Bilder und Skizzen aus Potsdam

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Autor: Fedor von Köppen
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Titel: Bilder und Skizzen aus Potsdam
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, 41, 43, S. 668–674, 688–692, 725–728
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[668]
Bilder und Skizzen aus Potsdam.
Von Fedor von Köppen.
Mit Originalzeichnungen von Hermann Lüders.


Nie erschöpf’ ich diese Wege;
Nie ergründ’ ich dieses Thal,
Und die altbetretnen Stege
Rühren neu mich jedes Mal;
Oefters, wenn ich selbst mir sage,
Wie der Pfad doch einsam sei,
Streifen hier am lichten Tage
Theure Schatten mir vorbei.

1.

Von jeher ist Potsdam die Lieblingsstadt der preußische Könige und der hohenzollerischen Prinzen gewesen. Der Vorzug, zugleich die zweite Residenzstadt und der Lieblingssitz eines deutschen Kaisers zu sein, ist ihr indessen erst in unserer Zeit geworden, und mit erhöhtem Interesse wenden wir uns jetzt der Stadt und dem freundlichen Sommerschlosse in ihrer Nähe, dem Babelsberge, zu, in welchem der greise Kaiser Wilhelm nach den Anstregungen seines hohen Berufes Erholung und Ruhe findet.

Aehnlich wie das königliche Stadtschloß zu Potsdam uns die Zeit Friedrich Wilhelm’s des Ersten und seiner Wachparade in’s Gedächtniß ruft, Sanssouci durch die Erinnerung an den königlichen Philosophen und seine Tafelrunde verklärt wird, übt in unserer Zeit Schloß Babelsberg als Lieblingsaufenthalt Kaiser Wilhelm’s auf uns seine Anziehungskraft. Schon aus der Ferne winkt über den blauen Wasserspiegel der Havel das im Styl einer normannischen Burg erbaute Schloß mit seinen Erkern, Thürmchen und Zinnen, über denen bei Anwesenheit des Kaisers die Standarte des königlichen Hauses rauscht; weithin sichtbar ist die aus frischem Waldesgrün emporsteigende Warte des „Flatower Thurmes“, der castellartig mitten im künstlichen See gelegen ist, und von nahe und fern strömen die Besucher an den Ruhesitz des deutschen Kaisers. Kein Wachtposten schildert vor dem Eingange; kein Schutzmann wehrt uns die Wanderung und Umschau in den schattigen Gängen des anmuthigen Parkes, welchen der geniale Fürst Pückler-Muskau und der königliche Gartendirector Lenne nach den eigenen Angaben [669] des jetzigen Kaisers (seit 1835) hier auf den sandigen Höhen am linken Ufer der Havel entstehen ließen.

Das ganze Babelsberg, Schloß und Park, zeugt von dem einfachen, edlen Geschmacke, den schlichten Neigungen des kaiserlichen Besitzers. Abgesehen von dem Standbilde des Erzengels Michael mit dem Drachen (nach Kiß von Fischer) und der in neuerer Zeit im Parke aufgestellten Siegessäule mit der Victoria (von Rauch), welche das Antlitz der königlichen Hof- und Garnisonkirche zuwendet, als wollte sie den Lorbeerkranz in der erhobenen Rechten auf dem Sarge Friedrich’s des Großen niederlegen, finden wir keine prachtvollen Monumente, keine kunstvollen Grotten und Bassins, wohl aber manchen Gegenstand von historischem Interesse.

Dahin gehört jener merkwürdige, viereckige Bau aus rothen Backsteinen und Klinkern, in welchem acht Strebepfeiler und eine Mittelsäule das vierfache Kreuzgewölbe der Decke tragen und welchen die Berliner mit Verwunderung als ihre alte Gerichtslaube wiedererkennen, die seit sechs Jahrhunderten unverrückt auf demselben Platze in der Königsstadt gestanden und so manches Capitel aus den Berliner Stadtgeschichten zu erzählen weiß. Bei dem Baue des neuen Rathhauses in Berlin sollte das mittelalterliche Bauwerk den Anforderungen des gesteigerten Verkehrs zum Opfer fallen; da nahm Kaiser Wilhelm die alte städtische Reliquie in seinen Schutz und gab ihr diesen Platz auf der sogenannten Lenné-Höhe in seinem eigenen Schloßparke, indem er sie ganz in der alten Weise und zum Theile aus dem alten Baumateriale hier wieder aufrichten ließ. Nun ist sie das Ziel von vielen Fremden, namentlich von Berlinern, die sich von der Plattform aus der lieblichen Aussicht über die Stadt und den blauen Havelstrom freuen.

Ein anderes, kleineres Denkmal im Parke, das sogenannte „Bildstöckl“ – das ist eine kleine, steinerne Säule, oben mit einem Schreine zur Aufbewahrung eines Heiligenbildes, welche dicht am Ufer der Havel zwischen zwei Ruhebänken steht – erinnert an eine Episode aus dem Leben des jetzigen Kaisers, die im Jahre 1849 spielte. Damals stand dieses Bildstöckl als eine Markscheide zwischen den Dörfern Bischweier und Muggensturm im Großherzogthum Baden, und ganz in seiner Nähe hielt der Prinz von Preußen, Oberbefehlshaber der preußischen Truppen in Baden, mit dem Grafen Pückler, Oberstlieutenant im vierundzwanzigsten Landwehrregimente und Hofmarschall des Prinzen, während um die Dörfer ein hitziges Gefecht zwischen den preußischen Truppen und den badischen Insurgenten entbrannte. Obgleich die Kugeln ganz in der Nähe des Prinzen einschlugen, betrachtete dieser ruhig und aufmerksam die kleine Säule und äußerte dabei zu seinem Begleiter, dem Grafen Pückler: „Ein ähnliches Bildwerk wollte ich am Havelufer meines Parks zu Babelsberg aufstellen; dieses hat ungefähr die Form, welche ich mir dafür dachte.“ Die vorübermarschirenden Truppen wunderten sich über die Kaltblütigkeit, mit welcher der Prinz mitten im feindlichen Feuer vor dem unbedeutenden Gegenstande verweilte. Später kam der Vorgang zu Ohren des damaligen Großherzogs von Baden. Dieser aber ließ die Säule mit einer Platte versehen, auf welcher das eiserne Kreuz und das Datum „29. Juni 1849“ eingegraben waren, und übersandte sie als Erinnerungszeichen dem Prinzen nach Babelsberg. An ihre ursprüngliche Stelle ward ein ähnlicher Markstein gesetzt.

Auch die vier kleinen Kanonen auf blauen Laffeten, welche von einem Rasenplatze auf die Havel herabschauen und wohl nur zu Freudenschüssen abgefeuert werden, gehören zu den charakteristischen Zierden des Parks.

Wenn der Kaiser nicht selbst im Schlosse anwesend, ist der Besuch der inneren Räume für Jedermann erlaubt; ja, es ist gestattet, dieselben Zimmer in Augenschein zu nehmen, die er soeben erst verlassen, und wir können wohl die Feder noch naß finden, mit der er gearbeitet hat. Das Leben des Kaisers liegt hier vor uns, wie ein aufgeschlagenes Buch. Dieselbe Einfachheit, welche uns im Parke anheimelte, herrscht auch hier. Es sind weniger Gegenstände von Kunstwerth, als solche von militärischem Interesse oder liebe Andenken die den Schmuck der bewohnten Zimmer bilden. Hier sehen wir die Marmorbüsten der Eltern des Kaisers, König Friedrich Wilhelm’s des Dritten und der Königin Louise von Rauch, dort ein Sophakissen von der Königin Louise eigenhändig gestickt, und auf dem Kamin eine von der Frau Kronprinzessin modellirte Büste der Kaiserin Augusta. Jenes weiße gehäkelte Deckchen auf dem Sopha ist die erste Handarbeit der Frau Großherzogin Louise von Baden, Tochter des Kaisers, und dieser kunstvoll gedrechselte Gartenstuhl das Meisterstück des Kronprinzen – denn bekanntlich müssen die königlichen Prinzen in der Jugend auch ein Handwerk lernen. Deutet so Alles in diesen Zimmern auf Arbeit und auf die gesegneten Früchte der Thätigkeit hin, so haben edler Frauen Hände durch anmuthige Stickereien dafür Sorge getragen, daß in dem Kranze der goldenen Aehren das holde Blau der Cyanen nicht fehlt, auf dem der Kaiser die angestrengten Augen gern ruhen läßt. Die kleine Bibliothek auf dem Arbeitstische enthält größtentheils Werke militärischen Inhalts, Karten und Manöverpläne.

Von besonderer Einfachheit ist auch hier das Lager des Kaisers, mehr einem Feldbett, als einem Ruhelager ähnlich, – eine Matratze, ein Kopfkissen, mit Leder überzogen, und eine Friesdecke. Wenn der Kaiser zur Ruhe geht, fällt sein Blick auf ein am Fußende des Bettes angebrachtes Kreuz mit dem Heilande, das sich in einem geschnitzten Holzgehäuse befindet; am Kopfende sehen wir ein sinniges Aquarellbild von der Hand der Kaiserin Augusta, die Lebensreise darstellend, mit dem Genius am Steuerruder, ein Geschenk, mit welchem die damalige Prinzessin von Preußen ihren Gemahl bei der silbernen Hochzeitsfeier erfreute (11. Juni 1854).

Nur wenige Stunden überläßt der Kaiser sich der Ruhe. So wie man in Berlin oft noch spät in der Nacht durch das erleuchtete Fenster des Eckzimmers im kaiserlichen Palais seine hohe Gestalt am Arbeitstische erblickt, so sieht man auch hier vom Parke aus noch lange das Licht in seinem Arbeitszimmer. Und schon früh am Morgen beginnen wieder die Vorträge, deren Reihe an bestimmten Tagen der Geheime Hofrath Schneider durch Mittheilungen aus den Zeitungen und der Tagesliteratur eröffnet. Das Hausreglement wird stets mit der größten Pünktlichkeit gehandhabt; die Zeiten der Ausfahrten werden, wenn keine besondere Verhinderung eintritt, auf das Genaueste innegehalten, und es dürfte wohl schwerlich der Fall vorgekommen sein, daß der Kaiser zu einer Parade oder Truppenbesichtigung nur eine Minute nach der angesetzten Zeit auf dem Platze erschienen wäre.

Trotz der militärischen Strenge in der Hausordnung sieht man in der Umgebung des Schlosses überall nur freundliche Gesichter. Es ist, als ob man Jedem – von dem Gärtner, der den Rasen pflegt, bis zu dem Küchenjungen, der sein Eselsgespann durch die Seitenwege des Parkes zur königlichen Küche leitet – im Gesichte läse, wie gern und freudig er seinen Dienst thut, und es fiel uns nicht auf, als wir beim Spaziergange durch den Park aus einem Oekonomiegebäude neben dem Cavalierhause den harmlos frohen Chorgesang der Mägde weithin durch den Garten schallen hörten, obgleich der Kaiser im nahen Schlosse anwesend war. Ich glaube, sie sangen: „Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr etc.“

Auch Babelsberg hat den Wandel der Zeiten erlebt. Im Jahre 1848 hatte das Schloß soeben einige bauliche Erweiterungen und Verschönerungen erfahren, als die Ereignisse eintraten, welche den Besitzer mehrere Monate hindurch von seinem Lieblingssitze fern hielten. Wie dem Prinzen von Preußen zu Muthe war, als er in jener Zeit der Noth, fern von seinem Vaterlande, die Gastfreundschaft eines fremden Hofes genoß, darauf können wir aus einer kurzen Notiz von seiner Hand in dem Gesangbuche schließen, welches einer der Besuchenden in Babelsberg auf seinem Arbeitstische aufschlug. Es fand sich darin bei dem Liede Nr. 399 (des Hannoverschen Gesangbuches) der dritte Vers angestrichen und von der Hand des Prinzen daneben geschrieben: „Bei meinem ersten Besuche des Gottesdienstes in der Savoykirche zu London am 2. April gesungen.“

Der bezeichnete Vers lautet:

„Da siehst Du, Gottes Herz,
Das kann Dir nichts versagen;
Sein Mund, sein theures Wort
Vertreibt ja alles Zagen.
Was Dir unmöglich dünkt,
Kann seine Vaterhand
Noch geben, die von Dir
Schon vieles Leid gewandt.“

Gegen Ende des Mai verließ der Prinz auf den Ruf des Königs London, um in die Heimath zurückzukehren, und am 7. Juni, dem Todestage Friedrich Wilhelm’s des Dritten, traf

[670]
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„Gott erhalte Eure Majestät!“       Kaiser Wilhelm im Park zu Babelsberg.       Prinz Karl im Park zu Glienicke.
Die Jagdmeute in Glienicke.       Herbstjagd in den Potsdamer Forsten.       „Der Wachtmeister von Seiner Majestät Garde du Corps wird wohl nicht zum Publicum gerechnet werden.“

[672] er auf der Wildparkstation bei Potsdam ein, von dem Könige und der Königin Elisabeth auf dem Bahnhofe empfangen. Sein erster Weg war – mit diesen gemeinsam – in das Mausoleum zu Charlottenburg, um der Gedächtnißfeier für seinen königlichen Vater beizuwohnen.

Das seit den Märztagen völlig veränderte Aussehen der Hauptstadt, die kühle Aufnahme, welche ihm in der Nationalversammlung zu Theil wurde, in die er von dem Kreise Wirsitz im Großherzogthum Posen als Abgeordneter gewählt worden war, mögen unerfreuliche Eindrücke bei dem Prinzen hervorgerufen haben. Um so herzlicher war der Empfang, den ihm die zweite Residenzstadt Potsdam bereitete. Die Illumination der Stadt wurde wegen des Todestages Friedrich Wilhelm’s des Dritten auf den folgenden Abend festgesetzt; nur das Dorf Nowawes, als Nachbarin des Schlosses Babelsberg, wollte seine Freude über die Rückkehr des Prinzen nicht vertagen, und noch an demselben Abend leuchteten alle Fenster der kleinen Webercolonie.

Am Abend des 10. Juni brachten die Officiercorps der Potsdamer Garnison dem Prinzen in Babelsberg eine Huldigung dar. Ueber hundert mit Blumen, Laubgewinden und Flaggen geschmückte offene Gondeln schwammen von Potsdam auf der schönen, breiten Havel heran; zahllose Fackeln und bunte Laternen warfen ihren Schein in den am Fuße des Babelsberges sich ausbreitenden Wasserspiegel, und die Klänge von fünf Musikcorps zogen in der lauen Sommernacht über die Wasserfläche zum Schlosse empor. In den nächsten Tagen empfing der Prinz in Babelsberg Adressen und Deputationen aus den Provinzen. In Berlin aber fing man an zu fürchten, daß die kleine Burg an der Havel ein Herd der Reaction werden könne, und es wurde von den aufgeregten Volkshaufen allen Ernstes ein Ueberfall des ganz unbewachten Schlosses beabsichtigt, so daß der Commandant jetzt eine Bewachung der sämmtlichen Zugänge anordnete. Der Prinz beachtete übrigens die drohenden Gerüchte nicht im Geringsten, sondern ging stets allein im Park und in der Umgegend spazieren.

Auch in den folgenden Jahrzehnten hat er in Babelsberg als Prinzregent, als König und als Kaiser den Wechsel des Schicksals erfahren, was aber unverändert geblieben, das ist seine eigene, tiefinnerste Natur. –

Kurz vor seiner Confirmation durch den königlichen Hofprediger Ehrenberg (8. Juni 1815) hatte der damals achtzehnjährige Prinz Wilhelm sein Glaubensbekenntniß aufgesetzt und demselben eine Reihe von Lebensgrundsätzen beigefügt. Wir finden in dieser Schrift die schönen Sätze:

„Ich weiß, was ich als Mensch und als Fürst der wahren Ehre schuldig bin. Nie will ich in Dingen meine Ehre suchen, in denen nur der Wahn sie finden kann.“

„Meine Kräfte gehören der Welt, dem Vaterlande. Ich will daher unablässig in dem mir angewiesenen Kreise thätig sein, meine Zeit auf das Beste anwenden und so viel Gutes stiften, als in meinem Vermögen steht.“

„Ich will ein aufrichtiges und herzliches Wohlwollen gegen alle Menschen, auch gegen die Geringsten – denn sie sind alle meine Brüder – in mir erhalten und beleben.“

„Ich will mich meiner fürstlichen Würde gegen Niemand überheben, Niemand durch mein fürstliches Ansehen drücken, und wo ich von Anderen etwas fordern muß, mich dabei herablassend und freundlich zeigen und ihnen die Erfüllung ihrer Pflicht, soviel ich kann, zu erleichtern suchen.“

Das ganze Leben des Kaisers, wie es klar und offen vor uns liegt, scheint nur die Erfüllung der Vorsätze zu sein, die er damals, vor nun einundsechszig Jahren, als Jüngling sich gelobt.

Es mögen Empfindungen eigener Art sein, die jetzt die Brust des Kaisers durchziehen, wenn er mit den Erinnerungen an die durchlebte Vergangenheit allein die Gänge seines Parkes zu Babelsberg durchschreitet, jetzt, wo die Liebe und Treue seines Volkes ihn auf allen Wegen und Tritten begleitet, wo er sein Werk im Herzen des Volkes fest begründet sieht und wo er seine Blicke mit freudigem Stolze auf der Schaar seiner Kinder und Enkelkinder ruhen lassen kann, die berufen sind, dieses Werk zu behüten und daran fortzubauen.

Für die Bevölkerung Potsdams hat der nähere Verkehr mit dem Kaiser und dem Hofe noch eine besondere Bedeutung. Unter ihr ist die Erinnerung an die früheren Könige durch die Tradition noch lebendiger geblieben, als irgendwo; sie nimmt gewissermaßen persönlichen Antheil an allen Ereignissen innerhalb der königlichen Familie. Für Jeden knüpfen sich hier besondere Erinnerungen an die Erscheinung des königlichen Herrn. Hier ist noch einer seiner alten Kriegsgefährten aus der eisernen Zeit von 1813 bis 1815, gebeugt am Stabe, „mit weißem Haar und dem verblich’nen Band“, dort Einer, dem er das Düppeler Sturmkreuz auf die Brust geheftet hat, und dort ein Anderer, der auf den Longchamps vor den Thoren von Paris unter den Augen des Kaisers die Revue passirt ist.

Man spricht in Potsdam wenig vom „Könige“ und noch weniger vom „Kaiser“, um so öfter aber von „unserm Herrn“ oder von „dem lieben Herrn auf Babelsberg“. Kein stürmischer Zuruf schallt dem Kaiser entgegen, wenn er sich in den Straßen von Potsdam blicken läßt, aber auch der einfache, ehrerbietige Gruß, das Abziehen der Kopfbedeckung, genügt den Getreuen in Potsdam nicht immer. So sahen wir es an einem Sonntage nach dem Gottesdienste in der Garnisonkirche. Mehrere ältere, würdige Herren bildeten Spalier vor dem Ausgange der Kirche; sie entblößten ehrerbietig die Häupter, als der Kaiser heraustrat, und während er dankend an ihnen vorüberschritt, ging fast feierlich von Mund zu Munde der leise Gruß: „Gott erhalte Eure Majestät!“


2.

König Friedrich Wilhelm der Vierte trug sich bekanntlich mit dem Plane, die ganze von den Wasserarmen und Seen der Havel umschlossene Insel, auf der Potsdam liegt, in einen großen landschaftlichen Garten zu verwandeln. Und in der That, wer heutzutage aus der Luftballon-Perspective auf die Umgebung von Potsdam herabschaute, der würde zugestehen müssen, daß an der Verwirklichung des königlichen Gedankens nicht viel fehlt. Von allen Seiten lehnen sich bereits die Parks und Gärten der königlichen Schlösser an die Stadt, und überall reicht der Anhang des Hofes noch in die Vorstädte von Potsdam hinein. Im Westen treten wir bei dem Obelisk aus der Stadt unmittelbar in den Garten von „Sanssouci“. Im Norden erstreckt sich der „Neue Garten“ am Ufer des Heiligen Sees, in dessen klaren Fluthen sich der üppige „Marmorpalast“ König Friedrich Wilhelm’s des Zweiten spiegelt. An dem linken Ufer der Havel entlang ziehen sich gegen Nordosten und Osten die königlichen Parks von Babelsberg und Glienicke, zwischen denen das bescheidene Dörfchen Klein-Glienicke schamhaft hervorschaut, wie eine schüchterne Maid im diamantenen Gürtel.

Schattige, breite Alleen, in denen die königlichen Equipagen aneinander vorüberrollen und gewandte Cavaliere ihre Rosse courbettiren lassen, führen von einem Parke zum andern, und indem wir ihnen folgen, empfangen wir bei dem Rauschen der Fontainen, den reizenden Durchblicken, die zwischen den Waldpartien hin und wieder auf die blaue Wasserfläche und die Lustschlösser an ihrem Ufer sich öffnen, den Eindruck, als wanderten wir fortwährend in einem heitern Garten.

Beim Verlassen des Dorfes Klein-Glienicke erblicken wir, von Babelsberg kommend, zu unserer Linken das neuerbaute Palais und den Park des Feldmarschalls Prinzen Friedrich Karl von Preußen. Das „Jagdschloß Glienicke“ ist zugleich der Lieblingsaufenthalt der jugendlichen Töchter des Prinzen, deren Neigungen die ländliche Stille und Zurückgezogenheit hier mehr zusagt, als das Leben in der geräuschvollen Hauptstadt und in der hochgelegenen Wohnung des königlichen Schlosses daselbst, von der aus man keinen grünen Zweig erblickt, keine fröhliche Vogelstimme vernimmt – weder im Januar, noch im Mai. Hier strömt die schöne Luft ungehindert durch Fenster und Thüren in die Zimmer; hier fahren die drei Prinzessinnen oder zwei von ihnen (gewöhnlich die beiden jüngeren, Prinzessin Elisabeth und Louise Margarethe) fast täglich in dem einfachen zweispännigen Wagen allein spazieren, wobei die Prinzessinnen selbst abwechselnd die Zügel führen, während der fahrgewandte Groom hinten aufsitzt. Auch Reiten gehört zu den beliebten, wenn auch selteneren Vergnügungen der beiden jüngeren Prinzessinnen, und noch bei einer der letzten Paraden bei Berlin erschien die Prinzessin Elisabeth an der Seite der Frau Kronprinzessin zu Pferde. Alle drei Prinzessinnen sind in Potsdam geboren; sie haben hier ihre glückliche Kindheit verlebt und hängen mit ganzem Herzen an der märkischen Heimath. Weder die Großartigkeit der bairischen [673] Alpen, noch die Orangen- und Myrthenwälder Italiens, die sie durch ihren vorübergehenden Aufenthalt daselbst kennen lernten, konnten das liebe Bild der Heimath mit ihren Kiefernwäldern und blauen Seen in ihren Vorstellungen verdunkeln.

Daß die Töcher des Feldmarschalls Prinzen Friedrich Karl in ihren frühesten Kinderspielen eine gewisse Vorliebe für „des Königs Rock“ zeigten, ist natürlich. Bereits in ihrem vierten Jahre hatte die Prinzessin Elisabeth keinen lebhafteren Wunsch zu Weihnachten, als – eine Uniform. Die Königin Elisabeth erfüllte denselben, und nun war es ihre größte Freude, wenn sie an besonderen Tagen zu Hause dieses Kleidchen tragen durfte. Später schmückte sie sich gerne mit der Mütze der Zieten’schen Husaren, deren Uniform der Prinz, ihr Vater, gern anlegt, und verstand dieselbe mit großem Geschick, etwas seitwärts, die Cocarde genau in der Mitte, aufzusetzen. So erschien die kleine Prinzessin auch einmal in ihrem sechsten Jahre – es war am Doppelgeburtstage ihrer Frau Mutter und ihrer älteren Schwester (14. September) – im Wagen zur Königsparade des brandenburgischen Armeecorps bei Lebus, den muntern Kopf mit der Zieten-Husarenmütze bedeckt, unter welcher die langen, dunkelblonden Locken hervorquollen. Seitdem dem Prinzen Friedrich Karl auch ein Sohn, Prinz Friedrich Leopold, geboren worden (14. November 1865), sind die militärischen Ehren allmählich auf diesen übergegangen, aber das Interesse ist bei den Schwestern deshalb nicht geringer geworden.

Ein überaus zartes Verhältniß besteht zwischen den Prinzessinnen und diesem jüngern Bruder. Seitdem der Letztere eins der Schweizerhäuschen bewohnt, die der Prinz Karl an Stelle der angekauften Dorfhäuser von Glienicke hat erbauen lassen, und seine Zeit hier mit regelmäßen Stunden besetzt ist, beschränkt sich das Zusammensein der Geschwister indessen hauptsächlich auf die gemeinschaftlichen Spaziergänge, an denen auch der Pudel des Prinzen, auf den er große Stücke hält, Theil nimmt.

Auch die Zeit der Prinzessinnen ist sehr regelmäßig eingetheilt und ausgefüllt. Außer den Unterrichtsstunden, welche nicht allein die jüngste Prinzessin Louise Margarethe, sondern auch die beiden älteren Prinzessinnen Marie und Elisabeth noch nehmen, bildet Musik und Zeichnen die Hauptbeschäftigung derselben. Das Talent der Frau Prinzessin Friedrich Karl ist auch auf ihre Töchter übergegangen, und hin und wieder wird den Schulkindern von Glienicke die Auszeichnung zu Theil, die Modelle zu den Zeichnungen der Prinzessinnen liefern zu dürfen, an sich allerdings keine sehr geistanregende Unterhaltung, dennoch den Dorfkindern stets hocherwünscht, zumal sich damit die Aussicht auf ein vortreffliches Frühstück verbindet.

Die einfache Stille in Glienicke wird nur etwa ein bis zwei Mal durch ein ländliches Sommerfest unterbrochen, welches auf der Pfaueninsel oder im Jagdschlosse Stern stattfindet. Hier werden Spiele vorgenommen und zum Schlusse wohl auch auf dem Rasen oder im kleinen Saale des Jagdschlosses getanzt.

Einige hundert Schritte vom Jagdschloß Glienicke, ihm gegenüber, liegt auf der nördlichen Seite der Berliner Chaussee, die Besitzung des Prinzen Karl, früher Eigenthum des Staatskanzlers Fürsten Hardenberg. Zwei wasserspeiende, vergoldete Löwen behüten den Eingang zu dem Vorhofe des Schlosses und dem verschwiegenen Parke, der sich bis zur Bucht Moorlake, Sacrow gegenüber, ausdehnt. Alles in diesem Parke deutet auf den Kunstsinn und die sorgsame Pflege des fürstlichen Besitzers; denn der Prinz Karl ist nicht allein Gartenfreund, sondern auch selbst Gärtner und pflegt selbst, zuweilen auch zu Pferde, die Gartenscheere in der Hand, die Anlagen seines Parkes.

An das stille Ufer der Havel hat sich der Prinz noch ein besonderes Schlößchen gebaut und mit dem ihm eigenen Geschmack wahrhaft künstlerisch ausgestattet. Eine reiche Sammlung antiker Sculpturen, Gemmen, Büsten und Vasen, welche der Prinz von seinen verschiedenen Reisen mitgebracht hat, bildet den Schmuck der Gemächer, und kein Gegenstand der inneren Einrichtung entbehrt der künstlerischer Zierde. Die sämmtlichen Fußböden sind mit Marmor getäfelt, der zum Theil aus den Ruinen eines venetianischen Palastes der Catterina Cornaro stammt.

Dieses sogenannte „Casino“ bildet den Vereinigungspunkt für die Familie des Prinzen Karl, des ältesten Bruders unseres Kaisers, und wer an einen lauen Sommerabend auf der Havel am Parkufer vorüberfährt, der sieht wohl hier den Lampenschimmer auf der Veranda des Schlößchens um das Elternpaar auch die Familie des Prinzen Friedrich Karl mit den drei Enkelinnen versammelt, deren Anmuth und Munterkeit den Reiz solcher Familienabende noch erhöht.

Wie oben angedeutet, wird die Erlaubniß zur Besichtigung der reizenden Parkanlagen von Glienicke nur mit Beschränkung ertheilt – gewiß mit gutem Grunde. Nicht die Einheimischen sind es, welche diese Beschränkung nothwendig machen, aber es giebt in der Nähe von Potsdam Leute, welche die Gastlichkeit, die ihnen die königlichen Schlösser und Gärten öffnet, wenig zu schätzen wissen und in den Privatgärten der Prinzen sich dieselben Freiheiten nehmen, wie an öffentlichen Vergnügungsorten. Man pflegt in Berlin etwas souverän auf die Bevölkerung der benachbarten zweiten Residenzstadt herabzublicken und den Namen „Potsdamer“ nicht ohne eine ironische Beimischung auszusprechen. Das müssen sich die Potsdamer gefallen lasset, aber sie rächen sich, indem sie in den Begriff „Publicum“ – das ist die große Zahl der Fremden, die Potsdam an Sonn- und Feiertagen überschwemmen – eine nicht schmeichelhafte Nebenbedeutung legen. Man möge daher jenem Wachtmeister vom Regiment Garde du Corps die sittliche Entrüstung nicht verdenken, mit welcher er, aufmerksam gemacht auf die Inschrift einer Tafel über dem Eingange eines der königlichen Gärten: „Der Eintritt ist für das Publicum nicht gestattet“, voll Selbstgefühles an der Seite seiner Ehehälfte mit den stolzen Worten vorüberschritt: „Der Wachtmeister von Seiner Majestät Garde du Corps wird doch wohl nicht zum Publicum gerechnet werden.“

Es ist nicht allein Glienicke mit seinem schönen Schloß und Park, was dem Prinzen Karl den Aufenthalt in Potsdam angenehm macht. Auch seine Neigung zum edlen Waidwerck und seine Eigenschaft als Chef der königlicher Hofjagden führen ihn öfters und um so lieber hierher, da die Jagd in den wildreichen Potsdamer Forsten weniger dem Andrange neugieriger Zuschauer ausgesetzt ist, als die Jagd im Grunewald, welche von den Berlinern zugleich als Volksfest mitgefeiert wird.

Ein frischer, klarer Herbstmorgen liegt über den Potsdamer Forsten. Schon beginnt das Laub an den Bäumen sich röthlich zu färben; nur die Kiefern und Tannen tragen noch ihr altes dunkelgrünes Nadelkleid. Zwischen den Lichtungen hindurch sieht man blaue Seeflächen schimmern, über denen in lichten Wölkchen der Morgennebel dahinzieht. Hier und da schaut der Giebel eines Försterhauses zwischen düsteren Föhren hervor. In dem Winkel zwischen den beiden von Berlin herkommenden Schienenwegen liegt das geschichtlich berühmte Kohlhaasenbrück still im Walde, nicht weit davon an dem Vereinigungspunkte der beiden Bahnen das freundliche Stationshäuschen von Neu-Babelsberg. Von hier führt der Weg durch der Wald an Stein-Stücken vorüber nach dem königlichen Jagdschloß Stern, dem Rendezvous der Parforcereiter, dessen Einrichtung noch von König Friedrich Wilhelm dem Ersten herstammt.

Die Theilnehmer an der Parforcejagd versammeln sich, sämmtlich in rothen Fracks, enganliegenden weißen Beinkleidern, hohen Stiefeln und mit schwarzem Cylinderhut. Auch die Schaar der Piqueurs, das ist: der Läufer und Treiber, erscheint in rothen Röcken. Der königliche Ober-Piqueur führt, zu Pferde sitzend, die jagdlechzende Meute – nahe an hundert schön gefleckte Schweißhunde – herbei. Unter Hörnerklang erfolgt der Aufbruch nach dem Saugehege. Hier ordnet sich der Zug in Linie und erwartet den Ausbruch des Keilers.

Ein Vorsprung von einigen Minuten wird dem Thiere gelassen; vielleicht gelingt es ihm, damit noch eine Lebensfrist von einigen Stunden zu gewinnen, wenn es sich durch geschickte Flucht im Dickicht den Verfolgern zu entziehen weiß. Nun wird die Meute losgelassen und auf die Fährte des Keilers geführt. Der fürstliche Jagdgeber setzt sein edles Roß in „gemäßigten Galopp“, die übrigen Reiter thun das Gleiche, die Richtung der klaffenden Hunde verfolgend. Ein Theil der Reiter, welche dem mittelalterlichen Waidwerksvergnügen keinen Geschmack abgewinnen kann und nur ehrenhalber der Einladung folgte, zerstreut sich flanirend durch den Forst. Die Uebrigen setzen die Verfolgung mit um so größerer Hast fort, je näher sie sich dem Ziele glauben. Für sie liegt doch ein wundervoller Reiz, eine unsagbare Lust in diesem Rennen und Jagen, dem Wetten und Wagen; Hindernisse, vor denen der gewandteste Reiter beim Spazierritte stutzen würde, haben hier ihre Bedeutung vollständig verloren, [674] und wollte man ihnen auch ausweichen – es geht nicht; denn die allgemeine Aufregung hat sich auch der Rosse bemächtigt. So geht es dahin im wilden Laufe über Stock und Stein, über Wurzeln und Gräben, hier einen abschüssigen Hang hinab, dort wieder hinauf. Hussa und Hörnerklang hallt durch den weiten Wald. Durch das Gezweige leuchten überall, gleich fliegenden rothen Streifen, die bunten Jagdkleider.

Nun haben die Hunde den Keiler aufgespürt und erreicht; einige hängen sich an seine Ohren, um seine Flucht zu hemmen. Vergeblich sucht das gehetzte Thier die Meute von sich zu schütteln; – schon sind auch die Reiter auf seinen Fersen. Lautes Hallali wiederhallt im Forste und verkündigt das Ereigniß der Jagdgesellschaft. Während diese sich alsdann rings um den Prinzen versammelt, wird der todte Eber auf den Wagen gehoben und mit Laub und Tannenzweigen bedeckt. Jeder der Jagdgenossen, welcher dem Hallali beiwohnt, empfängt aus den Händen des Prinzen einen grünen Zweig. So geschmückt, treten die Reiter, dem Wagen folgend, unter fröhlichem Hörnerklang den Zug nach dem Jagdschlosse an, wo ein einfaches waidmännisches Mahl eingenommen wird.

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Bilder und Skizzen aus Potsdam.
Von Fedor von Köppen.
Mit Originalzeichnungen von Hermann Lüders.
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Die Havelbrücke.

3.

Aus Spandau ließen wir unsere accordirten Pferde nach Potsdam abgehen, drei Meilen von Spandau. Selbiges ist wegen des Thiergartens berühmt, welcher sich auf etliche Meilen erstreckt und in dem sich eine große Anzahl Hirsche, Rehe und anderes Wild befindet, wegen des königlichen Schlosses und Gartens, als auch wegen der herrlichen Gegend und sonderlichen Fruchtbarkeit und Wein. Die Gegend um Potsdam ist ungemein angenehm und lustig, weswegen auch der alte Kurfürst Friedrich Wilhelm sich meistentheils allda aufgehalten. Durch Potsdam fließet auch die Havel und worin die Krebse daselbst hinter den Leuten ihren Wohnungen in großer Abundance gefunden werden.“

So lautet ein Auszug aus dem Reiseberichte eines Bremer Patriziers, der als Sohn eines wohlhabenden und angesehenen Raths- und Handelsherrn im Frühjahre 1706 Potsdam besuchte. Anders sind die Eindrücke, welche der Besuchende heutzutage – einhundertundsiebenzig Jahre später – von Potsdam empfängt. Paläste und Casernen, Forste und Lustparks, Hügel und Seen – dies Alles vereinigt sich hier zu einem Gesammtbilde eigener Art. Man vergleicht Potsdam mit einer „großen Caserne“, mit einer „Stadt, aus der die Bewohner vor dem Feinde geflohen und nur die Garnison zurückgeblieben, um sie zu vertheidigen“; man nennt es eine „steinerne Cabinetsordre“, aber auch eine „Oase in der Wüste“, ein „liebliches Idyll im brandenburgischen Sande“. Auch der Vergleich Potsdams mit Versailles liegt nahe, wenngleich in mancher Beziehung die solide Schöpfung der Hohenzollern wieder durchaus gar keine Parallele mit den übermüthigen Prachtbauten des vierzehnten Ludwig bietet. Was der Stadt Potsdam ihren besondern Reiz verleiht, das ist ihre historische Entwickelung, welche mit derjenigen des preußischen Königthums und der preußischen Monarchie gleichen Schritt gehalten hat. Alle Könige von Preußen haben mit Vorliebe an Potsdam gebaut, und die Spuren ihres Wirkens sind in der Physiognomie der Stadt noch so deutlich zu erkennen, daß nur wenig Phantasie dazu gehört, um sich nach ihnen die verschiedenen Epochen in dem Werden und Wachsen des preußischen Staates lebhaft vor die Seele zu rufen.

Man betrachte nur die langen, gleichmäßigen Straßenfronten gewisser Stadtviertel, in denen alle Häuser gleich hoch, gleich gerichtet dastehen, mit zwei Stockwerken und einem spitzen Giebel nach der Straßenseite, der mit seinem vorspringenden Erker der preußischen Grenadiermütze ähnlich sieht, und man wird unwillkürlich an die Wachparade König Friedrich Wilhelm’s des Ersten erinnert. Wir glauben sie im Geiste noch zu erblicken dort auf dem länglichen, ungepflasterten Platze zwischen dem königlichen Residenzschlosse und der Havel, der durch eine Colonnadenreihe von der Straße getrennt ist. Dort steht sie aufgepflanzt in Reih’ und Glied – wie ein zu Fleisch und Blut gewordener kategorischer Imperativ –, jene berühmte Riesenschaar, breitbeinig, kerzengerade, in knappen blauen Uniformen, hellen Westen, engen Kniehosen und Gamaschen. Unter der blanken, spitzen Grenadiermütze hervor schauen an den Schläfen die beiden weißen Puderlöckchen; über den breiten Rücken herab hängt in gemessener Länge der kunstvoll gedrehte Zopf. Keine Miene wird verzogen, keine Wimper zuckt, obschon [689] kein Vorgesetzter das Auge auf sie zu richten scheint; denn der Befehlshaber steht mit ausgestrecktem Esponton vor der Front, das Antlitz dem Schlosse zugewandt. Dort oben aber an einem Fenster des ersten Stockwerkes lüpft sich leise eine Gardine, und ein strenger, prüfender Königsblick gleitet über die Schaar. Einige Minuten später erscheint der König in der etwas abgetragenen Uniform seiner Potsdamer Garde in Begleitung seiner Officiere unten auf dem Paradeplatze und schreitet unter dem Rasseln der Trommeln, die von schwarzen Händen gerührt werden[1] musternd die Glieder entlang.

Das ist die Potsdamer Wachparade; das sind die reckenhaften Vorfahren des heutigen ersten Garde-Regiments zu Fuß,[2] welches seit seiner Stiftung den Hauptbestandtheil der Potsdamer Garnison bildet, und wer heutzutage einem Parademarsche dieses Regiments auf demselben Platze zuschaut, der wird an der stattlichen, sichern Haltung, der geraden Richtung, dem gleichen Schritt und Tritt der Grenadiere noch überlieferte Züge jener Ur-Wachparade erkennen, an deren eigenthümliche Kopftracht auch die bei großen Paraden anstatt der Helme getragene Grenadiermütze erinnert.

Wenn in der Bauart mancher Quartiere sich die seltsame Laune des „Soldatenkönigs“ spiegelt, so sind es zwei große Gebäude in Potsdam, die von seinem frommen Sinne und seiner landesväterlichen Fürsorge zeugen, die Garnisonkirche und das große Militär-Waisenhaus. In dem stattlichen Thurme der Garnisonkirche hängt das berühmte Glockenspiel, welches alle Stunden mit dem Choral (die halben und Viertelstunden mit Präludien und Anklängen) einleitet:

„Ueb’ immer Treu und Redlichkeit
Bis an Dein kühles Grab etc.“

Den Fremden, der aus einer geräuschvollen Großstadt in die fast dörfliche Stille von Potsdam eintritt, werden diese immer wiederkehrenden ernstfeierlichen Klänge vielleicht zur Schwermuth stimmen; der Einheimische möchte sie gewiß ungern missen, und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß sie für Denjenigen, der sie von Kindheit auf vernommen, eine tiefe Bedeutung für das Leben gewinnen, ist es doch, als ob der Erbauer der Kirche mit jenen Glockenstimmen auch den nachfolgenden Geschlechtern das altpreußische Gefühl für Pflicht und Schuldigkeit in die Seele rufen wollte, das er seinen Unterthanen einzuprägen verstand. –

Während die Bauwerke Friedrich Wilhelm’s des Ersten das Gepräge seines hausväterlichen, auf das Praktische gerichteten Sinnes tragen, erscheinen uns die Schöpfungen seines großen Sohnes noch von dem Glorienscheine seines Genius umgeben. Er war es, der auch hier das Werk seines Vaters fortsetzte und zur Vollendung führte.

Als Friedrich der Zweite zur Regierung kam, schien er unentschieden, wo er seinen Sommersitz wählen solle. Rheinsberg, Neu-Ruppin und Charlottenburg erhoben Ansprüche darauf, die sich gegenseitig die Wage hielten. In der Zeit zwischen dem ersten und zweiten schlesischen Kriege besuchte der König wiederholentlich Potsdam. Die anmuthige Lage des Bornstädter Weinbergs im Westen der Stadt, nahe dem königlichen Küchengarten von Marly, gab endlich den Ausschlag für die Wahl. Mitten im Kriegsgetümmel studirte der König die Baupläne seines Architekten von Knobelsdorff, und von seinem Feldlager in Schlesien aus erließ er die auf den Bau bezüglichen Cabinetsordres und wies die nöthigen Zahlungen an. Am 2. Mai 1747 wurde das neue Sommerpalais eingeweiht und bald darauf bezogen.

Das war die Freistätte des Genius, das „Sanssouci“ des königlichen Weltweisen. Hier suchte König Friedrich im Umgange mit freisinnigen und geistvollen Männern sich über die Wirren und Kämpfe der Zeit, über den Druck der Regierungssorgen hinaus zu der heiteren Geistesfreiheit des Philosophen, Künstlers und Dichters zu erheben; hier veranstaltete er jene Concerte, bei denen er sich selbst als Meister auf der Flöte hören ließ, und hier schrieb er endlich in stiller Zurückgezogenheit die Memoiren zur Geschichte seiner Zeit.

Aber die heiteren Räume veränderten mit der Zeit ihr Aussehen. Das Freundschaftsverhältniß mit Voltaire löste sich frühzeitig; unter den anderen Gefährten der Tafelrunde Friedrich’s räumte der Tod auf. Auch die Flöte lag in seinen letzten Lebensjahren unberührt auf dem Notenpulte, da der Mangel an Zähnen ihm diese Lieblingsbeschäftigung nicht mehr gestattete. Von Schmerzen gequält, ließ der König sich in seinem Sessel hinaustragen auf die obere Terrasse von Sanssouci, sah hinweg über die sprühenden Wasser, die dunkeln Baumgruppen seines Parkes und sandte der untergehenden Sonne seinen Gruß: „Bald werde ich dir näher sein.“ –

Mit ehrfurchtsvoller Scheu betreten wir das Zimmer, in welchem der große König in der Nacht vom 16. zum 17. August 1786 seinen Geist aufgab. Noch ist die Einrichtung fast unverändert erhalten; noch stehen die Zeiger der großen, mit Schildpatt ausgelegten Wanduhr auf demselben Punkte, wo sie im Augenblicke seines Todes (?) stehen blieben (20 Minuten nach 2 Uhr), und es däucht uns selber, als wäre die Sterbestunde soeben erst verronnen und als spürten wir noch das Wehen des Geistes, der ihm bei den Schlußworten seines Testaments die Feder führte:

„Meine letzten Wünsche in dem Augenblicke, wo ich den letzten Hauch von mir gebe, werden für die Glückseligkeit meines Reiches sein. Möge es stets mit Gerechtigkeit, Weisheit und Nachdruck regiert werden, möge es durch die Milde seiner Gesetze der glücklichste, möge es durch ein Heer, das nur nach Ehre und edlem Ruhme strebt, der am tapfersten vertheidigte Staat sein!

O, möge es in höchster Blüthe bis an das Ende der Welt fortdauern!“ –

Beinahe ein Jahrhundert nach der Erbauung des königlichen Lustschlosses Sanssouci schienen die glänzenden Tage seiner ersten Zeit wiederkehren zu wollen. König Friedrich Wilhelm der Vierte, der schon als Kronprinz eine besondere Vorliebe für Sanssouci hatte, beabsichtigte, nach Plänen, die er mit Schinkel, Persius, Hesse und Lenné besprach, hier ein neues Palais im antiken Stil zu erbauen, das durch Großartigkeit und architektonischen Schmuck sich den ersten Bauwerken der Zeit gleichstellen sollte. Er berief Gelehrte und Dichter an seinen Hof, ja, er kaufte ein Haus an dem Ausgange des Parkes nahe dem Obelisken an, um dasselbe zu einem eigenen Dichterpalais einzurichten, in welchem Alexander von Humboldt, Ludwig Tieck, Friedrich Rückert einen heiteren Lebensabend genießen sollten – gleichsam zur Bewahrheitung des classischen Spruches:

„Es soll der Sänger mit dem König gehen;
Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen.“

Aber die großartigen Baupläne blieben größtentheils unausgeführt in der Mappe des Baumeisters; die idealen Bestrebungen des Königs scheiterten auch hier an dem Widerstande der wirklichen Verhältnisse, und in dem Dichterhause genoß allein Tieck während des letzten Jahrzehnts seines Lebens die Gastfreundschaft seines königlichen Gönners.

In Sanssouci, wo er die ersten sonnenhellen Tage seiner Regierungszeit zugebracht, verlebte Friedrich Wilhelm in freudloser Einsamkeit auch die letzten trüben Jahre seines Lebens. Im Herbste 1857 äußerte er bei einem Besuche des Hofpredigers Strauß, dessen Mutter kurz vorher gestorben war: „Ihr Mütterchen ist hinübergegangen – ach, ich sehne nach auch recht nach der Ruhe.“ Wenige Tage darauf ward er von jenem Schlaganfalle getroffen, von dem er sich nicht mehr erholte. Der Widerspruch zwischen der wirklichen Welt und der Welt, wie sie in seinen Ideen sich spiegelte, machte ihm das Leben zu einem unentwirrbaren Räthsel. In traumähnliches Hinbrüten versenkt, sah er die Tage dahinschwinden, während rings im Lande ein neues, frisches Leben sich regte, dem sein Geist bereits abgestorben war.

Am 2. Januar 1861 hauchte König Friedrich Wilhelm der Vierte im Schlosse zu Sanssouci seinen Geist aus. Im Schlaf- und Sterbezimmer Friedrich’s des Großen ward seine Leiche ausgestellt, und der lebhafte Andrang des Volkes zu seinem Sarkophage zeugte von der unveränderten Theilnahme, die es dem Könige bis zuletzt bewahrt hatte.


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Die Gartenlaube (1876) b 690.jpg

Dampfschiff auf der Havel.       In Nowawes, der Vorstadt von Potsdam.       Am Sterbestuhle Friedrich’s des Großen in Sanssouci.
Die Potsdamer Wachparade 1876.       Sommernachmittag in Neu-Babelsberg.       Knabe aus dem Militär-Waisenhause.

[692]
4.

Einer der freundlichsten Sommerausflüge von Potsdam, obgleich von Fremden nur selten unternommen, ist derjenige nach der Pfaueninsel. An der Langen Brücke besteigen wir in der Morgenfrühe den Nachen. Zu unserer Linken – das ist am rechten Ufer der Havel – gleiten die Häuserreihen der Stadt mit ihren Kehrseiten in mannigfachen Bildern an uns vorüber: hier eine Waschbank, auf der lachende Mägde das Leinenzeug für den Hausbedarf ausspülen, dort ein in den Fluß vorspringender Pavillon, in dem die Familie des Hauseigenthümers ihren Morgenkaffee einnimmt.

Oberhalb Potsdams gelangen wir in die erste, seenartige Erweiterung der Havel. Zur Rechten schaut aus saftigem Waldesgrün, gleich einer Normannenfeste, die Burg Babelsberg hervor; jenseits der Glienicker Brücke begleitet der kunstsinnig gepflegte Park des Prinzen Karl das linke Ufer, während nach Norden hin, in der Richtung auf Spandau, die weite Aussicht über den Jungfernsee sich öffnet.

Auf einer Halbinsel zwischen dem Jungfernsee und der Havel liegt das stille Dörfchen Sacrow mit der säulenumgebenen Basilica am Flußufer, gegenüber die träumerische Bucht Moorlake, von dunkeln Fichten umrahmt, und vor uns taucht inmitten der stillen, weiten Wasserfläche, gleich einem schwimmenden Garten, die Pfaueninsel auf.

Es ist ein überaus lieblicher Aufenthalt, die Insel mit ihren frischen, blumengeschmückten Rasenplätzen, ihren alten, prächtigen Eichen und Buchen. Nichts stört den Frieden in dieser Weltabgeschiedenheit. Nur die Glocke der drüben aus dunkelm Fichtengebüsche hervorschauenden Petri- und Paulskirche in Nikolskoe erinnert uns daran, daß wir uns in der Nähe anderer menschlicher Wohnstätten befinden. Alles athmet eine heitere Ruhe und Sicherheit, die sich unwillkürlich auch dem Gemüthe mittheilt.

Das kleine Schloß auf der Insel ist im Stile eines verfallenen römischen Landhauses erbaut mit zwei ruinenartig abgebrochenen Thürmen, die durch eine freischwebende Brücke verbunden sind. Die innere Einrichtung mit den traulichen Gemächern, deren Fensternischen liebliche Aussichten auf Busch, Hügel und Wasser gewähren, bezeichnet seine Bestimmung für ein stilles, behagliches Familienleben.

Hier war es, auf diesem friedlichen grünen Eilande, wo König Friedrich Wilhelm der Dritte an der Seite seiner unvergeßlichen Gemahlin, der Königin Louise, das höchste Glück des Lebens genoß. Ein unaussprechlicher, poetischer Zauber ruht über der Landschaft, den breiten, duftigen Rasenflächen, den schattigen Ruheplätzen an den Buchten, gleichsam der Nachglanz jenes sonnigen Liebesglückes. Auch durch die großentheils unverändert gebliebene Einrichtung des Schlosses werden wir in Gedanken in jene Zeit zurückversetzt, in welcher die Königin Louise hier verweilte.

Als der Castellan unser lebhaftes Interesse für die zur Erinnerung an ihr Walten hier noch aufbewahrten Gegenstände bemerkte, schloß er in dem ehemaligen Schreibtische der Königin ein Schubfach auf und zeigte uns ein Blatt Papier mit ihrer Handschrift, welches vielleicht nur wenige Fremde gesehen haben. Es enthält nur zwei Worte, aber köstliche, inhaltsreiche Worte, welche einen Blick in das edle Herz der Königin gestatten. Dreimal ist die Feder angesetzt mit den Anfangsbuchstaben des Wortes „Vergessen“, gleichsam als prüfte die Hand, ob sie in Wahrheit niederschreiben dürfe, was das Herz ihr dictirte. Daneben steht mit deutlicher klarer Schrift:

„Vergessen und vergeben“

und das Datum: „Den 15 Juni 1804.“

Die Worte sprechen für sich selbst und bedürfen keiner Erklärung. –

Gern betrachten wir auch ein anderes hier aufbewahrtes Document aus viel späterer Zeit, als König Friedrich Wilhelm der Dritte bereits auf ein Leben, reich an Prüfungen und Kämpfen, auf eine „Zeit mit Unruhe“ zurückblickte. Von dem letzten Geburtstage, den er hier auf der Pfaueninsel verlebte, stammt ein kleines Glückwunschschreiben, dessen Verfasser kein Anderer ist, als der gegenwärtige Kronprinz des deutschen Reiches und von Preußen, Friedrich Wilhelm. Der Inhalt lautet:

„Je vous félicite, mon cher Grand-Papa, pour votre Fête et je souhaite de tout mon coeur que vous vous portiez toujours très-bien.      le 3. août 1838.

Fritz.“ 

Daß die Pfaueninsel auch jetzt noch bei der königlichen Familie beliebt ist, dafür spricht das wohlunterhaltene prächtige Palmenhaus (in Bau genommen 1829), welches Humboldt ein „Denkmal von dem einfachen Naturgefühle des edlen Fürsten“ nennt, sowie der seit wenigen Jahren unter Pflege des königlichen Gartendirectors Jühlke neu aufblühende Rosengarten, auch die Rutschbahn und die Spielplätze, welche öfters von den kronprinzlichen Kindern besucht werden.

An einem so idyllischen Orte überrascht die auf einem Rasenplatze vor dem Schlosse aufgestellte Marmorbüste der Schauspielerin Rachel Felix. Die berühmte Tragödin, welche im Sommer 1854 in Berlin gastirte, sah in der königlichen Einladung, hier in der freien Natur anstatt in dem geweihten Musentempel vor dem Hofe aufzutreten, anfänglich eine Kränkung ihres künstlerischen Stolzes, und der Geheime Hofrath Ludwig Schneider[WS 1] erhielt die schwierige, aber mit Erfolg gekrönte diplomatische Mission, den Widerstand der spröden Künstlerin zu überwinden. Zur Erinnerung an diese Vorstellung wurde die Marmorbüste errichtet.

Um die Mittagszeit fuhren wir nach Sacrow zurück, wo unter den hölzernen Arcaden beim „Doctor Faust“ ein ländliches Mittagsmahl unser wartete. Die landschaftliche Scenerie hatte sich seit den Vormittagsstunden bedeutend verändert. Der Fluß war jetzt von zahlreichen Fahrzeugen belebt, deren Insassen unter Gesang und Zuruf aneinander vorüberzogen. Bald näherte sich von Potsdam her das stark besetzte, mit Laub und Fahnen geschmückte Dampfboot unter Musik dem Ufer und lud eine große Schaar vergnügungslustiger Berliner in Sacrow aus, die nach allen Richtungen die Halbinsel durchstreiften. Wir aber flüchteten in unseren Nachen und traten die Rückfahrt an.

Je mehr wir uns Potsdam näherten, desto stiller ward es. Weiße Schwäne tauchten ihre Flügel in die vom Abendrothe sanft gefärbten Wellen, und über die leisbewegte Wasserfläche hin hallten die feierlichen Klänge des Glockenspiels.

[725]
5.

Im Jahre 1831 beherrschte die Cholerasucht die Gemüther so entsetzlich und drückend, daß kaum noch Jemand sein Haus zu verlassen sich getraute. Die Maßregeln, durch welche man das damals noch unbekannte asiatische Gespenst fern zu halten suchte, thaten mehr dazu, diese Furcht zu steigern, als sie zu beschwichtigen. Damals zog der königliche Hof nach Charlottenburg, dessen Schloß vollständig abgesperrt wurde. Die in Sanssouci zurückbleibenden Prinzen und Prinzessinnen mit ihren Hofstaaten mußten hier eine Art von Belagerungszustand über sich ergehen lassen. Sämmtliche Zugänge zu den königlichen Schlössern und Gärten wurden militärisch besetzt, Briefe und Lebensmittel nur vermittelst Glasstäben in Empfang genommen und desinficirt. Jedermann, der in Sanssouci einpassiren wollte, mußte sich durch eine Bescheinigung des Polizeidirectors von Potsdam als unverdächtig legitimiren und dann noch einem Räucherungsproceß unterziehen, welcher daran bestand, daß unter einem Stuhle, auf welchem er sich niederzulassen veranlaßt wurde, Chlorkalk- und Essigdämpfe entwickelt wurden.

Um diese Zeit, als die Cholerafurcht ihren Gipfel erreicht hatte, trug sich hier ein für die Geschichte des königlichen Hauses von Preußen hochbedeutsames Ereigniß zu. Den rechten Flügel des Neuen Palais im Sanssoucigarten bewohnte damals Ihre königliche Hoheit die Prinzessin Wilhelm von Preußen, jetzt Kaiserin und Königin Augusta, welche zum ersten Male ihrer Niederkunft entgegensah. Am 18. October, jenem großen Gedenktage in der deutschen Geschichte, Morgens um zehn Uhr, erklärten die Aerzte, daß die Entbindung unmittelbar bevorstehe, und der damalige Adjutant des Kronprinzen, Hauptmann von Willissen, legte mit dieser Nachricht den Weg vom Neuen Palais nach dem Sanssoucischlosse in so schnellem Laufe zurück, daß er nur acht Minuten Zeit dazu gebrauchte. Gleich darauf erschien der Kronprinz, spätere König Friedrich Wilhelm der Vierte, auf einem Schimmel reitend und vom Gefolge umgeben, in der Hauptallee des Parkes, um sich im Galopp nach dem Neuen Palais zu begeben. Ihm folgte der vierspännige Wagen mit der Frau Kronprinzessin auf demselben Wege. Gegen einhalbelf Uhr öffnete sich eine der Thüren des Flügels, und es erscholl der laute Ruf: „Ein Prinz!“ worauf sogleich zwei Adjutanten, der eine nach Charlottenburg, der andere nach der Stadt sprengten, um dem Könige, sowie der großherzoglichen Familie in Weimar die frohe Nachricht zu überbringen. Die Feuerzeichen, welche an demselben Abende auf den Höhen um Potsdam zum Gedächtnisse der großen Völkerschlacht bei Leipzig aufloderten, konnten somit auch als ein Ausdruck der Freude des Volkes über die Geburt eines königlichen Prinzen angesehen werden. Dieser Prinz aber war kein Anderer, als der Kronprinz des deutschen Reiches und von Preußen, Friedrich Wilhelm, der gegenwärtige Bewohner des Neuen Palais.

Das Neue Palais war bekanntlich von Friedrich dem Großen in den Jahren nach dem siebenjährigen Kriege in dem westlichen Theile des Parkes von Sanssouci erbaut und in seinem Innern mit außerordentlicher Pracht ausgestattet worden. Wie man sagte, wollte König Friedrich mit diesem Baue, der einen Kostenaufwand von etwa drei Millionen Thalern erforderte, der Welt beweisen, daß es ihm noch lange nicht an Mitteln zur Fortsetzung des Krieges gefehlt haben würde, und im Volksmunde geht jetzt noch die Sage, daß die drei Genien auf der Kuppel des Schlosses, welche die Königskrone tragen, Niemanden anders vorstellen sollten, als seine drei Gegnerinnen, die Kaiserinnen Maria Theresia, Elisabeth von Rußland und die Marquise von Pompadour.

Die Nachfolger des Königs richteten ihr Augenmerk theils auf neue Bauten, theils auf die Erweiterung und Verschönerung der alten Anlagen von Sanssouci. Da sollte – einhundert Jahre nach seiner Gründung – auch für diesen letzten Prachtbau Friedrich’s des Großen eure neue Aera beginnen, als Prinz Friedrich Wilhelm nach seiner Vermählung mit der Prinzessin Victoria von Großbritannien hier für die Dauer seinen Sommeraufenthalt einrichtete und die hohe Frau die nächsten Umgebungen der Geburtsstätte ihres Gemahls mit feinem Kunstverständnisse und Geschmacke in einen Garten verwandelte, der schon jetzt an Schönheit nicht weit mehr hinter dem weltberühmten Parke von Sanssouci zurücksteht.

Die breite Hauptallee des Gartens von Sanssouci führt in westlicher Richtung gerade auf die Mitte der imposanten Hauptfront des Neuen Palais, während der Fahrweg von Schloß Lindstädt nach [726] der Wildparkstation von Norden nach Süden in senkrechter Richtung zu jener über den zum Theil mit Klinkern gepflasterten, zum Theil mit Rasenbeeten bedeckten Hof, die sogenannte „Mopke“, zwischen der Rückseite des Neuen Palais und den Communs, hinwegführt. Die letzteren sind zwei durch eine korinthische Säulenhalle verbundene Schlösser, welche früher die Wohnungen der Hofcavaliere und Hofdamen enthielten, jetzt als Caserne des Lehrbataillons benutzt werden. Die Anlagen hinter den Communs (das ist westlich des genannten Fahrwegs) sind die eigentlichen Vorrathskammern für die Schmuckanlagen vor dem Palais und nach den speciellen Anordnungen der Kronprinzessin von dem königlichen Hofgärtner Sello (seit 1864) eingerichtet worden. Hier finden sich in dem einen Quartier die zartesten Blumenarten – englische Veilchen, Reseden, Primeln, Rosen etc. – beetweise mit einander abwechselnd;


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Kinderfest im Garten des Neuen Palais.


in dem anderen eine Baumschule für die schönsten Waldbäume, in welcher die jungen Stämmchen ebenfalls gruppenweise geordnet und theils von der Frau Kronprinzessin selbst gezogen, theils unter ihrer Leitung von den jungen Prinzen gesetzt wurden.

Durch diese Anlagen hinter den Communs hat der Kronprinz eine vierfache Lindenallee führen lassen, welche bei dem Römischen Triumphbogen in der Colonnade zwischen den beiden Commnusschlössern beginnt und gewissermaßen die Fortsetzung der Hauptallee von Sanssouci hinter dem Neuen Palais bildet.

Unmittelbar vor der Hauptfront des Neuen Palais liegt ein halbkreisförmiges Rasenparterre, welches von hohen Orangebäumen umgeben und durch die Hauptallee von Sanssouci in zwei Viertelkreise getheilt wird. Auch dieses Parterre ist nach den eigenen Zeichnungen der Frau Kronprinzessin von dem Hofgärtner Sello mit zierlichen Blumenrabatten geschmückt worden. Um das halbkreisförmige Parterre legen sich die von hohen, geschorenen Buchshecken eingerahmten verschiedenen Reviere des Gartens. Die Quartiere südlich des Hauptweges sind als Obstgärten nach englischem Muster eingerichtet worden. Hier werden die edelsten Obstsorten gepflegt und geerntet. Der größte Theil der Bäume ist von den kronprinzlichen Herrschaften selber gepflanzt.

Die nördlichen Quartiere, vor dem von den kronprinzlichen Herrschaften bewohnten Nordflügel des Palais, sind die eigentlichen Schmuckgärten. Hier sind die durch hohe Laubwände von den großen Parkwegen abgeschlossenen, stillen Gärtchen mit duftigen Bosquets und glatten Rasenteppichen, mit zierlichen Vasen und kleinen Springbrunnen, mit Rosenlauben und Nischen, wo die hohe Frau sich ganz dem Glücke des Familienlebens widmet. Ihre Lieblingsplätze sind so gewählt, daß sie zugleich die Gärten und Spielplätze der Kinder vor Augen hat. Neben dem Theehäuschen mit dem eigentlichen Heimgarten der Kronprinzessin ist der Obstgarten für die Kinder eingerichtet mit reichtragenden Johannisbeer- und Stachelbeersträuchern, Himbeeren, Erdbeeren und Obstbäumen. Aber wer genießen will, muß auch pflanzen; selbst müssen die Kinder unter der mütterlichen Leitung für die Unterhaltung ihrer kleinen Lustgärten Sorge tragen.

Ueberall ist mit dem Angenehmen das Nützliche verbunden. Zwischen den Blumengärten liegt ein Apotheken- und Kräutergarten, welcher eine Sammlung der heilsamen und schädlichen Kräuter – Fenchel, Anis, Kümmel, Thymian, Salbei, Wermuth, Hollunder etc. – in verschiedenen Abtheilungen zur Unterweisung der Kinder enthält, die eigene Schöpfung der sorglichen Hausfrau.

Ein freier, weiter Rasenplatz, von alten Eichen und dunkeln Blutbuchen begrenzt, von hohen Linden beschattet, ist der Spiel- und Tummelplatz der kronprinzlichen Kinder. Zwei junge Eichen in der Nähe, welche, wie die daran hängenden Täfelchen besagen, vom Kronprinzen und der Kronprinzessin am 18. October 1873 gepflanzt sind, haben vielleicht die Bestimmung, noch späten Nachkommen Schatten zu geben. In einer Ecke sind Turngerüste, Barren, Reck und Schaukel aufgestellt; daneben ist im düsteren Grün der Tannen der Schießstand für Bolzenbüchsen mit Schießhütte und Graben angelegt. In einem anderen Theile des Platzes erhebt sich eine nach allen Regeln der Befestigungskunst erbaute kleine Schanze mit Graben und Palissaden, davor Laufgräben im Zickzack vorschreitend, Schanzkörbe und Faschinen. Hier lernen die jungen Prinzen unter der Leitung erfahrener Militärs spielend die Künste des Krieges, den Bau der Schanzen, die Belagerung und Vertheidigung der Festungen, und das Auge des Vaters folgt mit Wohlgefallen ihrem emsigen Treiben. Auch für sie könnte ja die Zeit kommen, da die Spiele der Jugend einen ernsten Nachhall im Leben finden und die jungen Hohenzollernaare den alten Wahlspruch „Nec soli cedit“ („Auch der Sonne weicht er nicht“) zu bewähren haben.

Auch die Flotte ist vertreten. Nur wenige Schritte von jenem dem Mars geweihten Platze steht ein vollständig aufgetakelter Mastbaum mit Raaen und Stengen. Er ist dem kleinen Maste der „Hela“ genau nachgebildet. Matrosen der kaiserliche Marine ertheilen hier den jungen Prinzen praktischen Unterricht, und oft sieht man den Prinzen Heinrich sich auf den Raaen schaukeln oder an den schwanken Strickleitern bis zur höchsten Spitze des Mastes emporklimmen.

Für die jungen Prinzessinnen und ihre Gesellschafterinnen ist eine Rasenfläche nördlich des Schlosses zum Criquetspiele eingerichtet.

Aber nicht allein für die kronprinzlichen Kinder sind die [727] Freuden dieser Spielplätze. Alljährlich findet hier – gewöhnlich am Geburtstage der Prinzessin Charlotte (geb. 24. Juli 1860) – ein fröhliches Kinderfest statt, welches das kronprinzliche Ehepaar als Gutsherrschaft des benachbarten Bornstedt der Schuljugend dieses Dorfes giebt.

Zur bestimmten Stunde erscheinen die Kinder auf dem grünen Vorplatze des Neuen Palais, sämmtlich in ihren Sonntagskleidern, und werden von den jungen kronprinzlichen Herrschaften willkommen geheißen. Auf dem grünen Rasen sind Bänke und Tische aufgeschlagen, die letzteren mit mächtigen Kaffeekannen und hochragenden Kuchenbergen besetzt. Nachdem auch der Kronprinz und seine Gemahlin erschienen sind, werden die Plätze eingenommen. Ein Hofceremoniell findet nicht statt, ist auch nicht nöthig, da den Kindern schon zu Hause von ihren Eltern die Verhaltungsmaßregeln eingeschärft worden sind, und das gehobene Gefühl, Gäste „bei Kronprinzens“ zu sein, sich schon in ihrem artigen Wesen und ihren anständigen Manieren ausspricht. Diejenigen, welche noch nicht „bei Hofe“ waren, suchen es darin den älteren, welchen dieser Vorzug schon zu Theil ward, nachzuthun:


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Der Gutsherr von Bornstedt und Paretz mit Familie.


Die Prinzessinnen Charlotte und Victoria machen die Wirthinnen und werden von ihren Brüdern bestens unterstützt. Letztere heben wohl selbst die Kleinsten in die Höhe, damit auch ihre Aermchen die lockenden Kuchenschüsseln zu erreichen vermögen. Die Kronprinzessin übersieht mit Hausfrauenblick die ganze lange Tafel, ermuntert zum Zulangen und legt den Bescheidenen auch selbst den Kuchen vor oder den Zucker in die Kaffeetasse.

Nach dieser Erquickung beginnen die Spiele der Knaben mit Stangenklettern, Springen, Wettlaufen vor- und rückwärts, Sacklaufen etc., wobei die jungen Prinzen Heinrich und Waldemar immer unter den ersten sind und der Kronprinz die allgemeine Lust durch heitere Scherze und durch die von ihm ausgesetzten Glückspreise noch steigert. Immer fröhlicher geht es her. Hier fällt ein kleiner Ungeschickt auf die Nase und überkugelt sich im Grase; dort tappt ein Anderer beim Rückwärtslaufen unter dem allgemeinen Gelächter in ganz falscher Richtung an dem Ziele weit vorbei. Alles bewundert und prüft die in diesen olympischen Wettkämpfen errungenen Preise, – Hüte, Tücher, Trommeln und Pfeifen, auch schön bemalte Drachen, die im Herbste hoch in die Bornstedter Lüfte aufsteigen sollen. Ueberall vernimmt man den Ausdruck harmloser, frischer Jugendlust. Köstlich mundet das Obst aus den kronprinzlichen Gärten, und die liebenswürdigen jungen Prinzessinnen reichen wohl selbst manchem artigen Kinde eine süße Frucht, damit dieses sie der Mutter mitbringen könne.

Von den frohen Tummelplätzen der Jugend wenden wir uns zu einer ernsten Stätte in der Nähe. Seitwärts von den am meisten betretenen Wegen des Parkes liegt, unter hohen, schattenden Bäumen verborgen, ein kleiner Tempel. Es ist das Mausoleum mit dem Marmorbilde der Königin Louise, von gleicher Kunstschönheit, von gleich edlen Formen, wie dasjenige in Charlottenburg. Mit diesem Kunstwerke hat es bekanntlich folgende Bewandtniß.

Als das Marmorbild der Königin Louise von Rauch im Mausoleum zu Charlottenburg aufgestellt war, erregte dasselbe die allgemeine Bewunderung. Nur der Meister selbst war nicht zufrieden und begann in der Stille die Modellirung eines neuen Bildwerkes. Niemand ahnte etwas davon, selbst nicht seine eigenen Schüler, bis er nach zwölfjähriger Arbeit sein Modell vollendet hatte und dem Könige davon Anzeige machte, wohl in der Hoffnung, daß er den Auftrag erhalten würde, dasselbe in Marmor auszuführen, und daß das neue Bildwerk an Stelle des ersten in das Mausoleum zu Charlottenburg aufgenommen werden möchte. Aber dazu kam es nicht. Dem Könige war unterdessen das Marmorbild der Dahingeschiedenen in Charlottenburg lieb und gewohnt geworden; er wollte von einer Veränderung nichts hören. Rauch erhielt zwar den Auftrag zur Ausführung des Marmorbildes; zu seiner Aufstellung wählte jedoch der König den früheren Antiken-Tempel beim Neuen Palais, welcher nun in ein Mausoleum umgewandelt und an seinen Wänden mit demselben Zeuge und in demselben Faltenwurf bekleidet wurde, wie das Schlafgemach der Königin Louise im Potsdamer Stadtschloß.

Die Verschiedenheit zwischen diesem und dem älteren Werke ist für den Laien kaum wahrnehmbar und zeigt sich diesem zunächst nur in der Wahl des Maßstabes – hier Lebensgröße, dort sechs Zoll über Lebensgröße. Bei näherer Betrachtung erkennt man jedoch die veränderte Auffassung des Künstlers, durch welche dieses Kunstwerk noch eine höhere ästhetische Bedeutung erhält, als jenes andere in Charlottenburg.

Der Anblick des Marmorbildes an dieser Stätte ist von ergreifender Wirkung, ist es doch, als ob der Geist der Verklärten noch jetzt hier waltete und als ob der Segen ihres Familienlebens auch auf das hohe Paar übergegangen wäre, welches die Räume dieses Schlosses bewohnt.

[728] Zu den königlichen Schatullengütern, deren Besitz der Kronprinz angetreten hat, gehört auch Paretz, zwei Meilen von Potsdam, jenes „Schlößlein Still im Lande“, welches die glücklichsten Tage der Königin Louise gesehen hat. Lange ist es her, seit die hohe Frau hier verweilte und an der Seite ihres Gemahls auf die blühende Kinderschaar um sie herabschaute, aber mit ihr selbst ist auch Paretz dem Volke unvergeßlich geblieben, unvergeßlich insbesondere dem königlichen Hause.

König Friedrich Wilhelm der Vierte, der hier an seinem elften Geburtstage unter den mahnenden Worten der hochherzigen königlichen Mutter den Degen empfangen hatte, feierte voll Pietät für das Andenken seiner Eltern in Paretz bis in seine letzte Krankheit seinen Geburtstag.

Nach dem Tode Friedrich Wilhelm’s des Vierten fiel Paretz dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm als Erbe zu. Da gab es Freude unter den Bewohnern des Dorfes, als die Nachricht sich verbreitete, daß der Kronprinz am 18. October 1866 mit Gemahlin und Kindern eintreten werde, um hier gleichfalls seinen Geburtstag – den ersten Geburtstag nach dem Kriege und nach dem Entscheidungstage von Königgrätz – in ländlicher Stille zu verleben. Kränze und Festgewinde schmückten die Häuser; alle Landbewohner hatten ihre Festkleider angelegt, und die Jugend des Dorfes prangte in den neuen Uniformen, welche ihr, einem alten Brauche gemäß, von dem Gutsherrn verliehen waren.

Der Kronprinz ging, seine Kinder an der Hand, unter dem Geleite der neuuniformirten Jugend durch das Dorf und besuchte auch das Pfarrhaus. Hier bemerkte er den kleinen Stahlstich: „Luther und seine Familie am Weihnachtsabend“ nach Mertensteig, und nachdem er der Familie des Pfarrers gegenüber sein Interesse für dieses Bild ausgesprochen, fragte er seinen Sohn, den Prinzen Friedrich Wilhelm: „Weißt Du auch, wer das ist?“

Kopfschüttelnd verneinte der Knabe.

„Du weißt es wohl,“ sagte der Kronprinz und dann zur Familie des Pfarrers gewandt: „Er ist befangen, aber er weiß es bestimmt; ich selbst habe erst kürzlich die Geschichte der Reformation mit ihm durchgenommen und über Luther in Wort und Bild ihn belehrt; denn am Tage des Einzuges der Truppen, als wir ‚Eine feste Burg ist unser Gott‘ sangen, konnte mein Sohn nicht mit einstimmen; als ich hörte, daß er das Lied noch nicht gelernt hatte, mußte er es sogleich lernen und anknüpfend daran Luther’s Leben und die Reformation durchnehmen.“

Also an jenem Tage des Siegeseinzuges seiner Armee in die festlich geschmückte Hauptstadt, als alle Herzen noch voll Dankes schlugen für Gottes Beistand in dem ruhmvoll beendigten Kriege, voll Dankes auch für den Kronprinzen und seine rechtzeitige Hülfe bei Königgrätz, bemerkt dieser, daß der kleine Prinz, sein Erstgeborner, das Sturm-, Dank- und Triumphlied der Reformation nicht kennt, und noch unter dem frischen Eindrucke des Triumphes lernt der junge Prinz von seinem Vater die Reformation und den Eckstein derselben, Martin Luther, kennen.

Ein Jahrzehnt, reich an Erfahrungen und Thaten, ist seit jener Geburtstagsfeier in Paretz vorübergegangen, und wieder ist mit dem Jahrestage der Völkerschlacht bei Leipzig der Geburtstag des Deutschen Kronprinzen herangekommen. Mit freudiger Theilnahme, hoffend und vertrauend sieht das Volk zu ihm auf, dem ruhmgekrönten Feldherrn und siegreichen Führer, aber im Stillen gedenken wir auch solcher kleinen herzerwärmenden Züge. Auch sie haben ihre Bedeutung in der Weltgeschichte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Schneid r
  1. Die Feldmusik des Leibregiments bestand aus Mohren.
  2. Allerdings nicht direct; denn das Königsregiment wurde bei der Thronbesteigung Friedrich’s des Zweiten aufgelöst und aus dem bisherigen Regimente „Kronprinz“ eine neue Garde gebildet. Auch diese erfuhr unter den nachfolgenden Königen noch manche Umbildungen. Nach dem unglücklichen Kriege von 1806 und 1807 wurde aus den Resten der früheren Garden ein „Regiment Garde zu Fuß (das jetzige „Erste Garde-Regiment zu Fuß“) errichtet.