Die Gartenlaube (1876)/Heft 47

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[781]

No. 47.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen.   Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Vineta.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)

„Sie werden dem Herrn Doctor wohl bald einen anderen Titel geben müssen,“ sagte sie nachdrücklichst. „Er steht im Begriffe, eine Professur in J. anzunehmen, die man ihm wegen seiner außerordenlichen wissenschaftlichen und literarischen Verdienste angeboten hat.“

„Wa – was?“ rief der Assessor zurückprallend, aber noch mit dem Ausdrucke des vollsten Unglaubens. Er konnte sich in diese plötzliche Verwandlung des stets übersehenen Fabian in einen Universitätsprofessor unmöglich so schnell finden.

Bei dem Letzteren hatte die Gutmüthigkeit schon wieder die Oberhand gewonnen, und der Gedanke an die doppelte Kränkung, die er dem Neffen seines Gegners und dem unglücklichen Bewerber seiner Braut nothgedrungen zufügen mußte, regte seine ganze Gewissenhaftigkeit auf.

„Herr Assessor,“ begann er, in der Voraussetzung, Hubert sei bereits von den letzten Vorgängen auf der Universität unterrichtet, was aber noch keineswegs der Fall war, „es ist mir sehr peinlich, von Ihrem Herrn Onkel so verkannt zu werden, wie es leider den Anschein hat. Niemand kann aufrichtiger als ich seine großen Verdienste schätzen und anerkennen. Seien Sie überzeugt, daß ich nicht den mindesten Antheil an dem Streite habe, den meine ‚Geschichte des Germanenthums‘ hervorrief. Professor Schwarz scheint zu glauben, daß ich aus eigensüchtigen Motiven jenen Streit geschürt und auf die Spitze getrieben hätte.“

Jetzt begann dem Assessor ein Licht aufzugehen, aber ein schreckliches. Er kannte nicht den Namen jenes „obscuren Menschen“, den die Gegenpartei auf den Schild gehoben hatte, indem sie sich unterfing, sein Werk neben, ja über die Schwarz’schen Schriften zu stellen, aber er wußte, daß es sich dabei um eine „Geschichte des Germanenthums“ handelte, und die Worte Fabian’s ließen ihm keinen Zweifel mehr, daß der Verfasser dieses Buches, dieser Intriguant, dieser Attenthäter auf die Familienberühmtheit, leibhaftig vor ihm stehe. Er wollte seinem Erstaunen, seiner Entrüstung Worte leihen, als Gretchen, die sich schon berufen fühlte, die künftige Frau Professorin zu vertreten, von Neuem dazwischen fuhr.

„Jawohl, Professor Schwarz könnte das glauben,“ wiederholte sie, „und dies um so mehr, da Doctor Fabian ausdrücklich berufen ist, ihn zu ersetzen und seinen Lehrstuhl in J. einzunehmen. Sie wissen doch bereits, daß Ihr Onkel seine Entlassung genommen hat?“

Der Assessor rang in einer so beängstigenden Weise nach Athem, daß Fabian einen bittenden Blick zu seiner Braut hinüber sandte, aber diese blieb mitleidlos. Sie konnte es nicht vergessen, daß Hubert schon vor Monaten sich ihres Jawortes gerühmt hatte, und wollte ihm eine Lehre dafür geben; deshalb spielte sie ihren letzten Trumpf aus und ergriff sehr förmlich die Hand des Doctors.

„Und gleichzeitig, Herr Assessor, habe ich das Vergnügen, Ihnen in dem künftigen Professor Fabian, dem Nachfolger Ihres berühmten Onkels, meinen Bräutigam vorzustellen.“ - – –

„Ich glaube, der Assessor ist übergeschnappt,“ sagte Frank, der draußen auf dem Hofe stand, mit besorgter Miene zu seinem Inspector. „Er kommt wie ein Tollhäusler aus dem Hause gestürzt, rennt mich fast über den Haufen, ohne zu grüßen, ohne mir Rede zu stehen, und schreit nach seinem Wagen. Er war schon den ganzen Morgen so exaltirt. Wenn ihm nur die Verschwörungsgeschichten nicht zu Kopfe gestiegen sind! Gehen Sie ihm doch einmal nach und sehen Sie, was er macht und ob er nicht etwa ein Unglück anrichtet!“

Der Inspector zuckte die Achseln und deutete auf den Wagen, der soeben in vollem Trabe abfuhr. „Es ist zu spät, Herr Administrator – da fährt er eben hin.“

Frank schüttelte sehr bedenklich den Kopf und trat in das Haus, wo ihm nun allerdings die Erklärung für den Sturmlauf des Assessors zu Theil wurde und seine ernstlichen Zweifel an dessen Verstand beseitigte. Der Kutscher vom Schlosse aber, der gleichfalls auf dem Hofe stand, faltete die Hände und sagte aufathmend:

„Er ist fort. Gott sei Dank – nun kann er mich nicht mehr vernehmen.“


In Wilicza selbst herrschte inzwischen eine dumpfe gewitterschwüle Atmosphäre, die sogar von der Dienerschaft empfunden wurde. Seit Herr Nordeck gestern Abend in Begleitung der Gräfin Morynska von der Grenzförsterei zurückgekehrt war, herrschte Sturm in den oberen Regionen des Schlosses – die Anzeichen verriethen es nur zu deutlich. Die junge Gräfin hatte noch an demselben Abende eine Unterredung mit ihrer Tante gehabt, seitdem aber ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen. Auch die Fürstin wurde wenig sichtbar, und wenn es geschah, so war ihr Aussehen der Art, daß die Dienerschaft es für gut hielt, so wenig wie möglich in ihre Nähe zu kommen; sie kannte die gerunzelte Stirn und diese fest zusammengepreßten [782] Lippen bei der Gebieterin und wußte, daß sie nichts Gutes verkündeten. Selbst Waldemar zeigte nicht die gewohnte kalte Ruhe, die er gerade dann nach außen hin zu bewahren wußte, wenn es in seinen Innern am heftigsten stürmte. Es lag heute etwas Finsteres, Gereiztes in seinem Wesen. Vielleicht trug die zweimalige Abweisung die Schuld daran, welche er im Laufe des Tages von Wanda hatte erfahren müssen. Es war ihm nicht gelungen, sie wieder zu sehen seit der Minute, wo er sie, erschöpft von der Aufregung und dem Blutverlust, halb ohnmächtig in die Arme seiner Mutter gelegt. Sie weigerte sich, ihn zu sehen, und doch wußte er, daß sie nicht ernstlich krank war. Der Arzt hatte ihm wiederholt versichert, die Wunde der Gräfin sei in der That gefahrlos und werde ihr morgen schon gestatten, nach Rakowicz zurückzukehren, wenn er sich ihrem Verlangen, dies auf der Stelle zu thun, auch habe widersetzen müssen.

Es blieb dem jungen Gutsherrn freilich nicht viel Zeit, sich mit seinen eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen, denn von außen her stürmte alles Mögliche auf ihn ein. Die Leiche des Försters wurde nach Wilicza gebracht, bei welcher Gelegenheit man erst das Entweichen des gesammten Forstpersonals entdeckte. Die Försterei mußte unter andere Aufsicht gestellt und die nöthigen Maßregeln zur Sicherheit und zum Schutze des einstweilen dorthin gesendeter Inspectors Fellner getroffen werden. Alles hatte Waldemar selbst zu leiten und anzuordnen. Schließlich kam noch Assessor Hubert und quälte ihn mit Vernehmungen, Protocollen und Rathschlägen so lange, bis er die Geduld verlor und zu dem bewährten Mittel seiner Mutter griff, um sich den unbequemen Beamten abzuschütteln, aber kaum war er den Assessor und seine Verschwörungsgeschichten los, so kamen andere Anforderungen. Man hatte jetzt auch in L. erfahren, wie es drüben bei den Insurgenten stand und daß die nächsten Tage aller Wahrscheinlichkeit nach Kämpfe in unmittelbarer Nähe der Grenze bringen würden. In Folge dessen war der Befehl ergangen, die Grenzbesatzung bedeutend zu verstärken, um auf alle Fälle das diesseitige Gebiet zu schützen und vor Verletzungen zu bewahren.

Eine starke Militärabtheilung zog durch Wilicza, und während die Mannschaften auf einige Stunden im Dorfe Halt machten, sprachen die Officiere, die den Gutsherrn persönlich kannten, im Schlosse ein. Die Fürstin blieb natürlich unsichtbar, wie sie es stets den Gästen ihres Sohnes gegenüber war, seit dieser sich offen gegen sie und die Ihrigen erklärt hatte, und so mußte Waldemar denn allein die Ankömmlinge empfangen; ob er in der Stimmung dazu war, danach fragte Niemand. Es galt, den Fremden eine ruhige, unbewegte Stirn zu zeigen, damit sie nicht noch mehr von der Familientragödie erfuhren, als sie ohnedies schon wußten. Sie kannten ja die Rolle, welche der Bruder und der Oheim des Schloßherrin in dem Aufstande spielten, die Stellung des Sohnes der Mutter gegenüber; das Alles war ja Tagesgespräch in L., und Waldemar empfand schwer genug die Rücksicht, mit der man sich bemühte, in seiner Gegenwart jede Hindeutung darauf zu vermeiden und den ganzen Aufstand nur in so fern zu berühren, als man eben nur die neuesten militärischen Maßregeln auf deutscher Seite besprach, die dadurch hervorgerufen wurden. Endlich, spät am Nachmittage zog das Detachement ab, um noch vor Einbruch der Dunkelheit die angewiesenen Posten an der Grenze zu erreichen. Und nun kam zuletzt noch Doctor Fabian, der nunmehrige Bräutigam und künftige Professor, mit seiner doppelten Neuigkeit, für die er doch auch bei seinem ehemaligen Zöglinge Theilnahme und Interesse beanspruchte, und zwang diesen, sich um fremdes Glück zu kümmern, wo er das seinige rettungslos in Trümmer gehen sah – es gehörte in der That eine so stählerne Natur wie die Nordeck’s dazu, um dem Allen mit dem Anscheine äußerer Ruhe Stand zu halten.

Es war am zweiten Tage nach jenem Ereignisse auf der Försterei, zu noch sehr früher Stunde. Die Fürstin war allein in ihrem Salon; man sah es ihrem Gesichte an, daß von einer Nachtruhe bei ihr nicht viel die Rede gewesen war. Der graue Nebelmorgen draußen vermochte es nicht, das hohe düstere Gemach vollständig zu erhellen; der größte Theil desselben blieb in Schatten gehüllt, nur das Kaminfeuer warf seinen unruhig flackernder Schein auf den Teppich und auf die Gestalt der Fürstin, die in unmittelbarer Nähe saß.

In finsteres Nachsinnen verloren, stützte sie den Kopf in die Hand. Was sie von gestern Abend erfahren hatte, das wühlte und arbeitete immer noch in ihrem Innern; die Frau, die es sonst so ausgezeichnet verstand, sich auf den Boden der Thatsachen zu stellen und mit denselben zu rechnen, konnte diesmal nicht damit fertig werden. Also war es umsonst gewesen. Die Schonungslosigkeit, mit der sie ihrer Nichte damals das eigene Innere enthüllte, um ihr eine Waffe gegen die entstehende Leidenschaft in die Hand zu geben, die monatelang so streng und unverbrüchlich festgehaltene Trennung, die letzte Unterredung in Rakowicz – Alles umsonst! Vor einem einzigen Momente, vor einer Gefahr, die Waldemar bedrohte, sank das Alles zusammen. Wanda hatte ihrer Tante noch an demselben Abende das Geschehene mitgetheilt. Die junge Gräfin war viel zu stolz, viel zu sehr in ihren nationalen Vorurtheilen befangen, um sich nicht mit aller Energie von dem Verdachte zu reinigen, sie habe wirklich das gethan, was die Fürstin „Verrath“ nannte. Sie erklärte der Tante, daß sie keine Warnung gesandt, keinen Argwohn erweckt habe, daß sie erst im letzten Augenblicke, als es hinsichtlich der Försterei nichts mehr zu verbergen und zu retten gab, dazwischen getreten sei. Wie das geschehen war, und was sie gethan hatte, um Waldemar zu retten, konnte sie freilich auch nicht verbergen – die Wunde an ihrem Arme sprach deutlich genug.

Der Eintritt ihres Sohnes weckte die Fürstin aus den quälenden Gedanken, die in ihrem Innern auf- und niederwogten. Sie wußte es, woher es kam. Pawlick hatte ihr gemeldet, Herr Nordeck habe es heute Morgen zum dritten Male versucht, Einlaß bei der Gräfin Morynska zu erlangen, und diesmal auch wirklich seinen Willen durchgesetzt. Er kam langsam näher und blieb seiner Mutter gegenüber stehen.

„Du kommst von Wanda?“ fragte sie.

„Ja.“

Die Fürstin sah in sein Gesicht, das in diesem Momente von dem aufflackernden Feuer hell beleuchtet wurde. Es stand ein Zug herben, aber verbissenen Schmerzes darin.

„Also hast Du es wirklich erzwungen, trotz ihrer wiederholten Weigerung. Freilich, was erzwängst Du nicht! Wenigstens wird die Unterredung Dich überzeugt haben, daß es nicht mein Verbot war, das Dir Wanda’s Thür verschloß, wie Du mit solcher Bestimmtheit annahmst. Es war ihr eigener Wille, Dich nicht zu sehen, Du hast ihn wenig genug geachtet.“

„Ich werde nach dem, was Wanda gestern um meinetwillen gewagt hat, doch wenigstens das Recht haben, sie zu sehen und zu sprechen; sprechen mußte ich sie. O, sei ganz ruhig!“ fuhr er mit ausbrechender Bitterkeit fort, als die Fürstin etwas erwidern wollte. „Deine Nichte hat vollständig Deinen Erwartungen entsprochen und das Möglichste gethan, mir jede Hoffnung zu rauben. Sie glaubt allerdings, nur ihrem eigenen Willen zu folgen, wo sie sich blindlings dem Deinigen unterwirft. Es waren Deine Worte, Deine Anschauungen, die ich aus ihrem Munde hören mußte. Ich allein hätte es vielleicht von ihr erreicht, erzwungen, wie ich diese Unterredung erzwang, aber ich vergaß, daß sie seit vorgestern Abend unausgesetzt Deinem Einflusse preisgegeben war. Du hast ihr das Wort, das sie noch als ein halbes Kind, von Euch überredet und gedrängt, meinem Bruder gab, als ein unwiderrufliches Gelübde hingestellt, das zu brechen Todsünde wäre, hast sie so in Eure nationalen Vorurtheile hineingehetzt –“

„Waldemar!“ unterbrach ihn die Mutter drohend.

„In das Vorurtheil,“ wiederholte er mit Nachdruck, „daß es ein Verrath an ihrer Familie und ihrem Volke wäre, wenn sie einwilligte, mir anzugehören, weil ich zufällig ein Deutscher bin und die Verhältnisse mich zwangen, feindselig gegen Euch aufzutreten. Nun, Du hast es erreicht; sie würde jetzt eher sterben, als auch nur die Hand zu ihrer Befreiung rühren, oder mir Erlaubniß geben, das zu thun, und das danke ich Dir allein.“

„Ich habe Wanda allerdings an ihre Pflicht erinnert,“ entgegnete die Fürstin kalt. „Es bedurfte dessen kaum mehr; sie war schon allein zur Besinnung gekommen, und ich hoffe, das ist jetzt auch bei Dir der Fall. Daß Deine einstige Knabenneigung nicht erloschen, daß sie im Gegentheil zur Leidenschaft herangewachsen war, wußte ich seit dem Tage, wo Du Dich hier mir gegenüber als Feind erklärtest. In welchem Maße diese [783] Leidenschaft erwidert wird, weiß ich erst seit vorgestern. Es wäre nutzlos, Euch Vorwürfe über das Geschehene zu machen – es wird dadurch nicht ungeschehen gemacht, aber Ihr fühlt wohl selbst, was Ihr jetzt Euch und Leo schuldig seid – die unbedingteste Trennung! Wanda hat das bereits eingesehen, und auch Du mußt Dich dem fügen.“

„Muß ich?“ fragte Waldemar. „Du weißt, Mutter, Fügsamkeit ist meine Tugend nicht, und am wenigsten da, wo mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele steht.“

Die Fürstin sah mit dem Ausdrucke schreckensvoller Ueberraschung empor. „Was heißt das? Willst Du etwa versuchen, Deinem Bruder die Braut zu rauben, nachdem Du ihm bereits ihre Liebe geraubt hast?“

„Die hat Leo nie besessen. Wanda kannte sich und ihr Herz noch nicht, als sie seiner Neigung, als sie Deinen und ihres Vaters Wünschen und den Familienplänen nachgab. Ihre Liebe besitze ich, und nun ich diese Gewißheit habe, werde ich auch zu behaupten wissen, was mein ist.“

„Nicht so unbeugsam, Waldemar!“ sagte die Fürstin fast mit Hohn. „Hast Du schon bedacht, was Dein Bruder Dir auf eine solche Zumuthung antworten wird?“

„Ich würde meine Braut freigeben, wenn sie mir erklärte, daß ihre Liebe einem Andern gehöre,“ erwiderte der junge Mann fest. „Unbedingt und entschieden freigeben, gleichviel, was ich dabei empfände. Leo wird das nun allerdings nicht thun, wie ich ihn kenne. Er wird außer sich gerathen, Wanda bis zur Verzweiflung quälen und sich und uns eine Reihe der furchtbarsten Scenen bereiten.“

„Willst Du ihm Vorschriften für seine Mäßigung machen, Du, der Du ihn bis auf den Tod beleidigst?“ fiel die Mutter ein. „Freilich, Leo ist ja fern; er steht im Kampfe für die heiligsten Güter seines Volkes, und während er stündlich das Leben dafür einsetzt, ahnt er nicht, daß sein Bruder zu Hause, hinter seinem Rücken –“

Sie hielt inne, denn Waldemar’s Hand legte sich schwer auf die ihrige. „Mutter,“ sagte er mit einer Stimme, welche die Fürstin warnte, denn dieser dumpfe gepreßte Ton ging bei ihm stets einem Ausbruche voraus. „Laß’ die Beschuldigungen, an die Du selbst nicht glaubst! Du weißt besser als jeder Andere, wie Wanda und ich gegen diese Leidenschaft gekämpft haben, weißt, welcher Moment es war, der uns endlich das Siegel von den Lippen nahm. Hinter Leo’s Rücken! Auf meinem Zimmer liegt der Brief, den ich an ihn schrieb, ehe ich zu Wanda ging; meine Unterredung mit ihr ändert darin nichts. Wissen muß er es, daß das Wort ‚Liebe‘ zwischen uns gefallen ist; wir würden es Beide nicht ertragen, ihm das zu verhehlen. Ich wollte den Brief Dir übergeben. Du allein weißt mit Sicherheit, wo Leo jetzt zu finden ist, und kannst das Schreiben in seine Hände gelangen lassen.“

„Um keinen Preis!“ rief die Fürstin heftig. „Ich kenne zu gut das heiße Blut meines Sohnes, um ihm eine solche Folter aufzuerlegen. Fern zu bleiben, vielleicht noch Monate lang, während seine ganze Eifersucht entfesselt ist und er sich hier in seinem Theuersten bedroht weiß – das geht über seine Kräfte. Und doch muß er ausharren, doch darf er seinen Posten nicht verlassen, ehe nicht Alles dort entschieden ist. Nein, nein, davon kann keine Rede sein. Ich habe Wanda bereits das Wort abgenommen, zu schweigen, und auch Du wirst mir das versprechen. Sie kehrt heute noch nach Rakowicz zurück und geht, sobald sie völlig hergestellt ist, zu unseren Verwandten nach M. um dort so lange zu bleiben, bis Leo zurückgekehrt ist und seine Rechte persönlich wahren kann.“

„Ich weiß es,“ entgegnete Waldemar finster. „Sie selbst hat es mir gesagt. Sie kann ja jetzt nicht Meilen genug zwischen uns legen. Was die Liebe, was die Verzweiflung nur eingeben kann, das habe ich bei ihr versucht – es war vergebens; sie setzt mir immer wieder dieses unwiderrufliche Nein entgegen. – Sei’s denn, bis zu Leo’s Rückkehr! Vielleicht hast Du Recht – es ist besser, wir machen das Auge in Auge ab, und mir ist die Art jedenfalls die liebste. Ich bin jeden Augenblick bereit, ihm Rede zu stehen. Was dann zwischen uns geschieht, ist freilich eine andere Frage.“

Die Fürstin erhob sich und trat zu ihrem Sohne. „Waldemar, gieb diese unsinnige Hoffnung auf! Ich sage Dir, Wanda würde nie die Deine, auch wenn sie frei wäre. Es steht zu Vieles, zu Unübersteigliches zwischen Euch. Du täuschest Dich, wenn Du auf eine Sinnesänderung bei ihr rechnest. Was Du nationale Vorurtheile nennst, das ist für sie das Lebensblut, mit dem sie genährt ist seit ihrer frühesten Jugend, das sie nicht lassen kann, ohne das Leben selbst zu lassen. Mag sie Dich lieben, die Tochter der Morynski, die Braut des Fürsten Baratowski weiß, was Pflicht und Ehre von ihr fordern, und wüßte sie es nicht, so sind wir da, sie daran zu erinnern, ich, ihr Vater, vor allen Dingen Leo selber.“

Ein beinahe verächtliches Lächeln spielte um die Lippen des jungen Mannes, als er erwiderte: „Und glaubst Du denn wirklich, daß einer von Euch mich hindern würde, wenn ich Wanda’s Ja hätte? Daß sie sich mir versagt, daß sie mir verbietet, für sie und um sie zu kämpfen, das ist’s, was mir vorhin bei ihr die Fassung raubte. Aber gleich viel! Wer wie ich nie im Leben Liebe erfahren hat und wem sie sich dann plötzlich so ganz, so beglückend aufthut, wie mir in jener Stunde, der verzichtet und entsagt nicht so leicht. Der Preis ist mir denn doch zu hoch, als daß ich den Kampf nicht versuchen sollte. Wo ich Alles zu gewinnen habe, da setze ich auch Alles ein, und wenn sich noch zehnfach größere Hindernisse zwischen uns aufthürmten – Wanda wird mein.“

Es lag eine unbeugsame Energie in diesen Worten. Der rothe Feuerschein vom Kamine her beleuchtete Waldemar’s Züge, die in diesem Augenblicke wie aus Erz gegossen erschienen. Die Fürstin mußte es wieder einmal anerkennen, daß es ihr Sohn war, der da vor ihr stand mit der verhängnißvollen blauen Linie an der Stirn, mit jenem Blicke und jener Haltung, „als sähe man die Mutter selbst.“ Sie hatte sich bisher vergebens gemüht, das Unerhörte, Unmögliche zu begreifen, daß Waldemar, der kalte, finstere, abstoßende Waldemar ihrem Leo vorgezogen wurde, daß er Sieger blieb gegen den schönen ritterlichen Bruder, wo es sich um die Liebe eines Weibes handelte – in diesem Augenblicke begriff sie es.

„Hast Du vergessen, wer Dein Gegner ist?“ fragte Sie mit ernstem Nachdruck. „Bruder gegen Bruder! Soll ich die feindselige, vielleicht blutige Begegnung zwischen meinen Söhnen mit ansehen? Denkt Ihr gar nicht an die Angst der Mutter?“

„Deine Söhne!“ wiederholte Waldemar. „Wo es sich um die Angst und die Zärtlichkeit der Mutter handelt, ist doch wohl nur von einem Sohne die Rede. Du vergiebst es mir nicht, daß ich mich in das Glück Deines Lieblings eingedrängt habe, und ich kenne eine Lösung, die Dir wenig Thränen kosten würde. Aber sei ruhig! Was ich thun kann, einen schlimmen Ausgang zu hindern, das geschieht; sorge nur, daß Leo mir die Möglichkeit läßt, in ihm den Bruder zu sehen! Du hast eine unmschränkte Gewalt über ihn; auf Dich wird er hören. Du weißt, ich habe es gelernt, meiner Natur Zügel anzulegen, aber meine Selbstbeherrschung geht nur bis zu einer gewissen Grenze; reißt Leo mich darüber hinaus, so stehe ich für nichts mehr ein. Er versteht es wenig, fremde Ehre zu schonen, wo er sich beleidigt glaubt.“

Sie wurden unterbrochen. Man meldete dem Schloßherrn, draußen stehe ein Unterofficier des Detachements, das gestern durch Wilicza gezogen war, und verlange ihn dringend und sofort zu sprechen. Waldemar ging hinaus. Er war es seit den letzten Tagen gewohnt, daß diese äußeren Störungen sich gerade dann eindrängten, wenn man am wenigsten in der Stimmung war, ihnen Rechnung zu tragen.

Im Vorzimmer stand der Gemeldete. Er brachte einen Gruß des commandirenden Officiers und eine Bitte desselben. Das Detachement stand, gleich nachdem es seinen neuen Posten bezogen, der Nothwendigkeit gegenüber, einzuschreiten. Während der Nacht hatte drüben ein heftiger Kampf stattgefunden, der mit einer Niederlage der Insurgenten endigte; sie flohen in größter Unordnung, hitzig verfolgt von den Siegern. Ein Theil der Flüchtlinge hatte sich durch den Uebertritt auf das diesseitige Gebiet gerettet. Sie waren von einer Patrouille angehalten und entwaffnet worden und sollten nach L. gebracht werden. Es befanden sich aber einige schwer Verwundete darunter, von denen man fürchtete, daß sie den Transport nicht aushalten würden; der Officier bat um vorläufige Aufnahme derselben in dem nahen Wilicza. Der Wagen mit den Kranken befand sich bereits unten im Dorfe. Waldemar war augenblicklich bereit, der Aufforderung [784] nachzukommen, und ließ drüben auf dem Gutshofe die nöthigen Anstalten zur Unterkunft der Verwundeten treffen. Er ging selbst in Begleitung des Unterofficiers hinüber.

Die Fürstin war inzwischen allein zurückgeblieben. Sie hatte die Nachricht nicht gehört und von der Meldung, die ihren Sohn abrief, keine Notiz genommen – es waren ganz andere Gedanken, die sie beschäftigten.

Was nun? Diese Frage erhob sich immer wieder wie ein drohendes Gespenst, das sich nicht bannen läßt; hinausgeschoben konnte die Entscheidung wohl werden, aber damit wurde sie nicht aufgehoben. Die Fürstin kannte ihre Söhne hinreichend, um zu wissen, was zu erwarten stand, wenn sie sich als Feinde begegneten, und Todfeinde mußten sie von dem Augenblicke an werden, wo Leo die Wahrheit entdeckte. Er, dessen Eifersucht schon bei einem ersten unbestimmten Verdachte aufflammte, daß sie ihn fast seiner Pflicht abwendig machte, wenn er jetzt erfuhr, daß der Bruder ihm in der That die Liebe seiner Braut geraubt hatte, wenn Waldemar’s nur äußerlich gebändigte Wildheit bei dem Streite mit ihrer alten Macht hervorbrach – die Mutter bebte zurück vor dem Abgrunde, der sich mit diesem Gedanken vor ihr aufthat. Sie wußte, daß sie dann machtlos sein würde, auch ihrem Jüngstgeborenen gegenüber, daß in diesem Punkte ihre Gewalt über ihn zu Ende war. Waldemar wie Leo hatten das Blut ihrer Väter in den Adern, und welche Contraste Nordeck und Fürst Baratowski auch sonst gewesen sein mochten, in einem waren sie gleich, in der Unmöglichkeit, die einmal aufgereizten Leidenschaften zu zügeln.

Die Thür des Nebengemaches wurde geöffnet. Vielleicht kehrte Waldemar zurück; er war ja mitten aus der Unterredung abgerufen worden, aber der Schritt war schneller, unruhiger als der seinige. Jetzt rauschten die Falten der Portière, die von dem Eintretenden hastig bei Seite geschoben wurden, und mit einem Schrei des Schreckens und der Freude fuhr die Fürstin von ihrem Sitze empor.

„Leo! Du hier!“

Fürst Baratowski lag in den Armen seiner Mutter. Er erwiderte die Umarmung wohl, aber er hatte kein Wort des Grußes. Schweigend und heftig preßte er sie an sich; die Bewegung verrieth nichts von der Freude des Wiedersehens.

„Woher kommst Du?“ fragte die Fürstin, bei der schon im nächsten Augenblicke die Besinnung und damit auch die Besorgniß die Oberhand gewann. „So plötzlich, so unerwartet! Und wie kannst Du so unvorsichtig sein, bei hellem Tage in das Schloß zu kommen? Du weißt ja, daß Dir hier überall die Verhaftung droht. Die Patrouillen streifen durch unser ganzes Gebiet. Warum wartest Du nicht bis zum Eintritte der Dunkelheit?“

Leo richtete sich aus ihren Armen empor. „Ich habe lange genug gewartet. Seit gestern Abend bin ich fort – die ganze Nacht habe ich wie auf der Folter gelegen; es war unmöglich, die Grenze zu passiren – ich mußte mich verborgen halten. Endlich beim Tagesgrauen gelang es mir hinüber zu kommen und die Wälder von Wilicza zu erreichen – und dann kostete es neue Anstrengung, bis ich das Schloß gewann.“

Er stieß das alles aufgeregt und abgebrochen hervor. Die Mutter sah erst jetzt, wie bleich und verstört er aussah. Sie zog ihn fast gewaltsam auf einen Sessel nieder.

„Erhole Dich! Du bist zu Tode erschöpft von dem Wagniß. Welche Tollkühnheit, Leben und Freiheit auf’s Spiel zu setzen um eines kurzen Wiedersehens willen! Du mußtest Dir doch sagen, daß bei uns die Angst um Dich jede Freude überwiegt. Ich begreife überhaupt nicht, wie Bronislaw Dich fortlassen konnte. Ihr seid ja mitten in Kampfe.“

„Nein, nein,“ fiel Leo ein. „In den nächsten vierundzwanzig Stunden geschieht nichts. Wir sind genau unterrichtet über die Stellungen des Feindes. Uebermorgen, morgen vielleicht kommt es zur Entscheidung; bis dahin ist Ruhe. Wenn ein Kampf bevorstände, würde ich nicht hier sein, so aber mußte ich nach Wilicza, und hätte es mir auch Leben und Freiheit gekostet.“

Die Fürstin sah ihn unruhig an. „Leo, Du hast doch Urlaub von Deinem Oheim?“ fragte sie plötzlich, wie von einem unbestimmten Verdacht ergriffen.

„Ja – ja!“ stieß der junge Fürst heraus, aber er vermied es, die Mutter dabei anzusehen. „Ich sage Dir ja, daß alles gesichert, alles vorhergesehen ist. Ich stehe mit meinem Commando in den Waldungen von A. in völlig gedeckter Stellung. Mein Adjutant hat einstweilen den Oberbefehl, bis ich zurückkomme.“

„Und Bronislaw?“

„Der Onkel hat die Hauptmacht bei W. zusammengezogen, ganz dicht an der Grenze. Ich decke ihm mit den Meinigen den Rücken. Aber nun laß mich, Mutter, frage nicht weiter! – Wo ist Waldemar?“

„Dein Bruder?“ fragte die Fürstin, befremdet und erschreckt zugleich, denn sie begann den Zusammenhang zu ahnen. „Kommst Du etwa seinetwegen?“

„Waldemar suche ich,“ brach jetzt Leo mit furchtbarem Ungestüm aus. „Ihn allein und sonst Keinen! Er ist nicht im Schlosse, sagt Pawlick, aber Wanda ist hier. Also hat er sie wirklich nach Wilicza gebracht, wie eine eroberte Beute, wie sein Eigenthum, und sie hat das geschehen lassen? Aber ich werde ihm zeigen, wem Wanda gehört, ihm – und ihr.“

„Um Gotteswillen, Du weißt –?“

„Was auf der Grenzförsterei geschehen ist, ja, das weiß ich. Osiecki’s Leute stießen gestern zu mir; sie brachten mir Bericht über das, was sie mit angesehen. Begreifst Du nun, daß ich um jeden Preis nach Wilicza mußte?“

„Das habe ich gefürchtet,“ sagte die Fürstin leise.

Leo war aufgesprungen und stand nun mit flammenden Augen vor ihr. „Und Du hast das geduldet, Mutter, hast es mit angesehen, wie meine Liebe, meine Rechte mit Füßen getreten wurden, Du, die sonst Jeden beherrscht und zum Gehorsam bringt!? Zwingt denn dieser Waldemar Alles nieder? Giebt es Niemand mehr, der es wagt, sich ihm in den Weg zu stellen? Ich Thor, der ich mich damals beim Abschiede zurückhalten ließ, ihn zur Rede zu stellen und Wanda aus seiner Nähe fortzureißen, daß eine fernere Begegnung zwischen ihnen unmöglich war! Aber –“ hier ging seine Stimme in den bittersten Ton über – „mein Verdacht beleidigte sie ja, und Du und der Onkel rechneten mir meine ‚blinde Eifersucht‘ als ein Verbrechen an. Seht Ihr es nun mit eigenen Augen? Während ich auf Leben und Tod für die Freiheit und Rettung des Vaterlandes kämpfe, da setzt meine Braut ihr Leben ein für Den, der sich offen zu unseren Unterdrückern bekennt, der uns hier in Wilicza den Fuß auf den Nacken gesetzt hat, wie es nur je die Tyrannen da drüben gethan haben, da verräth sie mich, vergißt sie Vaterland, Volk, Familie, Alles, um ihn vor der Gefahr zu schützen, die ihn bedroht. Vielleicht versucht sie das auch mir gegenüber, aber sie mag sich wahren! Ich frage jetzt nichts mehr danach, wer von uns zu Grunde geht, er oder ich, oder sie mit uns Beiden.“

Die Fürstin faßte wie beschwörend seine Hände. „Ruhig, Leo! Ich bitte Dich, ich fordere es von Dir. Stürme Deinem Bruder nicht mit diesem wilden Hasse entgegen; höre mich erst an!“

Leo riß sich los. „Ich habe schon zu viel gehört, genug, um mich zur Raserei zu bringen. Wanda hat sich in seine Arme geworfen, als ihn Osiecki’s Kugel suchte, sie hat ihn mit ihrem eigenen Körper gedeckt, ihre Brust zu seinem Schilde gemacht, und ich soll noch zweifeln an dem Verrathe! Wo ist Waldemar? Er wird doch endlich zu finden sein?“

Die Mutter versuchte vergebens ihn zu beruhigen – er hörte nicht auf sie, und während sie noch überlegte, auf welche Weise es möglich sei, die verhängnißvolle Begegnung zu verhindern, geschah das Aergste, was überhaupt geschehen konnte: Waldemar kam zurück.

Er trat rasch ein und war im Begriffe, auf die Fürstin zuzugehen, als er Leo erblickte. Es war mehr als Ueberraschung, es war ein tödtlicher Schreck, der sich bei diesem Anblicke in den Zügen des älteren Bruders malte. Erbleichend maß er den Jüngeren vom Kopfe bis zu den Füßen, dann flammte es in seinem Auge auf wie Zorn und Verachtung, und langsam sagte er:

„Also hier bist Du zu finden?“

Leo’s Gesicht verrieth eine Art wilder Genugthuung, als er endlich den Gegenstand seines Hasses vor sich sah.

„Du hast mich wohl nicht erwartet?“ fragte er.

(Fortsetzung folgt.)

[785]
Album der Poesien.
Kürassierlied.
Die Gartenlaube (1876) b 785.jpg

„Wir sind von Byern Kürassier’.“
Originalzeichnung von Otto Fikentscher.

„Wir sind von Byern Kürassier’;
Die Patrioten schlugen wir
     Bei Kaiserslautern.
Und wie wir wieder uns gestellt,
Sechshundert Pferde wohlgezählt,
     Auf grüner Haide,

Da kam Prinz Louis an im Trab,
Und grüßend nahm er’s Hütchen ab
     Auf grüner Haide.
Und rief: ,Von Byern Kürassier’,
Die besten Reiter, das seid ihr,
     Auf grüner Haide.‘

Und nahm den Hut noch einmal ab
Und ritt davon in vollem Trab,
     Auf grüner Haide.
Die besten Reiter für und für
Seynd d’rum von Byern Kürassier’,
     Auf grüner Haide.

Das hat Prinz Louis selbst gesagt
Am Tage nach der großen Schlacht
     Bei Kaiserslautern.
Wir haben d’rauf das Lied gemacht,
Drei Kürassier’ auf der Feldwacht
     Und ein Trompeter.“

George Hesekiel.
[786]
Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.
Ohne Inschrift.
Eine Skizze aus dem podolischen Ghetto.
Von Karl Emil Franzos.
(Schluß.)


Die zwei Greise waren eben in Uebung eines frommen Brauches begriffen, den ich so lange schon nicht mehr gesehen, daß er mir jetzt auf den ersten Blick wie ein Fremdes erschien. Es trug nämlich jeder der beiden Männer ein gelbes hölzernes, Stöckchen in der Rechten, und auf den beiden Stöckchen war ein Faden dicht und dick aufgewickelt, derselbe Faden, hier das eine, dort das andere Ende, sodaß er die Stöckchen mit einander verband. Standen die Männer zusammen, so lehnten sie die Stöckchen aneinander und sangen dumpf und eintönig ihr sonderbares Duett. Dann aber verstummte der Eine, hielt sein Stöckchen senkrecht und stand wie eingewurzelt, während sich der Andere in Bewegung setzte und langsam und gravitätisch die Haide entlang schritt, indem er in hohen Tönen durch die Nase dazu sang und von seinem Stöckchen so viel des Fadens abhaspelte, wie eben der Weg betrug, sodaß der Faden immer straff gespannt blieb. Nach etwa dreißig Schritten blieb er stehen und verstummte, der Andere aber setzte sich näselnd in Bewegung und haspelte den Faden auf, sodaß der Wulst auf dem einen Stöckchen immer dicker, auf dem anderen immer dünner ward. Dann abermals ein Duett und wieder die sonderbaren Soli.

Man nennt diesen Brauch das „Feldmessen“, und wenn er auch nur in einigen Gegenden Podoliens in der beschriebenen Art vollzogen wird, so übt man ihn doch in anderen Formen allüberall, wo Juden wohnen. Am Sterbetage theurer Todten läßt man den Umfang des Friedhofes, wo sie ruhen, mit einem Faden abmessen und gebraucht denselben zu irgend einem frommen Zwecke: als Docht für Opferkerzen oder zum Nähen eines Betmantels. Es ist dies der Ausfluß einer trüben, schweren Symbolik, und es würde hier zu weit führen, sie zu deuten.

Ich schaute den Männern eine Weile zu, dann trat ich an sie heran und fragte, wer in jenem Grabe ruhe.

Die Männer blickten mich scheu an.

„Warum fragt Ihr?“ sagte der Eine endlich zögernd.

„Weil ich es wissen will.“

„Und warum wollt Ihr es wissen?“

Darauf wäre die directe Antwort zu lang gewesen, und ich wählte daher eine kürzere, indirecte.

Der eine der beiden ehrwürdigen, aber überaus schmutzigen Greise – es war ein Wunder, daß sie nicht zusammenklebten, wenn sie so dicht beisammen standen – trug in seinem Antlitze eine überaus rothe Nase. Das deutet immer auf Durst und ein heiteres Gemüth. Und wer durstig und heiter ist, mit dem kann man sich leicht verstehen.

Ich blickte also den Mann innig an wie einen alten Freund und griff dabei in die Tasche. „Nun – wer?“

Er folgte dieser Bewegung mit sichtlichem Interesse, aber ergab sich noch nicht. „Steht es auf dem Steine geschrieben?“ fragte er.

„Dann würde ich Euch nicht fragen. Aber warum steht es nicht dort geschrieben?“

Meine Hand kam wieder zum Vorscheine, aber der ehrwürdige Greis ergab sich noch immer nicht.

„Warum?“ wiederholte er. „Weil es eine Sünde wäre, des Namens zu gedenken. Also warum soll ich sündigen und den Namen sagen? Warum sollt Ihr sündigen, indem Ihr ihn anhört? Warum soll Reb Nathan hier sündigen, indem er uns Beiden zuhört?“

„Ein Opfer für die Armen tilgt die Sünde,“ beruhigte ich und drückte dem Manne warm die Hand.

Aber dem ehrwürdigen Greise lag offenbar sehr viel an seinem Seelenheile, und er zählte darum halblaut nach, ob es genügend gesichert sei. Dann war zwar er getröstet, aber Reb Nathan wurde unruhig. Nun hätte er sich freilich der Sünde des Zuhörens leicht entziehen können, denn wir waren im Raume gerade nicht beschränkt. Aber er zog ein anderes Mittel vor, obwohl er keine rothe Nase hatte.

Und erst nachdem das geschehen, sagte der Eine: „Wer dort liegt?“ und der Andere: „Lea Rendar’s liegt dort.“

Das heißt zu deutsch: „Lea, die Tochter des Schenkwirths. Aber ich mußte dennoch fragend blicken.

„Wer hat die nicht gekannt?“ meinten die Männer erstaunt. „Lea aus der gelben Karczma (Wirthshaus)! Die Frau des langen Ruben, des Ruben neben dem Rathhause! Lea mit den langen Haaren!“

Nun wußte ich freilich, wen sie meinten. Und was bisher doch wohl nur Neugierde gewesen, ward nun innigste, seelische Theilnahme. „Und die war eine Sünderin?“ rief ich erstaunt.

„Ob sie eine Sünderin war?“ entgegnete Reb Abraham, der Rothnasige. „Hat es je eine größere gegeben? Es hat nie eine größere gegeben. Was Gesetz ist, hat sie mit Füßen getreten. Und wer wird dafür verdammt sein? Sie und ihr Mann – Ruben der Rathhauser. Denn wenn er es ihr gewehrt hätte, der Frevel wäre nie geschehen.“

„Und noch Einer wird verdammt sein um ihrer Sünde willen,“ rief Reb Nathan. „Gavriel Rendar, ihr Vater. Denn wenn er sie anders erzogen hätte, der Frevel wäre ihr nie in den Sinn gekommen.“

„Richtig, der auch!“ bekräftigte Abraham. Aber dann erfaßte ihn doch leises Mitleid mit dem Manne, in dessen Hause seine Nase den schönen Glanz bekommen, und er fügte, milder hinzu: „Dem wird der Allmächtige vielleicht vergeben. Hat er denn so Furchtbares ahnen können? Aber Ruben – das ist etwas Anderes, der ist gewiß verdammt.“

„War es wirklich so furchtbar?“

„Furchtbar? Das Gräßlichste! Habt Ihr wirklich noch nicht davon gehört? Eine unerhörte Geschichte! Eine merkwürdige Geschichte!“

Und sie erzählten mir die merkwürdige, unerhörte Geschichte. Denn dies ist sie wirklich, freilich wohl in anderem Sinne, als die beiden Ehrwürdigen ahnten.

Es wird mir eigen zu Muthe, nun ich sie wieder erzählen soll. Vor Allem: sie klingt so unglaublich. Und nur wenigen Menschen des Westens ist eine Brücke des Verständnisses geschlagen in diese fremde düstere Welt. Die Anderen alle werden den Kopf schütteln. Ich aber kann nur sagen: es ist wahr, es ist nicht erfunden, es hat sich wirklich so begeben. – Und dann: die Geschichte ist so traurig. Mir thut das Herz weh, da sie sich mir noch einmal vor die Augen stellt.

Die Lea war ein sehr schönes Mädchen. Ererbt war das nicht, denn die Mutter war ein kleines, dickes puterrothes Weib und „Gavriel Rendar“, der Wirth in der großen gelben Schenke am Wege gegen Alt-Barnow, ein ungeschlachter Riese mit einem mißfarbigen, von Pockennarben zerrissenen Gesichte. Auch die beiden Söhne, die im Hause umherlümmelten, repräsentirten sich just nicht als Zierden der Menschheit. Es war eine finstere, verdrossene gewaltthätige Familie, die da im unheimlichen Hause hantirte, ewig damit beschäftigt, den Durstigen Fusel einzuschenken und die Allzubetrunkenen hinauszuwerfen. Und in diesem Hause erwuchs das heiterste, lieblichste Kind, in dieser Familie erblühte die schönste, holdseligste Jungfrau, die vielleicht je meine Augen schauen gedurft. Die Lea Bergheimer war wie ein Sonnenstrahl.

Und eine Fülle goldigen Lichts trug sie ja auch um das stolze Haupt – so reiches, so leuchtendes Goldhaar hab’ ich alle meine Tage nicht wieder gesehen. Eine Jüdin ist selten blond, und vollends findet man keine blonden Schönheiten unter den Frauen dieses Volkes. Die jüdischen Schönheiten sind braun oder schwarz. Aber die Lea war eine Ausnahme, wie sie denn überhaupt wenig vom jüdischen Typus hatte, sofern man nicht ihren herrlichen, schlanken und doch üppigen Wuchs als solchen gelten lassen will.

Ihr Antlitz war ganz germanisch: feine rosige Züge und tiefe, blaue Augen. Der Ausdruck dieser Züge freilich war nicht gretchenhaft, sondern fröhlich und glühend. Im Wiener Belvedere hängt in einem Nebensaale ein Bild aus dem siebenzehnten Jahrhundert, ein Wiener Bürgermädchen darstellend, von einem Spanier gemalt. Das Original war ein deutsches Mädchen, [787] aber der Südländer hat viel von seinem heißen Wesen hineingemalt. Dieses Bild könnte für ein Portrait der Lea gelten; es ist eine merkwürdige Aehnlichkeit.

Wo ein Sonnenstrahl hinfällt, da wird selbst das Düster verklärt. Die schöne Lea brachte Licht und Freude in die wüste Schenke. Es ist kaum zu sagen, wie Eltern und Geschwister an ihr hingen, mit welcher zitterigen Liebe sie das Mädchen umfaßten, mit welchem thörichten, unbeholfenen Stolze sie es feierten, mit welcher rührenden Hingebung sie sein Leben schmückten und bewachten. Der alte Gavriel war ein wohlhabender Mann, denn die Schenke lag auf gutem Posten, und den Schnaps zu wässern oder das Geborgte mit doppelter Kreide anzuschreiben, verstand kein Wirth in Podolien besser. Aber es ist doch eigentlich ein Wunder, daß er zu einigem Besitzthum kam – so ungemein viel Geld wandte er auf die Lea. Freilich in seiner Weise; das Kind lernte nichts, als nothdürftig die Gebete lesen, aber dafür behing er den schönen Leib mit den schwersten Stoffen und Ketten, und sie ging an Wochentagen einher, wie nicht einmal des reichsten Mannes Tochter am Neujahrstage.

Schon die Familie hätte also genügt, das Mädchen eitel zu machen, wohl auch hoffärtig. Aber ebenso sorgten die anderen Leute redlich dafür: die Frauen durch ihren Neid, die Männer durch ihre Bewunderung. Die Lea weckte in den jungen Juden von Barnow Empfindungen, wie sie sonst selten in solchen Busen zu keimen pflegen. Denn gewöhnlich denkt so ein langlockiger Jüngling an kein Mädchen der Welt, bis ihm endlich sein Vater eines Tages sagt, er sei verlobt. Bei der Verlobung, oft genug auch erst bei der Hochzeit, sieht er sich dann seine Braut an, und ob sie ihm nun gefällt oder nicht, er beschließt, sich an sie zu gewöhnen, was ihm denn auch in den meisten Fällen gelingt. Aber an die Lea dachten Viele, und wenn sie über die Straße ging, so ereignete sich oft sogar das Unerhörte, und es blickte ihr Einer nach. Ja sogar in der „Klaus“, wo die stillen, frommen, sehr träumerischen und sehr wasserscheuen Talmudisten über den großen Folianten nickten, ward zuweilen ihr Name genannt und mancher tiefe Seufzer hörbar, der nur ihr galt.

Das erfuhr die schöne Lea freilich nicht. Aber andere Leute sorgten dafür, daß sie nicht darüber in Zweifel bleibe, ob sie gefalle oder nicht. Da waren die kühnen Gymnasiasten von Barnow, die sich immer in den Ferien sterblich in sie verliebten, in sie und in die „Esterka Regina“, ein anderes schönes Judenmädchen, das gleichfalls ein trauriges Ende genommen. Da waren die noch kühneren Edelleute, die oft vor der Schenke hielten, auf ein Gläschen Schnaps und auf ein kleines Gespräch. Da waren die allerkühnsten Husaren-Officiere, die in dem fuselgeschwängerten Raume ihre Zeit vergeudeten, welche übrigens auch sonst schwerlich nützlich angewandt worden wäre.

Hier freilich geschah es ohne jeglichen Nutzen. Denn eitel war die Lea, aber auch brav, gut und rein. Ihr Herz war so weich und mitleidig, wie man es selbst unter den grundgütigen Frauen dieses Volkes selten findet, und jeder Arme nannte ihren Namen mit inbrünstiger Verehrung. Nur war sie eben verliebt in die eigene Schönheit und besonders in ihr Haar, das ja auch von seltener Herrlichkeit war. Wenn sie die schweren kunstvollen Flechten löste, dann fluthete es herab wie eine mächtige Goldwelle und schmiegte sich bis an die Kniee um den Leib, ein leuchtender seidener Mantel, wie ihn keine Königin je schöner getragen. Von diesem ihrem Schmucke hatte sie auch ihren Spitznamen „Lea mit den langen Haaren“.

Die Juden von Barnow waren der festen Ueberzeugung, daß die Lea nie heirathen würde; die Frauen hofften, die Männer fürchteten es. Denn sie reifte heran, ward siebenzehn-, ward neunzehnjährig und hatte noch immer keinen Freier für werth erachtet, sie zu besitzen. Das war unerhört unter den Leuten dieser Landschaft, welche sonst schon halb entwickelte Kinder miteinander verheirathen. Aber hier ging es auch anders zu, als sonst: Der alte Gavriel fragte seine Tochter um ihren Willen. Und Lea sagte regelmäßig kurz und entschieden: „Nein!“ Die Bewerber wagten sich schließlich gar nicht mehr heran, nachdem sogar Jossef Purzelbaum einen Korb bekommen, der Sohn des reichsten Mannes im Kreise, und der kleine Chaim Machmirdas, der im dritten Gliede mit dem Rabbi von Sadagóra verschwägert war. Daß man einen Menschen aus so heiliger Familie verschmähen könnte, war unfaßbar und kam einer persönlichen Beleidigung Gottes fast gleich. Aber die Lea wagte diesen Frevel und fuhr fort, die Heirathsvermittler zur Verzweiflung zu treiben. Schließlich wagten es diese Leute kaum mehr die Schenke zu betreten, obwohl es im Allgemeinen Menschen giebt, welche scheuer, schamhafter und rücksichtsvoller sind als jüdische Heirathsvermittler in Podolien. Und einer von ihnen, Herr Itzig Türkischgelb, pflegte zu sagen: „Ich bin ein alter Mann, aber ich hoffe doch noch die Verheirathung der Lea und die Ankunft des Messias zu erleben. Das letztere freilich eher als das erstere.“ Denn Itzig Türkischgelb war ein recht munterer Herr.

Da sollte dennoch das Entgegengesetzte wahr werden. Und als der Name des Glücklichen bekannt ward, da war das Staunen darüber noch größer, als über die Thatsache selbst. Den Ruben Rosenmann oder Ruben der Rathhauser, wie er, wegen der Lage seines Kramladens im Städtchen genannt wurde, war weder reich noch aus frommer Familie und obendrein Wittwer. Aber er war ein schöner Mensch, hoch und stattlich, dabei ernst und still. Er hielt etwas auf sein Aeußeres und trug den Kaftan um eine Spanne kürzer, als die Anderen. War er doch auch zwei Jahre in einer größeren Stadt gewesen, in Brody, und las, sprach und schrieb das Hochdeutsche. Wahrscheinlich darum stand er im Rufe eines Freigeistes, den er sonst durchaus nicht verdiente; er befolgte sclavisch alle Gebote, nicht blos des Glaubens, sondern auch sogar des Aberglaubens.

Warum die Lea just ihn gewählt, darüber gab sie Jedem, der es hören wollte, Aufschluß: „Weil er mir gefallen hat.“ Das war freilich ein Grund, der bei einem podolischen Judenmädchen unerhört war. Darum forschte man bei den Heirathsvermittlern, ohne jedoch auch hier mehr erfahren zu können. Selbst Herr Türkischgelb mußte zugestehen, daß diese Verlobung nicht seinem Talente zuzuschreiben. Wohl hatte ihn Ruben ausgesendet, aber Lea hatte erklärt: „Er selbst soll kommen, wenn er mir etwas zu sagen hat.“

Ruben war gekommen; die jungen Leute hatten eine lange Unterredung, wohl an die zwei Stunden. Was sie da verhandelt, wußte Niemand, erfuhr Niemand, nicht einmal die Eltern des Mädchens. Nur der alte Gavriel erlauschte, wie Ruben einmal laut und bewegt, fast feierlich sagte: „Willst Du es denn unumstößlich – gut, ich wehre Dir nicht. Vor Gott ist es wohl keine Sünde, aber vor diesen Menschen. Darum hüte Dein Geheimniß! Sie würden Dich und mich vernichten, wenn sie es erführen.“ Aber der Alte drang vergeblich in die Tochter, auch ihm das Geheimniß zu offenbaren.

Bald darauf war die Hochzeit. Die Lea war unter dem Trauhimmel schöner anzuschauen, denn je. Und doch fehlte ihr nun ihr schönster Schmuck: das Goldhaar. Keine verheirathete Frau darf ihr eigenes Haar tragen; es wird vor der Trauung kurz abgeschnitten, hier und da auch der Kopf rasirt. Die Blöße bedeckt man mit einem hohen wollenen oder seidenen Aufsatze, dem „Scheitel“. So will es der alte, starre Glaube, und so wird es gehalten. Sein eigen Haar zu tragen, würde nicht blos als Zeichen der Schamlosigkeit gelten, sondern eine ungeheuere Versündigung gegen Gott bedeuten. Aber die Lea duldete es wenigstens nicht, daß sich Fremde an ihr vergriffen; mit eigener Hand schnitt sie sich in verschlossener Kammer das Haar vom Haupte.

Es ward eine sehr glückliche Ehe. Und es begab sich noch ein Weiteres, das größte Wunder: die Lea ward demüthig und gehorchte ihrem Gatten. Selbst der Neid mußte eingestehen, daß der lange Ruben ein treffliches Weib habe. Das fühlte er auch, und als ihm bald darauf eine süße Hoffnung winkte, kannte sein Glück keine Grenzen. Aber diese Hoffnung erfüllte sich nicht; das Kind kam vorzeitig und todt zur Welt. Der Arzt schob dies auf eine Erkältung der Mutter. Aber der Rabbi von Barnow war anderer Ansicht. Er ließ Lea holen und fragte sie, ob sie sich nicht etwa dadurch diese Strafe Gottes zugezogen, weil sie heimlich eines seiner Gebote übertreten. Lea wurde todtenbleich, aber sie sagte fest: „Nein, Rabbi!“

Das war im Frühling gewesen. Im zweitnächsten Herbste [788] gebar die Lea einen Knaben, aber er starb nach sechs Tagen. Der Arzt meinte, an einem Gehirnschlag, wie er bei Neugeborenen so oft eintritt. Lea zerfloß in Thränen, aber als der Rabbi nun selber kam und seine einstige Frage wiederholte, sagte sie auch diesmal kurz und fest. „Nein, Rabbi!“

Im nächsten Sommer fühlte sich Lea zum dritten Male Mutter. Die Erinnerung an ihre beiden schmerzlichen Verluste durchzitterte sie unablässig und ward ihr zur bangen Ahnung. Aengstlich wachte sie über sich und Ruben wich kaum mehr von ihrer Seite. Aber als der Versöhnungstag herankam, da ließ sie sich’s trotz seiner Abmahnung und trotz des ärztlichen Verbots nicht nehmen, den ganzen Tag fastend in der alten Betschule zuzubringen.

Das sollte ihr zum Verderben werden. Es herrscht an diesem Tage in der alten Betschule, in welcher auch sonst die Luft just nicht mit Arabiens Wohlgerüchen geschwängert ist, eine fürchterliche, verpestete Schwüle, erzeugt durch die unzähligen Wachskerzen und die Ausdünstung so vieler Menschen, welche da so lange Stunden beten, weinen und leider auch schwitzen. Es war also eine Atmosphäre, in der auch der gesündeste Mensch hätte ohnmächtig werden können, um so mehr ein zartes Weib in solchem Zustande, wie damals Lea. Die Sinne vergingen ihr – mit einem leisen Angstschrei sank sie vom Betschemel.

Die Weiber drängten herbei und mühten sich um sie. Sie lösten ihr die Kleider und brachten der Ohnmächtigen zwanzig Riechfläschchen zugleich an die Nase.

Aber plötzlich stoben sie blitzschnell auseinander – ein hundertstimmiger, gellender Schrei – und dann wieder Stille, die Stille tiefsten Entsetzens.

Der „Scheitel“ der Lea hatte sich verschoben und darunter quoll das zusammengedrückte Goldhaar unwiderstehlich hervor und legte sich wie eine lichte Wolke um das todtenblasse, schöne Antlitz.

Das war das Geheimniß der Lea gewesen.

Was nun folgte, läßt sich nicht beschreiben, kaum andeuten. Die Stille wich wildem Zetern, Fluchen und Toben. Blitzschnell durchzog die Kunde auch jenen Raum, wo die Männer beteten, und übte hier gleiche Wirkung. Zuerst standen Alle wie gelähmt über den ungeheueren Frevel. Und dann brach die Wuth ungemessen los, und unter wilden Verwünschungen drängten die Rasenden in die Weiberschul’. Hätte die Lea soeben gestanden, daß sie ihre Kinder selbst getödtet – und Kindesmord gilt unter den Juden als gräßlichstes Verbrechen, ärger als Vatermord – die Wuth hätte kaum größer sein können. Aber in den Augen der Verblendeten hatte ja das Haar der Lea in der That dieses stumme, furchtbare Geständniß abgelegt.

Es war am heiligsten Tage des Jahres, und Jene, gegen welche die Wuth sich richtete, war ein schwaches Weib in einem Zustande, der den Rohesten zu zügeln vermag. Gleichwohl läßt, sich nicht übersehen, wozu damals der fromme Wahn die Verblendeten hätte führen können. Aber da drängte Ruben wild durch die Reihen. Schmerz und Zorn verzehnfachten seine Kraft; er hob die Ohnmächtige auf den linken Arm wie ein Kind – mit dem rechten bahnte er sich einen Weg durch die Menge, daß Alles, was ihm entgegenstand, nach rechts und links auseinanderflog. So stürmte er die Treppe hinab und durch die Gassen heim, von Flüchen und Verwünschungen verfolgt; das Haar des Weibes umpeitschte im Octoberwinde sein furchtbar blasses Gesicht, aus dem die Augen glühend, wie im Wahnsinn starrten.

Es gelang bald, die Ohnmächtige zu erwecken, aber als sie um sich schaute und ihr gelöstes Haar erblickte, schrie sie gellend auf und verfiel in heftige Krämpfe. Der Arzt eilte herbei, aber er vermochte nur das Leben der Mutter zu wahren, nicht das junge Leben, das in ihr keimte. Und am nächsten Morgen konnten die Juden von Barnow einander erzählen, daß sich das Gericht Gottes zum dritten Male an der Sünderin erfüllt.

Ruben war wie versteint im Schmerz. Und als er an demselben Morgen vor des Rabbi Gericht entboten ward, da ging er so unbewegt dahin, als ginge ihn die Sache eigentlich nichts an. Auch auf die Verwünschungen, mit denen man ihn empfing, hatte er keine Antwort und gab im Verhör kurzen und unerhört verwegenen Bescheid. Er ward gefragt, ab er um den Frevel seines Weibes gewußt? Er habe darum gewußt. Warum er die Sünde geduldet? Weil es in seinen Augen keine Sünde sei. Ob er nun Gottes Strafgericht erkenne? Nein, denn er glaube an einen allweisen, allgütigen Gott. Ob er nun wenigstens seinem Weibe den sündigen Schmuck vom Haupte schneiden wollte? Nein, weil das gegen sein Versprechen als Bräutigam wäre. Ob er die Strafe kenne, der er entgegengehe? Er kenne sie und werde sie abzuwehren wissen.

Diese Strafe ist der „große Cherem“, der strenge Bann, die herbste Strafe, welche die Gemeinde über eines ihrer Glieder verhängen kann. Wen man in den „Cherem“ gethan, der ist vogelfrei; es ist keine Sünde, sondern ein Verdienst, ihn an Gut und Leben zu schädigen. Nur in feindlichster Absicht darf man seinen Leib oder eine Sache, die ihm gehört, berühren; nur wer ihn verderben will, darf dieselbe Luft athmen, wie der Verdammte. Der „Cherem“ löst die heiligsten Bande, und was sonst schlimme Versündigung, wird hier zum frommen Gebot: die Gattin darf den Gatten verlassen, der Sohn die Hand gegen den Vater erheben. Es ist ein Krieg Aller gegen Einen, ein erbarmungslos geführter Krieg, in welchem alle Mittel gelten. Keine Liebe, keine Freundschaft kann es wagen, den Ring furchtbarster Vereinsamung, Verachtung und Gemiedenheit zu durchbrechen, welcher um den Gebannten gezogen ist. Es ist ein unerträgliches Schicksal, welches den starrsten Willen zu brechen vermag. Wer im „Cherem“ ist, beeilt sich gewöhnlich, schnellstens seinen Frieden mit dem Rabbi zu machen – um jeden Preis, selbst um den der Selbstachtung.

Dem Ruben erschien dieser Preis zu hoch. Wohl ward er durch die Strafe doppelt hart getroffen, denn sie legte auch die Axt an seinen Erwerb: der Kramladen stand verödet. Aber er beugte sich nicht und suchte da Schutz, wo man ihm solchen zu gewähren verpflichtet war, beim k. k. Bezirksgerichte. Der „Cherem“ ist als Erpressungsmittel strafbar, und im besten Falle, wenn er aus guten Gründen verhängt wird, bleibt er ein frecher Eingriff in das Justizrecht des Staates. Der Bezirksrichter von Barnow, Herr Julko von Negruß, hatte in der Sache auch sicherlich den besten Willen und that, was er konnte. Aber er konnte naturgemäß nicht viel thun. Er leitete die Untersuchung gegen den Rabbi ein und strafte jede Beschimpfung oder Schädigung, welche Ruben von einem nachweisbaren Urheber angethan wurde. Aber in den meisten Fällen barg sich die Tücke im Dunkel der Nacht, und die strafgerichtliche Verfolgung des Rabbi mehrte noch die fromme Wuth. Und was vollends den Kramladen betrifft, so konnte auch der Bezirksrichter Niemand dazu anhalten, seinen Zucker und Kaffee beim Rathhauser zu holen.

Der Krieg dauerte den Winter über und in den Frühling hinein. Im April war der Rabbi auf sechs Wochen eingesperrt worden. Als er frei wurde, feierte die Gemeinde das festliche Ereigniß durch eine Beleuchtung und indem sie dem Ruben die Fenster einwarf. Sonst änderte sich nichts; der Mann beugte sich nicht. Er verarmte sichtlich; sein Schwiegervater ließ nicht ab zu flehen und zu beschwören, aber Ruben beugte sich nicht. Ja, noch mehr, die Lea, welche sich in jenem schrecklichen Winter um alle Schönheit und Frische gegrämt, fühlte sich im Frühling wieder Mutter und flehte der Gatten nun selbst an, den verhängnißvollen Schmuck ablegen zu dürfen. Vielleicht, meinte das arme Weib, könne das wirklich dem jungen Leben schaden. Aber Ruben schüttelte finster das Haupt: „Es bleibt dabei. Du behältst Dein Haar. Und wenn es einen Gott giebt, so wird er uns nicht verlassen und ich werde siegen.“

Es ist in den meisten Fällen für den lieben Gott recht gefährlich, wenn man in solcher Weise die Frage nach seiner Existenz stellt. So auch hier. Ruben ist unterlegen. Und was nun folgt, davon habe ich die Empfindung, als ob ich es nur sehr kurz erzählen müßte.

Im November gebar die Lea wieder einen Knaben. Das Kind war frisch und gesund, auch die Mutter befand sich leidlich wohl. Sechs Tage waren verstrichen. Da versammelte der Rabbi seine Getreuesten. „Der Vater ist ein Cherem; die Mutter trägt ihr eigen Haar. Aber das Kind ist schuldlos. Sehen wir wieder thatlos zu, so muß das Kind sterben, wie sein Brüderchen starb, weil die Sünde der Mutter fortwährt.“

So sprach der Rabbi. Das heißt: es steht zu vermuthen, daß er es war, der so sprach. Der Urheber der grauenvollen [789] That ist nie entdeckt worden. Thatsache ist nur, daß der Frevel verübt ward.

Um die Mitternacht des sechsten Tages brachen Vermummte in das Haus des Ruben, überwältigten ihn und die Wehefrau, rissen die Wöchnerin aus dem Bette und schnitten ihr das Haar vom Haupte.

Zwei Tage darauf war die Lea todt. Die Folgen des Schrecks hatten sie getödtet. Das Kind, welches seit der Frevelthat in Krämpfen gelegen, war ihr um einige Stunden vorausgegangen.

Ruben blieb im Städtchen, bis die Untersuchung beendet war. Sie mußte eingestellt werden. Wenn diese Menschen schweigen wollen, so bringt sie keine Macht zum Reden.

Dann zog Ruben fort. Es ist manches Jahr seitdem verflossen. Auch er hat wohl schon Ruhe gefunden und schläft in einem anderen Winkel der Erde die dunklen Schmerzen seines Lebens aus.

Des Grabes der Lea habe ich bereits gedacht; es bleibt nichts mehr zu berichten übrig. Nur ein Wort noch will ich hinzufügen, welches mir aus tiefsten Herzen aufquillt: Verzeihet ihnen, zürnet ihnen nicht, denn sie wissen nicht, was sie thun!




Aus den Erinnerungen eines russischen Publicisten.
Von Friedrich Meyer von Waldeck.


Die folgenden Schilderungen einzelner Momente aus einem geistig vielbewegten Leben im fremden Lande sind zu eng mit der Persönlichkeit des Erzählers verwachsen, als daß er es umgehen könnte, sich in wenigen Worten dem freundlichen Leser vorzustellen. Er verzichtet zu dem Zwecke von vornherein auf die objective dritte Person und beginnt sofort mit dem „Setzen“ des subjectiven Fichte’schen „Ich“.

Neunundzwanzig Jahre, in ununterbrochener Fortdauer, habe ich in Russland gelebt; zweiundzwanzig Jahre war ich Chef-Redacteur eines der größeren politischen Blätter St. Petersburgs und einundzwanzig Jahre Lehrer an der dortigen Universität. Dieser Zeitraum umfaßt die interessanteste Entwickelungsperiode Russlands seit Peter dem Großen und Katharina der Zweiten. Er beginnt mit dem Höhepunkte der Macht und des Einflusses, die unter Kaiser Nikolai dem Ersten seinem Reiche oder, was dasselbe sagen will, seiner Person zugesprochen wurden; er enthält den Krimkrieg, den jähen Sturz von eingebildeter Höhe, die Periode der Niederlagen und Enttäuschungen, den unerwarteten Tod des stolzen Selbstherrschers und die Thronbesteigung Alexander’s des Zweiten, den sein Volk den Befreier nennt. Er begreift in sich die großen Umwälzungen, welche dieser Reformator auf dem Throne durch die consequente und stetige Ausstrahlung der Lichtquelle seines liberalen Geistes in der Organisation des Landes hervorgerufen, die Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft, die Neuschaffung der Gerichte auf der Basis der Oeffentlichkeit, Mündlichkeit und der Geschworenen, die Schöpfung der Landesinstitutionen, die Entfesselung der Presse etc. Er umschließt den polnischen Aufstand mit seinen heilsamen Folgen für Polen und seiner schädlichen Einwirkung auf Russland selbst, die Geburt und Entwickelung der sogenannten nationalen Partei mit ihrem unheilvollen Einflusse nach innen und außen, die Kriege von 1866, 1870 und 1871, die Geschichte Russlands bis auf den heutigen Tag.

Die beiden Wirkungskreise, welche mir während dieses bedeutsamen Zeitraumes in der ersten Hauptstadt des Reiches angewiesen waren, stellten mich so recht unmittelbar in den Mittelpunkt der geistigen und politischen Entwickelung, und nicht selten wurde aus der Rolle des Beobachters und Berichterstatters die Position des Betheiligten, des Rathgebenden, des Kämpfers.

Wenn ich dem Leser „Erinnerungen“ aus meinem Leben und Wirken in Russland mittheile, müssen sie vor dem Meisten, was ihm über jenes Land gebotet wird, unstreitig den Vorzug haben, daß der Autor Land, Leute und Sprache Jahrzehnte hindurch in eigener Anschauung erforschte, daß er erlebte, was er erzählt, daß er nirgends aus fremden Quellen zu schöpfen genöthigt ist. Nach ehrlichen deutschen Begriffen nimmt er keinerlei Stellung zu den Parteien ein. Hat er auch zur Zeit den Kampf für diese und jene gerechte Sache gegenüber Mißwollen und Unverstand nicht von sich abweisen dürfen, gaben ihm auch seine Mitkämpfer und Streitgenossen unter Russen und Deutschen das Zeugniß, daß er willig kein Haar breit des guten Rechtes preisgegeben hat, so liegen diese Zeiten doch bereits, von ruhigem Urtheil geklärt, weit hinter ihm, und er verfolgt mit der Veröffentlichung dieser anspruchslosen Blätter keinen anderen Zweck, als der Wahrheit zu dienen und zu einer richtigen Auffassung geschichtlicher Momente beizutragen.

Vor allen Dingen aber bitte ich dringend, die Erwartung abzuweisen, als wolle ich in Folgendem etwa die Geschichte Russlands in den letzten Decennien schreiben, große Staatsactionen kritisch beleuchten oder bedeutsame historische Phasen in neuem Lichte darstellen. Von solchen Ansprüchen, wenn er sie hegte, müßte sich der freundliche Leser gar bedeutend herabstimmen. In ihren großen unwandelbaren Umrissen gehören die politischen Ereignisse, die neueste innere Reform Russlands und seine Stellung zum westlichen Europa bereits der Geschichte an, und es ist nicht meine Aufgabe, Bekanntes zu wiederholen oder in besonderer Art zusammenzufassen. Aber nicht nur die großen Contouren bieten dem Beobachter und Forscher unzweifelhaftes Interesse, auch die kleinen und zarten Details wollen geschildert sein und bilden die nothwendige Ergänzung und Vervollständigung des Bildes wichtiger Ereignisse und Umwälzungen. Dergleichen kleine Detailschilderungen, wie sie sich aus den selbsteigensten Erlebnissen des Verfassers herausgestalten, beabsichigt derselbe in den folgenden Blättern niederzulegen. „Erinnerungen“ hat er die aphoristischen Skizzen genannt und jeder derselben eine besondere Ueberschrift gegeben, damit sie nicht für etwas Anderes genommen werden, als sie vorstellen sollen, zusammenhangslose, abgerissene Darstellungen, wie sie, vom Zufall hervorgelockt, im Gedächtniß des Verfassers auftauchten.




Der Tod des Kaisers Nikolai des Ersten.

Der 17. Februar 1855 war ein schöner, klarer nordischer Wintertag. Es war entsetzlich kalt. Die Sonne, welche sich um diese Zeit nur wenige Stunden über den Horizont erhebt und kaum zu wärmen scheint, deren matte Strahlen aber von einer blendend weißen Schneedecke in fast unerträglicher Weise zurückgeworfen werden, war schon längst im Südwesten unter der Eisfläche des finnischen Meerbusens verschwunden. Pfeilschnell jagten auf den dämmerigen Straßen und der weiten hellen Fläche der Newa die kleinen, einspännigen nordischen Schlitten mit ihren flinken unermüdlichen Steppenpferden, unter deren Hufen der hartgefrorene Schnee pfiff und knisterte. Das Sternbild des großen Bären funkelte bereits in seiner ganzen Pracht am tiefdunkeln Himmel, und doch war es noch in den frühen Nachmittagsstunden. In meinem Cabinet hatten sich mehrere Freunde getroffen; man saß um den dampfenden Mokka, dessen belebender Duft sich mit den feinen aromatischen Rauchwölkchen des türkischen Tabaks der Papyros angenehm mischte.

Die Unterhaltung beschäftigte sich zunächst mit dem anscheinend sehr unbedeutenden Unwohlsein des Kaisers. Er hatte die Grippe und war, wie das bei jener ungefährlichen und langweiligen Krankheit gewöhnlich ist, von einem heftigen Husten gequält. Vor wenigen Tagen hatte der Zar noch einer Parade beigewohnt, obwohl ihn freilich einer seiner Leibärzte, wenn ich nicht irre Dr. Karell, auf seinen leidenden Zustand aufmerksam gemacht und geäußert haben sollte: „Unter solchen Verhältnissen, Majestät, würde ich einem gemeinen Soldaten nicht gestatten, Dienst zu thun,“ worauf Kaiser Nikolai erwiderte: „Sie haben Ihre Schuldigkeit gethan; ich kenne die meinige.“

Im Laufe des Gesprächs wurde natürlich nicht unbeachtet gelassen, daß die verhängnißvollen Ereignisse des Krimkriegs von tiefer und nachhaltiger Wirkung auch auf die Riesenconstitution des Kaisers sein müßten, um so mehr, da er äußerlich die gewohnte majestätische Ruhe und Kälte unabänderlich bewahrte. Zu irgend welchen Besorgnissen schien der Gesundheitszustand des Monarchen keinerlei Anlaß zu bieten. So wendete sich denn die [790] Unterhaltung bald zu den neuesten Ereignissen auf dem Kriegsschauplatze und namentlich zu der heldenmüthigen Vertheidigung von Ssewastopol.

Mit lebhaftem Interesse wurde einer Prophezeiung gedacht, die einer der Anwesenden, ein bekannter Irrenarzt, beim Beginne des Krieges ausgesprochen hatte. Obgleich für gewöhnlich auf die Beobachtung von Geisteskranken angewiesen, war er doch auch für gesunde, normal functionirende, Capacitäten ein scharfer Kritiker. Wir saßen damals, wie heute, traulich beisammen und hatten von dem bevorstehenden Kriege und seinen möglichen Wechselfällen gesprochen.

„Was auch kommen möge,“ sagte damals unser Doctor, „ich habe einen Freund und Landsmann, einen Ingenieur-Capitain, dessen großartige Begabung und enormes Wissen ihn im bevorstehenden Kampfe zu einer der ersten militärischen Größen Russlands machen werden.“

Er hatte damals den Namen eines Mannes genannt, der nur wenigen von uns, und diesen nur dadurch bekannt war, daß der reiche baronisirte darmstädtische Consul in St. Petersburg dem mittellosen Capitain wegen seiner unbedeutenden Stellung und Herkunft anfänglich die Hand seiner Tochter verweigert hatte, bis die Liebe den Widerstand des harten Vaters überwand.

Jetzt, wo im Verlaufe weniger Monate der damalige schlichte Ingenieurhauptmann sich in den weltberühmten General Todtleben, den genialen und heldenmüthigen Leiter der Vertheidigung von Ssewastopol, die Seele jenes denkwürdigen Festungskrieges, verwandelt hatte, jetzt gedachten wir der Prophezeiung des Freundes, und sein heller Blick in die Zukunft, sein klares Urtheil über die Begabung seines Landsmannes fanden die wärmste Anerkennung.

Es klingelte draußen. Man achtete nicht darauf. Der Diener trat ein, überreichte mir ein versiegeltes Couvert nebst einem Buche und sagte mit gewissem Nachdruck:

„Ein Kammerlakai des kaiserlichen Hofes hat dieses Schreiben gebracht und bittet den Empfang zu bescheinigen.“

Mechanisch griff ich zur Feder und quittirte in dem vorgehaltenen Buche; mechanisch brach ich das Siegel und nahm das Papier aus seiner Hülle. Die Freunde ließen sich in ihrem Gespräche nicht stören; Schreiben von dieser oder jener Staatsbehörde sind in dem Cabinet eines Chefredacteurs etwas Alltägliches.

Ich sah in das Schreiben, und es überlief mich kalt. Es war ein officieller Bericht über die Krankheit des Herrschers; er lautete wie folgt:

„Seine Majestät der Kaiser, an der Grippe erkrankt, hat seit dem zehnten Februar Fieberanfälle gehabt, wobei eine gichtische Affection bemerkbar war. Gestern war das Fieber heftig unter Mitleidenschaft des unteren rechten Lungenflügels, die heutige Nacht schlaflos. Am Morgen erscheint das Fieber etwas gemäßigt; der Auswurf ist unbehindert.

     Den 17. Februar 1855.

M. Mandt. Enochint. Dr. Karell.“

Eine Weile hatte ich schweigend dagestanden. Mein Aussehen mußte etwas Besonderes verkündigen; die Freunde sahen mich stumm und erwartungsvoll an.

„Kaiser Nikolai ist ein todter Mann,“ sagte ich und ließ das Bulletin im Kreise herumgehen. Der Inhalt des Berichtes schien das Aeußerste, das ich voraussah, nicht zu rechtfertigen. Man glaubte in den Ausdrücken der Aerzte die Besorgniß irgend einer Gefahr für das Leben des Monarchen nicht wahrnehmen zu können.

„Kaiser Nikolai ist ein todter Mann,“ wiederholte ich. „Er hat niemals gestattet, daß bei Krankheiten der kaiserlichen Familie Bulletins veröffentlicht wurden. Wenn also über seinen eigenen Gesundheitszustand ein amtlicher Bericht für die Oeffentlichkeit ausgegeben wird, so beweist das auf das Deutlichste, daß er selbst nicht mehr disponirt und sein Zustand ein durchaus hoffnungsloser ist.“

Es hatte Niemand gegen mein Raisonnement etwas einzuwenden. Einer nach dem Anderen entfernte sich geräuschlos, und ich sah mich bald mit meinen sorgenschweren Gedanken allein.

Vor Mitternacht erhielt ich das zweite Bulletin. Das Fieber hatte gegen Abend zugenommen, der Auswurf aus dem unteren Theile des angegriffenen rechten Lungenflügels war erschwert.

Der Morgen des 18. Februar, für Russland ein schicksalsschwerer Tag, brach an. Die helle Februarsonne umkleidete die Blumen der gefrorenen Fensterscheiben mit den Farben des Regenbogens; die nordische Residenz war angethan mit der ganzen blendenden Schönheit ihres Wintergewandes. Die große Masse ging sorglos den gewohnten Geschäften nach. Tauben und Sperlinge in zahllosen Schaaren suchten ihre spärliche Nahrung auf den bevölkerten Straßen; es war, als ob Natur und Menschen über die Geschlechter der Gewaltigen auf Erden ausrufen wollten:

     „ … sie kommen und gehen;
Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen.“

Es erschien ein drittes Bulletin, welches um vier Uhr Morgens abgefaßt war, in welchem die erlöschende Thätigkeit der Lunge des hohen Kranken angedeutet und der Zustand des Kaisers bereits offen als sehr gefährlich bezeichnet wurde. Der vierte und letzte Krankenbericht war um neun Uhr Morgens unterzeichnet; er lautete: „Heute Morgen um drei ein halb Uhr haben Seine Majestät der Kaiser gebeichtet und das heilige Abendmahl genommen, bei voller Klarheit des Geistes. Der drohende Lähmungszustand in den Lungen dauert noch fort und damit die Gefahr, in welcher sich Seine Majestät befindet.“

Die Bulletins wurden als Extrablätter gedruckt. Stündlich erwartete die Presse, erwartete die Bevölkerung Petersburgs neue Nachrichten. Wer zum Hofe in näherer Beziehung stand, wenn er auch selbst nicht mehr wußte, als jeder Andere, zuckte mit geheimnißvollem Schweigen bedeutsam die Achseln. Stunde um Stunde verrann – kein neuer Krankenbericht, nicht die kleinste Botschaft vom Hofe, und doch wußte alle Welt, daß es schlimm, sehr schlimm stand.

Die Sonne stand im Mittag, da verbreitete sich erst leise und vorsichtig auftretend, dann immer sicherer und offener die verhängnißvolle Kunde, die zuletzt der Nachbar dem Nachbar zuraunte: „Kaiser Nikolai ist todt.“

Es war Hochnachmittag. Die Sonne neigte sich stark zum Untergang; an der Wahrheit der historischen Thatsache konnte nicht mehr gezweifelt werden, und doch erschien kein Bulletin, keine Nachricht, nicht ein einziges officielles Wort über das große Ereigniß des Tages. Es war offenbar – der Schlag war unvorbereitet gekommen; man hatte bei Hofe den Kopf verloren und vergaß das Einfachste und Nothwendigste: die Stadt und das Reich von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen.

Es wurde Abend – es wurde Nacht; ich befand mich, wie alle meine Collegen, in der größten Verlegenheit. Der Kaiser war todt. Am anderen Tage eine Zeitung ohne das Gewand der Trauer, den bekannten schwarzen Rand, erscheinen zu lassen, wäre ein grober Verstoß gegen Herkommen und Sitte gewesen. Aber wie konnte man das Blatt mit dem üblichen Trauerrand erscheinen lassen, ohne daß es eine Silbe über das Ereigniß enthielt, welches zu diesem Zeichen der Trauer Veranlassung gegeben? Und doch fesselte uns das strengste Gebot, nicht die geringste Mittheilung über die Personen des erlauchten Kaiserhauses zu veröffentlichen, wenn dieselbe uns nicht officiell vom Minister des Hofes approbirt oder zugegangen war. Im gegenwärtiger Augenblick und bei dem Mangel an Fassung, welcher offenbar im Winterpalais waltete, den Minister des Hauses Seiner Majestät, Grafen Adlerberg, um die Druckerlaubniß für eine selbstverfaßte Todesnachricht zu ersuchen, wäre ein höchst lächerliches Unterfangen gewesen. Ich begab mich zu dem mir zunächst wohnenden und am nächsten stehenden Collegen, dem Chefredacteur der russischen „St. Petersburger Zeitung“, Staatsrath Otschkin. Wir berathschlagten über unsere Lage. Bald wurde von der einen, bald von der anderen Seite ein Ausweg vorgeschlagen, um immer wieder als unzureichend oder unausführbar verworfen zu werden. Endlich sah mein College Licht und rief mir, fast möchte ich sagen, freudig bewegt sein „Heureka!“ entgegen.

„Heute Nacht muß in der Druckerei des Senats das Thronbesteigungsmanifest des Kaisers Alexander des Zweiten gedruckt werden. Wir schicken einen Boten dorthin mit dem Auftrage, zehn Rubel für den ersten Abzug dieses Documents zu bieten und zu zahlen. Bis er zurückkehrt, lassen wir den Druck unserer Zeitungen anstehen und den Trauerrand vorbereiten. Bekommen wir das Manifest, so haben wir die officiellste Nachricht über den Tod des Kaisers Nikolai in unseren [791] Händen, können dieselbe veröffentlichen und unsere Blätter auf anständige Weise in schwarzer Umrahmung erscheinen lassen.“

So lautete der Plan des erfahrenen und gewiegten Amtsbruders. Ich mußte ihm den aufrichtigsten Beifall zollen, und wir trafen sofort alle Anordnungen zu seiner Ausführung.

Unsere Zeitungen wurden in derselben Officin gedruckt. Sie waren bis auf einen kleinen Raum der ersten Spalte fertiggestellt; die Setzer standen erwartungsvoll am Winkelhaken, die Drucker an der Maschine. Wir gingen, jeder in seinem Bureau, mit unruhigen Schritten auf und ab, und Alles wartete der Dinge, die da kommen sollten. Mitternacht war vorüber; die Zahl der genossenen Gläser Thee und der gerauchten Cigarren war gar nicht mehr zu berechnen. Bei dem kleinsten Geräusch aus dem Treppenflur zuckte ich auf und erwartete den Ton der Glocke zu hören. Sie erklang nicht; kein Mensch ließ sich sehen; die unerbittliche Zeit schritt unaufhaltsam weiter, und fast schien es nicht mehr möglich, die Zeitung für die Stunde der Ausgabe am anderen Morgen herzustellen.

Da endlich! – es ging schon stark auf drei Uhr – die Glocke klang. Ich öffnete selbst, und mit triumphirendem Lächeln hielt mir unser alter ausgedienter Soldat, der als Redactionsbote fungirte, das Thronbesteigungsmanifest entgegen. Sofort wurde mein erster Gehülfe geweckt; gemeinschaftlich unternahmen wir die schwierige und verantwortungsreiche Arbeit der Uebersetzung in’s Deutsche, und um vier Uhr war das Manuscript vollendet, gesetzt, corrigirt, und die Zeitung ging in die Presse.

Am anderen Morgen erschienen die russische und die deutsche St. Petersburger Zeitung mit dem Thronbesteigungsmanifest Alexander’s des Zweiten und schwarzem Rande; einige andere Blätter hatten den Trauerrand, enthielten aber nicht die geringste Mittheilung über das Hinscheiden der verstorbenen Majestät; der ganze Rest der übrigen trat ungenirt vor das Publicum ohne Nachricht und ohne Trauerrand.

Ueber das Ende des Kaisers Nikolai durchliefen in den nächsten Tagen verschiedenartige Gerüchte die erschrockene Residenz. Es hieß, der mächtige Selbstherrscher, gebrochen durch die furchtbare Erschütterung der sich rasch folgenden Niederlagen auf dem Schlachtfelde, habe die militärische Ehre Russlands nicht überleben wollen und sein erster Leibarzt, Geheimerath von Mandt, habe der Forderung des Monarchen nachgegeben und ihm Gift gereicht. Andere Versionen besagten, der Kaiser habe sich selbst vergiftet, nachdem Doctor Mandt die tödtliche Substanz in seine Hände gegeben. Alle diese Gerüchte wurden begierig vom Volke aufgegriffen, erregten die unzurechnungsfähige Menge in bedenklichem Grade und waren die Veranlassung, daß Doctor Mandt, dessen Leben sogar gefährdet erschien, bald nach dem Hinscheiden Nikolai des Ersten die Hauptstadt und Russland verlassen mußte.

Mandt, der eine Art neuen homöopathischen Systems aufgestellt hatte, war viele Jahre hindurch so zu sagen der medicinische Dictator St. Petersburgs gewesen. Er erfreute sich der ausgesprochenen Vorliebe und des unbedingtesten Vertrauens seines kaiserlichen Herrn, der sich bei ihm, wie man sich zuraunte, nicht nur auf ärztlichem Gebiete Raths erholte. Fest steht, daß Dr. Mandt unter Kaiser Nikolai dem Ersten eine mächtige, gefürchtete und unantastbare Persönlichkeit war, die ihren Einfluß nach verschiedenen Richtungen hin geltend machen durfte.

Daß in allen den von Mund zu Mund gehenden düsteren Gerüchten auch nicht ein Körnchen Wahrheit ruhte, brauche ich nicht erst zu bekräftigen. Möglich ist es, daß der stolze Zar, im unerträglichen Schmerz über die erlittene Schmach, absichtlich der Krankheit Trotz geboten und der Thätigkeit der Aerzte weniger Vorschub geleistet, als diese wünschenswerth erachteten. Ich wiederhole, es ist möglich – nicht einmal wahrscheinlich. Ohne leichtfertig zu sein, kann man von dem Todten nur mit den schwedischen Hauptmann im „Wallenstein“ berichten: „Man sagt, er wollte sterben.“

Mehrere Tage waren vergangen. Die sterblichen Reste der erblichenen Majestät waren in der Peter-Paulskathedrale der Petersburger Festung in einem einfachen Sarge aufgebahrt, wie ihn sich der Kaiser einige Jahre früher selbst gewünscht hatte.

Ich kehrte Nachts von einem Besuche in entfernter Gegend der Stadt mit dem Gefährten heim. Fröstelnd hüllten wir uns in die schweren Pelze; das Gespräch stockte, und jeder hing den eigenen Gedanken nach. Von lebhaftem Zuruf und dem drohenden Schwingen der Knute angefeuert, flog das kleine Kosakenpferd über den knisternden Schnee, der im Glanze der ewigen Sterne funkelte.

Plötzlich hielt unser Iswoschtschik den Schlitten an, bekreuzigte sich furchtsam und zeigte über die Isaaksbrücke hinweg nach der Festungskirche, unter deren dunkelem Dache die sterblichen Reste des irdischen Gottes ruhten.

Rings um die Kathedrale flammte das elektrische Feuer eines ungeheuren Nordlichts. Lange rothe und weiße Strahlen schossen hinter der Kirche auf, bis an den Zenith, und umgaben das Gotteshaus mit gigantischem Heiligenschein.

„Aurora borealis!“ sagte mein Gefährte und deutete nach dem glänzenden Meteor.

„Aurora borealis!“ wiederholte ich – „das Morgenroth einer neuen Zeit für das große nordische Reich.“




Der kurhessische Drohbrief-Proceß.[1]


Das erste Regierungsjahr des Kurfürsten Wilhelm’s des Zweiten von Hessen war noch nicht ganz beendet, als eine Vergiftungsgeschichte zu den bedenklichsten Conjecturen Veranlassung gab. Ueber den Hergang berichtet die „Kassel’sche allgemeine Zeitung“ vom 7. Februar 1822 folgendermaßen: „Ein schauderhafter Vorfall beschäftigt seit einigen Tagen die Aufmerksamkeit sowohl der Behörden als der Einwohner hiesiger Stadt. Donnerstag den 31. vorigen Monats auf dem Maskenballe im Stadtbausaale wandelte einen Hoflakaien Seiner Hoheit, des Kurprinzen eine plötzliche Unpäßlichkeit an, so daß er nach Hause gebracht werden mußte. Hier stellten sich bald die heftigsten Zufälle ein, unter welchen der Unglückliche am 1. Februar Morgens verschied, nachdem er wiederholt versichert hatte, daß ihm eine maskirte Person ein Glas Grog angeboten habe, nach dessen Genuß ihm sogleich unwohl geworden sei. Die Leicheneröffnung vermehrte noch unter diesen Umständen den Verdacht der Vergiftung, und die Behörden sind seitdem mit unausgesetzter Thätigkeit bemüht, sowohl die Anzeichen über den Thatbestand zu sammeln, als den Spuren des Urhebers des vermutheten Verbrechens nachzuforschen.“ Die Kassel’sche Zeitung war nicht gewohnt, über irgend eine den Hof berührende Sache ohne höhere Autorisation das Geringste zu berichten. Wozu nun diese erst so spät gebrachte Nachricht von einem Vorfalle, nachdem er schon seit acht Tagen die Stadt in Aufregung gebracht hatte? Es sollte offenbar damit der allgemeinen Annahme begegnet werden, daß es mit der Vergiftung auf den Kurprinzen abgesehen gewesen wäre. Derselbe war nämlich im Geheimen ebenfalls auf der Redoute gewesen. Gegen Mitternacht hatte er seinen Domino gegen den des ihn begleitenden Lakaien Bechstädt gewechselt und diesem war bald darauf von einer dem Kurprinzen bisher stets auf dem Fuße folgenden Maske die vergiftete Erfrischung kredenzt worden. So lautete die Erzählung, wie sie in’s Publicum gekommen war, welches durchaus die Ueberzeugung von einem verfehlten Attentat auf das Leben des Kurprinzen gewannt. Wem aber konnte derselbe im Wege stehen? war nun die Frage, und um diese zu beantworten, blieben die von Mißtrauen geleiteten Blicke auf einer in nächster [792] Nähe des Kurfürsten stehenden Persönlichkeit haften. Ein officieller Artikel der Kassel’schen Zeitung suchte nach einiger Zeit darzulegen, daß aus der Untersuchung kein anderes Resultat als die wohlbegründete Annahme hervorgegangen, Bechstädt habe sich selbst aus Lebensüberdruß vergiftet und nur deshalb den Verdacht nach einer andern Seite gelenkt, damit der Kurprinz sich seiner hinterlassenen Familie nur so nachhaltiger annehme. Das Publicum schüttelte aber ungläubig den Kopf – ein Beweis dafür, wie tief schon ein gewisses Mißtrauen Wurzel gefaßt hatte.

Der äußerliche Glanz des kurfürstlichen Hofes und sein opulentes Leben führte zwar dem Geschäftsverkehre in Kassel bedeutende Summen zu und belebte denselben bis zu einem gewissen Grade. Das gefiel dem Theile der Residenzstädter, welcher für den Handel arbeitete und lieferte. Ein anderer Theil, und zwar der größere, glaubte aber mehr Ursache zum Klagen als zum Loben zu haben. Der frühere Fremdenverkehr (während der sehr theuren westphälischen Königthumsspielerei) hatte merklich abgenommen, und viele reiche Familien hatten wegen Mißverhältnissen zum Hofe die Stadt verlassen, wodurch das Gleichgewicht zwischen Production und Consumtion alterirt worden, unter gleichzeitigem vermehrtem Drucke von Abgaben. In den übrigen Städten des Landes war völliger Stillstand in allen Geschäften und auf dem platten Lande sogar ein wirklicher Nothstand eingetreten. Für den überreichen Erntesegen von drei Jahren gab es keinen Absatz. Zwar waren alle Lebensmittel beispiellos wohlfeil, aber das baare Geld so rar, daß doch die ärmeren Classen keinen Vortheil davon hatten, während mit der Steuereintreibung rücksichtslos vorgeschritten wurde. Auch über willkürliche und chicanöse Verwaltungsmaßregeln war allgemeine Klage. Ein sich für aufgeklärt haltender Bureaukratismus wollte überall bevormunden.

Immer bestimmter trat das Verlangen nach einer Berufung der Landstände hervor, um welche die Ritterschaft schon öfters vergebens gebeten. Sie hatte sich sogar dieserhalb an die Bundesversammlung gewandt, bei der aber die Petition auf eine bisher unerklärliche Weise unterschlagen worden war. Bei Hofe schien der Verdacht rege geworden zu sein, daß dieser Agitation der dem Kurprinzen nahestehende militärische Kreis recht fremd geblieben. Sein Adjutant von Verschuer wurde als solcher entlassen, Major von Eschwege, Hauptmann von Radowitz und noch andere Officiere in entfernteren Garnisonen confinirt; dem Kurprinzen selbst wurde Marburg zum Aufenthaltsorte angewiesen. Man glaubte der Bildung einer kurprinzlichen Partei auf der Spur zu sein. Bald nach Ausführung der gegen dieselbe ergriffenen Maßregeln begab sich der Kurfürst in Begleitung der Gräfin Reichenbach nach dem Bade Nenndorf. Einige Minister, der französische und der preußische Gesandte begaben sich auch dorthin; der Ober-Polizeidirector von Manger fehlte ebenfalls nicht. Es war das erste Mal, daß Wilhelm der Zweite die Grafschaft Schaumburg besuchte. Er durchstreifte dieselbe in jeder Richtung und überall wurde ihm ein enthusiastischer Empfang zu Theil, was ihn oftmals bis zu Thränen gerührt haben soll. Der Rückkehr des Kurfürsten sah man für den 28. Juli, den Tag seines Geburtsfestes, zu dessen solenner Begehung schon bedeutende Zurüstungen in Kassel getroffen wurden, entgegen. Aber am Tage vor dem Eintritte des Festes gerieth die ganze Stadt in eine unbeschreibliche Aufregung durch folgendes Manifest des Gesammt-Staatsministeriums:

„Wenn die erwünschte und höchsterfreuliche Rückkehr Seiner Königlichen Hoheit des Kurfürsten, unseres allergnädigsten Herrn, in allerhöchstdero Residenz für die Bewohner derselben ein sehr glückliches Ereigniß ist, so ist es für uns ein um so traurigeres Geschäft, zur öffentlichen Kunde zu bringen, daß ein oder mehrere Bösewichter sich erfrecht haben, unter der Larve der Anonymität mit einem Mordanschlage auf das theure Leben unseres geliebtesten Landesherrn und eines Theils Höchstdessen Umgebung von hier aus zu drohen, wodurch außergewöhnliche Sicherheitsmaßregeln nothwendig geworden sind.

Je weniger diese gegen das strafbare Vorhaben eines im Verborgenen schleichenden Verbrechens außer Acht bleiben dürfen, um so mehr überlassen wir uns auf der andern Seite der gerechten und zuversichtlicher Hoffnung, daß jeder treue Unterthan Seiner Königlichen Hoheit des Kurfürsten, erfüllt von Abscheu über eine solche Unthat, sich auf das Aeußerste es werde angelegen sein lassen, jeden, auch den entferntester Verdacht, welchen er in obiger Beziehung bereits haben oder noch schöpfen könnte, der Kurfürstlichen Ober-Polizeidirection, welche auf behöriges Anmelden das Nähere eröffnen wird, mitzutheilen und so durch die That die in der Brust eines jeden braven Hessen tief eingegrabene Anhänglichkeit an die geheiligte Person des Landesherrn zu bewähren; daher es der Zusicherung nicht bedürfen wird, welche wir gleichwohl hierdurch zu ertheilen ermächtigt sind, daß demjenigen, welcher sichere, zum Beweise führende Anzeigen zu machen im Stande ist, eine Belohnung von zehntausend Thalern, oder, im Falle er nicht einer der Urheber, sondern blos ein Mitwisser wäre, die Straflosigkeit zu Theil werden wird.“

Eine Bedrohung des Lebens des Landesherrn, und noch dazu von seiner Residenzstadt aus, wie sieben ernste Männer, die das Gesammtministerium bildeten – Schmerfeld, Witzleben, Schminke, Meyer, Starckloff, Kraft und Rieß – verkündigten, das mußte jedes Kasseler Herz mehr als peinlich berühren. Nachdem man sich von der ersten Ueberraschung erholt, erfaßte man die Gelegenheit des kurfürstlichen Geburtsfestes, um den Gefühlen loyalster Anhänglichkeit erneuten Ausdruck zu geben; in allen Kreisen wurden sich gewissermaßen darin überboten; überall fanden Festessen, entsprechende Reden, Feuerwerk etc. statt. Die Kurfürstin hielt große Hoftafel und brachte die Gesundheit ihres Gemahls aus. Zur Festvorstellung im Theater erschien, wer nur ein Billet bekommen konnte, und auch hier ertönten rauschende Lebehochs. Am andern Tage, wo der Kurfürst wieder eintreffen sollte, wogte es zum Leipziger Thore hinaus, um ihm bis Sandershausen entgegen zu gehen; an der Grenze der städtischen Gemarkung stellte sich der Stadtmagistrat auf. Hier kam der Kurfürst zur Mittagsstunde an, und der Oberbürgermeister Schomburg redete ihn im Namen der Bürgerschaft an und drückte in wenigen Worten die innigsten Gefühle und Gesinnungen aus, welche die Bürgerschaft seiner Hauptstadt stets beseelten. Der Kurfürst antwortete mit sichtbarer Rührung. Das Officiercorps hatte sich zu seinem Empfange vor dem Palais aufgestellt; die Civilbehörden erwarteten ihn zu Wilhelmshöhe, wohin er sich alsbald begab. Gegen Abend kam er wieder zur Stadt und fuhr nach dem Kasernenplatze, wo er die einzelner Corps der Garnison anredete und sein Vertrauen zu ihrer Treue aussprach; mit kräftigem Hurrah! und Lebehoch! wurde ihm geantwortet. Es kamen auch die Kurfürstin, der Kurprinz und die Prinzessinnen zu Wagen und wurden ebenfalls mit freudigem Zurufe begrüßt. Nachdem sich die allerhöchsten Herrschaften entfernt, hielt das Militär eine Nachfeier des kurfürstlichen Geburtstags mit Musik und Tanz auf dem festlich geschmückten Exercirplatze ab; zugleich feierte die Stadt die glückliche Wiederkehr des Landesherrn mit einer großartigen Illumination, deren Glanzpunkt die Beleuchtung der großen Martinskirche bildete. Der Kurfürst durchfuhr einige Straßen unter Begleitung einer ihm zujubelnden Menge.

In den nun folgenden Tagen traten aber Maßregeln ein, die zu den mit so sichtbarer Genugthuung entgegengenommenen Beweisen treuer Anhänglichkeit wenig paßten. Der Kurfürst zeigte sich öffentlich nicht anders mehr als umgeben von Mannschaften einer zu seiner persönlichen Sicherheit schnell errichteten Gensd’armeriegarde. Seine Loge im Theater wurde mit Eisenblech gegen Gewaltthat von außen gesichert; alle Nebeneingänge des Wilhelmshöher Schlosses wurden fest gesperrt, die Durchgangsbögen der nach den Seitenflügeln führenden Galerien vergittert und sogar die Schornsteine auf dem Dache gegen ein Einsteigen von oben verwahrt. Wen sein Dienst oder persönliche Angelegenheit in das Schloß berief, der mußte mit einer vom Hofmarschallamte ausgestellten Karte versehen sein. Die für den Tag gültige hatte eine andere Farbe als die für die Nacht; Muster davon waren in den Schilderhäusern vor den Eingängen angeheftet, damit die Schildwachen sich danach richten konnten; sie durften selbst Officiere ohne eine solche Karte nicht einlassen. Ueberdies war ein Kreis bestimmt, über den hinaus keine Annäherung zum Schlosse erlaubt war. Wer einer Zurückweisung nicht augenblicklich Folge leistete, wurde verhaftet und in Untersuchung genommen. Eine vollständige Postenkette umgab in einiger Entfernung das Schloß; in den Gebüschen standen Piquets mit geladenen Gewehren; Patrouillen und Ronden

[793]
Die Gartenlaube (1876) b 793.jpg

Sardinische Feuerreiter.
Nach der Natur aufgenommen von Albert Richter in Haking.

[794] waren stets auf den Beinen; sie sollten auf Jeden schießen, der auf ihren Anruf nicht stehen blieb; eine Section von zehn Gensd’armen stationirte auf Wilhelmshöhe, auch ein Polizeicommissar mit Sergeanten. Ganz Wilhelmshöhe wurde wie im Belagerungszustande behandelt.

Eine oberpolizeiliche Bekanntmachung führte den Fremden zu Gemüthe, daß, wenn sie diesen Park besuchen und daselbst spazieren gehen wollten, sie sich mit einer polizeilichen Legitimation versehen müßten, damit sie auf Befragen sich gehörig ausweisen könnten. Wer solches versäume, setzte sich der Gefahr aus, verhaftet und vor die Polizei gestellt zu werden. Unter solchen lästigen Bedingungen verzichteten die Fremden gern auf eine Betrachtung der Wilhelmshöher Natur- und Kunstschönheiten, und selbst die Kasselaner entwöhnten sich des häufigen Ausflugs dahin. Auch für das Residenzschloß in Kassel wurden ähnliche Sicherheitsmaßregeln getroffen. Schildwachen reihten sich an Schildwachen, die, sobald es dunkel wurde, Jeden, der etwa vorübergehen wollte, schon von weitem anriefen. So weit das Palais reichte, durfte diese Seite der Königsstraße auch nicht einmal am Tage begangen werden. –

Und trotz dieses gewaltigen Absperrungsapparates wurden neue Drohbriefe in unmittelbarer Nähe des Kurfürsten selbst gefunden.

Zur Ermittelung des Verfassers des ersten Drohbriefs und der Mitglieder der darin gedachten geheimen Verbindung war eine Commission von drei Mitgliedern bestellt worden, der noch bei der Urtheilssprechung, insofern sie eine Militärperson betreffen würde, zwei Officiere und bei einer Civilperson zwei Obergerichtsmitglieder beigeordnet werden sollten, vorbehaltlich einer Berufung an das Oberappellationsgericht. Es mochte wohl dabei das Bild der Mainzer Centralcommission zur Verfolgung der demagogischen Umtriebe vorgeschwebt haben, was aber keineswegs die bedenkliche Umgehung der ordentlichen Gerichte rechtfertigte. Besonders charakterfeste Juristen waren denn auch der Meinung, daß der Generalauditeur Bode und der Oberappellationsgerichtsrath Schwenke ein solches Commissorium nicht hätten annehmen sollen. Ich nenne diese Namen, weil sie unter einer öffentlichen Bekanntmachung der „Kurfürstlichen zur Untersuchung der gegen Se. kurfürstliche Hoheit ausgestoßenen Drohungen verordneten Commission“ sich befanden. Welcher Art diese Drohungen gewesen, darüber stand keine Gewißheit zu erlangen, da eine Veröffentlichung des ersten und eigentlich allein in’s Gewicht fallenden Drohbriefs ängstlich vermieden wurde; man erfuhr nur im Allgemeinen, daß darin gefordert worden, dem Volke eine Verfassung zu geben, den Einfluß der Grafin Reichenbach auf die Regierungsgeschäfte zu hemmen und die Züchtigung der Untergebenen mit eigener Hand zu unterlassen, widrigenfalls der Kurfürst und die Gräfin ein Opfer von hundert verschworenen Jünglingen, deren Dolche schon geschliffen, werden würden. –

Zunächst wurde versucht, den Verdacht auf Radowitz zu lenken, weil dieser trotz seiner Confinirung in Ziegenhain an dem Tage in Kassel gewesen sein sollte, wo der erste Drohbrief hier auf die Post gegeben worden, und weil er dann, ohne erst die Bewilligung des geforderten Abschieds abzuwarten, nach Berlin zum Eintritt in preußische Dienste abgereist sei. Da nun aber bei Radowitz selbst keine Nachforschung mehr möglich, so sollte sie bei Verschuer, Eschwege und noch anderen diesem Kreise angehörenden Personen angestellt werden, was aber von dem damit beauftragten Oberpolizei-Director v. Manger unterlassen wurde, da er die völlige Resultatlosigkeit voraussah. Hieraus wurde ihm später ein Verbrechen deducirt. Im Uebrigen hatte Manger es keineswegs an Eifer fehlen lassen, vielmehr sein geheimes Polizeinetz über das ganze Land und sogar weit über dessen Grenzen hinaus gesponnen. Er war es, welcher der Commission ein kaum zu bewältigendes Material lieferte, denn die ausgesetzte hohe Belohnung reizte zu den leichtfertigsten und böswilligsten Denunciationen.

Durch den zweiten Drohbrief, welcher im Schlosse zu Wilhelmshöhe gefunden und an die Gräfin Reichenbach gerichtet war, wurde die Sache noch verwickelter. Sein Inhalt ist durch die gedruckte Vertheidigung eines darüber Angeklagten bekannt geworden und lautet: „Frau Gräfin! Der Verfasser des bewußten Briefes wird nicht entdeckt werden. Sagen Sie dem Kurfürsten, daß er fortfährt, rechtlich, menschlich und fürstlich zu handeln, so wird er nichts zu befürchten haben. Durch die Gensd’armerie macht er sich lächerlich; diese könnten ihn gegen eine Windbüchse nicht schützen. – Rathen Sie ihm, daß er auf eine schonende Art drei wichtige Personen versetzt, und zwar den Ober-Polizei-Director v. Manger, den Finanzrath Deines und den Castellan Hahn. Dieser letztere ist insofern wichtig, indem seine nächsten Verwandten bei Sr. Königlichen Hoheit dem Kurprinzen angestellt sind. Das Nähere hierüber sollen Sie später erfahren. Rathen Sie auch dem Kurfürsten, daß er seiner Livréedienerschaft streng verbietet, daß sie nichts wieder reden, was bei der Abendtafel gesprochen wird.“

Wenn es wahr ist, daß der erste Drohbrief ein wohlstilisirter und gute Bildung verrathender gewesen, wie immer behauptet worden, so hätte bei diesen zweiten gerade das Gegentheil davon auffallen müssen, und daß die Satzbildung nicht einmal dem specifisch Kasseler Jargon entsprach. Es ist daher unbegreiflich, daß man nicht sofort auf die richtige Spur gekommen und statt dessen den Cabinetssecretär des Kurfürsten mit neunmonatlicher Untersuchungshaft gequält hat. Die Anwendung der französischen Untersuchungsmaxime, zunächst nach einer etwaigen weiblichen Betheiligung zu forschen, wäre hier am Platze gewesen. Der in diesem Briefe genannte und später eine Subalternstelle im Staatsdienste bekleidende Castellan hatte nach vielen Jahren die Absicht, Aufklärungen darüber zu veröffentlichen; sein Manuscript ist ihm aber gegen hohes Douceur abgenommen worden.

Ein dritter Drohbrief kam aus Sarnen in der Schweiz; damit wäre es leicht dem Postmeister Thielepape in Wabern schlecht ergangen. Der Brief trug die Adresse des Kurfürsten und war unter einem an Thielepape gerichteten Couvert in Wabern angelangt. Dieser, eine wichtige Staatssache dahinter vermuthend, eilte sofort nach Kassel und ließ den Brief dem Kurfürsten in seinem Cabinet zustellen. Der Kurfürst trat bald darauf in den Audienzsaal, wo außer dem Postmeister noch andere Staatsbedienstete warteten, und theilte in großer Aufregung die abermalige Bedrohung mit. Thielepape erhielt als Botenlohn eine Vorladung Seitens der Untersuchungscommission, um sich wegen etwaiger Mitwissenschaft vernehmen zu lassen. Es war ihm leicht, diesen Verdacht zu beseitigen, – aber den Schrecken hatte er weg.

Als sich die bisherigen vielen Vernehmungen und Verhaftungen zur Erlangung einer sichern Spur als vergeblich erwiesen hatten, sicherte die Commission mit allerhöchster Ermächtigung selbst den Mitwissern, denen als Belohnung ihrer Anzeige durch die Ministerialverkündigung nur Straflosigkeit zugesagt war, jetzt sogar ebenfalls die Belohnung von fünftausend Thalern zu – und auch dieses Mittel wollte nicht verfangen. Endlich wandte sich der Verdacht nach einer ganz andern Seite – nach der Polizei selbst. Der Oberpolizeirath Wende bekam Hausarrest; der Oberpolizeicommissar Windemuth, sowie der Polizeiregistrator Urban wurden in’s Castell gebracht, und da ihre Aussagen weniger compromitirend für sie selbst als für ihren Chef, den Oberpolizeidirector, waren, so wurde auch gegen diesen vorgeschritten. Um aber weniger Aufsehen zu erregen, wurde ihm aus dem kurfürstlichen Cabinet zu wissen gethan, der Kurfürst habe beschlossen, daß er unverzüglich eine Untersuchung in Fulda anstellen und dahin reisen solle. Was ihm bevorstand, davon hatte er keine Ahnung. In der „Kasselschen Zeitung“ wurde seine Abreise nach Melsungen angezeigt. Aber hier angekommen, nahmen ihn Gensd’armen in Empfang und geleiteten ihn nach Fulda, wo er einstweilen in dem Hause des dortigen Polizeidirectors bewacht wurde. Einige Tage später fand sein Transport nach der Bergfeste Spangenberg statt, wo ihn die Untersuchungscommission schon erwartete. Warum der große Umweg gewählt worden, ist nicht einzusehen.

Der plötzliche Sturz des zu sehr hoher Gunst bei dem Kurfürsten gelangten Oberpolizeidirectors machte gewaltiges Aufsehen. Bedauert wurde er von Niemand. Ueber seine Behandlung im Gefängnisse erfuhr man Einiges durch die „Dorfzeitung“. Darnach war sie so streng, wie sie nur bei höchst gefährlichen Staatsverbrechern in Anwendung zu kommen pflegt. Ein Gensd’arm, der sich aber auf keine Unterhaltung einlassen durfte, war in seinem Zimmer bei Tag und bei Nacht anwesend. Der Gebrauch des Messers war ihm beim Essen nicht gestattet. Für die Unterhaltungskosten des an ein sybaritisches Leben gewöhnten Mannes waren, inclusive Aufwartung, Wäsche, Licht etc. täglich nur anderthalb Thaler ausgeworfen. Erst nach dreijähriger [795] Untersuchung wurde das Urtheil über Manger von der Commission gefällt, mit der Publicirung aber noch weitere zwei Jahre gewartet. Es lautete auf Entsetzung von Aemtern und Würden und eine fünfjährige Festungsstrafe. Bei Verkündung der Strafsentenz hatte der dazu beauftragte Richter dem Verurtheilten zugleich einen Cabinetsbefehl zu eröffnen, welcher ihn zu lebenslänglicher Haft verdammte.

Die Commission hatte ihn verurtheilt 1) wegen ihm zur Last gelegter nachgefolgter Theilnahme an den in dem Drohbriefe liegenden Verbrechen der beleidigten Majestät, weil er Agentenberichte unehrerbietigen und dem Drohbriefe ähnlichen Inhalts vorgelegt, 2) wegen Fälschung und Täuschung, weil er ein schmutziges Pasquill nicht alsbald vorgelegt, die Auslöschung eines schmutzigen Reims an einem Gartenhäuschen ohne vorher genommene Abschrift befohlen, auch unrichtige Anzeigen in Beziehung auf die Untersuchung und seine Geschäftsthätigkeit gemacht, 3) wegen versuchter Nöthigung, weil er hierdurch die Handlungsweise Seiner königlichen Hoheit zu leiten versucht, 4) wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt, weil er einen Beschuldigten ohne genügende Anzeichen polizeilich hatte verhaften lassen. Schon der einfache Laienverstand mußte dieses Urtheil für wenig stichhaltig ansehen. Die Vorlage der „Agentenberichte“ war, wie man wußte, auf ausdrücklichen Befehl des Kurfürsten geschehen. Worin die „Fälschung und Täuschung“ bestanden, ist nicht weiter bekannt geworden. Das „schmutzige Pasquill“ und der „schmutzige Reim“ hatten den Kurfürsten gar nicht betroffen. Der Reim hatte sich an der Außenseite des Aborts – euphemistisch „Gartenhäuschen“ genannt – in dem Garten einer mit der Gräfin Reichenbach befreundeten Bürgerfamilie gefunden. Die Gräfin hatte Abends vorher einer von dieser Familie ihr zu Ehren veranstalteten Gartensoirée beigewohnt, worauf in derselben Nacht die schönen Anlagen des Gartens von Frevelhänden völlig verwüstet worden. – Die versuchte Nöthigung, die Handlungsweise des Kurfürsten zu leiten, ist wohl darauf zurückzuführen, daß Manger denselben zu bestimmen gesucht, seine Residenz nach Hanau zu verlegen, unter der Vorspiegelung, daß er nur dadurch einer ihm in Kassel unaufhörlich drohenden Lebensgefahr entgehen werde. Was endlich die Verhaftung eines Beschuldigten ohne genügende Anzeichen betrifft, worauf der Mißbrauch von Amtsgewalt beruhen soll, so fragte sich Jedermann, ob denn die vielen anderen durch Manger ebenfalls bewirkten Verhaftungen auch wirklich auf genügenden Anzeichen beruht haben. Oder waren diese nur der unverantwortlichen Commission zuzuschreiben?

Wir viel Böses auch dem früheren Polizeibeherrscher gegönnt wurde, so wollte sich doch Niemand mit der an ihm geübten Cabinetsjustiz befreunden; man erblickte darin eine Gefährdung der allgemeinen Rechtssicherheit. Bei einer Revision des Urtheils hat denn auch das Oberappellationsgericht dasselbe in den Hauptpunkten cassirt, die Entlassung aus der schon beinahe fünf Jahre gedauerten Haft und die Nachzahlung des so lange eingezogenen Gehaltes ausgesprochen. Einige untergeordnete Dienstvergehen wurden als durch die Länge der Untersuchungshaft hinreichend verbüßt erachtet. Daß Manger der böse Dämon in dem monströsen Verfahren und der hauptsächlichste Anstifter der vielen Verdächtigungen und Einkerkerungen gewesen, darf man wohl daraus schließen, daß nach der Einstellung seiner Thätigkeit auch keine weitere Heranziehung von Personen zur Untersuchung und Haft vorgekommen sein möchte.

Wenden wir jetzt noch einen Blick auf Diejenigen, die aus Anlaß der Forschung nach den Betheiligten an den Drohbriefen die Bekanntschaft mit den Annehmlichkeiten des Castells in Kassel haben machen müssen, so begegnen wir zunächst einem Manne, der nicht allein wegen seines bedeutenden Vermögens, sondern auch als anerkannter Publicist großes Ansehen genoß, dem Hofrath Dr. Friedrich Murhard. Obgleich in Kassel angesessen, hielt er sich meistens in Frankfurt auf. Von da hatte ihn ein ihm befreundeter hessischer Polizeibeamter zu einer Spazierfahrt nach Hanau verlockt und unterwegs seine Verhaftung bewirkt. Sein Umgang mit einem früheren im Rufe der Demagogie stehenden hessischen Officier, der sich aber später als ein geheimer Agent der Kasseler Polizei entpuppte, sollte ihn verdächtig gemacht haben. Vergebens bot Murhard eine Caution von vielen Tausenden; er mußte in’s Gefängniß wandern, aus dem er erst nach sieben Monaten wieder entlassen wurde. Der Cabinetssecretär Müller blieb neun Monate lang verhaftet, weil in ihm der Verfasser des im Wilhelmshöher Schlosse aufgefundenen Drohbriefes vermuthet wurde. Obwohl er als völlig unschuldig erkannt wurde, ist er doch nicht wieder in Dienst und Gehalt gesetzt, vielmehr noch überdies aus Kassel entfernt worden. Das gleiche Schicksal traf noch eine Reihe anderer ebenso Unschuldiger, und wer vermag die Zahl aller Derjenigen anzugeben, die durch polizeiliche Ueberwachung, Haussuchung und gerichtliche Verwahrung gequält worden sind? Es muß auch noch angeführt werden, daß die doch nur für die Drohbriefe bestellte Commission gewissermaßen en passant auch drei junge Männer aus Fulda in den Bereich ihrer Untersuchungen gezogen und über sie Festungsstrafe erkannte, weil sie vor sechs Jahren in Jena zum „Bunde der Jungen“ gehört hatten.

Und was ist nun am Ende bei der ganzen Drohbriefgeschichte, die für das Hessenland so viele Trübsal im Gefolge gehabt, herausgekommen? Dem Gerichte gegenüber ist sie im Sande verlaufen, für die Erkenntniß der Zustände unter der Regierung Wilhelm’s des Zweiten wird sie aber auch heute noch ein wichtiges Moment abgeben. Obgleich der über ihr lagernde Schleier bis jetzt als nur zu einem kleinen Theil gehoben erscheint, dürfte doch so viel feststehen, daß ihr hauptsächlich die Bemühungen zweier rivalisirender Parteien zu Grunde gelegen, die den Kurfürsten durch Schreckbilder zu mystificiren gedachten. Die eine wollte ihn zu einem freiwilligen Rücktritte veranlassen, während die andere auf das Ziel hinsteuerte, ihn noch mehr zu isoliren und dadurch einen nicht mehr zu durchbrechenden Einfluß auf ihn zu gewinnen. Die Letztere hatte sich leider am wenigsten verrechnet, wie sich von Tag zu Tag immer mehr herausstellte.


Blätter und Blüthen.

Sardinische Feuerreiter. (Mit Abbildung S. 793.) „Wir hatten,“ schreibt uns Albert Richter, der Maler unseres heutigen Bildes, „schon Tage lang die herrliche Insel an der Westseite Italiens durchstreift, welche man mit Recht einen Garten im Meer genannt hat, und befanden uns nun, nachdem wir die malerischen Küstenlandschaften derselben gründlich genossen, im Herzen Sardiniens, in der Provinz Sassari. Den Horizont goldig röthend, war die Sonne zur Ruhe gegangen, und nicht lange nachher leuchtete uns das stille, milde Licht des Mondes. Wir näherten uns unserem Ziele Fonni. Eine unheimliche Röthe lag über einem Theile des Ortes gebreitet. Dicker, schwerer Rauch zog über denselben dahin. Wir glaubten, daß dort ein gewaltiges Schadenfeuer zum Ausbruche gekommen sei, wurden jedoch von unserem Führer eines Besseren belehrt, indem er uns erzählte, daß man den Vorabend des heiligen Antonius, des Schutzpatrons der Sarden, feiere. Wir waren nicht wenig erfreut, daß uns hier Gelegenheit geboten werden sollte, ein Stück Volksleben im tiefen Innern Sardiniens kennen zu lernen. Unseren müden Thieren noch einmal die Sporen gebend, sprengten wir, vorüber an der immer von Frauen belagerten unvermeidlichen Fontana, die am Ein- und Ausgange jedes Ortes in Sardinien liegt, hinein in die Straßen von Fonni. Um eine Ecke biegend, erblickten wir ein herrliches Bild.

Auf einem Platze inmitten der Häuser war ein mächtiges Feuer angebrannt, welches fort und fort mit großen Stücken Holz genährt wurde. Blutroth beschien es die malerischen Gestalten, welche um dasselbe ihre Pferde tummelten. Wie es in vielen Gegenden des deutschen Vaterlandes Sitte ist, zu gewissen Zeiten über lodernde Feuer zu springen und je nach dem glücklichen oder unglücklichen Sprunge prophetische Schlüsse zu ziehen, so zeigte sich das Bild in seinem Aeußeren auch hier, nur mit dem Unterschiede, daß hier das Ueberspringen der Feuer zu Pferde geschah.

Wild lodert die Flamme auf, wenn neue Nahrung in die prasselnde Gluth geschleudert wird; knisternd springen ganze Feuergarben in die Höhe, deren Funken auf dem schwarzen Grunde des dicken Rauches wie feurige Augen umherzucken. Da – donnernde Hufschläge! Die eisernen Sporen fest an die Flanken des Pferdes gepreßt, saust ein Reiter heran. Die Nüstern aus Entsetzen vor dem feindlichen Elemente weit aufgerissen, mit funkelndem Auge, mit den Zähnen auf dem scharfen eisernen Gebisse knirschend, jagt das Thier daher, indem es mit dem Bauche fast den Boden berührt. Ein Riß am Zügel; die scharfen Sporen graben sich fester ein, und in gewaltigem Bogen übersetzt das Roß die Flammen, die nach ihm emporzüngeln. Fast bricht es zusammen, als es auf dem Boden ankommt, so gewaltig war der Sprung. Schon folgt ein zweiter Reiter, dem ein dritter und vierter nachstürmt. Manches der Pferde, entsetzt vor der Gluth, wendet sich rückwärts, aber mit Riesenkraft reißt es sein Bändiger herum und zwingt es zum Sprunge. Zu all’ dem das Beifallsgeschrei der Menge, die Rufe der Reiter, die ihre Thiere zu immer wiederholtem Sprunge antreiben, das Donnern der Hufe der fast bis zur Tollheit erregten [796] Rosse – es war ein Bild von unübertrefflicher Wirkung und Lebendigkeit. Mit Mühe nur konnte ich mich beherrschen, nicht auch mein erschöpftes Pferd durch die Flammen zu treiben – so hatte das Schauspiel mich erregt.

Das Feuer brannte niedriger. Die wilden Reiter sprengten, einer nach dem andern, davon, und auch wir lenkten nun unsere Thiere weiter durch Fonni dem Gensd’armeriecommando zu. Der Ort hat ein höchst ärmliches Aussehen. Mit Ausnahme einiger baufälliger größerer Häuser aus früherer Zeit besteht er fast nur aus rohen, meist nur ebenerdigen Häusern, die oft nicht einmal diesen Namen verdienen und viel eher auf die Bezeichnung ‚Ställe‘ Anspruch machen könnten. Uns aber wird sein Name im Gedächtniß bleiben, denn an ihn knüpft sich eine unserer interessantesten Reiseerinnerungen von der Insel Sardinien – die Erinnerung an die merkwürdige Erscheinung der Feuerreiter.“


Eines Königs Liebe und Entsagung. Die Gräfin von Voß hebt in ihrem Buche „Neunundsechszig Jahre am Preußischen Hofe“, als sie von ihrer „Engelskönigin“ spricht, hervor, daß der Charakter der Königin Louise erst durch das Leben mit ihrem Gemahl zu wahrer Reife gelangt sei und daß des Königs Festhalten an dem für recht Erkannten, seine Beständigkeit in dem, was er für seine Pflicht hielt, sowie sein nicht zu beirrendes sittliches Gefühl die Königin in allen Lebenslagen gestützt und erhoben habe.

Einen eclatanten Beweis von der Strenge des Königs gegen sich selbst, von dem Unterordnen seiner persönlichen Entwürfe unter die Rücksichten, die er seinem hohen Berufe oder seinem Volke zu schulden meinte, finden wir in den nachgelassenen und jetzt veröffentlichten Papieren des Ministers Theodor von Schön.

Friedrich Wilhelm der Dritte hatte 1815 in Paris die Bekanntschaft einer jungen Dame von Stande, der Tochter eines Grafen gemacht, und sich wunderbar von ihr angezogen gefühlt. Er war in einen Briefwechsel mit ihr getreten, und die dabei von der jungen Dame gezeigte Liebenswürdigkeit, die Ehrfurcht – verbunden mit zarter Neigung – welche sie ihm entgegenbrachte, hatte sein Herz ihr zugewendet und den Entschluß in dem Könige geweckt, sich für das Leben mit ihr zu verbinden. Allein er wollte nicht früher einen solchen Schritt thun, als bis er überzeugt sein konnte, daß eine solche Ehe in seinem Volke keine Mißstimmung hervorrufen, kein Nachtheil für das Land daraus entstehen würde. Schön erzählt nun darüber:

„Während meiner Anwesenheit in Berlin im Jahre 1817 forderte mich nach einer Staatsrathssitzung der Statthalter von Posen, Fürst Radziwill, auf, Nachmittags zu einer bestimmten Stunde zu seiner Gemahlin, Prinzessin Louise[2], zu kommen. Als ich mich zur festgesetzten Zeit einstellte, wurde ich in ein entlegenes Zimmer des Palais geführt, wo die Prinzessin bald darauf eintrat. Sie sagte mir, sie habe einen Auftrag vom Könige für mich. Nach einer so glücklichen Ehe, wie Er mit der Königin geführt habe, wäre Ihm Sein einzelnes Leben zur Last. Um Seiner Ruhe willen habe Er die Absicht, sich wieder zu verheirathen, aber das Bild der verstorbenen Königin auf dem Throne solle dadurch ungeschwächt bleiben. Er wolle eine Ehe zur linken Hand mit der Tochter eines französischen Grafen, der den Bourbons immer treu geblieben sei und jetzt französischer Gesandter wäre, eingehen. Sie würde abgesondert von der königlichen Familie allein für den König leben. Sie sei zwar katholisch, aber ihre Confession würde keinen Einfluß auf den König haben. Der König habe zwei Männer ausgesucht, deren Meinung Er darüber hören wolle, ob Er die Ehe, ohne daß nur entfernt ein Nachtheil für das Land daraus erfolgen würde, eingehen könne. Diese Männer wären Gneisenau in Bezug auf die bewaffnete Macht und ich in Beziehung auf das Volk.

Die Prinzessin schilderte die Gräfin als sehr gebildet, schön und liebenswürdig im höchsten Grade. Sie hatte sie vor wenigen Tagen in Potsdam, wohin deren Vater mit ihr aus Dresden gekommen war, gesehen. Alles, was die Prinzessin aus den Briefen der Gräfin mittheilte, zeigte einen edeln Charakter, feine Bildung und hohe Liebenswürdigkeit, und daß von beiden Seiten die reinste Neigung hier vorwalte.

Die Prinzessin sagte mir, ich möge die Sache und mich prüfen und ihr für den König eine schriftliche Antwort schicken. Ich erlaubte mir nur die Frage, weshalb der König nicht den Staatskanzler, als seinen nächsten Rathgeber, zu Rathe ziehe, und die Prinzessin antwortete mir: eben diese Frage habe auch sie an den König gerichtet und darauf die Antwort erhalten: Der Staatskanzler würde ihm gleich beistimmen; der König wolle, abgesehen von seinem Glücke, die Folgen für das Land von Männern, denen er hierin vertraue, erwogen haben.“

Schön und Gneisenau trafen bald zusammen, aber sie kamen überein, ihre beiderseitigen Meinungen erst zu vergleichen, wenn sie bereits in den Händen des Königs wären.

„Die Sache,“ berichtet Schön weiter, „machte mir einen innern Kampf. Auf der einen Seite stand mir das Glück meines Königs, dem ich das höchste glückliche Verhältniß aus vollem Herzen wünschte, auf der andern Seite die gewaltige Aufregung des Volkes gegen Alles, was Franzose war. Die Gährung im Volke, welche durch Handlungen, nicht durch Worte veranlaßt war, die Besorgniß, welche im alten Lande nothwendig daraus entstehen mußte, daß eine Katholikin die Frau unseres Königs wäre – Alles dies kreuzte sich in meinem Kopfe und meinem Herzen: ich konnte nur von dieser Ehe abrathen. Meine erste Erklärung, meinte die Prinzessin, würde der König nicht bestimmt genug finden; ich möchte daher mit meiner ganzen Ueberzeugung und meinem ganzen Charakter vortreten. Das that ich, und als unsere beiderseitigen Erklärungen in den Händen des Königs waren, verglichen wir sie miteinander, und Gneisenau hatte die seinige gleich der meinigen abgegeben, nur daß er, da ihm der Charakter des Volkes in Beziehung auf Treue nicht so bekannt sein mochte, überzeugt war, die unglücklichste Folge für den König würde sofort eintreten, statt daß sie, meiner Ueberzeugung nach, nur als Folge des Schrittes nach und nach sich zeigen müßte.

Die Prinzessin theilte uns nach wenigen Tagen mit, den König hätten unsere übereinstimmenden Erklärungen tief erschüttert; er habe uns als Ehrenmänner und treue Unterthanen anerkannt, aber sein Schicksal wäre grausam. Er habe nun den Entschluß gefaßt, doch noch, insofern nach unseren Erklärungen der beabsichtigte Schritt sein und seines Hauses Unglück herbeiführen würde, als Freund und nächsten Verwandten den Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, den Bruder der verstorbenen Königin, zu befragen.

Der Großherzog stimmte uns bei, wie von diesem treuen Freunde des Königs und von diesem braven Manne nicht anders zu erwarten war.

Hiermit faßte der König den Entschluß, die Heirath aufzugeben, aber noch nach einem Jahre schrieb mir die Prinzessin, daß Ruhe deshalb noch nicht bei ihm eingekehrt sei.

Seit dieser Zeit war das Benehmen des Königs gegen mich, obgleich ich hatte Werkzeug zu seinem tiefen Schmerze sein müssen, mehr annähernd als früher.“


Die Salamander-Sage in der Praxis. Den Salamandern dichtet die Volkssage bekanntlich die Fähigkeit an, vermittelst einer wässerigen Ausscheidung der Haut den Flammen widerstehen, ja sie auslöschen zu können. Diese vermeintliche Salamandertugend hat der schwedische Ingenieur F. W. Oestberg in Stockholm den Menschen durch einen beständig Feuchtigkeit aussondernden Anzug erworben, den er wegen seiner Aehnlichkeit mit den bekannten Taucher-Anzügen und weil man damit gleichsam in den Flammen untertauchen kann, als Feuertaucher-Anzug bezeichnet hat. Er ist für die Rettungsmannschaften bestimmt, um sie zu befähigen, mitten in den heftigsten Bränden auszuharren und daselbst der Leitung des Lösch- und Rettungswesens obzuliegen. Wie derjenige des die kühlen Meerestiefen besuchenden Tauchers, besteht dieser Gummianzug aus einem obern und einem untern Theile, die den ganzen Körper küraßartig umhüllen und den Kopf mit einem Helm bedecken. Aber der Feuertaucher-Anzug besteht ferner aus zwei Hüllen, einer inneren aus Gummistoff und einer äußeren aus englischem Leder, und zu dem Luftschlauche, der den Tauchern ihren Athembedarf zuführt, kommt hier ein denselben umschließender Wasserschlauch, der den Zwischenraum beider Hüllen mit beständig sich erneuerndem kühlem Wasser füllt, welches an vielen Stellen des Anzugs durch kleine Poren hervortritt und ihn außen überall berieselt. Ein am Rücken sich davon abzweigendes Rohr giebt dem Feuermanne zugleich einen Spritzenschlauch in die Hand. Die Luft tritt ebenfalls unter Druck in das innerste Costüm ein, bläht dasselbe noch mehr auf und entweicht mit der ausgeathmeten Luft aus den Augenlöchern des Helmes, von denen es Rauch und Flammen verscheucht.

Vor einigen Monaten legte der Marine-Capitain Ahlström in dem Oestberg’schen Anzuge eine mehr als überzeugende Feuerprobe vor dem deutschen Kaiser, der Kaiserin, dem Kronprinzen und zahlreichen damals am Berliner Hofe weilenden Fürstlichkeiten ab. Man hatte zu diesem Behufe vier große Holzhaufen aufgeschichtet, mit einem Centner Petroleum begossen und in Brand gesteckt. Als die vier Feuersäulen hoch aufloderten und eine Gluth verbreiteten, daß man derselben kaum auf vierzig Schritte Stand halten konnte, erschien der am ganzen Körper wassersprudelnde Capitain und verschwand nach einer in seinem Anzuge ungemein komischen Verbeugung in den Flammen, um dort eine Viertelstunde lang gemüthlich umherzuspazieren, sich niederzusetzen, an die Blöcke anzulehnen etc. Gewiß hinderte ihn nur der Respect, wie die drei Männer im feurigen Ofen ein heiteres Lied anzustimmen, denn während die draußen befindlichen Zuschauer ihn halb gebraten wähnten, fand er es so gemüthlich zwischen den Flammen, daß er sich nicht abhalten ließ, noch eine zweite Feuertaufe auszuhalten, und schließlich war er so wenig erhitzt, daß er sich im Freien demaskiren konnte, ohne in seiner leichten Unterkleidung eine Erkältung zu befürchten.

Diese unzweifelhaft wichtige Erfindung wird in den Fällen, wo es sich um das Betreten von mit Rauch und Dampf erfüllten Räumen handelt, durch einen Respirator ersetzt, der den Qualm und die giftigen Feuergase zurückhält und an dessen Vervollkommnung der englische Physiker Tyndall, Director Löb in Berlin u. A. gearbeitet haben. Es ist dies ein in verschiedenen Abtheilungen mit Holzkohlen und Kalk in gröblichen Stücken, sowie mit Schwamm, der in Glycerin getaucht ist, gefüllter Filter, in dem sich die Luft vor dem Einathmen von den brenzlichen Gasen, der Kohlensäure etc. völlig reinigt, sodaß man in den qualmerfüllten Räumen athmen kann, so lange eben noch athembare Luft vorhanden ist. Mit einer solchen nach seinen Angaben gefertigten Rauchhaube, die auch Augen und Nase schützt, hat Direktor C. Löb zwanzig Minuten lang in einem geschlossenen Zimmer auszuharren vermocht, in welchem Petroleum, Pech, Sägespähne nebst anderen qualmerzeugenden Stoffen brannten und außerdem eine sogenannte Feuerlöschdose ihren flammenerstickenden Rauch verbreitet hatte. Wohl und munter, wenn auch völlig eingeräuchert, trat der Erfinder aus dem mit dicken Rußzotten an Wänden und Decke behangenen Zimmer. Eine kleine neben dem Munde angebrachte Signalpfeife vermittelt den Verkehr mit den übrigen Rettungsmannschaften.
C. St.


Kleiner Briefkasten.

C. H. L. in N. Die Novelle „Künstler und Fürstenkind“ finden Sie im Jahrgang 1873, Nr. 36 ff.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Die obige Mittheilung läßt über eine Episode kurhessischer Hof- und Staatsgeschichte, welche in den Zeiten vor der Julirevolution viel unheimliches Grausen erregte, neue Streiflichter fallen. Wir entnehmen dieselbe den Aushängebogen eines nächstens erscheinenden Werkes: „Kassel seit siebzig Jahren, Fragmente aus den Erzählungen eines noch Lebenden,“ (Verlag von Dietrich und Müller in Kassel). Der Verfasser beginnt seine Aufzeichnungen mit dem Ende von 1805; er führt uns demnach noch bis auf zwei Jahre vor der „Westphälischen Zeit“ zurück, schildert uns diese mit lebendigen Zügen, ausgeschmückt mit manchem charakteristischen Geschichtchen der Geschichte, und läßt uns dann die Zopfseligkeit des alten heimgekehrten Kurfürsten wie die neue Doppelehe seines Sohnes miterleben, mit dessen „Drohbrief-Proceß“ die uns vorliegenden Bogen schließen. Unsere Leser werden aus obiger Schilderung ersehen, welche höchst interessante Mittheilungen das Buch verspricht.
    D. Red.
  2. Prinzessin Louise war eine Cousine von König Friedrich Wilhelm dem Dritten und eine Schwester des Prinzen Louis Ferdinand.