Die Gartenlaube (1872)/Heft 48

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[781]

No. 48.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Was die Schwalbe sang.


Von Friedrich Spielhagen.


(Fortsetzung.)


27.


Sie gingen rasch auf den Hof zu, der alte Boslaf mit langen gleichmäßigen Schritten immer voran, den Blick jetzt auf den Boden gesenkt, jetzt scharf in die Dämmerung hineinlugend; aber er sprach kein Wort, und Gotthold fragte nicht. Dennoch wußte er, ehe man den Hof erreichte – aus einzelnen Bemerkungen der anderen Männer, – daß, als sich gegen Mittag unter den Leuten das Gerücht verbreitete, die Frau und das Kind seien verschwunden – seit dem Morgen, vielleicht schon seit gestern Abend – sogleich die Rede ging, daß sie sich dann das Leben genommen habe. Es hatte es Keiner zuerst, es hatten es eben Alle zugleich gesagt, und daß Einer nach Vetter Boslaf laufen müsse. Vetter Boslaf war denn auch alsbald gekommen – die alte langschäftige Büchse auf der Schulter – und hatte die Leute eingetheilt: Statthalter Möller mit dem einen Trupp über die Felder in den Strandwald, Schmied Prebrow, den man abgeholt, mit dem andern die Haide aufwärts nach den Schanzenbergen, Vetter Boslaf selbst mit dem Rest die Haide abwärts auf das Moor; nun wollten sie Alle auf dem Hof wieder zusammentreffen. Vor zwei Stunden – sie waren noch weiter unten auf dem Moor, es nebelte aber noch nicht so stark, – hätten sie Herrn Brandow zurückkommen und bald wieder wegfahren sehen. Er habe auch gut daran gethan, denn die Leute hätten unter sich ausgemacht, daß der Mörder nicht lebendig wieder vom Hofe solle; an Hinrich Scheel sei nichts gelegen, der sei so schlecht gewesen, wie er selber; aber Frau und Kind – das sei zu arg, und sie Alle hätten ja auch immer gesagt, daß es noch einmal so kommen würde.

Sie hatten es Alle gesagt und hatten es so kommen lassen! Sie hatten es ja nicht verhindern können; aber er! Gotthold meinte, das Herz müsse ihm springen vor Scham und Gram.

Man gelangte auf den Hof, in demselben Moment fast mit den beiden andern Trupps. Sie hätten das ihnen zugewiesene Terrain sorgfältig abgesucht, und nichts gefunden, keine kleinste Spur. Was nun geschehen solle?

Es konnte wenig mehr geschehen. Zwar der Nebel war vorübergezogen, aber die Dämmerung bereits stark hereingebrochen; in einer halben Stunde, höchstens einer Stunde mußte es Nacht sein. Auch waren die Leute, die seit Mittag ununterbrochen in Gestrüpp und Wald, Sturzacker und Moor auf den Beinen waren, sichtlich ermüdet und erschöpft, dennoch waren sie gern bereit, auch noch den Wald nach Dahlitz zu durchsuchen, sobald sie das Vesperbrod verzehrt, das Vetter Boslaf hatte vor das Haus schaffen lassen. Vetter Boslaf aß nichts, trank nichts; er stand, die Arme verschränkt, an den Stamm einer der beiden alten Linden gelehnt und wartete geduldig, bis die Leute wieder bereit sein würden, ihm sein Urenkelkind, die letzte aus seinem Geschlecht, suchen zu helfen, auf dem Grund der Mergelgruben, in der Tiefe der Waldschluchten, oder wohin sie sich sonst geflüchtet, um mit ihrem Kinde zu sterben.

Gotthold war in das Haus getreten, um sich nach Mine umzusehen, einem guten, noch ganz jungen Mädchen, die er manchmal mit Gretchen hatte spielen sehen und die Cäcilien sehr ergeben schien; vielleicht daß er von ihr irgend etwas erfahren konnte, was einen Anhalt gab. Er fand die Kleine in der Küche, wo sie, mit verweinten Augen, der Ausgeberin Butterbrode für die Leute hatte zubereiten helfen. Sie ließ, als sie Gotthold ansichtig wurde, mit einem Freudenschrei das Messer fallen und kam auf ihn zugelaufen; Gotthold hieß sie mit ihm gehen.

Das gute Kind konnte anfangs vor Weinen kaum sprechen. Die Frau sei immer so traurig gewesen in den letzten Wochen, noch viel trauriger als sonst; sie habe beinahe gar nicht mehr gesprochen, kaum noch mit Gretchen, welche sie nie von der Hand gelassen, und mit ihr nur das Allernöthigste. Gestern sei sie noch bis spät in den Abend draußen gewesen, ohne Gretchen, und als sie zurückgekommen, habe sie so bleich und erschöpft ausgesehen, und mit den Augen hätte sie so starr vor sich hingeblickt; aber sie habe sich nicht zu Bett legen wollen, sondern darauf bestanden, daß sie zu ihrer Mutter nach Neuenhof gehe, die das böse Wesen wieder so arg gehabt, und hinzugefügt, daß sie vor Mittag nicht wiederzukommen brauche, und da sei die Frau ja schon wer weiß wie lange fortgewesen. Die Rieke habe es sicher längst gewußt, aber sie habe aus Furcht vor den andern Leuten nichts gesagt, und sich oben versteckt gehalten, bis der Herr zurückgekommen. Der habe sie anfangs arg ausgescholten und mit der Reitpeitsche nach ihr geschlagen; da habe die Rieke geheult und geschrieen, sie wolle es dem Herrn eintränken, und so schlimme Reden geführt, und zuletzt habe sie der Herr in der Kutsche mitgenommen; und ihre liebe, gute Frau habe zu Fuß hinaus gemußt aus dem Hause in tiefer finsterer Nacht, und das liebe, süße Gretchen habe nicht einmal die neuen [782] Stiefeln angehabt, denn sie seien in den Schrank geschlossen gewesen und sie habe ja die Schlüssel in der Tasche gehabt.

Die Kleine fing wieder an zu weinen; Gotthold sagte ihr ein paar Worte, die tröstlich sein sollten, und mußte sich dann abwenden, da der eigne Schmerz ihn zu überwältigen drohte. Das weinende Mädchen hatte ihn so an die sonnigen Tage erinnert, wenn er Cäcilien im Garten aufsuchte und Gretchen zwischen den Blumenbeeten spielte.

Als er wieder vor das Haus trat, waren die Leute mit ihrem Imbiß fertig und bereit abzumarschiren. Schmied Prebrow sollte links, der Statthalter rechts vom Dahlitzer Wege den Wald absuchen; Vetter Boslaf selbst wollte auf dem Wege bleiben. Man brach schon auf, als Gotthold’s Wagen in den Hof schwankte; die Feder war nun vollends gebrochen und von dem einen Rad ging der Reifen los. Vetter Boslaf fragte den Statthalter, ob der alte Wagen von Herrn Wenhof noch da und im Stande sei. Der Wagen war da, konnte in Stand gebracht werden. Dann sollte Clas Prebrow ihn zurecht machen, ein Paar frische Pferde vorlegen und nachkommen. Gotthold blickte den Alten fragend an.

„Ich suche, bis ich sie finde,“ sagte der Alte, den Riemen der Büchse höher auf die Schulter rückend, „und ich werde sie finden – lebendig oder todt; in beiden Fällen werden wir den Wagen brauchen.“

Man kam an den Wald; die Männer hatten sich schon nach rechts und links ausgebreitet und drangen nun hinein.

„Ich bleibe auf dem Wege,“ sagte Vetter Boslaf zu Gotthold, als sie jetzt nebeneinander dahinschritten; „ich kann mich auf meine alten Augen verlassen und ich glaube jetzt fast, sie hat diesen Weg genommen. Sie kam hier am schnellsten in den Wald und gleich hinter dem Walde, auf der Brache rechts ist die große Mergelgrube. Als sie ein Kind war, ertränkte sich eine arme Dirn darin, die ihr Neugeborenes umgebracht hatte.“

Der Alte veränderte den langen gleichmäßigen Schritt nicht, während er so sprach und seine scharfen Augen den in tiefe Furchen zerwühlten Weg absuchten oder über die Büsche und Baumstämme an den Seiten schweiften, zwischen denen – hier in der Tiefe des Waldes – die Nacht bereits finster hervorblickte. Die Leute im Walde riefen sich einander zu, um Fühlung zu behalten; manchmal wurde einer von den Hunden, die man mitgenommen, laut, dann war wieder für einen Moment Alles still; nur der Wind sauste in den mächtigen Kronen und schüttelte die Regentropfen prasselnd durch die Blätter. Dann stand der Alte wohl und horchte und ging weiter, wenn er sich überzeugt, daß die Männer noch Linie hielten und nichts Besonderes sich ereignet hatte.

So kamen sie an den Ausgang des Waldes, dessen dunkler Saum sich nach beiden Seiten endlos in die Dämmerung hinausstreckte. Von den Leuten, die sich nur langsamer durch das Unterholz hatten arbeiten können, war noch keiner zu sehen; Vetter Boslaf deutete nach rechts, wo ein Stück abseits vom Wege auf der Brache ein runder Fleck sich von dem dunkleren Terrain auszeichnete; es war die Mergelgrube, welche der endlose Regen der letzten Tage fast bis an den Rand gefüllt hatte.

Sie gingen über den Wegrain auf die Brache; der Alte schritt wieder voran, aber langsamer als zuvor und er hatte das Haupt tiefer gesenkt, als wollte er jedes Hälmchen des kurzen nassen Grases zählen. Plötzlich blieb er stehen: „Hier!“

Er deutete auf den nassen Boden, in welchem sich, wie auch Gotthold jetzt bemerkte, Fußspuren eingedrückt hatten, eine größere, neben der eine kleinere herlief. Die Spuren kamen vom Wege, den sie eben verlassen, aber waren schon näher dem Walde abgegangen, und liefen auf die Mergelgrube zu, und sie waren unter einem halben rechten Winkel darauf gestoßen. Der alte Jäger und der junge Mann blickten einander an; keiner sprach ein Wort; sie wußten, daß die Entscheidung jetzt gekommen war.

Langsam, vorsichtig folgten sie der Spur, die gleichmäßig vor ihnen fortlief immer auf die Mergelgrube zu, auf deren Wasserfläche sie bereits deutlich die kleinen Furchen sahen, die der rauhe Wind plätschernd gegen den steilen Rand trieb. Nur noch fünfzig Schritte vielleicht, dann war es entschieden.

Gotthold’s starrer Blick war auf das schauderhafte Wasser geheftet, das unheimlich im letzten schwachen Lichte des Abends blinkte; er sah sie am Rande stehen, das Kind an der Hand, hineinstarren –

Die eine Hand des Alten lag auf seiner Schulter, mit der andern deutete er hinab. „Sie hat die Kleine hier auf den Arm genommen.“

Es war nur eine Spur, die größere, und die Spur war tiefer eingedrückt – fünf, zehn, fünfzehn Schritte –

„Steh!“

Der Alte hatte es gerufen und sich, in demselben Moment mit der Hand rückwärts winkend, auf beide Kniee niedergelassen. Die Spur war zertreten, als hätte sie ein paar unentschlossene Schritte hinüber, herüber gemacht, und dann lief die Spur deutlich weiter, aber parallel mit dem Rande der Mergelgrube, und dann wandte sie sich entschieden in der Richtung nach dem Wege zurück und blieb in der Richtung bis an den Rain, von dessen scharfem Rande, als sie mit ihrer Last hinüber auf den Weg schritt, ein Stückchen Rasen abgestoßen war.

Die Beiden standen wieder auf dem Wege; Gotthold war, als ob der Boden unter ihm schwankte; er warf sich an die Brust des alten Mannes, der ihn fest umschlungen hielt.

„Wir dürfen jetzt hoffen, lieber Sohn; aber wir sind noch nicht am Ende.“

„Ich will Alles tragen und wagen, so lange ich noch hoffen darf,“ rief Gotthold, sich aus den Armen des Greises aufrichtend.

Aus dem finstern Walde hervor kamen jetzt einzeln und paarweise dunkle Männergestalten auf die Stelle zu, wo die Beiden standen. Sie hatten nichts gefunden; der Statthalter Möller fragte, ob sie nun noch die Mergelgrube durchsuchen wollten; mehr würden sie heute wohl nicht mehr können; es sei zu dunkel geworden und die Leute todtmüde.

„Aber wenn Herr Wenhof will, wollen wir auch noch,“ sagte Statthalter Möller; „nicht wahr, Leute?“

„Ja, dann wollen wir auch noch,“ erwiderten sie im Chor.

„Ich danke Euch,“ sagte Vetter Boslaf; „Ihr könnt nun nicht mehr helfen; ich will mit dem Herrn hier allein weiter, sobald Clas Prebrow mit dem Wagen kommt, und ich habe jetzt Hoffnung, daß ich mein Urenkelkind am Leben wiederfinde.“

Die Stimme des Alten zitterte, als er die letzten Worte sprach, die Leute blickten ihn verwundert an.

„Ja, mein Urenkelkind,“ hub der Alte wieder an, und seine Stimme war jetzt stark und hatte einen eigenthümlich tiefen, feierlichen Klang; „denn das ist sie – mein und Ulrikens, der Gattin von Adolf Wenhof, Urenkelkind. Ihr habt heute so treu zu mir gestanden, und da kann ich nicht anders, als Euch die Wahrheit sagen. Es lebt Niemand, dem dadurch ein Leids geschieht, aber Euch kann es gut thun, zu wissen, daß man immer die Wahrheit sagen muß, daß ein alter neunzigjähriger Mann sie noch sagen muß, aus keinem andern Grunde, als weil es die Wahrheit ist. Und nun geht nach Hause, Kinder; und laßt Euch nicht verleiten, Rache zu nehmen an Dem, der mein Kind von Haus und Hof getrieben; und laßt auch nicht Euren Zorn an Haus und Hof aus. Es haben bessere Männer vor ihm da gewohnt, und werden nach ihm bessere Männer wohnen; und nun noch einmal: ich danke Euch, Kinder!“

Die Leute hatten schweigend zugehört; Einer und der Andere hatte die Mütze abgenommen; sie wußten nicht recht warum; und als der alte Mann mit Gotthold in die Kutsche stieg, die unterdessen still herangekommen, standen sie Alle mit entblößtem Kopfe herum, und als die Kutsche sich in Bewegung gesetzt und sie selbst den Heimweg antraten, dauerte es lange, bis Einer ein lautes Wort zu sprechen wußte.

Die Kutsche aber fuhr in den dunkeln Abend hinein in der Richtung nach dem Stranddorfe Ralow. Es war ein lieblicher Weg an einem Sommerabende, und Cäcilie war gern mit dem Kinde hier promenirt. Gotthold hatte gemeint, sie wollten diesen Weg nehmen; der Alte war es zufrieden gewesen. „Jetzt kommst Du an die Reihe,“ sagte er. „Wir suchten eine Todte, dazu taugt ein alter Mann; jetzt suchen wir Eine, die lebt, dazu mag ein junges Blut geeigneter sein.“




28.


Zwei Tage später stand des Morgens nach dem zweiten Frühstück vor der Thür seines Hauses Jochen Prebrow und blickte durch ein langes Teleskop, das er mit der linken Hand [783] an die Flaggenstange gedrückt hielt, die vor dem Hause hoch auf dem Sande aufragte, in das Meer hinaus. Man konnte den guten Jochen oft in genau derselben Stellung und Beschäftigung finden. Nicht als ob er auf dem Meere irgend etwas Besonderes gesucht oder zu entdecken gehofft hätte; aber in müßigen Momenten war das Teleskop, welches für gewöhnlich dicht an der Hausthür, im Schutze des weit vorspringenden Daches, auf zwei krummen Riegeln ruhte, eine vortreffliche Unterhaltung, wenn es auch, wie in diesem Augenblicke, schlechterdings nichts Anderes auf dem Meere zu sehen gab, als im Morgenwind lustig tanzende, hier und da schaumgekrönte Wellen.

Aber heute sah der gute Jochen auch nicht einmal die schaumgekrönten Wellen; er sah eben gar nichts; dennoch hatte sein breites Gesicht, als er nach fünf Minuten das Teleskop absetzte und zusammenschob, einen so sorgenvollen Ausdruck, als habe er ein Vollschiff beobachtet, das bei starkem Nordoststurm aus den Wiessower Haken trieb, und sein Nachbar, der Lootsencommandeur Bonsak, habe gesagt, das Schiff sei nicht mehr zu retten.

Und denselben sorgenvollen Ausdruck hatte das volle Gesicht seiner Stine, die eben in der Hausthür erschien und, die beiden sonst so geschäftigen Hände müßig unter der Schürze, in den blauen, mit weißen, glänzenden Wolken bestreuten Morgenhimmel zu starren begann, ohne ihren Jochen, der sechs Schritte vor ihr stand, auch nur zu bemerken.

„Nein, nein!“ seufzte Stine.

„Ja, ja!“ sagte Jochen.

„Jochen, wie Du mich wieder erschreckt hast!“

„Es ist auch schrecklich, wenn man es recht bedenkt,“ sagte Jochen.

Jochen hatte wieder das Teleskop auseinandergeschoben und wollte offenbar seine Beobachtungen von vorhin fortsetzen; aber Stine nahm ihm das Instrument aus den Händen, legte es auf seinen Platz und sagte etwas gereizt: „Was Du nur immer durch das alte Ding zu sehen hast, und ich weiß vor Sorgen nicht, wo mir der Kopf steht.“

„Ja, wenn Du es nicht weißt, Stine!“

„Woher soll ich es wissen? Wofür bist Du denn der Mann, wenn ich armes Wurm Alles wissen soll? Und eben hat sie mich wieder gefragt, ob der Schwede noch nicht da ist. Das arme Mädchen! Auf so einer Nußschale von einer Yacht die weite Reise! Und wer weiß denn, ob Die drüben sie werden haben wollen! Sie sind ja nur noch in viertem und fünftem Gliede miteinander verwandt!“

Stine hatte in großer Erregung, aber mit gesenkter Stimme gesprochen, und sie hatte ihren Jochen bis an die Schlehdornhecke gezogen, die das sandige Gärtchen von der sandigen Dorfstraße trennte. Jochen hatte eine dunkle Empfindung, daß er, als Mann und Gatte und als einziger Gastwirth von Wiessow, etwas sagen müsse, und so sagte er denn: „Stine, Du sollst sehen, da finden wir Beide nicht durch.“

„Jochen, ich hätte nicht gedacht, daß Du so schlecht wärest!“ rief Stine, indem sie, schluchzend und die beiden rothen Hände in die Augen drückend, sich von ihrem Eheherrn wandte und in das Haus zurückging.

Jochen war an der Hecke stehen geblieben und hob die beiden Arme; aber das Teleskop lag ruhig auf seinen Riegeln, und er wagte in Anbetracht seiner Schlechtigkeit nicht, den Sorgenbrecher zu holen. So ließ er denn die Arme wieder sinken und steckte die Hände in die Taschen. Gott sei Dank, da war seine Pfeife! Sie hatte jetzt viele müßige Stunden, Stine konnte das Rauchen gar nicht leiden; und wenn sie ihn jetzt rauchen sähe, wo sie so schon so böse war, würde sie ja wohl gar nicht wieder gut.

Jochen ließ die Pfeife wieder in die Tasche gleiten und starrte auf das schimmernde Meer, wie Jemand, der auch ohne optisches Instrument nur zu deutlich die Unglücksstelle sieht, auf der soeben das prächtigste Schiff mit Mann und Maus untergegangen.

„Guten Morgen, Prebrow!“ sagte eine Stimme in seiner unmittelbaren Nähe.

Jochen wandte seine blauen Augen aus der Ferne langsam zu dem Herrn, der, den Kragen seines Paletot in die Höhe geschlagen, eben mit schnellen Schritten an der Hecke vorüberging.

„Guten Morgen, Herr In–“

„St!“ sagte der Herr, stehen bleibend und den Finger auf den Mund legend.

Jochen nickte, zum Zeichen des Einverständnisses.

„Heute Abend!“ fuhr der Herr fort; „ich sage es Euch, weil, nachdem bis jetzt Alles gut gegangen, doch noch Jemand in der letzten Stunde Verdacht schöpfen und sich bei Euch erkundigen könnte, Ihr kennt mich natürlich nicht.“

„Gott bewahre!“ erwiderte Jochen.

Der Herr nickte und wollte seinen Weg fortsetzen, blieb dann aber wieder stehen und sagte, da ihm der bekümmerte Ausdruck von Jochen’s Gesicht aufgefallen war: „Ihr braucht Euch das nicht zu Herzen zu nehmen, Prebrow; den Rahnkes geschieht recht, ihr Treiben ist eine Schande für Wiessow und die ganze Gegend, und schließlich wird Keiner sein, der nicht froh wäre, daß Ihr die Halunken los seid. Und wenn ich das nächste Mal komme, Prebrow, logire ich natürlich bei Euch; diesmal muß ich Verstecken spielen.“

Der Herr nickte, entfernte sich mit leichten Schritten und trat in das Haus des Lootsencommandeurs, nachdem er sich vorher schnell nach allen Seiten umgesehen hatte.

„Eine verdammte Geschichte,“ murmelte Jochen, ohne genau zu wissen, welche von den beiden er meine, die, so in seinem Hause spielte, oder die andere, von welcher der Herr Steuerinspector eben gesprochen. Es war doch wohl die erste, die zweite ging ihn ja gar nichts an; aber es war doch wieder ein Geheimniß mehr, und er hatte an dem einen schon viel zu viel.

„Guten Morgen, Jochen!“

Diesmal aber bekam Jochen doch einen richtigen Schrecken. Da stand sein Clas-Bruder genau auf derselben Stelle, wo eben der Herr Inspector gestanden.

„Ja, mein Gott, Clas, wo kommst Du her?“ rief er.

„Ja, das sagst Du wohl, Jochen,“ erwiderte Clas.

Die beiden Brüder blickten über die hohe Hecke einander so forschend in die Augen, als ob sie keineswegs von Kindesbeinen an die besten Freunde gewesen.

„Ist Vater todt?“ fragte Jochen langsam.

„Gott soll mich bewahren,“ erwiderte Clas.

„Ist die Schmiede abgebrannt?“

„I, Jochen, wie kannst Du so’n dummes Zeug fragen!“

Die Brücke der Verständigung schien abgebrochen. Die Empfindung, daß die ganze Welt ein einziges dunkles Geheimniß und er der unglückliche Mensch sei, der dies Geheimniß zu hüten habe, bemächtigte sich Jochen’s immer mehr.

„Willst Du nicht hereinkommen, Clas?“ sagte er.

Er mußte es doch sagen; er konnte doch nicht seinen einzigen Bruder, der noch dazu der ältere war, draußen auf der Straße stehen lassen.

Clas Prebrow kam der brüderlichen Einladung, in wie unbrüderlichem Ton dieselbe auch gemacht war, sofort nach, schüttelte Jochen die Hand und sagte, seine Blicke über das Haus gleiten lassend: „Du wohnst hier schön, Jochen.“

Jochen nickte.

„Und hast wohl recht viele Gäste?“

„Was geht Dich das an!“ rief Jochen mit einer Heftigkeit, als gälte es eine schwere Beleidigung zurückzuweisen.

„Nun, ich frage nur so,“ sagte Clas.

„Hier wohnt gar Keiner,“ rief Jochen, „gar kein Mensch!“ und er vertrat dem auf das Haus Zuschreitenden den Weg.

„Das ist ja schön,“ sagte Clas, „dann kann ich nur gleich wieder umkehren und dem alten Herrn Wenhof und Herrn Gotthold sagen, daß sie bei Dir unterkommen werden.“

Jochen stand ganz erstarrt. Was sollte er thun? er hatte zu schweigen versprochen; aber was konnte das Schweigen helfen, wenn der Herr Gotthold geradeswegs in das Haus kam, und der alte Herr dazu, vor dem er einen so heillosen Respect hatte? Wenn ihn der mit den alten hellen Augen ansah, da mußte er ja Alles sagen, und: „Stine, Stine!“ rief Jochen mit einer Stimme, als ob das einzige Gast- und Wirthshaus von Wiessow vom Grunde bis zum Giebel in Flammen stände.

„Jochen, bist Du ganz unklug geworden? denkst Du denn gar nicht –“

Stine, die auf ihres Gatten Zetergeschrei alsbald aus dem Hause gestürzt kam, brach plötzlich ab und starrte ihren Schwager mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen an.

[784] „Siehst Du wohl!“ sagte Jochen mit großer Genugthuung.

„Wo ist er?“ sagte Stine.

Clas Prebrow fühlte, daß seine diplomatische Zurückhaltung der klugen Stine gegenüber nicht mehr angebracht sei, und daß er in diesem Stadium seiner Mission die Maske fallen lassen müsse. So rieb er sich denn vergnügt die großen, harten schwärzlichen Hände, zeigte seine weißen Zähne, wurde dann plötzlich wieder ganz ernsthaft und sagte, indem er seine Blicke über die Fensterreihe der oberen Etage laufen ließ: „Wäre es nicht besser, wenn wir hineingingen?“

Sie gingen hinein und gleich in die kleine Wohnstube, die hinter der großen Gaststube lag und die Stine nur noch für einen Augenblick verließ, um aus dem Schrank der Gaststube eine Flasche Rum und zwei Gläser zu holen, damit die Brüder anstoßen könnten und Clas die Zunge nicht trocken würde, im Fall er viel zu erzählen hätte.

Clas hätte wohl viel zu erzählen gehabt; aber in Erwägung, daß die Herren auf seine Wiederkehr warteten, machte er es kurz.

Sie waren noch am ersten Abend auf die rechte Spur gekommen, hatten sie aber am folgenden Tage wieder verloren, weil die Frau in Gulwitz den Wagen, welchen sie in Ralow genommen, verlassen und zu Fuß weiter gegangen war, um ihre Spur zu verwischen. Das war ihr denn auch so gut gelungen, daß sie ganze vierundzwanzig Stunden brauchten, um gestern Abend spät in Trentow die verlorene wieder zu finden. Nun wäre es ihnen freilich kaum noch zweifelhaft gewesen, wohin sich die Frau gewandt; aber sie hatten schon am Mittag den Wagen und die Pferde bei dem Herrn von Schoritz auf Schoritz, der ein guter Bekannter von Herrn Gotthold sei, stehen lassen, um zu Fuß weiter zu gehen, um Herrn Brandow in die Irre zu führen, im Fall der hinter ihnen her sei; und da hatten sie denn doch in Trentow ein paar Stunden ruhen müssen, und heute kamen sie nun von Trentow und er sei vorausgelaufen, weniger um zu erkunden, ob die Frau hier sei, als um die Schwägerin zu bitten, daß sie die Frau vorbereiten solle, damit sie nicht gar zu sehr erschrecke.

„Ach, du lieber Gott,“ sagte Stine, „das arme, arme Kind! wir haben ihr ja in die Hand versprechen müssen, daß wir sie nicht verrathen wollen!“

„Stine, wir Beide finden da nicht durch!“ sagte Jochen.

Stine hatte im Grunde nie daran gezweifelt; ja sie hatte immerfort gebetet, daß der Himmel ein Einsehen haben und ihnen den Herrn Gotthold schicken möge, bevor es zu spät sei. Sie konnte das nun freilich nicht laut bekennen, mochte aber auch dem Versprechen, das sie Cäcilien gegeben, nicht geradezu untreu werden und fing in dieser ihrer Verlegenheit bitterlich zu weinen an.

Jochen nickte beifällig, als wolle er seiner Stine bezeugen, daß sie jetzt den rechten Gesichtspunkt gefaßt habe; Clas trank sein Glas aus und sagte aufstehend: „In einer Viertelstunde sind wir also hier. Du, Stine, Du bist ja eine so kluge Person, Du wirst Deine Sache schon machen; und Du, Jochen, kannst mit mir kommen.“

Jochen kam mit einer solchen Eilfertigkeit in die Höhe und zur Stube hinaus, daß er sein Glas halbvoll stehen ließ. Stine wollte den Rest wieder in die Flasche gießen, trank ihn aber in ihrer Zerstreuung selbst. Die Augen gingen ihr über: „Wir armen Frauen!“ sagte sie.




29.


Cäcilie war, als Stine sie vorhin verlassen, an dem Bettchen ihres Kindes sitzen geblieben. Gretchen war eingeschlafen; und nun erschien der Mutter das holde kleine Gesicht noch bleicher und die feinen weißen Händchen zuckten manchmal leise. Wenn sie ernstlich krank würde? wenn sie stürbe und all der Graus und all das Herzweh dieser Stunden wäre umsonst erduldet?

Sie drückte die Hände gegen die Schläfe. Niemand, Niemand, der ihr rathen und helfen konnte! Und noch war sie bei Freunden, bei ihrer guten, alten Stine, die sie gestern mit Freudeweinen empfangen, die vor Glück und Jammer über den unerwarteten Besuch sich gar nicht zu fassen vermochte, bei dem wackern Jochen, dessen biedres Gesicht in die Erinnerungen ihrer frischen Jugendspiele freundlich hineinschaute – wie verlassen würde sie sich erst fühlen da drüben in dem fremden Lande! Würde man sie nicht als Abenteurerin ansehen, behandeln? und durfte sie es den Leuten verdenken? Sprach denn nicht Alles gegen sie? konnte sie aller Welt, konnte sie nur einem Menschen ihre jammervolle Geschichte erzählen?

Die wühlende Unruhe trieb sie von ihrem Sitze auf in die Nebenstube an das Fenster. Zwischen den Giebeln der Nachbarhäuser und den weißen Dünen blickte ein großes Stück blauer See herein; auf der Höhe ein blinkendes Segel. Es war ein frisches, farbenkräftiges Bild in dem Rahmen des niedrigen Fensters und sie sah es mit den Augen, mit denen er sie die Natur zu sehen gelehrt hatte; und dann dachte sie daran, daß diese öde Wasserwüste mit dem einsamen Schiff, welches seine einsame Bahn in die unbekannte Ferne zog, für sie, für ihr Kind grauenhafte, erbarmungslose Wirklichkeit war.

Ihr Haupt sank in die Hand; sie vernahm nicht das leise Geräusch vor der Thür und blickte erst auf, als die Thür geöffnet wurde und Stine mit ängstlich spähendem, freudig-verlegenem Ausdruck auf dem vom Weinen gerötheten Gesicht hereintrat und dann nach Jemand sich umschaute, der hinter ihr stand. Eine Ahnung, die ihr das Blut zum Herzen trieb, durchzuckte Cäcilien. Wer konnte die dunkle Gestalt in dem Gange sein, als der Eine, nach dem sie sich so grenzenlos gesehnt, auf dessen Kommen sie geharrt und gehofft hatte, wie der Gläubige auf ein Wunder harrt und hofft. – Nun war er da, weil er sie liebte – und doch und doch! es konnte, es durfte nicht sein; und sie ließ die halberhobenen Arme wieder sinken und ihre zitternden Hände erwiderten nicht den Druck der seinen.

„Wo ist Gretchen?“

Sie traten an das Bett der Kleinen, wohin ihnen die gute Stine vorausgeeilt war. Die blassen Wänglein waren jetzt geröthet, heftiger zuckten die Händchen; Cäciliens banger Blick sagte, was erst über ihre zuckenden Lippen kam, als sie bereits wieder in der Nebenstube waren: „Wenn sie stirbt, ich habe sie doch getödtet.“

„Sie wird nicht sterben,“ erwiderte Gotthold, „aber Du darfst nichts Gewaltsames beschließen; Du darfst nicht allein weiterkämpfen wollen, nicht meine Hülfe verschmähen, wie Du es bis jetzt gethan hast.“

„Damit ich Dich, der Du unschuldig an diesem Elend bist, mit in das Verderben ziehe! ich habe es nur schon zu sehr gethan, aber weiter – nimmermehr!“

„Was nennst Du weiter, Cäcilie? Ich liebe Dich, damit ist Alles gesagt, damit ist ein einziger Kreis um unser Beider Dasein geschlungen. Was könntest Du leiden, was ich nicht mit Dir litte? ja, ist nicht selbst Dein vergangenes Leiden meines geworden? und immer meines gewesen? hat dies Alles nicht als dumpfe, bange Ahnung immerdar um meine Seele gedämmert und mir einen Schleier über das hellste Leben gedeckt? Ja, Cäcilie, – wenn ich das bedenke, ich muß sagen: Gott sei Dank! Gott sei Dank, daß der Schleier zerrissen ist, daß das Leben vor mir liegt, wie es ist, wenn auch Schwierigkeiten und Hindernisse aller Art unsern Weg gänzlich zu versperren drohen. Wir werden sie besiegen. Hätte ich je daran gezweifelt, jetzt zweifle ich nicht mehr, jetzt, wo Du mir zurückgegeben bist.“

Er hatte, neben ihr sitzend, den Mund ihrem Ohr genähert; seine tiefe Stimme wurde fast unhörbar leise, aber sie verstand jede Silbe, und jede Silbe schnitt ihr in’s Herz.

„Mir, Cäcilie, mir! Du hättest nicht Dich und Dein Kind allein, Du hättest auch mich getödtet. Nun, da Dir eine Stimme, die Du ewig heilig halten mußt, an deren Wahrhaftigkeit Du nie und nimmer den leisesten Zweifel haben darfst, zugerufen hat: lebe! so lebst Du eben mir, denn, Cäcilie, Du kannst nicht ohne mich leben.“

„Und nicht mit Dir!“ rief Cäcilie, die Hände ringend. „Nein, sieh mich nicht so fragend vorwurfsvoll an mit Deinen treuen Augen, Du Guter, Lieber! Ich möchte Dir ja Alles sagen, aber ich kann es nicht; vielleicht einer Frau, und der, wenn sie die rechte Frau wäre, brauchte ich es nicht zu sagen, sie würde mich auch so verstehen.“

„Du liebst mich nicht, wie Du den Mann lieben mußt, von dem Du jedes Opfer annehmen könntest, annehmen würdest, weil die Liebe eben kein Opfer kennt, die wahre Liebe, die Alles duldet und Alles leidet; und Deine Liebe ist die wahre nicht!“

Er sagte es ohne Bitterkeit; aber sein Athem ging schwer und seine Lippen zuckten.


(Fortsetzung folgt.)


[785]
Aus dem Tigerleben.


Die Gartenlaube (1872) b 785.jpg

Toilette des Tigers.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

Der Tiger auf dem Bilde ist jedenfalls ein glücklicher Tiger, obgleich man ihm das weder auf diesem Portrait noch in der Wirklichkeit ansieht. Er ist glücklich darüber, daß ihm sein Wärter seinen langen Backenbart durch Kämmen reinigt und ordnet, wie sich das für einen Tiger des Zoologischen Gartens zu Berlin schickt; auch ist ihm das ein angenehmes Gefühl, sintemalen aller Creatur, soweit sie Haare oder Federn hat, das Krauen oder Kämmen in denselben sehr gut thut. Jedes Mal wenn der wackere Peens, sein Freund und Wärter, mit dem Kamme ihm nahte und einige andeutende Bewegungen machte, legte sich das Thier sofort an das Gitter, den Kopf dicht an dasselbe drückend, und sobald das Kämmen begonnen hatte, fing er an die Zähne zu fletschen und die gräulichsten Töne hervorzustoßen. Als ich dies zum ersten Male sah, war ich in der That betroffen über diese [786] Art und Weise, sein Behagen, denn das war es doch offenbar, kundzugeben, aber die Scene wiederholte sich oft genug, um keinen Zweifel über diesen sonderbaren Ausdruck des Wohlgefallens übrig zu lassen. Warum auch nicht? So gut wie schon unter den Menschen manche Völker ganz sonderbare Manieren haben, sich ihr Wohlgefallen gegenseitig kundzugeben, ebenso gut muß das Recht, seine Freude und Zufriedenheit anders zu äußern als wir, einem Tiger oder Löwen zustehen. Uebrigens vergißt der Tiger bei diesem Hochgenuß keineswegs sich selbst, denn sowie der Wärter aus Versehen ihm einmal weh thut, schnauzt er denselben mit grimmigem Aufbrüllen an, als wollte er ihn schleunigst fressen, was natürlich auf einen Augenblick, aber auch nicht länger, die Toilette unterbricht.

Als ich diesen Tiger vor mehreren Jahren, noch vor der Wiedergeburt des Berliner Zoologischen Gartens, zuerst dort sah, mußte er schon auffallen durch den besonders kräftigen Bau seiner Glieder und durch seinen schönen Kopf; aber dieser letztere wurde im Laufe der Jahre immer schöner durch eine ganz außergewöhnliche Entwickelung seines prächtigen lockigen Backenbartes, wie man dies selten wieder bei einem derartigen Thiere finden wird. Es ist überhaupt – doch halt! erst möge ein- für allemal gesagt sein, daß hier bei Leibe niemals naturwissenschaftliche Bemerkungen aufgestellt werden sollen; denn das ist erstens gefährlich, und zweitens muß Folgendes erwogen werden: so wie es von einem Stern geradezu eine unbegreifliche Dreistigkeit ist zu existiren, so lange er, von einem Laien zuerst entdeckt, von Fach-Astronomen noch nicht festgestellt ist, so haben auch alle naturwissenschaftliche Bemerkungen aus Laienmunde einen Werth gleich Null. Ich wollte also sagen: es ist eine bei manchen Säugethieren eigenthümliche Erscheinung, daß einzelne, welche wenig behaart sind, diese wenigen Haare mit der Zeit auch noch lassen müssen, während andere mit dichterem Haarwuchs begabte mit steigendem Alter immer haariger werden. „Wer da hat, dem wird gegeben, wer da nicht hat, dem wird auch genommen, was er hat,“ das gilt auch hier. Solche Thiere sehen sich in der Jugend und im Alter oft so unähnlich, daß man sie für zweierlei Thiere halten möchte. Die Zoologischen Gärten bieten eben den schönen Vortheil, daß sie reichen Stoff auch zu derartigen Beobachtungen gewähren.

Unser Tiger – denn so kann ich ja wohl nach der nun vermittelten Bekanntschaft sagen – wurde vor ungefähr sechs Jahren vom Thierhändler Hagenbeck in Hamburg an den Berliner Zoologischen Garen verkauft. Hagenbeck hatte ihn ganz jung bekommen, und bei ihm machte das Thier auch den gefährlichen Zahnwechsel durch. Hierbei ist der Tiger damals fast erblindet und ganz hinfällig geworden, so daß Hagenbeck täglich zu ihm in den Käfig gehen und ihm die Milch, welche er bekam, selbst einflößen mußte. War es zu verwundern, wenn der Mann sich jedes Mal bei der Hinkunft nach Berlin freute über die herrliche Entwickelung seines früheren Pfleglings? In den betreffenden Kreisen sagt man den Thierhändlern nach, daß, wenn sie einmal ein Thier verkauft haben, ihnen an dessen Fortexistenz nichts mehr liegt, aber der vorliegende Fall beweist das Gegentheil und straft diesen schnöden Leumund Lügen.

Die Gefährtin unseres Tigers ist schon längst verendet. Dafür kaufte ein Berliner Maler – man sieht, Maler können auch Geld übrig haben und nobel sein – eine andere Tigerin. Aber sonderbarer Weise verzichtete das Tigerpaar, so lange es in dem alten Raubthierhaus der früheren Aera sich befand, auf Nachkommenschaft. Sowie aber unter Bodinus’ Direction das neue prachtvolle Raubthierhaus fertig und die Uebersiedelung der Tiger dahin geschehen war, beglückten sie die Theilnehmenden mit zwei kleinen Tigern. Ein besseres Vertrauensvotum hätte sich der bereits berühmt gewordene Reorganisator des dortigen Zoologischen Gartens gar nicht wünschen können. Es war ein reizender Anblick, die Tigermutter mit ihren Kindern zu sehen; besonders als dieselben schon etwas herangewachsen, boten sie einen höchst interessanten Vergleich mit jungen Löwen; denn die viel größere Sprungkraft und Beweglichkeit des Tigers im Vergleich zum Löwen trat schon in diesen jungen Tigern auf eine auffallende Weise zu Tage. Der Papa war natürlich abgesperrt – in den naturgeschichtlichen Büchern steht es ja schon längst, daß der Tigervater immer Sehnsucht hat, seine Jungen aufzufressen.

In dieser und auch der folgenden Zeit kam mir unser Tiger stets höchst aufgeregt vor. Der Geifer stand ihm oft vor dem Maul, und mit Wucht schleuderte er denselben von sich ab. Dieses Geifern sollte nach des Wärters Ansicht davon herrühren, daß der Tiger die Halme einer Grasart, welche in seinem Lagerstroh sich fanden, fraß; ob dies wirklich der Fall, mag dahingestellt sein. Aber auch abgesehen von diesem Geifern, lief er oft knurrend und mit gewaltigen Schritten in seinem Käfig auf und ab. Standen dann Beschauer vor demselben, so schnauzte er dieselben wohl plötzlich mit einem so jähen Aufbrüll an, daß selbst ganz „unverfrorne“ Berliner, in deren Wörterbuch das Wort Verlegenheit sonst nicht zu finden war, doch auf kurze Zeit ganz stumm und betroffen wurden und ihre unvermeidlichen Kalauer vergaßen.

Manchmal habe ich mich gefragt: was in aller Welt macht den Tiger so aufgeregt? Er ist glücklicher Gatte und Familienvater, ohne doch Nahrungssorge zu haben; er braucht kein Schulgeld zu bezahlen, ist keiner Beamtenflegelei ausgesetzt, und für das Fortkommen oder Dableiben seiner Kinder sorgt Bodinus. Der bis jetzt noch nicht aufgeklärte Fall, daß in Baiern kürzlich ein Minister gestorben mit nur einem Orden, macht ihm doch gewiß auch keine Schmerzen, und wenn nach Bebel’s Ansicht die Dogmen den Reichstagsmitgliedern „wurst“ sind, so sind sie unserem Tiger gewiß noch „wurster“. Woher also seine Aufregung? – Da, endlich löste sich das Räthsel. Als die jungen Tiger bereits von der Mutter getrennt und Tiger und Tigerin wieder vereinigt, aber keineswegs einig waren, erfuhr ich durch den Wärter Peens im vertraulichen Gespräch, daß Alle, Löwe, Tiger und Leopard, mit ihren Frauen in Uneinigkeit leben und sich vor ihnen fürchten. Dies mußte also aufregend selbst für ein Tigerherz sein. Aber es ist eben die alte Geschichte, daß, wenn der Mann im Bewußtsein seiner Ueberlegenheit sich scheut, der Frau gegenüber davon Gebrauch zu machen, diese solche Schonung für Schwäche hält und den Mann tyrannisirt. Es ist hier blos von Löwen, Tigern und Leoparden die Rede.

Um diesem Artikel nach einer anderen Seite hin ein größeres Interesse zu gewähren, habe ich schon vorher einen mir durch Herrn Hagenbeck bekannt gewordenen Thierhändler aus London, den jüngeren Herrn Jamrach,[WS 1] welcher selbst viele Tiger aus Ostindien geholt hat, gebeten, mir, wenn es sein geschäftliches Interesse erlaube, Einiges für die Gartenlaube über den Fang der Tiger und das damit Zusammenhängende mitzutheilen. Mit einer höchst dankenswerthen Gefälligkeit hat derselbe meine Bitte erfüllt, und ich kann nichts Besseres thun, als die ganze mir zugekommene Mittheilung wörtlich abdrucken zu lassen, blos mit der vorausgeschickten Bitte um Entschuldigung, wenn etwa einzelne indische oder englische Wörter durch meine Schuld nicht ganz richtig übersetzt sein sollten. Herr Jamrach schreibt:

„Ueber den Tigerfang in Ostindien kann ich Folgendes erzählen. Ausgewachsene Tiger werden höchst selten gefangen, hauptsächlich weil der Transport eines solchen Thieres sehr kostspielig ist und die respectiven Liebhaber in Europa solche wilde Thiere nicht gern kaufen. Große Tiger, frisch vom ‚jungle‘ (Wildniß) sind nicht zu zähmen, sie zerbeißen die hölzernen Theile ihrer Käfige, sitzen immer in der Ecke und schnauben und zeigen sich wenig am Licht. Durch das viele Liegen und Kauern entstehen gewöhnlich Geschwüre an ihren Hinterbeinen; auch der Rücken verkrümmt sich, und das Thier verliert sein gutes Aussehen. Ich gebe meinen Shikarees strengen Auftrag, Tiger im Alter von vier bis sechs Monaten zu fangen. Hat ein Tigerpaar sein Lager aufgeschlagen, so weiß der Shikaree beim ersten Anblick des Weibchens ungefähr, wann die Jungen zu erwarten sind. Er wartet seine Zeit ab und wird zuletzt gewahr, daß das Männchen allein ausgeht. In diesem Fall stellt er sich auf die Lauer, und ehe der Vater Zeit hat, seinen Kindern guten Morgen zu sagen, ist er gewöhnlich getödtet, sein Kopf vom Rumpfe gehauen und nach der Kutcherree gebracht, wo ein Beamter vom Gouvernement dem Shikaree fünfzig Rupees auszahlt. Das Weibchen wird dann sorgfältig mit ihren Jungen bewacht, die nach und nach weiter vom Nest abgehen. Weiß der Shikaree, daß dieselben die Mutter nicht mehr brauchen, was er an der Gleichgültigkeit derselben sehen kann, so wird die Alte getödtet, und die Jungen lassen sich leicht fangen, da sie gewöhnlich beim todten Körper der Mutter bleiben und schreien. Der Kopf der Alten kommt, wie der ihres Herrn Gemahls, nach [787] der Kutcherree, wo noch einmal fünfzig Rupees bezahlt werden, und die Jungen bringt man dann nach Calcutta. Da eine solche Reise zu Fuß aus dem Innern zwei bis drei Monate dauert, so bekommen wir die Tiger gewöhnlich im Alter von vier bis sechs Monaten. Der Shikaree legt sich nun auf die faule Haut, bis sein Verdienst aufgezehrt ist; deshalb muß man viele solcher Leute halten, die eine eigene Kaste in Indien bilden und ausgezeichnete Schützen sind, obgleich man noch das alte Feuerzeug bei ihnen findet. Das Zahnwechseln ist die schlimmste Periode bei Tigern, wie bei allen Katzenarten, weshalb ich dieselben gewöhnlich vorläufig in Calcutta behalte und einer besonderen Pflege unterwerfe; später werden dieselben in Käfige gesperrt und so nach Europa transportirt. Auf diese Art habe ich fünfundsiebenzig Tiger von hundertzweiundzwanzig gefangenen nach Europa gebracht. Mein größter Abnehmer war der Sultan, der augenblicklich die schönsten Exemplare besitzt. Tiger fängt man vielfach in Gruben. Hat man den Pfad des Tigers gefunden (sie gehen alle Abende denselben Weg zum Wassertrinken), so wird ein tiefes Loch gegraben, gehörig mit leichtem Stoff zugedeckt und eine lebende Ziege daraufgebunden. Von Weitem steht der Jäger mit einem Faden in der Hand, der mit den Beinen der Ziege in Verbindung steht. Dieser wird zu wiederholten Malen stark angezogen, um die Ziege zum Schreien zu veranlassen, welches man in der Wildniß weit hören kann. Der Tiger hat scharfe Ohren und auch einen scharfen Geruch; im Nu ist er da, springt zu, fällt durch und auf einen sehr spitzen, aus Teakholz gemachten, vier Fuß langen hervorstehenden Pfahl. Man läuft hinzu und giebt ihm mit der Kugel den Rest.

Vor zwei Jahren erhielt ich in Calcutta eine Depesche von einem Bekannten, der neunzig (englische) Meilen von dort entfernt wohnte, des Inhalts: ich solle sofort kommen, da er eine Tigerspur unweit seiner Wohnung gefunden habe. Ich machte mich Nachts auf, ging über Burdwan, und befand mich nach einer zweistündigen Fahrt vom Bahnhof in seinem Hause. Er zeigte mir die Grube, und Alles war bereit für den Abend. Um acht Uhr Abends setzten wir uns auf zwei hohe Bäume, Jeder gut versehen mit einer Spencer-Flinte und Patronen, um ihm, im Fall er uns bemerken und das Weite suchen sollte, eine tüchtige Ladung nachzusenden. (Tiger, wenn sie nicht hungrig sind, fürchten sich vor dem kleinsten Geräusch.) Die Ziege schrie unaufhörlich, und bald stellte sich auch Madame Tigerin ein, und zwar mit drei Jungen, jedes nicht größer als ein Hase. Wir verhielten uns ganz ruhig, aber nach einigen Minuten hörten wir ein furchtbares Geräusch, und Pern, mein Junge, kam angelaufen, schreiend: ‚Sahib, Sahib, Bagh Pinjura se bheeta lai, margeer!‘ Das sollte heißen, die Tigerin sei in der Grube, sterbend! Wir eilten an die Grube. Wirklich! sie war so genau auf den Pfahl gefallen, dessen Spitze ein scharfgeschliffenes Bajonnet war, daß all ihr Wühlen und Wälzen sie nur noch fester darauf spießte. Sie tobte sich aus und starb nach zwanzig Minuten. Die Jungen nahmen wir mit nach Hause, wo ich die Nacht verblieb. Am nächsten Morgen wurden sie in ein leeres Branntweinfaß gesteckt; ich setzte mich auf dasselbe, fuhr damit nach dem Bahnhof, kam spät Abends in Calcutta an, fand alle meine Freunde beim Diner und wurde nun herzlich ausgelacht, da ich so früh wiederkam. ‚Das Abendessen ist zu Ende,‘ sagten sie; da kam aber der Diener mit einer schweren Schüssel angelaufen und setzte dieselbe auf den Tisch. Man nahm den Deckel ab, und zur Verwunderung aller Herren und Damen sprangen die kleinen Tiger aus derselben heraus und auf dem Tische herum; sie hörten nicht auf zu schreien. Diese drei habe ich mit vieler Mühe groß gefüttert und glücklich nach Europa gebracht.

Im vorigen Jahr erhielt ich einen großen Tiger von Assam, ein Prachtthier. Wie derselbe in Calcutta vom Wagen genommen wird, bricht der Boden los; die Wärter lassen den Käfig fallen und zwar auf die Seite; das Thier springt heraus, läuft im vollsten Galopp Jann Bazar hinunter bis an Circular Road, wo ihm eine Dampfwalze entgegenkommt. Dies erschreckt das Thier dermaßen, daß es mit einem Male umkehrt, denselben Weg zurückläuft und, die Pforte von Nr. 33 Jann Bazar offen findend, in’s Haus läuft. Hier springt es im Nu über den Tisch, an dem vier Personen beim Frühstück sitzen, aus der Hinterthür hinaus und in die Küche hinein, wo es sich in den Winkel setzt. Der Koch lief heraus und hatte noch die Vernunft, die Thür hinter sich zuzuziehen. Nach zwei Stunden hatten wir das Thier mittelst einer lebenden jungen Ziege wieder in den Kasten gelockt.

Wenn man die jungen Tiger an den Umgang mit Menschen gewöhnt, so bleiben dieselben immer zahm, doch muß man denselben zur Fütterungszeit niemals nahe kommen. Mein Gehülfe August Engelke brachte auf einem Segelschiff einen großen, zwei Jahre alten Tiger von Calcutta bis London. Er spielte mit Jedem auf dem Schiff und wurde nur Nachts in seinen Käfig gesetzt. Sein bester Freund war ein Hund, ein Rattenfänger, und Beide sind zusammen in einem Käfig nach Amerika gebracht worden. Oft habe ich versucht, Tiger mit anderen Thieren zusammen groß zu ziehen. Am besten gelang mir dies mit dem gemeinen indischen Schakal. Der Geruch dieses Thieres, glaube ich, hält den Tiger vom Streit ab. Außer dem Menschen giebt es keinen größeren Feind für den Tiger als den Affen. Es ist interessant, die Courage und Gewandtheit eines Affen zu sehen, wenn er sieht, daß kein Ausweg für ihn ist. Einen großen Hamadryas (Mantelpavian) setzte ich mit einem beinahe ausgewachsenen und jung eingefangenen Tiger zusammen. Der Hamadryas stürzte sich mit furchtbarer Macht auf den Rücken des Tigers und biß sich fest; dieser konnte ihn nicht abschütteln, und mit großer Anstrengung nahmen wir den Hamadryas heraus. Da greift er von außen durch das Gitter, hat seinen Feind beim Kragen und rächt sich mit seinen Zähnen am eisernen Gitter. Diesen Versuch machte ich nie wieder. Auch habe ich es sehr schwierig gefunden, mehrere Tiger verschiedenen Alters zusammenzusetzen; es gelang zwar verschiedene Male, aber wir mußten die Thiere bei der Fütterung von einander trennen. Vier von einer Brut gingen im letzten Jahr zusammen nach Amerika. Später hörte ich, man habe ihnen noch vier zugesellt; ich glaube, dieses ist das erste Beispiel von acht abgerichteten Tigern in einem Käfig. Im Jahre 1866 schenkte mir eine große Dame Calcuttas zwei kleine Tiger; diese Thiere waren neun Monate alt und nur neun Zoll hoch; sie kamen nach einer viermonatlichen Reise glücklich nach London, wobei sie nicht wuchsen. Keiner wollte diese Monstrositäten ansehen, und nachdem ich dieselben bis zum Winter am Leben erhalten, starben sie kurz nacheinander.

Große Schwierigkeiten hatte ich während der Jahre 1865 bis 1867 zu überwinden, um lebende Tiger zu erhalten, da die indischen Juweliere fünf und sechs Rupees pro Stück für Klauen zahlten, welche zum Schmuck gebraucht wurden. Die Shikarees fanden es daher besser, die Tiger zu schießen, als sie lebend zu fangen. Jetzt ist eine gute Haut in Indien auch zwei- bis dreimal soviel werth, als in Europa. Man zahlt zum Beispiel hundertzwanzig bis hundertfünfzig Rupees für eine gut gezeichnete Haut. Da die Nachfrage nach lebenden Tigern beinahe nicht mehr vorhanden ist, so legen die Shikarees sich hauptsächlich auf’s Tödten dieser Thiere. Obgleich Hunderte alle Jahre getödtet werden, giebt es noch eine Unmenge. Man lese nur die englischen Zeitungen Indiens; es ist kaum glaublich, wie viele Menschen jährlich von Tigern zerrissen werden. Ein Tiger wird gewöhnlich Menschenfresser, wenn es ihm an anderer Nahrung fehlt, und hat er erst einen Menschen erlegt, so bleibt er dabei. Ich glaube mit Sicherheit, daß alle Tiger auf der Insel Singapore Menschenfresser sind; denn andere Nahrung giebt es da nicht viel für diese Bestien; daß im Durchschnitt täglich ein chinesischer Holzhauer verschwindet, ist bewiesen worden. Ich habe viele Tiger von Singapore gesehen, junge und alte, niemals aber einen zahmen. In Madras auf einem Steamer der P.- u. O.-Comp. wurde mein Gehülfe Nachts aus dem Bette aufgeschreckt, da ein Tiger sich durch das Dach seiner Cajüte durchgefressen hatte. Es war einer aus Singapore,

Ehe der Suez-Canal eröffnet wurde, waren große Schwierigkeiten mit dem Herbringen der Tiger verbunden; so hatte ich zum Beispiel sieben Tiger in einem Schiffe und als Futter zweiundzwanzig Ochsen, wovon siebenzehn in acht Tagen an einer Seuche starben. Da Fleisch jetzt knapp war, so mußte jeder Tiger sich mit zwei Pfund pro Tag begnügen, bis in der Capstadt mehr angeschafft wurde.

Bastarde von Löwe und Tiger hat man vielfach in englischen Menagerien gehabt, sie werden aber nie groß.“

So weit Herr Jamrach, dessen Mittheilungen gewiß jeden Leser höchlich interessirt haben werden. Auf meine nachträgliche [788] Frage, ob denn Tigerin und Tiger noch zusammen bleiben, nachdem die Jungen auf der Welt sind, hat er mir geantwortet, daß nach der Mittheilung seiner Leute die Tigerin, wenn sie geworfen hat, das Männchen von sich treibe, da dasselbe die Jungen sonst auffresse. Das steht zwar, wie gesagt, schon in den naturwissenschaftlichen Büchern, aber ich setze es als eine Bestätigung der Mittheilungen jener Bücher noch ausdrücklich her, weil gerade über das Zusammenleben beider Eltern mit den Jungen oder nur der Mutter noch sehr viel Unerwiesenes in den Büchern zu lesen ist und schon Vieles hat berichtigt werden müssen.

Ueber die prachtvolle Erscheinung des Tigers, besonders wie sie durch unsern Berliner Tiger repräsentirt wird, ein Wort zu sagen, ist eigentlich überflüssig, denn er bietet für jeden empfänglichen Beschauer einen fast berauschend schönen Anblick. Wohl hat ein edles Pferd eine größere Formenschönheit, wohl imponirt uns der Löwe mehr durch den stolzen Ausdruck der Majestät und Kraft, und viele Vögel übertreffen den Tiger an Farbenpracht, aber eine solche Vereinigung von Formenschönheit, von Ausdruck und herrlicher Farbenpracht, wie sie der Tiger bietet, dürfte sich doch kaum bei einem zweiten Thiere finden, und bei aller Feindschaft, die wir ihm als freiem Thiere schuldig sind, tritt doch auch hier, wie oft im Menschenleben, der Fall an uns heran, daß wir den Feind bewundern müssen. –

Der Leser wird vorher schon gestaunt haben über die Menge von Tigern, welche Herr Jamrach aus Indien geholt hat; noch anschaulicher wird ihm aber dieser Handel werden, wenn er erfährt, daß der Thierhändler Hagenbeck in Hamburg von 1866 bis September 1872 verkauft hat: 111 Hyänen, 106 Bären, 80 gefleckte Katzen (Leoparden, Jaguare etc.), 18 Königstiger, 110 Löwen, 36 Giraffen, 61 Elephanten, 5 Rhinocerosse, 332 Hirsche, Antilopen (überhaupt Wiederkäuer) und Einhufer, 342 große Schlangen, 252 Krokodile, 3000 Affen etc.




Diese Zeilen waren bereits vollendet und sollten gerade zum Druck kommen, als der Verfasser erfuhr, daß vor wenigen Tagen das schöne Thier, welches den Gegenstand derselben bildet, leider verendet ist. Ich hörte dies vom Wärter selbst, und die einfachen Worte, mit denen mir derselbe das Sterben des Thieres schilderte, haben mich, ich schäme mich des Geständnisses gar nicht, schmerzlich berührt. Im Sterben hat der Tiger immer kläglich und schmerzlich miaut, und nur wenn sein Wärter zu ihm getreten ist und dem Thiere, das mit dem Kopfe am Gitter lag, die Backen gestreichelt hat, ist es ruhig geworden, hat aber gleichsam wieder nach demselben gerufen, wenn er sich entfernen mußte. Niemand braucht sich der warmen Theilnahme für eine solche Scene zu schämen, denn wir haben es hier nicht mit dem freien, von der Natur auf Blut und Mord angewiesenen Raubthiere zu thun, dem wir unbedingt entgegentreten müssen, sondern mit einem wehrlosen Gefangenen, der auf unsere Rücksicht und Theilnahme angewiesen ist. Jedenfalls legt auch diese Scene ein warmes Zeugniß ab von der Humanität, mit welcher die Thiere des Berliner Raubthierhauses von ihrem Wärter behandelt werden, einer Humanität, welche sie lehrt, in demselben nicht ihren Peiniger, sondern ihren wohlwollenden Freund zu erkennen.

L.




Ein Glücklicher aus dem letzten Kriege.


Es ist aus Tageblättern und Zeitschriften hinlänglich bekannt, daß im Anfange des deutsch-französischen Krieges eine Reihe von Geldschenkungen aus verschiedenen Quellen aufgebracht wurden, welche demjenigen deutschen Soldaten als Ehrengabe verabreicht werden sollten, welchem das Glück beschieden wäre, dem Feinde die erste Fahne zu entreißen. Diesen Ruhmespreis errang der frühere Musketier Ernst Wickel aus Gotha, der schon den Feldzug von 1866 beim ersten Bataillon des damaligen coburg-gothaischen Regiments mitmachte und erst bei Langensalza am 27. Juni, dann bei der Mainarmee mitfocht. Den Krieg von 1870 und 1871 hat er in der zweiundzwanzigsten Infanterie-Division, der sogenannten „Kilometer-Division“, mitgemacht und während des ganzen Feldzugs in den Gefechten, auf Märschen und bei allen sonstigen größeren und kleineren Strapazen tapfer ausgehalten.

In der Schlacht bei Wörth hatten bekanntlich die deutschen Streiter, nur aus einzelnen Divisionen bestehend, der bedeutenden französischen Uebermacht fünf volle Stunden hindurch tapfer gestanden, als sich endlich in den Nachmittagsstunden durch Zuzug neuer deutscher Kämpferschaaren ein numerisches Gleichgewicht herstellte und zuletzt die Deutschen auch der Zahl nach den Franzosen überlegen waren.

Etwa von diesem Zeitpunkte aus gehen die mündlichen Mittheilungen Wickel’s. Die einunddreißigste Division, die bisher den äußersten linken Flügel der deutschen Schlachtlinie bildete, hatte eben einen erneuten Angriff von Truppen der feindlichen vierten Division, General Lartigue, auf Gunstett abgeschlagen, als gegen zwölf Uhr die zweiundzwanzigste Division südlich von Gunstett erschien, die Sauer überschritt und in der Richtung auf Landsberg (auch Albrechtshäuserhof genannt) und Eberbach vordrang. Die Sauer, dieser jetzt historische Bach, fließt in nord-südlicher Richtung durch Wörth, westlich bei Spachbach vorbei, theilt sich bei der westlich von Gunstett liegenden Bruchmühle in zwei Arme und fließt in südöstlicher Richtung gegen den Hagenauer Forst hin. Von Gunstett direct gegen Westen, in gleicher Entfernung von der Sauer, auf einem theilweise bewaldeten Hügel liegt der Albrechtshäuserhof, in südwestlicher Richtung von diesem das Dorf Eberbach im Eberbachthale selbst. Zwischen Eberbach im Süden und Elsaßhausen im Norden liegt der Niederwald, der sich im Weste bis nahe an Reichshofen erstreckt. Dieses eben angedeutete Terrain westlich der Sauer bildete vorzugsweise den Schauplatz der Thätigkeit des elften Corps.

Ein Jeder, der in seinem Leben eine Schlacht mit durchgekämpft hat wie z. B. die von Wörth, weiß, wie beschränkt und einseitig die Theilnahme des einzelnen gemeinen Soldaten am Gefecht meistentheils ist und wie selten er Gelegenheit hat, sich nur einen einigermaßen freien Ueberblick über die allernächste Umgebung zu verschaffen. Niemand wird daher von dem Soldaten Wickel eine klare Uebersicht von jenem Theile des Schlachtfeldes und den Vorgängen daselbst verlangen. Was ich in Folgendem mittheile, ist die unveränderte Wiedergabe seiner eigenen schlichten Aussagen über seine persönlichen Erlebnisse, und die Leser der Gartenlaube mögen entschuldigen, daß ich den mündlichen Mittheilungen des glücklichen Eroberers keine weitere Draperie anhänge. Ich wollte der Originalität der Erzählung nicht Eintrag thun.

Wickel’s Bericht lautet folgendermaßen: „Ich stand im dritten Gliede des zweiten Zuges (vom ersten Bataillon des sechsten thüringischen Infanterieregiments Nr. 95) und kam mithin, als Züge aus dem dritten Gliede formirt wurden, in den ersten Schützenzug des Bataillons, den der (gegen Ende des Krieges im Gefecht bei St. Célérin vor Le Mans am 11. Januar 1871 gefallene) Fähnrich Teichelmann führte.

Von Gunstett aus ging unser Regiment durch Felder, Obstalleen und an Weinbergen hin gegen die Sauerbrücke vor, an welcher unser Compagniechef, Hauptmann (jetzt Major) von Schauroth, die Compagnie sammelte, was unter dem ununterbrochenen Feuer der Franzosen natürlich nicht nach Wunsch und sehr langsam von Statten ging. Um diese Zeit waren von der ersten Compagnie schon die beiden Lieutenants von Motz und Klein gefallen. An strenge Ordnung war bei den massenhaft einschlagenden feindlichen Geschossen nicht mehr zu denken, und so kam es, daß ich mit einem kleinen Trupp meiner Cameraden vorging, um mich baldigst in eine sichere Deckung zu bringen. Das Terrain, welches wir zurückzulegen hatten, ehe wir die vor uns befindliche Höhe gewinnen konnten, war nicht geeignet, die geringe Ordnung unserer Handvoll Soldaten, die ohne Officier vorging, aufrecht zu erhalten, und als ich, mich links an Hopfenfeldern hinziehend, ungeschoren an und auf die Eberbacher Höhe (zwischen Eberbach und dem Albrechtshäuserhof) kam, war ich wohl der Einzige vom fünfundneunzigsten Regiment an dieser Stelle. Die Höhe war [789] von Soldaten des achtzigsten Infanterieregiments besetzt, welche, wahrscheinlich von Gunstett oder Spachbach aus gegen den Niederwald vordringend, den südöstlichen Theil desselben vom Feinde hatten säubern helfen. Ich konnte nichts Besseres thun, als für die nächste Zeit bei dieser Abtheilung Achtziger zu bleiben. Von der Höhe aus hatten wir, in flachen Steinbrüchen sicher eingedeckt, wohl eine Stunde lang ein heftiges Feuergefecht mit Turcos (Tirailleurs algériens) zu bestehen, die von einem dicht mit starken Obstbäumen bestandenen Felde aus fortwährend die Steinbrüche zu nehmen suchten. Dieses Vergnügen wurde ihnen jedoch durch unser ununterbrochenes und sicheres Feuer vereitelt.

Als unsere bunten Gegner endlich das Feld räumten, konnten wir es schon wagen, in der Stärke von etwa zwanzig bis dreißig Mann in das Terrain zwischen dem Dorfe Eberbach und dem nördlich davon liegenden Niederwald vorzugehen. Hierbei geriethen wir unversehens in heftiges Gewehrfeuer und wurden gleichzeitig von einer Anzahl Turcos mit dem Bajonnete angegriffen. Der Augenblick war kritisch, und lange Zeit zum Ueberlegen war nicht da. Wir thaten, was in unserer Lage wohl das Räthlichste war, und hielten dem Angriffe Stand. Als die ungestümen Teufel ganz nahe herangekommen waren, eröffneten wir ein sehr wirksames Feuer auf sie, und bei dieser Gelegenheit war es, wo ich meine glückliche Eroberung machte.

Die Gartenlaube (1872) b 789.jpg

Die erste französische Fahnenbeute.


Schon beim Herannahen der Feinde war mir besonders ein Mann aufgefallen, der, in der linken Hand eine kleine rothe Fahne und in der rechten sein Chassepot schwingend, fast direct auf mich zukam; so gut ich bei dem nun mit Blitzesgeschwindigkeit sich abwickelnden Vorgange beobachten konnte, schien er den Abzeichen nach ein Unterofficier zu sein. Als er etwa zehn bis zwölf Schritte an unsere Stellung herangekommen war, schlug ich an, feuerte und sah den Mann im Feuer zusammenstürzen; mein Geschoß hatte ihn in den Unterleib getroffen. Jetzt galt es Eile, wenn ich die Fahne in die Hände bekommen wollte! Ehe einer seiner Cameraden dem Gefallenen beispringen oder die Fahne an sich nehmen konnte, war ich schon bei dem tödtlich Getroffenen, stieß mit meinem Bajonnet in das Tuch der Fahne und riß dem hülflos Daliegenden dieselbe auf diese Weise aus der Hand. Natürlich mußte ich mich beeilen, wieder die paar Schritte zu meinen Achtziger Cameraden zurückzukommen; denn aus nächster Nähe wurde mehr als ein Chassepot abgedrückt, dessen Ladung mir zugedacht war. Von allen den schwirrenden Kugeln traf mich jedoch glücklicher Weise keine, und ich konnte mich mit meiner Beute in der kleinen Schützenlinie der Achtziger decken. Das Gefecht zog sich noch eine Weile mit der größten Erbitterung hin, indem die Franzosen es sich angelegen sein ließen, die Fahne zurück zu erobern. Wir gewannen aber, wenn auch unter vielen Verlusten, in der Folge bedeutend Terrain, machten unter dem heftigsten Widerstande von feindlicher Seite eine Anzahl Gefangene und setzten uns dann in der vordersten günstigen Deckung, die wir dem Feinde gegenüber benutzen konnten, fest.

In dieser Stellung wurden wir bald darauf von einem Bataillon Zuaven, das in der schönsten Schwärmordnung vorging, angegriffen. Der Uebermacht weichend zog sich unsere kleine Zahl etwa dreihundert Schritt zurück, und bei dieser Gelegenheit kam ich wieder zu einer Abtheilung des fünfundneunzigsten Regiments zurück, welche geschlossen vorging.

Das Regiment rückte alsdann im Gefecht durch den Niederwald gegen Elsaßhausen vor, woselbst es während der Nacht bivouakirte. Am Morgen des 7. August hatte ich Gelegenheit, meine Beute unserem Compagniechef zu überliefern, der sie an die Compagnie abgab, bei welcher sie sich noch heute befindet.“

Dies ist die einfache schmucklose Erzählung Wickel’s über den Hergang der Sache, welcher von Seiten seiner früheren Vorgesetzten vollkommen Glauben geschenkt wird. An Neidern und Verleumdern hat es durchaus nicht gefehlt, und namentlich hat der Umstand, daß Wickel zu jener Zeit und an jenem Orte der einzige Mann vom fünfundneunzigsten Regiment war, vielfach als Grundlage zu Angriffen auf die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen dienen müssen. Indessen haben die Untersuchungen über die Angelegenheit den positiven Thatbestand der Sache zur Genüge erwiesen und hat man officieller Seits nicht das geringste Bedenken gehabt, die Belohnung dieser glücklichen That eintreten zu lassen.

Die erste Vernehmung Wickel’s über den Fall geschah durch seinen Compagniechef Herrn von Schauroth, im April 1871 im Cantonnementsquartier Le Vert Galant (Gemeinde Vaujours); daselbst erhielt er auch vom Commando der zweiundzwanzigsten Division eine Gratification von zehn Thalern. Ein zweites definitives Verhör fand am 23. April 1872 auf dem Regimentsbureau in Gotha statt.

Auf diese eingehenden Untersuchungen hin sah sich der königlich preußische Generalstab veranlaßt, die ausgesetzten Prämien dem Musketier Ernst Wickel aus Gotha zuzuerkennen, und zwar bestanden dieselben in einer Geldschenkung von zusammen sechszehnhundertundneunzehn Thalern nebst einer silbernen Ankeruhr für Wickel selber, und in einer Gabe von zweiundvierzig Thalern für dessen Familie, welches Beides er am 5. October 1872 auf dem Bureau des Landwehr-Bataillons Gotha in Empfang nahm. Außerdem erhielt das erste Bataillon des fünfundneunzigsten Infanterie-Regiments eine Dotation von fünfzehnhundert Thalern von Seiten des königlich preußischen Kriegsministeriums, welche zu mildthätigen Zwecken, Unterstützung kranker Unterofficierfamilien etc., verwendet wird. Schon während des Aufenthaltes in Frankreich wurden Wickel für sein braves Verhalten im Feldzuge das Eiserne Kreuz zweiter Classe und die Medaille des herzoglich sächsischen Hausordens verliehen.

Dem wackeren Manne hat diese klingende Anerkennung seiner Bravour löblicher Weise nicht den Kopf verdreht, sondern er geht still und anspruchslos seinem Böttcherhandwerk nach, und vielleicht hilft ihm, der jetzt im Alter von siebenundzwanzig Jahren steht, die Prämie zur Etablirung eines selbstständigen Geschäfts. Er kann wie ein Held auf seinen Lorbeeren ausruhen, denn nach altem gothaischen Gesetze aus allen Militärverbindlichkeiten entlassen, genießt er jetzt die wohlverdiente Ruhe und freut sich seiner Arbeit.

Zum Schlusse noch einige Worte über die Fahne selbst. Das Grundtuch derselben ist ponceauroth und der Rand ringsum, einschließlich des Schaftes, mit einem fünf Centimeter breiten blauen Streifen besetzt; in den vier Ecken stehen vier Halbmonde, mit den Oeffnungen der in der Mitte befindlichen „offenen Hand“ zugeneigt. Alle diese Stücke sind von einer matten hellblauen Farbe und auf beiden Seiten des Fahnentuchs aufgenäht. Letzteres ist an drei verschiedenen Stellen verletzt: erstens befindet sich zwischen der Hand und dem Schafte ein winkeliger Riß, der wieder zugenäht ist; und zweitens sieht man auf der vorderen Hälfte zwischen den beiden Halbmonden und der Hand zwei glatte Risse, die von dem Stiche Wickel’s in das während des Momentes der Eroberung jedenfalls gefaltete Tuch herrühren. Der Schaft ist von dem Tuche rings umgeben und letzteres mit weißen Kopfnägeln an ihm befestigt. Durch den Schaft zieht sich der Länge nach ein Eisenstab, der wahrscheinlich zum Aufstecken des kleinen Feldzeichens auf den Gewehrlauf diente; der Stab steckt in einer starken Holzhülle, auf welcher das Tuch festgenagelt ist. Das Ende des Schaftes oberhalb des Tuches, sowie die Kugel und der Halbmond sind von Messing. Die Breite des ganzen Fahnentuches, einschließlich des Schaftes, [790] beträgt zweiundsechszig, die Höhe fünfzig, die Länge des Schaftes vom unteren Ende bis zur Höhe der Halbmondspitzen einundachtzig Centimeter.

Das eben beschriebene kleine Feldzeichen ist eine Compagniefahne der Tirailleurs algériens, bei denen sich der Glaube an die Fahne knüpfen soll, daß, sobald diese sinkt oder in die Hände der Gegenpartei geräth, der Sieg unwiderruflich sich für den Feind entscheidet.

A. L–z.




Eine Todtenbeschwörung im Kloster.
Aus den Erinnerungen eines sechszigjährigen Landpredigers.


„Sie wollen nach Jena?“ fragte der alte Herr, den ich auf dem Fußsteige von Löbstedt aus einholte.

Er war mir schon im Hofe des Löbstedter Gasthauses aufgefallen, wo er einsam, wie in Gedanken versunken, im Schatten der Bäume am frischen Trunke sich erquickte. Etwas entfernt von ihm hatten die Dioskuren Luden und Fries mit ihren Familien Platz genommen. In ihrer Mitte gab’s Leben und heiteres Lachen

Etwas Besonderes ließ sich an dem alten Herrn nicht gerade bemerken, es müßten denn der trotz der etwas nach vorn geneigten Gestalt entschieden ernste Schritt und die Energie der Bewegung gewesen sein. Seine Kleidung war ärmlich, der Rock fadenscheinig, die Kopfbedeckung datirte mit ihrem Ausgange auf eine Reihe von Jahren zurück; seine Einsamkeit am sonnigen Kneiptage schien auf sein Alleinstehen in der Welt hinzuweisen. Gehörte er vielleicht zu den wackeren Magistern, dergleichen sich in Universitätsstädten wohl vorfinden, oder war er gar eine „verflossene“ Größe der Akademie?

Freundlich meinem Gruße dankend, fragte er, ob ich nach Jena wolle. Auf meine bejahende Antwort erkundigte er sich, da er in mir einen Studirenden erkannte, nach meinem Studium, der Studienzeit, den Vorlesungen, die ich besuche, der Gegend, aus welcher ich stamme, und nach der Lectüre, die mich jüngst am meisten angezogen. Ich gab die gewünschte Auskunft, indem ich meinen Schritt zu seiner Begleitung mäßigte, bereits sicher, der Mann sei mehr, als seine äußere Erscheinung erwarten lasse. Als ich ihm berichtete, die für mich ergreifendste der jüngst gelesenen Schriften sei die Selbstbiographie des Professor Dr. Schad gewesen, blieb er stehen, richtete seinen Blick voll und ernst auf mich, und forschte nach dem Grunde meiner Aeußerung. Ich entgegnete, es sei ergreifend und erhebend, Männer zu finden, die ihrer heiligen Ueberzeugung so viel als Schad, nämlich Alles, opferten, um mit dem Gewissen in Uebereinstimmung zu bleiben.

„Kennen Sie den Professor Schad, junger Mann?“

„Nein, mein Herr, von Person kenne ich ihn nicht.“

„Er steht vor Ihnen!“

Ich war überrascht. Staunen und Freude machten mich befangen. Also das war der ehemalige Mönch zu Banz, der aufgeklärte Gelehrte in der Kutte, der Flüchtling aus dem Kloster und der von den Conventualen hart Verfolgte, der nachmalige Protestant und Universitätslehrer! Die Zunge versagte mir im Augenblick den Dienst; ich drückte meinem Begleiter kräftig die Hand, indem ich mich, die Mütze vom Haupte nehmend, vor ihm verbeugte.

„Gut, gut,“ sprach er wohlwollend. „Wir kennen uns nun, und ich freue mich Ihrer Theilnahme. Aber Sie könnten mir einen Gefallen thun.“

„Gebieten Sie, Herr Professor, über meine geringen Dienste.“

Im Weitergehen äußere er: „Wie ich vorhin von Ihnen hörte, sind Sie im N–er Kreise daheim. Ich habe diesen Kreis auf meinen Reisen blos berührt, obschon er für mich ein eigenthümliches Interesse hat, denn in ihm ist jedenfalls die Lösung eines Räthsels zu erlangen, nach welcher ich lange schon suche. Die Sache ist kurz die: In unserm Kloster Banz starb der Abt. Wir setzten seinen Leichnam unter Beobachtung der geordneten Ceremonien bei und thaten weiter, was Brauch ist. Der Todesfall wurde von den Mönchen viel besprochen. Die Einen erhoben den Verewigten, die Anderen urtheilten minder günstig über ihn. Man gerieth im erregten Für und Wider auf die Frage, ob der Hingeschiedene zu Gnaden aufgenommen sein möge; aber auch hier waren die Meinungen getheilt. Zuletzt vereinigte man sich, und dahin hatten es besonders die Verehrer des Abts gebracht, diesen selbst um Entscheidung angehen zu lassen, denn es werde ja noch Leute geben, welche so viel wie – das Zauberweib zu Endor vermöchten, das den Schatten Samuel’s zum Erscheinen beschwor!

Wer sucht, findet gemeiniglich. Man zog Erkundigung ein, man vernahm, daß im N–er Kreise zwei sogenannte Nekromanten oder Todtenbeschwörer hausten, man fand sie auf, lud sie zum Kommen ein, sie erschienen und citirten den Todten in einer Nacht voll Grauens und Entsetzens; er stieg aus seinem Grabe und – beruhigte die Conventualen über sein jenseitiges Loos!

Daß die Erscheinung auf Täuschung beruhte, war mir auch in jener schrecklichen Stunde nicht zweifelhaft. Ich sah den Abgeschiedenen auf den Spruch des Zauberers sich erheben; es war der Abt, wie er leibte und lebte, nur in der Blässe des Todes; ich hörte seine Stimme und wußte, es war Alles – Gaukelwerk und Trug! Indessen ich verschwieg meine Ueberzeugung, denn es war nicht gerathen, im Kreise jener Finsterlinge das Licht der Vernunft leuchten zu lassen; aber ich vermochte damals so wenig wie heute, mir die Kunstgriffe zu erklären, welche die Nekromanten anwendeten, um das gräßlich glänzende Ergebniß zu erzielen.

Der Spuk trug vor einem Menschenalter sich zu. Möglich, daß die Todtenbeschwörer, bei ihrem Aufenthalte in Banz jüngere Männer, noch leben. Haben Sie, Herr Studiosus, daheim nie von Landsleuten gehört, oder kennen Sie keine Solchen, die das nekromantische Geschäft betrieben? Ist dies der Fall, so versuchen Sie, ob Sie mir den Wunsch um Aufklärung der Manipulationen zu erfüllen im Stande sind. Das ist die Gefälligkeit, die ich von Ihnen erbitte.“

„Von zwei Männern, Herr Professor, denen ich ein Gauner- und Bubenstück der Art zutrauen zu dürfen glaube, habe ich nicht allein gehört, ich kenne sie auch seit meiner Kindheit. Der Eine, hager und kurz, ist Federarbeiter, der Andere, wohlbeleibt und länger von Gestalt, Lederarbeiter. Beide Cumpane stehen in dem Rufe der Uebung der Geisterbannerei, Schatzgräberei und der Künste, die vom Aberglauben und der Unwissenheit der Menschen Geld erpressen und Genüsse und Bequemlichkeiten in Fülle versprechen. Ich werde versuchen, Ihrem Verlangen zu genügen. Vielleicht begünstigt mich, Ihnen zu Gefallen, das Glück. Der Sohn des Ledermannes ist mein Schulfreund, dessen Vater mittheilsam, wenn man die gute Stunde trifft.“

Jena war erreicht. Ich verabschiedete mich vom Dr. Schad mit dem herzlichsten Danke für alte und neue Wohlthat.

Die Michaelisferien verbrachte ich bei meinen lieben Eltern, „auf der süßen heimathlichen Erde“, wo jeden Tag Speise und Trank und Arbeit und Schlaf so gut schmeckt. Bald schickte ich mich zu einem Besuche bei meinem Herrn Urian – Ledermann – an, den ich daheim und, ungeachtet des Verlustes seiner sehr vornehmen Frau, die immer mit souverainer Geringschätzung auf die Gespielen ihres etwas aufgeblasenen Herzbuben Louis herabgeschaut hatte, recht wohlgelaunt traf.

Als die üblichen Complimente gewechselt waren, erinnerte ich ihn an die Ergötzlichkeiten und an die Furcht meiner Kinderjahre in seiner Behausung, an die großen Oelgemälde und die Stuhlschaukel des Vorsaals, sowie an die gräulichen Laute im Nebengemache, wo eine künstliche, vom Doctor Sachse erkaufte Boa constrictor – Abgottsschlange – aufbewahrt sein sollte, die sich, wie es hieß, automatisch bewegte und den zahngepanzerten Rachen öffnete, – für uns Knaben schon in der Vorstellung ein unheimliches Grauen!

Mit Wohlgefallen nahm er meine Erinnerungen auf, nickte zuweilen und lächelte behaglich; seine einträglichste Thätigkeit lag gerade in jenen vergangenen Jahren. Noch trug er das gewohnte Gepräge: das Gesicht intelligent, die Augen unruhig und ein wenig stechend im Blicke, die tabakliebende Nase den Athem mitunter scharf ausstoßend, der lüsterne Mund bei fröhlicher Stimmung des Gemüths sich etwas verbreiternd; nur die Glatze hatte an Umfang gewonnen.

Studentische Anekdoten und lustige Streiche, die ich ihm erzählte, hatten seinen ungetheilten Beifall, da er in ähnlichen praktischer Meister war. Allmählich steuerte ich meinem Ziele näher. Er erfuhr als Curiosum, was ich von Schad gehört. [791] Gespannt vernahm er die Mittheilung; das ganze Antlitz des Mannes schien um die Spitze der kräftigen Nase sich zu concentriren. Als ich hinzufügte, ich begriffe nicht, wie die beiden Schälke in Banz den Erfolg zu Wege gebracht, brach er in helles Gelächter aus und sagte:

„Daß Du die Sache nicht begreifst, finde ich sehr begreiflich, ich aber begreife sie, denn Du mußt wissen, ich und Salmann, der in der oberen Gasse wohnt, waren im Kloster die Kunstarbeiter! Es ist eine alte Geschichte, mir jedoch in gutem Andenken geblieben. Du sollst sie wissen; Banz hat längst aufgehört, Mönche zu beherbergen, und Die, welche den verstorbenen Abt citiren ließen, sind ihm wohl Alle nachgefolgt. So höre.“

Er nahm eine gewaltige Prise, nachdem er wiederholt den Duft der geöffneten Dose gesogen, und begann:

„Wir wurden vom Kloster aus ersucht, uns in dasselbe zu begeben, wenn wir uns getrauten, einen Todten zur Auskunftertheilung über sein jenseitiges Loos zu bestimmen. An Reisekosten würden dreißig Ducaten vergütet. Wir erklärten uns zur Uebernahme der Commission bereit und empfingen das Reisegeld. Ein Certificat stellten wir nicht aus; ich gebe nichts Schriftliches.

In Coburg, wo wir einige Tage weilten und wo man mich in meiner schwarzen Kleidung mit weißem Halstuch für einen Geistlichen hielt, zogen wir in unserem bescheidenen Gasthause Erkundigungen über Banz ein. Nur ein bedeutender Mann, benachrichtigte man uns, sei neuerlich dort gestorben, der Klosterabt. Er mußte, so schlossen wir aus den Vorlagen, die Person sein, welcher unsere Berufung galt. Wir hatten nicht fehlgegriffen. Im Kloster, wohin wir uns nun begaben, bedeuteten uns die Herren, welche uns eine erwünschte Aufnahme angedeihen ließen, dem verewigten Abt zu Liebe hätten sie uns zum Anherkommen geladen.

Mit ihren Dispüten über seine Seligkeit hielten sie nicht hinter’m Berge; alle weitere Auskunft über den Mann blieb uns versagt, so unentbehrlich sie uns immer war. Keine vorsichtige Versuchung, kein bedächtiges oder schlaues Anklopfen förderte uns im Geringsten. Die Herren Mönche hatten sich das Wort gegeben, uns jeden ferneren Aufschluß zu versagen. Sie schwiegen wie auf Commando.

Kommt Zeit, kommt Rath, dachten wir; das Glück wird uns ja auch diesmal begünstigen. Wir nahmen unterdessen die Localität, die Kirche, in Augenschein, in welcher wir täglich einige Stunden ungestört uns zu unserem daselbst auszuführenden Werke vorbereiten zu dürfen ausbedungen hatten. Daß man uns dort unbeobachtet lassen werde, worauf wir gedrungen, fiel uns im Ernste nicht ein.

Auf Stühlen im Chore sitzend, scheinbar in Sinnen und Denken versunken, gewahrten wir am Fußboden links vor dem Hochaltar eine Stelle, welche Spuren neuerer Arbeit verrieth. Unter ihr mochte der Abt ruhen; dort empfahl sich’s wenigstens, die Erscheinung seines Bildes hervortreten zu lassen.

Ja wenn wir nur ein Bild von ihm gehabt, nur gewußt hätten, wie er im Leben aussah, ob er eine lange oder kurze, beleibte oder hagere, gerade oder gebückte Figur war. ‚Ein Bild!‘ seufzte ich manchmal meinem Gehülfen auf unserem einsamen Nachmittagsspaziergange vor. Und ‚ein Bild!‘ gegenseufzte er, ‚Glück! thue für uns ein Uebriges,‘ hinzufügend.

Du kannst glauben, unsere Lage war nichts weniger als eine günstige. Von Seiten der Mönche die Erwartung auf unser baldiges Vorgehen mit unserer Sache, auf unserer Seite die gleich unruhige Erwartung, das ersehnte Conterfei werde uns in die Hände fallen.

Endlich begegnete uns das Glück. Es trat uns in der Gestalt eines armen greisen Mütterchens auf unserer Wanderung unfern dem Kloster entgegen. Von dieser Alten erfuhren wir weitläufig, was wir brauchten. Sie kannte uns nicht. Den Abt kannte sie desto besser; ihn schilderte sie vom Scheitel bis zur Zehe. Auch über sein Stimmorgan ließ sie sich aus.

Das Abtsbild in der Blendlaterne ward alsbald gefertigt. Eine halbzerbrochene Fensterscheibe im Chore der Kirche bot den geeigneten Weg, Salmann’s Todtenworte mittelst eines draußen angelegten, zum Langausziehen und Wiederzusammenfalten eingerichteten Sprachrohrs in den Raum zu befördern. So ward der Tag und die Stunde der That festgesetzt und den Herren verkündet.

Nach einer Menge ceremonieller Vorbereitungen begaben wir uns mit den Mönchen zur bestimmten Zeit nach der Kirche. Es war Nachts elf Uhr. Salmann schlich – man achtete auf meinen Steffen überhaupt weniger –, in seinen Mantel gehüllt, der äußeren Kirchmauer entlang nach seinem Platze vor der am Fuße des Fensters im Chore befindlichen Scheibe. Der brausende Sturm mehrte seine Sicherheit. Meine Mönche zogen mir in Procession nach. Mancher sah bleich aus; Einige schienen zu zittern. Mit einem weiten Talar angethan, schritt ich ihnen bis vor den Altar voran. Hier zeichnete ich einen Kreis, innerhalb dessen sie mit mir nach bereits getroffener Verabredung stehen sollten. Weihrauch wurde in reicher Quantität angezündet, das mitgebrachte Licht ausgelöscht. Lautloses Schweigen, wie ausbedungen worden, rings umher, nur unterbrochen durch die am Gebäude sich brechenden Windstöße. Qualm erfüllte den Raum. Von dicker Finsterniß umgeben, sprach ich langsam in tiefen Lauten meine Beschwörung. Nach Verlaufe einiger Minuten zeigte sich auf der Stelle, wo nach unserem Dafürhalten der Verstorbene ruhte, ein schwacher Lichtschimmer. Dieser nahm nach und nach zu. Ein blasses Haupt tauchte aus der Tiefe auf. Hals und Oberkörper folgten nach. Die Gestalt bewegte sich nicht weiter, weil ich sie in der Blendlaterne nur bis an das Ende der Brust abgearbeitet hatte. Während sie noch, durch den Weihrauchdampf wie mit Nebel umflossen, ruhig verharrte, hob ich an, den verewigten Abt demüthig um Verzeihung zu bitten, daß ich gewagt, seine Todesruhe zu stören, es sei dies nur auf inständiges Drängen seiner Verehrer geschehen, welche auch durch sein Wort die Ueberzeugung noch bekräftiget zu sehen wünschten, er sei zu Gnaden gekommen.

Ich hatte nach dem Minutenzeiger meiner Uhr gezählt. Es war fünfundfünfzig Minuten nach elf Uhr. Eine Minute vor zwölf Uhr war Salmann beauftragt, die Antwort des Abtes zu geben. Sie erfolgte genau nach der Bestimmung. Eine kleine Weile, nachdem ich meine Bitte, der Todte möge den Herzenswunsch der Seinen erfüllen und noch einmal sein Wort ergehen lassen, ihm zugerufen, erklang es dumpf und hohl durch den Chor:

‚Ich bin begnadigt!‘

Langsam sank die Erscheinung, wie sie emporgestiegen, wieder in die Tiefe. Als der letzte Glockenschlag der Mitternacht verhallte, war sie verschwunden.

Wir durften unsere Leistung als eine gelungene ansehen. Die Herren in Banz waren mit uns, wir waren mit ihnen, namentlich mit dem uns von ihnen gereichten Ehrensolde zufrieden.

Hier hast Du die ganze Geschichte. Die Herren in Banz begehrten unsere Dienste. Wir leisteten sie ihnen nach unserm besten Vermögen. Wundere Dich aber nicht darüber, daß ich den todten Abt nicht verdammen ließ. Ich kann Dir hoch und theuer versichern, das Männchen hatte mich in seinem Leben mit keiner Miene beleidigt.“

Ein frevler Mensch, dieser Ledermann, ein Alles verachtender, auf Verspottung und Beraubung Anderer versessener Egoist vom reinsten Wasser! Von dem bedeutenden Gute, was er, wie er sagte, verdient, das heißt, erlogen und ertrogen hatte, hieß es „wie gewonnen so zerronnen“. Er endete von Mangel gedrückt, von den Leuten gemieden, ein alter Lump. Sein Sohn Louis ward erschlagen. Man fand denselben eines Morgens in einem zwischen Gärten hinlaufenden Gäßchen, den von heute noch unbekannter Hand empfangenen Wunden erlegen. War er vielleicht im Begriffe gewesen, die Feinheit des Vaters beim Erwerbe in’s Grobe zu übersetzen?

Der arme brave Schad sank früher in Vergessenheit als in das Grab. Bis zum letzten Augenblick stand er treu und unerschüttert, ein Märtyrer seiner heiligen Ueberzeugung, der, wie die Gartenlaube Jahrgang 1869, S. 7 erzählt hat, sein ganzes Leben gewidmet war. Sein ganzes Leben! Sollen wir noch einmal erzählen, wie er nach seiner Flucht aus dem Kloster zu Banz als Privatdocent zu Jena seine religionsphilosophischen Ideen verfocht, später einem Rufe als Professor nach Charkow folgte, aber wegen seiner liberalen Gesinnungen Rußland verlassen mußte und sich wiederum nach Jena wandte? Dort war er längere Zeit akademisch thätig und starb nach dreizehnjährigen Leiden am 13. Januar 1834. Armuth und Elend standen bis zuletzt an seinem Lager. Ehre dem Andenken dieses gesinnungstüchtigen Mannes!

J.




[792]
Das Gänse-Liesel.


Die Gartenlaube (1872) b 792.jpg

Die Gänse-Königin.
Originalzeichnung von Stelzner in München.

Huhle, Huhle Gänschen,
Wackelt mit den Schwänzchen!
Ei, ihr wißt doch, was ich bin?
Bin ja die Frau Königin;
Ihr seid meine Kinder.
Gihkgahk, Juch!

Du bist meine Blaue,
Du bist meine Graue,
Räpple mit dem schwarzen Kopf,
Schimmel mit dem weißen Schopf
Und mein Hoftrompeter.
Gihkgahk, Juch!

Und da steht ihr alle Fünfe
Ohne Schuh’ und ohne Strümpfe.
Wie ist’s auf der Welt so schön,
Daß die Gänse barfuß geh’n
Selbst am lieben Sonntag!
Gihkgahk, Juch!

[793]

Kommt ein nasser Regen,
Donnert’s – meinetwegen!
Laufen wir doch nicht davon,
Liesel sitzt auf ihrem Thron
Wie der König David.
Gihkgahk, Juch!

Huhle, huhle Schnäbel,
Kommt der Herbst mit Nebel,
Gebt ihr Braten, Gänsefett,
Weiche Federn für das Bett,
Freu’n sich alle Kinder!
Gihkgahk, Juch!

Legt euch Pfarrers Hanne
In die schöne Pfanne,
Steckt euch Beifuß in den Bauch,
Freut sich der Herr Pfarrer auch,
Sagt, ihr wäret prächtig!
Gihkgahk, Juch!

Huhle, huhle Gänschen,
Wackelt mit den Schwänzchen!
Freuet euch, denn daß ihr’s wißt:
Wenn euch der Herr Pfarrer ißt,
Kommt ihr auch in Himmel!
Gihkgahk, Juch!

 Fr. Hfm.




Der deutschen Jugend Weihnachtsbüchertisch.


Von Gustav Wustmann.


I.


Unter allen Gaben, mit denen die Mutter den Weihnachtstisch ihrer Kinder schmückt, macht ihr wohl keine so viel Sorge und Kopfzerbrechen, als die bösen Bücher. Es ist nicht zu viel gesagt: die meisten Mütter stehen dieser Sorge rathlos gegenüber. Sie kaufen Bücher ein, etwa so wie sie Schnittwaaren einkaufen: sie gehen eben in den Laden, lassen sich vorlegen und suchen sich aus. Welche Mißgriffe sie dabei thun, das werden sie in der Regel viel zu spät gewahr, wochenlang nach dem Feste, manchmal auch nie. Wer in die Buchhandlung geht, der muß genau wissen, was er will. Wir meinen nicht etwa, daß die Mutter sich aus einem jener seitenlangen Verzeichnisse von Jugendschriften Raths erholen soll, die unseren „Weihnachtskatalogen“ beigegeben sind; erstens ist mit bloßen Büchertiteln gar nichts anzufangen, und sodann steht dort das Beste und das Schlechteste kunterbunt durcheinander. Auch auf Reclamen in den Zeitungen ist nicht das Allermindeste zu geben; da preist eben Jeder seine Waare an oder läßt sie anpreisen. Vielmehr kommt Alles darauf an, daß man an die ungeheure und auf den ersten Blick fast sinnverwirrende Masse von Jugendschriften nicht ganz grundsatzlos herantrete, daß man ein paar einfache und richtige Principien mitbringe, an denen man dann aber auch unverbrüchlich festhält. Möchte eine Mutter wohl die kleine Mühe scheuen, die es kostet, um diese paar Grundsätze zu gewinnen? Wenn nicht, dann folge sie uns.

Die Jugendliteratur bewegt sich, wie alle literarischen Erzeugnisse überhaupt, auf drei Gebieten: Wissenschaft, Poesie und bildende Kunst. Von der ersteren und von der letzteren wollen wir das nächste Mal reden; heute zunächst von der Poesie.

Es liegt in der Natur der Sache, daß von den drei Dichtungsarten, die es giebt, die dramatische Dichtung so gut wie gar nicht, die lyrische nur in beschränktem Maße, dagegen die epische voll und ganz der Jugend gehört. Das eigentliche poetische Lebenselement der Jugend, und zwar nicht blos des einzelnen Menschen, sondern auch ganzer Völker, so lange sie auf der Stufe der Kindheit stehen, ist die epische, das heißt die erzählende Dichtung. Ob sie in Prosa oder in Versen geschrieben sei, darauf kommt es gar nicht an; wir nehmen den Begriff hier natürlich im weitesten Sinne.

Ist die Zeit gekommen, wo die Jugend an Lyrik und Drama herangeführt werden darf, so giebt man ihr sogleich das Beste und Classischste in die Hand, das unsere Literatur besitzt. Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, den Knaben auf die Lectüre von Schiller’s „Tell“ oder das Mädchen auf den Genuß von Lessing’s „Minna“ durch besondere für Kinder gedichtete Schauspiele vorbereiten zu wollen. Die vereinzelten Versuche, die allerdings nach dieser Richtung hin gemacht worden sind – denn wo ist eine Thorheit, die nicht einmal begangen worden wäre? – sind so einfältig und abgeschmackt, daß sie gar nicht in Betracht kommen können. Noch weniger, sollte man meinen, könnte irgend ein urtheilsfähiger Mensch die Jugend zum Verständniß Goethe’scher und Uhland’scher Gedichte durch das Medium einer besonderen Kinderlyrik leiten wollen. Die beste Vorbereitung auf einen verständnißvollen Genuß unserer classischen Lyrik fließt immer und ewig aus jener Quelle, aus der unsere größten Lyriker selbst auf ihre dichterische Production sich gleichsam vorbereitet haben, aus dem Volksliede. Indeß macht man schon hier die befremdende Beobachtung, daß diese einfache und natürliche Wahrheit überaus häufig verkannt wird. Unsere Bilderbücher, und namentlich die ordinäre colorirte Waare, wimmeln ja geradezu von den albernsten und fadesten Kinderverschen, und viele Eltern sind noch obendrein einfältig genug, dieses Zeug, welches das Papier nicht werth ist, auf dem es gedruckt steht, die armen Kleinen auswendig lernen zu lassen. Ganz zu geschweigen von der jammervollen Poesie, die zum Theil jetzt in den sogenannten Kindergärten im Schwange ist, zu geschweigen von der erbaulichen Gesangbuchslyrik, mit der die Kinder vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre massenhaft gefüttert werden, und die für Tausende unter ihnen vielleicht die einzige Lyrik bleibt, die sie je im Leben zu kosten bekommen.

So bliebe denn noch die erzählende Dichtung übrig. Aber weiß der Himmel, wie es zugeht, auf diesem Gebiete der Poesie, wo man es doch nun am allerwenigsten erwarten sollte, ist man wunderlicher Weise fast allgemein in der Ansicht befangen, daß die Jugend hier einer umfänglichen Vorbereitung für die Genüsse des reifern Alters bedürfe. Beweis dafür: die tausend und abertausend speciell für die Jugend gemachten und ausgestatteten Kindergeschichten.

Fragen wir uns einfach, ob diese Kindergeschichten berechtigt sind und ob sie nöthig sind. Berechtigt würden sie dann sein, wenn sie den Anforderungen genügen, die man an jede gute und classische Erzählung stellen darf; nöthig würden sie sein, wenn unter der allgemein für classisch geltenden Literatur sich keine erzählenden Dichtungen fänden, die für die Jugend geeignet sind.

Wir antworten zunächst auf die Frage nach der Berechtigung. Mit dieser Berechtigung sieht es nun freilich sehr schlimm aus. Von Goethe stammt der Ausspruch, „daß für die Jugend das Beste gerade gut genug“ sei. Leider wird dies köstliche Wort so oft von Unberufenen in den Mund genommen, so oft als Aushängeschild gemißbraucht, um das Allerschlechteste damit anzupreisen, daß man sich fast scheuen möchte, es noch anzuführen. Wir führen es trotzdem an, aber wir dringen auch darauf, daß die Forderung, die darin aufgestellt ist, mit aller Tiefe erfaßt und mit aller Strenge durchgeführt werde. Wie müßten darnach unsere Jugenderzählungen, unsere Kindergeschichten beschaffen sein, und wie sind sie beschaffen?

Ein echter erzählender Stoff für die Jugend soll vor allen Dingen bedeutend sein, damit ihm das freie Interesse der Jugend entgegenkomme; er soll nicht blos einen bedeutenden, über die gemeine Wirklichkeit erhabenen Hintergrund haben, sondern es sollen sich auch bedeutende und scharf individualisirte Gestalten von diesem Hintergrunde abheben. Unsere Kindergeschichten aber sind uninteressant, unbedeutend, trivial, sie spielen auf einem höchst alltäglichen Hintergrunde, und die Gestalten, die darin vorgeführt werden, sind Dutzendmenschen des gewöhnlichsten Schlages. Die Hauptmasse aller unserer Jugenderzählungen machen ja jene völlig werthlosen und nichtsnutzigen Familiengeschichten aus, in denen irgend ein biedrer Onkel oder eine reiche Tante die Hauptfiguren [794] sind, jene Geschichten, bei denen uns immer die Worte auf der Zunge schweben, mit denen Schiller in seiner Parodie „Shakespeare’s Schatten“ die Iffland’schen Familienstücke geißelte:

„Aber ich bitte Dich, Freund, was kann denn dieser Misere
     Großes begegnen, was kann Großes durch sie denn geschehn?“

Und welcher Mißgriff ist es nun vollends, in diesen Erzählungen die liebe Jugend selbst in den Vordergrund zu stellen und sie redend und handelnd auftreten zu lassen! Wahrlich, der versteht sich schlecht auf das Kindesherz, der sich einbildet, daß Kinder sich nur im Mindesten für ihresgleichen interessiren, daß sie im Stande seien, das Leben und Treiben der Kinderwelt objectiv zu betrachten, oder gar, daß jene moralischen und unmoralischen Paradekinder, der „fleißige Anton“ und der „ehrliche Karl“ und das „naschhafte Käthchen“ und wie sie Alle heißen, dem kindlichen Gemüthe nur die geringste Theilnahme entlocken können.

Eine gute Erzählung soll weiterhin lehrreich sein; unsere Kindergeschichten aber sind aufdringlich lehrhaft. In aller Literatur sind zwischen Poesie und Wissenschaft scharfe Grenzen gezogen, und Jeder, der diese beiden Gebiete vermengen wollte, würde sich unrettbar lächerlich machen. In der Kunsttheorie nimmt die didaktische, das heißt die lehrhafte Dichtung den untersten Rang aller Poesie ein, sie ist eigentlich gar keine Poesie mehr. Blos in den Jugenderzählungen glaubt man wunder was zu thun, wenn man auf Tritt und Schritt belehrenden Stoff hineinstreut, und so werden jene zahllosen widerwärtigen Bücher fertig, mit deren Hülfe im Rahmen einer gleichgültigen Erzählung aller mögliche geschichtliche, geographische und naturwissenschaftliche Stoff der Jugend „spielend beigebracht“ werden soll. Zum Belehren sind Lehrbücher da, aber nicht die Poesie. Wer je mit Knaben oder Mädchen von sechszehn, siebzehn Jahren Goethe’s „Hermann und Dorothea“ gelesen, der wird wissen, wie unendlich lehrreich diese Dichtung für die Jugend werden kann; aber wo ist auch nur die leiseste Spur zu finden, daß der Dichter Jemanden damit habe belehren wollen?

Eine echte Jugenderzählung soll ferner der allezeit regen Phantasie des Kindes in maßvoll schönen Bildern und Vorstellungen Nahrung geben; unsere Kindergeschichten aber überbieten sich förmlich darin, die kindliche Einbildungskraft mit unwahren, aufregenden Zerrbildern anzufüllen. Man sehe nur diese Robinsonaden an, die ungeschickten, übertriebenen Nachahmungen des echten, alten Robinson, diese Indianergeschichten, diese Nordpolfahrten, diese Jagdabenteuer, diese Wüstenbilder: welche haarsträubenden, schaudererregenden Scenen drängen da einander! Ein einzelner Mensch fünf Löwen oder einer Rotte Rothhäuten oder einem ganzen Rudel Eisbären gegenüber – um ein Geringeres thun es diese Geschichten nie.

Und so ließen sich noch gar mancherlei unerfüllte Wünsche aufzählen. Eine gute Erzählung soll sittlich bildend sein, indem sie durch die vorgeführten Handlungen ganz von selbst das Urtheil der Kleinen über Gut und Böse, über Recht und Unrecht herausfordert; unsere Kindergeschichten aber wimmeln von flachen moralischen Gemeinplätzen, so daß man jeden Augenblick die Absicht merkt und verstimmt wird; sie sollen in einfacher, echt kindlicher Sprache erzählt sein, aber sie verfallen in ein kindisches Plärren und Stammeln; sie sollen von echtem Humor durchleuchtet sein, aber sie ergehen sich in platten Späßen; sie sollen voll frischer, unverfälschter Empfindung sein, aber sie sind übertrieben gefühlvoll und sentimental und, anstatt das Gefühl zu wecken, setzen sie Gefühle voraus, die das Kind, glücklicher Weise noch gar nicht hat.

„Ja ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns darüber;
     Aber der Jammer auch, wenn er nur naß ist, gefällt,“

heißt es bei Schiller in dem erwähnten Gedichte, und auch dies paßt auf unsere Jugendschriften so gut wie auf die Iffland’schen Rührstücke.

Es ist ein trübseliges Bild, das wir da zeichnen, aber ein Bild, das der Wirklichkeit sehr, sehr nahe kommt. Es soll nicht geleugnet werden, daß gar manche dieser erfundenen Kindergeschichten den einen oder anderen der genannten Fehler vermeidet; aber es ist ganz entschieden zu leugnen, daß es unter tausenden auch nur eine giebt, die allen den genannten Ansprüchen genügte. Denn um das zu können und um alle die angeführten Bedingungen zu erfüllen, dazu gehört freilich nicht mehr und nicht weniger, als daß man ein poetischer Genius oder mindestens ein poetisches Talent ersten Ranges sei. Das kann man aber doch von unseren Jugendschriftstellern und ‑Schriftstellerinnen schwerlich voraussetzen.

Wer sind sie denn, diese erzählenden Dichter der Jugend? Im günstigsten Falle sind es wohlmeinende Lehrer oder Pfarrer, die vielleicht wirklich der ehrlichen Ueberzeugung leben, daß sie ein gutes Werk stiften und sich eine Stufe in den Himmel erbauen, wenn sie die ungeheure Fluth überflüssiger Kindergeschichten noch um ein paar vermehren. Oder aber es sind von der Feder lebende Literaten, die, weil sie unfähig sind, für das reife und gebildete Publicum zu schreiben, ihre geistesarmen Erzeugnisse nun den Unmündigen anbieten zu dürfen glauben, oder die auf Bestellung die Kindergeschichten dutzendweise aus den Aermeln schütteln; denn aus purem dichterischem Drange und ohne Hunger zu haben schreibt ganz gewiß Niemand in einem Athem „Hundert moralische Erzählungen“. Oder endlich – und das ist das Schlimmste –, es sind schriftstellernde Blaustrümpfe, denen die Langeweile und die bodenloseste Eitelkeit die Feder in die Hand drückt. Wir begehen wohl keine Indiscretion, wenn wir hier wörtlich anführen, was uns im vorigen Jahre einer der hervorragendsten deutschen Jugendschriftenverleger schrieb: „Es ist ein in Deutschland sehr verbreiteter Irrthum, das Schreiben von Jugendschriften für leicht zu halten; so sind namentlich unzählige adelige Damen in dem Irrthume befangen, sie seien zu dieser Beschäftigung berufen. Alle Jahre erhalte ich eine ganze Menge solcher Manuscripte eingeschickt, welche meistens, nachdem ich zwei bis drei Seiten mit geringer Befriedigung durchlesen, ‚unter höflichem Danke‘ zurückwandern. Vielen dieser Sachen begegne ich dann später im Sortimentsladen wieder, ein Beweis, daß sie trotz ihres schwachen Gehaltes doch einen Verleger gefunden haben.“

So also sieht es mit der Berechtigung dieser gemachten Kindergeschichten aus. Wie aber steht es mit ihrer Nothwendigkeit?

Und wenn ein Knabe noch so viel von der freien Zeit, die ihm die Schule läßt, über den Büchern säße, er würde nicht im Stande sein, alle die Bücher zu lesen, worin jene echten und wahren Kindererzählungen niedergelegt sind, die alle die oben aufgestellten Forderungen im vollsten Maße erfüllen. Und welche Erzählungen das sind? Nun, es sind vor Allem jene ewigen und unvergänglichen, wahrhaft classischen Erzählungsstoffe, die nicht blos der Jugend, aber der Jugend vor Allem gehören: die Volksmärchen und die Volkssagen, und zwar nicht die deutschen allein, sondern die aller Zeiten und Völker.

So lange das Kind nicht selber lesen kann, muß ihm die Poesie durch „mündliche Tradition“ und natürlich am liebsten durch den Mund der Mutter vermittelt werden. Aber wie viele Mütter giebt es denn noch heutzutage, die ein echtes Volksmärchen, wie die Sternthaler, Hühnchen und Hähnchen, Rothkäppchen, Schneewittchen u. a., unverkürzt und unverfälscht ihren Kindern erzählen können? Wie viele sind es denn, die jene unendliche Fülle echter Kinderpoesie noch im Gedächtniß haben, die in an den kleinen Wiegenliedern (Schlaf’, Kindchen, schlaf’), Tanzliedern (Buko von Halberstadt), Reiterliedern (Schacke, schacke, Reiterlein), Fingerspielen (Backe, backe Kuchen, oder: Da hast en Daler), Kinderpredigten (Ihr Diener, meine Herr’n, Aeppel sind keine Bern) und Kinderräthseln (Erst weiß wie Schnee) enthalten ist? Alle diese Märchen, Lieder, Sprüche, Räthsel, in denen viel mehr Geist steckt, als in den albernen Kinderversen unserer bunten Bilderbücher, findet die Mutter beisammen in dem Buche von Dittmar, „Der Kinder Lust“ (1 Thlr.). Das mag sie sich selber bescheeren, denn sie bescheert es dann auch ihren Kindern mit.

Das erste Lesebuch, welches jedes deutsche Kind, Knabe wie Mädchen, auf seinem Weihnachtstische finden sollte, sind die Kindermärchen, die die Gebrüder Grimm gesammelt haben (Dümmler, 15 Sgr.). Reichere mögen außerdem die Auswahl daraus kaufen, welche, hübsch illustrirt, bei Thienemann in Stuttgart erschienen ist (2 Thlr.). Bechstein’s Märchenbuch enthält zwar auch echte Volksmärchen, ist aber nicht eigentlich für Kinder bestimmt, noch weniger die künstlich gemachten Märchen von Musäus und Andersen. Mädchen sind ja oft bis in’s Backfischalter hinein wahre Märchentigerinnen und verschlingen gierig Alles, was Märchen heißt; ihnen mag man denn auch, wenn sie etwas reifer sind, nach Grimm noch andere Sammlungen [795] in die Hand geben, nur lasse man des Guten nicht zu viel werden.

An die Märchen schließen sich die Deutschen Volksbücher an, die G. Schwab für Jung und Alt in prächtiger Weise wiedererzählt hat (Bertelsmann, 31/3 Thlr.). Dieses viel zu wenig gekannte Buch enthält die Geschichten vom gehörnten Siegfried, von der schönen Magellone, dem armen Heinrich, Genovefa, Robert dem Teufel, den Schildbürgern, den Haymonskindern, der schönen Melusine, Doctor Faust, Fortunat und seinen Söhnen u. A. und ist mit 180 trefflichen Holzschnitten von O. Pletsch, W. Camphausen, Th. Grosse u. A. geziert. Wer es irgend erschwingen kann, der kaufe es; wenn es erst die Kinder haben, so werden es die Eltern selber mitlesen wollen; davon sind wir fest überzeugt. Neben den Volksbüchern ist auch der alte Raspe’sche „Münchhausen“ nicht zu verachten, wie er in der deutschen Bearbeitung von F. Hoffmann, hübsch illustrirt, vorliegt (Thienemann, 11/2 Thlr.).

Für die deutsche Heldensage verweisen wir auf die guten Bearbeitungen von Osterwald, die unter dem Titel „Erzählungen aus der alten deutschen Welt“ in der Buchhandlung des Halleschen Waisenhauses erschienen sind. Bis jetzt liegen acht Bände (à 20 bis 25 Sgr.) vor; der erste enthält die Gudrun, der zweite die Nibelungen, der fünfte und sechste den Parcival etc. Es sind schlichte, gelbcartonirte Bände ohne alles bestechende Aeußere, aber es braucht sich Niemand durch ihr einfaches Kleid abschrecken zu lassen.

Auch für die griechische Heldensage machen wir vor Allem auf die Jugendbibliothek des Halle’schen Waisenhauses aufmerksam. Dort hat erstens Masius die allbekannten Becker’schen „Erzählungen aus der alten Welt“ in drei Bänden wieder neu herausgegeben (1. Ulysses, 2. Achill, 3. Hercules und andere kleinere Erzählungen, zusammen 2 Thlr.) und sodann Osterwald den Inhalt der erhaltenen Schauspiele der drei großen griechischen Tragödiendichter Aeschylos, Sophokles und Euripides zu trefflichen Erzählungen umgestaltet. Auch von diesen liegen bis jetzt acht Bände vor (12 bis 18 Sgr.).

Außerdem aber nennen wir als gute Bearbeitungen der hellenischen Heldensage für Kleinere: Schneider’s „Heldensagen“ (Scheermesser, 20 Sgr.) und Niebuhr’s „Heroengeschichten“ (Perthes, 16 Sgr.); für Reifere: Stoll’s „Sagen des classischen Alterthums“ (Teubner, 2 Thlr. 12 Sgr.), und für fähige Köpfe, die auch größere Massen von Detail verdauen können: Schwab’s „Sagen des classischen Alterthums“ (Bertelsmann, 3 Thlr. 18 Sgr.).

Auch von orientalischen Sagen giebt es einige gute Darstellungen für die Jugend, namentlich die von L. Grimm bearbeiteten Märchen der „Tausend und einen Nacht“, vorzüglich illustrirt (Gebhardt, 23/4 Thlr.) und die „Morgenländischen Erzählungen“ von Lauckhard (Brill, 11/3 Thlr.).

Von Bearbeitungen der Thiersage endlich sei insbesondere der „Reineke Fuchs“ von Schmidt (Kastner, 1 Thlr.) und der „Froschmäusekrieg“ von Mensch (Kröner, 1 Thlr. 12 Sgr.) angelegentlichst empfohlen.

Außer diesen dem Volksepos angehörigen Stoffen ist es noch eine kleine Reihe classischer Romane und Erzählungen, deren Verwendbarkeit für die Jugend man längst erkannt hat, und die daher in guten Bearbeitungen der Jugend zugänglich gemacht worden sind. Merkwürdiger Weise gehören sie sammt und sonders nicht der deutschen, sondern der ausländischen Dichtung an. Die hervorragendste Erscheinung dieser Gruppe ist und bleibt Defoe’s „Robinson“. Ein Stück Culturgeschichte der Menschheit, welches Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende umspannt, in dem Leben eines einzelnen Menschen sich wiederholen zu lassen, den ein unseliges Geschick von allen Mitteln der Cultur entblößt den rohen, ungebändigten Naturkräften gegenüber und so noch einmal gleichsam an den Anfang aller Dinge stellt, – über die großartige pädagogische Bedeutung dieses Stoffes hat nie ein Zweifel geherrscht. Unter den neueren Bearbeitungen ist uns aus mehr als einem Grunde immer als die vorzüglichste erschienen die von Gräbner (Verlag für erziehenden Unterricht, 11/6 Thlr.). Neben dem Urrobinson verdient namentlich der alte „Schweizerische Robinson“ von J. D. Wyß Beachtung, der dadurch, daß er eine ganze Familie an Stelle des einzelnen Menschen setzt, Gelegenheit findet, wesentlich andere Motive zu entfalten, als der Urrobinson; er liegt neuerdings in einer hübschen Bearbeitung von Bonnet vor (15/6 Thlr.). Außer dem Robinson empfehlen wir noch „Gulliver’s Reisen“ von J. Swift, das Urbild aller Riesen- und Liliputergeschichten, in der gut illustrirten Bearbeitung von F. Hoffmann (Thienemann, 11/2 Thlr.), oder von Seifert (Kröner, 1 Thlr.), sodann den „Don Quixote“ des Cervantes, ebenfalls von F. Hoffmann oder von Seifert herausgegeben (Thienemann, 11/2 Thlr.; Kröner, 1 Thlr.), und endlich Cooper’s allbekannte Lederstrumpferzählungen in verschiedenen Ausgaben (Oehmigke, 1 Thlr.; Schmidt und Spring, 23/4 Thlr.; Gebhardt, 21/12 Thlr.).

So lange die Jugend nicht die genannten Erzählungsstoffe kennen gelernt hat, so lange sollte man sie mit allen künstlich gemachten und ersonnenen Kindergeschichten moderner Jugendschriftsteller verschonen. Wir sind durchaus nicht gewillt, das Kind mit dem Bade auszuschütten und alle diese erfundenen Jugenderzählungen in Bausch und Bogen zu verdammen. Es giebt schon mancherlei brauchbare darunter, um deren willen man von den oben aufgestellten Principien einmal abgeht und einen Pflock zurücksteckt; aber verhältnißmäßig ist ihre Anzahl noch immer sehr beschränkt, und daher muß man im Großen und Ganzen zur Vorsicht rathen.

Der Geschmack an der echten und wahren Poesie wird, wenn man die Kinder mit schlechten Fabrikaten füttert, unglaublich rasch ruinirt. Die naturgemäße und unausbleibliche Fortsetzung dieser schlechten Jugenderzählungen bildet dann, wenn die Kinder herangewachsen sind, die schlechte, seichte und künstlich aufregende Romanliteratur; die Fortsetzung der guten dagegen bilden ganz von selbst die Werke unserer classischen Dichter. Leider ist es eine Thatsache, daß die Popularität unserer classischen Dichter durchaus nicht mit der Wohlfeilheit ihrer Schriften gewachsen ist. Seitdem Lessing, Goethe, Schiller für wenige Groschen zu haben sind, seitdem werden sie zwar mehr gekauft, aber ganz entschieden weniger gelesen, als früher.

So viel von der Poesie. Das nächste Mal von der Wissenschaft und der bildenden Kunst und – noch von etwas ganz Anderem.




Blätter und Blüthen.


Lumpentuch. Bis vor Kurzem pflegten, nach dem Gesetze, dem alles Endliche unterworfen ist, unsere Kleider zu Lumpen zu werden, jetzt werden im Gegentheile, und zwar im buchstäblichen Sinne des Wortes, unsere Lumpen zu Kleidern. Der Gebrauch ist von England aus auch zu uns, in unsere Wollindustriegebiete, nach den Rheingegenden, nach der Niederlausitz, nach Mähren und andern Gebieten verpflanzt worden, indeß noch immer wesentlich heimisch in England. Ein großer Theil jener mannigfaltigen, zwar meist nicht sehr geschmackvollen, doch praktischen Zeuge, aus denen unsere gegenwärtig so beliebten und verbreiteten sogenannten Touristenanzüge hergestellt werden, jenes modische Grau in Grau mit allerhand unbestimmten Schattirungen in’s Blaue, Gelbe, Braune, Rothe, Grüne, welches die derzeitige männliche Menschheit wie permanente Wehklagende in Sack und Asche erscheinen läßt, besteht in allem Ernste aus den Lumpen abgetragener Röcke und Hosen, Westen und Halstücher und wird mit dem allgemein angenommenen Ausdrucke Shoddy belegt. Unter dem Worte Shoddy aber versteht der Engländer etwas Unechtes oder Nachgemachtes; so bezeichnet er unter andern mit Shoddy-Aristokratie jene nordamerikanischen Parvenus, die, im Handel mit Petroleum, mit Alteisen, Knochen und dergleichen reich geworden, in New-York, in Baltimore, in Philadelphia und andern großen Städten der Vereinigten Staaten das Leben der vornehmen Welt nachäffen, den Luxus von continentalen Feudalherren zu überbieten suchen, in Manieren und Wissen, in Denk- und Sinnesweise jedoch immer nur das gebildete Hausknechtsthum repräsentiren, wie sich der Berliner treffend ausdrückt. Shoddywolle nun ist einfach schon gebrauchte Wolle; fügt man ihr eine angemessene Portion neuer Wolle hinzu, so können aus dem Gemisch ganz dauerhafte Kleidungsstücke fabricirt werden, die manchen derben Puff vertragen, ohne ihren etwas unappetitlichen Ursprung allzu deutlich zu offenbaren.

Schon zu Anfange dieses Jahrhunderts richtete sich die Aufmerksamkeit der Yorkshirer Tuchfabrikanten in Batley, Bradford, Leeds etc. auf den Gegenstand. Wie allerwärts, so gingen auch in England alte Lumpen, alte Teppiche und Strümpfe ohne Weiteres in die Müllgrube oder in den Müllkasten, bis einige kluge Industrielle auf den Gedanken kamen, daß den Fasern der dergestalt hinweggeworfenen Kleidertrümmer noch etwas von ihrer einstigen Stärke und der eigenthümlichen Filzkraft, welche dem Wollgewebe seine Festigkeit verleiht, innewohnen möchte. Allein wie sollte man diese noch brauchbare Wolle aus den ekelhaften, schmutzigen, fettigen Fragmenten herausziehen, wie Faser von Faser sondern? Man construirte


Hierzu der „Weihnachtsanzeiger“, Extrablatt der „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Co.

[796] Maschinen und errichtete Fabriken einzig und allein zu diesem Behufe. Die Manipulation mußte aber von allen übrigen Proceduren der betreffenden Etablissements ganz abgetrennt gehalten werden, weil Staub und Unreinlichkeit dieser Lumpen wirklich unbeschreiblich sind und die neue Wolle gefährdet haben würden. Nannte man doch die verworrenen Fasern anfangs nicht anders als Teufelsstaub.

Nehmen wir an, eine sparsame Hausfrau verkauft alle ihre wollenen Lumpen, anstatt sie, wie früher, dem Kehricht zu überantworten. Die verschiedenen Händler, denen sie den Abgang überläßt, finden wieder ihre verschiedenen Abnehmer. Säume und sonstige unregelmäßige Knoten und Erhöhungen werden abgetrennt und entweder zu Flocken für Kissen- und Matratzenfüllung, oder auch zu grobem Pack- und Löschpapier, selbst zur Potaschenbereitung verwandt. Blos die von Knoten und Säumen freien glätteren Stücke wandern in die Fabriken Yorkshires, wo sie zu Shoddy auseinandergezupft werden. Allein wie bei den meisten Dingen, so giebt es auch hier mehrere Grade von Vorzüglichkeit. Die erste Qualität heißt Mungo, die zweite ist unser Shoddy, die dritte und letzte das sogenannte Extract. Das Mungo besteht aus den Resten wirklich guten Wolltuchs; das allerbeste aus eigentlich neuen Lappen selbst, Abfällen vom Schneidertische, welche zu klein sind, um als Proben für die Musterreiter dienen zu können. Shoddy erhält man aus geringeren Zeugen, aus alten Teppichen, Tischdecken, Flanell- und Strumpffetzen, während das Extract der wollene Bestandtheil aus gemischten Stoffen ist, deren Kette von Baumwolle gebildet wird. Diese Wollbestandtheile von den übrigen zu scheiden, muß man die Chemie in Anspruch nehmen. Gewisse Säuren, einige Alkalien und Salze haben die Eigenschaft, die Baumwolle zu zerstören, die Wolle aber unversehrt zu lassen; aus diesem Grunde hat man dem Producte den Namen Extract gegeben.

Die Verarbeitung der Lumpen zu Shoddy und Mungo geschieht auf ziemlich gewaltsamem Wege. Man wirft das Lappenchaos in eine Maschine, deren Inneres mit Tausenden von Zähnen gespickt ist, welche gegen- und ineinander arbeiten und die Lumpen in einzelne Fasern zerreißen, sehr kurze Fäden, die aber doch lang genug sind, die sonstigen Manipulationen auszuhalten. Eine einzige Maschine ist im Stande, im Laufe eines Tages fünfhundert, ja tausend Centner solchen Zeugs zu liefern. Doch welcher Staub dabei! Millionen von Atomen lassen sich auf dem Boden der Maschine nieder, eben so viele Millionen finden indeß durch die Lücken und Spalten des Mechanismus ihren Weg in die Fabrikräume. Was man hiergegen auch bis jetzt versucht hat, es ist unmöglich, dieser entsetzlichen Staubatmosphäre Herr zu werden. Gar viele Fabrikstädte Yorkshires, namentlich Batley, wissen ein Lied davon zu singen, und da die Lumpen in erster Stelle einen höchst übeln Geruch ausathmen, so kann man sich denken, von welchen Düften die Staubluft erfüllt sein mag. Dennoch geht auch dieser widerwärtige Staub nicht verloren; ist er von einerlei Farbe, so wird er, so weit er sich sammeln läßt, zur Fabrikation grober Löschpapiere benutzt. Ist er dagegen gemischt und ungleichartig, so giebt er immer noch ein vortreffliches Düngemittel ab.

Shoddy, Mungo und Extract werden, wie wir wissen, zu Tuch verarbeitet, nicht allein jedoch. Die schon einmal gebrauchte Wolle hat ja so viel von ihrer ursprünglichen Filzkraft eingebüßt, daß ein nur aus ihr bereitetes Stück Tuch binnen Kurzem auseinander fallen würde. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, nimmt man einen gewissen Antheil neue Wolle hinzu, und in dieser Mischung liegt das Charakteristische der merkwürdigen Lumpentuchfabrikation. Das Verhältniß zwischen neuem und altem Rohstoffe läßt sich nicht genau reguliren; man kann zehn Theile von ersterem auf nur einen Theil von letzterem verwenden, aber auch zehn Theile von letzterem und blos einen Theil von ersterem, oder gleiche Theile von beiden nehmen, kurz die Mischung völlig nach Gutdünken einrichten. Ueberdies kommt es auch nicht selten vor, daß der Fabrikant nur die Kette aus diesem Gemenge bestehen läßt und zum Einschlag Baumwolle wählt; derart entsteht ein wahres Labyrinth von Stoffen, die sämmtlich nach Qualität und Gattung von einander verschieden sind und eine dem Gedächtniß schwer einzuprägende Menge von Bezeichnungen empfangen haben. Da zählt die britische Wollindustrie Tweeds oder Cheviots auf, aus denen meistens Touristenanzüge angefertigt werden; Bärenfelle oder Hirschhäute, Biber und Petershams für Ueberröcke; Pilots für Schifferjacken; Witneys zu Mänteln und Havelocks; Mohairs und Alpaccas; farbige Decken für Neger und Pelzjäger; Tuche für Sträflinge und Polizisten, für Land- und Seemacht und viele Sorten von Kleiderstoffen sonst noch, und sie alle bestehen mehr oder minder aus Mungo oder Shoddy. Demnach kann man behaupten, daß unser gesammter äußerer Mensch eben so sehr Shoddy ist, wie Ton und Art unserer Gesellschaft, wie das Gebahren von Vornehm und Gering: eitel Schein und Trug.

So lange das Verhältniß von Shoddy und Mungo zur neuen Wolle in gewissen Schranken bleibt, so lange läßt sich gegen die Verwendung dieser schon einmal benützten Wollfasern gewiß nichts einwenden; im Gegentheil ist diese Wiederanwendung ein großer volkswirthschaftlicher Fortschritt. Ueberwiegt aber der Lumpen den neuen Rohstoff in allzu beträchtlichem Maße, so stellt sich die Frage freilich anders. Alsdann wird das Verfahren entschiedene Täuschung oder Fälschung, weil es der Welt Sand in die Augen streut, indem es ihr ein Product liefert, welches sich für Anderes und mehr ausgiebt, als es in Wahrheit ist. Wer sich bei seinem Schneider einen feinen Rock von gutem Tuch bestellt und dafür ein vielleicht äußerlich sehr in’s Auge fallendes, aber bald wie Spinnweben zerflatterndes Dunstgebilde erhält, der ist sicher vollkommen berechtigt, auf Betrug zu klagen. Und in der That ist unter den vielen Fälschungen und Betrügereien, deren sich leider die neuere Industrie schuldig macht, das Shoddy- oder Lumpentuch eine der schlimmsten, weil das Publicum kaum ein Mittel in der Hand hat, sich dagegen zu schützen.

Welche Ausdehnung die Shoddyfabrikation allein in England gewonnen hat, mögen die nachstehenden Ziffern darthun. Vor fünf Jahren bereits verarbeiteten Yorkshirer Tuchmanufacturen jährlich weit über hundert Millionen Pfund Wolllumpen; heute muß das Quantum ein noch weit beträchtlicheres sein. Etwa vier Fünftel dieser Lumpen kommen aus Großbritannien selbst, den Rest schickt Deutschland, Dänemark und Holland. Auf dem Continente hat sich die Shoddyindustrie verhältnißmäßig nur wenig entwickelt, obschon man in den Eingangs erwähnten deutschen Industriebezirken bereits respectable Anfänge darin gemacht hat. Indeß wird die Mehrzahl unserer alten Kleider in Deutschland selbst wohl zu Shoddystoff verarbeitet, aber als solcher nach England verschifft und erst dort in Tuch verwandelt. In den sogenannten Ridings, den Fabrikdistricten Yorkshires, giebt es viele sehr bedeutende Großhandlungshäuser, die sich einzig und allein mit dem Vertriebe wollener Lumpen befassen, diese je nach ihrer Beschaffenheit sortiren lassen und dann an die verschiedenen Shoddyfabriken verkaufen. Uns selbst ist ein solcher Lumpenkönig bekannt, dessen Vermögen sich auf viele Millionen Pfund Sterling beläuft, ein rechtes Shoddy-Vollblut also.




In Deutschland verloren. Im Jahre 1859 hat der Kaufmann Hermann Huke aus Sondershausen sich nach Seesen im Herzogthum Braunschweig begeben, um eine „Tante“ zu besuchen. Von Seesen aus hat er mit Vorwissen der Letzteren einen Ausflug nach Hannover gemacht, in Voraussicht einer baldigen Rückkehr aber seine Effecten am ersteren Orte zurückgelassen. Leider ist diese Rückkehr nicht erfolgt und hat der p. Huke seit dem Tage seiner Abreise von Seesen keine Nachricht über sich gegeben, ja selbst die umfassendsten polizeilichen Recherchen nach seinem Verbleib sind erfolglos geblieben. Die Mutter desselben, eine schon betagte Wittwe, bittet in ihrer Ungewißheit über das Geschick ihres geliebten Sohnes nunmehr in diesem Blatte alle Diejenigen, welche irgendwelche Auskunft über Hermann Huke zu geben im Stande sein sollten, ihr unverzüglich durch die Redaction der Gartenlaube Nachricht zugehen zu lassen.




Zur Notiznahme für unsere Mitarbeiter. Wir ersuchen unsere geehrten Mitarbeiter, gefälligst für eine deutliche Schrift ihrer für die Gartenlaube bestimmten Manuscripte Sorge zu tragen, und zwar sowohl im Allgemeinen, wie besonders da, wo es sich um etwa im Texte vorkommende Eigennamen und Zahlen handelt; auch bitten wir, zur Erleichterung der Vertheilung der Arbeit an mehrere Setzer, die zweite Seite jedes Manuscriptblattes unbeschrieben zu lassen.




Kleiner Briefkasten.


Kz. Ihr Gedicht „Nord und Süd“ kann keine Berücksichtigung finden, weil es allzu incorrect in der Form ist. Sollen das Hexameter sein?

Frecks in New-York. Die dortige Handelszeitung giebt die Auflage zu niedrig an.

Abonnent in Baireuth. Laubfrösche füttert man auch im Winter mit Spinnen und Fliegen. Uebrigens begnügen sich diese Thiere mit wöchentlich einer Fliege oder Spinne gern.

R. in M–n. Ueber das Ausstopfen der Thiere ist uns nur ein Werk bekannt: „Boitard, Kunst Thiere auszustopfen, Quedlinburg, Basse“.

Abonnent in Bolken. Sonderbar – die Nummer, welche Sie so rundweg verdammen, wird just von allen Seiten apart bestellt, so daß wir eine größere Anzahl über die Auflage drucken ließen. Sind Ihre Bedenken nicht tendenziöser Natur?

A. Ernst. Artikel über die Börse willkommen!

L. W. in D. Zum Abdruck nicht geeignet.

R. D. in Berlin. Kann nicht verwandt werden.




Als eine der schönsten Gaben für das nahende Weihnachtsfest empfehlen wir angelegentlichst:

E. Marlitt,
Goldelse.
Roman.
Salon-Ausgabe.
Illustrirt von Paul Thumann.
Imp.-8. eleg. geb. mit Goldschn. 3½ Thlr.

Die ganz außerordentlichen Erfolge der Marlitt’schen „Goldelse,“ die nun schon in 19,000 Exemplaren verbreitet ist, haben den Verleger veranlaßt, eine illustrirte Salon-Ausgabe dieses Werkes zu veranstalten, welche unter den literarischen Festgeschenken für Freunde der Marlitt’schen Muse sowohl, wie für alle Liebhaber einer hochpoetischen, artistisch reich ausgestatteten Lectüre rasch eine vielbegehrte Erscheinung geworden ist.

Die Verlagshandlung von Ernst Keil in Leipzig.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. vermutlich der Tierhändler William Jamrach, Sohn von Charles Jamrach (1815–1891)