht und über den aufgewühlten Gewässern ersterben läßt. Dann aber, wenn der wilde Orcan erschöpft die zerrissenen Wetterfetzen am düstern Himmel minder rasch vor sich herjagt und endlich gar mit seinem gehetzten Wolkenwilde nach fernem Norden entschwunden ist, folgt ihm sein anmuthiger Bruder, der linde Südwind, auf dem Fuße nach, und kosend, wie zum Trost für die ausgestandene Unbill, umweht und durchflüstert dieser nun die noch eben zerrütteten alten Föhren und das niedergebeugte schwanke Rohr mit leisem, beschwichtigendem Klingen. Unter solch mildem Hauche aber vergrollen denn auch bald die aufgeregten Wasser alle und beginnen sich zu glätten, bis sie nach vorübergegangenem leichtgekräuselten Wellenspiele endlich als vollkommen ruhige, tiefglänzende Flächen in ihrer schilfgesäumten Umrahmung liegen. Ueber Alles aber breitet sich ein wolkenloser blauer Himmel aus, der in den Blänken der so still gewordenen Waldteiche, wie in den Bächen und tausend Rinnsalen, die geschäftig über den [58] sattgetränkten Boden hinrieseln, und in jedem Handvoll Naß, dessen niedliches Becken etwa durch den Tritt eines Wildes oder sonstige Zufälligkeit entstanden ist, seinen irdischen Widerschein findet.

Und mögen nun auch noch bitterkalte Nächte folgen, welche die stehenden Gewässer wiederum in eisige Banden schlagen – der lichte, lebenerweckende Tag mit Sonne und schwellenden Winden befreit doch immer wieder rasch die gefesselten Fluthen unter eigener Nachhülfe wogenden Wellenschlages, und weithin ertönt es dann dabei in seltsam melodischem Schellern durch den Wald, wenn die leichte Krystalldecke auf schwankendem Untergrunde sich hebt und senkt, bis sie in tausend glitzernde Scherben bricht. In solcher Zeit aber kommen zumeist die ersten befiederten Vorboten des Lenzes, die Lerchen, Staare, Drosseln und die wilden Tauben, an, denen dann wohl auch bald das zierliche Bachstelzchen, der kleine liebe Herold der vom Jäger so heiß ersehnten Schnepfe, folgt. Aber auch der ganze Troß des Wasser- und Sumpfgeflügels, welches ja nun wieder offene Gewässer und frostfreie Bäche findet, kehrt heim, um von Neuem die alten liebgewonnenen Niststätten aufzusuchen, und unter ihnen zieht auch der vor Allen und von Allen freudig bewillkommnete Storch mit ein. Aber auch dessen minder gern gesehene Vettern, die mächtig beschwingten Fischräuber, die Reiher, durcheilen mit mißtönend grellem Schrei in Schaaren die Lüfte, dabei aus ihrer erhabenen Wolkenbahn nach fischreichen Revieren ausspähend. Und hat ein solcher Wanderzug dergleichen in’s Auge gefaßt, dann kreist er, erst lange, mächtige Spiralen im luftigen Gebiete beschreibend, hoch oben in lichter Sphäre, ehe sie, die Mißtrauischen, niedersteigen zu dem verheißenden Gestade. Ist’s aber endlich doch geschehen, so suchen die von weiter Reise Schwingenmüden und Hungrigen auch sofort nach Möglichkeit durch Beute sich zu letzen und zu stärken. Gesättigt bricht dann wohl ein Theil ihrer Sippe mit einbrechender Dunkelheit wieder auf, um ihren noch entfernteren Geburtsstätten zuzueilen, dort erst ihr bleibendes Asyl aufzuschlagen, während die, welche schon hier ihre trauten Stände wiedererkannten, sich sofort an Ort und Stelle heimisch einrichten.

Zu solcher Zeit sieht der Beobachter die vorsichtigen Patrone vorzugsweise gern ihre seit Jahren auserkorenen Warten, die höchsten Bäume am Wasser, betreten, von wo aus sie am Tage Lugaus, und auf denen sie Nachts ihre Ruhe zu halten pflegen, wenn sie die Bäume nicht überhaupt gleich auch zu festen Horstplätzen erwählten. Vom ätzenden Geschmeiß der gefräßigen Vögel wie weiß übertüncht und darum zumeist abgestorben kennzeichnen sich solche eingenommene Sitze schon auf große Entfernung hin.

Einen solchen Stamm erblicken wir hoch in die Luft hinein ragen auf weit in’s blaue Wasser vorgeschobener Landzunge, die an ihren Rändern mit goldruthigen Weiden und silberschäftigen Birken gesäumt ist und deren jetzt noch laubloses Gezweig wie ein metallschimmerndes Netzwerk vom Hintergrunde, einem dunkeln Nadelholzbestande, sich abhebt. Eine alte übergehaltene Föhre ist’s, die der beschwingten Corsarenschaar hier bequem Umschau gestattet. Und eben haben sich, mit mächtigem Flügelschlage vom jenseitigen Ufer her über das Wasser kommend, fünf der gefiederten Räuber in die astgezackte Krone ihres Standbaumes geschwungen und spähen nun mit schärfstem Auge nach ihrem beutereichen Wassergebiete nieder – da dröhnt von der Waldseite her ein Schuß, und hastigen Schwingenschlages sieht man die eben erst Aufgetretenen von ihrer luftigen Zinne aus nach allen Richtungen hin auseinanderstieben. Doch den einen der Ueberraschten hat offenbar das tödtliche Blei erreicht, denn nicht nur, daß im Bereich seiner Flugbahn lose Federn umherwirbeln, sondern der Getroffene versucht auch die sichtbar gelähmte Flügelkraft durch Auswerfen von Ballast – noch unverdautem Fischraube – zu unterstützen, aber umsonst! Nieder reißt es den Schwerverwundeten, so sehr er auch mit den machtlos gewordenen Schwingen dagegen anstrebt; sie haben keine Gewalt mehr, den Sinkenden zu tragen. Und schon hat er in mehrmaligem Ueberschlagen die Wipfel des jungen Kieferwaldes berührt, dabei noch immer die breiten Fittige auf- und niederschlagend, als er rauschend durch das starre Nadelgezweig streift, dabei manchen dürren Zweig mit niederbrechend, bis er nicht weit vom Fuße seines letzten hochragenden Standes mit ausgebreiteten Fittigen zu Boden stürzt und hier alsbald verendet. Doch sind des Opfers letzte Augenblicke, in denen das hellleuchtende, fast schlangenhafte Auge des Vogels durchaus nichts an Schärfe und Feuer verloren hat, noch der Rache geweiht; denn wie sein arglister Feind, der Jäger, an ihn herantritt und sich niederbeugt, den Gefällten an den Ständern zu erfassen, da flammt noch einmal ein letzter Lebensfunke in dem Sterbenden auf, und mit Pfeilgeschwindigkeit schnellt dieser die spitze Schnabellanze empor, das Auge seines überlegenen Gegners damit zu durchbohren. Doch zum Glück für diesen ist der Wurf nicht mehr in lebensgewohnter Sicherheit gelungen, nur dessen Stirn hat der immerhin scharf gezielte Stoß gestreift.

Hoch über dem Boden aber, in duftig-blauer Region, zu welcher auch er sich im Leben so oft emporgeschwungen, kreisen jetzt in weitgezogenen Ringen seine vier unversehrt gebliebenen Genossen, sich mit jedem Augenblicke höher und höher schwingend, bis sie dem Auge fast entschwinden. Und von so unnahbarer Ferne aus beobachten die Bedrohten jetzt sorgsam das Treiben des am Wasser hinschreitenden beutesüchtigen Menschen. Und nur erst, wenn der Abend einbricht, schweben die so arg Geschreckten aus noch immer lichter Himmelsbläue hernieder zur bereits nächtig verschleierten Tiefe an die schwadenumwogten Weiher, hier ihre diesmalige Schlafstelle vorsichtig hinter dichtem Geröhricht wählend, über das bald darauf der aus dunstiger Atmosphäre niederscheinende Mond sein Silberlicht ergießt, bleich und die über die weiten Moore hinziehenden Nebelstreifen wie huschende Gespenster erscheinen lassend.




Mein Leben.


Das Bächlein meiner Tage
Fließt rein und silberhell,
Nie murmelt’s eine Klage,
Froh rinnt’s von seinem Quell.

5
Sanft rieselt’s hin durch Auen,

Küßt manchen Blumenrain,
Die gold’nen Sternlein schauen
Mit stiller Lust hinein.

Oft tönt’s wie süße Lieder,

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Der Wand’rer weilt und lauscht,

Streckt froh an ihm sich nieder,
Vom holden Klang berauscht.

Und stürmt ein Wetter drüber
Und trübt den hellen Schein,

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Rasch fließt der Schlamm vorüber,

Der Grund bleibt ewig rein.

Ob Klippen es umschließen,
Ob es durch Dornen dringt,
Klar wird es immer fließen,

20
Bis es der Sturm verschlingt.
Flor. Sigismund.[1]




Schöpfungs-Glaube und Wissenschaft.
II. Darwinismus.


Der Wissenschaft nach mußte der Mensch, gleich allen übrigen Organismen (Thieren und Pflanzen), einen Entwickelungsgang vom Einfachen zum Vollkommneren durchmachen, ehe er Das geworden, was er jetzt ist; jedes seiner Organe gelangte erst durch unmerklich kleine, allmähliche Abänderungen des gleichen Organs in seinen thierischen Ahnen zu seiner jetzigen Vollkommenheit, und seine Ahnen erstrecken sich, nach Häckel’s und Darwin’s genealogischer Hypothese, durch die Reihe der Säugethiere, der Reptilien, Fische und Würmer bis zu den einfachsten Urthieren herab. Daß dem so ist, läßt sich aber dadurch beweisen, daß der Mensch in einer großen Menge von Punkten mit den Thieren die größte Gemeinschaft zeigt. So ist zuvörderst sein ganzer Körper nach demselben Grundplane, wie bei den Säugethieren, aufgebaut; er gleicht ferner in seiner Gestaltung während der ersten Zeit seiner Entwicklung, also während [59] seines Ungeborenseins (als Embryo) der thierischen Form in einer solchen Weise, daß der menschliche Embryo von dem eines Hundes, Huhnes, einer Schildkröte etc. nicht zu unterscheiden ist. Ja es läßt sich nachweisen, daß der Embryo des Menschen, wie der der höheren Wirbelthiere, während seiner Entwicklung allmählich alle Hauptstufen der unter ihm stehenden Thierwelt von der niedrigsten bis zur höchsten durchläuft. – Es sind sodann dem Menschen (wie dies auch bei den Thieren der Fall ist) Theile angeboren, welche man nur als ererbte Ueberbleibsel von verkümmerten Organen seiner thierischen Vorfahren anzusehen gezwungen ist, da er sie gar nicht brauchen kann, ja die ihm sogar Nachtheile bringen können. Man nennt solche Erbstücke ohne Nutzen „rudimentäre Organe“. Beim Menschen sind zum Beispiel die Ohrmuskeln, welche sein affenähnlicher Vorfahre zum Bewegen seiner zugespitzten Ohren gebrauchte, ganz nutzlos; die Schilddrüse hat ebenfalls keine Bestimmung und giebt nur Veranlassung zum Kropfe; es ist auch der Wurmfortsatz ein ganz unnützes Anhängsel am Blinddarm und kann sehr leicht, durch Aufnahme fremder Körper in seine Höhle, zu tödtlicher Bauchfellentzündung die Ursache abgeben u. s. w. – Es kommt ferner auch nicht selten vor, daß Thiere und Menschen geboren werden, welche weit mehr Aehnlichkeit, und zwar im Ganzen wie in einzelnen Theilen, mit ihren Vorfahren aus einer niedrigern Entwickelungsstufe haben, als mit ihren Zeitgenossen, z. B. Menschen mit Affengestalt. Ferner treten beim Menschen abnorme Theile (z. B. Muskeln) auf, die nur Thieren eigen sind; auch kommen Spaltungen von Organen vor, wodurch diese den entsprechenden thierischen Organen ganz ähnlich werden, u. s. w. Man bezeichnet diese Bildungshemmungen als „Rückschläge“ auf die früheren thierischen Ahnen des Menschen. Während bei diesen Rückschlägen die thierähnlichen Bildungen nur zeitweilig als Abnormitäten gefunden werden, sind die rudimentären Organe stets und als normale vorhanden.

Die Beweise, daß alle Organismen, welche überhaupt bis jetzt auf unserer Erde existirt haben, von der Zeit an, wo die ersten Organismen als die einfachsten Eiweißklümpchen (als Moneren) auf der Erdoberfläche auftraten, sich fort und fort, aber ganz allmählich, und bis zur Jetztzeit stetig, aber nicht durch gewaltsame Erdrevolutionen unterbrochen, vervollkommnet haben, liefern die versteinerten Ueberreste von Thieren und Pflanzen, die Petrefacten, Versteinerungen, welche in der Erdrinde begraben liegen. – Die Versteinerungskunde, Vorwesenkunde oder Paläontologie ist es, welche uns die in versteinertem Zustande erhaltenen Reste und Abdrücke von ausgestorbenen Thieren und Pflanzen als die wahren „Denkmünzen der Schöpfung“ und die untrüglichsten Urkunden, welche die Geschichte der Organismen auf unerschütterlicher Grundlage feststellen, kennen lehrt. Alle versteinerten (fossilen) Reste und Abdrücke berichten uns von der Gestalt und dem Baue solcher Thiere und Pflanzen, welche entweder die Urahnen und die Voreltern der jetzt lebenden Organismen sind, oder aber ausgestorbene Seitenlinien, die sich von einem gemeinsamen Stamm mit den jetzt lebenden Organismen abgezweigt haben. Die paläontologischen Erfahrungen constatiren ferner, daß zu allen Zeiten des organischen Lebens auf der Erde eine beständige Zunahme in der Vollkommenheit der organischen Bildungen stattgefunden hat. Seit jener unvordenklichen Zeit, in welcher das Leben mit der Urzeugung von Moneren begann, haben sich alle Organismen im Ganzen wie im Einzelnen vervollkommnet und höher ausgebildet. Die stetig zunehmende Mannigfaltigkeit der Lebensformen war stets auch zugleich vom Fortschritt in der Organisation begleitet. Je tiefer man in die Schichten der Erde hinabsteigt, in welchen die Reste der ausgestorbenen Thiere und Pflanzen begraben liegen, je älter diese also sind, desto einförmiger, einfacher und unvollkommner sind ihre Gestalten. So gehören zum Beispiel die ältesten fossilen Wirbelthierreste der tiefstehenden Fischclasse, die höher liegenden Reste den vollkommneren Amphibien und Reptilien, die Reste in den obersten Schichten den höchstorganisirten Wirbelthierclassen, den Vögeln und Säugethieren an. Ebenso verhält es sich im Pflanzenreiche, wo anfangs blos die niedrigste und unvollkommenste Classe, diejenige der Algen oder Tange, existirte; später erst die Gruppe der farnkrautartigen Pflanzen oder Filicenen (Farne, Schafthalme, Schuppenpflanzen) auftrat und nach dieser erst die Blüthenpflanzen (Nadelhölzer und Cycadeen, kronenlose und kronenblüthige Blüthenpflanzen) zum Vorschein kamen.

Auch bei der allmählichen, nach Hunderttausenden von Jahren zählenden Entwickelung des Menschen (in körperlicher wie geistiger Hinsicht) verhält es sich auf dieselbe Weise und es unterscheidet sich der Mensch, soweit es seinen Bau betrifft, nicht mehr von den unmittelbar unter ihm stehenden Thieren, als diese von anderen Thieren derselben Ordnung. Die aufgefundenen fossilen Menschenreste, welche schon ziemlich tief unten in der Erdrinde (in der Tertiärschicht) begraben liegen und hauptsächlich in Schädeln, Unterkiefern und anderen Knochen bestehen, sowie die mit diesen Resten gleichzeitig gefundenen Waffen und Werkzeuge, zeigen ganz deutlich, wie so langsam sich der Mensch in seinem Baue und seiner Civilisation vervollkommnet hat und endlich bis zu seiner jetzigen Vollkommenheit (besonders des Gehirns) gelangt ist. Diese Entwickelung ist so allmählich vor sich gegangen, daß man gar nicht mit Bestimmtheit anzugeben vermag, wann eigentlich der Mensch nicht mehr Thier (Affe) war und als Mensch bezeichnet werden konnte. – Er begann sein menschliches Leben, nachdem er sich durch seinen aufrechten Gang und die aus der thierischen Lautsprache zur gegliederten, aber noch sehr beschränkten Wortsprache übergegangene Menschensprache von den großen schwanzlosen Schmalnasen-Affen abgetrennt hatte, als ein roher, kaum über die Stufe der Thierheit sich erhebender, fast stummer Wilder mit affenähnlichem Schädel und kleiner Statur, nackt oder nur nothdürftig mit Thierhäuten und Baumrinden bekleidet, in Höhlen und Felsklüften lebend, fortwährend im Kampfe mit der ihn umgebenden übermächtigen Natur und mit großen (vorweltlichen) Thieren, nur mit rohen Steinkeulen (Steinhämmern, Steinäxten und Kieselknollen) die Thiere (meistens Pflanzenfresser) tödtend, deren Knochenmark und Gehirn er sich durch Zerschlagen der Knochen und des Schädels zur Nahrung wählte. Erst später, nach der ältesten Steinzeit oder dem Stadium der Barbarei schabte er das Fleisch der Thiere mit Kiesel-(Feuerstein-)Messern von den Knochen ab, lernte Feuer machen und baute Herde, verfertigte Werkzeuge von feinerer Arbeit und mit Politur. Ganz allmählich trat er mit Vergrößerung seines Schädels und Gehirns in das Stadium der Jäger, dann der Hirten und Ackerbauer und bediente sich anstatt der Steininstrumente der Werkzeuge von Bronze (aus Kupfer und Zinn) und sehr spät erst solcher von Eisen; auch kupferne und Töpferwaaren hatte er schon früher in Gebrauch. Man nimmt darnach eine Stein-, Bronze- und Eisenzeit in der menschlichen Culturentwickelung an. Hinsichtlich seiner Wohnungen cultivirte sich der Mensch ebenfalls insofern, als er aus Höhlen in selbstgebaute Wohnungen zog, unter denen die Pfahlbauten oder Seewohnungen (in der Schweiz besonders aufgefunden), die halb im Wasser standen, berühmt geworden sind. (Weiteres siehe später bei der Entwickelungsgeschichte der Erdrinde.)

Wie nun die Umänderung der verschiedenen Thiere und Pflanzen, welche bis jetzt auf unserer Erde lebten, nach und nach zu Stande kam, ist hauptsächlich durch Darwin aufgeklärt worden. Vorzugsweise ist es der durch Uebung, Gewohnheit, Bedürfniß, Lebensweise etc. bedingte Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe, sowie überhaupt die Verschiedenheit in den Lebensbedingungen und die Einwirkung äußerer Lebensumstände, welche verändernd auf die Organisation, die allgemeine Form und die verschiedenen Theile der Organismen einwirken. Auch ist es nicht unmöglich, daß schon mit dem Keime eine Umänderung vor sich gehen kann, indem die Keime niederer Organismen unter besonderen und günstigeren Umständen in andere und höhere Formen überzugehen vermögen. So ist zum Beispiel bei den Bienen die verschiedene Größe der Zelle, in welche das Ei eingelegt wird, ein Grund mit zur Bildung der Königin, der Drohnen und Arbeitsbienen. – Jeder Organismus nimmt in Folge von Einwirkungen der umgebenden Außenwelt (von Nahrung, Wasser, Licht, Atmosphäre, Temperatur, Klima, Wohnort, umgebende pflanzliche und thierische Organismen) gewisse neue Eigenthümlichkeiten in seiner Lebensthätigkeit, Mischung und Form an, welche er nicht von seinen Eltern geerbt hat, die er aber auf seine Nachkommen vererben kann. Durch diese Anpassung an die eben vorhandenen Verhältnisse und verschiedenen Lebensbedingungen, sowie durch die Vererbung der dadurch veranlaßten Veränderungen werden alle organischen Individuen im Laufe ihres Lebens einander mehr oder weniger ungleich, obwohl die Individuen ein und derselben Art sich meistens ähnlich bleiben. Die allmähliche Anpassung des Individuums an seine Umgebung kann auf doppelte Weise vor sich gehen: theils durch Selbstthätigkeit [60] desselben (Gewohnheiten), so daß es sich selbst darnach verändert, theils willenlos durch die Einwirkung der äußeren Umstände, also gezwungen. Durch das Wandern der Thiere und Pflanzen, welches in Folge verschiedenartiger Naturereignisse veranlaßt wird, ändern sich für die Ausgewanderten die äußern Umstände in der Regel sehr bedeutend und die dadurch bedingte Anpassung wirkt verändernd auf die Formen derselben ein.

Ganz besonders großen Einfluß auf die Umänderung der Organismen hat aber der Kampf um’s Dasein oder die Mitbewerbung um die nothwendigen Existenzbedürfnisse. Jeder Organismus kämpft nämlich von Anbeginn seiner Existenz mit einer Anzahl von feindlichen Einflüssen, kämpft mit Thieren, welche von diesem Organismus leben, mit anorganischen Einflüssen der verschiedensten Art (Temperatur, Witterung) und ganz besonders mit den ihm ähnlichsten und gleichartigen Organismen wegen der Mittel zum Lebensunterhalt. Die Erfahrung lehrt nun, daß alle pflanzlichen und thierischen Individuen (Einzelwesen) weit mehr Nachkommen erzeugen, als Nahrung für dieselben vorhanden ist. Nur die durch ihre Organisation und die umgebenden Verhältnisse bevorzugten Individuen werden aber beim Kampfe um ihre Existenz über die andern den Sieg erlangen, und während die letzteren früher zu Grunde gehen, ohne Nachkommen zu hinterlassen, werden die ersteren jene überleben und zur Fortpflanzung gelangen. Die von dieser erzeugte Generation wird durch Vererbung nun derjenigen individuellen Vortheile theilhaftig, durch welche ihre Eltern den Sieg über ihre Nebenbuhler davontrugen. – Ebenso wie der Kampf um’s Dasein wirkt aber auch der Kampf um die Ehe bei den Thieren vervollkommnend auf die Formen derselben ein und zwar insofern, als diejenigen Männchen, welche die kräftigeren sind und muthiger um das Weibchen kämpfen können oder die ihrer Farben, ihres Schmuckes und Gesanges etc. wegen vom Weibchen bevorzugt werden, durch Fortpflanzung ihre Vorzüge (Farben, Schmuckanhänge) auf ihre Nachkommen vererben. – Bei der Vererbung wird nun aber die günstigere Organisation nicht von Generation zu Generation einfach in der ursprünglichen Weise übertragen, sondern sie wird fortwährend gehäuft und gestärkt, und gelangt schließlich in einer letzten Generation zu einer Stärke, welche diese Generation sehr wesentlich von der ursprünglichen Stammform unterscheidet. Vererbt können werden: ebensowohl schon von den Vorfahren abstammende, also ererbte Eigenthümlichkeiten, wie auch erworbene; erstere Vererbung kann man die erhaltende, letztere die fortschreitende nennen; beide Vererbungen dienen der Vervollkommnung der Organismen. – So hat zum Beispiel der Mensch mit fortschreitender Cultur auch ein durch seine vermehrte und verbesserte geistige Arbeit immer größer gewordenes Gehirn auf seine Nachkommen vererbt und dadurch ist sein anfangs kleiner affenähnlicher Schädel immer mehr dem des heute lebenden Menschen ähnlich geworden. Da schon in der Vorzeit der Mann der Hausfrau und Mutter den größten Theil der geistigen, sowie der anstrengenden körperlichen Arbeit abnahm, so ist auch das Gehirn der Frau kleiner und leichter und die Musculatur schwächer als beim Manne geblieben. Daß sich aber, wie man meint, mit dem größeren Gehirn (bei Mensch und Thier) und der damit zusammenhängenden Steigerung der geistigen Kraft desselben, auch gewisse geistige Eigenthümlichkeiten, wie Neigungen, Triebe, Gewohnheiten, Charakter, Talente etc., vererben sollten, ist ebenso zu bezweifeln, wie das Angeborensein von Anlagen. Diese geistigen Eigenthümlichkeiten sind nur die Arbeit des Gehirns und werden schon in den allerersten Lebensjahren, auf welche bei Biographien viel zu wenig Werth gelegt wird, dem Kinde (in Folge von Gewöhnung, Nachahmung) erst anerzogen. Deshalb gerade ist aber auch die Erziehung in den ersten Lebensjahren am meisten zu beachten; und in diesen Jahren wird der Grund zu den sogen. Anlagen gelegt.

Welchen großen Einfluß veränderte Lebensbedingungen und veränderte Zustände der Außenwelt auf die Gestaltung der Organismen haben können, zeigt sich recht deutlich bei unsrer heutigen Züchtung der Thiere (durch Auswahl geeigneter Individuen für die Nachzucht) und bei der Pflanzencultur. Wie aber bei dieser berechneten künstlichen Züchtung, so fand auch in ganz gleicher Weise bei den vor uns existirenden Thieren und Pflanzen eine unberechnete natürliche Züchtung statt, und durch diese die so auffallende Veränderung in den pflanzlichen und thierischen Organismen. – Bei der künstlichen Züchtung ist es, vermöge der absichtlichen, bewußten, planmäßigen und berechneten Auswahl und Anwendung von bekannten, auf die Formveränderung Einfluß äußernden Bedingungen sehr leicht möglich, innerhalb kurzer Zeit eine ganz neue und von der ursprünglichen Stammform bedeutend abweichende Thier- und Pflanzenform willkürlich zu schaffen. Schon nach Verlauf von wenigen Generationen lassen sich auf diese Weise neue Formen erhalten, welche von der Stammform in viel höherem Grade abweichen, als die wilden Thier- und Pflanzenarten unter sich. Dagegen bedarf es bei der natürlichen Züchtung, die plan- und absichtslos, unbewußt und unberechnet vor sich geht und von nur zufälligen Einflüssen abhängig ist, großer Zeiträume, um bedeutendere Veränderungen im Thier- und Pflanzenreiche hervorzubringen. Hierbei ist der Kampf ums Dasein, sowie der Kampf um die Ehe oder die sogen. „geschlechtliche Züchtung“, von der allergrößten Bedeutung. Auch ist die Bildung von Bastarden (Abkömmlingen zweier verschiedener Arten), sowie die Fortpflanzung von Spielarten (durch irgend eine Eigenthümlichkeit sich von ihren Erzeugern auszeichnende Individuen) als Ursache für die Entstehung neuer Formen anzusehen. – Alle unsere jetzigen Hausthiere und alle Gartenpflanzen stammen ursprünglich von wilden Arten ab, welche erst durch eigenthümliche Lebensbedingungen, unter denen sie leben mußten, umgebildet und cultivirt wurden. Von Culturpflanzen ist die wilde Mutterpflanze oft gar nicht mehr bekannt. Auch bei der Bildung der Menschenracen bediente sich die Natur derselben Mittel, wie der Landwirth bei der Züchtung von Hausthierracen, und es wird der Mensch sicherlich im Kampfe um’s Dasein, welcher sich bei der rapiden Vermehrung der Menschen immer mehr steigert, in Folge der natürlichen Züchtung nach und nach in eine größere Anzahl verschiedener und zwar edlerer Racen zerfallen, während die wilden Menschenstämme unter dem Drucke der weißen Einwanderung aus Europa immer mehr untergehen. – Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication (der Hausthiere und Culturpflanzen) ist sonach von der größten Bedeutung für die Erklärung der Veränderungen, welchen Pflanzen und Thiere auf unserm Erdball nach und nach unterworfen waren. – Die neue von Darwin aufgestellte Theorie, welche uns mit den natürlichen Ursachen der organischen Entwickelung, den wirkenden Ursachen der organischen Formbildung, den Veränderungen und Umformungen der Thier- und Pflanzenarten bekannt macht, wird die „Selectionstheorie, Züchtungslehre, Theorie von der natürlichen Züchtung“ genannt. Für diese Theorie haben sich neuerlich auch Huxley, Hooker, Wallace, Lyell und fast alle deutschen Naturforscher erklärt. Dagegen hat man der Theorie, welche vor Darwin schon von Lamarck, Geoffroy St. Hilaire, Goethe, Oken, Treviranus als Hypothese aufgestellt wurde, nach welcher alle Organismen, welche jemals auf der Erde gelebt haben und noch jetzt leben, von einer einzigen oder von wenigen höchst einfachen Stammformen abstammen und sich aus diesen auf dem natürlichen Wege allmählicher Umbildung innerhalb ungeheurer geologischer Zeiträume entwickelten, die Namen der „Descendenztheorie oder Abstammungslehre, Transmutationstheorie oder Umbildungslehre“ gegeben. Die Abstammungslehre verdanken wir vorzugsweise dem französischen Naturforscher Lamarck (1744–1829), während der Begründer der Züchtungslehre der englische Naturforscher Darwin (1808 geboren) ist. Durch Ersteren wissen wir, daß auf der Erde eine fortschreitende Umbildung der organischen Gestalten stattfand, durch Letzteren, warum und wie eine solche zu Stande kam, welche mechanisch-wirkenden Ursachen die ununterbrochene Neubildung und immer größere Mannigfaltigkeit der Thiere, Pflanzen und Menschen bedingen.

NB. Wer sich für diese Lehren interessirt – und welcher Gebildete thäte dies nicht? – dem können folgende ausgezeichnete und leicht verständliche Schriften empfohlen werden: Darwin, die Entstehung der Arten und die Abstammung des Menschen; – Haeckel, natürliche Schöpfungsgeschichte; – Büchner, sechs Vorlesungen über Darwin’s Theorie und die Stellung des Menschen in der Natur; – Lyell, das Alter des Menschengeschlechts.

Bock.     
[61]
In der Gletscherspalte.


Am 23. September vorigen Jahres, Nachmittags halb vier Uhr, fuhr ich von Innsbruck mit der Brennerbahn nach Patsch, der ersten bergaufwärts gelegenen Station, von wo man ins Stubaythal kommt. Mein Plan war, über das Hochjoch nach Meran zu gehen und so zugleich den Oetzthalern einen Besuch abzustatten; um aber zu ihnen zu gelangen, wählte ich einen Weg, der auf der Landkarte sehr kurz aussieht und für den Freund des Gebirges vor der ermüdenden Thalwanderung den Vorzug besitzt, daß er ihn ebenfalls über den Scheitel eines großen Gebirgstockes hinüberführt, über die Stubayer Alpen. Der Paß heißt „das Bildstöckel“, seine Endpunkte sind im Stubay Ranalt, im Oetzthale Sölden.

Während ich von dem einsam an der Felswand gelegenen Stationshause hinunterstieg zur brausenden Sill, holte ich einen Herrn ein, der denselben Weg verfolgte, und wir gingen eine Strecke zusammen. Er war Professor in Innsbruck und wußte in der Gegend Bescheid.

„Wenn Sie über das Bildstöckel gehen wollen,“ sagte er, „so rathe ich Ihnen, den Anderl Pfurtscheller aus Ranalt zum Führer zu nehmen. Er ist zwar noch jung, aber tüchtig und gewandt. Ranalt können Sie, als guter Fußgänger, heute noch erreichen.“

Ich folgte dem wohlgemeinten Rathe und ahnte dabei freilich nicht, welche mühselige und beschwerliche Wanderung mir auf den unbekannten Wegen durch Nacht und Finsterniß noch bevorstehe. Zwar durch das weite dorfübersäete Stubaythal war es noch angenehm zu wandern; dann aber brach das Dunkel herein und es galt, mit unsäglicher Anstrengung fast für jeden Schritt den Pfad über Berg und Thal, durch Wälder und Wiesen, über Felsen und Steingeröll, ja selbst durch Wasser und Wellen hindurch zu suchen. Und dazu, nachdem ich einmal Neustift passirt hatte, keine menschliche Seele, die mir einen Fingerzeig in dieser Wildniß hätte geben können. Aber der Himmel meinte es gut mit mir. Spät in der Nacht, wenn auch ermüdet und halb verhungert, kam ich nach Ranalt und zu dem so heiß ersehnten Wirthshaus.

Nach einigem Suchen hatte ich das Glück, den richtigen Eingang zu finden und durch Klopfen und Rufen den Vater Pfurtscheller zu erwecken. Er ließ mich über die niedrige Gallerie ins Haus treten und räumte alsdann den Schauplatz dem Dienstmädchen. Bald saß ich unten im Gastzimmer bei einem Schoppen Wein, vor mir lag Amthor’s Alpenfreund, den ich mit andern Schätzen auf dem Bücherbrett gefunden hatte. Daneben sah ich mit Vergnügen dem Mädchen zu, welches hin und wieder ging und mir den Tisch deckte; und im Stillen stellte ich mir die Frage, wie solch eine liebliche Erscheinung in diese Wildniß käme. Sie trug das volle schwarze Haar in Flechten um den Kopf gewunden und hatte große, sanfte Augen wie die Madonnen Murillo’s. Und ihr Name war: Philomene. Als sie die Reste der Mahlzeit fortgeräumt hatte, fragte ich nach Anderl.

„Der schläft schon,“ antwortete sie, „aber ich will ihn gleich rufen. Er liegt oben im Heu.“

Bald stand der Gesuchte vor mir, und als ich ihn sah, da sagte ich mir, daß mein Rathgeber mir gut gerathen hätte: es war ein junger Athlet, kräftig und gewandt in seiner Haltung, voll Entschlossenheit im Ausdruck, wie von der Natur zu kühnen und großen Thaten erschaffen. In der Hauptsache waren wir schon einig, nämlich, daß er mich über das Bildstöckel nach Sölden führen sollte; aber Vormittag, meinte er, könne er mich noch nicht begleiten, da habe er einen Gang in die Nähe zu thun. „Bleiben Sie morgen bei uns,“ sagte er, „es wird Sie nicht gereuen. Sie steigen auf die Pfandleralpe, da giebt es eine schöne Aussicht. Nach Mittag bin ich zurück, dann gehen wir noch zwei Stunden bis zur Mutternberger Alp und bleiben dort die Nacht. So kommen wir am Morgen früh mit frischen Kräften an den Gletscher.“

Sein Vorschlag ward angenommen; das Nest, in dem ich saß, war behaglich; auch dem Wetter konnte, damit es sich vollends klärte, eine Tagesfrist nicht schaden. – Philomene zeigte mir mein Zimmer, es war ganz von rohem Holz, aber sauber und nett, und als die Uhr elf schlug, lag das ganze Haus wieder in tiefem Schlaf und ich selbst auch. Am folgenden Morgen durfte ich ausschlafen und that es. Dann trank ich in Ruhe meinen Kaffee, bestellte bei Philomene ein solennes Mittagsmahl, um mich für die zu erwartenden Strapazen zu stärken, und stieg auf die Pfandleralp, die denn auch wirklich hielt, was Anderl von ihr versprochen hatte. Philomene’s Mittagsessen nachher däuchte mir mit seiner Suppe, den Backhändlen und dem Kaiserschmarren königlich, und so konnte ich denn freudigen Muthes zuschauen, als gegen Abend Anderl erschien und den Fouragesack zurecht machte; zwei Flaschen Wein kamen hinein, ein Fläschchen Kirschwasser, Brod, Speck, das Seil, außerdem mein Tornister mit Allem, was er enthielt; und nun sagten wir Lebewohl und gingen in den Abend hinein immer durch den Lärchenwald fort. Nach einer Weile rückten die Berge von beiden Seiten nahe zusammen und bildeten eine Enge, durch die wir den Fluß entlang aufwärts gingen. Auf den Höhen lagen dunkle Nebel, in denen der Sturm wühlte. Eine Minute lang ward in der tiefen Dämmerung ein weißes Firnfeld im Gebiet des Lisenzer Ferners sichtbar, dann senkte sich eine Wolke darüber. Nun wurde es finstere Nacht, wir schritten tüchtig zu und mußten auf den Weg achten, der voller spitzen Steine war.

Eine kleine Stunde später erreichten wir die Alp, einen Complex von Hütten, Ställen und Heuschobern, und traten bei den Sennen ein. Man muß selbst einmal bei dem gastlichen Völkchen Einkehr gefunden haben, um zu wissen, wie gemüthlich sich’s nach ermüdender Tageswanderung beim hellen Feuer sitzt. Draußen im Finstern rauscht der Bach und geht der Wind, hin und wieder tönt eine Schelle; hier innen kreist der Tabaksbeutel und der Kienspahn, der die Pfeife in Brand erhält. Man nimmt an der Unterhaltung Theil, soweit die Sprache, in der sie geführt wird, dies gestattet, oder sieht in die Gluth und hängt seinen Gedanken nach.

Das Gespräch drehte sich um die bevorstehende Thalfahrt und um die heurige Gemsjagd. Einer der Sennen war heute am Sonntag bis Vulpmes hinuntergegangen und hat einen ganzen Sack voll Neuigkeiten mitgebracht; so bleiben denn auch die Tagesfragen der hohen Politik in diesem Kreise nicht unerörtert. Dabei werden Geschichten mit herangezogen von großen Gemsjägern und Wilderern, von Schmugglern und kühnen Bergsteigern.

Die Uhr ist halb acht, die Sennen waren zum Milchen gegangen und kehren mit halbgefüllten Kübeln aus dem Stall zurück – bei der kargen Weide wird der Milchertrag zusehends geringer. Der Milcher schickt sich an, das Abendessen zu bereiten. Ueber des Feuers Gluth werden Butter und Mehl unter beständigem Umrühren in eiserner Pfanne gepaart; widerwillig treten die Elemente zusammen. Wenn es recht qualmt und zischt, gießt er frische Milch darüber, die den Aufruhr besänftigt; zum Schluß brockt er dann noch Brod hinein – und das Gericht ist fertig. Nun holt jeder der Sennen seinen Löffel hervor; über der Thür, im Holz, über der Feuerung, am Fenster, hinter dem Wasserfaß – überall giebt es die schönsten Verstecke, wo man ihn aufbewahren kann, und nun findet im Nebenstübchen beim Scheine eines Lämpchens die einfache Mahlzeit statt, vorher eine lange Andacht, hinterher ein kurzes Gebet.

Nachdem die Sennen versorgt sind, kommen die Gäste an die Reihe, eine Holzschüssel voll warmer Milch für Jeden macht gesunden Schlaf und giebt für morgen Kräfte.

Noch einmal schließt sich der Kreis um’s Feuer, und der Kienspahn entzündet wiederum die Pfeifen. Aber das Gespräch will nicht mehr fließen und bald kommt in Betracht, daß man morgen zeitig aufbrechen müsse und vorher verpflichtet sei, auszuschlafen. Einer nimmt ein Licht und geht voran, draußen ist es sehr dunkel und windstill, so daß die Flamme ruhig brennt. Am Stall führt eine schmale Stiege zum Heuboden empor, Einer nach dem Andern steigt hinan. Vorne schlafen die Sennen, die Gäste wühlen sich hinten ihr Lager zurecht; Jeder erhält eine wollene Decke. Das Heu ist alt und geruchlos, entwickelt aber, sowie man daran rührt, einen dicken Staub. Die Decke dient als Unterlage, das Plaid zum Zudecken; auf die Füße kommt noch ein Bund Heu, um den Kopf ein Taschentuch – und das schönste Lager ist fertig. Dann wird das Licht gelöscht und die Nachtruhe beginnt. Unter uns im Stalle stand eine Kuh und einige Ziegen, die Glocke [62] der Kuh begleitete mit tactmäßigem Klingen das Geschäft des Wiederkäuens, dabei schlief sich’s leicht und sicher ein. Plötzlich aber mußte eine Ziege sich mit dem Hinterfuß am Ohre kratzen, so daß ihre Schelle laut rasselte.

Anderl, der sich schon in sanften Träumen wiegen mochte, wurde durch das Getöse unsanft gestört und erhob flehend seine Stimme:

„Kaaschpar – Kaaschpar – die Goas schelleret underzu.“

Kaspar erwiderte ihm ein paar tröstliche Worte, und unsere Nachtruhe wurde nicht weiter unterbrochen.

Am frühen Morgen weckte mich Anderl und machte mit einem Streichholz Licht, wir standen auf und verließen den Heuboden. In der Hütte saß schon der Milcher am Feuer und wärmte für uns die Milch. Nachdem das Frühstück verzehrt und die Zeche in Ordnung gebracht war, gingen wir fort, dem Morgen entgegen.

Der Himmel über uns war klar, die Nacht schwand; beim Morgengrauen stiegen wir durch Wachholder- und Alpenrosengebüsch an der Thalwand empor, über der uns schneeige Gipfel winkten. Am Himmel und um uns her herrschte Dämmerung, das Thal blieb in Dunkelheit liegen.

Nachdem wir die erste Bergstufe erstiegen, machten wir auf einer großen Gneißplatte eine Minute Rast; ringsumher standen einzelne verwetterte Arven, die letzten Waldbäume inmitten einer Vegetation von Knieholz und Sträuchern. Weiter empor ging es über eine hügelige Grasfläche, das Gras war braun und starr von Frost; hinter uns wogte schon der Nebel über unsere Steinplatte. Ein eisiger Wind blies uns entgegen und drückte den Nebel zu Thal, vor uns lag der Gletscher, ein weißes Gebirge auf dem Gebirge. Er trat in zwei Armen zu beiden Seiten eines Felsstockes hervor, der sich wie ein Keil in die Eismasse hineindrängte.

Hinter einem Granitwürfel, so groß wie ein Haus, machten wir wiederum Rast und nahmen, vor dem Winde geschützt, Speise und Trank zu uns. Die ersten Strahlen der Sonne drangen über den Berg und beschienen uns matt und winterlich. Dann ging es wieder vorwärts, wir stiegen an dem Felsstock empor, aus dessen Spalten mir Anderl mit dem Stock prächtige Speikpflanzen losmachte, und betraten den Gletscher zur Rechten. Das Gehen auf der glatten Eisfläche war anfangs mühsam und beschwerlich, wegen der starken Neigung des Gletschers, man mußte auf die Steine zu treten suchen, die im Eise steckten; bald aber wurde die Neigung geringer, die Fläche ebener, und der Tritt sicherer. Zudem stellte sich eine Rinde von jungem Schnee ein, der hart gefroren war und das Ausgleiten verhinderte. Das war eine sehr zweideutige Zugabe zu unserer Partie; vorläufig war seine Masse nur gering, aber je weiter wir kamen, desto mehr nahm sie zu und verdeckte die Spalten.

Wir gingen wie mitten im Winter, rings umher die weite weiße Fläche, umgeben von todten Felsen. Im Thale, das wir verlassen hatten, lag eine feste Wolkenschicht, darüber zogen in langen Reihen die Gipfel des Hochgebirges gegen die Duxer Alpen hin, die in der Ferne bräunlich angehaucht erschienen; der Himmel war zwar rein, aber die Sonne hatte keine Kraft, man konnte hineinsehen, ohne geblendet zu werden. Auf den Schneegipfeln zu unserer Rechten erhob sich eine kleine weiße Wolke, die lang emporwuchs und dünner werdend verschwand. Dort trieb der Wirbelwind sein Spiel mit dem lockern Schnee. Im Glarner Lande habe ich dies Phänomen zuerst gesehen, damals sagte man mir, es bedeute gutes Wetter, Anderl aber meinte bedenklich, hier zu Lande verhieße es das Gegentheil.

Das Schauspiel wiederholte sich öfter; vor uns auf der freien Fläche stieg die Erscheinung empor und wandelte im Halbkreis um uns herum, ein anderes Mal waren wir plötzlich mitten darin, es war ein Sausen und Tosen, daß wir eine Minute lang unser Wort nicht verstehen konnten. So ging es stundenlang eintönig fort; wir mochten etwa die Mitte des Gletschers erreicht haben. Die zerklüfteten Regionen des Eises, die sich anfangs nur in der Ferne gezeigt hatten, erschienen näher gerückt, sie umfingen uns von rechts und links, wir waren selbst schon im Anfang derselben.

Andres blieb stehen und holte das Seil aus dem Sack hervor. Das eine Ende band er mir um die Brust und schlang den Knoten drei- und vierfach, nahe dem andern Ende band er sich daran. Mir, der ich noch nie am Seil gegangen war, erweckte es ein unheimliches Gefühl, mich eines Theiles meiner Selbstständigkeit beraubt zu sehen, und gebunden den Tritten eines Andern zu folgen. Das Seil war sehr lang; um nicht darauf zu treten, nahm ich es in Schlingen in der linken Hand zusammen, während die Rechte den Alpstock führte.

„Gehen Sie nicht zu nahe hinter mir,“ sagte er, „halten Sie sich in einiger Entfernung.“

Wir stiegen und sprangen über Klüfte, er prüfte zweifelhafte Stellen mit dem Stock, bevor er sie betrat, so kamen wir langsam auf gewundenem Wege vorwärts.

Ich sah immer vor mich auf den Weg und folgte genau seinen Tritten. Da plötzlich – ein dumpfer Schall – ich sah auf – Andres halben Leibes im Schnee – er griff mit den Händen vor sich – jetzt war er versunken.

Nun faßte es mich; der Strick schnitt in meine Hand – es riß mich vornüber – ich fuhr über den Schnee der dunkeln Oeffnung entgegen, wie ein willenloser Gegenstand. Ich sträubte mich, der Schnee furchte sich, meine Hände bluteten. Ich fühlte keinen Schreck und keinen Schmerz, hatte auch keine Gedanken, aber in dem Augenblick schossen mir tausend Bilder durch das Gehirn, ich sah die offene Kluft vor mir und die weiße Schneefläche, und vor allem Andern war die eine Vorstellung lebendig in meiner Seele: ob ich wohl zum letzten Mal die Sonne sähe?

Es war nur ein Augenblick, ich lag, meine Kniee hatten einen Halt, es hatte mich nicht hinuntergerissen. Aber wie lange noch? Noch zog der Strick; wenn der Halt wich? – Sollte ich das Seil durchschneiden? Wie das Messer nehmen? Aber er – nein, das ging nicht an. Ich lag ja, die Kniee hatten sich in den Schnee eingedrückt. Ob er lebte?

Mit beiden Händen ergriff ich das Seil und zog, was ich konnte; einen Versunkenen herauszuziehen, ihn nach Kräften hoch zu halten, dachte ich. Das Seil schnitt in den Schnee, ohne meinem Zuge zu folgen.

Aus der Tiefe drang ein dumpfer Laut herauf, er lebt! Die Stimme klang schwach und undeutlich; er rief mir zu, ich hörte etwas wie „Ziehen“, und zog. In dem Augenblick ging ein Wirbelwind über mich hin, der seine Worte verschlang.

Ich rief wieder und fragte: „Was sagen Sie?“

Ich mußte mehrmals fragen, endlich verstand ich: „Lassen Sie nach!“

Ich fragte: „Stehen Sie?“

„Ich stehe, lassen Sie nach!“

Ich ließ das Seil nach, es wurde allmählich schlaff.

„Geben Sie Acht, daß Sie nicht hineinfallen, kommen Sie nicht zu nahe an die Kluft heran!“

Es war die Stimme eines lebendig Begrabenen. Er rief die Worte einzeln, sie klangen gedämpft und hohl.

Er fragte: „Haben Sie einen festen Halt?“

Ich antwortete, daß ich augenblicklich gesichert wäre, um nicht hineinzufallen, während dessen bohrte ich den Alpstock fester in den Schnee.

Unser Gespräch ging nicht so glatt, wie ich es schreibe; jeder Satz mußte zwei, dreimal wiederholt werden, ehe der Andere ihn verstand. Der Wind und die tiefe Kluft verschlangen vom Schall der Worte das Meiste.

„Können Sie verstehen, was ich sage?“ rief er.

„Sprechen Sie langsam, dann verstehe ich.“

„So hören Sie. Die Kluft ist hier zu breit, hier kann ich nicht herauf, weiter oben wird sie enger. Dort müssen Sie ein Loch durch den Schnee schlagen. Warten Sie, ich binde das Seil los. Haben Sie verstanden?“

„Ich habe verstanden.“

„Jetzt ziehen Sie das Seil herauf.“

Ich kniete und zog – es kam leer herauf – es wollte kein Ende nehmen, es war das Maß der Tiefe, in der er lag. Endlich war es oben, es klebte Blut daran.

„Das Seil ist oben!“ rief ich.

„Jetzt gehen Sie – eins – zwei – drei – vier – fünf Klaftern aufwärts an der Kluft, dort schlagen Sie das Loch.“

„Verstanden! In welcher Richtung soll ich gehen? Doch nach dem Berge zu?“

Die Spalte schien mir eine von den querverlaufenden zu sein; doch kreuzten sie sich hier so vielfach, daß ich mir durch Fragen erst Gewißheit verschaffen mußte, um nicht selbst in Gefahr zu gerathen.

[63] „Nach dem Berge zu,“ rief er. „Hüten Sie sich, daß Sie nicht hineinfallen!“

Ich ging ungefähr so weit, wie er gesagt hatte, stieß den Stock durch den Schnee – es war alter Winterschnee, über eine Elle dick – und kam auf hartes Eis. Ich rückte einen Schritt vor und stieß durch – abermals Eis; das dritte Mal fand ich den Hohlraum der Kluft und ließ den Stock auf- und abwärts spielen.

„Können Sie den Stock sehen? Ist es hier recht?“

„Ja, da ist es ganz recht, da stoßen Sie durch,“ rief es durch den Schnee.

Es war die Arbeit eines Steinschlägers, ein Loch war gemacht, ein zweites entstand daneben; nun wurden durch seitliche Bewegungen des Stockes beide zu einem verbunden. Der Schnee war furchtbar hart, die Arbeit ging mühsam vorwärts. Nun hatte ich durch vier verbundene Oeffnungen einen kurzen Spalt hergestellt. Einen Fuß davon entfernt entstand ein paralleler. Beide wurden verbunden, ein ganzer Klumpen Schnee fiel hinunter, eine Oeffnung war da, die ich mehr und mehr erweiterte. Jetzt hörte ich seine Stimme wieder, sie klang deutlicher; er mußte fast senkrecht unter der neuen Oeffnung stehen.

„Ist die Oeffnung weit genug? Ich werde zuerst den Sack anbinden.“

„Ja, sie ist weit genug.“

„Dann lassen Sie das Seil hernieder.“

Ich hatte mich losgebunden, um freier arbeiten zu können. Jetzt legte ich das Seil mit einem Schifferknoten um den Stock, den ich bis auf das Eis in den Schnee getrieben hatte und ließ das freie Ende hinunter.

Nach einer Weile rief er: „Ich habe das Seil!“ und dann wieder nach einer Weile: „Jetzt ziehen Sie den Packen herauf!“

„Halt, Andreas, trinken Sie zuerst Wein!“

„Nein,“ kam die Antwort zurück, „hier unten trinke ich keinen Tropfen! Ziehen Sie!“

Ich zog, der Packen rückte langsam in die Höhe; ich hätte aber nie gedacht, daß ein Gegenstand ein solches Gewicht haben kann. Das Seil schnitt am Rande der Oeffnung tief in den Schnee. Endlich erschien der grüne Sack an derselben; aber hindurch ging er nicht, weil er sich an der Schneekante sperrte.

„Ich muß noch einmal nachlassen, der Schnee hindert noch.“

„So lassen Sie nach!“

Er kam nicht bis unten, sondern blieb in halber Höhe stecken.

„Er sitzt gut,“ rief Andres. Ich faßte Seil und Stock mit beiden Händen und erweiterte.

Wiederum brachte ich ihn bis an den Rand, vergeblich; die träge Masse fand an dem kleinsten Körnchen Schnee ein Hinderniß. Er mußte noch einmal hinunter; erst das dritte Mal kam er heraus, nachdem ich die Kante des Eises ganz frei gelegt hatte.

Da lag er oben. Mir war’s nicht anders, als wäre schon ein halbes Menschenleben dem Eise entrissen.

„Ich habe ihn oben!“ rief ich.

„Jetzt trinken Sie einmal Wein und stärken sich!“ rief Andres.

Er hatte Recht. Als ich daran dachte, was noch zu thun bliebe, war mir’s, als wollten mich die Kräfte verlassen. Der Wein stärkte mich wunderbar. Als ich getrunken hatte, rief Andres von Neuem:

„Die Kluft ist hier noch zu breit; hier kann ich nicht herauf. Gehen Sie noch zwei Klafter aufwärts und schlagen ein neues Loch!“

Ich that, wie er gesagt. Ich suchte die Spalte weiter oberhalb auf – sie beschrieb in ihrem Verlaufe einen Bogen – und stieß durch den Schnee.

„Sehen Sie den Stock?“

„Da ist es recht.“

Und ich arbeitete von Neuem darauf los, diesmal schon mit Erfahrung, so daß, wie ich glaube, in kürzerer Zeit als das erste Mal eine Oeffnung entstand. Ich ging gleich in schräger Richtung hinein, so daß der Rand des Eises freigelegt wurde.

Er fing an zu rufen: „Ist die Oeffnung noch nicht fertig, noch nicht weit genug?“

Er mußte von Neuem den Ort gewechselt haben und wiederum unterhalb der neuentstandenen Oeffnung stehen. Die Stimme klang näher, aber dringend und ängstlich. Meiner Ansicht war sie weit genug, um einen Menschen von gewöhnlichen Proportionen durchschlüpfen zu lassen. Bei seiner Schulterbreite konnten freilich ein paar Zoll mehr in der Weite nichts schaden; aber er befand sich in der höchsten Noth. Vielleicht merkte er, daß seine Kräfte schwanden, oder die Kälte überwältigte ihn.

„Jetzt ist’s gut!“ rief ich und stieß noch eine Schneekante herunter. Das Seil wurde wie vorhin um den Stock gelegt und hinabgelassen.

„So kann ich das Seil nicht fassen,“ rief er, „Sie müssen es mir zuwerfen.“

Ich legte mich flach auf den Schnee und warf das zusammengenommene Seil hinunter in die Kluft, dahin, von wo seine Stimme kam. Er faßte es glücklich und eine Minute später rief er:

„Jetzt ziehen Sie mit allen Kräften!“

Ich hatte mir mit den Absätzen Tritte in den Schnee geschlagen, um nicht auszugleiten, wickelte mir das Seil um die Hände und zog, indem ich mich nach hinten überlegte.

Das war kein lebloser Gegenstand mehr, der unten hing, sondern ein Mann; das merkte ich, indem ich zog. Ruckweise ging es aufwärts, bald so schwer, daß ich glaubte, das Seil müsse reißen, dann wieder leichter; ich merkte, er half. Dabei stöhnte er, wie nur ein Mensch in der höchsten Noth stöhnen kann, und rief immerfort:

„Ziehen Sie mit aller Kraft, ziehen Sie, was Sie können!“

Ich zog; Zoll für Zoll wickelte sich das Seil mir um die Hände, bis sie mit einem unförmlichen Knäuel umsponnen waren. Dann rief ich: „Halt!“ schöpfte einen Augenblick Athem, wickelte ab und zog von Neuem.

So prompt ging es nicht immer. Wenn ich „Halt!“ rief, antwortete er mit erneuertem „Ziehen!“, und ich zog, bis ich an dem Schlaffwerden des Seils merkte, daß er für den Augenblick einen sichern Halt hatte.

Wie lange es so fort ging, kann ich nicht sagen. Immer wieder hing er zwischen Tod und Leben; sein Stöhnen klang lauter, seine Stimme vernehmlicher. Das Seil bestand eine gute Probe; es trug eine schwere Last, glitt über die rauhe Kante des Eises und brach nicht. Ich rührte mich nicht aus der Stelle. Die Möglichkeit, daß jeder Augenblick alle bisherigen Anstrengungen zu nichte machen könne, ließ mich jeden Gedanken an einen günstigen Erfolg von mir abwehren. Das Bewußtsein, zu thun, was ich vermochte, hielt meine Kraft aufrecht.

Jetzt tauchte eine braune Hand aus der Oeffnung empor, jetzt sein Hut und sein Gesicht, mit den Schultern steckte er im Schnee, ich zog – es ging nicht weiter.

„Ich kann nicht heraus,“ schrie er mit erstickter Stimme, „die Oeffnung ist zu enge!“

„Fassen Sie einen Augenblick festen Fuß, Andres, ich erweitere die Oeffnung.“

„Ziehen Sie, ziehen Sie – jetzt lassen Sie nach – helfen Sie mir nur die Hand herausbringen!“

Ich faßte seine rechte Hand, sie war neben der Schulter eingekeilt, und zog – vergeblich; er steckte fest, wie in einem Ringe von Eisen.

„Warten Sie einen Augenblick, ich mache Ihnen Luft.“

Er hatte sich festgestemmt, ich stieß neben der Schulter und der Hand den Schnee locker, der Arme kriegte ein kaltes Schneebad in den offenen Aermel und in den Nacken.

„So nicht,“ rief er, „fassen Sie das Seil und lassen nach!“

Ich stieß den Stock neben mich auf’s Gerathewohl in den Schnee – die Secunden waren zu kostbar – und ließ das Seil ein wenig nach. Er suchte und fand einen Stützpunkt und kauerte sich seitlich unter die Schneedecke. Wiederum faßte ich Stock und Strick zugleich und arbeitete, hier noch eine Schneekante wegzustoßen, und da noch eine. Dann noch ein letzter, langer Zug am Seil – und Anderl lag auf dem Schnee, er war gerettet. – Ich selbst lag auf dem Rücken. Ich streckte ihm die Hand entgegen, er faßte sie und war noch ein lebendiger Mensch. Er lachte und weinte zugleich, wir waren Beide mit unserer Kraft zu Ende.

So lagen wir eine Weile zusammen im Schnee; wir bedurften einer gewissen Zeit, um uns bewußt zu werden, daß die Gefahr nun wirklich überstanden sei, und hatten einander viel zu fragen und zu erzählen. Für’s Erste bemerkte ich, daß ihm der Alpstock fehlte.

[64] „Der ist mir entglitten, als ich den Packen anband,“ sagte er.

„War die Spalte sehr tief?“

„Ich selbst war ungefähr fünfzehn Klaftern tief unten, doch von dem Orte, wo ich stand, ging sie noch sehr tief hinunter und bog dann seitwärts unter das Eis. Wer da hinunterfiel, der war unrettbar verloren.“

„Wie fanden Sie denn einen Halt?“

„Im Sturze sah ich eine vorspringende Schneekante und warf mich darauf, sie brach unter mir. Da warf ich mich auf eine andere, die hielt. So stand ich und stützte mich mit dem Stock an die gegenüberliegende Wand; die Kluft war an der Stelle über eine Klafter breit. Während Sie oben arbeiteten, stieß ich mir mit dem Messer Stufen in die Wand und kam so vorwärts, bis ich unter der neuen Oeffnung stand. Zur letzten Oeffnung ging es beschwerlicher, weil mir der Alpstock fehlte.“

„War es unten hell?“

„Es war weder hell noch dunkel, das Licht fiel durch die Oeffnung herein, unten war Alles blau, die Schneedecke selbst sah grau aus. Als Sie die beiden Oeffnungen machten, wurde es heller.“

„Wie machten Sie es denn, daß Sie beim Hinaufklimmen einen Halt fanden? Ich spürte es, indem ich zog. Hat Ihnen das Seil viel genützt?“

„Ohne das Seil wäre ich nie herausgekommen. Die Kluft war an der Stelle so schmal, daß ich den Rücken anstemmen konnte, und dann waren am Eise Kanten und Vorsprünge, wie sie das herabfließende Wasser leckt. Sie waren aber viel zu hoch übereinander, als daß ich von einem zum andern ohne den Zug des Seiles hätte gelangen können, und dabei so scharf wie Messer.“

Daß Dem so war, davon gaben seine Hände Zeugniß; auch sein linkes Ohr war blutig geschunden, und die Kopfhaut der linken Schläfe blutete an zwei Stellen, doch hatte er sich die letzteren Beschädigungen schon beim Falle zugezogen.

„Warum warteten Sie nicht ab, bis ich die Oeffnung fertig hatte? War es unten sehr kalt?“

„Von unten schien die Oeffnung weit genug zu sein für Drei. Von der Kälte habe ich nichts gefühlt, bis Sie mir den Schnee in den Aermel und in den Nacken schütteten, das war furchtbar kalt.“

Und während er noch sprach, fing er an, sich zu schütteln wie im Fieber, und sagte zähneklappernd: „Hu, wie entsetzlich kalt!“

Er sprang auf und trat hin und her, trank von dem Weine, aber bald sagte er: „Lassen Sie uns gehen, hier werde ich nicht wieder warm.“

„Ja, Andres, wir wollen umkehren.“

„Nein,“ sagte er sehr entschieden, „umkehren thu’ ich nicht. Wir haben ja den größten Theil des Gletschers hinter uns. – Aber Sie müssen mir schon Ihren Stock leihen, beim Vorangehen brauche ich ihn nöthiger.“

Ich gab ihm den Stock, er lud das Gepäck wieder auf und weiter ging es, über die verhängnißvolle Kluft hinweg. Ich habe keinen Blick in ihre Tiefe hinuntergeworfen, es war genug, der furchtbaren Gefahr entronnen zu sein. Noch waren wir in derselben Region, wo sie uns ereilt; und wer gab uns Gewißheit, daß nicht noch weiterhin das Verderben auf uns lauerte?!

Andres prüfte jeden Tritt, wir kamen langsam vorwärts. Für mich war das Gehen auf dem Schnee ohne Stock unangenehm genug, ich trat genau in seine Spuren. Einmal blieb er stehen und sagte: „Ich weiß gar nicht, wie mir ist, ich habe keinen sichern Tritt, in jedem Augenblick ist mir’s, als wiche der Boden unter mir und ich versänke.“

Noch über die letzte, die Bergkluft sprangen wir und hatten dann einen steilen Schneeabhang zu ersteigen, der recht glatt war. Andres mußte mir Stufen treten, so kamen wir glücklich hinan. Oben lag schon Steingerölle, wir erreichten den mit Trümmern bedeckten Felsenhang und waren nach zwanzig Minuten auf der Jochhöhe. Da stand das Bildstöckel, ein kleiner Holzpfeiler mit einem Crucifix. Es ist zum Gedächtniß eines Stubayers errichtet, den der Gletscher verschlungen hat. Andres zog den Hut und verrichtete ein stilles Gebet.

Vor uns lagen die Oetzthaler Alpen in wilder Pracht ausgebreitet, rückwärts schweifte der Blick über die Stubayer, Duxer und Zillerthaler Alpen bis zu den Bergen des Venediger und Glockner. Wir hielten uns indeß nicht lange bei ihrer Betrachtung auf, ein eisiger Wind trieb uns, weiter zu gehen. Vor uns lag noch ein Gletscher, der sich vom Joch gegen Südwesten senkt, kürzer, aber rauher als der eben überschrittene. Da wir schon genug auf Eis gegangen waren, so ließen wir ihn vorderhand links liegen und klommen in dem Felsgestein zu seiner Rechten gegen das Winacher Thal hin abwärts.

Der Weg war rauh und beschwerlich, und doch dünkte er uns leicht und sicher, angesichts der überstandenen Gefahr; der Schwindel blieb mir fern.

Von dem Gletscher, der tief unter uns, von zahllosen Spalten zerrissen, sich zu Thal senkte, erzählte mir Anderl, daß in ihm vor mehreren Jahren ein Geistlicher aus England den Tod gefunden hätte, indem er gegen den Rath des Führers über die trügerische Schneedecke die Abfahrt mit dem Alpstock versuchte. Er brach durch, fiel in eine Spalte und wurde als Leiche wieder herausgezogen.

Wir verließen unsern Felsstock – weiterhin ging er in so jähen Wänden zu Thal, daß ein Hinabklimmen an ihnen unmöglich oder doch äußerst gefährlich schien – und betraten wiederum auf eine kurze Strecke das Eis des Gletschers; nachdem wir dieses passirt, traten uns zwischen den Schollen des Gesteins wiederum die ersten Spuren der Vegetation entgegen, kleine purpurrothe Sternchen auf grauem Moose, die, trotzdem der Boden gefroren war, lustig blühten. Aus der Tiefe winkten uns schon die ersten Repräsentanten des Baumwuchses, verwetterte Lärchen und Arven.

Dann lagerten wir uns auf grüner Matte neben einem Bache und packten die Vorräthe aus. Zuerst kam eine ganze Menge Schnee aus dem Sack, dann die Flaschen – trotz des Sturzes hatte keine einen Sprung bekommen, nur die blaue Schneebrille war in seiner Hosentasche zerbrochen. Wir aßen und tranken angesichts der großartigsten Natur und der überstandenen Gefahr. Dann wurde die Pfeife in Brand gesetzt und im Sonnenschein ein halbes Stündchen geruht. Andres schlief sogar. Aber die Zeit verging und trieb uns zum Aufbruch. Unterhalb unserer Wiese fing ein betretener Steg an, der uns ohne Mühe hinab zu Menschen führte. An einer Stelle war er beengt durch einen alten Bergsturz; große Felsblöcke, wild übereinander geworfen, bildeten von der Höhe zum Thal ein Labyrinth von Höhlungen. Hier blieb Andres plötzlich stehen, als besänne er sich auf Etwas, dann kroch er zwischen die Felsen hinein. Kopfschüttelnd kam er wieder heraus.

„Hier war’s doch,“ sagte er, „hier habe ich vor einem Jahre einen Alpstock versteckt, und nun ist er fort, es muß ihn ein Anderer gefunden haben.“

Wir gingen weiter, aber noch waren es keine zwanzig Schritte, als er von Neuem in einer Höhlung verschwand, und im nächsten Augenblick erhob er ein Triumphgeschrei: „Hier ist er!“ und brachte den Zwillingsbruder des im Gletscher Verlorenen an’s Tageslicht. Eine Stunde später saßen wir im Wirthshause zu Sölden; in der Küche wurde für uns gebraten und gekocht, wir aber tranken für’s Erste einen Grog.

Ein Knecht des Hauses trat herein und begrüßte den Andres als Bekannten.

„Wo bist Du gewesen?“ fragte er ihn, „Du hast ja Blut am Kragen!“

„Ich habe Unglück gehabt, ich bin in den Ferner gefallen.“

„War es tief?“

„Ungefähr fünfzehn Klafter.“

Der Mann stand still und sah eine Weile starr vor sich auf den Boden.

„Der hat auch einmal drunten gelegen,“ sagte Andres.




Am 5. October saß ich in Venedig an der Riva dei Schiavoni, im Kreise liebenswürdiger Reisefreunde, und stärkte mich nach einem am Lido genommenen Seebade durch einen Caffe nero, als mir eine Wiener Zeitung in die Hände kam, in der ich las:

„(Ein Führer in Gefahr.) Wie bedenklich es ist, wenn Touristen Fernerwege, auf denen ein Einbrechen zu befürchten ist, mit nur einem Führer machen, zeigt ein Vorfall etc.“

Ich kannte den Vorfall, es war des Anderl und meine Geschichte.

„Sehen Sie, meine Herren, so kommt man in die Blätter.“

Sie fragten und ich erzählte; als Wahrzeichen dienten mir

[65]
Die Gartenlaube (1872) b 065.jpg

Mephisto vor und hinter den Coulissen.
Originalzeichnung von Ed. Grützner.

meine geschundenen Finger, deren Wunden erst, seitdem ich sie in der Adria badete, eine kräftige Neigung zur Heilung zeigten.

„Das sollten Sie veröffentlichen,“ sagte der Ingenieur aus München.

Und hier, lieber Herr Keil, haben Sie meinen wahrheitsgetreuen Bericht. Auf dem Papier sieht Alles so breit aus, was in der Wirklichkeit unmeßbar kurze Zeit dauerte. Von dem Moment des Einbruchs bis zu Andres’ Rettung verging etwas über eine Stunde, das weiß ich, weil ich zufällig kurz zuvor nach der Uhr gesehen. Sollte ich aus der Erinnerung angeben, wie viel Zeit verflossen sei, während er im Eise lag, ich wüßte nicht zu sagen, ob eine Minute, oder die halbe Ewigkeit.

Dr. L. Siegfried.


[66]
Der pensionirte Schullehrer von Willims.


Die vorjährige „Gartenlaube“ hat in ihrer einundvierzigsten Nummer eine neue Rubrik Schwarzes Brett für die deutsche Volksschule eröffnet und als erstes Stück die Schilderung einer Lehrerwohnung in Ostpreußen gebracht, welche im Aeußern und Innern einem liederlich hergestellten Blockhaus des amerikanischen Urwalds glich, nur daß der Ansiedler sein erstes Nothwohnhaus wenigstens zum Schutz gegen Kälte, Wind und Wetter einzurichten weiß, während dieses Schulhaus bei seinem erbärmlichen Anblick auch noch dieser Wohlthat entbehrte und einer ganzen Lehrerfamilie Gesundheit und Lebensglück kostete. Wir mußten jenen Artikel mit der Bemerkung schließen, daß uns das spätere Schicksal des Lehrers und der Seinigen unbekannt sei.

Unsere Veröffentlichung über dieses allerdings wohl beispiellose Schullehrerelend hat die Aufmerksamkeit da, wo wir es wünschten, und die Theilnahme da, wo wir es erwarteten, bis zur Werkthätigkeit erregt, insofern dem in wahrhaft entsetzlicher Weise körperlich ruinirten Manne von verschiedenen Seiten Unterstützungen zugeflossen sind; und diese halfen ihm wenigstens geistig wieder so weit auf, daß er uns „die Fortsetzung“ seiner Bedrängniß schildern konnte. Davon theilen wir nun das Mittheilbare und so weit als möglich nach den Briefen des Joseph Nowak, so heißt dieser unglückliche Lehrer, wörtlich mit.

Voraus schicken wir noch einige spätere Nachrichten über die Lehrerwohnung. Unsere Beschreibung derselben machte Aufsehen weit und breit, und selbst in der näheren Umgegend von der einer eigenthümlichen Berühmtheit nunmehr unmöglich entgehenden Dorfschaft Willims im Kreise Rössel des Regierungsbezirks Königsberg gab es Ungläubige, die sich an Ort und Stelle begaben, um den Wunderbau in Augenschein zu nehmen. Von solchen Besuchern empfangene Briefe nennen unsere Schilderung in ihren Ausdrücken sehr gelinde. Sie fanden noch Ende Octobers 1870 das Gebäude in demselben Zustand, nur daß der Holzschwamm bereits seine Zerstörungsarbeit an ihm begonnen hatte. Wind und Regen drangen ungehindert durch die Fugen ein und die inneren Wände und der Fußboden standen so voller Pilze, daß der Anblick gar schauderhaft gewesen sein soll.

Was nun den Lehrer Nowak selbst betrifft, so gelangte sein erster herzzerreißender Hülferuf Ende April 1869 an die Redaction der „Gartenlaube“; es wurde ihm sofort eine Summe übermittelt, die ihn in den Stand setzte, sich und Frau und Kinder wieder mit Kleidung und Nahrung zu versorgen. An eine Veröffentlichung seiner Klagen und Anklagen konnten wir nicht sogleich gehen, da wir über die Wahrheit seiner Aussagen durch befreundete Hand in der Nähe seiner Leidensstätte erst sicher gestellt sein mußten. Hatte Nowak doch selbst im ersten und in einem zweiten und dann in mehreren späteren Briefen eingestanden, daß Hunger und Kälte, der Jammer der Seinigen und der Hohn seiner Mitmenschen ihn nicht blos körperlich ganz darniedergebracht haben, sondern daß er zeitweise auch in Geistesverwirrung gefallen sei. Dazu war das von ihm Geschilderte so unerhört, so unglaublich, daß wir mindestens an arge Uebertreibung von Seiten Nowak’s denken durften. Nachdem freilich ein königlicher Baumeister sein Gutachten über den Schulbau abgegeben und Unbetheiligte nach Jahr und Tag denselben noch im gleichen Zustande gefunden, fällt für uns die Ursache weg, in des so schwer Verletzten übrige Angaben Zweifel zu legen. Wir tragen eben deshalb Mehreres, das wir im Artikel „Eine Lehrerwohnung“ noch wegließen, nunmehr getrost hier nach.

Von seinen dreiunddreißig Lehrerdienstjahren hatte Nowak die letzten zwölf in Willims verlebt. Wie bereits bemerkt, stand er mit der ziemlich wohlhabenden Gemeinde auf gutem Fuße, und dasselbe muß mit dem Ortsgeistlichen und Schulinspector der Fall gewesen sein, denn der Lehrer erfreute sich fast jährlich nicht unansehnlicher Remunerationen und sonstiger ehrender Unterstützungen, die ohne das gute Zeugniß seines Vorgesetzten unmöglich gewesen wären. Woher nun der plötzliche Haß und die Verfolgungswuth, die selbst Weib und Kinder des Lehrers nicht schonte? Nowak hat uns darüber allerdings so ausführliche Mittheilungen gemacht, daß sie den Raum einer Broschüre ausfüllen, aber auch zu schweren persönlichen Anschuldigungen führen würden, zu deren Veröffentlichung wir uns um so weniger berechtigt halten, als, wie wir am Schluß dieses Artikels angeben, Nowak die Aussicht eröffnet ist, auf behördlichem Wege seine Unschuld darzuthun, die endlich die Schuld seiner Widersacher von selbst an den Tag bringen muß.

Von leidlichem Wohlstand bis zum Bettelstab ist kein langer Weg, wenn Alles hübsch zusammenhilft, wie gegen den Unglücksmann in Willims. Die dortige Schulstelle gehört zu den guten im Lande, sie ist mit etwas Feldbau ausgestattet, der für Getreide, Kartoffeln und die Nahrung für ein Paar Kühe sorgt. Für Hausrath, Wäsche und Kleider war auch das Nöthige gethan. Die Familie war gesund und konnte zufrieden leben. Dies Alles, dieses ganze bescheidene Glück ging in den beiden Jahren 1867 und 1868 zu Grunde. Als in dem schrecklichen Schulhause das letzte Holz verbrannt war, ging’s an das letzte Geld, und als das zu Ende war, ging’s an das Verkaufen der Habseligkeiten, und als die letzte Kuh verkauft war, deren Milch die Tag und Nacht frierenden Menschen noch aufrecht erhalten hatte, da – ging’s eben an’s Hungern, und als endlich die Pensionirung zu vierzig Thaler jährlich ausgesprochen wurde, war der Bettelmann, die Bettelfamilie auch äußerlich fix und fertig. Nur noch die ältesten Fetzen, die sie auf dem Leibe trugen, hatten sie gerettet, alles Andere hatte die Noth verschlungen.

Nowak schreibt über jene Zeit: „Bei diesem Allen war nun das Schlimmste, daß mir, als ich mit vierzig Thalern pensionirt war, in einem so vernichteten Zustande keine andere Gemeinde Obdach und Wohnung gewähren wollte, alle befürchteten, wir würden ihnen als Ortsarme zur Last fallen. So mußte ich mit den Meinen in Willims bleiben, wo man die Verhöhnung gegen uns soweit trieb, daß man mich als Nachtwächter und Dorfdiener anstellen und meine Familie zum Gänsehüten verwenden wollte. Und wahrlich, so peinigte uns oft der Hunger, daß wir diese Posten übernommen hätten, wenn wir dazu körperlich noch tauglich gewesen wären. Von geheimen Unterstützungen guter Freunde, die sich fürchteten, dies öffentlich zu thun, wurden wir am Leben erhalten, denn es kam Pfingsten herbei, und noch immer war mir von meiner so geringen Pension noch kein Groschen ausgezahlt worden. In dieser Noth schrieb ich damals an die Gartenlaube.

„Am Vortage des Pfingstfestes bestand unser ganzer Speisevorrath in zwei Metzen aus der Handmühle gemahlenen Mehls, keine Kartoffel, kein Stückchen Brod war da! Meine Frau war untröstlich und alle Kinder weinten bitterlich. Da sagte ich zu meiner Frau: ‚Laßt’s nur sein, auch uns wird der heilige Geist trösten, zu Pfingsten werden wir Brod haben. Ich gehe sogleich zum Lehrer B. in L., ich stelle ihm unser trauriges Loos vor und er wird uns helfen.‘ Ich machte mich sogleich auf den langen Weg. Als ich aber todmüde und hungrig in L. ankam, fand ich B. nicht zu Hause und mußte nun mit leeren Händen wieder heimkehren. Wie viel bittere Thränen ich auf dem Heimwege vergossen habe, die sind nur dem Vater im Himmel bewußt, der dafür sie auch reichlich stillte. Als ich Nachts zwölf Uhr nach Hause kam, schlief Alles; ich klopfte daher leise an das Fenster, meine Frau kam eilends, um zu öffnen, und weil ich glaubte, sie eile so aus Freude, um die Gaben zu sehen, die ich mitbringen wollte, rief ich ihr entgegen: ‚Liebe Frau, B. war nicht zu Hause, ich konnt’ ihn nicht abwarten und hab’ also nichts ausgerichtet!‘ Da fiel mir meine Frau um den Hals: ‚Wenn Du auch nichts ausgerichtet hast,‘ rief sie, ‚so hat Gott doch uns zum Pfingstfeste eine ganz andere Freude bereitet, als es dem Lehrer B. möglich gewesen wäre. Da sieh’ nur! fünfundzwanzig Thaler von Leipzig –‘ Als ich das hörte, stürzte ich erst auf meine Kniee nieder und erhob meine Hände zu dem, der es so gut mit uns vorhatte.“

Der Zufall hatte es so freundlich gefügt, daß das Leipziger Geldpaket gerade an diesem Nachmittag dort angekommen war. Nowak benutzte es zugleich, nachdem er sich in Kleidern wieder hergestellt, zu einer Reise nach Königsberg, um bei der Regierung Hülfe zu suchen. Der Gang war diesmal noch vergeblich; Nowak erkrankte sogar in Königsberg am Typhus und konnte nur durch Hülfe des Pestalozzivereins und des vaterländischen Frauenvereins gerettet werden und wieder heim zu den Seinen gelangen. Die Noth brach wieder herein. Er schreibt darüber: „Weil ich zu jedem Broderwerb unfähig gemacht bin, so erlebte ich nun das [67] Aeußerste – ich mußte bei Collegen und Freunden betteln – mit meinen von Frost erstarrten Gliedern oft auf Strohlagern und ohne jegliche Bedeckung liegen, zur Erwärmung meiner Glieder und um mein niedergebeugtes und verzweifeltes Gemüth zum Betteln zu ermuthigen, sogar Schnaps trinken, den ich seit zwanzig Jahren eifrig vermieden hatte. Wenn ich jetzt auf meinen Zustand zurückblicke, so begreife ich selber nicht, daß ich meinen Verstand nicht vollends verloren habe. War doch meine Geistesverwirrung schon so weit, daß ich mir mehrmals das Leben nehmen wollte, und hätte meine standhafte und fromme Frau mich nicht getröstet, wer weiß was geschehen wäre! Als ich schon wieder einigermaßen zu mir gekommen war, erkrankte meine Frau und so heftig, daß nun sie sich und ihren Kindern, die sie so zärtlich liebte, mehrmals das Leben nehmen wollte.“

Um diese Zeit wurden vom Centralverein zur Unterstützung nothleidender Armen auch an ostpreußische Gemeinden nicht unbedeutende Summen abgeliefert, deren Vertheilung den Geistlichen und Schulzen anvertraut ward. In der Liste der Armen hatte auch der pensionirte Lehrer mit seiner Familie eine Stelle gefunden, und da der Pfarrer diese Liste vor der allwöchentlichen Gabenvertheilung stets laut verlas, so erregte dies, so oft die Namen Nowak’s und der Seinen an die Reihe kamen, stets ein höhnisches Gelächter der Anwesenden. Als der Lehrer dem Pfarrer deshalb mit einer Klage beim Bischof von Ermeland drohte, unterließ er diese Verlesung.

„Erst am 2. November 1869“ – schreibt Nowak – „gelang es mir, meine nackte, verkrüppelte, ausgehungerte und obdachlose Familie aus Willims zu erretten und in Graskau, einem Dorfe des Kreises Allenstein, unterzubringen. Dieses Dorf besteht nur aus fünf Wirthen, zwei Eigenkäthnern und fünf Instleuten, fast alle arme Menschen, außer dem Schulzen, der mir manche Gabe zukommen ließ.“ – Von hier aus suchte nun Nowak durch Klage- und Bittschreiben der augenblicklichen Noth zu wehren und für die Aufbesserung seiner Zukunft zu wirken. Es gelang ihm, kaiserliche und königliche Herzen zu rühren und dadurch manche Linderung seiner Lage zu erwerben; dagegen war weder im Berliner Abgeordnetenhaus, in welchem für seine Petition nicht die erforderlichen fünfzehn Stimmen zusammengebracht wurden, noch bei dem „Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten“ etwas Tröstliches auszurichten.

Ein Glück für ihn war es, daß das Dorf Graskau sehr nahe an einem königlichen Forst liegt: in demselben hat sich seine Familie den ganzen Sommer meistentheils von Pilzen und Beeren ernährt, und diese einfache Nahrung und dieses Leben in der gesunden Waldluft bewirkten ohne Zweifel das noch größere zweite Glück, daß die älteste und die jüngste Tochter Nowak’s wieder vollkommen gesund wurden und bei braven Familien in Dienst kommen konnten. „Jetzt bin ich mit meiner Frau und meiner Tochter Marianne, die nie mehr hergestellt werden wird, allein und wohnen bei dem Eigenkäthner H. in einer Stube zusammen, der uns beheizt; für Wohnung und Heizung zahlen wir ihm zehn Thaler. Das ist gewiß bescheiden und doch schon eine große Verbesserung neben dem bisherigen Elend.“

Nach dem Erscheinen unseres Artikels in Nr. 41 nahm das Schicksal der Familie eine andere Wendung. Sowohl bei uns, als bei Nowak direct gingen Unterstützungen mit so warm ausgesprochener Theilnahme für den mißhandelten Lehrer ein, daß dieser auch moralisch sich wieder gehoben fühlte und den Muth gewann, von Neuem den Schutz der Regierung anzurufen. Er schrieb uns darüber: „Wie ich Ihnen am 27. November (vorigen Jahres) aus Bischofsburg meldete, bin ich mit meiner Frau nach Königsberg zum Herrn Oberpräsidenten von Horn gereist und bekam am 29. Audienz. Ich wurde zu Protocoll vernommen und trug darauf an, mich, meine Frau und meine kranke Tochter Marianne in Graskau auf dem Wege des Armengesetzes durch die Gemeinde Willims ernähren zu lassen.“

Vor diesem Satze schütten vielleicht mancher Leser unwillig den Kopf und fragt: „warum dringt der Mann nicht auf Wiedereinsetzung in eine Schulstelle? Warum will er sich beschäftigungslos nur ernähren lassen?“ Darauf lassen wir ihn sogleich selbst antworten. Er schreibt am achtundzwanzigsten December vorigen Jahres, nachdem er, „der Schande des Bettelns entrissen, zum ersten Mal wieder ein frohes Weihnachtsfest begangen“, Folgendes:

„In Folge des für mich so glückbringenden Artikels ist mir laut Beilage die Stelle eines Hülfsschreibers angeboten worden; jedoch habe ich dieselbe dankend ablehnen müssen, weil in Folge des vielen Ungemachs, das ich in diesen Jahren erlitten, meine Kräfte so abgenommen haben, daß ich eine solche Stelle nicht mehr mit der gehörigen Pflichttreue versehen könnte. In dem unbewohnbaren Schulgebäude habe ich neun Zähne ganz verloren, die übrigen sind mir stockig geworden und schmerzen mich nun so, daß ich harte Speisen fast ungekaut verschlucken muß. Außerdem leide ich fast fortwährend an Kopfschmerz, Katarrh, Husten und Gliederfrost; wenn ich eine Anhöhe auch nur langsam ersteige, geht mir der Athem[WS 1] aus, so daß ich fast ersticke. Ich schlafe sehr oft vor Mattigkeit ein, und zu alledem ist nun noch das Uebel hinzugetreten, daß ich an Unvermögen des Harnverhaltens leide, so daß ich also für diese Welt als abgestorben zu betrachten bin.“

Wir haben diesen Satz ohne Scheubedenken abgedruckt, weil nur so, in seiner ganzen Jammergestalt, der arme Mann vor jedem Vorwurf darüber, daß er sich nur noch ernähren lassen wolle, sicher gestellt ist. Dagegen freut es uns, mittheilen zu können, daß trotz des verkrüppelten Körpers der in solcher Weise pensionirte Lehrer das Gefühl der Mannesehre sich bewahrt hat. Als in Königsberg der Herr Oberpräsident ihn nicht nur mit Reisegeld versah und ihm die Zusicherung gab, daß er für ihn sorgen werde, sondern auch es ihm noch freistellte, ein Immediatgesuch an den Kaiser zu richten, ergriff gerade dies Nowak mit besonderer Freudigkeit und hat es nun bereits gethan. „Nicht um Revision der Acten,“ schreibt er, „habe ich Se. Majestät angefleht, sondern nur darum, daß mein früherer guter Local-Schulinspector, Pfarrer H. zu L., mein College B. zu L. und der königliche Baurath M. in Rastenburg vor dem jetzigen Herrn Oberpräsidenten vorgeladen würden, damit ich bei meinen nun wieder hergestellten Geisteskräften durch schlagende Beweise und durch die obigen Zeugen meine Unschuld nachweisen könne.“ – Trotz des tiefen Falls aus leidlichem Wohlstand und geordnetem Familienleben bis zur Bettelarmuth und zur Armenverpflegung des unglücklichen Restes seiner Familie will der Mann wenigstens als pflichtgetreu in seinem Amte dastehen, und das ist brav.

Unser Eintreten für den verfolgten Lehrer hat mit der Schilderung seiner Schulwohnung begonnen; ein Gang zu ihr möge nun auch den Schluß desselben bilden. Nowak konnte es sich nicht versagen, bei seiner Königsberger Reise den Weg über Willims einzuschlagen. Man hatte sein altes Schulgebäude für den neuen Lehrer auf’s Sorgfältigste herausgeputzt und sogar die Tischlerarbeiten zur Blendung mit Oelfarben angestrichen. Dennoch weigerte sich derselbe beharrlich, es zu beziehen, und hatte die Lehrerwohnung zum Schulholzstall degradirt. Für ihn selbst mußte die beste und gesundeste Wohnung im Dorfe gemiethet werden. In diesem Frühjahr wird ein neues Schulhaus massiv aufgerichtet und Nowak’s Leidensbaracke zu einem Schulhaus-Wirthschaftsgebäude umgewandelt.

Fr. Hfm.




Blätter und Blüthen.


Die Tractätchen-Journale und ihr neues Jerusalem. Zu den mancherlei erbaulichen Dingen, welche im Lager des Muckerthums mit ganz besonderem Eifer gepflegt werden, gehört seit längerer Zeit auch eine Wiederaufrichtung des sogenannten Chiliasmus, was zu Deutsch nichts Anderes sagen will, als die wirkliche Erwartung des Gottesreiches mit dem sichtbaren Wiedererscheinen Christi und jenem neuen Jerusalem, das sich alsdann (nach Offenb. Joh. 21, 16) auf die Erde herabsenken und alle lebenden und jemals verstorbenen Frommen zu einem tausendjährigen Dasein voll ungetrübtester Befriedigung und irdisch-himmlischer Wonne in sich aufnehmen soll. Wenn es jetzt manchen frommen und geistlichen Herren Vergnügen macht, den Kinderglauben an die buchstäbliche Erfüllung solcher Wunderverheißungen im Kreise ihrer Getreuen zu verbreiten, so wird sich dagegen leider direct nichts ausrichten lassen. Etwas Anderes aber ist es mit einem Wirken durch die Presse, wenn uns hier die vermessensten Widersinnigkeiten und die emsige Gier, sie zu verbreiten, mit herausfordernder Deutlichkeit unter die Augen treten. Hier hätte es längst an einer kräftigen und planmäßigen Gegenwirkung zum Schutze unwissender und urtheilsschwacher Leser nicht fehlen dürfen, und dieselbe hätte sich nicht allein wider den mystisch-süßlichen Blödsinn der zahllos von den frommen Vereinen colportirten Tractätchen, sondern vor Allem auch wider die vielen sogar oft politischen Wochen- und Tagesblättchen wenden sollen, welche in den verschiedensten Winkeln unseres Vaterlandes dem Sumpf- und Moderboden [68] des unzurechnungsfähigen Pietismus entsprießen. Was in dieser obscuren Missions-Presse im allerabgeschmacktesten und geistlosesten Kauderwelsch dieser Partei fort und fort hinter dem Rücken der großen Oeffentlichkeit erzählt und gepredigt, gebetet und gehetzt, gelobt, getadelt und an haarsträubender Verschrobenheit und bildungsfeindlicher Inhumanität im Tone winselnder Dummdreistigkeit zu Markte getragen wird, sollte nicht übersehen, es müßte wenigstens von Zeit zu Zeit durch eine kurze Blumenlese von Auszügen der Beachtung der Gebildeten nahe gelegt werden. Vielleicht geben wir durch die nachfolgende kleine Mittheilung einen Anstoß dazu.

Vor uns liegen ein paar Nummern vom „Stader Sonntagsblatt“. Das Blättchen soll sich einer ziemlichen Verbreitung erfreuen, obgleich es einen durchaus hochorthodoxen Charakter trägt, so fromm und ernsthaft, daß es die Aufmerksamkeit seiner Leser selbst in einer ihrer Unterhaltung gewidmeten Rubrik nur auf hohe und heilige Dinge lenkt. Statt der profanen Räthsel und Charaden unheiliger Volksblätter bringt es „Biblische Räthselfragen“, an denen sich die Bibelfestigkeit, wie z. B. an der folgenden Aufgabe erproben soll: „Welcher Mann ist von einem Nachkommen, der ihn im Leben nie gesehen, als Vater angeredet worden?“ (Antwort: Abraham, Luc. 16, 24.) Ferner: „Wie hieß der Mann, der in einem lebendigen Sarge lag und in seinem Grabe am Leben blieb?“ (Antwort: Jonas.) Doch das sind so kleine Harmlosigkeiten des pietistischen Geschmacks, auf die es uns hier nicht ankommt. Ernster aber steht es mit einer weiteren Frage. Sie lautet: „Wenn das neue Jerusalem eine Stadt ist von 256 deutschen Meilen Länge, eben so viel Breite und eben so viel Höhe, und jeder seiner Bewohner hat einen Raum von 10 Kubikruthen, deren 2000 auf eine deutsche Kubikmeile gehen, wie viele Menschen haben dann in dieser Stadt Platz?“ Darauf ertheilt das Sonntagsblatt die Antwort: „Es haben nach dieser Berechnung 3,355,443,200 Menschen im neuen Jerusalem Platz und zwar so viel Platz, daß Jeder auch noch einige Freunde aufnehmen kann in die ewigen Hütten!“

Man sieht, wie eifrig diesem Pietistenwesen die schöne Aussicht auf die Freuden des zukünftigen Wunder-Jerusalem im Kopfe spukt! Ein Leser ist sogar von der Antwort der Redaction noch nicht befriedigt gewesen; seine mystische Phantasie hat sich ein viel günstigeres Raumverhältniß herausgedüftelt, und er meint in einer fernern Nummer, daß nach jener Berechnung, das „himmlische Jerusalem“ fast allein von den zur Zeit gerade lebenden Menschen gefüllt sein würde. „Wo sollten dann aber“ – so schreibt er wörtlich – „die vielen Millionen der früheren Jahrtausende Platz finden? Petrus würde ihnen nicht die Thore öffnen dürfen, weil es ihm an Platz fehlen würde. Einsender dieses rechnet aber die Größe des himmlischen Jerusalem, nach menschlichen Begriffen, anders. Die 12,000 Feldwege betragen nach ‚Gerlach‘ und den ‚Biblischen Alterthümern vom Calwer Verein‘ ungefähr 375 Meilen. Kubiren wir diese, so bekommen wir für das himmlische Jerusalem 52,734,375 Kubikmeilen. Eine Meile gleich 1587½ laufende Ruthen, das giebt für die Kubikmeile über 4000 Millionen Kubikruthen. Wenn nun für einen Menschen 10 Kubikruthen Raum erforderlich wären, so könnten in jeder Kubikmeile 400 Millionen Menschen wohnen und im ganzen himmlischen Jerusalem somit 21,093:750,000,000,000. ‚In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!‘“ So druckt’s das protestantische „Stader Sonntagsblatt“ zur Erbauung und Belehrung heutiger Leser und würde gewiß selber entschieden der Annahme widersprechen, daß es etwa scherzhaft gemeinte Spielerei mit solchen ihm heiligen Dingen treibt. Möge man aber allem derartigen Kram der Frömmler nicht blos den Werth einer komischen Selbstcharakteristik beimessen. Er hat an gewissen Stellen seinen Einfluß und zwar einen recht verderblichen.




Bitte für einen Unglücklichen. Man schreibt uns aus Syra in Griechenland: „Der Gartenlaube ist es schon mehrere Male gelungen, verlorengeglaubte Söhne ihren Eltern zurückzugeben; sollte es nicht möglich sein, auch im nachfolgenden Falle einem Unglücklichen durch die Gartenlaube zu den Seinigen zu verhelfen?

Zufällig kam mir vor ein paar Tagen zu Ohren, daß im Dorfe Wari, das etwa anderthalbe Stunde von Syra entfernt ist, sich seit Jahren ein höchst mysteriöser Geisteskranker aufhalte, von dem Niemand mit Bestimmtheit wisse, wie er nach Syra gekommen sei, und den man für einen Dänen halte. Ich ritt deshalb heute von ein paar Freunden begleitet nach Wari, um mich nach dem Manne umzusehen und ihm womöglich nützlich zu sein. Die Leute wollten wissen, er hätte vor Jahren Schiffbruch gelitten, sei von einem Schiffe im Meere aufgefischt und hier an’s Land gesetzt worden. Er spreche, sagte man mir, mit Niemand, thue Niemand etwas zu leide, schlafe bei der größten Kälte auf bloßer Erde in einer verlassenen fenster- und thürlosen Hütte und nehme von Niemand Almosen an, als täglich ein wenig Brod und Käse und nur immer gerade so viel, als er brauche, um sich nothdürftig zu sättigen. Die Leute sprachen alle mit der größten Theilnahme von ihm. Ein Bursche wies uns seine Hütte, wenn sie diesen Namen verdient, und wir ritten mit einiger Gefahr für die Beine unserer Pferde dorthin, fanden ihn aber nicht.

Erst nach langem Herumsuchen sah ich in der Ferne eine Gestalt, ganz in grobe Lumpen gekleidet, die mir der Bursche, der uns begleitete, als den Gesuchten bezeichnete. Ich stieg vom Pferd und ging ihm entgegen. Sobald ich ihm begegnete, sprach ich ihn auf Deutsch an und, nachdem er mich einen Moment betroffen gemustert hatte, antwortete er mir im perfectesten Deutsch. Seine Reden waren oft wirre. Geld und Kleider wollte er durchaus nicht von mir annehmen, meinen Antrag mich in die Stadt zu begleiten wies er entschieden und etwas mißtrauisch ab. Was ich aus ihm herausbringen konnte, ist, daß er Protestant sei, Heinrich Rose heiße und aus Kiel stamme. Sein Vater heiße Heinrich Ludwig Rose. Etwas aus seinem Leben und seinen Verhältnissen zu erfahren, war absolut unmöglich. Ich schätze den Mann auf etwa fünfundvierzig Jahre, obgleich er schon sehr graues Haar hat. Seine Sprache und seine Physiognomie weisen auf den Mann der gebildeten Stände. Er scheint sehr religiös zu sein und bittere Klagen gegen den verstorbenen Prinzen Albert, Gemahl der Königin von England, zu haben. Weßwegen, sagte er nicht.

Sollten in Kiel nicht noch Verwandte des Herrn Rose leben, die sich für diesen Unglücklichen, den sie gewiß längst als todt betrauern, interessiren?

Ich werde schon heute die nöthigen Schritte bei der deutschen Gesandtschaft in Athen veranlassen und hoffe, daß auch die Gartenlaube in ihrer bekannten Humanität und bei den ihr gegebenen Mitteln Nachforschungen anstellen wird. Handelt es sich doch um das Geschick eines unglücklichen Landsmanns.

Konst. Haesslin, königl. griech. Richter.“




Ein Nachtrag. In Folge mehrerer an uns gerichteter Anfragen theilen wir heute nachträglich noch mit, daß der Bau des in Nr. 47 der „Gartenlaube“ v. J. geschilderten Sternwartengebäudes in Bothkamp dem Zimmermeister J. Ellerbroch daselbst übertragen war, der, obgleich er noch nie Gelegenheit gehabt hatte, einen derartigen Bau auszuführen, allen gestellten Anforderungen auf das Vollständigste gerecht wurde. Es gelang ihm, wie der Verfasser des angeführten Artikels sagt, in Bezug auf die innere Einrichtung der Sternwarte eine gewisse Eleganz mit größter Zweckmäßigkeit zu verbinden und somit seine Aufgabe zur allgemeinsten Zufriedenheit zu lösen. – Bei dieser Gelegenheit mag noch bemerkt werden, daß in dem nämlichen Artikel auf Seite 790 in der zweiten Spalte, Zeile 50 von oben, „tausend“ statt „hundert“ zu lesen ist.




Für Ludwig Feuerbach.


gingen ein: Ein alter Spießbürger aus Krähwinkel (Berlin) 100 Thlr. in einer Berlin–Hamburger Eisenbahn-Priorität: Gott schenke der deutschen Nation viele solcher Spießbürger; Schoeler in Czerwinsk 5 Thlr.; F. v. M. in Hanau 5 Thlr.; W. in Rheinsberg 3 Thlr.; M. J. aus E. 5 Thlr.; H. G. S. in Lengefeld 1 Thlr.; aus Eisenach 2 Thlr.; dem Vorkämpfer für wahre echte Religion, d. h. die Liebe (aus Jena) 5 Thlr.; C. H. Meyer in Geestschacht 3 Thlr.; R. M. in O. 8 Thlr.; R. Z. 2 Thlr.; Sammlung bei Aug. Rötger in Neustadt (Cöln) 3 Thlr. 10 Ngr.; Koch in Augsburg 10 Thlr.; P. u. D. in Osnabrück 6 Thlr.; A. H. in Lübeck 2 Thlr.; D. W. in U. 1 Thlr.; Weintrop in Gladbach 2 Thlr.; ein deutsches Mädchen: Meine Jugend war nur Weinen etc. 2 Thlr.; F. Monke in Breslau 2 Thlr.; aus Elster 2 Thlr.; Fiedler in Neusalz 1 Thlr.; F. C. in Moelln 1 Thlr.; J. Kühne in Pisseck 10 Ngr. und G. Köppel in Bobenneukirchen 1 Thlr.; vom König der Thüringer Berge 5 Thlr.; Helene und Minna in Hamburg 30 Thlr.; R. J. in Rötgen 1 Thlr.; N. N. in Münster 1 Thlr.; Heinsius in Coburg 5 Thlr. 21 Ngr. 4 Pf.; Paul Jordan in Hamburg 10 Thlr.; J. S. 2 Thlr.; H. E. in Göttingen 1 Thlr.; Dr. Solger in Berlin 3 Thlr.; G. Keil in Halle 1 Thlr.; durch Langheim u. Comp. in Zittau 1 Thlr. 15 Ngr.; G. Koppa in Dresden 5 Thlr.; Adolf Samter in Königsberg 10 Thlr.; H. u. L. S. in Zwickau 1 Thlr.; Von einem Excommunicirten aus Limburg 2 Thlr.; P. S. in Zittau 1 Thlr.; E. L. in H. 1 Thlr.; K. B. in Merseburg 5 Thlr.; Dr. Max Huppert u. Schlobach in Colditz 2 Thlr.; Dr. Meißner in Eilenburg 10 Thlr.; M. M. in Leipzig 1 Thlr.; R. B. in Leipzig 1 Thlr.; Musketier R. im 76. Inf.-Regiment zur Erinnerung an die vorjährigen Januartage bei Le Mans 1 Thlr; Dr. Jacobson in Berlin 50 Thlr.; Prim. Richter in Frankfurt 10 Ngr.; R. v. E. in Wien 1 Thlr; von H. C. Steinhagen und einigen Theilnehmern in Eutin 8 Thlr.; aus Dresden 2 Thlr.; C. B. in Kötzschenbroda 5 Thlr.; Gymnas. E. W. in Berlin 15 Ngr. mit folgenden Worten:

Dem Kämpfer für die rechte Freiheit,
Dem „Mann mit hellem klaren! Geist“,
Der uns mit „unbefang’nem Auge“
Den Weg zum ewig Wahren weist; –

Den, da er über das erhaben,
Was sogenannte Christen trennt,
Mit Freude und mit ganzem Rechte
Man einen wahren Christen nennt, – – –

Ihm weih’ ich dies geringe Scherflein;
So klein es ist – Sie nehmen’s an!
Sie denken an das deutsche Sprüchwort:
„Ein Lump, der mehr giebt, als er kann!“

Candidat Fr. Schäffer in Solnhofen 2 Thlr.; G. T. in Beuthen 1 Thlr.; aus Fürstenroda 3 Thlr.; v. E. in R. 1 Thlr.; H. Kramer in Kirchberg 3 Thlr.

Wir können mit Genugthuung auf diesen Anfang zur Begründung eines „Nationaldankes für Ludwig Feuerbach“ blicken, zumal wenn wir den Umstand nicht aus den Augen lassen, daß das philosophische Publicum, das aus den Schriften desselben direct seine Begeisterung für ihn zu schöpfen vermöchte, ein nicht eben zahlreiches ist. Dagegen ist in weiten Kreisen anerkannt, was der Philosoph als Publicist gewirkt. Mit Recht sagt ein „Aufruf“ eines „Ausschusses in London“, dem u. A. Karl Blind, Arnold Ruge, Max Schlesinger, Heinrich Simon u. A. angehören: „Viele Jahre hindurch trug er die Leuchte des Gedankens voran. Wenn heute der einst gefangen gehaltene Sinn der Menschheit auf immer weitere Gebiete der Erkenntniß geführt, zu immer lichteren Anschauungen emporgehoben wird, so kommt ein nicht geringer Theil des Verdienstes dem scharfen Kritiker zu, vor dessen mächtigem Worte schwere Fesseln in Staub zusammenfielen. Er darf im schönsten Sinne ein Befreier, ein Pfadfinder der neueren Weltanschauung genannt werden.“ – Und an die Redaction der Gartenlaube direct fügt A. Ruge Dem hinzu: „Alles dies verdient unsere wärmste Dankbarkeit für den großen und guten Mann, der seine Arbeit mit seinem Gehirn bezahlen muß, und es wäre eine Schande, wenn die Nation sich ihrer Befreier nicht dankbar annähme. Hier heißt es: Deutschland zu deinen Hütten! Und zeige den Feinden deiner Entwickelung, wie du denkst“

Redaction der Gartenlaube.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Der Dichter ist der einundachtzigjährige Vater unsers Berthold Sigismund, dieses so früh uns entrissenen „Sohn Thüringens“, dem die „Gartenlaube“ von 1865 ein Denkmal in Bild und Wort gesetzt hat. Der alte Herr lebt seit 1828 in Blankenburg an der Pforte des Schwarzathals.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Athe.