Merkwürdige Krankheitsfälle

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Autor: C. St.
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Titel: Merkwürdige Krankheitsfälle
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 723–725
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Merkwürdige Krankheitsfälle.
1. Der schlafende Ulan.


Seit anderthalb Jahren bringen die Berliner Zeitungen ziemlich regelmäßig in bestimmten Zwischenräumen Nachrichten über das Befinden eines kranken Soldaten im Potsdamer Militärlazarethe, eines Schlesiers Namens Gurs, und zwar ausführliche „Bulletins“, wie wir sie sonst nur gewöhnt sind über das Befinden eines kranken Fürsten, oder eines vieltheuren Hauptes der Kunst oder Wissenschaft zu erhalten. Es war, wie leicht erkennbar, in diesem Falle nicht der Kranke, sondern seine Krankheit, welche ein weitergehendes Interesse wachrief: der Mann wurde nämlich von einem Nervenübel heimgesucht, dem man in früheren Zeiten häufig einen übernatürlichen Ursprung zugeschrieben hat, von der mit einer tiefen Schlafsucht (Lethargie) verbundenen Starrsucht (Katalepsie).

Die Krankheit des dem dritten Garde-Ulanen-Regimente angehörenden Soldaten hatte sich bereits im Herbste 1874 durch heftige Kopf- und Rückenschmerzen angekündigt, und letztere hatten schließlich so zugenommen, daß der Kranke gegen Ende Mai 1875 von Nauen nach dem Garnisonlazarethe in Potsdam gebracht werden mußte. Hier nun trat nach kurzer Zeit jene Wendung der Krankheit ein, welche den Patienten zum Gegenstande einer weit über die Mauern des Krankenhauses hinausreichenden Aufmerksamkeit machte. Er war in einen Starrkrampf verfallen, während dessen er nicht nur wochenlang völlig regungslos in der angenommenen langausgestreckten Lage verharrte, sondern auch die Gliedmaßen eines Leichnams darbot. Längere Zeit hindurch war man genöthigt, ihm den Mund mit Gewalt zu öffnen und einen Knebel zwischen die Zähne zu stecken, um ihm die Nahrung, die in der ersten Zeit nur aus Fleischbrühe bestand, mit Gewalt einzuflößen. Sobald man die gewaltsame Ernährung bewirkt und den Keil entfernt hatte, fielen die Zähne mit einem lauten Schlage zusammen.

Daß hier nicht eine der in Militärlazarethen nicht eben selten vorkommenden Krankheitsheucheleien vorlag, ergab außer den übrigen Symptomen die bei solchen Kranken gewöhnliche Unempfindlichkeit gegen schmerzhafte äußere Eingriffe, z. B. gegen den elektrischen Strom eines sogenannten Inductionsapparates. Bei der Anwendung dieses Probirsteins hält die Verstellungskunst selten Stich, sodaß er häufig dienen muß, die Aufrichtigkeit einer Krankheit zu erproben, wobei er vor den Foltermaschine der alten Zeiten den Vorzug voraus hat, keinen Schaden an der Gesundheit anzurichten. Bei dem „schlafenden Ulanen“ konnte ein Mißtrauen, wenn überhaupt, doch nur sehr vorübergehend auftauchen, denn die genauere Beobachtung ergab alsbald, daß man es hier mit einem schwer Kranken zu thun habe.

Da der Vater desselben angab, daß auch er in seiner Jugend einen ähnlichen Anfall gehabt und damals durch das Ansetzen eines Blutegels hinter’m Ohr geheilt worden sei, so versuchte man das einfache Mittel auch hier, aber ohne den früheren Erfolg. Der Zustand der völligen Gliederstarre und Geistesabwesenheit dauerte nicht ganz so lange, wie derjenige der berühmten Siebenschläfer, aber er währte doch länger als einen Monat, und bis zu dem völligen Erwachen aus der Geistesnacht sollte mehr als ein ganzes Jahr hingehen.

Man darf aber nicht aus dem ihm gegebenen Beiworte schließen, daß der Kranke diese ganze Zeit hindurch im eigentlichen Sinne des Wortes geschlafen habe, denn oftmals sah man ihn auch mit geöffnetem, starr gegen die Zimmerdecke gerichtetem Auge daliegen, und dann zuckten die Wimpern, wenn man dem Auge mit einem Schlage drohte. Allein offenbar befanden sich seine Geistesorgane auch während dieses scheinbaren Wachens und lange nachdem der Starrkrampf der Glieder nachgelassen hatte, in einem schlafähnlichen Zustande: Schmerzenslaute, wenn man die steifgewordenen Glieder zu biegen versuchte, und einzelne unverständliche polnische Worte waren nach Monaten die ersten Zeichen des wiederkehrenden Bewußtseins. Indessen öffnete sich nun auch der Mund, sodaß man nur nöthig hatte, die Nahrung hineinzubringen und Mund und Nasenlöcher zusammen zu drücken, um den Kranken zum Hinunterschlucken zu nöthigen. Auch das war zuletzt nicht mehr erforderlich.

[724] Im Laufe des letzten Sommers, das heißt also Jahr und Tag nach dem Beginne der Krankheit, waren die geistigen Thätigkeiten noch immer so herabgedrückt, daß der Kranke erst auf mehrmaliges lautes Anrufen eine meist verwirrte Antwort gab, wie wenn Jemand aus einem tiefen Schlafe plötzlich erweckt wird. Er befindet sich nunmehr auf dem Wege der Wiederherstellung, die bei ihm recht langsam fortschreitet. Nicht allein, daß er das Gehen verlernt hat, was ja eine gewöhnliche Erscheinung nach langwierigen Krankheiten ist, er muß auch wie ein kleines Kind wieder sprechen und schreiben lernen, als hätte sich der Geist um zwanzig Jahre verjüngt. Leider soll auch das Gehör ein wenig gelitten haben.

Das Interesse, welches sich an diesen Krankheitsfall knüpft, ist ein vielfaches. Sonst war die Starrsucht am häufigsten bei religiösen Schwärmern und sogenannten Somnambulen beobachtet worden, die während ihrer Verzückungen sich fast freiwillig in diesen Zustand versetzen zu können scheinen und dann sowohl ungewöhnliche Stellungen lange beizubehalten, wie empfindliche Schmerzen ohne Zucken auszuhalten pflegen. Sie erzählen in der Regel von inzwischen gehabten Visionen und wollen den Zuschauer glauben machen, daß die Seele während des Anfalls den wie ein Leichnam daliegenden Körper verlassen habe, um inzwischen in allen Welten, in Himmel und Hölle frei umherzuwandeln und nachher in den Körper zurückzukehren. Schon im Alterthum gingen derartige Geschichten um. Plato, Cicero und Plutarch erzählen uns die Berichte wiederaufgelebter „Todten“ über den Zustand der andern Welt, und Lucian hat uns das traurige Ende eines Philosophen überliefert, dessen Seele öfters spazieren ging, aber eines schönen Tages bei ihrer Zurückkunft den Körper nicht wie sonst auf dem Lager antraf, sondern leider erfahren mußte, daß die boshaften Gegner seiner Lehren ihn schleunigst dem Scheiterhaufen überliefert hatten. Die Volkssage erzählt, daß bei solchen Personen die Seele in Gestalt einer Maus, eines Schmetterlings oder einer Schlange aus dem offenen Munde davoneile, und warnt, ja nicht inzwischen die Lage des Körpers zu verändern, weil sonst die Seele den Rückweg nicht mehr finden könne.

Die Beobachtung einer solchen Krankheit ergiebt leicht, wie in den Köpfen ungebildeter Beobachter derartige Meinungen entstehen können, und auf die naheliegende Frage der Angehörigen an den nach Tagen oder Wochen aus seinem Starrkrampf Erwachten, was er inzwischen getrieben und gesehen, wo er gewesen sei etc., sind, wie man sieht, oftmals sehr erwünschte und befriedigende Antworten ertheilt worden. Unser Ulan, obwohl seine Seele über Jahr und Tag auf Urlaub gewesen, wußte keine solche interessanten Auskünfte über das unbekannte Land zu geben; seine Krankheit besaß keinen mystischen Schimmer, und daß sie uns vor der Hand unverständlich ist, theilt sie mit den meisten anderen Krankheiten.

Uebrigens genügte die oberflächlichste Beobachtung, um noch einige andere Vorurtheile zurückzuweisen, die sich im Volke vielfach an diese Nervenzufälle knüpfen. So wurde oftmals von derartigen mystischen Kranken, bei denen die Starrsucht fast immer einen Act der Schaustellung ausmacht, behauptet, daß sie ohne jede Nahrung in diesem Zustande bleiben könnten. Ein oberflächlicher Beurtheiler könnte in der That vermeinen, so ein starr und ohne Bewegung in todtenähnlichem Schlafe liegender Körper verbrauche keine Nahrung. Allein so lange das Leben dauert, kann auch der Stoffwechsel niemals ganz ruhen, und in dieser Hinsicht zeigte der „schlafende Ulan“ das bemerkenswerthe Verhalten, daß er trotz der ruhigen Lage und trotz der kräftigsten Nahrungsmittel nach einer kurzen Zunahme beträchtlich an Körpergewicht verlor.

Eine andere Wahrnehmung, die man an dem Kranken machen konnte, betrifft ein auch den Gebildeten geläufiges Vorurtheil. Wer erinnert sich nicht mit einem unangenehmen Frösteln der überall umlaufenden Geschichten von den im Starrkrampfe unter das Secirmesser gerathenen oder lebendig begrabenen Scheintodten. Nichts scheint näher zu liegen, als die Verwechselung eines tagelang in regungslosem Krampfe befindlichen Kranken mit einem Gestorbenen. Da läßt sich nun zur Beruhigung der aufgeregten Gemüther sagen, daß schwerlich jemals ein verständiger Arzt einen im Starrkrampf Liegenden für einen Todten halten kann, denn an dem starren Körper bleibt der Puls fühlbar; die Herz- und Athemgeräusche sind mehr oder weniger deutlich, und die Körperwärme wird durch geeignete Prüfung sogleich erkannt. Und sollte jemals ein Arzt – denn nur von ihm kann ein Urtheil gegeben werden – in Zweifel gerathen, so besitzt er nach den neueren Untersuchungen von Professor Rosenthal in Wien ein ganz sicheres Mittel, den wirklich erfolgten Tod vom Scheintode zu unterscheiden, in dem schon oben erwähnten Inductions-Apparate, den man deshalb auch Lebenserwecker genannt hat. Die Empfindlichkeit von Muskel und Nerv nimmt nämlich nach dem wirklich erfolgten Tode sehr schnell ab, sodaß nach höchstens drei Stunden jede Spur derselben geschwunden ist. Wenn also in einem zweifelhaften Falle der elektrische Strom nach dieser Zeit noch Zuckungen hervorzurufen vermag, so wird er die Vermuthung nahe legen, daß noch eine Spur Leben in dem Körper vorhanden sei.

Sehr lehrreich in dieser Beziehung war auch eine Kranke Namens Marie Lecomte, die im vorigen und laufenden Jahre im Pariser Hospital Cochin behandelt worden ist. Dieses vierundzwanzigjährige Mädchen fiel nach mancherlei hysterischer Zufällen am 5. April 1875 in einen todtenähnlichen Schlaf, der so tief alle Organe umschlossen hielt, daß weder schmerzhafte Eingriffe ein Erwachen herbeiführten, noch selbst die unwillkürlichen Bewegungen eintraten, wenn man die Nasenlöcher mit einer Federfahne berührte oder den Finger bis zur Stimmritze führte. Am Tage darauf trat, wie bei dem „schlafenden Ulan“, eine vollkommene Gliederstarre ein; der Körper lag mit an den Rumpf herangezogenen Armen unbeweglich wie eine ägyptische Mumie auf seinem Lager ausgestreckt. Aber bei dieser vollkommenen Leichenähnlichkeit, die sechs Tage und Nächte ohne Unterbrechung anhielt und während welcher der behandelnde Arzt, Dr. Després, nicht einmal Nahrung einzuflößen wagte, behielt der Puls deutlich siebenzig Schläge in der Minute, und das Thermometer stieg in den Achselhöhlen bis auf 38 Grad.

Bei dieser Kranken wurde eine andere viel umfabelte Eigenheit ihrer Krankheit in ausgezeichneter Ausbildung beobachtet. Wenn man Gewalt anwendete, ließen sich die Glieder derselben nämlich in jede beliebige Lage bringen und verharrten in den gezwungensten Stellungen, wie sie ein gesunder kräftiger Mensch höchstens eine Viertelstunde festzuhalten vermag, stundenlang; schließlich kehrten sie ruckweise in eine den Gesetzen der Schwere mehr entsprechende Lage zurück. Dieses Verharrungsvermögen der Muskeln ging so weit, daß Fingereindrücke auf muskulöse Theile minutenlang sichtbar blieben. Es ergiebt sich aus diesen Beobachtungen auch für den Laien völlig klar, daß in solchen Fällen nicht von einem Erschlaffen der Muskeln und Nerven die Rede sein kann, sondern vielmehr umgekehrt von einer gesteigerten Thätigkeit und beständigen Anspannung derselben, von einem wirklichen Krampfe. Wir können einen ähnlichen Zustand bei einem Jeden hervorrufen, wenn wir die Kolben eines kräftig wirkenden Inductions-Apparates in seine Hände legen. So sehr er wünschen wird, die seine Arme in Krampfzustände versetzenden Kolben wegzulegen, so wenig wird er doch bei aller Willenskraft im Stande sein, die Finger zu öffnen und diese Folterwerkzeuge fallen zu lassen. Man kann sich eine ähnliche bewußte Ohnmacht bei einem im Starrkrampfe Daliegenden wohl denken, und wenn man den Romanschreibern glauben wollte, käme sie häufig vor, vertrauenswürdige Berichte der Art scheinen aber desto seltener zu sein, und wenn bei solchen Zuständen überhaupt ein Bewußtsein vorhanden ist, pflegt es ein traumhaftes zu sein. Man will ähnliche Zustände künstlich durch Genuß des indischen Hanfharzes (Haschisch), dessen sich Asiaten und Afrikaner als Berauschungsmittel an Stelle des Opiums bedienen, herbeigeführt haben, doch sind diese Angaben, ebenso wie das ganze Wesen dieser Krankheit, noch ziemlich dunkel.

Nach dem Gesagten ergiebt sich von selbst, daß die Todtenstarre eine ganz andere Erscheinung sein muß, als der Starrkrampf. Die Erstere tritt bekanntlich erst eine oder mehrere Stunden später als der Tod ein; das Sterben löst vielmehr die Glieder und Muskeln – krampfhafte Verzerrungen der Glieder und der Schmerzensausdruck im Antlitz eines unter schweren Leiden Dahingeschiedenen verschwinden, indem die Muskeln in die natürliche Lage des Schlafes zurücksinken, und wenn dann die Todtenstarre eintritt, so fixirt sie ein für die Angehörigen überaus tröstliches Bild der Ruhe und des Friedens. Sie wird durch [725] einen physiologischen Proceß, durch das allmähliche Gerinnen einer in den Muskeln enthaltenen Eiweißverbindung hervorgerufen und schwindet daher wieder, wenn bei der beginnenden Verwesung diese Eiweißkörper wieder aufgelöst werden.

Dagegen tritt unter noch nicht völlig klargestellten Umständen, wenn gesunde Menschen plötzlich, zum Beispiel durch einen sofort tödtenden Schuß hingestreckt werden, die Starre, und zwar dann doch wohl durch eine Art Krampf so plötzlich ein, daß die schmerzverzerrten Züge und die augenblickliche Stellung von Hand und Fuß festgehalten werden und die Bezeichnung des Todes als des „gliederlösenden“ und „langhinstreckenden“ nicht Stich hält. Auf den Schlachtfeldern der Krim, Italiens und Frankreichs haben verschiedene Aerzte augenblicklich getödtete Soldaten mit dem Gesichtsausdruck und in der Stellung angetroffen, in welcher sie das tödtliche Geschoß überraschte. So fand Dr. Roßbach auf dem Schlachtfelde von Sedan eine Gruppe von sechs Franzosen, die ein einziger Granatschuß in dem Augenblicke getödtet hatte, als sie in einer Erdvertiefung beisammensaßen, um ihr Frühstück zu genießen. Da sie eng aneinandergesessen, so stützten sich die Leichen gegenseitig; der eine Soldat, dem der Splitter nichts vom Kopfe gelassen als den Unterkiefer auf dem Rumpfe, hielt in der erhobenen Hand, zierlich zwischen Daumen und Zeigefinger, die zinnerne Tasse, deren Rand noch die Lippe berührte. Seinem Nachbar war der Hinterkopf weggerissen worden, während er wahrscheinlich über eine lustige Bemerkung seiner Cameraden lachte, und dieses Lachen hatte der Tod festgehalten. Ein durch die Brust geschossener Deutscher wurde gefunden, wie er auf seinem Tornister halb auf der Seite lag, und in der längst erstarrten Hand die Photographie seiner Frau oder Geliebten vor die gebrochenen Augen hielt. Derselbe Beobachter hat noch mancherlei ähnliche Fälle in Virchow’s Archiv beschrieben, wir müssen aber nach dieser Abschweifung zu der letzterwähnten Kranken zurückkehren.

Marie Lecomte erschien noch deshalb studirenswerth, weil ihre Krankheit, obwohl in Entstehung und Verlauf lebhaft an diejenige religiöser Schwärmerinnen erinnernd, doch ebenso wie der schlafende Ulan gänzlich jedes mystischen und religiösen Hintergrundes entbehrend, rein als das erschien, was sie war, als schweres Nervenleiden. Bei der Lecomte wurden nämlich die starrsuchtartigen Zustände, nachdem sie am siebenten Tage aus denselben erwacht war und zu trinken verlangt hatte, und nachdem neue Anfälle von abnehmender Dauer (vierzig Stunden, sechszehn Stunden, acht Stunden) in kurzen Pausen gefolgt waren, gerade wie bei der Maria von Mörl, Louise Lateau etc. von Traumphantasien abgelöst, in denen sie beständig sprach, nur daß ihre Aeußerungen durchaus keinen religiösen oder theatralischen Charakter hatten. Unter Anderem behauptete sie zwei Tage lang völlig blind zu sein und rieb sich beständig die Augen. Görres würde diese Abart der „heiligen Krankheit“ jedenfalls zu der „teuflischen“ Sorte gerechnet haben. Sie war vier Wochen nach ihrem ersten Anfalle völlig hergestellt, hat aber im Beginne dieses Jahres einen neuen kürzeren Anfall zu bestehen gehabt. Der Arzt bedarf des Studiums solcher Krankheitsfälle nicht, um sich in der Ansicht zu stärken, die schon Altmeister Hippokrates von den sogenannten „heiligen“ oder „dämonischen“ Krankheiten äußerte, aber ihr Auftreten wird, so lange der Schleier, der die ihnen zu Grunde liegenden körperlichen Vorgänge verhüllt, nicht völlig gelüftet ist, immer das höchste Interesse erregen, besonders wenn sie einen so ungemischten Charakter darbieten, wie in den hier erwähnten beiden Fällen.
C. St.