Die Gartenlaube (1876)/Heft 46

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 46.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.


Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Vineta.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


Das Ereigniß auf der Grenzförsterei, das nicht verschwiegen bleiben konnte, da es mit dem Tode des Försters einen so ernsten Ausgang genommen hatte, rief begreiflicher Weise eine große Aufregung in Wilicza hervor. Der Fürstin konnte nichts unerwünschter sein, als dieser offene und blutige Conflict. Doctor Fabian und der Administrator geriethen in Bestürzung, und die Untergebenen, je nachdem sie nun zu dem Gutsherrn oder der Fürstin hielten, theilten sich in zwei Lager, die leidenschaftlich für oder gegen die Sache Partei nahmen. Nur einen einzigen Menschen gab es, den sie trotz ihres tragischen Ausganges glücklich machte – den Assessor Hubert. Er befand sich, wie schon erwähnt, gerade im Hause des Administrators; jener Vorfall hob ihn sofort auf die Höhe der Situation, führte ihn in amtlicher Eigenschaft nach dem Schlosse, zwang Herrn Nordeck, in unmittelbaren Verkehr mit ihm zu treten – alles Dinge, die Hubert längst ersehnt hatte, ohne sie bisher erreichen zu können.

Waldemar hatte ihm in aller Kürze angezeigt, daß er, zur äußersten Nothwehr gedrängt, den Förster Osiecki erschossen habe, nachdem dieser einen Mordversuch auf ihn gemacht. Er hatte gleichzeitig den Beamten ersucht, die nöthigen Schritte zur Klarstellung der Sache in L. zu veranlassen, und sich zu jeder Vernehmung bereit erklärt, und der Vertreter des Polizeidepartements von L. war groß gewesen in der Entfaltung seiner Thätigkeit. Er stürzte sich mit wüthendem Eifer auf die Untersuchung, die ihm anheim fiel, und machte die unglaublichsten Vorbereitungen dazu, aber leider vergebens. Er wollte natürlich vor allen anderen Dingen das Personal der Försterei als Zeugen des Vorfalls vernehmen, aber man fand das Forsthaus am nächsten Tage leer und verlassen. Die Leute hatten es vorgezogen, sich allen gerichtlichen Weitläufigkeiten zu entziehen, indem sie einen längst geplanten Entschluß ausführten und während der Nacht über die Grenze gingen. Ihre genaue Bekanntschaft mit der Gegend machte ihnen das leicht, trotz der scharfen Bewachung von beiden Seiten. Sie waren unzweifelhaft drüben zu den Insurgenten gestoßen, deren Stellungen sie genau kannten, und unerreichbar für den Arm der Gerechtigkeit, der sich vermittelst des Assessors so verlangend nach ihnen ausstreckte. Hubert war untröstlich.

„Sie sind fort,“ sagte er niedergeschlagen zu dem Administrator. „Sie sind sämmtlich auf und davon. Auch nicht ein Einziger ist zurückgeblieben –“

„Das hätte ich Ihnen vorher sagen können,“ meinte Frank. „Es war unter diesen Umständen das Klügste, was die Leute thun konnten. Drüben sind sie sicher vor einer Untersuchung, die sie wahrscheinlich als Mitschuldige entlarvt hätte.“

„Aber ich wollte sie vernehmen,“ rief der Assessor empört. „Ich wollte sie sämmtlich verhaften lassen.“

„Eben deshalb zogen sie es vor, sich unsichtbar zu machen, und offen gestanden, ich bin froh, daß es so gekommen ist. Die wilde Gesellschaft da hinten auf der Grenzförsterei war stets eine Gefahr für uns, jetzt sind wir sie los, ohne weiteren Lärm; wiederkommen wird sie schwerlich – also lassen wir sie laufen! Herr Nordeck will nicht, daß viel Aufhebens davon gemacht wird.“

„Herr Nordeck hat in diesem Falle gar nichts zu wollen,“ erklärte Hubert in seinem feierlichsten Amtstone. „Er hat sich der Majestät des Gesetzes zu beugen, das die strengste, rücksichtsloseste Untersuchung fordert. Zwar so weit die Sache ihn betrifft, ist sie zweifellos. Er hat nur sein Leben vertheidigt und erst abgedrückt, nachdem der Förster auf ihn geschossen. Sein Wort in dieser Hinsicht wird durch das Zeugniß des Kutschers, durch das Entweichen des Forstpersonals, überhaupt durch die ganze Sachlage bestätigt. Ihn wird man höchstens mit einigen Vernehmungen behelligen und dann unbedingt freisprechen. Es handelt sich aber hier noch um ganz andere Dinge, wir haben es mit einem Aufruhr, mit einer zweifellosen Verschwörung –“

Der Administrator sprang auf: „Um Gotteswillen! Fangen Sie schon wieder damit an?“

„Mit einer Verschwörung zu thun,“ vollendete Hubert, ohne sich stören zu lassen. „Ja, Herr Frank, es war eine solche – alle Thatsachen sprechen dafür.“

„Unsinn!“ sagte der Administrator derb. „Es war eine Revolte gegen den Gutsherrn persönlich und nichts weiter. Bei Osiecki und seinen Leuten waren die Gewaltthätigkeiten an der Tagesordnung, und die Fürstin ließ ihnen Alles hingehen, weil sie und ihre Befehle unbedingt respectirt wurden. Gehorsam gegen einen Anderen kannte die wilde Bande nicht, und als sie der Herr das lehren und ihr den Gebieter zeigen wollte, griff sie zur Büchse. Ein Anderer an seiner Stelle wäre verloren gewesen, ihn aber hat seine Energie und Kaltblütigkeit gerettet. Er schoß den Mordbuben, den Osiecki, ohne Weiteres nieder, und das imponirte den Anderen dermaßen, daß sich Keiner mehr zu rühren wagte. Die Sache ist so klar und einfach wie nur möglich, und ich begreife nicht, wie Sie darin schon wieder eine Verschwörung finden wollen.“

„Und wie erklären Sie denn die Anwesenheit der Gräfin [766] Morynska?“ fiel der Assessor mit einem solchen Triumphe ein, als habe er soeben einen Angeklagten des in Rede stehenden Verbrechers überführt. „Was hatte die Gräfin auf der Försterei zu thun, die zwei Stunden von Rakowicz entfernt liegt und zu Wilicza gehört? Man kennt ja die Rolle, welche sie und die Fürstin bei der ganzen Bewegung spielen. Die Frauen sind bei diesem Volke die Allergefährlichsten. Alles wissen sie, Alles leiten sie; das ganze politische Intriguennetz liegt in ihren Händen, und Gräfin Morynska ist die echte Tochter ihres Vaters, die gelehrige Schülerin ihrer Tante. Ihre Anwesenheit auf der Försterei beweist sonnenklar die Verschwörung. Sie haßt ihren Vetter mit dem ganzen Fanatismus ihres Volkes – sie allein hat den meuchlerischen Ueberfall geplant. Darum stand sie auf einmal, wie aus der Erde gewachsen, mitten in dem Tumulte; darum versuchte sie Herrn Nordeck die Waffe zu entreißen, als er auf Osiecki anlegte, und hetzte diesen und seine Leute bis zum Mordversuche gegen ihren Herrn. Aber dieser Waldemar ist doch großartig. Nicht allein, daß er den ganzen Aufruhr niederzwang, er versicherte sich auch der Anstifterin und brachte sie mit Gewalt nach Wilicza. Trotz all’ ihres Sträubens hat er seine verrätherische Cousine aus der Mitte ihrer Anhänger gerissen, sie in den Schlitten gehoben und ist mit ihr davongejagt, als gelte es Tod und Leben. Denken Sie, er hat sie während der ganzen Fahrt keines Wortes gewürdigt, nicht eine Silbe sprachen sie miteinander, aber ihre Hand hat er nicht einen einzigen Augenblick losgelassen, um jeden Fluchtversuch zu hindern. Ich weiß das Alles genau – ich habe den Kutscher darüber sehr ausführlich vernommen –“

„Jawohl, Sie haben ihn drei Stunden lang hintereinander vernommen,“ unterbrach ihn der Administrator ärgerlich, „bis der arme Mensch ganz wirr im Kopfe war und zu Allem Ja sagte. Er hat von seinem Standpunkte draußen am Fenster gar keine Einzelheiten unterscheiden können und nichts gesehen als einen wilden Tumult, in dessen Mitte sich der Herr und die junge Gräfin befanden. Gleich darauf fielen die beiden Schüsse, und da ist der Kutscher eingestandenermaßen in aller Angst zu seinen Pferden zurückgelaufen – alles Uebrige haben Sie ihm in den Mund gelegt. Nur die Aussage des Herrn Nordeck ist von Gewicht.“

Der Assessor sah sehr beleidigt aus und hatte nicht übel Lust, das Polizeidepartement von L. herauszukehren, dessen Verfahren in dem seinigen so unerhört mißachtet und kritisirt wurde, aber er besann sich noch zu rechter Zeit, daß es ja der künftige Schwiegervater sei, der sich diese Zurechtweisung erlaubte, und dem mußte man dergleichen schon hingehen lassen, wenn es auch beklagenswerth blieb, daß er nicht mehr Respect vor der amtlichen Unfehlbarkeit seines künftigen Schwiegersohnes hegte. Dieser verschluckte also seinen Aerger und entgegnete in gereiztem Tone:

„Herr Nordeck benimmt sich, wie gewöhnlich, sehr souverain. Er machte mir die Anzeige so lakonisch wie möglich, ohne alle Einzelheiten, und verweigerte mir ohne Weiteres das Zeugniß der Gräfin Morynska, die ich gleichfalls zu vernehmen wünschte, unter dem Vorwande, daß seine Cousine sich unwohl befinde. Dabei giebt er Befehle, trifft Anordnungen, als ob ich gar nicht da wäre, und thut überhaupt, als habe kein Mensch außer ihm ein Wort in der Sache zu reden, die er am liebsten ganz und gar der Oeffentlichkeit entziehen möchte. – ‚Herr Nordeck,‘ sagte ich zu ihm, ‚Sie täuschen sich vollständig, wenn Sie jenen Vorfall nur für den Ausbruch eines Privathasses ansehen; die Sache liegt weit tiefer, und ich durchschaue sie. Es war ein planmäßig vorbereiteter Aufruhr, eine zu früh ausgebrochene Verschwörung, die sich allerdings in erster Linie gegen Sie richtete, aber jedenfalls weitere Zwecke hatte. Sie galt der Ordnung, dem Gesetz, der Regierung. Wir müssen untersuchen, müssen unsere Maßregeln nehmen.‘ – Wissen Sie, was er mir zur Antwort gab? – ‚Herr Assessor, Sie täuschen sich vollständig, wenn Sie die Gewaltthat eines rohen Menschen gegen mich zu einer Haupt- und Staatsverschwörung stempeln. Jedenfalls ist Ihre Untersuchung durch das Entweichen des Forstpersonals gegenstandslos geworden, und Sie wären bei dem gänzlichen Mangel an Verschwörern und Hochverräthern am Ende genöthigt, wieder auf mich und Doctor Fabian zurückzugreifen, wie dies schon einmal geschah. Es ist also nur in Ihrem eigenen Interesse, wenn ich Sie bitte, Ihren Amtseifer zu mäßigen. Ich habe Ihnen das nöthige Material zu Ihren Berichten in L. gegeben, und wegen der Gefahr für Ordnung und Gesetz hier in Wilicza brauchen Sie nicht zu sorgen. Ich denke ihr noch allein gewachsen zu sein.‘ Damit machte er mir eine kalte, vornehme und unglaublich hochmüthige Verbeugung und – ließ mich stehen.“

Der Administrator lachte. „Das hat er von seiner Mutter. Ich kenne diese Manier noch von der Fürstin Baratowska her; sie hat mich oft genug zur Verzweiflung gebracht. Dagegen hilft kein Aerger und kein Bewußtsein des guten Rechtes. Es ist eine eigene Art von Ueberlegenheit, die trotz alledem imponirt, und die zum Beispiel Fürst Leo gar nicht besitzt. Der läßt sich bei jeder Gelegenheit zur Heftigkeit fortreißen, nur der älteste Sohn hat diesen Zug geerbt – es ist in solchen Momenten, als ob man die Mutter selbst sähe und hörte, so wenig er ihr auch sonst gleicht. In einem aber hat Herr Nordeck Recht: mäßigen Sie Ihren Amtseifer! Er brachte Sie schon einmal in Unannehmlichkeiten.“

„Das ist mein Schicksal,“ sagte der Assessor resignirt. „Mit den edelsten Zwecken, mit allgemeiner Hingebung und meinem glühenden Eifer für das Wohl des Staates ernte ich doch nur Undank, Verkennung, Zurücksetzung. Ich bleibe dabei, es war eine Verschwörung, endlich hatte ich eine, und nun gleitet sie mir wieder aus den Händen. Osiecki ist todt; seine Leute sind auf und davon; von der Gräfin Morynska werden keine Geständnisse zu erlangen sein – ich kann nur einen einfachen Bericht machen, nichts weiter. Wäre ich wenigstens gestern mit auf der Försterei gewesen! Heute Morgen war sie leer. Es ist mein Geschick, überall zu spät zu kommen.“

Der Administrator räusperte sich sehr vernehmlich. Er gedachte die ohnehin elegische Stimmung Hubert’s zu benutzen, um das Gespräch auf dessen Bewerbung zu bringen, und ihm rund heraus zu erklären, daß er sich keine Hoffnungen auf die Hand seiner Tochter machen dürfe. Gretchen hatte sich in der That nicht besonnen, sondern war bei ihrem Nein geblieben und ihr Vater stand eben im Begriff, dem Freier diese betrübende Eröffnung zu machen, als der Kutscher Waldemar’s, der diesen und die Gräfin Morynska gestern gefahren hatte und seitdem Gegenstand der unausgesetzten Vernehmungen des Assessors gewesen war, mit einem Auftrage seines Herrn erschien.

Jetzt war es vorbei mit der Resignation Hubert’s, aber auch mit seiner Aufmerksamkeit für andere Dinge. Er vergaß Verkennung und Zurücksetzung, besann sich auf der Stelle, daß er noch einige sehr wichtige Fragen an den Kutscher zu thun habe, und nahm ihn, trotz aller Proteste Frank’s, mit sich auf sein Zimmer, um dort die Vernehmung mit frischen Kräften fortzusetzen.

Der Administrator schüttelte den Kopf. Er begann sich jetzt auch der Ansicht zuzuneigen, daß etwas Krankhaftes in dem Wesen des Assessors liege, und fing an zu begreifen, daß seine Tochter nicht so Unrecht hatte, wenn sie einen solchen Bewerber ausschlug, dessen wüthender Amtseifer so wenig zu mäßigen war, wie man ihn von seiner fixen Idee hinsichtlich der überall bestehenden Verschwörungen abbringen konnte.

In diesem Augenblicke jedoch folgte Gretchen nur dem Beispiele des Assessors; sie inquirirte gleichfalls sehr scharf und eingehend, und zwar war es Doctor Fabian, der drüben im Wohnzimmer vor ihr saß und in aller Form vernommen wurde. Er hatte ausführlich berichten müssen, was er selber über den gestrigen Vorgang von Herrn Nordeck erfahren; das war aber leider nicht mehr, als man bereits im Hause des Administrators wußte. Waldemar hatte dem Doctor, wie allen Uebrigen, auch nur die Thatsachen mitgetheilt und über Manches, so zum Beispiel über die Betheiligung der Gräfin Morynska daran, ein vollständiges Schweigen beobachtet. Das war nun aber gerade der Punkt, über welchen Gretchen Frank in’s Klare zu kommen wünschte. Die Behauptung des Assessors, daß die junge Gräfin ihren Vetter so glühend hasse, daß sie sogar den Ueberfall auf der Försterei geplant, wollte ihr nicht recht einleuchten; sie ahnte mit echt weiblichem Instinct eine ganz andere geheime Beziehung zwischen den Beiden und wurde sehr ungehalten, als sie so gar nichts Näheres darüber erfahren konnte.

„Sie verstehen Ihren Einfluß gar nicht zu benutzen, Herr Doctor,“ sagte sie vorwurfsvoll. „Wenn ich der Freund und Vertraute des Herrn Nordeck wäre, ich wüßte besser in seinen Angelegenheiten Bescheid. Jede Kleinigkeit müßte er mir beichten; ich hätte ihn gleich von Anfang an daran gewöhnt.“

[767] Der Doctor lächelte ein wenig. „Das würden Sie schwerlich zu Stande gebracht haben. Eine Natur wie die Waldemar’s läßt sich überhaupt nicht gewöhnen, am wenigsten zur Mittheilung. Er kennt gar nicht das Bedürfniß, sich auszusprechen oder sein Inneres Jemandem aufzuschließen. Was auch in ihm vorgehen mag, er macht es mit sich allein aus; seine Umgebung erfährt nie etwas davon, und man muß ihn so lange und so genau kennen wie ich, um zu wissen, daß er überhaupt empfindet.“

„Natürlich – er hat kein Herz,“ sagte Gretchen, die mit ihrem Urtheil immer sehr schnell fertig war. „Das sieht man ja auf den ersten Blick. Es weht einen förmlich kalt an, sobald er in’s Zimmer tritt, und mich fröstelt jedesmal, wenn er mit mir spricht. Fürchten hat ihn jetzt ganz Wilicza gelernt, lieben auch nicht ein Einziger, und selbst meinem Vater steht er, trotz all seiner Freundlichkeit und Rücksicht gegen uns, noch gerade so fremd gegenüber, wie am Tage seiner Ankunft. Ich bin überzeugt, er hat noch nie ein menschliches Wesen geliebt, am wenigsten eine Frau – er ist vollständig herzlos.“

„Bitte, mein Fräulein –“ Fabian gerieth förmlich in Hitze bei der Antwort. „Da thun Sie ihm großes Unrecht. Er hat Herz, mehr als Sie glauben, mehr vielleicht als der feurige, leidenschaftliche Fürst Baratowski. Waldemar versteht nur nicht das seinige zu zeigen, oder vielmehr er will es nicht. Schon bei dem Knaben habe ich diesen Zug starrer Zurückhaltung und Verschlossenheit beobachtet und jahrelang umsonst dagegen angekämpft, bis ein zufälliges Ereigniß, eine Gefahr, die mich bedrohte, das Eis brach. Erst seit jener Stunde kenne ich Waldemar, wie er wirklich ist.“

„Nun, liebenswürdig ist er nicht, das bleibt ausgemacht,“ entschied Gretchen, „und ich begreife nicht, wie Sie mit einer solchen Zärtlichkeit an ihm hängen können. Sie waren ja gestern ganz außer sich wegen der überstandenen Gefahr, die er seinerseits sehr leicht nahm, und heute ist sicher wieder irgend etwas im Schlosse vorgegangen, denn Sie sind im höchsten Grade aufgeregt und verstimmt. Gestehen Sie es mir nur ein! Ich sah es schon, als Sie eintraten. Bedroht Herrn Nordeck denn noch irgend etwas?“

„Nein, nein,“ sagte der Doctor hastig. „Es handelt sich gar nicht um Waldemar; die Sache geht mich allein an. Sie hat mich allerdings sehr aufgeregt, aber verstimmt – nein, mein Fräulein, durchaus nicht. Ich habe heute Morgen Nachrichten aus J. erhalten.“

„Hat dieses wissenschaftliche und historische Ungethüm, dieser Professor Schwarz, Ihnen schon wieder Verdruß bereitet?“ fragte die junge Dame mit so kampfeslustiger Miene, als sei sie auf der Stelle bereit, sich in eine erbitterte Fehde mit der genannen Autorität einzulassen.

Fabian schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, daß ich es diesmal bin, der ihm den ärgsten Verdruß bereitet, wenn auch wahrhaftig gegen meinen Willen. Sie wissen ja, daß es meine ‚Geschichte des Germanenthums‘ war, die den ersten Anlaß zu dem unglücklichen Streite zwischen ihm und dem Professor Weber gab, einem Streite, der immer größere Dimensionen annahm und zuletzt auf die Spitze getrieben wurde. Schwarz, heftig wie er von Natur ist, überdies gereizt und erbittert durch die Wichtigkeit, die man meinem Buche belegte, ließ sich zu Persönlichkeiten, zu einen fast unverantwortlichen Benehmen gegen seinen Collegen hinreißen und drohte, als die ganze Universität auf dessen Seite trat, seine Entlassung zu nehmen. Es war wohl nur ein Versuch, seine Unentbehrlichkeit in das rechte Licht zu stellen – er hat nie ernstlich daran gedacht, J. zu verlassen, aber sein schroffes Wesen hat ihm auch unter den maßgebenden Persönlichkeiten viel Feinde geschaffen, genug, man machte keinen Versuch, ihn zu halten und nahm als Thatsache, was nur eine Drohung sein sollte. Da blieb ihm freilich nichts übrig, als auf dem schon öffentlich kund gegebenen Entschlusse zu beharren. Es ist jetzt entschieden, daß er die Universität verläßt.“

„Das ist ein Glück für die Universität,“ bemerkte Gretchen trocken. „Aber ich glaube wahrhaftig, Sie sind im Stande, sich Gewissensbisse darüber zu machen. Das sieht Ihnen ähnlich.“

„Es ist nicht das allein,“ sagte Fabian leise und mit stockender Stimme. „Es ist ja die Rede davon, daß – daß ich seine Stelle einnehmen soll. Professor Weber schreibt mir, man beabsichtige, den auf diese Weise erledigten Lehrstuhl mir anzubieten – mir, dem einfachen Privatgelehrten, der noch gar keine akademische Thätigkeit aufzuweisen hat, dessen einziges Verdienst in seinem Buche besteht, dem ersten, das er veröffentlicht – es ist etwas so Ungewöhnliches, Unerhörtes, daß ich mich anfangs vor Ueberraschung und Bestürzung gar nicht zu fassen wußte.“

Gretchen sah weder überrascht noch bestürzt aus, sie schien die Sache vielmehr ganz in der Ordnung zu finden. „Da handelt man sehr vernünftig,“ meinte sie. „Sie sind viel bedeutender als Professor Schwarz. Ihr Werk steht hoch über seinen Schriften, und wenn Sie erst auf seinem Lehrstuhle sitzen, werden Sie seine ganze Berühmtheit verdunkeln.“

„Aber, mein Fräulein, Sie kennen ja weder den Professor noch seine Schriften,“ warf der Doctor schüchtern ein.

„Das ist gleichgültig – ich kenne Sie,“ erklärte das junge Mädchen mit einer Ueberlegenheit, gegen die sich schlechterdings nichts einwenden ließ. „Sie werden doch selbstverständlich die Berufung annehmen?“

Fabian sah vor sich nieder. Es vergingen einige Secunden, bevor er antwortete.

„Ich glaube kaum. So ehrenvoll die Auszeichnung auch ist, ich wage nicht, sie anzunehmen, denn ich fürchte, einer so bedeutenden und hervorragenden Stellung gar nicht gewachsen zu sein. Die jahrelange Zurückgezogenheit, das einsame Leben bei meinen Büchern haben mich für die Oeffentlichkeit fast untauglich gemacht und ganz unfähig, all den äußeren Anforderungen zu genügen, die sich an eine solche Stellung knüpfen. Endlich der Hauptgrund – ich kann Waldemar nicht verlassen, zumal jetzt nicht, wo so Manches auf ihn einstürmt. Ich bin der Einzige, der ihm nahe steht, dessen Umgang er vermissen würde; es wäre der Gipfel aller Undankbarkeit, wollte ich jetzt um äußerer Vortheile willen –“

„Und es wäre der Gipfel alles Egoismus, wenn Herr Nordeck dieses Opfer annehmen wollte,“ fiel Gretchen ein. „Zum Glück wird er das nicht thun und nie zugeben, daß Sie um seinetwillen eine Zukunft zurückweisen, die für Sie das ganze Lebensglück einschließt.“

„Für mich?“ wiederholte der Doctor in gedrücktem Tone; „da irren Sie doch. Ich habe von jeher meine ganze Befriedigung in dem Studium gesucht und gefunden und es schon als eine besondere Gunst des Schicksals angesehen, als mir in dem Zöglinge, der mir einst so vollständig fern stand, ein Freund erwuchs. Was man so Lebensglück nennt, eine Heimath, eine Familie, das habe ich nie gekannt und werde es wohl schwerlich kennen lernen. Jetzt, wo mir ein so ungeahnter Erfolg zu Theil geworden ist, wäre es vollends Vermessenheit, auch das noch zu begehren; ich bescheide mich gern mit dem, was mir geworden ist.“

Die Worte klangen trotz aller Resignation doch recht schmerzlich, aber die junge Zuhörerin schien gar kein Mitleid dabei zu empfinden. Sie warf verächtlich die Lippen auf.

„Sie sind eine eigene Natur, Herr Doctor. Ich würde bei einer so entsagungsvollen Lebensansicht verzweifeln.“

Der Doctor lächelte wehmüthig. „Bei Ihnen ist das auch etwas ganz Anderes. Wer wie Sie jung, anmuthig, in freien glücklichen Verhältnissen aufgewachsen ist, der hat das Recht, Glück vom Leben zu erwarten und zu verlangen. Möge es Ihnen im reichsten Maße zu Theil werden – das ist mein innigster Wunsch. Aber gewiß, Assessor Hubert liebt Sie und –“

„Was hat denn Assessor Hubert schon wieder mit meinem Glücke zu thun?!“ fuhr Gretchen auf. „Sie machten schon einmal eine solche Andeutung. Was meinen Sie nur damit?“

Fabian gerieth in die äußerste Verlegenheit. „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich indiscret war,“ stotterte er. „Es fuhr mir nur so heraus – ich weiß ja, daß das Verhältniß noch kein öffentlich erklärtes ist, aber meine innige Theilnahme mag es entschuldigen, wenn ich –“

„Wenn Sie was –?“ rief das junge Mädchen mit vollster Heftigkeit. „Ich glaube, Sie halten mich im vollen Ernste für die Braut dieses albernen langweiligen Hubert, der mir den ganzen Tag lang von nichts weiter erzählt, als von Verschwörungen und von seinem künftigen Regierungsrathstitel.“

„Aber mein Fräulein,“ sagte Fabian auf’s Höchste betroffen, „der Assessor selbst theilte mir bereits im Herbste mit, daß er bestimmte Hoffnungen habe und mit vollster Sicherheit auf Ihr Jawort rechnen dürfe.“

[768] Gretchen sprang auf, so daß der Stuhl zurückflog. „Da haben wir es! Aber daran und Sie schuld, Herr Doctor Fabian, Sie allein. Sehen Sie mich nicht so erstaunt und erschrocken an! Sie haben mich damals verleitet, den Assessor nach Janowo zu schicken, wo er sich den Schnupfen holte. Aus Furcht, er könne ernstlich krank werden, nahm ich den Patienten in Pflege. Seitdem ist es bei ihm zur fixen Idee geworden, ich liebe ihn, und von seinen fixen Ideen ist er nicht abzubringen – das sehen wir an den ewigen Verschwörungsgeschichten.“

Sie weinte fast vor Aerger, das Gesicht des Doctors aber verklärte sich förmlich bei dieser ungeheuchelten Entrüstung.

„Sie lieben den Assessor nicht?“ fragte er mit fliegendem Athem. „Sie beabsichtigen nicht, ihm Ihre Hand zu geben?“

„Einen Korb werde ich ihm geben, wie er noch nicht dagewesen ist,“ versetzte die junge Dame energisch, und war im Begriff, noch einige Injurien gegen den armen Hubert hinzuzufügen, als sie dem Blick des Doctors begegnete. Sie wurde auf einmal dunkelroth und verstummte völlig.

Die nun entstehende Pause dauerte ein wenig lange. Fabian rang offenbar mit einem Entschlusse, der ihm bei seiner Schüchternheit sehr schwer fiel; er setzte mehrere Male vergebens zum Sprechen an; vorläufig sprachen nur seine Augen, aber so deutlich, daß Gretchen nicht gut im Zweifel bleiben konnte über das, was ihr bevorstand. Diesmal jedoch fiel es ihr nicht ein, davonzulaufen oder ein paar Saiten auf dem Clavier entzweizuschlagen, wie sie es mit Vorliebe that, wenn die Gefühle des Assessors zum Ausbruch zu kommen drohten; sie hatte sich wieder hingesetzt und wartete der kommenden Dinge.

Nach einer Weile näherte sich denn auch der Doctor, freilich sehr scheu und ängstlich.

„Mein Fräulein,“ begann er. „Ich glaubte in der That – das heißt: ich setzte voraus – die innige Neigung des Assessors für Sie –“

Er hielt inne und besann sich, daß es doch sehr unpraktisch sei, von der innigen Neigung des Assessors zu reden, wo er von der seinigen sprechen wollte. Gretchen sah, daß er im Begriff stand, sich rettungslos zu verwickeln, und daß sie ihm zu Hülfe kommen müsse, was denn auch geschah. Es war freilich nur ein Blick, den sie ihrem zaghaften Freier zuwarf, aber er sprach ebenso deutlich, wie vorhin der seinige. Der Doctor faßte auf einmal Muth und ging mit unerhörter Kühnheit vorwärts.

„Der Irrthum hat mich sehr unglücklich gemacht,“ sagte er. „Noch gestern hätte ich nicht gewagt, Ihnen das zu gestehen, obgleich es mir fast das Herz abdrückte. Wie konnte ich, dessen ganze Existenz von der Großmuth Waldemar’s abhängig war, Ihnen mit Wünschen nahen! Der heutige Morgen hat das Alles geändert. Die Zukunft, die man mir bietet, läßt es wenigstens nicht mehr als eine Vermessenheit erscheinen, wenn ich meinen Gefühlen Worte gebe. Fräulein Margarethe, Sie haben mir vorhin meine entsagungsvolle Natur zum Vorwurf gemacht; wenn Sie wüßten, wie sehr ich von jeher auf die Entsagung angewiesen war, Sie würden den Vorwurf zurücknehmen. Ich bin stets einsam und unbeachtet durch das Leben gegangen, mit einer trüben und freudlosen Jugend, mit den härtesten Entbehrungen habe ich mir das Studium erkaufen müssen, und doch nichts damit gewonnen, als eine Abhängigkeit von fremden Launen oder fremder Güte. Glauben Sie mir, es ist schwer, mit einem ernsten hohen Streben, mit der glühenden Begeisterung für die Wissenschaft im Herzen, Tag für Tag zu der Fassungskraft von Knaben herabzusteigen, die man in den Anfangsgründen des Lernens unterrichten muß, und ich habe das lange thun müssen, sehr lange, bis Waldemar mir die Möglichkeit gab, meinen Studien zu leben, und mir die Laufbahn öffnete, die sich jetzt vor mir aufthut. Es ist wahr, ich wollte sie ihm opfern, wollte ihm die ganze Berufung verschweigen, aber damals hielt ich Sie noch für die Braut eines Anderen, jetzt dagegen –“ er hatte die Hand des jungen Mädchens ergriffen; fort waren Scheu und Verlegenheit; jetzt, wo er einmal in Fluß gekommen war, stürzten ihm die Worte nur so von den Lippen – „jene Zukunft verheißt mir so Vieles; ob sie mir auch Glück verheißen soll, das liegt einzig in Ihren Händen. Entscheiden Sie, ob ich sie annehmen oder zurückweisen soll, Margarethe –!“

Er war jetzt genau so weit gekommen, wie damals der Assessor, als er die große Kunstpause machte, die seinem beabsichtigten Kniefall voranging, und mit beiden stecken blieb, weil seine Angebetete gerade im entscheidenden Augenblicke davonlief. Der Doctor versuchte nun zwar keinen Kniefall, dafür vermied er aber auch glücklich die verhängnißvolle Pause; er sprach ohne Stocken und Zögern weiter, während Gretchen mit niedergeschlagenen Augen vor ihm saß und mit unendlicher Befriedigung zuhörte, und Liebeserklärung, Jawort und sogar die schließliche Umarmung gingen prompt und ohne Störung von Statten. –

Herr Assessor Hubert kam die Treppe herunter; er hatte den Kutscher wieder einmal vernommen, und zwar so lange und so ausführlich, bis sie Beide müde und matt waren, und gedachte nun, sich von den anstrengenden Pflichten seines Amtes zu erholen, indem er den Gefühlen seines Herzens freien Lauf ließ. Der arme Hubert! Er hatte ja selbst gesagt, daß es sein Schicksal sei, überall zu spät zu kommen; wie sehr dies aber gerade heute der Fall war, ahnte er noch gar nicht. Seine Abreise war auf den Nachmittag festgesetzt, aber vorher wollte und mußte er noch mit seiner Bewerbung in’s Klare kommen. Er war fest entschlossen, diesmal nicht ohne Jawort abzureisen, und in dem Eifer dieses Entschlusses öffnete er die Thür des Vorzimmers so energisch und geräuschvoll, daß das neue Brautpaar im anstoßenden Gemache Zeit hatte, eine ganz unverfängliche Haltung anzunehmen. Gretchen saß am Fenster und der Doctor stand bei ihr, dicht neben dem Clavier, das zur großen Erleichterung des eintretenden Assessors diesmal geschlossen war.

Hubert grüßte herablassend. Es lag stets etwas Gönnerhaftes in seinem Wesen, wenn er mit dem Doctor verkehrte, der in seinen Augen nichts weiter war, als ein pensionirter Hauslehrer, dessen ganze Wichtigkeit in seinen Beziehungen zu dem Herrn von Wilicza bestand. Heute nun, bei der beabsichtigten Erklärung, war ihm Fabian geradezu im Wege, und er gab sich durchaus keine Mühe, das zu verbergen.

„Ich bedaure zu stören. Sie halten wohl gerade französische Uebung mit dem Fräulein?“

Der Ton war so nachlässig, so ganz in der Art wie man zu einem bezahlten Lehrer spricht, daß selbst die Gutmüthigkeit des Doctors nicht davor Stand hielt. Er hatte es bisher noch nie über sich gewonnen, dieses Benehmen zu rügen, das sich Hubert oft genug gegen ihn erlaubte, heute aber verletzte es seine neue Bräutigamswürde doch gar zu empfindlich; er richtete sich empor und sagte mit einer Haltung, die Gretchens höchste Befriedigung erregte:

„Sie irren – wir übten uns in einer ganz anderen Wissenschaft.“

Der Assessor merkte durchaus nichts; er war ganz mit dem Gedanken beschäftigt, wie er diesen unbequemen Menschen möglichst schnell beseitigen könne.

„In der historischen vielleicht?“ fragte er malitiös. „Das ist ja wohl Ihr Steckenpferd? Leider ist es wenig geeignet für junge Damen. Sie werden das Fräulein damit langweilen, Herr Doctor Fabian.“

Dieser wollte antworten, aber Gretchen kam ihm zuvor; sie fand, daß es jetzt die höchste Zeit war, dem Herrn Assessor einen Dämpfer aufzusetzen, und unterzog sich dieser Mühe mit außerordentlichem Wohlgefallen.

(Fortsetzung folgt.)




Vom Rostocker Pfingstmarkt.


„Nu kiek ens den spaßigen Kierl mit de rohre Apenjack’, mit Goldsnur beset’t, wo de sick upspält – as en kalkut’schen Hahn!“

Damit zog der alte Herr in langem, blankbeknopftem Gehrock und Wasserstiefeln den Kopf aus der Lücke im Leinwandgezelt. Ich hatte seine der Straße zugekehrte nördliche Körperhälfte ob ihrer kolossalen Dimensionen soeben mit stillen Staunen betrachtet; nun blickte ich in das frischrothe, immer heitere Gesicht

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Die Gartenlaube (1876) b 769.jpg

Hinter dem Circus.
Originalzeichnung von Franz Quaglio.

[770] Johann Christoph P…’s, Gutsbesitzers auf Boxfelde bei der altehrwürdigen Universitäts- und Handelsstadt Rostock im Mecklenburg-Schwerinschen Lande, oder richtiger: in die fidele Physiognomie „Onkel Krischoff’s“, denn der Zuname des alten Herrn war ihm im Lauf der Jahre vollständig abhanden gekommen, und Alt und Jung belegte ihn nur mit jenem verwandtschaftlichen Titel. Es gab freilich auch Leute, die ihn mit „Herr Amtsrath“ anredeten, die aber hielt sich Onkel Krischoff mit außerordentlicher Consequenz nachdrücklichst vom Leibe, denn es bestanden, wie der alte Schlaufuchs behauptete, „düsse schmeichelbaren Kre’turen zu neun Zehntheilen aus „Paradiesiten, die sich mit ihre Pumpventile an meinen Geldbüdel festsetten wollen.“

„Also auch zum Pfingstmarkt herüber gekommen, Onkel Krischoff?“ fragte ich den jovialen, lebenslustigen Herrn, was eigentlich eine durchaus überflüssige und thörichte Frage war. Denn wie wäre der Rostocker Pfingstmarkt, dieses heitere, buntbewegte Volksfest, denkbar gewesen ohne den Onkel Krischoff, den hier jedes Kind kannte, weil er jedem Kinde die Patschen voll Zuckernüsse und Honigkuchen stopfte, und nicht minder jeder Erwachsene, weil eben jeder Erwachsene einmal Kind gewesen und der Onkel Krischoff schon seit einer recht geraumen Reihe von Jahren das Geschäft als Naschkätzchen-Fütterer betrieb.

Es war „Am Strande“ – bei der Einmündung der Grubenstraße oder doch ganz in der Nähe – wo ich den lustigen Kauz traf. Hinter dem „Großen Olimbyschen Cirgus“, in welchem heut Abend die Vorstellungen beginnen sollten, hatte er eine defecte Stelle in der Leinwand-Umzäunung ausgewittert, und durch diese – wie Pyramus „durch’s Loch von solcher garst’gen Wand“ – seine Visage geschoben, um doch auch einmal „hinter die Coulissen“ einer Reiterbude einen Blick zu werfen. Vor diesen „Coulissen“ fehlte Onkel Krischoff natürlich nie, so lange der rothe Wimpel auf der Zeltspitze flatterte und – nota bene – so oft Frau Kaatschen, die Wirthschafterin dem alten Herrn Urlaub ertheilte. Der Gutsherr von Boxfelde hat nämlich einen bedeutenden „Pferde-Verstand“, und es kann auf Gottes weiter Welt keinen Menschen geben, der über die Späße der Clowns „luudhals’ger“ zu lachen vermag, als Onkel Krischoff.

„Nu seh’n Sie blos diesen spaßigen Kerl mit die Apen – mit die Affenjacke!“ wiederholte der alte Herr, und zwar diesmal in einem wunderschönen selbstgemachten Hochdeutsch. Onkel Krischoff hielt nämlich, gleich Fritz Reuter’s unsterblichem „Entspector Bräsig“, sehr auf Sprachreinlichkeit, wenn er sich „ün der guten Gesellschaft“ befand, und nur unter zwei Augen, „mang die Tüftenbuddlers to Huus“ oder wenn er „bi Mau oder Theophil Zorawsky“ dem Rothspohn zu stark gehuldigt, zog er die Schleuße für’s Platt, das ihm übrigens bei weitem kleidsamer zu Munde stand als das elegante „Messingsch“.

Onkel Krischoff brauchte mir seinen Lugaus gar nicht einzuräumen, wie er es in einem Anfall von Galanterie eben zu thun im Begriff stand; ich fand unschwer dicht daneben noch einen zweiten Durchbruch in dem Umfriedigungs-Gespinnst, und nun guckten wir Beide um die Wette recht seelenvergnügt in diese lustige kleine Vagabondenwelt hinein. –

Ich habe von meiner frühesten Jugend an eine unwiderstehliche Neigung für jegliche Gattung Kunst-Zigeuner gehabt, ob sie sich nun Akrobaten, Seiltänzer, „wilde Männer“, Feuerfresser, Affentheaterdirectoren, Herculesse, Somnambulen, Thierbändiger, Puppenspieler oder Riesendamen betiteln. Und mein Interesse war keineswegs immer nur ein passives; ich entsinne mich aus meiner frühesten Kindheit noch genau genug eines directen Eingreifens meines Persönchens in die scenischen Vorgänge einer affentheatralischen Tragödie. Man gab die Erstürmung von Kakomirum, und während im Hintergrunde die auf einem uneinnehmbar scheinenden Pappkegel belegene Veste in die Pfoten der tapfer anstürmenden Hunde-Armee fiel, wurde vorn, dicht an der Rampe, gegen einen schönen weißen Pudel – vermuthlich wegen irgend eines unbedeutenden Insubordinationsfehlers – kriegsgerichtlich verfahren und der Inculpat frischweg zu Pulver und Blei verurtheilt. Indessen man hatte sich Seitens des äffisch-pudelnärrischen Militär-Commandos die Execution leichter vorgestellt, als sie in der That werden sollte. Kaum hatte sich der arme Sünder mit verbundener Schnauze (die Augenbinde pflegt bei vierfüßigen Verurtheilten sehr bald durch Abrutschungen ihrer ursprünglichen Bestimmung entzogen zu werden) resignirt auf die Hinterfüße gesetzt, die tödtliche Kugel erwartend, kaum legte ein etwas krummbeiniger Pavian, ergriffen von männlicher Rührung um den Verlust eines so braven Officiers, die Feuerwaffe an, als vom Auditorium her eine kräftige, wenn auch ziemlich hoch veranlagte Knabenstimme mit höchster Energie Einspruch gegen die Vollstreckung des Blutbefehls erhob, und diese Stimme war die meinige. Vergebens suchten mich meine Angehörigen durch Wort und That zu beruhigen; vergebens wurde mir von verschiedenen Seiten die Gefahrlosigkeit besagter Execution auseinandergesetzt: ich blieb bei meinem Protest, und als dessen ungeachtet der kleine zitternde Henker losdrückte und der Delinquent hintenüber direct in einen schwarzen zweiräderigen Todtenkarren hineinpurzelte, nahm dieser Protest, namentlich durch die Einstreuung unzweifelhaftester Verbal-Injurien, so bedeutende Dimensionen an, daß man mich im Interesse der allgemeinen Ordnung und Sicherheit auf den Flur beförderte, von wo aus meine helllauten Expectorationen für Abschaffung der Todesstrafe noch lange die Trommel- und Zwerchfelle der übrigen Zuschauerschaft nachvibriren ließen.

Lange, lange Jahre sind seitdem vergangen, und noch immer ist jene stolze Felsenburg das Ziel stürmender Pudel-Heere, noch immer muthen hartherzige Regiments-Commandeure aus dem Geschlecht Canis zart-besaiteten Mandrill-Gemüthern zu, auf das Herz eines Kriegscameraden zu zielen – nichts Wesentliches hat sich in dem Repertoire der Affenkomödie geändert in dieser weiten Spanne Zeit, in der doch auf anderen Gebieten so gar unendlich viel Neues und Erstaunliches zu Tage gefördert worden zum Wohle der leidenden Menschheit: der Hinterlader, das Rieselfeld, die Unfehlbarkeit, das Cri-Cri, das vertiefte Nibelungen-Orchester und das Königreich Serbien.

Und ein gleicher Conservatismus herrscht auch im Programm aller jener anderen Kunstwanderer und wird herrschen, meine ich, so lange die Welt steht, was allerdings – den Prophezeiungen des hochwürdigen und hochweisen Herrn von Charbonnal zufolge – keine allzu bedeutende Frist mehr bedeuten dürfte.

Freilich, die Großmächte unter diesen Kunst-Nomadenstämmen, die Circusse (oder auch Circen) von Renz, Ciniselli, Salamonsky und andere, haben ja einzelnen Zweigen ihrer equestrisch-akrobatischen Schaustellungen Blüthen von niegeahntem Dufte und blendender Farbenpracht abgewonnen; sie haben die Pferde-Pantomime erfunden und seit Kurzem sogar eine vierfüßige Feerie.

Aber die drei Hauptstützen ihrer lustigen und luftigen Kunsttempel sind doch immer noch dieselben wie zu Noah’s Zeiten – bekanntlich der erste reisende Menageriebesitzer – sind noch immer: die kühne Reifenspringerin Signora Camilla Nudelmeierini; der arabische Schimmelhengst Al Mansor, welcher „die Schule des Directors“ genossen und demzufolge das feinste Battisttaschentuch einer Dame der ersten Rangloge mühelos apportirt und das kleinste Silberstück aus dem großen Haufen … Erde in seinen Besitz zu bringen weiß; endlich – das Beste zuletzt! – der „Komiker“, der sich auch unter der glänzenden „Clown“-Hülle und trotz des klangvoll modernen „August“-Titels seinen alten biedern Hanswurstcharakter rein und fleckenlos bewahrte.

„Süh so, süh so! Das ist ja die vorjährige Miß Evolina von das Swungseil, die Kleine, Nette, wo sich da müt den brünetten Menschenbruder um die Ecke aus Muffrika so üntüm macht. Das ist ein staatsches Frugenzimmer – eine dralle Dame, wollte üch sagen, un dabei qualmt sie wü ein Schornstein Cügaretten – üch glaube, dü wird das arme Negerwurm den Kopp von inwendig noch mit eine vül swärzere Calür anräuchern, als wü er ihr schon von die äußere Natürlichkeit besitzt.“ – Onkel Krischoff zwinkerte dabei seelenvergnügt mit den grellen grauen Aeuglein und bohrte mit seinem linken Ellenbogen unwiderstehlich auf meine rechte Seite los.

Trotz der frühen Tagesstunde ging’s schon äußerst lebhaft zu „hinter den Coulissen“; Außerordentliches – und Circus-Vorstellungen sind gewöhnlich „außerordentlich“ – verlangt auch eine außerordentliche Folie: die dem Unternehmen neugewonnenen Kräfte sollten während des Vormittags noch eine Probe im Costüm haben. Aus dem kräftigen Schalle der equestrischen Regieklingel, der Peitsche, nahmen wir ab, daß die Exercitien in der großen Leinwandrotunde bereits begonnen hatten; nur eine säumige Sylphide beendete noch im Freien ihre Toilette unter Mithülfe [771] des Garderobeschneiders, der zugleich Billeteur, Lampenanzünder und Zettelträger war und in seinen wenigen Mußestunden Pferde in die Schwemme ritt. Sättel und Zaumzeug, beflitterte Decken, Tambourins, bunte Reifen und tausenderlei Gegenstände, für deren Bezeichnung dem Laien der technische Ausdruck entschieden mangelte, lagen im friedlichen Chaos durcheinander. Ein paar vierfüßige Eleven empfingen von einem etwa achtjährigen weiblichen Lehrmeister den ersten Unterricht in der Kunst des Marschirens auf den Hinterbeinen; Caro „machte sich“ bereits, wohingegen Bello den rechten Ernst für die Sache nicht mitgebracht zu haben schien und sich mehrfachen Verbal- und Real-Ermahnungen aussetzte. Lieber Gott! er ist noch jung, der Bello; er hat noch so wenig vom Hundeleben genossen, und außerdem, wie ich erst nachträglich bemerkte, erlaubt sich ein etwas lebhafter Mandrill heimlich die unziemlichsten Allotria mit seinem, des Bello, Wedel; wer soll unter solchen Umständen Sinn für die Wissenschaft haben?!

„Ist das nicht,“ fragte ich, zu dem alten Oekonomen gewendet, welcher die an Pflöcken angebundenen Rosse mit Kennermiene gemustert und von einzelnen „echt englischen Vollbluthengsten“ den mecklenburgischen Geburtsort mit apodiktischer Sicherheit angegeben hatte, „ist das nicht unser alter Freund Maulesel, der Weise, der im vorigen Pfingstmarkt sich den ungetheilten Beifall der Menge, aber die Todfeindschaft der dicken Köchin aus der ‚Sonne‘ zuzog, weil er ihr Alter (das der Köchin, nicht der ‚Sonne‘) mittelst seiner untrüglichen Hufscharr-Rechenmaschine öffentlich auf Neununddreißig angab, während ‚Rieke‘ – als er nach der Ziffer Achtzehn vor dem Weiterzählen eine kleine Pause machte – bereits, verschämt erröthend, genickt und ‚Dat is richtig‘ gesagt hatte?!“

„Weiß ich nicht,“ sagte Onkel Krischoff,“ „aber düses darneben, der Kleinere, das ist der verdammtige Karmucken, wo mich meinen ‚Jehann‘, meinen Großknecht, in den Dreck smeten – üch wollte sagen, in dem Schmutze geworfen hat – bei das angemeune Prämienreiten for ungesattelte Esel, mit den Fufzig-Thalerpreis, un wo mür nachher halb Rostock in alle Kneipen gefragt hat, ob mein Jehann seine öquolübrüstüschen Studüen unter meine persönliche Leitung gemacht hätte? – So’n Vieh! – und jetzt sieht sü so unschüllig ut, die Berstje!“

Inzwischen schien es auch in der Räder-Villa des Directors vollends Tag geworden zu sein; Madame Aurora Schnuderich, geborne Piefke, der Morgenstern der Gesellschaft, war – gleichzeitig mit der Thür zu dem Boudoir – „aufgegangen“ und hatte sich, einen Bunzlauer Moccatopf von durchaus zweitrinkigen Dimensionen in der Rechten, einen geschmierten Schiffszwieback in der Linken, auf der obersten Treppenstufe ihres fahrenden Grundeigenthums niedergelassen; ihr nach drängte sich ein stämmiger Junge von etwa fünf Jahren, pumphosig und pausbackig, der Stammhalter der Direktion; er hatte, wahrscheinlich in Folge mit ihm angestellter und seinem Naturell entschieden unsympathischer Reinigungs-Versuche, unbändig gegreint, und die tropfbaren Produkte seines Schmerzes überströmten ihm in glimmerndem Gemische gleithaft-gleißend die „glibbrigen“ Wangen.

„Madame“ ist eine noch ziemlich jugendfrische Erscheinung und natürlicher Weise die zweite Frau des Maestro; die ersten Gattinnen reisender Kunstreiterdirectoren gehören überhaupt zu den größten Seltenheiten unseres Planeten; ich habe eine solche nur ein einziges Mal ganz flüchtig in der Gesellschaft eines Dragonerofficiers auf dem Nordbahnhofe in Wien gesehen. „Madame“ trägt einen scharlachrothen Friesrock und eine mit blindgewordenen Goldlitzen besetzte Sammtjacke von schwarzer Farbe; sie ist eine resolute Frau, die ihrem ziemlich hartnäckige Gespons bereits während der ersten sechs Monate ihrer Ehe seine etwas stark ausgebildete Vorliebe für geistige Getränke abgewöhnt hat, für die unverheiratheten Damen der Truppe kocht, ihren Sprößling durch Liebe und Prügel zu einem nützlichen kopfstehenden und purzelbaumschießenden Mitgliede ihrer und der menschlichen Gesellschaft heranzuziehen sucht und des Abends hin und wieder, wenn unvorhergesehener Hindernisse halber eine andere Pièce ausfallen mußte, Schule reitet oder mit Centnergewichten Fangeball spielt.

„Madame“ scheint ganz besonders guter Laune zu sein; sie winkt dem Clown Señor Juan Pampas, alias Hans Pampel, dem „Kierl in de Apenjack’, welcher sich eben im Sattel zurechtrückt, um als lebendes Aushängeschild und berittene Anschlagsäule die Straßen der Stadt zu durchtraben und einem hohen Adel und verehrten Publico (– Kinder und Militärs die Hälfte! –) Nachricht von dem großen Ereignisse der Circus-Eröffnung, dem Beginne der „Olimbischen Schpüle“, zu geben.

„Storch!“ (Señor Pampas hat diesen von der ganzen Collegenschaft allgemein acceptirten Beinamen seinen unverhältnißmäßig langen und während eines nicht unbedeutenden Theils seiner Lebenszeit permanent in hochrothen Tricots steckenden Beinen zu verdanken) – „Storch, nimm den Jungen mit! Hier ist den Teixel nichts damit anzufangen. Keine Haltung bei’s Balanciren, kein Avec auf die Stuhlpyramide; der muß bei Zeiten auf’s Pferd, sonst kann er sein Lebtag Hüte drehn oder auf’s Sprungbrett arbeiten. Also pascholl, auf dem Gaule!“

„Si Señora!“ trompetet Storch in einem zwischen Alt-Castilisch und Anhalt-Dessauisch etwa die Mitte haltenden Jargon. „Willst Du mit, Knirps?“

Und „Knirps“ hält noch einen Augenblick schmollend den Ueberlegungsfinger im Munde, nickt dann sein Ja und sitzt kaum zehn Minuten später in einem wahrhaft blendenden Flittercostüme vor Juan Pampas auf dem Hochtraber, den Neid der gesammten Rostocker Jugend männlicher Linie erregend.

„Sützt as angeleimt, der Racker!“ platzt Onkel Krischoff heraus und reibt die Hände vor Vergnügen; „hält sich nich ’mal an die Mähne un läßt sich den Hanswurscht gar nicht ankommen! Is ’n prächt’ger Bengel, der reit’t die ganze Marnöhsche hier noch ’mal in Grund und Bodden.“

Und wahrhaftig, das Kerlchen hielt sich so stramm und stolz da oben auf dem Talmi-Andalusier, daß es eine Freude war, und ebenso wahrhaftig tönte da vom Marienthurme her – oder war’s vom stolzen Petrithurme? – die neunte Stunde, die mich hinter andere „Coulissen“ rief und zu einer anderen Probe, bei der ich nicht als Zuschauer, sondern als Mitspieler zu wirken hatte; denn ich war derzeit selbst so ein Stück Kunstvagabonde und spielte Komödie in dem Musentempel zu Rostock am Warnowstrand.

„Gehen Sie mit, Onkel Krischoff?“

Ja, wer den alte Herrn von seinem Lugaus weggebracht hätte, jetzt gerade, „wo’s am pläsirlichsten wurde“, denn „die Kre’tur von Maulesel“ sollte eben auf „neue Mucken eininstruwirt“ werden.

Wir schüttelten uns die Hände, und ich ging. Guter, biederer Onkel Krischoff, wärst Du doch mitgegangen, aber das war Dir zu despectirlich: Du mußtest reiten – wider Willen freilich – und zwar reiten auf demselben „Racker“, der Deinen armen „Jehann“ beim verflossenen Pfingstmarkte so rücksichtslos abgeworfen.

’S muß ein Anblick zum Thränenlachen gewesen sein, wie er da, krampfhaft angeklammert, auf dem Grauthiere saß, mit seinem Embonpoint, den blauen Regenschirm unter den Arm geklemmt und auf die „Carnalje“, die ihn so heimtückisch entführt, einen Strom von Injurien ergießend. Sonntag, ein prächtiges Wetter, halb Rostock und Umgegend auf den Beinen; plötzlich Geschrei, Gelächter, Gejohle!

„Unkel Krischoff ridt sin’n Jehann dat Langohr tau.“ „Unkel Krischoff, worüm so fix? Sei kamen jo noch tau recht.“ „Unkel Krischoff is stolz worr’n, hei dankt nich ’mal, wenn man em grüßt.“ So ging’s bunt durcheinander, und eine tobende, jauchzende Menschenwoge wälzte sich der heiteren Cavalcade nach – die Strand- und dann die Große Mönchenstraße entlang.

Wie Onkel Krischoff auf das Grauthier hinaufgekommen? Lieber Gott, sehr einfach! Er glaubte, nachdem er dem Maulthier bändigenden Clown noch ein Weilchen zugeschaut, des Kunstgriffes, sich auf dem störrigen Esel zu erhalten, sicher zu sein, wie des Amen in der Kirche. Eine Wette war bald gemacht; Onkel Krischoff blieb leider wirklich sitzen – nur zu fest, denn als das „Teufelsviech“ mit ihm durchging, konnte er nicht wieder herunter.

Der Clown hatte seine Wette verloren – und der Circus war an jenem und manchem folgenden Abende gefüllt „bet to de bäbelste Spitz’ baben rup.“

Ob Onkel Krischoff der Eröffnungsvorstellung beigewohnt, weiß ich nicht mehr; kaum acht Tage später aber traf ich ihn kreuzfidel in „dü verdammtige Reiterbude“ wieder. Seinen „Jehann“ hatte er bei sich, um ihm – von Weitem natürlich nur – „an das Object vorzudemonschtriren“, wie man’s anzufangen habe, um „auf so ’ne Canalje festtausitten“.
Richard Schmidt-Cabanis.

[772]

Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.
Ohne Inschrift.
Eine Skizze aus dem podolitischen Ghetto.
Von Karl Emil Franzos.[1]


Es war ein schöner, stiller Herbsttag, da ich zuletzt hinausging. Der Weg läuft eigensinnig genug über Gärten und Felder, und mit mir war Niemand, als der Sonnenschein und ein leises Wehen im welkenden Gesträuche, aber ich brauchte auch Niemand zu fragen. Ich kenne den Weg. Ich gehe ihn jedesmal, so oft ich die Heimath grüße, und von Jahr zu Jahr gehe ich ihn lieber. Denn die Zahl der Bekannten, zu denen er mich führt, wächst von Jahr zu Jahr, und es kommt wohl der Tag, da ich schließlich nichts mehr zu suchen habe drinnen im Städtchen …

Der „gute Ort“ war es, wohin ich ging. Und da dies das einzige Plätzchen ist, wohin weder die Peitsche des Polen reicht, noch die gierige Hand des Wunderrabbi, so mag der Name immerhin gelten. Hier ist die arme Seele erlöst von dem doppelten Banne, der sie drückt und – wer zählt die Opfer? – erstickt, von der äußeren Schmach und der inneren Nacht. Diese armen Menschen werden eigentlich erst glücklich, wenn sie gestorben sind. Dann wissen sie leider freilich nichts mehr davon, aber sie ahnen es doch schon im Leben. Darum haben sie ihren Friedhöfen den schönen Namen gegeben, und sie schmücken dieselben, so gut sie können. Es fällt sonst dem Juden des Ostens niemals ein, einen Baum zu pflanzen oder eine Blume zu säen, nur zwischen den Grabsteinen keimt frisches Grün, nur über die Todten weht Blumenduft. Ach! ist es doch auch der einzige Grundbesitz, den ihr diesen Leuten bis vor sechszehn Jahren gegönnt habt.

Auch der „gute Ort“ zu Barnow ist eine freundliche liebe Stätte. Und wie es da im Frühlinge aussieht, habe ich schon einmal erzählt. Hollunderblüthen allüberall, dicht an des Wandelnden Fuß und ihm hoch zu Häupten, roth und blau – und in den Lüften ein Duft, daß er schier die Brust beengt. Das ist im Herbste freilich verweht und verwelkt, aber andere stillere Schönheit schmückt den Raum. Der September bringt der sonst so armen Landschaft unsägliche Klarheit des Lichtes und der Lüfte; still, voll und unendlich ergießt sich über Himmel und Haide der goldene Strom, ein gütiger Königssohn, der sich liebend einer Hirtin neigt und ihr den Purpurmantel um den braunen Leib legt. Sie jubelt nicht auf; demüthig, tief erglühend beugt sie sich dem erdrückend großen Glück. Die Haide ist niemals heiter, und sehr ernst ist sie im Herbste, aber es ist ein lichter Ernst. Tiefroth und prächtig schimmert das Haidekraut und mitten darin in milderen Tinten das sterbende Laub der Linden. Dazwischen glänzt hier und da ein Weiher, wie ein stilles, sinnendes Auge. Wer so allmählich zum Friedhofe emporsteigt und um sich blickt, muß, glaub’ ich, empfinden, daß auch hier herzbewegende Schönheit ist. Uebrigens, ich weiß nicht – vielleicht muß man im Haidelande geboren sein …

Der „gute Ort“ liegt auf einem Hügel, und man kann da weite Umschau halten. Wohl an die zehn Weiher glänzen dem Blicke entgegen, einige Dorfschaften, welche mit ihren braunen Strohdächern dem Auge wie ein wirrer Haufe von Bienenkörben erscheinen, endlich zu Füßen die Stadt, die hier grau, stattlich und ehrwürdig scheint und in Wahrheit ein so erbärmlich schmutziges Nest ist. Es ist herzbefreiend, wenn man den Blick so frei spielen lassen kann – weit, weit, bis er in den blauen Wellen der Luft ertrinkt. Denn gegen Ost, Nord und Süd ist keine andere Grenze, als die Glocke des Himmels. An minder hellen Tagen auch gegen West. Aber wenn die Luft durchsichtig klar ist, sieht man dort eine graublaue, seltsam geformte Wolkenbank. Wer sie zum ersten Male sieht, kann glauben, daß sich dort ein Wetter balle und sachte aufziehe. Aber die Wolke wächst nicht und zerrinnt nicht; wohl zittern leise ihre Umrisse, aber sie steht ewig fest; es sind die Karpathen …

Doch auch in der Nähe ist es schön. Wohl starren die sonderbaren, knorrigen Arme des Hollunders ohne Blatt und Blüthe, aber nackt sind sie nicht. Tausend und aber tausend Fäden hat der Herbst daran gewoben, und die zittern und glänzen verklärend um das graue Geäst. Auf den Gräbern liegt das tiefrothe Laub, dazwischen blühen die Astern. Die Gräber sind wohlgepflegt; es ist in diesem Volke eine unendliche Ehrfurcht vor der Majestät des Todes.

Ein überaus gewaltiger, überaus strenger Herrscher, der es aber doch im Grunde gut mit den armen Menschen meint und sich erbarmend zu ihnen neigt – das ist den Juden der Tod. Auch sie sterben nicht gern, aber sie sterben leichter, getrösteter; nirgendwo wurzelt der Glaube an das Jenseits so tief und ehern. Nicht blos aus Eigenliebe, sondern auch aus Liebe gegen Gott. Denn er ist ja ein Allgerechter, und wo wäre seine Gerechtigkeit, wollte er ihnen nicht im Jenseits vergelten, was das Erdenleben auf ihr armes Haupt häufte?! Und dennoch hängen sie sehr an der Erde, und alle Seligkeit des Himmels ist nur ein Uebergang, eine Zwischenstation zur vollen Seligkeit auf Erden, nachdem einmal der Messias gekommen. Darum ist es Gottesdienst, die Todten zu begraben. Darum ist es Gottesdienst, die Gräber zu pflegen. Selbst der verwitterte Grabstein wird gestützt und erhalten, vielleicht vom Urenkel, vielleicht von Leuten die nichts von dem Schläfer wissen, oder doch nur so viel, daß er eben ein Mensch gewesen, dem gleiche Freuden und Schmerzen durch die Seele gegangen, wie ihnen. Er war ein Jude; er soll seine Stätte in Ordnung finden, wenn die Posaune klingt. Dieser felsenfeste Glaube mag vielleicht komisch sein, aber es ist mir nie gelungen, ihn so zu finden.

Es geht einem Mancherlei durch Herz und Hirn, wenn man so die Höhe emporwandelt, die Gräberreihen entlang. Ich meine da nicht jene ewigen Fragen, welche ein Geschlecht dem anderen als qualvolles Erbe vermacht und auf die nur Narren eine Antwort erwarten. Freilich erwarten wir sie Alle, denn wir sind eben Alle Narren, arme Narren, die ewige Binde um die Augen, das ewige Dürsten im Gemüth. Aber wozu nutzlos an das Tiefste rühren?! Ich meine andere Fragen. Wer also zum Beispiel den Friedhof da durchschreitet, wo sich der Hügel sacht zu Thale senkt, dem Flusse zu, der muß darüber nachgrübeln, welche Folgen es oft hat, wenn zwei polnische Große zu gleicher Zeit human sein wollen. Auf vierhundert Grabsteinen steht dasselbe Todesjahr eingemeißelt, dasselbe Jahr, derselbe Tag, dieselbe Stunde – es ist eine unsägliche Geschichte – benetzt, nein! überströmt von Blut und Thränen. Und doch Alles nur wegen gleichzeitiger Humanität! So lange nämlich die polnische Königsmacht aufrecht stand, da schützte der Jagellone den Juden und erhielt den Tribut dafür. Aber als diese Macht dahinsiechte und zum armseligen Gespenst ward, das nicht leben noch sterben konnte, da rissen die Wojewoden und auf dem flachen Lande die Starosten den Judenschutz an sich, denn es war eine große Menschenliebe in diesen Leuten. Und in Barnow lebte eine große, reiche Gemeinde, also war das ein großes Verdienst vor Gott, so viele zahlungsfähige Menschen zu beschützen. Darum zogen zwei Starosten zugleich vor die Stadt, der von Tluste und der von Alt-Barnow, und Beide ließen gleichzeitig dem Haupte der Judenschaft sagen: „Entweder beschütze ich Euch oder ich schlage Euch todt.“ Die armen Juden waren in einer Lage, welche kein langes Nachdenken ermöglicht: sie griffen rasch sehr tief in den Sack und sicherten sich Beider Schutz. Aber just dies war ihnen zum Verderben, denn die beiden Starosten waren in der That Menschenfreunde; jeder nahm es ernst mit der übernommenen Pflicht, aber keiner traute es dem Anderen zu, und jeder wollte den Anderen auf die Probe stellen. Darum begann der von Alt-Barnow an dem einen Ende der Stadt zu morden und zu plündern und wartete ab, ob sein Rival seine Pflicht thun und die Juden schützen werde. Aber leider machte dieser am anderen Ende just dieselbe Probe, und durch dieses bedauerliche Zusammentreffen der Umstände ward Beiden ihr Zweck vereitelt. Gute Menschen erreichen selten, was sie wollen. Und drei Tage und drei Nächte dauerten die furchtbaren Gräuel.

[773] Auch über diese dicht gereihten Gräber glänzt die milde Herbstsonne; auch hier blühen die Astern, hier voller und reicher, weil der Boden besser gedüngt ist; die Grillen zirpen friedlich im Moose, und die Herbstfäden schiffen langsam durch die leise bewegte Luft. Auch hier ist Frieden und Stille, friedlichste Stille. Und dennoch war es mir, als müßte plötzlich ein Schrei wach werden, ein greller, furchtbarer Schrei und diese Stille zerreißen und diese mildlächelnde Himmelsglocke. Ein Schrei nicht der Klage, sondern der Anklage, und nicht blos gegen den von Tluste und den von Alt-Barnow.

Auch sonst finden sich viele Gräber, welche das gleiche Todesjahr tragen. So aus jenen Tagen, da ein Potocki Juden jagte, weil für anderes Wild Schonzeit war. Oder aus diesem Jahrhundert: aus jenen drei gräßlichen Sommern, da der Zorn Gottes, die Cholera, in der großen Ebene wüthete. Das Gras setzt der Sense mehr Widerstand entgegen, als damals diese Menschen in ihren engen verpesteten Städten der grauenvollen Seuche. Die Gräber sind zahllos, und es ist ein überaus großes Leichenfeld, obwohl die Gemeinde just nicht übergroß ist. Aber wer hier Schlafstätte und Grabstein erhält, der behält auch beide – sogar der Aermste – für immer, wie gesagt, bis die Posaune klingt.

Und Jeder hat den gleichen Grabstein, mindestens was die Form betrifft. Nirgendwo ein eigen geformtes Denkmal, nirgendwo ein kunstvolles Gebild – das verbietet der Glaube. Nur daß der Stein des Armen klein ist, der des Reichen groß, daß der Arme der Inschrift zufolge ein braver Mann war, der Reiche der edelste Mensch, der je gelebt. Das ist aber auch Alles. Denn selbst die Anordnung der Inschrift ist streng durch das Gesetz der Talmodim geregelt: Zu oberst das Merkzeichen des Stammes, dann der Name des Todten und seiner Eltern und darauf der Stand. Manchmal fehlt auch der letztere, denn „Wucherer“ oder „Bestechungsagent“ würde nicht gut klingen, von Schlimmerem zu schweigen. In solchen Fällen heißt es blos: „Er forschte in der Lehre und liebte seine Kinder.“ Und Beides ist auch in der Regel wahr.

Wer diese Inschriften liest, wird nicht länger nach der Tafel der Seligen suchen und nach dem Eden, wo Engel in Menschengestalt wandeln, das heißt, wenn er den Inschriften glaubt. Der semitische Stamm geht in der Pietät gegen die Todten weiter, als jeder andere. Der Römer begnügte sich mit dem „De mortuis nil nisi bene.“ Er verlangte, daß man von dem Todten nur gut, nur würdig rede, wie dies eben der Majestät des Todes und der Hülflosigkeit des Todten gebührt. Der Semite geht weiter: man soll von dem Todten nur das Gute reden. Und wer ein solcher Sünder war, daß an ihm nichts Gutes zu entdecken, von dem schweigt man.

Man schweigt von ihn. Die finsterste Verwünschung dieses Volkes lautet: „Sein Name soll nicht gedacht werden.“ Darum setzt man seinen Namen auch nicht auf den Grabstein. Es steht mancher blanke, unbeschriebene Stein auf den Friedhöfen Podoliens, zur Strafe, zur Vergeltung, und doch wieder aus Barmherzigkeit. Denn am Tage, da das Reich Gottes beginnt, wird nicht allein die Posaune die Schläfer wecken, sondern auch der Engel des ewigen Lebens. Er wird von Stein zu Stein gehen und den Namen rufen, der darauf geschrieben steht, die Gerechten zu unsäglicher Belohnung, die Sünder zu unsäglicher Strafe. Und wenn er keinen Namen findet, so wird er vielleicht vorübergehen und den Schläfer nicht aufstören. Vielleicht! – man wagt es nur eben aus Barmherzigkeit zu hoffen.

Auch am „guten Orte“ zu Barnow steht mancher Stein ohne Inschrift, und in manchen Fällen mag die Strafe eine wohlverdiente sein. Nicht selten ist es die härteste, welche den Verbrecher getroffen. Die dunkle That ward begangen; das Dunkel des Ghetto schützte sie. Diesen Leuten bangt vor der Welt, und in der k. k. Amtsstube sitzt ja ein Christ. Darum liefern sie selbst den sündigen Bruder nicht gerne aus. Sie strafen ihn, so gut sie können: er muß Geld zu frommen Zwecken opfern oder als Pilger nach Jerusalem wandern oder Jahre lang jeden zweiten Tag fasten. Dann bleibt er sein Leben lang unbehelligt, und erst nach dem Tode erweist es sich, was er gegolten.

Aber auch sonderbarliche Verbrechen sind auf gleiche Weise bestraft worden. Und wer daran denkt, wird sich gleichfalls kaum einer bitteren Frage erwehren können, einer uralten herben Frage, die gleichfalls nie ersterben wird, so lange Menschen auf Erden wandeln.

Da war zum Beispiel einst ein alter Bettler in der Gemeinde, ein verabschiedeter Soldat, der hülflos und verkrüppelt heimgekommen. Niemand nahm sich seiner an; die Christen nicht, weil er ein Jude war, und die Juden nicht, weil er so lange christliche Kost gegessen und weil er sehr lästerlich fluchte. Es war vielleicht Beides nicht seine Schuld, denn es giebt nun einmal, seit die Makkabäer schlafen gegangen, keine Armee der Welt, in der die Commißknödel unter Aufsicht eines Rabbi bereitet werden, und was das Fluchen betrifft, so mag es an einem alten Soldaten just so natürlich sein, wie an einem Eichbaum die Eichel. Aber sie nahmen ihm doch Beides sehr übel, und er bekam täglich nur ein Stück schimmeligen Brodes und jeden Freitag Nachmittag sieben Kreuzer. Davon kann selbst ein alter Bettler in Barnow nicht standesgemäß leben; der zitterige Greis hungerte sehr viel. Und als wieder einmal der Versöhnungstag kam, der strengste Bußtag des Jahres, da hatte das Fasten keinen Reiz für ihn, nicht einmal den des Außergewöhnlichen. An diesem Tage ertappte sie den Alten hinter einem Brückenpfeiler, ein Stücklein Wurst in der Hand. Sie mißhandelten ihn nicht, auch seine Benefizien erlitten keine Einschränkung. Und doch! wäre das Schicksal gütig gewesen, es hätte ihn zur selben Stunde sterben lassen. Denn wollte ich berichten, was dann über denn Greis gekommen, ich glaube, dem Härtesten würde sich das Auge feuchten. Aber das Schicksal ist selten gütig – er hat noch lange Jahre gelebt. Nachdem er gestorben, setzten ihm reiche Verwandte den Stein, aber ohne Inschrift. Ich vermuthe, ich vermuthe sehr, daß dies den Todten lange nicht so schmerzt, als Manches, was sie dem Lebenden angethan.

Hart neben dem alten Soldaten schläft ein Mensch, den gleiches Geschick getroffen. Ein sehr seltsamer Mensch, Chaim Lippiner mit Namen, seines Zeichens ein Schuster. Die Leute dieses Handwerks haben einen starken Hang zur Philosophie, der sitzenden Lebensweise wegen. Auch unser Chaim war ein Philosoph, aber von eigenartigen Zuschnitt. Ueber den Untergrund alles Forschens, den Zweifel, kam er eigentlich nicht hinaus, und sein Lieblingswort war: „Wer weiß die Wahrheit?“ Das blasse Männchen vermochte der Frage nicht auf dem Wege der Speculation beizukommen und versuchte es darum auf dem der Erfahrung. Er ging von einer Secte zur anderen über, von den „Chassidim“, den Schwärmern, zu den „Misnagoim“, den Bibelgläubigen, ward wieder Chassid, setzte sich hierauf mit den Karaiten in Verbindung, flüchtete dann zur Fahne des Wunderrabbi von Sadagora, hielt es ein Jahr lang mit den „Aschkenasim“, den Freunden deutscher Bildung, und ward endlich Kabalist. Das blieb er lange, und da seine Stiefel trotzdem vernünftig und dauerhaft waren, so kümmerten sich die Leute nicht viel um seine einsamen nächtlichen Studien und seine tiefsinnigen mystischen Reden. Da traf es sich einmal, in einer kalten, weißen, mondklaren Nacht, daß einige verspätete Zecher vor dem großen Christusbilde, welches sich an der Klostermauer der Dominicaner erhebt, einen Mann fanden, der regungslos im Schnee kniete und die Arme sehnsüchtig ausgebreitet hielt, als wollte er den Gekreuzigten umarmen. Erstaunt blieben sie stehen, aber ihr Staunen ward zum Entsetzen, als sie in dem einsamen Beter den frommen Chain erkannten. Endlich schlichen sie näher, aber er hörte sie nicht in seiner Versunkenheit, und plötzlich begann er zu sprechen und rief mit schluchzender zitternder Stimme ein Gebet in der heiligen Sprache, den Segensspruch, welcher dem Wandersmann vorgeschrieben ist, wenn er auf seinem Wege die Sonne aufgehen sieht. Da übermannte die Lauschenden der fromme Zorn; sie warfen sich über das Männchen, prügelten es ganz fürchterlich durch und pufften es heim.

Am nächsten Morgen war eine ungeheure Aufregung in der Gasse, selbst die Lässigsten fanden sich zum Gebete in der Schul’ ein, halb aus Frömmigkeit, weil es galt, Gott mit vereinten Kräften anzuflehen, den Frevel des Einzelnen nicht an der Gesammtheit zu rächen, halb aus Neugier, weil Jeder erfahren wollte, welche Buße der Rabbi und sein Rath dem Sünder auferlegen werde. Nach Schluß des Gebets blieb die Gemeinde versammelt, und das Gericht begann. Aber der Sünder fehlte; [774] die Aufregung und die Prügel hatten das schwache Männchen niedergeworfen. Doch mußte er dabei sein, und so wurden einige Knechte entsendet, welche ihn in seinen Kissen herbeitrugen. Es erhob sich großer Lärm, als er durch die Reihen geschleppt ward, und wer nahe genug stand, erleichterte sich das Herz und spie ihn an. Dann gebot der Rabbi Ruhe und hielt eine lange Rede, in welcher jener kalte, ewig dunkle Raum, der nach der Vorstellung dieses Volkes die abgeschiedenen Sünder beherbergt, keine geringe Rolle spielte. Darauf fragte er den Angeklagten, wie er sich verantworten könne. Aber sei es, daß der kranke Mann nicht reden konnte oder nichts zu reden hatte – er blieb stumm und schüttelte nur leise das Haupt. Das steigerte nur die Entrüstung. Der Rabbi drängte, und die Anderen spieen. Da richtete sich der kleine Mann endlich aus seinen Kissen auf, blickte die Eifernden mit einem stillen ruhigen Blicke an und sprach eine sehr kurze Rede, nichts als sein kurzes Wort: „Wer weiß die Wahrheit?“ Man kann denken, was darauf folgte; die Besonnenen mußten ihn mit ihrem eigenen Leibe schützen, sonst wäre kein weiteres Gericht nöthig gewesen. Aber sie bewahrten den Kranken vor dem Aeußersten, und so kam der Rabbi endlich dazu, das Urtheil zu fällen. Welche Buße an Geld und Gut ihm auferlegt wurde, ist mir nicht mehr genau erinnerlich, nur so viel weiß ich: Chaim Lippiner sollte Weib und Kind lassen und nach Jerusalem pilgern und nie wiederkehren. In jeder Gemeinde am Wege sollte er seinen Frevel erzählen und die Leute bitten, ihn mit Füßen zu treten und anzuspeien.

Aber das angenehme Reiseproject ist nicht mehr zur Ausführung gekommen. Das arme Männchen siechte und schwand seit jenem Tage dahin, wie vor der Sonne der Schnee. In seinen letzten Monaten betete er wieder fleißig, und die Leute waren der Ueberzeugung, daß er sich bekehrt. Ich bin wohl der einzige Mensch, der das besser weiß, und da es meinem Schuster nun nicht mehr Schaden kann, so darf ich wohl auch dies erzählen. Als ich im Juli zu den Ferien heimkam, suchte mich sein Weib auf und bat, ich möchte zu ihm kommen, aber des Abends, damit es Niemand merke. Ich that’s. Der Kranke war schon sehr schwach, hielt aber gleichwohl noch einen ungeheuren Folianten auf den Knieen, in dem er eifrig las. „Er bitte um eine Auskunft,“ sagte er endlich nach langer, wirrer Entschuldigung, „ob es nämlich wahr sei, daß auch die Christen eine heilige Schrift hätten?“ Und als ich dies bejaht – „ob ich ihm das Buch nicht schaffen könne?“ Das berührte mich eigenthümlich, fast peinlich, aber ich versprach’s doch; es war eben der Wunsch eines Sterbenden, und – „wer weiß die Wahrheit?“ Aber es hatte seine Schwierigkeit, denn der Mann las nur hebräisch, und ich mußte mich erst nach Wien wenden, um eine Uebersetzung, wie sie die Engländer zu Missionszwecken für Palästina haben anfertigen lassen, zu erlangen. Das Buch ließ zwei Wochen auf sich warten, und als es endlich kam, da konnte ich es dem Manne nicht mehr einhändigen. Es war auch überflüssig, denn damals wußte er wahrscheinlich schon mehr, als er aus diesem Buche und aus allen Büchern der Welt hätte erfahren können.

Ach ja! sonderbarliche, sehr sonderbarliche Verbrechen! Und wie ich an jenem Herbsttage vor den beiden Gräbern stand, da war es mir, als müßte ich mich hinabbeugen zu den Todten und ihnen zurufen: Verzeihet Euren armen Brüdern, zürnet ihnen nicht, denn sie wissen nicht, was sie thun!

Ach, wie eigen ist es den Juden ergangen! Ihr frommer, felsenfester Glaube ist ihnen einst der Schutzhut gewesen, der ihr armes Haupt vor den Keulenschlägen und Beilhieben des Feindes geschützt. Es wäre zerschellt ohne diesen Schutz, denn es waren furchtbare Schläge, furchtbare Hiebe. Aber eben dadurch ward ihnen auch jener Schutzhut immer tiefer in’s Gesicht hineingetrieben und schließlich über die Augen hinab, daß sie nichts mehr sahen. Das war einst nicht so sehr zu beklagen, denn es herrschte ja Nacht rings umher und nichts, gar nichts war zu sehen, auch ohne Hut vor den Augen. Aber nun ist es im Westen Tag geworden, und im Osten tagt es, und dennoch rücken sie sich den Hut nicht höher. Es wäre nicht nöthig, daß sie ihn lüften, und vollends verderblich wäre es, wollten sie ihn ganz fortwerfen, aber ebenso verderblich ist es, wenn er ihnen die Augen deckt. Er muß höher gerückt werden, und diese unglücklichen Menschen müssen sich daran gewöhnen, dem jungen Tage in’s schöne, morgenrothe Antlitz zu sehen.

Es muß geschehen. und darum wird es geschehen. Die Notwendigkeit ist die einzige Gottheit, an die man glauben darf, ohne je zweifeln oder verzweifeln zu dürfen.

Es wird geschehen. Aber Niemand kann wissen, wie lange noch die Nacht währen wird, und Niemand kann die Opfer zählen, welche sie kostet.

Es ist immer ein Zufall, wenn man von ihnen erfährt. Die Lebenden schweigen, und die Steine sind stumm. Besonders jene, wo eine Inschrift steht. Auf den unbeschriebenen steht doch mindestens ein Fragezeichen, und es kann gelingen, es zu erforschen. So ist es mir mit dem jüngsten solcher Steine ergangen, welchen sie am „guten Orte“ zu Barnow gesetzt. Ich fand ihn erst bei meinem letzten Besuche, eben an jenem goldklaren Septembertage.

Es war ein einsames Grab, ganz einsam. In der Niederung lag es, hart am Flusse, nahe der schadhaften Hecke. Schon dies war auffallend; sonst werden hier die Todten in jener Reihenfolge gebettet, in welcher sie anlangen. Nur zuweilen sichert sich eine Familie einen eigenen Raum. Aber es geschieht nicht allzu oft; hier sind alle Schläfer eine einzige große Familie.

Mit diesem Grabe war eine Ausnahme gemacht worden. Weit und breit war kein anderer Stein zu sehen. Nur ganz nahe, rechts und links, zwei andere Gräber, kleine dürftige Gräber ohne Stein. Man konnte sie nur in nächster Nähe gewahren, so dicht wuchs darüber der Wachholder und die wilde rothe Haideblume. Es war leicht zu errathen, wer da schlief. Knäblein, die vor dem achten Tage dahingestorben, ehe man ihnen einen Namen gegeben. Und die in der Mitte ruhte, war wohl ihre Mutter, denn es war der Grabstein einer Frau; man konnte es an der Form sehen.

Sonst setzt man nur Männern Steine ohne Inschriften, weil nur sie Verbrechen begehen, wirkliche oder sonderbarliche. Das jüdische Weib ist gut und fromm. Es war der erste solche Frauenstein, den ich sah.

Was hatte diese Mutter verbrochen?

Ich grübelte lange darüber in der tiefen sonnigen Stille jenes Herbsttages. Ich erfand mir eine Geschichte nach der anderen, eine sonderbarer als die andere. Aber auch hier sollte es sich wieder einmal bewähren, daß das Schicksal erfinderischer ist, als der Mensch.

Wie ich also sinnend dasaß und auf das einsame Grab schaute und darüber empor in die hellen, hellen Lüfte, durch welche unzählige Mücklein dahinflogen, daß sie im Sonnenlichte mit ihren zarten glänzenden Flügeln oft wie ein feiner Goldregen anzusehen waren – wie ich also saß und sann, klang mir plötzlich ein einförmiges, langsames Getön dumpfer Stimmen in’s Ohr, und als ich aufblickte, sah ich zwei Greise langsam die Hecke entlang schreiten und auf mich zu.

(Schluß folgt.)




Die große Sprengung in „Hellgate“ bei New-York.

Von Georg Asmus.

Die Leser dieses Blattes werden es mir verzeihen, wenn ich mich mit einem Knalleffect bei ihnen einführe. Gestern sind in dem felsigen Fahrwasser zwischen New-York und Long-Island fünfzigtausend Pfund Nitroglycerin und Dynamit abgebrannt worden – die größte Sprengung, welche wohl je vorgenommen worden ist, und darum glaube ich, daß die Sache genügendes Interesse bietet, um ihre Schilderung lesenswerth zu machen.

Der herrliche Hafen von New-York hat, wie jede Karte zeigt, zwei Zugänge vom atlantischen Ocean. Einer, der gewöhnlich benutzte, führt an den sandigen Untiefen New-Jerseys [775] vorüber und ist bei Ebbe und schlechtem Wetter nur mit Gefahr zu passiren. Die vor dem Hafen liegenden Sandbänke wechseln sehr in ihrer Form und Höhe, und tiefgehende Schiffe bedürfen der größten Aufmerksamkeit der Lootsen. Die Einfahrt durch den anderen Zugang ist möglich durch Eintritt der Schiffe an dem nordöstlichen Ende von Long-Island, wo sie dann durch den zwischen dem Festlande und jener Insel liegenden Sund New-York erreichen können.

So fahrbar nun auch der langgestreckte Sund selbst für die tiefstgehenden Schiffe sein mag, so bietet diese Passage doch dicht vor New-York bedeutende Schwierigkeiten. Eine Anzahl größerer und kleinerer Inseln verengen dort die Straße, und neben sichtbaren Gneisriffen drohen verborgene Felsenuntiefen Gefahr. In wildem Wechsel ebben und fluthen die Wasser durch die Enge zwischen Ward’s-Island und Long-Island, und selbst Dampfer haben dort oft ihre Noth. Viele, viele Schiffe sind da schon gescheitert: der Ort ist verrufen und heißt nicht umsonst „Hellgate“ – das ist: „Höllenthor“. Als eines der allerfatalsten Riffe war Hallett’s-Reef bekannt, ein Felsenkopf, der sich gerade am diesseitigen Ende des Hellgate von dem Long-Island-Ufer in den engen Fahrcanal hinein erstreckte. Dieses Riff war auch zur Ebbezeit mit Wasser bedeckt; es hatte eine Ausdehnung von siebenhundert Fuß, dem Ufer entlang, und von dreihundert Fuß nach Norden, unter dem Wasser hin.

Hatte man nun auch im Laufe des letzten Jahrzehnts schon eine Anzahl der umliegenden Riffe durch Sprengungen von außen her auf passabele Tiefe gebracht, so konnten doch an dieser gewaltigen Felsmasse solche Mittel nicht verfangen. Beseitigt aber mußte sie werden, denn sie war nicht nur ein direct gefahrdrohendes Hinderniß, sondern sie gab auch den nach dem Sunde ebbenden Wassern eine gefährliche Richtung nach Ward’s-Island hin.

Eine vollständige Beseitigung jenes Riffes wurde beschlossen und mit den Arbeiten im Juli 1869, unter Leitung des General Newton, begonnen. Es handelte sich darum, der Felsenmasse von innen beizukommen, und die Verfahrungsweise war folgende: Zunächst wurde in dem Theile des Felsens, der über der Wasserhöhe an das Land stößt, eingebrochen und da bis auf die gewünschte Tiefe von dreiunddreißig Fuß unter der Ebbemarke in möglichster Breite niedergegangen. Nach der Wasserseite nahm man so viel, wie man bekommen konnte, und so entstand eine schluchtartige Vertiefung von hundertfünfundvierzig Fuß Breite und neunzig Fuß Entfernung vom Lande zum Wasser. Hier wurde die Grenze durch einen halbringförmigen Kofferdamm gegen besonders hohe Fluthen geschützt. In diesen Raum blickte man dann wie in einen tiefen Hof hinunter. In die anstehende Felsenwand wurden nun hallenartige Stollen getrieben, welche, fächerförmig auseinanderstehend, so weit geführt wurden, wie die Nähe des außenstehenden Wassers es erlaubte, und so hoch, wie das Dach es erforderte, welches zum Schutze stehen bleiben mußte.

Durch tausende vorher vorgenommener sorgfältiger Lothungen hatte man sich einen genauen Plan der äußeren Gestalt des Felsens verschafft und sorgte dafür, sechs bis zehn Fuß von seiner Begrenzung fern zu bleiben. Solcher Stollen mündeten zehn in den Hof, sie waren etwa zwanzig Fuß hoch, bei einer Breite von zehn Fuß. Die zwischen ihnen gelassenen Pfeiler waren vier bis fünf Fuß stark, das am Rande sichtbare Dach acht bis zehn Fuß.

Da es sich darum handelte, so viel Gestein wie nur immer möglich zu entfernen, wurden nun diese natürlichen Pfeiler wieder allenthalben durchbrochen, und zwar in Bogenlinien, welche mit der äußeren Begrenzung der Felsmasse parallel liefen und so dicht beisammen lagen, daß die Pfeiler als unregelmäßige Säulen von etwa vier Fuß im Quadrat stehen blieben und so das Dach trugen. Solcher Säulen blieben hundertzweiundsiebzig stehen. Auf diese Weise hat man den ganzen Felsen ausgehöhlt und in eine Art von luftigen Keller verwandelt, über dessen Gewölbe die strudelnden Wasser des Meeres in Ebbe und Fluth hin- und herfuhren.

Freilich traf man häufig genug auf Klüfte und undichte Stellen, aber es ist immer gelungen, sie zu verkeilen, und in der That war am Schlusse der Arbeiten die durchsickernde Wassermenge so gering, daß eine kleine Dampfpumpe genügte, die Grube trocken zu halten.

Gewiß hat gutes Glück hier mitgespielt, eine einzige große Kluft im Dache hätte noch in den letzten Tagen der Sprengarbeit in wenig Stunden den kostbaren Bau füllen können, und die ganze Mühe wäre vergebens gewesen.

Die große Sprengung von Hellgate war den New-Yorkern längst zu einer Art Fabel geworden. Seit ein paar Jahren war das Wort nur immer kurz vor dem vierten Juli genannt worden, dem Tage der Unabhängigkeitserklärung, wo ganz Amerika mit Feuer spielt, Jung und Alt. Man erwartete, daß diese Hellgatebombe an diesem Tage platzen müsse. Doch die Arbeiten waren mehrfach liegen geblieben, weil der Congreß mit dem Gelde geknickert hatte und stets nur zögernd die zum Fertigbau nöthigen Summen bewilligte.

Da endlich kam vor etlichen Wochen die Kunde: Hellgate ist fertig; das Sprengmaterial ist zur Hand, und bald wird mit dem Laden begonnen werden. Die große Grube wurde jetzt ein vielbesuchter Ort, und da konnte man denn sehen, wie jeder Pfeiler, und ebenso die Decke, vielfach angebohrt war mit Sprenglöchern, welche die Patronen aufzunehmen hatten, die Alles zerreißen sollten. Und nun begann eine Pilgerfahrt von neugierigen New-Yorkern nach dem Hellgate – respective Astoria, einem neuangelegten Städtchen auf dem Landvorsprunge, dessen äußerstes Ende Hallett’s-Reef bildet.

Da konnten wir denn sehen, was im Laufe der Jahre für eine Million Dollars geschehen war, und die beiliegende Skizze giebt vollkommen treu das wieder, was der Besucher von der Landseite aus sah: die niedergesprengte Schlucht mit einigen der unter das Wasser hingehenden Stollen.

Wer immer das Innere des Felsenkellers betreten wollte, konnte es thun. Gegen die Erlegung eines Viertel-Dollars wurde ihm von dem alten Custos der Sprengstätte ein Regenschirm und die an einem Stecken schwingende Oellampe überreicht. Auf einem ziemlich bequemen Treppchen stieg er hinunter in den Hof und durfte dann in die Gallerien treten.

Hier fand es jeder Sachverständige wunderbar trocken; wohl rieselte und träufte Wasser aus tausend Klüften, aber man begriff alsbald, daß die Hauptwassermassen klüglich abgefangen waren und daß kundige Leute da gewirthschaftet hatten. Nach Norden, der Wasserseite zu, neigte sich der schlüpfrige Weg und führte schließlich nach sackartigen Kammern, von denen man annahm, daß sie gründliche Ladungen aufzunehmen bestimmt waren. Jeder Pfeiler war von drei zu vier Fuß mit einem halben Dutzend Bohrlöcher versehen, und in jedem dieser steckte ein Brettchen mit einer Nummer darauf. Nach jedem Brettchen lief eine Schnur: diese Schnüre waren die Ariadnefäden, nach welchen sich die Leute zu richten hatten, welche in wenigen Tagen anfangen sollten, die Patronen einzuführen und diese dann mit der galvanischen Leitung in Verbindung zu setzen.

Es waren im Ganzen 3680 Bohrlöcher, welche, in Gruppen zu je zwanzig getheilt, ihre Verbindungsdrähte noch oben senden sollten. Bald wurde ein Befehl des leitenden Herrn, des General Newton, angeschlagen, bedeutend, daß fernerer Besuch untersagt sei; die Füllung der Sprenglöcher begann.

Mit größter Vorsicht wurden die Dynamitpatronen in den Schacht oder Hof geschafft und dann an Ort und Stelle getragen. Ihre Größe wechselt, denn man richtet sich da nach Härte des Gesteins, Masse, Klüftigkeit u. dgl. Die größten Patronen sind vierundzwanzig Zoll lang und haben drei Zoll im Durchmesser. Die Patronenhülsen bestehen aus wasserdichtem, starkem Papier, und jede hat am vorderen Ende einen Kupferdrahtring, welcher vier Stachelenden herausstreckt. Beim Einführen in’s Bohrloch sperren sich diese am Gestein und halten so die Hülse in Position. Auf die Patrone kommt schließlich die Zündkapsel zu sitzen; sie ist einem großen Zündhütchen gleich, aus Kupfer und zunächst mit Knallquecksilber, dann mit Dynamit gefüllt. Aus jeder stehen zwei Drahtenden hervor, die bestimmt sind, mit den Leitungsdrähten der Batterien verbunden zu werden.

Es ist sehr begreiflich, daß ein Hauptaugenmerk darauf zu richten war, alle Sprenglöcher mit einem Schlage loszulassen, denn eine theilweise einseitige Explosion hätte leicht die Drähte zerreißen und so das ganze Werk ohne Rettung verderben können. [776] Ein zweites Mal war diesem Felsen vom Lande aus nicht beizukommen.

Die Arbeit schritt munter vorwärts – da explodirte auf dem Flusse ein kleines Boot mit Dynamit. Niemand weiß wie – und drei Arbeiter wurden nach allen Winden geblasen.

Jetzt erst fingen die Leute, respective die Zeitungen, an aufmerksam zu werden auf den Umstand, daß ungeheuere Mengen von bedenklichem Material so nahe der Stadt und noch näher den Ortschaften bei Hallett’s-Reef aufgespeichert seien. Doch fort und fort wurden die Bohrlöcher geladen und schließlich vom General Newton die Kunde erlassen, daß die Sprengung am 24. September, Sonntag Nachmittag um 1 Uhr 50 Minuten vor sich gehen würde. Wie in ein Pulverfaß schlug die Nachricht in das Lager der Sensationspresse sowohl, wie in das mancher frommen Leute. „Fünfzigtausend Pfund Nitroglycerin losschießen – kaum dreitausend Fuß von New-York entfernt – dicht bei Astoria – das ist ein furchtbares Wagniß,“ so riefen die Einen, und – „am Sonntag solche Dinge vornehmen, ist ein Verbrechen,“ die Andern. Direct und indirect hatten die leitenden Ingenieure ihre Meinung verbreiten lassen: daß die Sache absolut ungefährlich sei für die Umgegend, daß die ganze Grube vor der Explosion mit Wasser gefüllt würde, daß man jeder Patrone hinlänglich Arbeit zugetheilt habe, um sicher sein zu können, daß das Ganze harmlos verlaufen müsse, und dergleichen. Von Häuptern des Muckerthums wurde der General durch Briefe wegen des Sonntags gelangweilt, denen er ziemlich grob antwortete. Er hatte den Sonntag gewählt, weil ihm der gerade in den Weg fiel, denn vor Samstag Abend konnten die Arbeiten nicht beendet sein, und dann war der Sonntag doppelt bequem, weil da weniger Fahrzeuge unterwegs sind. Die Aengstlichen schrieben sich die Finger lahm und prophezeiten den Untergang von halb New-York. Diesen antwortete der General mit einer beruhigenden Notiz und empfahl den dicht bei Hallett’s-Reef Wohnenden, Fenster und Thüren offen zu halten und während der Explosion mit den Ihrigen in’s Freie zu gehen. Dieses wurde natürlich als eine ernsthafte Befürchtung des Generals aufgefaßt, und die Aufregung stieg von Minute zu Minute.

Die Gartenlaube (1876) b 776.jpg

Blick in den Schacht oder Hof von Hallet’s-Reef.
Für die „Gartenlaube“ aufgenommen von Georg Asmus in New-York.

Endlich wurde es gestern, das heißt Sonntag, den 24. September. Ein widriger Nordost hatte schon am Tage vorher Regen gebracht, und er zerriß Tausende von freundschaftlichen Verabredungen für den andern Tag. Herbstlich dünn und unverdrossen tröpfelte es vom Himmel, und wer die Abneigung der New-Yorker gegen Regen kennt, wird die Bedeutung der Thatsache begreifen, daß trotzdem alle nordwärts führenden Straßen mit beschirmten Fußgängern bedeckt waren. Ihr Referent befand sich auf der New-Yorker Seite. Unter uns war der Fluß oder Meeresarm, gegenüber im Grau des Regentages Astoria und die Landzunge von Hallett’s-Reef. Der directe Abstand mochte fünf- bis sechstausend Fuß sein. Hunderttausend Regenschirme allumher auf den leeren Baugründen und Gneisfelsen. Es regnete etwa so, wie ein langweiliger Schwätzer das thut. Dienstthuende Dampfer fuhren hin und wieder und wiesen freche Segelboote zurecht.

Zwei Uhr war vorüber und sichtlicher Ernst kam in den unübersehbaren Congreß von Regenschirmen. Alle kecken Segler und Ruderer waren beseitigt worden und trübselig hingen die nassen Flaggen von den Masten der Dienstschiffe, die jeden weiteren Zugang versperrten.

Die verschiedenen kleinen Felseninseln, welche in der kaum dreitausend Fuß breiten Fahrstraße liegen, ragten düster aus dem Grau des Wassers in das Grau der Luft, und drüben lag still und schlafend Hallett’s Point, als ob es mit der ganzen Affaire nichts zu thun hätte. Doch in wenigen Minuten wird der zarte Finger eines Kindes, geleitet von dem tapfern General, den bedeutungsvollen Contact herstellen – in demselben Augenblicke werden 3680 Platindrähtchen glühend, und fünfzigtausend Pfund des furchtbarsten Sprengmittels werden mit einem Schlage explodiren. Was wird die Folge sein? Werden die Häuser schwanken und den Leuten auf die Köpfe fallen? Wird eine wüthende Luftwelle entstehen, die Dächer fortfegt und Regenschirme raubt? Wer kann’s wissen! So etwas ist noch nie probirt worden, und die Folgen sind unberechenbar, selbst für einen amerikanischen General und seine trefflichen technischen Adjutanten, die zufällig noch sogar Deutsche sind.

Jetzt fällt ein Signalschuß – noch fünfzehn Minuten! Ein zweiter – noch fünf Minuten – und dann ein dritter. Kaum ist sein Donner verhallt, da steigt drüben eine weiße Wand aus dem Wasser empor. Sie ist wirklich so lang, wie wir wissen, daß das unterminirte Riff es ist, und sie erhebt sich etwa fünfzig Fuß. Ehe wir des Eindrucks recht gewahr werden, steigt über

[777]
Die Gartenlaube (1876) b 777.jpg

Felsensturz im Haslithal an der Grimselstraße.
Nach dem Oelgemälde vom A. Calame. Aus dem Prachtbilderwerke „Die Schweiz von Gsell-Fels“.

[778] den Wall ein brauner Kamm voll dunkler Flecke und Striche. Im nächsten Augenblicke bricht das sonderbare Bild in sich zusammen und ein weiter, weißer Strich bezeichnet die Stelle, wo Hallett’s Reef gesprengt worden ist. Tiefgrollender Donner trifft unser Ohr; die Erde hat kaum gezittert, und nur ein von dem Orte der Katastrophe weit abstrebender lichter Schaumring zeigt noch, daß dort etwas die Wasser bewegt hat. Der Ring geht weiter und weiter, säumt die Felseninseln mit schimmerndem Weiß und verläuft harmlos am Strande. Doch wo ist die gefürchtete Luftwelle? Träge und schlaff hängen die Flaggen an den nahen Masten – der Stoß ist nach oben gegangen; er hat auch nicht einen Regenschirm umgestülpt.

Wenn die Amerikaner überhaupt Anlage hätten, Schafsgesichter zu machen, so hätten sie das bei dieser Gelegenheit sicherlich zur Geltung gebracht. Weit davon war’s bei den Meisten nicht. Dafür also waren sie herausgestrampelt – die Straßenbahnwagen waren ja alle überladen gewesen – durch Regen und Schmutz; darum hatten sie sich aufregen lassen seit Tagen – und kein Unheil war geschehen. Nur den kleinen weißen Putsch hatten sie in der Ferne gesehen.

Und jetzt wimmelte es auf der vorher so öden Wasserfläche von Fahrzeugen aller Art. Segel-, Ruder- und Dampfboote fuhren durcheinander, alle die Flaggen hoch, und die Pfeifen und Böller der letzteren machten einen Lärm, gegen den derjenige der Explosion Kinderspiel gewesen war.

Mir und manchem Anderen aber lachte das Herz. Die Sache war geglückt in zwiefacher Beziehung. Die Länge der aufgestiegenen Cascade hatte bewiesen, daß die Explosion in der vollen Ausdehnung vor sich gegangen war, und die Abwesenheit jedes überflüssigen Spectakels, daß die Ingenieure richtig gerechnet hatten. Jede Patrone hatte ihr passendes Maß von Arbeit zugetheilt bekommen, und für übermüthiges Spiel schien nur so viel Ueberschuß gegeben worden zu sein, daß den guten Neugierigen wenigstens ein kleines Schauspiel nicht entging.

So ist das gefährliche Riff in Trümmer gelegt, und in nicht langer Zeit wird man die noch etwa störenden Felsstücke heraufgeholt und in’s Meer versenkt haben, wo es tief genug ist.

Ueber die Tragweite des also gelungenen Unternehmens gehen die Ansichten weit auseinander. Jedenfalls ist für die Schiffe, welche unsere Nordostküste befahren, ein außerordentlicher Vortheil errungen worden; das so gefürchtete Hellgate ist von seiner größten Gefahr befreit. Ob aber die Ansicht Mancher, daß auch die Europafahrer und besonders die Dampfer die Sundstraße der altgewohnten jetzt vorziehen werden, richtig ist, steht doch wohl sehr zu bezweifeln. Zwar ist der Sundweg der kürzere, und ein Schiff hat die eigentliche Seereise überstanden, sobald es sich hinter der schützenden langen Insel befindet, aber in Hellgate wird noch manche große Sprengung vorgenommen werden müssen, ehe sich die Kolosse durch jenes enge Pförtchen in unseren Hafen zwängen.




Alexander Dumas bei Frau Rattazzi.

Eine Erinnerung aus der Florentiner Gesellschaft.

Jüngst meldeten die Zeitungen, daß Frau Rattazzi, die Tochter der Lätitia Bonaparte und des ehemaligen englischen Gesandten in Athen, Herrn Wyse, die Wittwe des verstorbenen italienischen Ministers Rattazzi, wieder ein neues Buch unter der Presse hat. Da es nicht ihr erstes Opus ist, so interessirt es vielleicht in weiteren Kreisen, einen Blick in die Werkstätte dieser Freundin Victor Hugo’s, A. Dumas’ und anderer berühmter französischer Schriftsteller zu werfen, einer Frau, die sowohl durch ihre unverwüstliche Schönheit wie die Excentricität ihres Geistes nicht blos zeitweise das Herz von Königen bestrickt, sondern auch die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. War sie doch bis zu dem erst vor wenigen Jahren erfolgten Tode ihres zweiten Gemahls nur durch den strengen Befehl der Aerzte von der Leiche zu trennen, deren Section sie beiwohnen wollte, um den Becher des Schmerzes bis zur Neige zu leeren. Jetzt soll sie zum dritten Male, und zwar einen Spanier geheirathet haben.

Frau Maria Rattazzi saß im Frühjahre 1867 an ihrem eleganten Schreibtische und bekritzelte, den Kopf tief auf’s Papier gebeugt, einen mit der kaiserlichen Krone versehenen Bogen, der, in einen Umschlag gesteckt und mit der Fünfcentimesmarke versehen (mit welcher Frau Maria schon vor zehn Jahren die Weltposttaxe ahnte, wenngleich ihre Freunde das seltene Ahnungsvermögen durch beständiges Draufzahlen büßen mußten), für einen Brief gelten sollte. Sie schrieb an ihren Freund Dumas (Dumas Vater natürlich) folgende Worte:

„Beschleunigen Sie Ihren Frühjahrsbesuch! Bis es zum Einkaufe der heurigen ‚Etrennes‘ (Neujahrgeschenke) Zeit ist, muß ein Buch von mir auf dem Markte sein, und Sie wissen, meine Bücher kann ich nicht ohne – den Rath meiner Freunde schreiben. Außerdem sehne ich mich wieder einmal nach einem guten Mittagessen. Kommen Sie!“

Ohne zu warten bis die Tinte getrocknet, ohne zu bedenken, ob die ohnehin schon hieroglyphischen Zeichen noch lesbar sein werden, wenn der Brief an seine Adresse gelangt, hat ihn Frau Maria seinem Schicksale in Gestalt eines Dieners übergeben.

Wenige Tage darauf wird den Florentiner Freunden der Frau Rattazzi mitgetheilt, Alexander Dumas sei im Anzuge – er komme, seine alte Freundin zu besuchen und das Haus in Piazza Santo Spirito von seinem herzlichen, naiven Kindergelächter erschallen zu lassen. Am bestimmten Abende versammelt sich die Schaar der Freunde; sie ist nicht zahlreich und auch mehr dem Gehalte als der Form nach gewählt – Parteigenossen des berühmten Staatsmanns – sie zählt wenige Damen auf, doch unter diesen eine Seltenheit im Hause der Frau Maria, ein Mädchen, einen scheuen, unverfälschten Backfisch, dem heute die doppelte Ehre zu Theil wird, zum ersten Male ein langes Kleid zu tragen und Dumas vorgestellt zu werden, Dumas, von dessen Werken das Kind auch noch nicht ein Titelblatt gelesen hat, der aber deshalb nur um so phantastischer im Gretchen-Kopfe spukt. Dumas hat sie kaum gesehen und schon ausgerufen „Eine kleine Deutsche!“ Man hatte ihm den Vater als einen Italiener vorgestellt; von der Mutter wußte er nichts. Als er hörte, er habe vollkommen Recht, denn der italienische Papa sei nur ein Stiefvater, ist er stolz auf seinen scharfen Blick und legt den Arm der Kleinen auf das titanische Stück Muskel und Fett, das er seinen Arm nennt, um mit der übrigen Gesellschaft Bekanntschaft zu machen. Er hat sie Alle schon mehr als einmal gesehen, aber er erneuert die alten Beziehungen und erzählt mit heiterm Humor, wie er seinen Tag zugebracht. Am frühen Morgen ist er mit seinem Diener und einer Anzahl Körbe auf den Markt gefahren und hat dort, jedoch ohne zu feilschen, ganz wie eine gute Hausmutter, seine Einkäufe gemacht: Fisch, Fleisch, Geflügel, Gemüse; sogar das Grüne zur Suppe hat er nicht vergessen. Nachdem er seine Anordnungen für die vorbereitenden Arbeiten in Küche und Speisesaal getroffen, hat er sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und ein Capitel für Frau Maria’s Buch geschrieben. Erst Nachmittags erscheint er in einem Aufzuge, für dessen Originalität Frau Maria ihm die Hand küßt. Er ist der appetitlichste weißgekleidete Koch, den man sehen kann, nur daß man sechs Köche für gewöhnliche Anforderungen aus ihm schnitzen könnte. Jetzt tritt er das Regiment in der Küche an, und bald duftet es nach den seltensten Mischungen, die nur ein französisches Genie zusammenbrauen kann. Schweißtropfen stehen auf der Stirn, hinter welcher die Geburtsstätte einer Welt voll lebender Gestalten ist, aber er schabt und rührt und klopft und mischt und versucht und commandirt weiter, bis er selbst erklären kann: „Das Diner ist zum Serviren bereit, Madame.“

Das Essen ist vorzüglich und, kleine Zwischenfälle abgerechnet, wie die gänzliche Abwesenheit des Brodes und das mit staunenswerther Präcision ausgeführte Erlöschen sämmtlicher Lampen, verläuft Alles auf’s Beste.

Dumas hat beim Aufstehen von der Tafel noch immer sein Backfischchen an der Seite, denn die Etiquette macht ihm wenig Sorgen, ist bei einem Schöngeiste, wie Frau Maria, auch gar nicht nothwendig. Die Kleine schlägt schüchtern eine Promenade [779] durch die hellerleuchteten Gemächer der schönen Wirthin vor. Dumas willfahrt ihr gern. Sie bleiben vor hundert Kleinigkeiten stehen. Der Dichter hat überall etwas zu sagen, aber merkwürdiger Weise ist er heute nicht so geistreich wie sonst, obgleich sich jedes seiner Worte tief in des Kindes Seele senkt. Plötzlich bleibt er vor ihr stehen, macht seinen Arm los und nachdem er sie kurz angesehen, fragt er:

„Habe ich nicht Ihre Erwartungen von mir getäuscht? Sie sagten, daß Sie sich sehr gefreut auf diesen Abend. Der Abend hat sein Versprechen nicht gehalten, nicht wahr, mein Kind?“

Er fürchtete wohl, daß das Mädchen trotz seiner Jugend mit einer ihm angelernten Phrase antworten würde – aber das Kind war aufrichtig und sagte:

„Ich dachte mir Dumas witziger und nicht so liebenswürdig – nicht so gut.“

Er faßte ihre beiden Hände so fest, daß sie beinahe vor Schmerz aufgeschrieen hätte:

„Ich bin liebenswürdig und gut, gut! Hundertmal wollte ich witzig sein, aber Ihre blauen Augen brachen dem Witz die Spitze ab. Ich weiß jetzt, warum gute Leute gewöhnlich so langweilig sind.“

Der Backfisch war heute in einer neuen Welt; er wunderte sich über nichts, nahm Alles wie es kam, freute sich an Allem, während die unschuldige Seele sich, dem Mädchen unbewußt, vorbehielt, ob nach reiflicher Ueberlegung Alles zu vergessen, oder als Richtschnur für’s künftige Leben anzunehmen sei.

Die Beiden standen vor dem Schreibtische der Frau Maria, diesem reizenden Durcheinander, das nicht das Bild der Ordnung gab, sondern eine launenhafte Anhäufung hübscher Geschenke war. Er war das Ideal eines Dichterherdes und hatte nur einen Fehler – er war den Besuchern seiner Besitzerin ebenso leicht zugänglich wie deren Salon, Speisezimmer, Schlafgemach etc. Ueber dem Schreibtische hing Frau Maria’s lebensgroßes Oelbild, auf dem sie als Bacchantin dargestellt ist. Sie hat sich von derselben Künstlerin, die dieses Bild verfertigt, als Waldnymphe malen lassen und das pikante Gemälde einem Anbeter als Geschenk übersandt. Dumas hat sonst an dem Bilde viel Vergnügen gefunden – heute wendet er sich davon ab und zieht seine Gefährtin hastig fort.

„Es muß herrlich sein, den Namen Dichterin zu verdienen,“ sagt mit einem schwärmerischen Seufzer die Kleine.

„Werden Sie immerhin eine Dichterin – aber werden Sie keine Maria!“ flüsterte ihr Dumas zu. Er führte sie in den Salon zurück, wo der italienische Staatsmann mit seinem feinen, genialen Gesichtsausdrucke, dem seit einiger Zeit etwas vom Märtyrer beigemischt war, unter der Thür stand und sie freundlich begrüßte. Er spricht französisch, was dem Piemontesen trotz seines Patriotismus leichter von der Zunge fließt, als italienisch.

„Nun, Dumas, ich gratulire Ihnen zur Dame, die Sie sich erwählt. Ich möchte Zeuge Eurer Unterhaltung gewesen sein. Ich wußte nicht, daß Sie auch harmlos plaudern können.“

„Mademoiselle hat nur selbst das beste Zeugniß ausgestellt. Ich bin heute Abend weniger witzig, als liebenswürdig.“ Rattazzi lacht vor sich hin und läßt die Beiden vorübergehen. Dumas kann sich der Schicklichkeit nicht fügen – er bannt die Kleine an seine Seite – er verlangt, sie solle ihre beiden Hände in die seine legen, da er die eine kaum fühlt in seiner alles menschliche Maß überschreitenden, großen, breiten, ehrlichen Hand. Nachdem er sie ausgefragt und das einfache, kein Geheimniß bergende, freudevolle, stille Leben des Mädchens wie ein versteckter Gebirgssee, zu dem nicht Wind noch Wetter gelangt, spiegelglatt vor ihm liegt, erzählt er ihr vom Theuersten, was er besitzt, von seiner einzigen Tochter, der genialen Malerin, die am besten Zeugniß giebt, daß sie Dumas unbeeinflußt aufwachsen ließ, indem ihre Frömmigkeit beinahe in Schwärmerei ausartet. Sie schien das Ideal im Herzen Dumas’ zu vertreten, denn das ewig heitere, braune Riesenantlitz wird ernst, und die Augen ruhen nicht mehr auf dem Mädchen an seiner Seite; sie scheinen die Ferne zu suchen, und in der Ferne die einzige Tochter, die zugleich für sich und den Vater tugendhaft ist.

Jetzt tritt eine Frauengestalt an das eigenthümliche Paar heran, die erwähnte Malerin, die zugleich dichtet, singt, spielt, meißelt und nebenbei ein Geschäft betreibt, das sonst ein weibliches Wesen allein in Anspruch zu nehmen pflegt: – sie hofft noch immer auf einen Mann. In ihrer Toilette liegt etwas, das diesen Wunsch verräth; wir möchten bei ihrem Anblicke an Angelika Kaufmann erinnert werden, was jedoch nur insofern gelingt, als es zu einem für das Fräulein – ach, noch immer Fräulein, und schon längst alt genug, um Frau zu sein! – sehr ungünstig ausfallenden Vergleiche führt. Stammelnd, erröthend bringt sie ihr Anliegen an den „großen Dumas“ vor, die Bitte, er möge ihr auf einen augenscheinlich zu diesem Zwecke neu angekauften Fächer – er riecht noch nach den Ledergegenständen, die neben ihm im Schaufenster lagen – er möge ihr auf diesen Fächer „etwas“ schreiben, „irgend etwas, was es auch sei.“

Dumas läßt sich ziemlich lange bitten; er vergleicht offenbar seine Nachbarin mit dieser verblühten Angelika Kaufmann und hört kaum auf ihre wiederholte Bitte. Endlich läßt er sich herab, ein Tintenfaß zu verlangen. Angelika fliegt fort, daß die classischen weißen Gewänder flattern. Frau Maria hat ihr zum Tintenfaß noch eine Kielfeder gegeben. Dumas legt den Fächer auf einem Tische zurecht und fängt an, mit gemächlichen Zügen auf dem Holze herumzumalen. Angelika’s Wangen färben sich. Sie schaut triumphirend im Zimmer umher und wirft kaum einen flüchtigen Blick auf die Hand Dumas’, sie will sich die Ueberraschung nicht verderben; endlich darf sie den Fächer in die Hand nehmen. Auf dem weißen Holze prangen des Fräuleins Initialen, L.G., in zierlich ausgeführter mittelalterlicher Mönchsschrift, die Dumas wahrscheinlich auf den Bibelillustrationen seiner Tochter zu studiren Gelegenheit gehabt. Die arme Angelika hat einen harten Stand, nicht in Thränen auszubrechen, nicht zu rufen: „Das hat ja keinen Werth.“ Niemand wird ihr glauben, Dumas sei der Schöpfer dieser barocken Schnörkel, und wenn auch, so ist das keine Huldigung – sie hatte ein Sonnett auf die neue Angelika Kaufmann erwartet.

Als man Dumas später an demselben Abend auf der Künstlerin enttäuschtes Gesicht aufmerksam machte, brach er in helles Lachen aus, das bei ihm die Erinnerung an einen ähnlichen Fall erweckte, den er auch mit Laune erzählte. Eine Madame Bonbelles, die Frau eines französischen Gesandten, hatte vergessen, ihn zu einem von ihr veranstalteten Diner einzuladen, und sich den Tag darauf nicht entblödet, ihm ein Album zu bringen, in das er auch „etwas, was es sei!“ schreiben sollte. Dumas überraschte sie mit folgenden Zeilen:

„Dites pourquoi ces gens s’appellent-ils Bonbelles?
Le mari n’est pas bon; la femme n’est pas belle.“

(„Sagt, warum heißen die Leutchen Gutschön?
Der Mann ist nicht gut, und die Frau ist nicht schön.“)

Die gute Laune blieb Dumas bis an’s Grab getreu, denn klingt es nicht wie Galgenhumor, daß der geniale Schriftsteller, eine der ersten Größen Frankreichs, der Millionen vergeudete, welche doch ehrlich erworbene Arbeitsfrucht waren, daß er die letzten Jahre seines Lebens als Saucenfabrikant verbrachte? Welch’ volles Leben liegt zwischen dem Jahre 1803, wo er als Copist in der Schreibstube des Herzogs von Orleans saß, den Kopf voll Zukunftsplänen, die Brust von Ehrgeiz und Drang nach Großem geschwellt, und 1870, wo er in einem kleinen Dorfe seines Vaterlandes den letzten Athem aushauchte, während deutsche Kugeln die Häuser seines geliebten Paris durchdrangen! Eine Ueberfülle an Genuß lag hinter ihm, aber auch so viel Arbeit, wie sie kein gewöhnlicher Sterblicher zu vollbringen weiß. Das Geheimniß der dreihundert Bände freilich liegt nicht blos in einer das Wunderbare erreichenden Arbeitskraft, sondern auch in der fleißigen Mithülfe, die er sich zu verschaffen gewußt. So schrieb ein Neapolitaner, Namens Fiorentino, über zehn von Dumas’ Romanen. Dumas half sich, als man ihm diese Mitwirkung als eine Art von Betrug vorwarf, mit dem Beispiel Raphael’s, der ja auch der Schüler in Menge gehabt hat, und nur die letzte Hand an manches Werk legte, das jetzt als echter Raphael bewundert und bezahlt wird.

Dumas hat auch umgekehrt gehandelt, denn wie Vieles seinen Namen trägt, an dem seine Feder unschuldig ist, so hat er an Frau Rattazzi’s Werken Manches gearbeitet, das dieser den Ruf einer genialen Frau verschaffte. So erschien bald nach seinem Aufenthalt im Hause der Ministerin ein Buch von dieser, das [780] allgemeines Aufsehen erregte. Rattazzi war damals Ministerpräsident und wurde ohne sein Vorwissen eines Morgens mit einem Bande überrascht, auf dem sein Name stand und den elf Herausforderungen zum Duell begleiteten. Seinem Vaterlande mit Leib und Leben gehörig, darf ein Rath des Königs keine solche Herausforderung annehmen, und so mußten sich die Beleidigten auf den Zeitpunkt vertrösten, wann Rattazzi, seines Portefeuilles verlustig, wieder Privatangelegenheiten obliegen durfte. Es waren elf Ehemänner, die sämmtlich die Ehre ihrer Frauen zu rächen kamen, da sie Frau Maria in ihrem Buche mit so unverkennbaren Worten angegriffen hatte, wie dies nur immer möglich war. Sie läßt in ihrem Buche vor einem unverdorbenen jungen Mädchen die ganze Stadt (Bicheville nennt sie dieselbe) Revue passiren, und was sie unter dem Staub der Zeit an unangenehmen Familienverhältnissen hervorstöbern konnte, fand einen Platz in diesem Buche. In zwei Tagen war die Auflage vergriffen, und als eine zweite, mit den rechten Namen der aufgeführten Damen als Randglossen, erschien, mußte der Verkauf verboten werden, denn der Thränen flossen so viele von schönen Frauenaugen, als habe ein Krieg den armen Herzen die tiefsten Wunden geschlagen. Daß Frau Rattazzi sich auf diese Weise bei den italienischen Frauen nicht populär machte, läßt sich denken. Sie glaubte durch ihr Werk zu imponiren, sich für die kalte Aufnahme, welche sie als Gattin Ratazzi’s nicht erwartet hatte, zu rächen und für die Zukunft gefürchtet zu machen. Aber sie hatte ihren letzten Trumpf ausgespielt – Bicheville hatte kein Geheimniß mehr, das die „Dichterin“ verwerthen konnte, und die Antipathie, die man sie hatte fühlen lassen, schlug in Verachtung um. Wieder wird ein Buch aus ihrer Feder gemeldet – Frau Rattazzi schreibt nur, wenn sie dabei einen bestimmten Zweck im Auge hat, es ist selten ein rein literarischer. Die Frage ist: „Was führt sie dieses Mal im Schilde?“

W.

Blätter und Blüthen.

Ein künstliches Auge. Bekanntlich ist das menschliche Auge zunächst nur ein physikalischer Apparat, und zwar ein Apparat von großer Vollkommenheit, wenn auch nicht so durchaus allen Anforderungen entsprechend, wie man ihn, mit Helmholtz zu reden, von einem geschickten Optiker verlangen würde. Die Camera obscura das dunkle Kästchen, in welchem der Photograph seine Bilder erzeugt, ist ein vergrößertes Abbild des Auges, und das Bild der Außendinge, welches sich durch die chemische Wirkung des Lichtes auf der in diese Kammer eingeschobenen Platte fixirt, ist ein vollkommenes Gegenstück zu dem ebenfalls verkehrten Bilde, welches sich auf dem Hintergrunde unseres Auges abmalt. Damit sind aber die Aehnlichkeiten mit dem physikalischen Apparate zu Ende, denn in und hinter der Netzhaut, die den als Bildplatte dienenden Augenhintergrund bedeckt, beginnt erst das eigentliche Sehen, das heißt die Empfindung und Deutung des in dem physikalischen Apparate erzeugten Bildes der Außendinge. Ein in London lebender deutscher Physiker, Herr C. William Siemens, hat indessen kürzlich gezeigt, daß man die Analogie noch weiter treiben kann, und ein künstliches Auge mit empfindlicher Netzhaut hergestellt, welches nicht nur Licht und Dunkelheit, sondern auch die einzelnen Farben unterscheidet, ja wie ein lebendes Auge bei längerem Betrachten einer Farbe ermüdet und, von plötzlicher Helligkeit geblendet, die Wimpern schließt. Die empfindliche Netzhaut desselben ist aus einer dünnen Schicht von Selen, einem dem Schwefel und Phosphor ähnlichen Elementarstoffe, gebildet, wobei an Stelle der Nerven, die sich in der Netzhaut verzweigen, zwei galvanische Leitungsdrähte spiralig oder im Zickzack parallel neben einander in derselben verlaufen, sodaß überall Selenmasse zwischen ihnen liegt. Das Selen zeigt nämlich nach den in den letzten Jahren angestellten Beobachtungen mehrerer englischer Ingenieure und Physiker, wenn es bis zu einem gewissen Punkte erhitzt und dann erkaltet ist, bleibend die höchst merkwürdige Eigenschaft, vom Lichte derartig beeinflußt zu werden, daß es den galvanischen Strom um so besser leitet, je stärker[WS 1] es beleuchtet wird. Dr. Werner Siemens, der Chef der weltberühmten Telegraphen-Bauanstalt in Berlin, hat diese Eigenschaft des Selens am genauesten studirt und einen sinnreichen Apparat darauf begründet, um die Stärke irgend einer auf die Selenplatte fallenden Lichtquelle direct nach dem Widerstande zu messen, den ein galvanischer Strom in der beleuchteten Selenschicht findet. Der Apparat seines Bruders, das künstliche Auge, beansprucht nicht die Wichtigkeit, welche dieser Lichtmesser als wissenschaftliches Instrument möglicher Weise gewinnen kann, er ist dafür um so lehrreicher. Das gläserne Auge wird von zwei Wimpern beschattet, die nach ihrer Oeffnung das durch eine Glaslinse gebrochene Licht auf die künstliche Netzhaut werfen. Die in derselben, ohne sich zu berühren, Parallellinien beschreibenden Drähte gehen von einem galvanischen Elemente aus und umkreisen, ehe sie in die Netzhaut eintreten, der eine einen Elektromagneten, der andere eine Magnetnadel, die hier den Beweis liefern soll, daß wirklich, wie Thales lehrte, in ihr eine empfindende Seele wohnt. Wird nun vor das künstliche Auge eine weiße Tafel gebracht, die man vermittelst eines schwarzen Tuches bald in Dunkelheit hüllen, bald mit dem farbigen Schimmer des durch bunte Gläser gegangenen elektrischen oder des Sonnenlichtes betrachten kann, so gewahrt man mehr oder minder starke Ablenkungen der Nadel aus ihrer sonst mehr oder weniger bestimmten Richtung auf den Nordpol.

Die kleinste Ablenkung erzeugt das blaue Licht, welches auch dem Menschen als das mildeste und ruhigste erscheint. Eine lebhaftere Bewegung der Nadel bewirkt das grüne, eine noch stärkere das gelbe und die stärkste das rothe Licht, welches so auch auf Thiere – man denke nur an die durch rothe Tücher gereizten Truthähne und Stiere! – die stärkste Wirkung ausübt. Läßt man dieses rothe oder andersfarbige Licht alsdann anhaltend wirken, so ermüdet die künstliche Netzhaut ebenso wie die natürliche und der anfangs stärkere Ausschlag der Nadel nimmt allmählich ab. Sie bedarf der Erholung im Dunklen, des Schlafes. Man sieht, es entspricht hier die Magnetnadel dem Gehirne, in welchem die Eindrücke zur Wirkung kommen, und die Leitungsdrähte den Empfindungsnerven, mit denen sie so oft verglichen worden sind. Ja, es lassen sich mit diesem Apparate sogar die Reflexbewegungen des Auges darstellen, das heißt das unwillkürliche Schließen der Wimpern, wenn das Auge durch ein ungewohntes Licht geblendet wird. Es ist zu diesem Zwecke nur erforderlich, daß ein Elektromagnet, der durch Anziehung eines Ankers die Schließung der Wimpern in Folge des bei intensivem Lichte stärkeren Stromes hervorbringt, in die Leitung eingeschaltet werde. So roh eine solche Nachahmung sein mag, und so wenig sie geeignet ist, unserer wohlbegründeten Bewunderung des Baues der thierischen Sinneswerkzeuge Abbruch zu thun, sicher wird dieses künstliche Auge zu den sinnreichsten Lehrapparaten gerechnet werden müssen, die es giebt.

C. St.

Die Schweiz – „in Bildern“ (s. Abbildung S. 777) ist nichts Neues; das republikanische Alpenland ist, selbst Palästina nicht ausgenommen, das illustrirteste Fleckchen der Erde. Es sind Tausende von schweizerischen Alpenbildern, aus dem Leben der Natur und des Volks, über alle Erdtheile zerstreut und vervielfältigt, und auch an Sammlungen derselben besteht keine geringe Anzahl. In künstlerischer und typographischer Beziehung ist jedoch wohl noch keine solche Sammlung mit mehr Aufwand und Geschmack hergestellt, als „Die Schweiz (von dem bekannten Reiseschriftsteller) Gsell-Fels“, welche soeben in Friedr. Bruckmann’s Verlag (München und Berlin) erscheint. Von den Künstlern, welche dazu Neues geliefert, oder aus deren bereits berühmter Werken das Beste dazu ausgewählt worden ist, brauchen wir nur Namen wie A. Anker. A. Bachelin, J. Balmer, A. Calame. G. Cloß, E. Rittmeyer, B. Vautier, I. Zimmermann zu nennen, um auf den wahren Werth des Werkes hinzuweisen der namentlich auch in der außerordentlichen Treue und Wahrheit der bildlichen Darstellungen zu suchen ist. Von den Illustrationen theilen wir in unserer heutigen Nummer ein erst in einem der nächsten Hefte des Werkes an die Oeffentlichkeit kommendes Bild mit, von welchem wir gestehen, daß ein gelungenerer Holzschnitt uns kaum jemals zu Gesicht gekommen; die Feinheit der technischer Behandlung grenzt an die Leistungen des Stahlstiches, und die Kraft des Farbentons in der Darstellung dieses Augenblicks der Ruhe nach einem furchtbaren Natursturm ist von einer Wirkung, die der des Originals nahe kommt. Letzteres bildet neben noch drei gleichgroßen Gemälden Calame’s den Hauptschmuck im großen Saale des städtischen Museums in Leipzig. Es führt uns vor eine wilde Partie des Haslithals in den Berner Oberalpen. Das Oberhaslithal besteht bekanntlich aus mehrerer Schluchten, deren jede zu einem weiten ebenen Becken führt: diese Becken sind einst kleine Seen gewesen, bis die Aar sich ihre Wege von See zu See immer tiefer aushöhlte und bis der Boden erreicht und der Abfluß bis auf den Grund möglich war. In der Nähe von Handeck ist der Ort unseres Bildes zu suchen.


Zu dem Artikel „Merkwürdige Krankheitsfälle. 1. Der schlafende Ulan“ haben wir ergänzend nachzutragen, daß laut neuesten Nachrichten der räthselhafte Kranke nunmehr aus dem Potsdamer Garnisonlazareth als geheilt in seine Heimath entlassen worden. Wie verlautet, beabsichtigt man höheren Orts ihn nach seiner völligen Kräftigung nicht wieder in den Millitärdienst zurückkehren zu lassen, sondern ihm eine andere Lebensbahn zu eröffnen.


  1. Der Verfasser des trefflichen Buches „Halb-Asien“ wird in einigen Monaten in Stuttgart ein neues Buch „Die Juden von Barnow“ erscheinen lassen. Es ist uns eine große Freude, aus dem Manuscripte des talentvollen Schilderers die obige stimmungsvolle Skizze jetzt schon veröffentlichen zu können.
    Die Redaction.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: je seltener. Vergl. Berichtigung in Das Bild im Auge sterbender Tiere, Jg. 1877, Heft 10, S. 172