Die Gartenlaube (1872)/Heft 47

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[765]

No. 47.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Was die Schwalbe sang.


Von Friedrich Spielhagen.


(Fortsetzung.)


25.


Die Ueberfahrt nach der Insel dauerte heute ungewöhnlich lange. Der heftige Wind war umgesprungen und wehte gerade entgegen; das Boot war mit Menschen und Pferden überfüllt, man mußte vorsichtig laviren. Die Unterhaltung der Passagiere – Gutsbesitzer, Pächter von der Insel – drehte sich fast ausschließlich um die Rennen, die in wenigen Tagen beginnen sollten. Es würden die glänzendsten Rennen werden, die noch je stattgefunden. Es seien Pferde aus Schlesien, ja aus Ungarn gemeldet; Fürst Prora hätte sich wahrlich nichts vergeben, wenn er auch hätte laufen lassen. Der große Staatspreis sei um tausend Thaler erhöht; aber das Hauptrennen werde doch das Herrenreiten werden. Man habe anfangs geglaubt, daß von den vierundzwanzig gemeldeten Pferden nicht drei erscheinen würden, da bereits im Mai sechs aus Furcht vor Herrn Brandow’s Brownlock Reugeld gezahlt hätten; aber jetzt habe sich das Blatt gewendet, jetzt wollten Alle laufen lassen, denn daß der Brownlock das Moor nicht würde nehmen können, sei notorisch, und dann müsse er die Führung abgeben, um den Umweg zu machen, und könne es nicht mehr holen, da hinter dem Moore bis zum Pfosten nur noch ein unbedeutendes Hinderniß sei und auf freier Bahn es andere Pferde gut und gern mit ihm aufnähmen.

So sprachen die Männer, ihre Köpfe zusammensteckend, eifrig untereinander, während Regen und Sprühwasser über ihre breiten Schultern hinwehten, und Gotthold faßte an den Brief, den er in der Tasche trug. „Der Brownlock könne das Moor nicht nehmen, Brandow habe es selbst gesagt!“ er hatte Ursache, es zu sagen, und nicht blos, um die Wettlust seiner Gegner anzustacheln, wie Einer der Debattirenden gemeint hatte!

Endlich langte das Boot drüben an. Gotthold eilte in den Gasthof, sich einen Wagen nach Prora zu verschaffen. Die drei Wagen des Herrn Peters waren sämmtlich unterwegs, der eine könne bald zurückkommen, ja müßte eigentlich schon zurück sein; aber es sei ja kein Verlaß mehr auf die Knechte, der einzige Verläßliche, den er jemals gehabt, habe vor drei Wochen geheirathet, ein gewisser Jochen Prebrow aus Dollan, das heißt, nicht vom Gute, sondern aus der Schmiede, in deren Nähe neulich das Unglück passirt sei, von dem der Herr auch wohl gehört.

„Ja, mein Gott,“ rief Herr Peters, „aber das sind Sie ja selbst! Hätte ich Sie doch kaum wiedererkannt! Sie sehen ja noch blasser und kränker aus als vor drei Wochen, als Sie mit dem Herrn Assessor und dem Herrn Wollnow hier durchkamen. Ich habe noch vor ein paar Stunden mit Herrn Brandow wieder von der Geschichte gesprochen. Schade, daß Sie das Zwölf-Uhr-Boot verpaßten! Hätten ja mit Herrn Brandow weiter fahren können, der sich immer von hier mit eigenen Pferden abholen läßt. Und von dem Hinrich Scheel ist noch keine Spur; der Kerl ist gewiß seit drei Wochen unterwegs nach Amerika.“

Herr Peters mußte sich um seine andern Gäste bekümmern, von deren breitschulterigen Gestalten heute die große Gaststube überfüllt war. Gotthold hatte bereits neugierige Blicke auf sich gerichtet gesehen; vermuthlich hatte ihn Herr Peters als einen der Helden der Unglücksgeschichte auf der Dollaner Haide bezeichnet, die schon viel von sich hatte reden machen und von welcher jetzt, wo Brandow’s Name in Aller Munde war, mehr als je vorher geredet wurde. So verließ er denn den von Tabakrauch erfüllten Raum und trieb sich draußen in dem sprühenden Regen umher, bis endlich, nach einer Stunde ungeduldigsten Harrens, der versprochene Wagen kam – eine alte gebrechliche Chaise, vor welche glücklicherweise ein paar frische Pferde gelegt wurden. Herr Peters kam heraus, sich zu verabschieden und Gotthold zu sagen, daß er, bei der großen Nachfrage, das Fuhrwerk nicht für den gewöhnlichen Preis lassen könne. Gotthold willigte in die unverschämte Forderung und würde, um nur fortzukommen, noch mehr bewilligt haben.

„Ich sah es ihm gleich an, daß was im Gange ist,“ sagte Herr Peters zu seinen Gästen. „Vor zwei Stunden Brandow, jetzt Der; passen Sie Achtung: sie sind hinter dem Scheel her.“

„Dummes Zeug!“ sagte ein dicker Pächter; „Der ist längst, wo der Pfeffer wächst.“

„Ich denke, er hat sich das Leben genommen,“ meinte ein Anderer.

„Oder es ist ihm genommen worden,“ brummte ein Dritter.

Man steckte die Köpfe dichter zusammen. Daß Hinrich Scheel nicht die Früchte seines Verbrechens allein geerntet, ja möglicherweise ganz darum betrogen sei, war eine Ansicht, die sich im Publicum festgesetzt hatte, ohne daß die Sache eine bestimmte Gestalt annahm. Man wollte oder konnte auch diesmal keinen Namen nennen; im Gegentheil, die Sache wurde immer dunkler, [766] je länger man über dieselbe sprach und je häufiger die dicken kleinen Gläser mit dem grünlichen Liqueur geleert wurden. Herr Peters schaute vergnügt drein; es mochte unentschieden sein, wer von den Debattirenden zuerst nach einer Bowle seines berühmten Glühweins rufen würde; daß dieser Ruf aber innerhalb der nächsten fünf Minuten ertönen werde, war ganz gewiß. Herr Peters hatte schon durch das kleine Fenster, das nach der Küche ging, seiner Tochter, die am Herde stand, das betreffende Zeichen gemacht.

Unterdessen fuhr Gotthold hinein in den sprühenden Regen, der die ganze Landschaft in einen grauen, von Stunde zu Stunde sich mehr verdichtenden Schleier hüllte. Durch die Ritzen des nach der Wetterseite zugezogenen Schutzleders pfiff der Wind; das alte Gefährt krachte und stöhnte, wenn – was nur zu oft geschah – die Räder links oder rechts in die Löcher des ausgefahrenen Weges schlugen; aber die Pferde waren kräftig und der Knecht, dem ein gutes Trinkgeld in Aussicht stand, willig; so ging es verhältnißmäßig schnell vorwärts, wenn auch bei weitem nicht schnell genug für Gotthold’s nagende Ungeduld.

Und doch mußte er sich sagen und sagte sich auch, daß seine Eile einen stichhaltigen Grund gar nicht habe, daß es auf eine Stunde mehr gar nicht ankomme, ja daß ihm eine Stunde mehr, die vielleicht einen bestimmten Entschluß in seiner Seele reife, nur willkommen sein könne. Und während er sich das sagte, bog er sich aus dem Wagen heraus, um dem Knechte zuzurufen, daß der Weg hier ganz glatt sei und daß er schneller fahren möge.

Und dann lehnte er sich wieder in die Ecke seines kleinen dumpfen Gefängnisses zurück und nahm Wollnow’s Brief heraus und starrte hinein, als könne er nicht glauben, daß man mit einer so festen Hand, in so großen klaren Schriftzügen schreiben könne, was hier geschrieben stand. Und er las zum zweiten Male:

„Was ich heute zu berichten habe, lieber Freund, ist so schlimmer Art, daß es durch keine geschickteste Einleitung besser werden würde. Ohne alle Einleitung also: Der Sturz auf der Haide war kein böser Zufall, sondern ein schändliches Verbrechen, dessen moralischer Urheber Brandow ist. Zweitens: das Geld wurde gestohlen. Der moralische Urheber des Diebstahls, welcher sich zum Raubmord qualificiren dürfte, ist wiederum Brandow; er ist sehr wahrscheinlich bei der That zugegen gewesen, oder doch unmittelbar nach der That auf dem Platze erschienen, und jedenfalls ist der Raub in seine Hände gefallen. Ob die beiden Verbrechen gewissermaßen nur Eines sind, ich meine so, daß das erste verübt werden mußte, damit das zweite ausgeführt werden könne; oder ob das zweite noch hinterher ausgeführt wurde, nachdem das erste doch nun einmal verübt war, weiß ich nicht, und wird auch wohl Niemand je wissen, da zu fürchten steht, daß ein drittes Verbrechen die entsetzliche Consequenz jener beiden ersten gewesen ist.

Wer mir diese Gräuel verrathen hat? Der so oft der Verräther des Verbrechens ist: der Zufall.

Ein Zufall, wie er zufälliger nicht sein konnte.

Das Geld in dem Paket bestand aus Hundert-, Fünfzig- und Fünfundzwanzig-Thalerscheinen. Ich selbst habe, wie Sie wissen, das Geld abgezählt und verpackt; ich würde selbstverständlich deshalb noch nicht die Identität irgend eines der Scheine feststellen können, falls derselbe wieder in meine Hände käme. Aber bei einem bin ich es doch im Stande; dieser Schein befindet sich wieder in meinen Händen, und ich kann nachweisen, in wessen Händen er in der Zwischenzeit gewesen ist.

Ich mußte diesen Schein vor zehn Jahren in einer für mich sehr kritischen Zeit ausgeben, – das letzte Geld, das ich in dem Moment besaß; ich bezeichnete ihn in einem Anflug humoristischer Laune mit den Worten ‚Glückliche Reise!‘ und dem Datum des Tages in kleiner, fast mikroskopischer Schrift auf dem Avers in der Ecke oben rechts. Vor vier Jahren kam dieser Schein wieder in meine Casse. Ich ehrte den alten Freund mit dem Worte ‚Willkommen!‘ das ich nebst dem betreffenden Datum in die linke obere Ecke des Revers schrieb, und wies ihm, als würdigem Heckepfennig, einen Platz in meinem Portefeuille an, wo er ungestört liegen geblieben ist bis vor drei Wochen. Sie erinnern sich, daß baar Geld etwas knapp bei mir war, und ich benutzte die Gelegenheit, mich für meine abergläubische Regungen zu strafen, indem ich den Schein zu den übrigen legte.

Diesen Schein nun, dessen Identität ich beschwören kann, hat Herr Redebas am Tage nach der Katastrophe von Brandow als einen Theil der am Mittage fälligen Spielschuld erhalten; Herr Redebas hat das Geld, ohne es weiter anzurühren, in seinem Schranke liegen gehabt, bis er mir gestern eine Zahlung leistete, bei welcher sich eben der Schein befand. Ich fragte Herrn Redebas – ohne ihn übrigens in den Zusammenhang einzuweihen – ob er wohl nötigenfalls diese Angabe beschwören könne; er erwiderte einigermaßen verwundert, aber mit großer Bestimmtheit, daß er jeden Augenblick dazu bereit sein würde.

Brandow hatte bekanntlich hier und dort erzählt, das heißt geflissentlich verbreitet, er habe die Fünftausend, welche er Herrn Redebas am Mittage zahlte, am Vormittage von dem hiesigen Productenhändler Jakob Demminer erhalten als Abschlagszahlung auf Siebentausend, für welche er seinen Weizen an jenen verkauft. Diese Angaben hatten an und für sich nichts Unwahrscheinliches, und da Jakob Demminer in dem Rufe steht, jedes Geschäft zu machen, bei dem es zu verdienen giebt, und wäre es selbst das eines Hehlers, so wäre es ja der Schatten einer Möglichkeit, daß der Herr am Morgen für seinen Weizen dasselbe Geld bekommen, welches der Knecht in der Nacht unserm Freunde geraubt und bei dem braven Jakob, mit dem er vielleicht schon längst in Geschäftsverbindung gestanden, vor der Hand sicher untergebracht zu haben glaubte. Ich sage: es ist der Schatten einer Möglichkeit, denn die Zeit war ein wenig kurz bemessen; indessen wir wissen vorläufig nicht, wo und wie Hinrich Scheel den übrigen Theil der Nacht zugebracht hat, und so hätte es ja sein können.

Indessen der brave Jakob hat dieses Geschäft wenigstens nicht auf seinem weiten Gewissen, aber das Geschäft, welches Brandow mit ihm gemacht haben will, hat ebenfalls nicht stattgefunden. Allerdings ist Brandow an jenem Morgen wieder hier und auch in der dunklen Höhle gewesen, welche Jakob sein Comptoir nennt; er hat auch Geld mit fortgenommen, aber nur zweitausend Thaler, und nicht für den diesjährigen Weizen – welchen er bereits Monate vorher an Jakob verkauft hatte – sondern für den des nächsten Jahres. Er mußte à tout prix verkaufen, um sich über das Geld, das er in dieser Zeit zeigte, ausweisen zu können, und er durfte jede Zahl nennen, ohne zu fürchten, daß der biedere Jakob einem Kunden, mit dem man so vortheilhafte Geschäfte machte, widersprechen würde. Auch zur Entdeckung dieses Stückes hat der Zufall mitgewirkt, in Gestalt eines armen Judenjünglings, der mehrere Jahre bereits bei dem braven Jakob gearbeitet und sich das Vertrauen desselben erworben hatte, bis ihn jetzt plötzlich das Gewissen, oder ich weiß nicht was, treibt, mir sein Herz auszuschütten und mich mit Bitten anzugehen, daß ich ihn aus der Lasterhöhle erlösen soll.

Recapituliren wir: Brandow, der am Tage der Katastrophe notorisch von Geld entblößt war, und bis zum Mittag des nächsten Tages zweitausend einnimmt, bezahlt am Mittag fünftausend an Herrn Redebas auf ein Bret, und bei diesem Gelde befindet sich ein Hundertthalerschein, der in dem Pakete lag, das bei der Katastrophe verschwunden ist.

Verschwunden! weshalb nicht verloren, gefunden, und nur nicht zurückerstattet?

So wäre es freilich auch noch immer gestohlen! aber es ist von vornherein gestohlen und geraubt.

Erinnern Sie sich, daß Sie das Paket in der Rocktasche des Assessors noch gefühlt haben, als Sie von Dollan aufbrachen; daß Sie es in der Schmiede nicht mehr fühlten, und der von Ihnen zugeknöpfte Rock noch zugeknöpft war. Das ist freilich kein stricter Beweis; ja der letztere Umstand scheint im ersten Augenblick gegen meine Annahme zu sprechen. Wie wird sich, könnte man sagen, ein im Uebrigen so schlauer Dieb geflissentlich ein Indicium mehr auf den Hals laden! Aber man kann es ja auch zu schlau anfangen wollen, und man wußte ja nicht, daß Sie das Paket während des Abends im Auge behalten und hernach, als Sie dem Assessor den Rock zuknöpften, sogar unter der Hand gehabt hatten. Der Vertheidiger des Angeklagten wird natürlich die Genauigkeit dieser Angaben bezweifeln; wird – aber wir stehen hier nicht vor Gericht; für mich ist es erwiesen: der Assessor hatte das Geld bei sich, als der Sturz erfolgte, er hatte es nicht mehr, als die beiden Prebrows den Aermsten aufhoben, [767] während Hinrich Scheel mit der Laterne in der Hand dabei stand; das heißt: es ist in der Zwischenzeit geraubt worden.

Von wem?

Ohne Zweifel von eben jenem Hinrich Scheel, aber sehr – sehr wahrscheinlich nicht von Hinrich Scheel allein.

Kann Brandow zugegen gewesen sein?

Er hat es sich keine kleine Mühe kosten lassen, sein Alibi zu beweisen, noch bevor der Beweis von ihm gefordert wurde, und hat die Sache offenbar schlau genug angefangen. Er ist den Weg über Neuenhof, Lankenitz und Faschwitz geritten; das steht fest; die Leute in den Dörfern haben ihn durchjagen hören; er hat sich sogar die Zeit genommen, mit einem und dem andern der ihm Begegnenden zu sprechen. Ist er den ganzen Weg geritten, kann er nicht bei der That zugegen gewesen sein; – auch der beste Reiter auf dem schnellsten Pferde könnte das nicht leisten; – aber wenn er nun nicht den ganzen Weg geritten, wenn er erst vor Neuenhof in denselben eingelenkt, wenn der Gespensterreiter, den Sie im Fieber, über das Moor jagend, gesehen haben wollen, ein wirklicher Reiter in Fleisch und Bein, und wenn dieser Reiter Brandow gewesen wäre?

Sie sagen: Das ist unmöglich. Was ist einem Menschen unmöglich, hinter dem die Furien her sind, wenn er ein Pferd wie den vielbesprochenen Brownlock unter sich hat?

Brandow hat in jener Nacht den Brownlock geritten; der Hausknecht im ‚Fürstenhofe‘ will es beschwören, nachdem er vorgestern den Renner auf seiner Reise nach Sundin bei Tage gesehen. Und wenn ein Mann wie Brandow ein Pferd, das an und für sich ein kleines Vermögen repräsentirt, und auf das er überdies Tausende gewettet, in einer solchen Nacht auf solchen Wegen in solcher Pace reitet, so muß er – es sehr eilig haben.

Er muß es sehr eilig gehabt haben, sonst, lieber Freund – wären Sie nicht mit dem Leben davongekommen. Verschont hat man Sie sicher nicht; wen man erst sechszig Fuß hoch kopfüber hinabstürzen läßt, den macht man auch vollends stumm, wenn man – es nicht sehr eilig hat.

Doch, wie gesagt, das wird auch wohl einem weiseren Richter als dem Justizrath von Zadenig ein Problem bleiben. Der Eine, der dabei gewesen, wird es niemals verrathen; und der Andere – kann es möglicher Weise nicht mehr verrathen.

Ich begegnete Brandow, als ich von B. zurückkam; er kann sehr leicht von meinem Kutscher erfahren haben, daß ich mit dem Justizrathe eine Stunde lang conferirt. Er reitet im Galopp nach Hause; eine Stunde später kommt der Referendar mit dem Gensd’armen. Sie finden Hinrich Scheel nicht mehr, den man während des ganzen Vormittags gesehen, der noch dem Herrn beim Nachhausekommen das Pferd abgenommen hat. Der Herr ist sehr, sehr eifrig besorgt, daß der so plötzlich Vermißte ja gefunden werde; er leitet selbst die Nachforschungen; er –

Ich will diese grauenhafte Vermuthung nicht weiter spinnen; es ist die einzige, die in meiner Zusammenstellung vorkommt; das Andere sind Thatsachen – Thatsachen, die zum Himmel schreien, die nicht ungestraft bleiben dürfen, nicht ungestraft bleiben sollen. Ich weiß, liebster Freund, Sie denken darüber wie ich, wenn auch jede Fiber Ihres Herzens zucken muß, daß Sie, gerade Sie –

Ich komme übermorgen mit meiner Frau nach Sundin. Wir wollen dann weiter sehen, nicht was zu thun ist – darüber kann ja kein Zweifel obwalten; aber das Wie ist allerdings zu überlegen.“

Gotthold steckte den Brief wieder ein und blickte in die trostlose Regenlandschaft hinaus, so starr, daß er kaum den Wagen hörte, der, von Prora herkommend, auf der andern Seite an ihm vorüberjagte. Es war noch eine halbe Stunde bis Prora; aber dem Ungeduldigen dünkte es eine Ewigkeit. Endlich hielt der Wagen vor Wollnow’s Hause.




26.


„Ich lasse Sie so ungern fort,“ sagte Ottilie; „mein Mann muß noch vor Abend zurückkommen. Er wird sehr ungehalten sein, daß ich Sie fortgelassen habe. Und dann, gestehen Sie es doch, lieber Freund: Sie gehen ohne einen bestimmten Plan, ohne einen festen Entschluß, und wollen so einem Manne, wie Brandow, gegenübertreten; das heißt doch, sein Spiel verlieren, ehe man es begonnen hat.“

Ottilie hatte Gotthold’s beide Hände erfaßt, als wollte sie ihn vor der Thür wieder in’s Zimmer ziehen. Gotthold schüttelte den Kopf.

„Sie haben ja Recht,“ sagte er; „aber es giebt Fälle, wo der Andere, der nicht Recht hat, wenigstens sein Recht nicht beweisen kann, dennoch nach seiner Ansicht handeln muß. Ich bin in dem Falle. Ich kann Brandow nicht in das Zuchthaus oder auf das Schaffot liefern; ich kann es nicht –“

„Auch wenn er sonst der Gatte Cäciliens bliebe? Das können Sie ebenso wenig wollen.“

„Gewiß nicht, und deshalb muß eben ein Drittes gefunden werden.“

„Das sich niemals wird finden lassen. Lieber, bester Gotthold, lassen Sie mich Ihnen sagen, was mein Mann, wenn er hier wäre, Ihnen gesagt haben würde: Niemals! Er wird, wenn Sie so, allein, ohne Hülfe, ohne die Häscher und das Gericht hinter sich, kommen, niemals weichen, Sie müßten ihm denn beweisen können, daß Sie ihn ganz und vollständig in der Hand haben, und so steht die Sache nicht. Mein Mann sagte noch gestern Abend: ‚Könnte man ihm den Scheel gegenüberstellen! ohne den Scheel ist doch eigentlich nichts zu machen; aber wo ist der Scheel? Vielleicht auf dem Boden eines der Dollaner Moore.‘ Ach! lieber Freund, bleiben Sie fort von dieser Mördergrube!“

„Und ich sollte sie da lassen?“ rief Gotthold. „Wehe mir, daß ich es bis jetzt gethan, daß ich nicht Alles daran gesetzt habe, sie mit mir fortzunehmen, sie und ihr Kind! denn nur das Kind hat sie ja gehalten, und er würde auch das Kind verkauft haben, hätte ich Kopf und Herz genug gehabt, ihm den rechten Preis zu bieten. Jetzt kann ich ihm nichts mehr bieten, als einen Kampf auf Tod und Leben, aber ich bin gewiß und er weiß recht wohl, daß ich diesmal nicht unterliegen werde. Verzeihen Sie, liebe Freundin, daß ich mich vor Ihnen so in Worten übernehme, wo Handeln sich wahrlich besser ziemte, und – leben Sie wohl!“

Ottilie brach in Thränen aus. „Und Sie,“ rief sie, „lieber, bester Freund! Ach, ja, Sie müssen fort, Sie müssen Alles daran setzen, wenn Sie Cäcilie lieben, und daß Sie sie lieben – ich wußte es ja längst vor heute; und mein guter Emil wußte es, und – und – Emil würde an Ihrer Stelle nicht anders handeln, glauben Sie mir, er mag vorher gesagt haben und hinterher sagen, was er will! Er weiß, was leidenschaftliche Liebe ist; ja, er würde nichts dagegen haben, wenn er wieder achtundzwanzig Jahre und an Ihrer Stelle wäre. Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich nicht so schön und so geistreich bin, wie es Ihre liebe selige Mutter war; und daß ich überhaupt vor dreißig Jahren noch gar nicht existirte, und es giebt schließlich auch noch unglücklichere Eheleute, als ihn und mich, und, und – mögen Sie und Ihre Cäcilie nur auch einmal so glücklich werden!“

Sie hatte Gotthold umarmt und herzlich geküßt und stand jetzt am offenen Fenster, ließ sich den Regen in das verweinte Gesicht stäuben und winkte mit dem Taschentuch, während sein Wagen über das holprige Pflaster davonschwankte.

Es war trotz aller Aufenthalte noch ziemlich eine Stunde bis Sonnenuntergang, als Gotthold Prora verließ, und die Pferde griffen noch immer wacker auf; so mußte er vor Einbruch der völligen Dunkelheit in Dollan sein. Er wiederholte sich das mehrmals im Laufe der nächsten Stunde und besann sich dann, weshalb er eigentlich diese Rechnung immer wieder anstellte und was darauf ankomme, ob er vor oder nach Einbruch der Dunkelheit Dollan erreiche. Er konnte sich darauf keine Antwort geben, und während er nach der Antwort suchte, sagte er schon wieder: „Gott sei Dank, ich werde noch vor der Dunkelheit da sein!“ Fingen seine Gedanken sich zu verwirren an? das wäre schlimm; sein Kopf würde wohl heute noch viel auszuhalten haben; und dann schweiften seine besorgten Blicke wieder zu den trüben Wolken empor und über die nassen Stoppelfelder und die schwarzen Aecker und er sagte: „es wird doch schneller dunkel, als ich dachte;“ und, als erheischte die Hartnäckigkeit der Vorstellung eine entsprechende Vorstellung und wäre es auch eine unsinnige, fügte er hinzu: „ich werde sie nicht mehr finden.“

Und nun konnte er die neue Vorstellung nicht wieder loswerden: er werde sie nicht mehr finden! als würde sie sich verstecken [768] bei seinem Kommen und er müßte sie suchen und würde sie nicht finden, weil es zu dunkel war!

Oder war das Alles nur Unsinn, wie er in dem wüsten Kopfe eines Menschen entsteht, der seit Stunden einsam in einer regendunstigen Chaise auf zerfahrener Landstraße gerüttelt wird und in die graue Luft hineinstarrt, die mit jeder Minute grauer und undurchsichtiger wird? War es die schaudervolle Vorstellung einer schaudervollen Möglichkeit? Hinrich Scheel hatte ihm das Pferd abgenommen, als er nach Hause kam, und zwei Stunden später war Hinrich Scheel verschwunden gewesen. Jetzt war er mindestens vier Stunden schon zu Hause; so hatte er doppelt so viel Zeit gehabt.

Gotthold riß das auf der einen Seite noch geschlossene Schutzleder zurück, ihm war, als müßte er ersticken. Endlich! Da dicht vor ihm lag die Schmiede; er würde die wackeren Prebrows sehen, sprechen, sie wohnten so in der Nähe; sie konnten ihm gewiß sagen, daß sie sie noch ganz vor Kurzem gesehen, gesprochen hätten.

Die Schmiede war öde und verlassen; es mußte schon ein paar Stunden her sein, daß der Blasebalg in Bewegung gesetzt war: eine dicke Aschendecke lag über den ausgegangenen Kohlen. Es schien, als ob Vater und Sohn, die das uralte Häuschen allein bewohnten, nur eben so von der Arbeit weggelaufen wären. Auf dem Ambos lag das Stück, an welchem sie zuletzt geschmiedet, Zange und Hämmer daneben auf dem Boden, als hätte man sie eben nur aus der Hand geworfen, um in aller Eile aus der Thür stürzen zu können, die weit offen stand. Der Knecht war sehr ungehalten: eine Feder an dem Wagen war so gut wie gebrochen; er hatte darauf gerechnet, daß sie ihm hier den Schaden zurechtflicken könnten, so ginge es nicht mehr. Gotthold hieß den Burschen langsam nachkommen, er wolle zu Fuß voraus.

Es hätte ihn keine Minute länger geduldet; der Anblick der verlassenen Schmiede hatte die dämonische Angst, die ihn schon auf der ganzen Fahrt gepeinigt, in’s Grenzenlose gesteigert. Er eilte den abwärtsgleitenden Weg über die Haide, des Regens nicht achtend, welchen der Wind ihm bei seinem schnellen Lauf mit doppelter Heftigkeit in’s Gesicht trieb, den Blick immer auf die nächste Hügelwelle gerichtet, die vor ihm lag und die unerreichbar schien. Dann stand er keuchend oben, aber der Blick nach rechts war um nichts freier geworden; ein grauer Nebel zog vom Moore her näher und näher, so nahe schon, daß der schroffe Hang des nächsten Hügels nur noch eben durch den sprühenden Dunst dämmerte und er die Unglücksstätte kaum wieder erkannte. Am Fuße derselben angelangt, erinnerte er sich, daß man unten, wenn man sich hart an dem Rand hielt, zwischen Hügel und Moor durchkommen konnte; so ließ er denn die langgestreckte Höhe selbst links über sich liegen.

Aber indem er sich so nach der Tiefe wandte, gerieth er immer mehr in den Nebel, welcher sich jetzt wie eine grauwogende See über das Moor gebreitet hatte und an der steilen Böschung in Streifen emporwirbelte, der Brandung gleich, welche ein heftiger Wind an den Uferklippen hinaufpeitscht.

Und während nach links die Höhe seinen Blick hemmte und er nach rechts in den grauen Nebel starrte, der ihn kaum erkennen ließ, wohin er den Fuß setzte, stieg mit jedem Schritte jene grauenhafte Angst; ihm war, als müsse sich jeden Augenblick der Nebelvorhang heben, ihn ein schauderhaftes Bild, das er jetzt noch verhüllte, sehen zu lassen; und die Höhe, an der er sich hindrückte, sei nur da, damit er diesem Schauspiel nicht entrinnen könne. Und da war es ja!

Gotthold stand, bebend, mit weit aus den Höhlen getretenen Augen in den Nebel stierend. Es konnte nur eine Ausgeburt seiner bis zum Wahnsinn aufgeregten Phantasie gewesen sein, denn er sah jetzt nichts, gar nichts, und hatte es eben doch ganz deutlich gesehen: vier oder fünf Gestalten, die in einem Kreise umherstanden und mit langen Stangen in dem Moore suchten – Nebelspuk!

Nein, nein, kein Spuk! oder die Gespenster hätten denn sprechen können, mit menschlichen Stimmen, die er ganz deutlich unterschied, wenn er auch die Worte nicht verstehen konnte, und jetzt hörte er auch ein paar Worte: „Hier wär’ es möglich!“

Nein, nicht möglich – es war gewiß; er wußte jetzt, wovor er sich geängstigt hatte.

Im nächsten Moment war er mit einem Sprunge durch das hohe Riedgras, welches an dieser Stelle mit breitem Gürtel den Sumpf umschloß; die Rasendecke hob und senkte sich unter ihm – er merkte es nicht; ein und das andere Mal spritzte unter den eilenden Füßen das Wasser heraus – er achtete es nicht; seine Blicke bohrten in den Nebel nach der Seite, von woher er die Stimmen vernommen und jetzt wieder vernahm und ganz nahe schon; und da tauchten auch die Gestalten abermals auf, die ihm vorhin ein Riß in dem Nebel gezeigt, und jetzt war er bei ihnen: „Vetter Boslaf!“

„Steh’ weiter fern, und ihr Anderen auch! Wir sind hier zuviel; es trägt uns nicht; und ich kann es schon allein.“

Sie traten zurück; der Alte ließ die lange, mit einem eisernen Haken versehene Stange mehrmals vorsichtig durch das Wasser gleiten, welches hier zwischen Binsen und nickendem Gras einen kleinen dunklen Pfuhl gebildet hatte. Dann zog er sie heraus; und gab sie einem der Männer. „Es ist nichts. Das war die letzte Stelle, wir wollen zurück; bleibt genau hinter mir, und auch Du, Gotthold! immer in meinen Fußstapfen.“

Der alte Mann schritt voran, die Büchse auf der Schulter, gleichmäßig langen Jägerschrittes, daß die Andern, unter denen sich auch Clas Prebrow, Jochen’s Bruder, befand, Mühe hatten, hinter ihm zu bleiben. Ein paarmal blieb er stehen; er schien dann den Boden zu prüfen; aber das war immer nur für ein paar Momente. Dann ging es weiter in den Nebel hinein. Die Leute folgten ohne Zaudern; sie wußten, daß sie ruhig folgen konnten, wenn Vetter Boslaf voranging; und da wurde auch der Boden fester und fester, sie waren genau wieder an der Stelle, von der sie vor einer Stunde ausgegangen waren; Vetter Boslaf rief Gotthold an seine Seite.

„Seit wann?“ fragte Gotthold.

„Schon heute Nacht, in der zweiten Morgenstunde; die Hunde sind laut gewesen; ich weiß es erst seit drei Stunden.“

„Und Ihr habt noch Hoffnung?“

Der alte Mann starrte in den Nebel hinein.

„Wir haben sie nicht gefunden,“ sagte er; „so mögen die Andern sie ja auch nicht gefunden haben, und dann wäre noch Hoffnung, trotzdem es wenig wahrscheinlich ist, daß sie in der dunklen Nacht mit dem Kinde weit gekommen sein sollte.“

„Mit dem Kinde,“ rief Gotthold, „mit Gretchen! dann ist Alles gut; sie würde dem Kinde nie ein Leides thun.“

„Ein Leides!“ sagte der alte Mann, „ein Leides! es giebt größere Leiden, als den Tod.“

Gotthold durchzuckte es. Sie hatte sich nicht von dem Kinde trennen wollen; sie hatte um des Kindes willen es tragen zu müssen, tragen zu können geglaubt. Nun war es unerträglich geworden, und sie mußte die Last abwerfen. Was sollte aus Gretchen werden? es giebt schlimmere Leiden als den Tod.


(Fortsetzung folgt.)




Spuren großer Dichter.


Von Sigmund Kolisch.


Torquato Tasso in Sorrent. – Petrarca in Vaucluse. – Schiller in Jena. – Goethe in Weimar und Karlsbad.


Den Spuren großer Menschen nachzugehen, welche den armen Erdengeschlechtern Welten voll Licht, Glanz und Reichthum zum Geschenke machen und ungekannte Quellen erschlossen, aus denen sie ohne Ende Trost, Freude und Begeisterung schöpfen, gehört wohl zu den schönsten Genüssen, die ein Kind dieses Jammerthals sich verschaffen kann. Und doch – wenn wir die Stätten betreten, wo solche große Menschen gewandelt, wer kann sich des Gefühls der Wehmuth erwehren, der Wehmuth über die Hinfälligkeit alles Irdischen und über die grausame Wahrheit, daß von jeher der Zwillingsbruder des Genius der Schmerz war? Sorrent! Deine flüsternden Orangenbäume erzählen gar viel von dem Weh des Sängers des „befreiten Jerusalem“ und

[769]

Album der Poesien.

Heimkehr

Die Gartenlaube (1872) b 769.jpg

Heimkehr aus Amerika.
Originalzeichnung von Fr. Hottenroth.

Sei mir gegrüßt am Straßenrand,
     Mein alter Markenstein!
Ich fahre in mein Vaterland,
     Mein Vaterland hinein.

Du Land, in dem ich strebt’ und stritt,
     Wie bist du grün und schön!
Du Luft, in der ich lebt’ und litt,
     Wie duftig ist dein Weh’n!

Du Strom, auf dem mein Segel schwoll,
     Wie leuchtet deine Fluth!
Du Wald, in dem mein Horn erscholl,
     Wie klingt dein Rauschen gut!

Du aber bist noch, herz’ger Schatz,
     Wie immer schön und süß,
Und Alles steht am alten Platz,
     Da, wo ich’s stehen ließ.

v. Strachwitz.



von dem Liebesleid, das er ihnen geklagt. Man glaubt nicht anders, als man müßte die düstere Gestalt des armen Torquato durch deine duftigen Alleen hinwandeln und darüber trauern sehen, daß ihn ein feindseliges Geschick in die Nähe der stolzen Prinzessin gebracht, die er lieben mußte und doch nicht lieben durfte. Der ganze Schmerz des zerstörten Dichterlebens begleitet den Wandelnden durch Sorrents schattige Gänge. Oefters blieb ich sinnend stehen und lauschte, ob nicht das Echo den Namen „Leonore" zurücktönen lasse, den ihm die zitternde Stimme des Poeten ohne Unterlaß zugerufen. In dem Grase, das der Thau [770] befeuchtet, glaubt man die Thränen zu gewahren, die der unglückliche Poet, das Herz voll Liebe und Lieder, geweint hat, weil ihm die schönsten Früchte des Lebens und Mühens vergiftet worden. Was half dem tief Gekränkten, schwer Verwundeten, Todesmüden der verspätete Triumphzug nach dem Capitol! Was hilft es ihm, daß nun, da er im Elende verkommen, Italien seine Lieder singt und seine Gestalt als Götterbild im Pantheon der Nation aufstellt! Die nachträgliche Anbetung entschädigt nicht für all die erlittenen Verfolgungen und Qualen. Der Rückstand bleibt ungedeckt, wie viel auch gezahlt werden mag. Ungern, mühsam reißt sich der Besucher von Sorrent los, wo man dem Leben und Dichten des edeln Torquato näher zu rücken glaubt als anderwärts, obgleich die Betrachtungen, zu denen der Ort ladet, nichts weniger als heiter sind. –

Wer von Paris über Marseille nach Italien reist, nicht um Handel zu treiben, sondern um zu sehen, zu bewundern, zu genießen, macht gewiß zu Avignon, dem alten Wohnsitz der Päpste, Halt, und wäre es auch nur, um das nahegelegene Vaucluse zu besuchen. Mir erging es, wie es Anderen im gleichen Falle ergeht, als im Jahre 1854 eine erwünschte Wendung der Verhältnisse mir erlaubte, der brennenden Atmosphäre von Paris für einige Zeit Lebewohl zu sagen und den Weg nach dem gelobten Lande der Kunst und der großen Erinnerungen einzuschlagen. Zwei Tage blieb ich in Avignon und konnte eine der seltsamsten Metamorphosen wahrnehmen, die wie kaum eine andere Erscheinung das Franzosenthum kennzeichnet. Der Palast der Statthalter Christi war in eine Caserne umgewandelt. Ueberhaupt schien Alles in Verfall und Auflösung gerathen zu sein, was an die Zeiten der Wittwenschaft Roms mahnen konnte.

In Gesellschaft eines deutschen Professors, der an der Schule von Avignon deutsche Sprache und Literatur vortrug, seiner Gattin und meines Reisegefährten machte ich die Fahrt nach Vaucluse, wo Petrarca angeblich mit seiner Laura in süßer Zurückgezogenheit, fern von den Mühen und Kümmernissen der Welt, olympische Tage des Glückes und der Freude verlebte.

Unser Planet ist arg in Verruf gebracht von schwarzgalligen Weltbetrachtern, die kein Gedächtniß haben für empfundene Seligkeiten, die Finsterniß des eigenen Wesens über alle Blumen und Sterne breiten und dann klagen, daß es so glanzlos und dunkel sei auf dieser Erde. Diesen Fanatikern des Jammers erscheint der Frühling als ein Komödiant, der die Geschöpfe durch sein trügerisches Spiel berückt, zuletzt die täuschende Maske abwirft, um als Winter die Arbeit der Zerstörung zu vollbringen. Die Wiege ist ihnen ein verkappter Sarg, Jugend ein Paradies, aus dem Jeder, auch ohne daß er verbotene Frucht genossen, von bösen Geistern hinausgejagt wird, um die Mühseligkeit des Daseins um so härter zu empfinden. Die Liebe halten sie für nicht mehr als eine vorübergehende Tollheit der Begierden, die Begeisterung für eine Blase des Geistes, die in Folge eines starken Druckes platzt und als eiternde Wunde zurückbleibt. Die Glücklicheren aber, welche von jeher die Gabe besitzen, über den Werth der Dinge mit gesundem Urtheile Buch und Rechnung zu führen, sie wissen, wie reich die Erde an Herrlichkeiten jeder Art ist. Wenn sie vielleicht Gefahr laufen, von dem schwarzen Gedankenfieber angekränkelt zu werden, dann mögen sie eine Wallfahrt nach Vaucluse unternehmen, und wenn sie der Aufenthalt in der zauberhaften Stille des reizenden Thales von dem Uebel nicht befreit, dann mögen sie sich nach einem Kloster umsehen, um zu sterben.

Nach mancherlei Biegungen und Krümmungen des Weges, der sich zwischen Anhöhen hinzieht, gelangten wir in ein abschüssiges Thal, das mit seiner Ruhe und seinem Frieden sich vor den Augen der Welt zu verbergen scheint. Aus allen Richtungen, wie zu einem verabredeten Stelldichein, rieseln an die dreißig Quellen, mit sich selber plaudernd, herbei und vereinigen ohne jeden Einspruch, ohne Streit ihre Wässer zu einem Bache, der das Thal entlang wohlgemuth hinunter plätschert. Das Schauspiel dieser Eintracht, dieses gemeinschaftlichen Wandelns und Wirkens macht einen besänftigenden, rührenden Eindruck auf das Herz, und Petrarca, dem all’ die Laster und Frevel, deren Zeuge er war, nahe gingen, mochte hier Trost, Erholung und die rechte Stimmung zu den Liebesliedern finden, die noch jetzt empfindsame Seelen rühren und erquicken. –

Im Jahre 1848, nachdem Wien von den Soldaten des Fürsten Windischgräz eingenommen war, hatten sich einige österreichische Flüchtlinge, durch den Ausgang des Kampfes brod- und heimathlos, in Leipzig zusammengefunden. Der Verleger Otto Wigand erwies sich den Verbannten theilnehmend und dienstfertig. Gewiß mehr den schwer Getroffenen zu Gefallen, als von der Aussicht auf Gewinn bestimmt, ließ er sich zur Herausgabe einer Wochenschrift herbei, welche vornehmlich die österreichischen Verhältnisse in den Kreis ihrer Thätigkeit ziehen sollte und den Titel „Wiener Boten“ annahm. Als die Träger des Blattes waren angeführt: Kolisch, Gritzner, Frank, Engländer. Die Ereignisse verschlangen, wie so viele andere kaum begonnene Werke, auch diesen jugendlichen, um nicht zu sagen unreifen Versuch. Das Unternehmen glich einem Tropfen, der in’s Meer fällt.

Eines Morgens, als wir zu unserem hülfreichen Bundesgenossen kamen, um über den Inhalt der nächsten Nummer der „Wiener Boten“ die eingeführte Berathung zu halten, fanden wir ihn niedergeschlagen, sichtlich unruhig. Der sonst scharfe Ton seiner Stimme war einem gedämpften weichen Klange der Sprache gewichen. Sein Betragen, das man sonst ein ungezwungenes nennen durfte, war zurückhaltend, feierlich. Selbst im Blicke zeigte sich ein sanfter Ausdruck, der an dem energischen Manne auffallen mußte. Die seltsame Erscheinung trat uns wie ein Räthsel entgegen, wir sahen einander überrascht fragend an, die gedrückte Stimmung des Verlegers übertrug sich allmählich auf uns selbst. Nach einigen schwer gefundenen Worten der Vorbereitung, wie um unsere Gemüther zu schonen, zaudernd, mit verlegener Miene machte uns der Freund die Eröffnung, daß in Leipzig unseres Bleibens nicht mehr sei. Froh, des Zwanges ledig und von der peinlichen Zurückhaltung befreit zu sein, rief er mit der vollen Kraft seiner Stimme: „Sie müssen fort, meine Herren. Vom Polizeidirector habe ich einen Wink erhalten, der mich überzeugt, daß Ihnen hier eine ernste Gefahr droht.“

In der ersten Aufregung durch die unerwartete Neuigkeit kamen verzweifelte Vorschläge zum Ausdruck; nicht lange jedoch, so gewann die Besonnenheit die Oberhand, und wir faßten den Beschluß, daß zwei von uns nach Jena, zwei nach Frankfurt am Main sich begeben, von wo aus wir ebenso gut wie in Leipzig selbst unsere Wochenschrift mit den erforderlichen Beiträgen würden versorgen können; daß wir unter diesen Umständen mit der Abreise nicht lange gezaudert haben, läßt sich denken; unser Seelenzustand war derart, daß uns die erhitzte Phantasie die angekündigte Gefahr viel größer und näher zeigte, als sie wirklich war. Denn in der That waren nicht nur all die Schreckgestalten, die den Genossen quälten, eitel Einbildung, die Warnung selbst beruhte auf einem Mißverständniß. Der für uns besorgte Verleger hatte eine Aeußerung des Polizeileiters falsch aufgefaßt und gedeutet.

Dem getroffenen Uebereinkommen gemäß zogen Frank und ich nach Jena. Herr Otto Wigand wollte sich’s nicht nehmen lassen, uns dahin zu begleiten und mit seinen dortigen Freunden in Verbindung zu setzen. Am nächsten stand ihm Professor O. L. B. Wolf, der durch das Sammelbuch „Der deutsche Hausschatz“ den Anstoß zu den unzähligen Veröffentlichungen dieser Art gegeben, und dem Verlag unseres Freundes ein schönes Geld eingebracht hat.

Mit weltmännischer Liebenswürdigkeit zeigte sich Herr Wolf beflissen, uns nach Kräften angenehm und nützlich zu sein; der Verkehr mit den Professoren Siebert und Schleiden, welche durch politische Meinungen und Neigungen sich zu uns hingezogen fühlten, war für uns eine Quelle der Unterhaltung, der Anregung und Belehrung.

Ich brauchte diese Mittel der Zerstreuung gar nicht. Der Gedanke, daß ich auf dem Punkte mich befand, von welchem aus Friedrich Schiller auf die geistige Welt so mächtig wirkte, ersetzte mir reichlich die Vergnügungen der großen Städte. Wie bekannt, ist Jena nichts weiter, als ein Dorf mit einer Hochschule. Machten die Studenten mit ihrem Treiben und Drängen, mit ihren Trinkgelagen und jugendlichen Tollheiten nicht einigen Lärm, ich glaube, in dieser Grabesruhe entschliefen die Pulsschläge des Lebens.

Trotz der peinlichen Verhältnisse, die mich nach dem kleinen Orte verschlagen, trotz der Verhöhnung durch die Genüsse und [771] Freuden der lasterhaften Kaiserstadt an der Donau, trotz des rauhen, schmerzlichen Griffes der Wirklichkeit in die glänzenden Träume und Hoffnungen meines Herzens, war es mir ganz feierlich wohl zu Muthe in Jena, wo des Deutschen geliebtester Poet unter den kleineren Menschen gewandelt und ungestört durch Sorgen und Mühen, durch Lästerungen und Angriffe den traulichen Verkehr mit Göttern und Göttinnen unterhielt. Die Seele voll Ehrfurcht und Anbetung, suchte ich die Pfade auf, die der Hohe gegangen, die Plätzchen, welche ihn angezogen, die Stuben, welche ihn aufnahmen, die Bäume, unter deren Schatten er gesonnen und gedichtet. In diesem Geschäfte der Vertiefung in das Sein und Walten des edlen Mannes lag ein Reiz, der mir den neuen Aufenthalt verschönerte und versüßte. Noch heute, nach dreiundzwanzig Jahren ist es mir eine Wollust zu denken, wie ich in jenen Tagen schwerer Heimsuchung auf dem Wege, so zu sagen, in die Verbannung, die Fußstapfen Schiller’s aufgespürt und verfolgt habe. –

Ueber jede Schätzung werthvoll bleibt mir die Erinnerung an meinen Aufenthalt in Weimar im Jahre 1849, wo um jene Zeit der mächtige Einfluß Goethe’s an Personen und Dingen sich noch lebendig zeigte. Der herrschende Ton hatte noch etwas von der Feinheit und Bildung übrig behalten, wie sie von dem Meister ausgingen und gefördert wurden. Wenn ich Eckermann sprechen hörte, war es mir, als klänge aus den Worten eine Nachwirkung des traulichen Verkehrs mit dem Unsterblichen. Der Mann schien mir durch die Auszeichnung wirklich geadelt; aber nicht etwa wie die Industrieritter unserer Zeit, sondern im besten Sinne des Wortes. Noch andere Personen lebten um jene Zeit, die in die Nähe des hohen Dichters gekommen waren. Geh. Rath Müller, der nichts von dem frommen, milden Wesen Eckermann’s an sich hatte und in der Gesellschaft von Weimar nicht sonderlich gut gelitten war, galt mir doch als ein geweihter Mensch, weil ihn Goethe seines Wohlwollens gewürdigt. Ich konnte nicht anders, als ihn mit Theilnahme und Verehrung betrachten. Von den Bühnengestalten, die unter Goethe’s Leitung die künstlerische Laufbahn durchgemacht, war nur noch Einer in Wirksamkeit: der alte Durand. Unverbrüchlich treu den Lehren des Meisters, bewahrte sich der Schauspieler die classische Ruhe im wildesten Aufruhr der Leidenschaft, die Achtung vor dem Gesetz des Maßes und der Schönheit, neben mancherlei Verzerrungen der andersgeschulten Kunstgenossen. Ohne daß ich weiter in den Werth oder Unwerth seiner dramatischen Richtung einging, war mir Herr Durand eine kostbare Erinnerung an den unvergleichlichen Theatervorsteher. –

Vergangenes Jahr in Karlsbad, beschäftigte mich weit mehr als die Wunder der kochenden Heilquellen, als das Treiben der Gäste und die fesselnde Anmuth des Thales der Gedanke, daß Goethe vierzehnmal den Curort besucht und sich daselbst mit Vorliebe aufgehalten habe. Wie eine schöne Hoffnung schwebte mir die Möglichkeit vor, irgendwelche Personen zu entdecken, die mit dem großen Menschen in Berührung und Verkehr gestanden. Ohne mich durch die Erwägung entmuthigen zu lassen, daß gewiß schon andere Schriftsteller vor mir dieser Fährte gefolgt sein mochten, verlegte ich mich mit dem Eifer eines Schatzgräbers auf’s Nachforschen. Ich besuchte Dr. Mlawaczek, der ein werthvolles Buch über Karlsbad veröffentlicht hat und auch der wiederholten Anwesenheit des Olympiers von Frankfurt im Badeorte erwähnt, und bat den gefälligen Mann um seinen Beistand bei meinem Unternehmen. Er zuckte die Achseln und betheuerte in der aufrichtigsten Weise seines Herzens, daß ihm über Goethe’s Aufenthalt in Karlsbad nicht mehr bekannt sei, als er in der herausgegebenen Schrift mitgetheilt habe. Auch sehe er sich vergebens nach einem Anhaltspunkte um, der in dieser Beziehung zu einem erwünschten Ergebniß führen könnte. Besser erging es mir mit Dr. Bermann. Der zuvorkommende Greis wußte zwar auch nicht mehr als das Allgemeinste über den Aufenthalt Goethe’s in Karlsbad; allein er kannte die Eigenthümer des Hauses zu den „Drei Mohren“, in welchem Goethe, wenn er nach Karlsbad kam, Wohnung nahm, und erbot sich, mit mir bei den Leuten Nachfrage zu halten. Auf diesem Wege lernte ich Frau Glaser kennen, die Tochter der Heilingetters, welche das Haus zu den „Drei Mohren“ gehalten und dem Dichter die Wohnung vermiethet hatten. Die Frau treibt das Gewerbe ihrer Eltern, nur daß sie jetzt in dem Hause zum „Marktbrunnen“ Badegäste unterbringt und bewirthet. Ich fand sie vollauf beschäftigt mit Ordnen und Säubern, und ihr Anzug unterschied sie kaum von der Magd, welche ihren Befehlen gehorcht. Als Herr Dr. Bermann ihr den Zweck unseres Besuches mittheilte und einige Fragen über den hohen Inwohner ihrer Eltern an sie richtete, gab sie in der schlichtesten Weise Bescheid. Sie versicherte, daß sie sich ganz gut des stattlichen Herrn erinnere, der immer freundlich und liebevoll mit ihr und ihrer jüngeren Schwester gewesen. Sie waren damals Kinder, die Eine von neun bis zehn, die Andere von sieben bis acht Jahren. So oft der berühmte Mann eine Einladung zu Tische angenommen hatte, brachte er den beiden Kindern Gebäck oder andere Süßigkeiten in einer Düte mit. Manchmal kam er von diesen Gastereien in Gesellschaft vornehmer Herren nach Hause; doch so wie er der beiden Kinder ansichtig wurde, ging er auf sie zu, küßte sie und gab ihnen die Leckerbissen. Fast niemals sei er an den kleinen Mädchen vorübergegangen, ohne ihnen eine Zärtlichkeit zu bezeigen.

Wenn Goethe Gäste bei sich zum Essen lud, mußten die Kinder häufig dabei sein; sie saßen am Tische und er bewirthete sie mit besonderer Aufmerksamkeit. Früher hatte der Dichter drei Treppen hoch gewohnt, später jedoch ist er in den ersten Stock herunter gerückt. Einmal waren Leute bei Goethe zu Besuch, und er las ihnen etwas vor. Das klang so schön, daß die Kinder an der Thür blieben und lauschten. Nicht eher rührten sie sich weg, als bis es wieder still wurde in der Stube des Dichters, „Noch jetzt,“ sagte die gute Frau in ihrer unbefangenen Weise, „empfinde ich ein Vergnügen, wenn ich an die kräftige Stimme und den schönen Vortrag denke. Alles habe ich verstanden, so ausgezeichnet wußte unser Inwohner zu sprechen und zu betonen. Nie habe ich seitdem etwas Aehnliches gehört, auch nicht, wenn ich ab und zu einmal Zeit fand in’s Theater zu gehen.“ Bisweilen borgte sich Goethe von seinen Hausleuten die Bibel, die er mehrere Tage durch behielt.

Vierzehn Mal, wie gesagt, war der Dichter in Karlsbad, und so oft er in den Curort kam, wohnte er bei den Heilingetters, denen er bei vielen Gelegenheiten sein Wohlwollen zu erkennen gab. Nur als er zuletzt im Jahre 1823 Karlsbad besuchte, kehrte er beim „Strauß“ statt bei den „Drei Mohren“ ein. Denn diesmal war es nicht die Heilquelle, sondern das Polenfräulein Ulrike von Lebezow, die den vierundsiebenzigjährigen Dichter hierher gezogen. Natürlich quartierte der Freier sich ein, wo der Gegenstand seiner Liebe sich einquartiert hatte. Doch ermangelte Goethe nicht, die Heilingetters zu besuchen und sie wegen seiner Untreue um Entschuldigung zu bitten. Aufrichtig gestand er den Grund des Quartierwechsels und sagte ihr: „Sehen Sie, was ein Mensch mit grauen Haaren für Dummheiten machen kann. Doch an so etwas trägt Niemand Schuld.“

Noch einmal vor seiner Abreise besuchte der Dichter die Heilingetters, um Abschied von ihnen zu nehmen. Ich fragte, ob sich nicht etwa noch einige von den Gegenständen vorfänden, deren sich Goethe bedient hat, und Frau Glaser erwiderte: „Ach, Alles haben sie weggenommen, die Studenten und andere Anhänger des berühmten Mannes. Was nur irgend in Berührung gekommen war mit dem ausgezeichneten Inwohner meiner Eltern, mußte ich hergeben. Sogar eine Thür aus rohem Holze, welche zu dem geheimsten Winkel des Hauses führte. Die hat mir der Minister irgend eines Landes abgekauft, wie sehr ich mich dagegen auch sträubte. Denn sie war von der Hand des großen Mannes mit Versen und Sprüchen vollgeschrieben. Ich weiß nicht einmal, wohin sie gebracht wurde, denn ich erinnere mich weder des Mannes noch der Heimath des hochgestellten Käufers.“ Nichts als einen Spiegel, vor welchem Goethe seinen Anzug zu ordnen pflegte, hatte die Frau übrig behalten; den aber will sie um keinen Preis verkaufen, damit sie ihren Kindern und Enkeln ein Andenken an die Ehre hinterlassen kann, welche der Familie zu Theil geworden. Sie zeigte mir den Spiegel, er ist von mittlerer Größe, ganz gut erhalten, und steckt in einem Rahmen mit Spiegelglas verziert, wie er noch zu Anfang dieses Jahrhunderts in Bürgerhäusern häufig anzutreffen war.

Noch einmal besuchte ich Frau Glaser, um Abschied von ihr zu nehmen und mich für die Mittheilung zu bedanken, welche ein Stückchen des zarten Dichtergemüths enthüllte. Ich würde es für ein Verbrechen halten, den Fund der Welt vorzuenthalten.




[772]
Drei Opfer der Eitelkeit im Innern des Menschen.


Auf der Grenze zwischen Brust und Bauch, da wo beim Manne die Weste aufhört und bei der Frau der Unterrock anfängt, da lagern im Innern unseres Körpers, im obersten Theile der Bauchhöhle dicht unter dem Zwerchfelle, drei wichtige, aber oft sehr gequälte Gebilde: Magen, Leber und Milz. Sie sind es, welche bei der Unterhaltung des Lebensfeuers eine Hauptrolle spielen. So lange wir nämlich leben, finden an allen Orten und Enden unseres Körpers unausgesetzt bald stärkere, bald schwächere Verbrennungen (Organenbrände), wenn auch nicht mit Feuer und Flamme, statt. Hierbei geht es aber nicht viel anders zu, als bei einer geheizten, arbeitenden Dampfmaschine. Hier wie dort entwickelt sich zuvörderst Wärme und es kommt zu Kraftäußerungen (Thätigkeiten) der mannigfaltigsten Art; hier wie dort nutzt sich der thätige Maschinentheil ab und es bilden sich verschiedenartige Verbrennungsproducte: in der Maschine Rauch, Asche, Ruß, im menschlichen Organismus Organschlacken, Kohlensäure etc. Hier wie dort muß deshalb Material zur Reparatur des abgenutzten Apparates wie zur Unterhaltung der Verbrennungen, nämlich Heizungsmaterial und Sauerstoff (Lebensluft in der atmosphärischen Luft) zugeführt werden. Im menschlichen Körper vermittelt nun das Blut, mit Hülfe seines Kreislaufs durch alle Organe, ebenso die Zufuhr von Heizungs- und Reparaturmaterial, wie auch die Abfuhr der Verbrennungsproducte (Schlacken). Das Blut aber hierzu tauglich zu erhalten, dazu dienen neben den beiden Lungen die obengenannten drei Organe. Ihre Thätigkeit besteht im Allgemeinen in Verjüngung (Neubildung) und Reinigung des Blutes, und so in Unterhaltung der in Verbrennungen bestehenden Lebensäußerungen.

Der Magen, nach rechts von der Leber und nach links von der Milz begrenzt, hat seine Lage hinter der Magen- oder Herzgrube und verarbeitet die genossenen Eiweißsubstanzen (Fleisch, Milch, Ei, Käse, Kleber und Hülsenstoff) zum Hauptbaumaterial der arbeitenden und sich beim Thätigsein abnutzenden Organe.

Die Milz, welche am weitesten links in der Oberbauchgegend (im linken Hypochondrium) ihre Lage einnimmt, ist eine der hauptsächlichsten Geburtsstätten runder Körperchen (der Blutkörperchen), welche in den Blutstrom eintreten und innerhalb der Lungen aus der eingeathmeten atmosphärischen Luft Sauerstoff (Lebensluft) an sich ziehen. Diese nun sauerstoffhaltigen Körperchen werden mit Hülfe des Blutkreislaufs nach allen Theilen des Körpers hingeführt und unterhalten hier, durch Abgabe ihres Sauerstoffs, die allen Thätigkeiten unseres Körpers, auch den geistigen, zu Grunde liegenden Verbrennungsprocesse.

Die Leber im rechten Theile der Oberbauchgegend ist das Grab der alten, ausgedienten Blutkörperchen, indem diese hier zu Stoffen zerfallen, aus denen sich dann die Galle bildet.

Störungen in der Thätigkeit dieser drei Organe müssen demnach auf die Lieferung des Baumaterials, auf die Entstehung junger Blutkörperchen und auf den Untergang alter Blutkörperchen, also auf die Neubildung und die Reinigung des Blutes hemmend einwirken. Ganz besonders ist es nun aber die Verengung der Oberbauchgegend durch Druck und Einschnürung, welche solche Störungen veranlassen kann, und zwar vorzugsweise leicht nach dem Essen, wo diese drei Leidensgefährten schwellen und deshalb einen größeren Raum beanspruchen. Enge Kleidungsstücke sind es, welche hauptsächlich jene Organe maltraitiren, und unter diesen stehen das Schnürleib und die Unterrocksbänder oben an. Außerdem können aber auch stark vorgebeugte Körperstellung, zumal beim Sitzen, sowie Andrücken der Oberbauchgegend an feste Gegenstände (an den Tisch beim Schreiben etc.) in derselben Weise schädlich wirken.

Am auffallendsten treten die Folgen enger Kleidungsstücke an der sogenannten „verkrüppelten Frauenleber“ hervor, wo fest gebundene Unterrocksbänder einen oft sehr tiefen, queren Schnürstreifen in der Leber erzeugen und wo eng geschnürte Corsets die unteren Rippen tief in die Leber eindrücken. Diese Verkrüppelung ist gar nicht selten mit Schmerzen (Seitenstechen), in Folge einer Leberkapsel-Entzündung, verbunden. – Im Magen kommt es häufig, vorzugsweise bei Jungfrauen, zur Bildung des runden Magengeschwürs, welches, durch die begleitenden heftigen und bohrenden Schmerzen als Magenkrampf bekannt, zu einem sehr qualvollen Uebel wird. – Die Milz erleidet nicht selten eine Entzündung ihrer Kapsel, welche dadurch eine solche Verdickung erfahren kann, daß die Milz in ihrer Ausdehnung und Blutkörperchenneubildung gehemmt und so die Bluterneuerung gestört wird. Es kann die Milz sogar auch durch Druck aus ihrer Lage und herab in die Bauchhöhle gedrängt und so zur wandernden Milz werden.

Während nun gegen die verkrüppelte Leber und die übel zugerichtete Milz nichts anzufangen ist, läßt sich dagegen das Magenkrampf erzeugende und nicht selten mit Blutbrechen verbundene Magengeschwür durch ein richtiges diätetisches Verfahren in den allermeisten Fällen und ohne zurückbleibende Beschwerden heilen, zumal wenn vorher der kranke Magen nicht mit Arzneien mißhandelt wurde. Nur wenn bei der Vernarbung eines sehr tiefgehenden Magengeschwürs eine ausgehöhlte, schüsselförmige Narbe zurückbleibt, dann kann auch in den späteren Lebensjahren, durch Eintritt fremder Körper in die Narbengrube, von Neuem heftiger Magenschmerz, selbst starkes Blutbrechen zu Stande kommen. Eine solche Narbe ist es, welche schon manchen Arzt bei älteren, mageren, fahlaussehenden Personen, die an heftigen Magenschmerzen und Brechen litten, veranlaßte, einen Magenkrebs anzunehmen und den baldigen Tod für unvermeidlich zu halten. Gerieth dann ein solcher Kranker in die Hände eines Quacksalbers oder Geheimmittelschwindlers und die Narbe kam von selbst wieder zur Ruhe, so wird sofort ausposaunt und von Ignoranten auch geglaubt, daß jene Pfuscher einen Magenkrebs geheilt hätten, und der frühere Arzt steht blamirt da.

Die diätetische, jedenfalls wissenschaftlichere Behandlung als die mit Arzneimitteln (Höllenstein, Wismuth, Jod, Creosot) und Mineralwässern (Karlsbader, Marienbader, Tarasper), welche oben zur Heilung des Magengeschwürs empfohlen wurde und die wohl selten ihre Wirkung versagt, besteht darin, daß der kranke Magen in keiner Weise insultirt wird und Zeit gewinnt, mit Ruhe die Vernarbung seines Geschwürs abzuwarten. Das oberste Gesetz bei dieser Behandlung ist: man meide jedes arzneiliche Heilmittel (höchstens schmerzstillende ausgenommen), sowie alle auf das Geschwür sich auflagernden festen und reizenden Stoffe, als da sind: kaltes, sowie kohlensäurehaltiges und spirituöses Getränk, Gewürze, Pflanzennahrung mit Hülsen, mit Schalen und Körnchen, sogar Reis-, Gräupchen-, Sago- u. s. w. Suppen, Tabakssauce beim Rauchen, Milch, welche im Magen zu Käsestückchen gerinnt, feste Fleisch- und Brodstückchen. Hiernach muß also die öfters und in kleinen Mengen zu genießende Nahrung eine flüssige oder breiige sein, um das Geschwür durch die Säure des Magensaftes und durch stärkere wurmförmige Bewegungen des Magens nicht zu incommodiren und nicht in seiner Vernarbung zu stören. Sie kann bestehen: aus guter schleimiger Fleischbrühsuppe (aber ohne Körnchen) mit eingequirltem Ei und etwas Fleischextract (aber wenig), aus weichem Ei oder rohem Ei mit Zucker abgequirlt, aus in Kaffee, Thee, Warmbier, Chocolade eingeweichtem Weißbrod oder Biscuits, Malzextract (aber nicht dem kohlensäurereichen Hoff’schen Braunbier), ganz fein gewiegter und gut zerkauter Kalbsmilch und Gehirn. Fleisch darf nur dann, wenn es bis zur Breiform zerkaut oder zerdrückt wurde, durchaus nicht in Stücken und nur dann versuchsweise genossen werden, wenn die aufgeführte Nahrung ohne Schmerzen verdaut wird. Milch, das beste Nahrungsmittel zur Kräftigung des in der Regel blutarm gewordenen Kranken, wird aber erst dann vertragen, wenn das Geschwür vollständig verheilt ist, und muß dann stets in kleinen Schlucken mit kleinen Weißbrodstücken (Semmelmilch) genossen werden. Bei vorhandenem Blutbrechen ist warmes Getränk nicht zu genießen, dagegen sind Eisstückchen (Gefrorenes) zu verschlucken. Warmes Getränk (Wasser) unterstützt durch Reinhalten des Geschwürs die Vernarbung. Unter dieser diätetischen Behandlung, bei welcher aller Druck von der Magengegend abzuhalten und diese Gegend warm zu halten ist, kommt es, wenn sie streng eingehalten wird, in kurzer Zeit zur Verheilung des Geschwürs und zum Weichen des Schmerzes. Alle Hausmittel gegen den Magenkrampf, besonders Pfeffer in Schnaps, sind schädlich und könnten den Tod in Folge von Durchlöcherung des Magens nach sich ziehen.

Bock.




[773]
Die Gartenlaube (1872) b 773.jpg

Die gesunde Leber.
Die verkrüppelte Frauenleber.
Schüsselförmige Magengeschwürsnarbe.
Aufgeschnittener Magen mit rundem Magengeschwür (a), blutenden Abschorfungen (b) und Geschwürsnarben (c), d. Eingang und e. Ausgang (Pförtner) des Magens, f. Milz.

[774]
Das Nebelhorn.


Vor mehreren Jahren verlebte der Verfasser nachstehender Mittheilung einen Theil des Sommers im englischen Nizza, zu Ventnor auf der Insel Wight. Diese letztere, ein Stück irdischen Paradieses, wenigstens in ihren südlichen Partieen, ist bekanntlich der Sitz des britischen Jachtclubs, der sich in Ryde, ihrer Hauptstadt, ein prachtvolles Haus erbaut hat. Mit einem jüngeren Mitgliede desselben, dessen Familie auf dem schönen Eiland ansässig ist, im Laufe der Zeit näher bekannt geworden, unternahm ich in seinem mit allen möglichen Bequemlichkeiten ausgestatteten kleinen Boote eines Tages einen Ausflug in den vor uns ausgegossenen Canal hinein, das von malerischen Küsten eingefaßte, aber gefährliche Aermelmeer.

Der Morgen war klar und goldig, in tiefblauem Glanze lag die See, mit einem Male aber begannen sich leichte Wolkenschleier über die Sonne zu legen, und noch ehe einige Stunden verstrichen, gingen in einem dichten feuchten Nebel Land und Wasser unter. Wir sahen absolut nichts mehr von den uns umgebenden Gegenständen, kaum noch die Contouren unseres Schiffchens und unserer eigenen Gestalten.

„Wo sind wir jetzt wohl?“ frug der Bootsherr den uns begleitenden Diener und Matrosen.

„Auf meine Ehre,“ antwortete der Bursche, indem er mit der Nase „windete“, wie ein plötzlich aufgescheuchtes Stück Wild, „ich habe keine Ahnung davon. Weiß blos, wir treiben im Canal, wahrscheinlich irgendwo zwischen Portland und Beachy Head, umher. Möchte schon eine Strecke weiter sehen können; denn es wäre verdammt unbehaglich, uns jählings im Bereiche eines Dampfers zu wissen! Die Schrauben sind tückische Dinger; sie melden sich nicht so gehörig an wie die Räder.“

„Spränge nur eine Brise auf,“ meinte James, mein Freund vom Jachtclub. „Dann wollten wir schnell die Küste anlaufen und recognosciren, wo wir sind.“

„Still!“ fuhr jetzt der Bootseigner auf. „Hören Sie nichts?“

Ich lauschte, doch ich konnte nichts vernehmen als das Plätschern des Wassers unter unserem Kiele.

„Da kommt’s wieder,“ nahm der Andere wieder das Wort.

Nun konnte auch ich es hören – den schrillen Ton eines trompetenartigen Instruments.

„Vortrefflich!“ jubelte unser Matrose. „Das ist das Nebelhorn von St. Catherine; wir sind also nicht weit mehr vom Hafen.“

„Wie könnt Ihr denn wissen, Tom,“ frug ich erstaunt, „daß es gerade dieses Horn ist? In Dungeneß giebt es ja auch Nebelsignaleinrichtungen, und wenn ich auch nicht fürchten will, daß wir von unserem Ausgangspunkte schon so weit abgekommen sind, so wäre es doch nicht ganz und gar unmöglich.“

„Könnte wohl sein,“ versetzte Tom gleichmüthig; „aber das Dungenesser Signal tönt fünf Secunden fort und schweigt dann zwanzig Secunden. Das von St. Catherine tönt auch fünf Secunden, pausirt indeß blos fünfzehn. Ich habe nun genau auf meine Uhr gesehen und kann mich folglich nicht leicht irren.“

In diesem Augenblicke erhob sich ein leichter Wind, der Nebelschleier zerriß, und richtig, da segelten wir etwa eine Seemeile südlich von St. Catherine. Das Nebelhorn erschallte nicht mehr, deutlich jedoch ersahen wir den Leuchtthurm, der es beherbergte, und die zu ihm gehörende kleine Gruppe von freundlichen weißen Häusern. Ruhig glitten wir längs der herrlichen Unterklippe (Undercliff) dahin und lagen binnen Kurzem sicher bei Ventnor wieder vor Anker.

„Wie wäre es,“ begann ich, als wir dem Boote entstiegen waren und gemächlich den Strand hinabschlenderten, „wenn wir, zum Dank für seinen freundlichen Ruf, dem Nebelhorn einen Besuch abstatteten?“

Mein Freund war gern dazu bereit, und so begaben wir uns auf den Weg Abseiten von der Heerstraße wanderten wir auf einem nah’ am Meere sich hinziehenden Fußpfade unserem Ziele zu, ließen die Dünen von St. Catherine zur Rechten und erreichten bald den Leuchtthurm, oder, wie sich der Engländer richtiger ausdrückt, das Leuchthaus, dessen oberster Hüter uns zuvorkommend sein Reich erschloß.

Nachdem wir den Leuchtapparaten selbst und der das ganze Etablissement kennzeichnenden Ordnung und Sauberkeit unsere glühende Bewunderung gezollt hatten, gingen wir durch den kleinen Garten unseres Geleiters nach dem Nebelsignalgebäude, einem bescheidenen Hause mit einem mächtigen Schornstein. Vor seinem dem Meere zugekehrten Dachhange reckte unser wackerer Helfer, das Horn, sein Haupt empor. Der Bau enthält einen Flur, ein Gemach für allerhand Werkzeuge und Geräthe und den Maschinenraum, der etwa zwanzig Fuß lang und achtzehn Fuß breit sein mochte und auf das Beste ventilirt und auf den Seiten durch Fenster erhellt ist. Hier gewahren wir das andere Ende des Nebelhorns. Es läuft durch einen am Dache befestigten eisernen Cylinder und communicirt mit großen ehernen Windrohren. Zwei wunderlich aussehende Maschinen, jede mit einem schweren Schwungrade und einem complicirten Getriebe von Zähnen und Wellen, sind, wie uns unser Führer belehrt, Ericson’sche calorische Apparate zur Bewegung der Pumpen, welche die Luft in den Windröhren oder Blasebälgen verdichten. Zu gleicher Zeit arbeitet stets nur eine Maschine; die andere dient blos zur Reserve, um in Fällen der Noth bereit zu sein. Bis jetzt aber hatte seit der Aufstellung des Horns im Jahre 1868 eine solche Aushülfe noch nicht in Anspruch genommen werden müssen, da die Maschinen in ihrer Construction sehr einfach sind und niemals explodiren können. Jede hat ungefähr zwei Pferdekraft, verbraucht in der Stunde zwölf Pfund Coke und kann binnen dreißig Minuten in Gang gesetzt werden. Dieses letztere Moment ist von hoher Wichtigkeit. Muß doch das Signal ohne Verzug gegeben werden können, sobald, was an den englischen Küsten so häufig geschieht, ein Nebel eintritt.

Das Horn selbst ist von Messing, in Gestalt dem sogenannten russischen Serpent, einem von Militärmusikbanden viel gebrauchten großen tubaartigen Blasinstrumente, ähnelnd. Für ein Orchester freilich dürfte unser Signalhorn sich kaum empfehlen, denn es hat eine Länge von fast zehn und an seiner Mündung eine Weite von zwei Fuß Durchmesser, und sein leisester Ton würde die Zuhörerschaft eines Concertsaales in schleunige Flucht schlagen. Das Horn steht aufrecht, seine Mündung der See zugewandt, und der uns umherführende Beamte zeigte uns eine sinnreiche mechanische Vorrichtung, mittelst deren es sich langsam um seine verticale Axe herumdrehen läßt, so daß es seinen Schall über einen weiten Luftkreis verbreitet und von den Schiffern an den verschiedensten Stellen dieses Cirkels vernommen werden muß. Daraus erklärt sich, daß wir es das erste Mal nicht so deutlich hörten, als das zweite Mal. Offenbar war bei diesem letztern die Mündung des Instruments uns direct zugekehrt gewesen. Nach seinem Erfinder, einem Amerikaner, heißt das Horn auch wohl Dabollshorn. Außer ihm kommen noch mehrfache andere Schallapparate zur Benutzung, unter andern metallene Handtrommeln auf den Leuchtschiffen, auf mehreren Leuchtthürmen große Glocken und an gewissen Punkten der Küste schwere Kanonen. Wie ich mich später unterrichtete, gebraucht man nicht weniger als sechs verschiedene Nebelsignale: Hörner, Trompeten, Pfeifen, Trommeln, Geschütze und – Sirenen.

Schon seit langer Zeit hat man sich des Hornes bedient, um bei Nebelwetter die Fahrzeuge zu warnen und zu orientiren. So lange man indessen keine Maschinen zur Zusammenpressung der Luft besaß, war es ein sehr unzulängliches Instrument. Da erfand im Jahre 1844 Capitain (nachmals Admiral) Tayler eine Maschine zu diesem Behufe, die indeß niemals zur praktischen Verwendung gelangte. Erst Daboll ’s Erfindung wurde für probat erklärt und 1851 auf Rhode Island in den Vereinigten Staaten Nordamerikas eingeführt. Allein erst elf Jahre später nahm England die Erfindung an und errichtete bei Dungeneß, zunächst zur Probe, ein Dabollshorn. Es erwies sich jedoch für die Station nicht kräftig genug und wurde deshalb 1865 durch ein größeres ersetzt. Ein zweites Instrument empfing ein Jahr später die Station von Cumbrae am Clydebusen in Schottland; dies zeigte sich so wirkungsvoll, daß man, selbst bei heftigem Winde, seinen Schall bis fünf englische Meilen weit in See vernehmen konnte.

Seit ihrer ersten Einführung hat Daboll’s Erfindung [775] vielerlei Verbesserungen erfahren. Wir erwähnten bereits, daß wir in seiner Tonfülle eine bedeutende Veränderung beobachteten, je nachdem es dieser oder jener Richtung zugekehrt ward. Das ist ein Nachtheil, weil der Seemann, der darauf rechnet, in einer gewissen Entfernung durch das Horn gewarnt zu werden, sich gerade in dieser Distanz befinden kann, ohne es zu hören, wenn der Wind stark und die Trompete nicht direct auf ihn gerichtet ist. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat Professor Holmes, durch seine Untersuchungen auf dem Gebiete des elektrischen Lichtes bekannt, ein Horn construirt, welches neunzig Grad weit einen breiten Schallstrahl ausströmt. Indem er nun zwei oder mehrere solcher undrehbarer Instrumente nebeneinander aufstellt, denkt er, den Schall zu gleicher Zeit über jeden verlangten Bogen verbreiten zu können. Auch hat man gefunden, daß unter gewissen Umständen sich die Trompeten viel weiter nach dem Meere hinaus richten lassen, als die Gebäude stehen, welche die Maschinen und Luftpumpen umschließen, und eine fernere von Daboll’s Erfindungen ist es, die Cylinder, die der Trompete vom Condensator die Luft zuführen, nach Art der Telegraphendrähte wirken zu lassen. Da jedoch der Draht allzu sehr dem Zerbrechen ausgesetzt ist und die Kraft, ihn in Bewegung zu setzen, ein gutes Theil von der Kraft der Maschine absorbiren würde, anstatt daß dieselbe völlig den Luftpumpen zu gute käme, so hat der unermüdliche Professor den Plan ausgesonnen, den Luftdruck zugleich zum Oeffnen und Schließen der Cylinder zu gebrauchen. Dergestalt kann die Trompete in jeder Entfernung vom Gebäude aufgestellt werden, wenn sie nur mit diesem in angemessener Verbindung steht. Das bei Souter Point errichtete Nebelhorn ist von den Luftpumpen etwa zweihundertfünfzig Fuß entfernt und könnte in Nothfällen selbst noch weiter entfernt werden.

Auch der erste Gedanke der Nebelpfeife ist englischen Ursprungs, aber in Nordamerika zuerst verwirklicht worden. Schon 1845 hatte ein britischer Ingenieur, Alexander Gordon, dem Parlamente die Idee ausgesprochen, daß mächtige Pfeifen, ähnlich denen der Locomotiven, als Küstensignale während dichter Nebel sich trefflich würden gebrauchen lassen. Er wies darauf hin, daß ein schrillender Ton weiter schallt als ein nicht so durchdringender, der an Ort und Stelle vielleicht viel intensiver ist, und bekräftigte dies, indem er an die großen Entfernungen erinnerte, in denen man das Gezirp der Grille zu hören im Stande ist. Allein sein Gedanke führte zu keinerlei praktischem Erfolge, bis Daboll einen Apparat herstellte, welcher eine große Locomotivpfeife mittelst comprimirter Luft zu einem Nebelsignal umwandelte. Die Regierung der Vereinigten Staaten erkannte sofort den Werth dieser Erfindung und ließ eine solche Pfeife auf Rhode Island errichten. Eine und dieselbe Maschinerie diente sowohl für die Pfeife wie für das Horn, und die amtlichen Berichte stellen beiden Instrumenten ein sehr günstiges Zeugniß aus. Kurz darauf gelang es, eine Pfeife zu dem nämlichen Zwecke mittelst hohen Dampfdrucks in Gang zu setzen, und man stellte einen dergleichen Apparat auf Partridge Island in der Fundybay, Neubraunschweig, auf. Officiell wird constatirt, daß sein Schall, bei heftigem Sturme, in einer Entfernung von fünf und einer halben englischen Meile vernehmbar war.

Rasch bedeckten sich nun die nordamerikanischen Küsten mit solchen Nebelpfeifen. Lange Zeit scheint indeß vergangen zu sein, ehe die Erfindung über den Ocean nach Europa drang, denn erst 1869 ward ein ähnlicher Apparat bei Aberdeen in Schottland eingeführt, der, auf den Principien des Instrumentes von Partridge Island beruhend, seinen Zweck vortrefflich erfüllen soll.

Sehr alt ist der Gebrauch von Glocken als Nebelsignale. Man bedient sich ihrer meist auf einsamen oder Felsenbuchtthürmen und hat sie von drei- bis siebenhundert Pfund Schwere. Manche sind selbst noch schwerer; die Glocke auf Start Point wiegt mehr als hundert Centner, und an den irischen Küsten besitzen einige sogar das Doppelte dieses Gewichts. Allein der Glockenklang geht im Allgemeinen nicht weit und kann bei stärkerem Winde auch in geringer Entfernung nicht vernommen werden. Die Glocke hängt an der Plattform oder Galerie des Leuchtthurms an starken Ketten herab und, je nach der Höhe des Thurmes, sechszig bis hundert Fuß über dem Meeresspiegel. Dennoch ist es vorgekommen, daß sich bei einem Sturme die aufgeregten Wogen so hoch aufbäumen, daß sie die Glocke hinwegspülen! Um dies zu verhüten, pflegt man die letzteren an der dem offenen Meere am fernsten gelegenen Seite anzubringen und so ihr den Thurm selbst zur Schutzwehr zu geben. Dieser Schirm jedoch schneidet den Schall nach der See zu ab, so daß das Mittel noch schlimmer ist, als der Uebelstand selbst, dem es begegnen soll. Im Ganzen giebt man deshalb den Gebrauch der Glocke als Nebelsignal immer mehr und mehr auf, und keiner der neueren Leuchtthürme wird noch mit derselben ausgestattet.

Die als Nebelsignale an den englischen und deutschen Küsten benutzten Geschütze sind Achtzehn- oder Vierundzwanzigpfünder. Sie bedürfen zu ihrer Ladung drei oder vier Pfund Pulver und werden von Viertelstunde zu Viertelstunde abgefeuert. Hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit zu dieser Bestimmung schwankt die Ansicht freilich bedeutend. Während einer Viertelstunde segelt ein Schiff selbst bei schwachem Winde seine zwölf Knoten, das heißt, es legt drei Seemeilen zurück, es kann also bis auf die gefährlichste Nähe der Küste herankommen, ehe es noch den Knall der Kanone hört. So scheint man allmählich auch von dem Gebrauche der letzteren im Küstensignaldienste zurückzukommen.

Die Sirenen endlich, deren Locktönen der alte Odysseus nur dadurch widerstehen zu können meinte, daß er sich die Ohren fest verstopfte und sich an den Mastbaum anbinden ließ, sind heutzutage zu durchlöcherten Eisencylindern oder Eisenkästen geworden, aus denen der Hochdruckdampf das Weite sucht. Nicht länger die grimmen Feindinnen und Popanze des Schiffers, die ihm den Untergang bereiten, sind sie jetzt seine treuen Freundinnen und singen ihm blos, um ihn vor der Gefahr zu warnen. Nicht mehr bewohnen sie die schönen Gestade des Mittelmeeres, sondern die rauheren Küsten des nordamerikanischen Oceans und sind hochgeschätzt von Allen, welche sie kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben.

Zum Schlusse sei noch bemerkt, daß die Kanone das theuerste von allen Nebelsignalen ist. Während das Daboll-Horn täglich, das heißt im Zeitraume von vierundzwanzig Stunden, einen Aufwand von höchstens fünfzehn bis achtzehn Schillingen, die Dampfpfeife von etwa neunzehn Schillingen erheischt, erfordert die Kanone in der gleichen Zeit nahezu neun und ein halbes Pfund Sterling.

Uebrigens liegt trotz aller dieser Erfindungen und Vorrichtungen das gesammte Küstensignalwesen noch ziemlich im Argen; namentlich hat man durchaus nicht genau festgestellt, wie weit die verschiedenen Nebelsignale gehört werden können, so daß eine wissenschaftliche Untersuchung dieser für die Schifffahrt so hochwichtigen Frage als ein in der That dringendes Bedürfniß bezeichnet werden muß. An unseren deutschen Küsten zumal herrschen zum Theil noch die primitivsten Leuchtthurm- und Seesignaleinrichtungen vor; nur sehr wenige Stationen tragen den neuesten Resultaten der Wissenschaft Rechnung.

H. S.




Pariser Bilder und Geschichten.


Männliche und weibliche Modelle.


Von Ludwig Kalisch.


Es gewährt dem Denker ein ganz eigenthümliches Interesse, in Paris die tausend Wege zu beobachten, auf denen die Menschen dem täglichen Brode nachjagen. Diese Wege sind nicht immer gerade, nicht immer geebnet. Es sind oft krumme Wege, verschlungene Wege, Seitenwege, Abwege; aber sie sind gedrängt voll. Die Existenz in Paris ist eben für die Meisten ein beständiger Kampf auf Leben und Tod. Man muß laufen und rennen; man muß schaffen und erfinden; man muß überall die Augen haben und alle Kräfte in Bewegung setzen, wenn man nicht in Noth und Elend untergehen will. Von dem Banquier, [776] der seinen Gewinn nach Hunderttausenden und Millionen zählt, bis zu dem Lumpensammler, der um Mitternacht den Straßenkehricht durchwühlt: welche unendliche Reihe von Beschäftigungen! welche Menge von Erwerbsquellen! Jede dieser vielen Erwerbsquellen bildet eine besondere Classe, die ihr eigenes Gepräge besitzt. Eine der wenigst zahlreichen, aber gewiß eine der interessantesten, ist die Classe der Kunstmodelle.

In anderen Städten, die sich großer Kunstschulen erfreuen, wie in Düsseldorf, München, Dresden etc., giebt es nur einige Individuen, die den Künstlern zuweilen zu Modellen dienen; in Paris aber bilden die Modelle einen förmlichen Stand. Man ist in Paris Kunstmodell, wie man Schneider, Schuster, Tischler oder Zimmermann ist. Die Modelle, die in Paris ausschließlich von den Künstlern leben, zählen bei Weitem über tausend Köpfe.

Die Laufbahn eines solchen Modells beginnt oft, bevor es laufen kann. Eine arme Frau, die ein schönes Kind hat, begiebt sich mit diesem zu einem Künstler, der gerade um das Modell eines Christuskindes verlegen ist, und verdient ihre vier Franken, den gewöhnlichen Preis für eine Sitzung. Wir haben hier also den sonderbaren Fall, daß der Säugling die Mutter ernährt. Die Mutter fängt an, die Schönheit ihres Kindes auszubeuten. Sie lebt von ihrem Kinde; es ist ihre einzige Erwerbsquelle. Nun giebt es in Paris einige fast hundertjährige Greise, die den Künstlern zu Modellen dienen, um ihren Unterhalt zu gewinnen; man sieht also, daß dieser Erwerb auf der allerniedrigsten Lebensstufe anfängt und selbst auf der allerhöchsten nicht aufhört.

Die meisten Modelle gehören dem weiblichen Geschlecht an. Ich will daher mit diesen beginnen, nachdem ich eine zum Verständniß dieser Skizze nothwendige Bemerkung vorausgeschickt.

Die Pariser Maler und Bildhauer theilen sich in zwei Classen. Die Einen sind zugleich Lehrer und vereinigen eine Anzahl Schüler in ihren Werkstätten, während die Anderen sich niemals mit der Ausbildung von Schülern befassen. Die Modelle nun, welche die Werkstätten der erstgenannten Künstler besuchen, heißen „Modèles d’ateliers“; die anderen werden „Modèles d’artiste“ genannt. Die „Modèles d’ateliers“ stehen in Bezug auf Moralität in keinem sonderlich guten Rufe, oder vielmehr in üblerem Rufe, als die „Modèles d’artiste“. In den Ateliers der lehrenden Künstler ist ein Mädchen den Neckereien und Späßen der Schüler ausgesetzt. Das weibliche Modell besucht also diese Werkstätten nicht gern. Glänzt ein Frauenzimmer durch auffallende Schönheit, so wird sie natürlich von den Künstlern sehr gesucht, und da eine Sitzung höchstens fünf Stunden dauert, so kann sie an einem Sommertage zwei Sitzungen geben und zehn bis zwölf Franken verdienen, besonders wenn sie Intelligenz hat und zu sitzen versteht. Der Künstler, dem sie dann die Arbeit erleichtert, giebt ihr für jede Sitzung eine kleine Gratification. Diese Modelle heißen „Modèles fixes“ und haben ihre gestochenen Karten, die sie in die Ateliers schicken. Sie verschwinden nämlich von Zeit zu Zeit und nicht selten dann, wann der Künstler ihrer am nöthigsten bedarf. Vergebens wird nach ihnen geforscht. Sie sind nicht aufzutreiben.

Ach, die Modelle der Kunst sind gar selten Modelle der Tugend, und wenn sie auf ihrer vielverschlungenen Lebensbahn einen russischen Grafen, oder einen Lord, oder einen Plantagenbesitzer aus Südamerika entdecken, so kehren sie der Kunst den Rücken. Sie haben eine unbesiegbare Vorliebe für Silberrubel, englische Banknoten und Piaster und machen sich wenig daraus, durch den Pinsel eines Malers auf der Leinwand verewigt zu werden.

Nichts aber ist beständig auf dieser Erde, und folglich sind die Lords und die russischen Grafen und südamerikanischen Plantagenbesitzer auch nicht beständig, und eine Julie, die einige Monate hindurch bei den vorzüglichsten Restaurants gespeist, in einem prachtvollen Wagen die elyseischen Felder durchrollt, in den Theaterlogen mit einem kostbaren Fächer sich angenehme Kühlung zugefächelt und der Geldbörse ihres Romeo die galoppirende Schwindsucht zugezogen hat, sie stellt sich eines schönen Tages wieder bei dem Maler ein, um als Modell für eine Diana oder für die keusche Susanne im Bade so lange zu dienen, bis sie mit ihren Augen abermals eine Feuersbrunst in dem Herzen eines reichen Ausländers anfacht.

Die meisten Modelle glänzen indessen weniger durch Schönheit, als durch einzelne Schönheiten. Die Eine ist berühmt wegen ihrer majestätischen Stirn, die Andere wegen ihres lieblichen Mundes, die Dritte wegen ihrer tadellosen Hand, und ich kenne Eine, die wegen ihres üppigen, hellblonden Haares seit mehreren Jahren von den Pariser Malern sehr gesucht wird. Manche dieser Fornarinas findet ihren Raphael und tritt mit ihm in ein Eheverhältniß. Sie liefert ihm dann die Engel, die Venusse, die Musen, die Grazien und die Nymphen. Bald verführt sie den heiligen Antonius; bald begeistert sie als Beatrice den unsterblichen Alighieri. Auf einem Bilde sieht man sie als lachende Braut, auf dem andern als trauernde Wittwe; kurz, man begegnet ihrer Physiognomie in unzähligen Compositionen.

Zuweilen stellt sich wohl bei berühmten Künstlern eine Dame ein, die eben im Begriff ist, das Schwabenalter zu erreichen, oder es bereits erreicht hat. Sie führt sich mit dem Bemerken ein, daß sie für das Fach des Portraits sitzen möchte. Diese Damen haben von ihren früheren Reizen nichts gerettet, als das alternde Haupt, eine schöne imponirende Haltung und die Kunst, sich geschmackvoll zu kleiden. Solche Modelle sind den Portraitmalern sehr willkommen, da man bei Portraits ganz besonders auf eine elegante Haltung sieht. Aber die Jahre vergehen pfeilgeschwind, und dieselbe Dame, die jetzt für die Portraits sitzt, wird nach einem Jahrzehnt ein abgenutztes Modell und muß sich nun dazu verstehen, ihre Dienste als „Poseuse de draperie“ den Künstlern anzubieten. Das ist ein langweiliges, saures, höchst anstrengendes Geschäft. Sie sinkt dadurch zur Gliederpuppe herunter. Es wird ihr nämlich irgend ein Gewand umgehängt und von dem Künstler in malerische Falten gelegt; damit nun diese Falten sich nicht verschieben, muß das Modell während der ganzen Sitzung, während fünf Stunden, unbeweglich und schweigend verharren; denn ein ernster Künstler spricht nur selten oder niemals mit einem Modell. Für ein lebhaftes Temperament ist eine solche Sitzung eine wahre Höllenqual.

Die Modelle ziehen die Malerwerkstätten den Bildhauerwerkstätten bei Weitem vor, da sie in diesen ihre Gesundheit gefährden. Der Gyps, mit dem sie zum Theil übergossen werden, verursacht ihnen häufig Rheumatismen und Gliederreißen. Sie werden deshalb von den Bildhauern viel besser bezahlt.

Schöne Modelle sind in der Regel so sehr gesucht, daß deren Sitzungen schon einen ganzen Monat voraus bestellt werden müssen. Indessen tritt doch zuweilen eine Periode ein, in welcher die Kunst mehr oder weniger feiert und die Künstler keiner Modelle bedürfen. Die beliebtesten Modelle besuchen dann nicht minder die Werkstätten berühmter Künstler, aber weniger in Angelegenheit der Kunst, als in Herzensangelegenheiten. Sie wissen nämlich, daß man in den Ateliers guter Maler stets reiche Dilettanten und Kunstfreunde trifft. Sie werfen dann ihre Netze aus und es gelingt ihnen zuweilen dort, einen alten Rentier aufzufischen.

Das Modellsitzen wird von vielen Pariserinnen deshalb als Erwerbsquelle gesucht, weil es eine Beschäftigung ist, die weder eine große körperliche noch geistige Anstrengung erfordert. Der verhältnißmäßig leichte Gewinn, die Zerstreuung in den Ateliers, die Bekanntschaft mit jungen Künstlern und reichen Kunstfreunden haben für Viele einen unwiderstehlichen Reiz. Gewöhnlich werden sie von ihren Freundinnen den Künstlern empfohlen; sehr häufig aber sind es die Mütter, die für ihre jungen Töchter diese Erwerbsquelle aussuchen. Sie führen dieselben bei den Künstlern ein, und diese sind oft erstaunt über die praktischen Erfahrungen der jungen Modelle. Es geschieht wohl auch, daß ein Künstler in den gewerbtreibenden Stadtvierteln einer Arbeiterin begegnet und, von der Schönheit derselben überrascht, sie zum Modellsitzen einladet. Der Zufall spielt in Paris sehr häufig eine Hauptrolle, und es ist schon vorgekommen, daß ein solches, gleichsam auf der Straße gefundenes Mädchen die Gattin eines tüchtigen Künstlers geworden.

Was nun die männliche Modelle betrifft, so haben sie häufig ihre Specialität und sind in den Pariser Ateliers unter gewissen Spitznamen bekannt. Ich kannte in Paris einen Mann, dessen Christuskopf für die Maler der Passionsgeschichte unentbehrlich war. Ein Anderer ernährte sich von seinem Spitzbubengesicht. Er hatte eine wahre Galgenphysiognomie und diente als Modell für Jesuiten, Intriguanten und tückische Scheinheilige. [777] Wer einen Tartüffe malen wollte, wendete sich an ihn. Das Komische bei der Sache war, daß man sich keinen ehrlicheren, braveren, unbescholteneren Mann denken kann, als er war. Er war ein Tolpatsch, der über seine eigene Rechtschaffenheit stolperte. Sein Gesicht paßte zu seinem Charakter wie der Titel eines Schelmenromans zu einer moralischen Erzählung. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

Geübte Physiognomiker und feine Beobachter wissen recht gut, daß Bettler einen eigenthümlichen Gesichtsausdruck haben. Es giebt daher unter den Modellen solche, die ausschließlich für Bettler sitzen. Sie werden sehr gesucht. Auch die Soldatenköpfe sind sehr begehrt. Vor einigen Monaten ist in Paris ein Mann gestorben, der, als er in der Schlacht von Lützen verwundet worden, schon weißes Haar hatte. Bis unmittelbar vor seinem Tode besuchte er als Modell für Veteranen die Pariser Ateliers.


Die Gartenlaube (1872) b 777.jpg

In einem Biergarten zu Straßburg.
Originalzeichnung von L. Löffler.

Keine Stadt der Welt kann sich so vieler, so mannigfacher Modelle rühmen wie Paris. Der Pariser Künstler ist in dieser Beziehung niemals in Verlegenheit. Neger, Mulatten, Hindus, Chinesen und Araber dienen ihm als lebende Modelle für seine Schöpfungen. Die Beduinen laufen zu Dutzenden in Paris herum, und man kann mehr als einen ehemaligen Beduinenhäuptling in den Pariser Malerwerkstätten finden. Einer dieser Häuptlinge – er nennt sich Abd-el-Kader – ist ein sehr bekanntes Modell. Er ist ein schöner Mann, dem das arabische Costüm trefflich zu Gesicht steht; er ist auch zugleich ein sehr geriebener Mann, der mit Kunstgegenständen handelt. Eines Tages, als ich mich im Atelier eines mir befreundeten Künstlers befinde, tritt Abd-el-Kader ein und spricht von einem alten Portrait Martin Luther’s, das er soeben gekauft. Ich muß gestehen, der Name des großen Reformators im Munde des Arabers berührte mein Ohr auf eine ganz eigenthümliche Weise.

Ich muß noch zwei Arten von Modellen erwähnen, nämlich das „Modèle de Complaisance“ und das „Modèle de Confiance“. Das „Modèle de Complaisance“ ist eine dem Künstler befreundete Dame, die, oft sehr reich und vornehm, ihm aus Gefälligkeit sitzt. Der Name „Modèle de Confiance“ aber bezeichnet diejenigen, die nicht nur dem Künstler zu Modellen dienen, sondern ihm auch manchen andern Dienst verrichten. Sie reinigen die Paletten, ordnen das Atelier, besorgen verschiedene, [778] oft sehr delicate Aufträge und sind das Factotum der Künstler. Unter ihnen findet man zuweilen höchst komische Figuren, die eine besondere Schilderung verdienen.

Die Pariser Künstlerwerkstätten liefern nicht selten Stoff zu interessanten Romanen, wie folgender Fall beweist.

Eines Tages tritt in das Atelier des berühmten Malers V. eine Frau mit einem jungen Mädchen, das sie ihm als ihre Tochter vorstellt und als Modell anbietet. Das Mädchen hatte kaum das achtzehnte Jahr erreicht und ihre Schönheit war so groß, daß der Künstler sie voll Bewunderung betrachtete und, wie es sich wohl von selbst versteht, das Anerbieten annahm. Die Mutter fand sich nun täglich im Atelier ein und merkte bald die tiefe Zuneigung, die der Künstler zu dem Mädchen gefaßt hatte. Einige Zeit darauf kam sie allein, und nachdem sie lange über die Armuth geklagt, in welcher sie ihr Gatte zurückgelassen, machte sie unter Forderung einer bestimmten Summe dem Künstler Anträge, welche die Ehre ihrer Tochter gefährdeten. Dieser traute seinen Ohren kaum und war empört über die Verworfenheit der Frau. Indessen stellte er ihr die verlangte Summe zu.

Am folgenden Morgen kam das Mädchen ohne Begleitung der Mutter in’s Atelier. Sie sah bleich und angegriffen aus und ihre schönen Lippen preßten sich krampfhaft zusammen. Nach einer für den Maler höchst peinlichen Pause begann sie:

„Mein Herr, ich bin von Allem unterrichtet. Die bittere Noth, in der wir seit Jahren leben –“

Thränen erstickten ihre Stimme.

„Beruhigen Sie sich,“ bat der Künstler tief ergriffen.

„Sie sind Künstler,“ fuhr das Mädchen fort. „Ihr Herz, das dem Gefühl für’s Schöne geöffnet ist, kann unmöglich dem Mitleid verschlossen sein, kann nicht grausam genug sein, zu dem Unglück die Schande hinzufügen zu wollen.“

„Stillen Sie Ihre Thränen,“ sagte Jener. „Sie haben sich in mir getäuscht. Ich habe Ihrer Mutter ein Darlehn geleistet, das sie mir zurückerstatten mag, wenn es ihr beliebt. Sprechen wir nicht weiter davon!“

Marie – so hieß das Mädchen – kam nun wie früher regelmäßig in’s Atelier, jedoch niemals mehr in Begleitung ihrer Mutter. Sie wurde mit jedem Tage ernster, niedergeschlagener. Der Künstler seinerseits fühlte die Fesseln, die er trug, auf’s Peinlichste. Er liebte jetzt Marie, nachdem er einen Beweis von ihrem Sittlichkeitsgefühl und zugleich von ihrem Vertrauen zu ihm gehabt, noch mehr als früher; er durfte jedoch nicht daran denken, sie jemals zu besitzen, denn er war verheirathet, wenn auch nicht glücklich, und er achtete das Mädchen zu sehr, um eine Maitresse aus ihr zu machen. Er sah keinen andern Ausweg als ihre Entfernung. Indessen quälte ihn der Gedanke, daß sie bei dem verworfenen Charakter ihrer Mutter und bei den Verlockungen, denen ein schönes Mädchen in Paris ausgesetzt ist, am Ende doch zu Falle kommen würde. Sein Inneres war heftig aufgewühlt. Er entschloß sich dennoch, bei dem nächsten Besuche Mariens sie von der Nothwendigkeit zu überzeugen, Paris zu verlassen. Er hatte eine Tante in einer kleinen Provinzialstadt. Diese Dame, eine kinderlose Wittwe, war, wenn auch nicht reich, doch in sehr guten Verhältnissen und er konnte mit Sicherheit darauf rechnen, dieselbe würde auf seine Verwendung Marie als Kammermädchen in’s Haus nehmen. Diesen Plan wollte er Marie mittheilen.

Wer vermag aber seine Empfindungen zu beschreiben, als er statt ihres Besuches einen Brief von ihr erhielt, in welchem sie ihm mittheilte, daß sie Paris auf immer verlassen. Sie dankte ihm in den herzlichsten Ausdrücken für die großmüthige Theilnahme, die er ihr bewiesen und die sie niemals vergessen würde. Was ihr Schicksal beträfe, sagte sie zum Schluß, so könnte er ruhig sein; ihre Zukunft sei gesichert und ihre Ehre keinen Gefahren mehr ausgesetzt.

Der Künstler las den Brief zu wiederholten Malen und fühlte sein Herz von den verschiedensten Gefühlen bewegt. Wenn er sich auch einerseits darüber freute, daß Marie, wie sie selbst versicherte, einer ruhigen Zukunft entgegensehen konnte und ihn also von einer schweren Sorge befreite, so war er doch darüber mißgestimmt, daß sie einen Entschluß ausgeführt, ohne ihm denselben mitgetheilt zu haben. Er sah darin ein Mißtrauen und fühlte sich verletzt. Warum hat sie ihm ihren künftigen Aufenthalt verschwiegen? Warum hat sie ihm über ihren künftigen Beruf kein einziges Wort gesagt? Diese Fragen, die er sich nicht zu beantworten vermochte, quälten ihn unaufhörlich. Er hatte keine Ursache, an der Wahrhaftigkeit Mariens zu zweifeln; dennoch aber konnte er sich der Eifersucht nicht erwehren. Während mehrerer Monate war er zu keiner Arbeit aufgelegt.

Ein Künstler von Ruf wird indessen in Paris nicht nur von seiner Kunst, sondern auch von der Gesellschaft so sehr in Anspruch genommen, daß er nicht lange einer schwermüthigen Herzensregung nachzuhängen vermag. In der emsigen Thätigkeit und in den Zerstreuungen der Pariser Welt erbleichte das Bild Mariens immer mehr im Herzen des Malers.

Mehrere Jahre vergingen. Nur selten dachte V. an Marie, als sie ihm eines Tages auf eine unerwartete Weise in’s Gedächtniß zurückgerufen ward. Unter seinen vielen Verehrern befand sich auch der liebenswürdige Herzog von Orleans, der, von Algerien zurückkommend, sich beeilte, das Atelier V.’s zu besuchen.

„Ich komme diesmal nicht blos, um Ihnen die Hand zu drücken und Ihre neuen Werke zu bewundern,“ sagte der Prinz, „sondern auch, um mich eines Auftrags zu entledigen. Die jüngste Expedition gegen die Kabylen,“ fuhr der Prinz fort, indem er sich in einen Sessel an der Seite des Künstlers niederließ, „war blutiger als sonst. Wir hatten sehr viele Verwundete. Unter den Frauen, die sich der Pflege derselben mit der edelsten Selbstaufopferung widmeten und darin die einzige Genugthuung für die Entsagung aller irdischen Freuden finden, zeichnete sich wie immer Marie Du….er aus –“

„Marie Du….er?“ rief der Künstler lebhaft.

„Hören Sie mich ruhig an,“ ermahnte der Prinz und fuhr dann fort: „Sie hatte sich während ihres fast vierjährigen Berufes durch unermüdliche, vor keiner Gefahr zurückschreckende Wirksamkeit so sehr hervorgethan, daß ich ihr mehrere Male meinen Dank persönlich abstattete. Unsere Truppen verehrten sie wie eine Heilige. In der letzten Expedition leistete sie fast das Unmögliche. Die unausgesetzte Anstrengung, die schlaflosen Nächte, die sie am Lager der Verwundeten und Kranken zubrachte, warfen sie endlich selbst auf’s Krankenlager. Ich fand sie, als ich sie besuchte, schon so erschöpft, daß sie kaum im Stande war, sich aufzurichten. Ihr bleiches Gesicht war schon halb verklärt. Ich überreichte ihr das Kreuz der Ehrenlegion, indem ich versicherte, daß ich durch diese so wohlverdiente Auszeichnung nicht nur meine eigene, sondern auch zugleich die Dankbarkeit Aller ausdrücke, die sie dem Siechthume, dem Tode entrissen, und daß ihr mildes Walten die allgemeinste Bewunderung erregt habe.

Sie lächelte und küßte das Kreuz.

Ich heftete dasselbe, als sie es wieder aus der Hand gelegt, an den Mousselinvorhang ihres Bettes, unter die Skizze einer Madonna, an der ich Ihre Meisterhand zu erkennen glaubte. Ich hatte mich nicht getäuscht.

Als Marie von mir erfuhr, daß ich Sie persönlich kenne und Ihr seltenes Talent hochschätze, erheiterte sich ihr Antlitz. ‚Monseigneur,‘ sagte sie, ‚Sie kehren bald nach unserm theuren Vaterlande zurück, das ich nicht mehr wiedersehen soll. Meine Stunden sind gezählt. Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?‘

‚Von ganzem Herzen!‘ rief ich.

‚Lassen Sie, Monseigneur, sobald ich die Augen geschlossen, dieses Kreuz und dieses Bild in meinem Namen dem Künstler V. zustellen,‘ bat sie. Lassen Sie ihn wissen, mein Prinz, daß das Gebet einer Sterbenden ihn nicht vergessen.‘ –

Am andern Morgen brachte man mir die Nachricht von ihrem Tode. Ich ließ das Kreuz und das kleine Madonnenbild vom Vorhange nehmen und bringe Ihnen selbst die Angedenken.“

Der Prinz zog ein Portefeuille aus der Tasche und überreichte es dem Künstler, der seine Thränen nicht bewältigen konnte. Er erzählte dann dem Herzoge, was dem Leser bereits über Marie mitgetheilt worden.

„Und die Mutter?“ fragte der Herzog.

„Ich habe sie niemals wieder gesehen,“ antwortete der Maler.




[779]
Blätter und Blüthen.


In Straßburg vor zwei Jahren – und jetzt! (Mit Abbildung S. 777.) In einer Straßburger „Brasserie“-Kneipe wurde meine schönste Elsaß-Begeisterung zum ersten Mal mit Eiswasser begossen.

Wenigen unserer Leser wird es anders ergangen sein, als uns alten Patrioten. Elsaß und Lothringen blieben uns Trauerstellen auf den Landkarten und in der Geschichte, und wem sich beim Namen „Straßburg“ nicht die Faust ballte, der hatte keinen Funken Gefühl für des Vaterlandes Ehre. Beim Anblick des Straßburger Münsters mußte Jedem ein Stich in’s Herz fahren, der ein richtiger Deutscher sein wollte. Man umarmte im Geist noch immer die Bewohner von Elsaß-Lothringen als deutsche Brüder und dachte nicht daran, daß diese Liebe eine einseitige sei. Die Elsässer Dichter hatten allerdings durch manchen poetischen Seufzer ihre Liebe und Sorge für die deutsche Sprache und Art ihrer Heimath verrathen, aber was fragten darnach der Bürger und der Bauer, die sich bei Frankreich wohl befanden und mit Stolz seine Ehren theilten? Selbst nach der harten Belagerung von Straßburg glaubte noch die deutsche Liebe wenigstens an eine elsässische Gegenliebe. Aber man erlebte da Enttäuschungen, wie ich.

Es war noch in den schönen Octobertagen 1870, als mich die Eisenbahn von Weißenburg hinab gen Straßburg brachte. Wie jubelte ich auf beim Anblick von Erwin’s Riesensäule! Und vor den furchtbaren Trümmern der Zerstörung konnte ich die Thränen nicht zurückhalten. Aber kaum aus dem Bahnhof, galt es mir vor allem zu erkunden: wie ist das Volk, wie sieht es aus, wie beträgt es sich? Das Mannsvolk giebt sich überall am ehrlichsten im Wirthshaus. So fragte ich denn ein dahinschreitendes Dienstmädchen nach einem guten Bier; es wies mir mit dem Finger genau die Richtung an, indem es gar freundlich sagte: „Dort isch e Brasserie, da hat’s au en Schank.“

Dankbar diesem Winke folgend und schon erfreut, daß das Mädchen so freundlich deutsch gesprochen, langte ich richtig am gewünschten Orte an. Es war ein Hof der Brauerei. Eine Seite desselben nahm eine aus Brettern gebaute Halle ein, und hier wie unter einigen Bäumen im Hofe standen Tische und Bänke einfachster Art. Nur die Zahlkellnerin hatte ihren erhabeneren Standort mit einigem Schmuck versehen.

An den meisten Tischen saßen Blousenmänner, Leute aus dem Arbeiterstande, mit Mützen und auch noch mit Käppis bedeckt, die Cigarre oder die kurze Thonpfeife im Munde und, so weit es die Natur hergab, mit dem Napoleonischen Schnurr- und Kinnbarte. An einem Tische unter der Halle saß ein behäbiger Landmann mit seiner Frau und einem jungen Burschen, der sich faul auf Tisch und Bank lehnte. Dort nahm auch ich mit einem „Guten Tag!“ grüßend Platz.

Die Leutchen setzten ihre Unterhaltung fort, ohne mich besonders zu beachten. Meine Aufmerksamkeit nahm der nächste Tisch voll Arbeiter in Anspruch. Dort war ein kleines Sprachbabylon: Elsässisch und Französisch kreuzten sich und flossen seltsamer Weise abwechselnd von denselben Zungen. Einige pflegten französisch zu beginnen und gingen im steigenden Feuer in das heimische Idiom über; Andere begannen deutsch und fluchten dann französisch weiter. Wie ich aus einzelnen Phrasen errieth, erzählten sie sich Belagerungsgeschichten, die von deutscher Liebe himmelweit entfernt waren.

Da öffnete mein dicker Nachbar den Mund seines stockdeutschen Antlitzes und sprach, auch theilweise an mich gewendet:

„Wüeßte m’r nurr eamol, wo m’r dran sinn! Wenn Paris Meischter wurrd, ze wurrd au Frankreich Meischter, un’s blybt bym Alte. Verliert Paris, ze – n – isch All’s verlore.“

Eben wollte ich dem Manne mit meiner „deutschen Liebe“ belehrend erwidern, als man Truppen nahen hörte. Die Frau sprach, ihren Mann anstoßend:

„Still! Was höert m’r? Trapptrapp! ’s komme Preuße – n – angeruckt. M’r kennt sie glich am Uftrette.“

Der Bursche entgegnete: „Nit gerothe! ’s sinn Baire. Die mache g’rad so e Spectakel uffm Pflaster wie d’ Preuße. Was die vor massivi G’sichter han! Gehen zuem Schinder!“ Und nach einem Blicke zur Straße hinaus setzte er, zum Manne gewendet, hinzu: „Betraechte Sie emool die Kanone dort! Die kumme von der Ysebahn.“

Der Landmann aber fuhr da auf: „Das sinn ja gar Mitralljehs! Die gehn also au widder flete! ’s isch doch üewweraal nix als Verrooth und Alles mit Lumpe gefüetert. Hann widder emool unsre Saldate Alles in Stich g’loße! Die arme Kerl sinn verroothe – u – un verkauft! ’s nidderträächti un schändli!“

O weh, Patriotismus! Solche Worte aus dem deutschesten Mannesantlitz! Aber es kam noch besser. Am Arbeitstische vor uns hatte die Gesellschaft mit wilden Blicken den Soldatenzug mit den Mitrailleusen beobachtet, das Fluchen über die „hellblaue Preuße“ war elsässisch und französisch im besten Zuge, als ein Mann im mittleren Alter zu ihnen trat, desses wohlconservirter Hut wenigstens ihn unter die „Herren“ rangirte. Er kam cordial mit seinem Bierglase in der Hand heran und ließ gleich in den ersten Worten den in Paris gebildeten Franzosen merken. Seine „rrr“ donnerten so gewaltig in die Ohren seiner Hörer, daß die Wirkung seiner Rede sich in immer wilderen Blicken und Ausrufen kund that. Athemlos hingen sie an seinem Munde und hämmerten bald ihren Beifall mit Fäusten auf den Tisch, bald machten ihn Schimpfworte und Flüche laut, zu denen dem französischen Herrn gegenüber kein deutsches Wort mehr gebraucht wurde. Trotz meiner steigenden Empörung hatte der Auftritt auch seine komische Seite, die mich festhielt. Der Franzose hatte keinen geringen Theil seiner Begeisterung aus dem Fasse gezogen, er taumelte immer sichtlicher und nahm das Glas bald in die Rechte, gesticulirte mit der Linken und schob schließlich den glänzenden Castor auf’s linke Ohr, bis nach einigem Taumeln und Tänzeln Glas und Hand sich im Geschäft ablösten und der Hut wieder hart über dem rechten Ohr thronte. Da der Begeisterte mit dem Rücken gegen uns stand und häufig fast leise, wie in äußerster Vertraulichkeit sprach, und nur einzelne Phrasen laut donnerte, wie „citoyen frrrançais“„citoyen de Strasbourg“„grrrande nation“ – fast schrie, so blieb der Inhalt seiner ganzen Rede mir ein Geheimniß. Desto lauter drangen mir die Ausrufe seiner Zuhörer in die Ohren. Das zischte und sprudelte bald – „Les maudits Prussiens“„que le diable les emporte!“„Voleurs de pendules!“ etc. Es hatte eben nur noch gefehlt, daß der Alte mit gekrümmtem Daumen nach der Gesellschaft hinzeigte und auch mich mit einem Seitenblicke traf, welcher ungefähr sagte: „Wem Das nicht genug ist, der kann viel vertragen!“ – Das war nun auch geschehen, ich nickte für die gute Meinung dem Bauer einen Gruß zu, ließ mein Bier stehen und eilte aus dieser „Brasserie“ hinaus.

Das ist nun zwei Jahre her. Und jetzt? Die Rekruten im deutschen Reichslande sind in diesen Tagen schon mit derselben hellen Jugendlust zu ihren Sammelstellen gezogen, als ob es niemals einen elsässischen Haß gegen Deutschland gegeben hätte. Und so haben wir es denn abermals erlebt, daß die Völkerherzen selbst von der äußersten List und Gewalt nicht zu verderben sind und daß allezeit die Liebe stärker ist, als der Haß.




Ein amerikanisches Heldenmädchen. Während einer Dampferfahrt auf dem oberen Columbia, welche ich vor einigen Tagen nach dem im Territorium Washington gelegenen, zweihundertvierunddreißig englische Meilen von der Stadt Portland entfernten kleinen Landungsplatze Wallula machte, war ich Zeuge eines Ereignisses, dessen Schilderung für den großen Leserkreis der Gartenlaube gewiß von Interesse sein wird. Die Gegend, in welcher dasselbe spielte, liegt in einer wildromantischen Einöde, etwa fünfzig Meilen oberhalb Dalles City, meinem Wohnorte im ersten Lustrum der sechziger Jahre. –

Ich befand mich an Bord des Hinterraddampfers „Tenino“ (sprich: Tenaino), welcher, mit Aufwendung aller seiner Dampfkraft mühsam gegen die reißenden Fluthen ankämpfend, seinen Weg von den „Dallesfällen“ stromaufwärts nahm. Wie verwitterte Riesenmauern ziehen sich dort die Felsabhänge auf beiden Ufern viele Meilen weit hin, von grau-gelben, kahlen Bergen überragt. Weder Waldungen, noch Ansiedelungen oder bebaute Felder unterbrechen die Oede dieser Berg- und Felsenwüste; von Menschenwohnungen sieht das Auge nur hier und da ein indianisches Wigwam; schwarze basaltartige Klippen stehen oft im Strombett, zwischen denen die grünlichen mächtig hinwirbelnden Fluthen der Stromschnellen, gegen welche der Dampfer anarbeitet, reißend hinbrausen; am unteren Ende jener viele Meilen langen wüsten Felsenreihe des Columbia ragte die kolossale Schneepyramide des Mount Hood grandios in den blauen Aether; das Ganze ist ein urwildes Bild, in dem unser schnaubendes und in allen seinen Fugen erzitterndes Feuerschiff, aus dessen hohem qualmenden Schornstein die halberloschenen Holzkohlenfunken fast fortwährend wie ein Platzregen auf das obere Verdeck herabfielen, das einzige Merkmal der Civilisation bildete.

Eine recht gemischte Reisegesellschaft fand ich an Bord: Herren und Damen in modischen Stadtkleidern und im Hinterwäldlercostüm durcheinander, Kaufleute, Miner, Packthiertreiber und Andere, deren gesellschaftlicher Standpunkt schwer zu errathen sein möchte; auch eine ansehnliche Schaar von Chinesen war auf dem Schiff und Negeraufwärter hatten das Regiment bei Tafel und in der Kajüte. Nicht wenige Deutsche traf ich unter den Passagieren, die sich allmählich zusammenfanden; es war interessant, wie man oft in einem nicht gerade salonmäßig gekleideten Reisegefährten, mit dem man Erinnerungen aus dem Leben in den Minen und Anekdoten austauschte, ganz unerwartet einen Landsmann entdeckte. Die Unterhaltung, welche bis dahin in englischer Sprache geführt worden war, schlug dann plötzlich in gemüthlicheres Deutsch um.

Auf dem überdachten Vorderdecke des Dampfers bildete der Agent von der an den Blauen Bergen in Oregon liegenden Reservation der Umatilla-Indianer den Mittelpunkt eines ausgewählten Kreises von Herren und Damen, denen jener von den wilden Smocholla-Indianern (das heißt Solche, die zwischen vier Bergen wohnen) erzählte, die hier an den Ufern des Columbia ihre Wigwams aufgeschlagen hatten. Dieselben sind ein Gemisch von vielen in Washington und Oregon ansässigen Stimmen, die dem Propheten Quintarleken, dem Bruder des großen Medicinmannes Ohei bei den Walla Wallas, folgen.

Dieser Prophet macht den von der Regierung der Vereinigten Staaten angestellten Indianeragenten gegenwärtig viel zu schaffen und hat bereits eine große Anzahl von Indianern von den Reservationen fortgelockt. Derselbe prophezeit, daß die Erde sich nächstens aufthun und alle Weißen verschlingen werde und daß dann das ganze Land wieder den rothen Männern zugehören solle. Bereits mehr als achtzehnhundert Indianer hat er um sich versammelt, die sich von den Weißen ganz abgesondert halten, von der Jagd, vom Fischfange und von den Beeren der wilden Sträucher leben und sehnsüchtig das Oeffnen der Erde erwarten.

Eine mit uns reisende hübsche junge Amerikanerin, welche die Erzählungen des Agenten vernommen hatte, bemerkte dazu, daß sie sich nicht fürchte, ganz allein unter diese wilden fanatischen Indianer zu gehen, und daß sie sich nicht fürchte, ganz allein unter diese wilden fanatischen Indianer zu gehen, und daß sie sich, um dies zu thun, bei der nächsten zugänglichen Uferstelle an’s Land setzen lassen wollte. Erstaunt fragten wir, was sie zu einem solchen Wagstück bewegen könnte, und erfuhren dann, daß sie ihre Eltern besuchen wollte, welche etwa drei Meilen jenseits jener unwirthlichen Berge auf einer „Ranch“ wohnten, wo sie Rinder weideten. Sie hatte gehört, daß ihre Mutter erkrankt sei, und war ganz allein von der zweihundert Meilen entfernten Stadt Salem im Willamette-Thale hierher gereist, um an ihr Krankenlager zu eilen. Wir Alle an Bord staunten mit einer Art von [780] heiliger Scheu die jugendliche Heldin mit ihren blonden Locken und ausdrucksvollen hellen, blauen Augen und den schönen geistvollen Gesichtszügen an, wie dieselbe in eleganter Kleidung an der Brüstung des Dampfers dasaß und ruhig nach den am wüsten Ufer liegenden Wigwams hinüberblickte, wohin sie sich ganz allein begeben wollte, ein Unternehmen, vor welchem mancher bewaffnete einzelne Mann zurückgebebt sein möchte.

Von einem Mitreisenden erfuhr ich, daß jene junge Amerikanerin schon früher in dieser Gegend gelebt habe und von den Indianern förmlich vergöttert werde. Diese haben nämlich eine große Vorliebe für blonde und blauäugige weiße Frauen und auch für ebensolche Kinder. Oft kommt es vor, daß Indianersquaws es versuchen, ihre Säuglinge gegen blonde kleine Kinder der Weißen auszutauschen; ein wohlhabender Indianer wird jederzeit gern ein Paar Ponies hergeben, um einen solchen annehmbaren Tauschhandel in seiner Familie zu Wege zu bringen.

Etwa fünfunddreißig englische Meilen oberhalb der „Dallesfälle“ legte unser Dampfer am rechten Ufer, im Territorium Washington, an, wo ich in einiger Entfernung ein Indianerlager bemerkte. Mehrere mit Matten und Fellen bedeckte Zelthütten, aus denen nach indianischer Bauart die Stangen oben verkreuzt emporragten, standen am Strande, wo eine Anzahl von Ponies frei umherlief. Am Flusse waren einige Indianer mit Fischfang beschäftigt. Nackte Kinder kamen eilig aus dem Gestrüpp hervor. Squaws traten aus den Hütten, ihre Säuglinge in Korbgeflechtwindeln auf dem Rücken tragend, und Alle blickten erregt nach dem Dampfer hinüber, dessen Landen sie offenbar nicht wenig in Erstaunen versetzte. Die Gegend war hier entsetzlich wild und öde; nirgends vermochte ich eine Spur von einer Ansiedlung oder Wohnung der Weißen zu entdecken.

An dieser Stelle ward auf ihren Wunsch unsere Heldin nebst ihrem Reisekoffer am sandigen Ufer ausgesetzt. Die Schiffsplanke wurde wieder eingezogen, und schnell entfernte sich der Dampfer und ließ jene ganz allein auf der Sandbank zurück, von wo sie zu Fuß, oder im günstigsten Falle auf einem indianischen Pony reitend, nach der volle drei Meilen entfernten, in der Wildniß liegenden „Ranch“ ihres Vaters gelangen wollte. Sie winkte den Indianern, welche langsam näher kamen und sie, als unser Dampfer schon ziemlich weit entfernt war, erreichten und sich um sie drängten. Die Aufregung auf unserem Schiffe war groß. So etwas war selbst den seit vielen Jahren diese unwirthlichen Gegenden durchstreifenden und an alle Arten von Abenteuern gewöhnten Grenzern, Jägern und Minern noch nicht vorgekommen! – Dort stand die kühne jugendliche Amerikanerin in der eleganten Kleidung und mit den hellen, auf ihre Schultern herabfallenden Locken in stolzer Haltung ganz allein am öden Ufer unter der wilden Bande, wie eine Märchenprinzessin unter Räubern und Zigeunern, grüßte uns zum Abschied mit flatterndem Tuche und unterhielt sich, lebhaft gesticulirend, mit den Indianern. Der einsam auf der sandigen Uferbank daliegende feine Reisekoffer bildete die Seitenstaffage zu dem überaus interessanten Bilde. Alle an Bord befindlichen Ferngläser waren nach der Gruppe hingerichtet, als der Dampfer weiterfuhr, und wir folgten aufmerksam den Bewegungen der jungen Heldin und ihrer wilden Begleiter, bis eine Uferkrümmung jene unseren Augen entrückte.

Freundliche Leserinnen der deutschen Gartenlaube, ich will es euch überlassen, der fremden Schwester in Gedanken durch jene Bergwüste am fernen Columbia zu folgen, nur geleitet von den wilden Smocholla-Indianern und vielleicht ihrem Propheten selber, und euch das freudige Wiedersehen der Eltern und ihres geliebten Kindes auszumalen. Möge ein guter Engel Jene durch alle Gefahren der Wildniß sicher an das Lager ihrer kranken Mutter geleiten und das Glück des Wiedersehens dieser die Genesung bringen!

Dampfer „Oneonta“, auf dem unteren Columbia, am 1. October 1872.

Theodor Kirchhoff.




Kleine Sammlung von Scherzräthseln. Karl Simrock hat unter dem Titel „Das deutsche Räthselbuch“ zwei Sammlungen deutscher Volksräthsel, zumeist Scherzräthsel (zusammen 692), herausgegeben, wozu ich hier eine kleine Nachlese von solchen füge, die ich in Umlauf gefunden, ohne sie in jener Sammlung zu finden.

Mises.

11) Wie viel Schwänze hat eine Katze?

12) Warum kann der Kater kein Hausbesitzer sein?

13) Wenn der Eimer Wein à 90 Flaschen 10 Thaler kostet, was macht die Flasche?

14) Was ist Vaters Kind, Mutters Kind und doch keines Menschen Sohn?

15) Welche Namen sind die besten?

16) Wenn Europa in der Mitte durchrisse, wer würde es am besten flicken können?

17) Welche Gesellschaft von Thieren ist die reinlichste?

18) Welches Wesen giebt seine Rührung durch lauten Spectakel zu erkennen?

19) Wer es hat, ärgert sich, wer es verliert, ärgert sich noch mehr und wer es gewinnt, hat es nicht mehr.

10) Welcher Unterschied ist zwischen dem Satze: zwei Mal zwei ist vier, und einer sauren Gurke?

11) Welcher Unterschied ist zwischen einer rothen Nase und einer Krupp’schen Kanone?

12) Steht’s, so geht’s, geht’s, so steht’s.

13) Trinken die Franzosen lieber Thee oder Kaffee?

14) Wie sagt man mit einem lateinischen Worte zu einem jüdischen Hauswirthe, daß man ausziehen will?

15) Wie sagt man mit einem lateinischen Worte zum Schneider, daß er den Rock wenden soll?

16) Wie muß man einen Hund nennen, wenn man ihn zu einem traurigen Gebell veranlassen will?




Friedrich Spielhagen in neuer Ausgabe. Anknüpfend an den augenblicklich durch unsere Zeitschrift laufenden neuesten Roman Spielhagen’s „Was die Schwalbe sang“ und zugleich den mehrfach an uns ergangenen Anfragen über die früheren Arbeiten dieses Autors entsprechend, machen wir an dieser Stelle darauf aufmerksam, daß Spielhagen’s „Sämmtliche Werke“ in einer vom Verfasser durchgesehenen billigen Ausgabe (11 Bände, in 56–58 Lieferungen à 6 Ngr.) bei L. Staackmann in Leipzig im Erscheinen begriffen sind. Spielhagen’s hervorragende Bedeutung im Zeit- und Sittenromane ist längst allgemein anerkannt worden. Was ihn vor anderen Schriftstellern gleichen Genres auszeichnet, das ist, wie bereits oft gesagt, in erster Linie seine gründliche Kenntniß der modernen Gesellschaft in allen ihren Schichten, besonders aber der Frauenwelt. Seine Menschen, zumal die der „Problematischen Naturen“ und einiger seiner Novellen, tragen das Roth des wirklichen Lebens auf den Wangen und kennzeichnen sich durch zahlreiche kleine Züge, die der Dichter ihnen gegeben, mit so großer Anschaulichkeit als die Vertreter dieser oder jener Gesellschaftsclasse, daß der Leser sich selbst in die Kreise versetzt glaubt, in denen sie heimisch sind. Namentlich die vornehme Welt – der pommersche und rügensche Adel in erster Linie – mit allen ihren von Alters her überlieferten Standesvorurtheilen und hohlen Gesellschaftsformen weiß der Dichter mit seltener Lebenswahrheit zu schildern.

Spielhagen’s Styl ist ein höchst elastischer, seine Darstellung eine spannende, oft von glühender Sinnlichkeit erfüllte. In Bezug auf ihren geistigen Gehalt beweisen seine Werke stets ein tiefes Verständniß für die das Jahrhundert bewegenden Ideen und zwar sowohl in politischer wie socialer, in sittlicher wie philosophischer Beziehung. Was endlich die technische Composition der Werke Spielhagen’s betrifft, so sind sie meistens künstlerisch abgerundet, leiden aber bezüglich des Zuschnittes der Handlung hier und da an einer gewissen Einförmigkeit der Motive und Situationen. Möge das deutsche Volk in dieser neuen Ausgabe der Spielhagen’schen Werke das zu schätzen wissen, was es in ihnen wirklich besitzt, eine Reihe von geistig bedeutenden Dichtungen aus der modernen Gesellschaft.




Kleiner Briefkasten.

B. in R. Die Frage, was mit dem Inhalte der Schleußen und Canäle zu machen, ist längst schon eine sehr ernste geworden, eine Frage, an deren Lösung Stadt und Land in gleichem Maße betheiligt sind und zwar die Stadt und das unter ihr liegende Land hauptsächlich in medicinischer, der Landbau zugleich in wirthschaftlicher Hinsicht, insofern es gelingt, jene Abfälle der Städte für ihn nutzbar zu machen und so einen gewissen Kreislauf zwischen Production und Consumtion zu erzeugen. Ein Blatt wie die Gartenlaube hat eine Art von natürlicher Pflicht, solche Fragen in’s Auge zu fassen und, wo sich irgend etwas bietet, was zu deren Lösung beitragen könnte, darauf wenigstens hinzudeuten. Diese Pflicht erfüllend, machen wir auf mehrere Abhandlungen über jene Cloakenfrage aufmerksam, die bisher in verschiedenen Zeitschriften, namentlich ausländischen, verstreut waren, nunmehr aber in einer neuentstandenen landwirthschaftlichen Zeitschrift zusammengetragen und in zweckentsprechender Verkürzung wiedergegeben sind. Wir meinen das „Centralblatt für Agriculturchemie und rationellen Wirthschaftsbetrieb“, ein referirendes Organ für naturwissenschaftliche Forschungen in ihrer Anwendung auf Landwirthschaft, herausgegeben von Dr. R. Biedermann, Leipzig, ein Blatt, das wir wegen seines interessanten und brauchbaren Inhaltes hierdurch namentlich den Herren Landwirthen bestens empfohlen haben wollen. Die bezeichneten Aufsätze über Cloaken etc. finden sich daselbst in den Heften 3–5, 7–10 des ersten (in zwei Halbbänden erscheinenden) Jahrganges 1872.

Ad. M. in R. Auf Ihre Anfrage, betreffend den verzögerten Abdruck der von uns in Nr. 39 dieser Zeitschrift angezeigten Erzählung Der Loder von Herman Schmid, die kurze Mittheilung, daß dieselbe wegen ihres wider Vermuthen sehr gewachsenen Umfanges nicht mehr innerhalb des laufenden Quartals erledigt werden und deshalb erst im nächsten Jahrgange erscheinen kann.

W. in M. bei P. Für Ihre Zwecke am geeignetsten möchten A. Grün’sGoethe’s Faust, Briefwechsel mit einer Dame“ und Fr. Kreyßig’s „Vorlesungen über Goethe’s Faust“ sein.




Im Verlage von Ernst Keil in Leipzig ist soeben erschienen:

Georg Horn,


Bei Friedrich Karl.


Bilder und Skizzen aus dem Feldzuge der Zweiten Armee.


2 Bände. 8. Elegant broschirt. Preis 3 Thaler.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.