Die Gartenlaube (1876)/Heft 52

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<<
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1876) 865.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[865]

No. 52.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen.   Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Candidat Grüneisen.
Eine Skizze nach dem Leben.
Von Ernst Ziel.

Auf der Schwelle wuchs das Moos. Es war ein altes, verfallenes Haus mit kleinen Fenstern und enger Thür, an der Sohle pechschwarz, weiter hinauf aber bis unter’s Dach grün, ganz grün angestrichen. Die Leute, wenn sie vorübergingen, blickten wohl hinauf zu den beiden Fenstern des alterthümlichen Giebels, und dann lächelten sie oder schüttelten nachdenklich das Haupt. Abenteuerliche Decoration, welche hinter den Scheiben auf die Straße herabschauete! Sterne und Blumen von buntem Papier, mit Perlen und Flittern reich besetzt, umkränzten ein weiß beklebtes Schild, welches in schwarzen und grünen Buchstaben die räthselhafte Inschrift trug:

     Der Frühverlor’nen,
Mir endlich Wiedergebor’nen.

Und über diesem närrischen Fensterschmucke schwebte, wie die Sonne des Orients über einem bunten Götzentempel, ein wunderliches Symbol – aus schreiend rothem Papier zierlich ausgeschnitten, leuchtete ein riesiges E durch die fallenden Flocken des Winters und den wirbelnden Staub des Sommers zu uns herüber.

Zu uns herüber – denn mein Vaterhaus lag dem schwarz-grünen Hause schräge gegenüber. Wie oft als munterer Knabe saß ich in der Fensternische auf dem hochlehnigen Großvaterstuhl und lugte, Zinnsoldaten und Märchenbuch vergessend, mit jenem gespannten Interesse, das die Jugend so gern dem Sonderbaren und Eigengearteten entgegenträgt, stundenlang zu den beiden Fenstern dort oben in des Nachbars Giebel hinüber! Stundenlang – aber „Da ist es; da ist es!“ rief ich endlich, und in demselben Augenblicke waren Geschwister und Gespielen blitzschnell um mich versammelt. Ja, da war es wirklich wieder, das schon so oft von uns Wahrgenommene. Hinter den Sternen und Blumen da drüben schien es auf- und abzurollen wie eine weiße Kugel, minutenlang in immer gleichem Tempo – und doch wiederum nicht wie eine weiße Kugel, denn um die stetig auf- und niedergehende Scheibe schien es zu flattern, silbern und lang, fast wie das Haar eines Greises. Und richtig – da ist es ja auch, das freundliche hagere Gesicht unseres alten Nachbars. Der schnurrige Kauz, der da mit seiner weißschimmernden, kreisrunden Glatze vom Mansardenfenster herab dienert und dienert, er ist es selbst, der Besitzer des schwarz-grünen Hauses, Herr Candidat Christian Leberecht Grüneisen, der barockeste unter allen alten Junggesellen und Ex-Dorfschulmeistern, der Sonderling der Stadt, der Narr unserer Straße.

Und warum dienert er – nicht etwa erst seit heute, nein, schon seit Jahr und Tag – täglich so freundlich zu uns herüber? O, es ist eine tragische Geschichte, so komisch sie erscheint, und man darf sie nicht laut erzählen, damit die Leute nicht lachen. Wer hat es je ergründet, wer hat es je ausgedeutet in feinen Räthseln und Schrullen das sonderbare Ding: Menschenherz?!

Ich sehe ihn noch vor mir, den emeritirten Herrn Dorfpräceptor. Er ist eben unter einem tiefen Bückling – wie flogen ihm dabei die langen, weißen Haare über die gewaltige Glatze! - in unsere Familienstube eingetreten, eine große grün und schwarz beklebte Schachtel unter dem Arme.

„Ihr Diener, Herr Senator, Ihr Diener, Frau Senatorin, Ihr Diener, Demoiselle Seniorin!“ – denn mit diesem Namen nannte er unser ältestes Schwesterlein, Elise, die heute, an einem hellen Herbstsonntage, gerade ihren neunzehnten Geburtstag feierte – „Ihr Diener“ – und so dienerte er mit einer höchst vertrackten Seitenbewegung seines lang aufgeschossenen spindeldürren Leibes fort, bis kein Kind und kein Kegel mehr im Zimmer war, dem er nicht seine unterthänigste Reverenz gemacht hätte. Dabei blinzelten seine kleinen schwarzen Augen unter den langen buschigen Brauen so freundlich lebhaft hervor, dabei verzogen sich seine schmalen Lippen zu einem so komisch süßlichen Lächeln, daß es des verschossenen alten Rockes mit dem mächtigen, hoch in den Nacken ragenden Kragen und den beinahe bis auf die Hacken hinabreichenden Schößen gar nicht bedurft hätte, um seiner eckigen Urvätergestalt den Stempel einer zwerchfellerschütternden Lächerlichkeit aufzuprägen.

Ut desint vires,“ begann er nun seinen salbungsreichen Sermon, indem er meinem Vater die schwarz-grüne Schachtel überreichte, „tamen est laudandum voluntas, heißt zu deutsch: Sie müssen schon vorlieb nehmen, sehr zu verehrender Herr Senator. Geruhen dieselben daher zu gestatten, daß Christian Leberecht Grüneisen, so man titulirt in der Stadt den Eremiten unter den Dachziegeln, heute die wenigen ganz unscheinbaren Früchte seines Gartens, Kinder der Mutter Erde und der licht- und wärmespendenden Wolkenwandlerin am Firmamente, in Dero Hände dürfe bescheidentlich niederlegen, nicht etwa blos, um den hochwerthen Gaumen des Herrn Senators und der Frau Senatorin zu laben, als vielmehr jetzo, an dem Geburtstage von Dero liebreizgekrönter Demoiselle Tochter Seniorin, ein Zeichen zu sein der Bewunderung Ihres Nachbars. Wie soll ich sie nennen – – ?“

So weit etwa ergoß sich die Rede des zungenfertigen Alten, [866] dann aber fiel mein Vater mit halb lächelnder, halb ärgerlicher Miene in’s Wort: „Schon gut, schon gut, schönen Dank, schönen Dank, Herr Nachbar!“ Und nun entstand eine Scene des stummen Spiels der Verlegenheit. Grüneisen zog ein grün und schwarz geblümtes Kattuntaschentuch aus dem Rockschoße und trocknete sich nach der herzerregenden Rede die Schweißtropfen von der Stirn. Die Schachtel wurde geöffnet – lauter frische, saftige Weintrauben und dazwischen hier und da ein Blatt weißen Papieres, auf dem in sauberer Fracturschrift von des Alten Hand dichterische Ergüsse im Style der Klopstock, Uz und Gleim zu lesen waren; denn Christian Leberecht tummelte einen wolkenflugliebenden Pegasus. Und während wir noch die Ueberschriften besagter Poesien wie „Ode an die Tugendblume Seraphine“ oder „Dithyrambe an mein auferstandenes Jugendglück“ eifrig studirten, suchte unser seltsamer Gast mit langsamem Rückwärtsschritt und hinter dem Rücken tastenden Händen den verlorenen Thürpfosten wiederzuerlangen, um dann, als er ihn glücklich erreicht hatte, unter unsagbar komischen Verbeugungen aus unserem Kreise wortlos zu verschwinden. Aber nein, murmelte er nicht etwas zwischen den Zähnen? Fast klang es, als flüsterte er: „Und sie ist mir doch wiedergeboren.“

Ich stürzte in der nächsten Minute an’s Fenster, und nun sah ich den Alten im Sturmschritt über die Straße eilen mit lang im Winde hinterdrein flatternden Rockschößen. Wenige Augenblicke später stand er schon wieder an seinem Mansardenfenster und dienerte mit freundlich strahlendem Gesichte zu uns herüber.

Ich wurde unter meinen Geschwistern ausersehen, die ihres Inhaltes entleerte Schachtel zum alten Grüneisen wieder hinüber zu tragen.

Wie mein junges Herz klopfte, als ich den Gang antrat! Ich jubelte vor Freude darüber, daß ich nun endlich einmal all die Sonderbarkeiten sollte beschauen und berühren dürfen, die, wie ich längst hatte sagen hören, unser greiser Freund in seinem Dachstübchen aufgespeichert hatte, und doch beschlich es mich wie Furcht vor dem unheimlichen alten Hause und seinem mir so interessanten Bewohner.

Mit Zagen setzte ich den Fuß auf die moosbewachsene Schwelle; sie war so glatt und schlüpfrig, daß ich mich am Thürpfeiler halten mußte, um nicht zu stolpern, und als die lose liegenden Steinplatten unter meinem Tritte sich bewegten, da kroch ein ganzes Heer von Kellergewürm aus Ritzen und Spalten über die Stufen hin. Auf dem engen finstern Hausflur schlug mir eine dumpfe Luft entgegen; tausend Spinngewebe zerreißend und an meine Kleider heftend, stieg ich zwei lange, schmale Treppen zu dem Alten hinauf, und bei jedem Schritt knarrten und ächzten die Bretter und Balken unter mir, daß es in dem stillen alten Hause in allen Ecken und Winkeln nachhallend rumorte und echoete; mir war es, als riefen mir hundert Stimmen zu: „Junior, Junior“ – denn anders nannte Grüneisen mich nie – „Junior, bist Du da?“ Und auf der obersten Stufe der langen Treppe stand er selbst, der Alte, mit den freundlichen schwarzen Augen, in dem Dämmerlichte des Treppenvorgemachs fast anzuschauen, wie ein Magus oder Priester des Alterthums – so feierlich umgab ihn der lange Rock; so würdevoll fiel das weiße Haar von seiner Stirn auf die Schultern herab. Um aber das eigenthümliche Bild zu vervollständigen, fehlte auch die Staffage nicht: sein alter Kater mit den funkelnden Augen, merkwürdiger Weise Karfunkulus genannt, sein einziger Freund und steter Begleiter auf den Gängen und Stiegen des Hauses, umknurrte und umschmeichelte ihn mit so diabolisch gekrümmtem Buckel und so seltsamen Sprüngen und Bewegungen, daß das Unheimliche des Augenblicks dadurch nur noch erhöht wurde.

„Komm’ Er nur herein, Freund Junior!“ rief der Alte mir zu, indem er mir die knöcherige Hand über’s Treppengeländer herabreichte und mich zu sich hinaufzog. „Wer da will wandeln zu den Thürmern, der muß hoch steigen aber ich sage Ihm: das Ziel, so Er erreichet, lohnet die Mühe. Post nubila Phoebus – nach Wolken die Sonne! Dort unten die Welt – hier oben eitel Friede und Freude!“

Und nun führte er mich in sein „wolkenbenachbartes Tusculum“, wie er sein Dachstübchen nannte. Eine kellerhaft feuchte Luft wehte mir beim Eintritt entgegen. Abenteuerlichste aller Menschenwohnstätten, die ich je beschritten! Das enge zweifensterige Gemach war so niedrig, daß ein ausgewachsener Mann mit gestrecktem Arm sicherlich an die Decke reichen konnte. Die Wände umrankte ein großblätteriger Epheu, der durch eine Mauerspalte des baufälligen alten Hauses vom Hofe aus kräftig hereinwuchs, so üppig und dicht, daß man sich, in die Mansarde tretend, in einer schattigen Laube wähnte. Um die wenigen Möbel des Stübchens hatten sich die vollen, blätterreichen Ausläufer des frisch grünenden Gewächses wie die weit greifenden Arme eines Riesen gelegt und Alles romantisch umwuchert und in ein saftiges Grün gehüllt. Selbst von der Decke herab hingen lange Ranken in’s Zimmer hinein und berührten mir, so oft ich einen Schritt that, Scheitel und Wangen, daß ich jedes Mal erschrocken zusammenfuhr. Der kleine Raum wurde durch einen großen im Epheu ganz vergrabenen Schrank, der zwischen den beiden Fenstern mit der einen Schmalseite an die Wand gestellt war, in zwei gleiche Hälften getheilt, sodaß man in der That zwei Zimmer vor sich zu sehen meinte. Bewunderungswürdige Zweckdienlichkeit dieses Schrankes! Er bildete nicht nur die Scheidewand zwischen dem Wohn- und Schlafzimmer des Herrn Candidaten, er war auch Raritätenbehälter, Speisekammer, Bücherrepositorium, Kleiderschrank, ohne dadurch seine praktische Verwendbarkeit zu erschöpfen; denn in seinem untersten Fache, nach der Seite des Schlafgemachs hin, sozusagen im Parterre des Schrankes, hatte Vater Grüneisen sich aus Stroh und einigen dürftigen Betten sein höchst einfaches Nachtlager bereitet, „die stille Geburtsstätte meiner Träume“, wie er es zu bezeichnen pflegte.

Zwischen den Epheuranken hingen rings an den Wänden zahlreiche farbige Bilder, wie man sie in Bauernstuben findet. Eines dieser Bilder aber – es war bei weitem größer als die übrigen und hatte seinen Platz etwas abseits in einer Nische – war mit einem dichten Schleier verhüllt und vom Epheu fast ganz überdeckt.

„Mehercule, mehercule! um des Himmelswillen, Freund Junior!“ rief erschrocken der Alte, als ich, neugierig, wie ich war, die bergende Hülle zurückziehen wollte. „Laß’ Er das, laß’ Er das! Denn ich sage Ihm: das sind versunkene Träume, so Er nicht kann deuten noch fassen. Die Wellen rauschen darüber, und das Wasser ist gar so tief. Ach, Junior, Er kann das Blümlein nicht schauen, so da unten am Grunde wurzelt und winkt. Aber Christian Leberecht siehet das Blümlein wohl trotz der alten Augen und der ewig jungen Thränen darin. Und das Blümlein ist todt. Laß’ Er das, Freund Junior!“ Und indem er so sprach, schien er mit träumenden Blicken müde und traurig in eine weit entlegene Zeit zurück zu schauen.

„Hier hinein steck’ Er die Nase!“ fuhr er dann fort, wie aus tiefem Schlaf erwachend, und schob mich zu dem alten Schrank vor das Fach der Raritäten. „Studium mater est sapientiae, will sagen: Fleiß ist der Weisheit Anfang. Darum studire Er!“ Sprach’s und setzte sich auf ein halbvermorschtes Sopha.

Ich durfte unter den gelehrten und profanen Sammlungen des Schrankes nach Herzenslust kramen und räumen. Münzen aus allen Zeiten der Geschichte, werthvolle kleine Urnen und Vasen aus Rom und China, Handschriften berühmter Männer und zahllose Erinnerungszeichen aus dem eigenen Leben des sonderbaren Alten, daneben aber allerlei Absurditäten, wie eine Schachtel mit einem Stück der ägyptischen Finsterniß, ein Splitter von der Himmelsleiter, die Jacob im Traum gesehen, und dergleichen Kostbarkeiten mehr – welch’ eine reiche Nahrung für die Phantasie des Knaben! Ich vertiefte mich ganz in diese Schätze.

„Ein Buch, Vater Grüneisen, ein Buch!“ rief ich plötzlich erstaunt und jubelnd, als mir unter den tausend Sachen und Sächelchen des Schrankes ein stattlicher Foliant in schweinsledernem Einband in die Hand fiel, der vom ersten bis zum letzten Blatt von des Alten Feder voll geschrieben war.

„Ist Er des Teufels, Freund Junior?“ fuhr mein greiser Gönner von dem wurmstichigen Sopha, heftig gesticulirend, so eilfertig und unstät auf, daß Karfunkulus, der neben ihm sein gewohntes weiches Lager eingenommen hatte, mit leuchtenden Augen zischend auf ihn zugestürzt kam und der alte Schrank in seinen Grundvesten wankte und schwankte. „Das ist mein sacer liber, zu deutsch: mein heiliges Buch, so Er soll lassen [867] stahn. Wahrlich, ich sage Ihm: Keines erdgebornen Menschen armseliges Auge, außer dem meinen, hat jemalen diese Blätter geschauet oder gelesen.“

Er entwand das Buch meinen Händen und stellte es an seinen Platz zurück, dann aber – ich muß wohl zu dieser Maßregelung ein sehr wehmüthiges Gesicht gemacht haben – überkam es ihn plötzlich wie eine rührende Milde und Weichheit. „Junior,“ sagte er, indem er mir mit der hagern Hand zärtlich durch die Locken strich, „wenn der alte Grüneisen dermaleinstens wird gegangen sein in jene terra incognita, wollte sagen: in jenes unbekannte Land, allwo die Engelein mit den weißen Flügeln, grüne Palmzweige in den Händen, an den Himmelspforten stehen, dann soll dieses Büchlein Ihm gehören, mein Junior. ‚Vanitas vanitatis‘ stehet auf der letzten Seite zu lesen – und das ist wirklich dieses Lebens Inhalt: der Thoren Thorheit.“ Und dann streichelte er mir die Wangen und küßte mir die Stirn, und mir war’s, als sähe ich eine Thräne glänzen in dem Auge des Alten.

„Und nun komm’ Er und laß’ Er uns dahin hinaufsteigen, allwo die heilige Dreifaltigkeit thronet!“ und damit ergriff er meine Hand und führte mich auf das dunkle Treppenvorgemach hinaus und eine schmale Stiege hinan. Als wir Drei, Grüneisen, ich und der Kater Karfunkulus, letzterer knurrend und schnurrend in unheimlichen Sätzen uns voran, die finstern Stufen hinaufstiegen, da ging mir in leisen Schauern zum ersten Male das Kindesherz auf, als ahne es dunkel des Lebens ganzen Ernst und seinen oft so räthselhaften Inhalt. Zwischen dem seltsamen Alten und seinem gespenstischen vierfüßigen Begleiter mit den unstäten Gluthaugen stand ich warmes, frisches Knabenblut auf der geheimnißvollen dunklen Stiege. Wohin, wohin? Zur „heiligen Dreifaltigkeit“, hatte Grüneisen gesagt. Was sollte ich mir dabei denken? All’ meine Pulse klopften.

Es war ein geräumiger, düsterer Hausboden, den wir nun beschritten. Wir hatten kaum den Fuß auf die halb verwitterten, schwankenden Bretter gesetzt, als eine ganze Völkerwanderung langbeschwänzter Ratten und schnellfüßiger Mäuse nach allen Seiten hin vor uns auseinanderstob. Karfunkulus machte zischend und prustend einen gewaltigen Sprung und begann über Balken und Gerümpel hinweg eine fliegende Jagd auf das aufgeschreckte Ungeziefer. Christian Leberecht aber führte mich in langen Schritten – ich trippelte ängstlich neben ihm her – durch die dunklen Räume auf drei ferne helle Punkte am Ende des Hausbodens zu. Es waren drei kleine im Dreieck angebrachte runde Fenster, „Vater“, „Sohn“ und „heiliger Geist“, wie mein Begleiter in seiner Alles versinnbildlichenden Weise interpretirte. „Etwas muß der Mensch haben, daran er sein Herz kann hängen,“ fügte er hinzu, „und hier ist meine Vergangenheits-Gedankenbrütstätte.“

Wir waren an eines der Fenster getreten – ich glaube, es war der „heilige Geist“ – und schauten hinaus in die morgenfrische Herbstlandschaft. Ueber die Dächer der Häuser hinweg blickten wir auf die sonnenbeglänzten Felder und Wiesen, welche mir in diesem Augenblicke schöner denn je erschienen. Auf dem blauen Flusse ganz im Vordergrunde der Landschaft schwammen bunt bewimpelte Kähne mit fröhlichen Menschen, die in den hellen, farbenschimmernden Sonntag lustig hineinruderten. Ueber ihnen segelte schwirrend ein Heer von Vögeln durch die klare, reine Luft, vom Hintergrunde her aber, dort, wo im Duft der Ferne saftige Wälder das Landschaftsbild abschlossen, grüßte der Thurm einer Dorfkirche freundlich zu uns herüber. Glockengeläute klang von allen Seiten an unser Ohr, und in dem durch die Stille wallenden Tongewoge mochte wohl auch von dem fernen Kirchlein ein verlorener Klang zu uns dahertönen.

Grüneisen lehnte das Haupt gedankenvoll an die Fensterbrüstung, und „O Junior,“ sagte er wehmüthig und weich, indem er leise auf den Kirchthurm am Walde deutete, „dort hinüber lag mein Glück. Und nun gehe Er und grüße Er mir die Demoiselle Seniorin!“

Indem ich mich auf seine freundlich verabschiedende Handbewegung schüchtern zum Gehen wandte und den Rückweg über den finsteren Hausboden antrat, hörte ich noch, wie Grüneisen, leise seufzend, vor sich hin flüsterte: „Vanitas vanitatis!“, und aus den Winkeln und Nischen des unwirthlichen Bodenraumes schien das Echo zu antworten: „Der Thoren Thorheit!“

Dicht an der Treppe leuchteten mir im Vorübergehen aus einem dunklen Mauerloche die feurigen Augen des Katers Karfunkulus entgegen – es befiel mich ein Gefühl von Furcht und Grauen; ich beflügelte meine Schritte, und des hellen Sonnenscheines gedenkend, der jetzt wohl recht lustig da draußen auf den Trottoiren liegen müsse, wo wir Knaben so gern spielten, floh ich, Stiegen und Stufen hinunter, aus dem unheimlichen Hause des alten Grüneisen.

Ja, draußen strahlte die goldene Sonne. Auf dem hohen, eisenumgitterten Vorbau, der in jener alten Zeit an der ganzen Länge meines Vaterhauses estradenartig hinlief, saßen die Eltern und Geschwister nach traulicher Kleinstädtersitte um den sonntäglichen Tisch. Der Kaffee dampfte heute aus unsern Festtagstassen, und das Gespräch drehte sich um einen wichtigen Gegenstand, um Schwester Elisens Geburtstagskuchen, der soeben in den würzigen Mokka getaucht wurde.

Was waren mir Mokka und Geburtstagskuchen! Ich wälzte in meinem Kinderkopfe eine Welt von Gedanken und Fragen: der Alte da oben in seiner epheuumrankten Mansarde, das verschleierte Bild, das geheimnißvolle Buch, die heiligen Dreifaltigkeitsfenster, durch welche die kleine Kirche am Walde so bedeutungsvoll hereinwinkte, und dazwischen die geisterhaften Augen des Katers Karfunkulus – wie erregten und bewegten mich diese Eindrücke, die ich vom Nachbar mit heimgebracht hatte! Hier unten aber auf der Estrade vor meinem Elternhause die strahlenden Gesichter der Meinen, Elisens neues Geburtstagskleid, das lustige Sonntagstreiben auf der Straße und über alledem, wie ein rosiger Schleier, aus Frieden und Feierlichkeit gewoben, der sonnige, wolkenlose Herbsthimmel und das leise verhallende „Nun danket Alle Gott!“ der singenden Gemeinde in der nahen Kirche – das alles weckte mir der Empfindungen zu viel, zu viel auf einmal für mein übervolles Knabengemüth. Der Vater sah mich erstaunt an, denn ich hatte soeben eine seltsame Frage gethan; mit einer Handbewegung zum Nachbar Grüneisen hinüber und einem langen verwunderten Blick auf die ganze Umgebung hatte ich gefragt: „Vater, ist das das Leben?“ – –

Monate gingen in’s Land. Candidat Grüneisen dienerte nach wie vor täglich zu uns herüber. Dann aber brach ein Tag herein – und Alles wurde anders. Und das kam so:

Als ich eines Abends in der Dämmerstunde aus der Schule heimkam, saß ein junger Mann bei uns am Theetische. Fremd war er mir nicht, denn ich hatte ihn schon öfter bei uns aus- und eingehen sehen, aber heute hatte er so traulich an unserem Familientische Platz genommen, als gehöre er zu uns. Wenn Schwester Elise ihm eine Tasse Thee präsentirte, dann erröthete sie immer tief und schlug die Augen nieder, er aber – was war das? – küßte ihr heimlich die Fingerspitzen, als sie ihm auf seinen Wunsch den Thee nicht, wie üblich, vom Brette, sondern mit der Hand reichte.

Ich zog die Mutter in’s Nebenzimmer und bestürmte sie mit Fragen über den ungewohnten Gast.

„Ja,“ sagte sie lächelnd, „das ist ein neuer Onkel, nein, nicht ein neuer Onkel; das ist so ein – Schwager, Dein Schwager, mein Junge.“

Wunderbar, mein Schwager! Nun war’s heraus. Schwester Elise war Braut.

Den nächsten Tag wußte es die halbe Stadt, und übermorgen stand es in der Zeitung zu lesen. Grüneisen, hast Du es auch gelesen? Ich glaube wohl. Und sonderbar – noch an demselben Tage verschwanden die Sterne und Blumen an den Giebelfenstern uns gegenüber, und ein langes, schwarzes Tuch, statt eines Rouleaus in breiten Falten herunterwallend, trat fortan an die Stelle des abenteuerlichen Fensterschmuckes, tiefe, farblose Trauer an den Platz des bunten, freudigen Lebens.

Den ganzen Winter über sah man den Alten nicht. Er schien sich förmlich einzuspinnen in seine trübe Einsiedelei. Als aber der Frühling kam, da trieb die Gewohnheit ihn doch wieder einmal heraus, aber nicht auf die Straße, nein, zuvörderst auf’s Dach, denn er mußte ja seiner „lieben Frau“ – so nannte er sein Haus stets – ein neues Kleid anziehen, wie immer im Monat Mai, und die Procedur des Ausbesserns der alten Baracke nahm herkömmlicher Weise am Dache ihren Anfang. Für zarte Nerven war es ein schwindelerregender Anblick, Herrn Christian Leberecht’s hagere, gebrechliche Gestalt auf dem [868] schwanken Dache seines Hauses hinan- und wieder herabklettern zu sehen. Mit langgestreckten schmächtigen Armen und Beinen kroch er in spinnenartiger Elasticität um den „Vater“, den „Sohn“ und den „heiligen Geist“ herum, von Ziegel zu Ziegel und wußte mit Kelle und Quast in bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, weitaus langend, zu hantiren. Der Wind spielte dabei mit den langen weißen Haaren des Alten und ließ seine riesigen Rockschöße flattern wie zwei lange dunkle Trauerfahnen. Vollendet aber wurde das Groteske des Anblickes dadurch, daß Karfunkulus, der getreue Kater, seinem Herrn auf Schritt und Tritt nachkletterte und dabei die possierlichsten Sprünge und Sätze machte, bald über den Rücken des Herrn Candidaten hinüber voltigirend, bald um dessen ganze wunderliche Gestalt herum die absonderlichsten Kreise beschreibend.

Unten auf der Straße hatten sich zahlreiche Zuschauer versammelt, welche dem halsbrecherischen Experiment mit Spannung folgten. Ich war mitten unter ihnen. Alles schien gut zu gehen. Plötzlich – ein Schrei ging durch die Menge – wich ein Ziegel unter der Hand des kühnen Kletterers. In jähem Sturze glitt er an dem Dache herab, aber die weit vorspringende Rinne konnte ihn retten. Und richtig – mit einem glücklichen Griffe erfaßte er sie und hielt sich, eine Minute zwischen Himmel und Erde schwebend, mit sicherer Hand an dem wankenden Blechgerüste. Dann aber – ein Krach, ein Sturz – die Rinne war gebrochen, und der Alte lag, ein Bild des Jammers, auf dem Straßenpflaster. In demselben Augenblicke fühlte ich mich von einer kräftigen Hand ergriffen und in das Elternhaus getragen. Der das gethan, war mein Vater, der einen so kläglichen Anblick für nicht geeignet hielt für mein Knabenauge.

Später erfuhr ich, daß man den Gestürzten wie eine Leiche aufgehoben und die zwei Treppen hinauf auf sein wurmstichiges Sopha getragen. Dort hatte er die Augen wieder aufgeschlagen, und als man ihn gefragt, ob er sich sehr verletzt fühle, geantwortet: „Zum Tode!“ dann aber lächelnd gemeint. „Nihil interest, will sagen zu deutsch: Was liegt daran?“ Die ärztliche Untersuchung ergab, daß er eine Rippe gebrochen und das linke Bein stark gequetscht habe. –

Drei Wochen nach dieser traurigen Katastrophe fand Schwester Elisens Polterabend statt. Es war ein großes Fest in unserem Hause. Carossen über Carossen brachten immer neue Gäste. In das Wagengerassel und Pferdegestampf aber scholl das Klirren und Klingen der Scherben, welche Alt und Jung uns an die Hausthür warf; denn es ist eine althergebrachte, allbekannte Sitte, daß, wer es mit dem jungen Paare gut meint, zusammenträgt und -scharrt. was er an altem Geschirr und Scherben auftreiben kann, um es unter Segenssprüchen am Polterabende an die Thür des Brauthauses zu werfen.

Es war schon spät am Abende und völlige Dunkelheit hereingebrochen; ich sah mir vom Fenster aus im Lampenscheine das bunte Polterabendtreiben vor unserem Hause an – da – eine gramgebeugte, hagere Gestalt kommt am Stabe langsam und mühsam über die Straße gehinkt. Ist er es wirklich? Den schwer verwundeten Fuß unter sichtlich heftigen Schmerzen nach sich schleppend, trägt er eine kleine Kiste keuchend daher. Nun setzt er die Last ächzend nieder – ein Augenblick, und eine Unzahl von blinkenden und klirrenden, von theils bunten, unscheinbaren Gegenständen poltert an unsere Hausthür.

„Da, da, da!“ ächzt der Alte leise vor sich hin, indem er ein Stück nach dem andern an die Thür wirft. Dann aber stöhnt er laut auf. „Vanitas vanitatis!“ und eilt, so schnell es das schmerzende Bein zuläßt, unter lebhaften Gesticulationen über die Straße zurück. Der arme, wunderliche Grüneisen! Da lagen sie, seine werthvollen Münzen und Urnen, die besten Stücke aus seiner einst so sorgsam gehüteten Raritätensammlung, und ganz oben darauf schimmerten auch die Papierblumen und -Sterne, die Perlen und Flittern, die einst seine so viel bespöttelten Fenster geschmückt – da lagen sie alle, die ehrwürdigen Reliquien bei den profanen Scherben des Polterabends. Alles zerschellt und zerbrochen!

Seitdem sah ich den Alten nicht wieder – und doch, ein einziges Mal noch. Und das war – im Sarge.

Seit Schwester Elisens Hochzeit war er stiller und stiller geworden, und eines Tages suchte man ihn vergebens in seinem Dachstübchen. Aber als man auf den öden, weiten Hausboden kam, da saß er an einem der seltsamen runden Dachfenster, das Haupt gestützt – das halbgeschlossene Auge blickte fern hinaus zu seinem geliebten Heimathdörfchen.

„Alter, was treibt Ihr?“

Keine Antwort! Christian Leberecht war – todt. Da die epheuumrankte Mansarde zu eng war, bahrten sie ihn in dem kleinen Garten hinter dem Hause auf. Es war gerade die Zeit der Rosen. Da ruhte er nun unter Centifolien und Remontanten in der schwarz verhüllten Truhe, der bleiche stille Mann mit den langen weißen Haaren. Von der Straße aus durch den langen Hausflur sah ich ihn liegen und ruhig schlafen. Kein Mensch war um den Todten, aber auf dem Rande des Sarges saß sein immer getreuer Gefährte, der Kater Karfunkulus mit den unheimlich leuchtenden Augen. Heute hielt er den Kopf gesenkt und blickte traurig bald auf seinen todten Herrn, bald auf die welken Rosenblätter am Boden, mit denen ein leichter Wind phantastische Tänze tanzte. Eine Lerche sang im Gebüsche des Gartens.

Am nächsten Morgen in der Frühe begruben sie meinen seltsamen alten Freund in einen stillen Winkel des Friedhofes. „Einen, der zu gut war für diese Welt,“ hatte an der offenen Gruft der Herr Stadtpfarrer gesagt. – –

Grüneisen hatte sein Wort gehalten. Auf seine schriftliche Verfügung hin wurde mir, dem „lieben Junior“, aus seinem Nachlasse nicht nur das geheimnißvolle Buch, sondern auch das verschleierte Bild nebst einigen Kleinigkeiten ausgehändigt.

Als wir von dem Bilde die Hülle fortgezogen, ging ein Ach der Bewunderung durch den Kreis der Umstehenden. Aus dem verstaubten Rahmen blickte uns ein Mädchengesicht von seltener Schönheit und Lieblichkeit an. Es war ein Kniestück, in Oel und ohne Frage von Künstlerhand ausgeführt. Wie Grüneisen in den Besitz desselben gekommen, habe ich niemals erfahren können. Die schlanke und doch kräftige jugendliche Erscheinung, die vor uns stand, trug einen Kranz von Kornähren und Eriken leicht im dunklen Haar, das in zwei vollen üppigen Flechten lang über die Schultern herabfiel. Die mittelgroße Gestalt war von vollendetem Ebenmaß und wahrhaft reizender Fülle; um Mund und Wangen spielte ein entzückendes Gemisch von mädchenhafter Schüchternheit und leiser Schelmerei; kindliche Einfalt und Heiterkeit sprach aus den tiefbraunen Augen dieser Unschuld vom Lande, die, eine Sichel fest und graziös in der nervigen aber fein geformten Hand, im weißen luftigen Gewande lustig durch die wogenden Kornfelder dahinzuschreiten schien. Man konnte sich eine anmuthigere Schnitterin gar nicht denken.

Aber nicht nur der Zauber der Anmuth war es, der uns diesem Bilde gegenüber ergriff, es war noch etwas Anderes. Blickte es uns aus diesen Augen nicht wie ein Verwandtes an? War das Lächeln um diesen Mund uns nicht ein längst bekanntes? Diese dunklen Haare, diese von leichtem Braun gesättigte Gesichtsfarbe –? Es war ein merkwürdiger Moment des Erstaunens und Erschreckens, als wir Alle wie aus einem Munde ausriefen: „Schwester Elise!“

Und in der That – die auffallende Aehnlichkeit zwischen der lieblichen Schnitterin und unserer Schwester war nicht zu verkennen. Nur, daß bei dieser fein und zart gebildet war, was sich bei jener in kräftigeren und volleren Formen, gleichsam aus dem Städtischen in’s Dörfliche übersetzt, wiederfand.

Und wer war sie, diese reizende Mädchengestalt auf dem Bilde vor uns? In welchen geheimnißvollen Beziehungen stand sie zu unserem nun schlafen gegangenen Philosophen aus der Mansarde und – fragten wir weiter – zu unserer Schwester Elise?

Hierüber giebt uns das mysteriöse Buch, das ich, wie gesagt, zugleich mit dem Bilde ererbt, eingehende Auskunft. Es ist Grüneisen’s Tagebuch. Drei Blätter daraus, die ich hier ihrem ungefähren Inhalte nach wiedergebe, genügen, um den Schleier zu lüften, der über dem Leben dieses Sonderlings lag.

Das erste Blatt: Er war, frischen Lebens voll, von der Universität, wo er als armer Bauernsohn auf Kosten eines Gönners Theologie studirte, zu einem längeren Ferienbesuche in sein Heimathdorf zurückgekehrt. Da wurde in Wonne gesäet, was in Weh aufgehen sollte. Warum trug auch Elise, des Wassermüllers junge Tochter, mit der er ehedem kleine papierne Schiffe und Kähne auf den lustigen Wellen des Mühlbaches hatte [869] tanzen lassen, warum trug sie in den tiefbraunen Augen eine Nacht, in der zu versinken Seligkeit war? Warum flogen ihre langen dunklen Zöpfe bei jeder ungestümen Bewegung des lebhaften Mädchens so wild durch die Luft, daß es ihm jedes Mal war, als wären sie zwei weiche Arme, ihn zu umfangen und zu halten? Acht lange Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Sie war die liebste Gespielin seiner Kindheit gewesen. Nun ging er plaudernd mit ihr durch die freundlichen Gassen des Dorfes; nun stand er sinnend mit ihr an dem rastlos sich wälzenden Mühlrade, und wenn es tief hinab tauchte in die strömenden, schäumenden Wasser und sich dann


Die Gartenlaube (1876) b 869.jpg

Das Grabdenkmal Kaulbach’s auf dem alten Friedhof in München.
Entworfen und ausgeführt von Lorenz Gedon.


unter feuchtem Staubregen wieder gewaltig hob und die spritzenden, sprühenden Tropfen sie Beide benetzten, dann lachten sie hell auf, wie zwei fröhliche Kinder. Die rasch vorüberrauschende Fluth, war sie nicht wie das Leben? Und wenn er dann Hand in Hand mit der Jugendgefährtin am Ufer weiter hinabwanderte, wo die Wasser ruhiger flossen, dann zeigten sie ihm ein freundliches, tausend Gedanken erweckendes Spiegelbild: er sah sich selbst neben der reizenden Gestalt des holden Mädchens. Und dieses Bild sollte zerfließen wie die strömenden Wasser selbst? Da überkam es ihn, als stünde ein köstliches, bisher nur geträumtes Glück leibhaftig neben ihm, und die schlanke Mädchenhand, die er in der seinen hielt, er drückte sie fester und fester. – Im Mühlgarten aber an einem mondhellen Abend, da der stürzende Bach von fern herüber rauschte und die Nachtigallen in lauschigen Verstecken schlugen, sagte er ihr, wie er sie so gern habe – und der erste Kuß besiegelte den Bund der Beiden.

Das zweite Blatt: Und wieder war er im Dorfe. Er hatte seine Examina glücklich bestanden, und die nächste Vacanz konnte ihm eine Pfarre bringen. „Vater Wassermüller, gebt mir Lieschen, Eure Tochter!“ Der aber wies den armen Candidaten höhnend ab. „Des Wassermüllers Tochter ist des reichen Gutsherrn Braut,“ rief er, das Zimmer verlassend, ihm zu und warf die Thür fluchend in’s Schloß. Das Mädchen weinte sich die Augen roth, der junge Grüneisen aber konnte vom Dorfe nicht lassen. Und da der Schulmeister gerade gestorben war, wurde er sein Nachfolger. Das Schulhaus lag dicht neben der Mühle – ach! und die Hoffnung, die thörichte Hoffnung wollte nicht sterben; sie würzte dem jungen blassen Schulmeister das karge, dürftige Brod.

Das dritte Blatt: Es war am Tage des Polterabends. Der Kranz sollte der Braut überreicht werden, und die Gäste waren schon alle versammelt, unter ihnen der strahlende Bräutigam, der jugendliche, reiche Gutsherr. Aber Eine fehlte – die Braut selbst. Man suchte sie überall und fand sie nirgends. Sie hatte sich still davon gemacht. Wohin? Ja, wer das wüßte! Stunden des Wartens vergingen. Das Rauschen des Mühlbachs klang so eintönig in das festlich geschmückte Zimmer, und klang es heute nicht gar so melancholisch? Ja, das Rauschen des Mühlbachs!! Wo das Wasser am tiefsten ist, wo die Wellen am leisesten ziehen, wie schimmert es da durch die klare Fluth so seltsam licht und so schwanenweiß in den lauen Frühlingsabend herauf! Ein langes Gewand, zart und schneeig, wie ein Hochzeitskleid, bewegt sich zitternd im Wellenspiele, unten in der krystallenen Tiefe aber scheinen die Wasser ihren Lauf zu hemmen; so sanft und lind schmiegen sie sich um zwei regungslose Alabasterarme und das lächelnde holde Mädchenangesicht, über das die rieselnden Wellen wie kosend dahinstreichen, ruht es nicht schlummerhaft auf weichem Kissen von Moos und Uferried? So schlummerhaft, daß die Müllerknechte, welche die anmuthige Schläferin zuerst entdeckten, unwillkürlich leiser sprachen, als sie sich zuriefen: „Da ist sie.“ Da war sie in der That – des Müllers Töchterlein, das es schöner gefunden, da unten in der lautlosen Tiefe bei stummen Pflanzen und Fischen zu schlafen, als hier oben unter den Menschen zu wandeln in der lauten Welt des Athmens und des – Herzeleids. – –

Grüneisen (so berichten uns die weiteren Tagebuchblätter) lebte noch viele Jahre als Schulmeister in seinem Heimathsdorfe. Ein einziger Frühlingssturm hatte die Blüthen seines Lebens verweht. Früh in sich selbst zurück gezogen und vereinsamt, von Niemandem verstanden, von Niemandem gesucht, von Niemandem geliebt, wurde er im Alter der vollendete Sonderling, als welchen wir ihn kennen gelernt haben.

Durch den Tod eines entfernten Verwandten kam er in den Besitz des alten verfallenen Hauses, meinem Elternhause gegenüber. Er sollte sein stilles, ihm durch ach! wie viele wehmüthige Erinnerungen lieb gewordenes Dorf verlassen, damit sein altes Herz – wie war es noch immer so jung geblieben! – noch einmal den Hauch der Liebe verspüre, wie einen verweheten Klang aus früheren Tagen. Von seiner Mansarde aus sah er [870] mein Schwesterlein, auch eine Elise und durch ein wundersames Naturspiel das Ebenbild jener ersten. Daß sie ihm die wiedergeborene Jugendgeliebte sei, diese Fiction war die beglückende Idee seines Alters, aber seines Herzens Heimath war und blieb die Vergangenheit. Von den drei kleinen Bodenfenstern aus suchten seine Augen immer und immer wieder das Heimathdörfchen da hinten am waldumsäumten Horizont, wo er so unsäglich glücklich gewesen und ach! so unendlich elend geworden. „Zwei kurze Frühlingstage nur – und des Lebens Rest ist Schatten, nichts als Schatten; denn das Beste und Edelste stirbt früh,“ stand auf der letzten Seite seines Tagebuches.

„Zwei kurze Frühlingstage nur –“ diese Worte fielen mir wenige Jahre nach des Alten Tode schwer auf’s Herz – es war an der Bahre unserer theuren Schwester Elise. Zwei zarte Kinder schlummerten ihr in der Wiege – und sie mußte so jung davon. Was ist Menschenglück, was ist Erdenhoffnung? „Vanitas vanitatis!“ schloß Christian Leberecht Grüneisen sein Tagebuch: „Der Thoren Thorheit!“




Die Singtyrannen der Gegenwart.


„Wo man singt, da laß dich ruhig nieder!“ – heißt der Anfang eines ebenso alten wie schönen, aber auf die Gegenwart nur mit größter Vorsicht anzuwendenden Sprüchworts. Wie kann man sich da ruhig niederlassen, wo Jemand mit kolossalem Aufwande von Athem, mit aus den Höhlen quellenden Augen und anschwellenden Adern Attentate auf das Trommelfell seiner Zuhörer verübt, welche der gemeine Menschenverstand mit „Singen“ zu bezeichnen pflegt?! Nun giebt es zwar unleugbar Stimmen, welche schon von der Natur mit einem reichen Tonumfang ausgerüstet sind und einer soeben beschriebenen besonderen Erregung der Tonerzeugungsorgane zur geeigneten Wirkung nicht bedürfen. Aber sie bilden heutzutage die bedeutende Minderheit unter den sogenannten starken Stimmen, da geistreiche Gesanglehrer Mittel gefunden haben, jede Stimme, wenn solche auch von Natur klein, durch gewaltsames Hinaufschrauben der einzelnen Register über deren natürliche Grenzen zu einer sogenannten „starken“ heranzubilden; denn „stark“ muß die Stimme sein; das ist im Gebiete des Gesanges die Losung unserer Zeit.

Die menschliche Gesellschaft bemühte sich von jeher, allem Gemeinschädlichen nachzuforschen und, wenn möglich, Abhülfe eintreten zu lassen. Vereine geselliger oder fachmännischer Natur schossen stets wie Pilze aus der Erde. Zur Abwechselung gedachte man auch des lieben Viehes, und damit dasselbe nicht ganz auf den Hund komme, gründete man Schutzvereine gegen Thierquälerei. Oeffentliche Blätter gingen mit diesen letzteren Bestrebungen Hand in Hand. Wer von den Lesern dieses Blattes würde sich beispielsweise nicht mit rührender Wehmuth der bildlich dargestellten zusammengekoppelten Ochsen beim Transport auf der Eisenbahn entsinnen?! Auch Sanitätspflege hat besonders in der „Gartenlaube“ von hervorragend kundiger Seite reiche Beachtung gefunden. Ebenso aber, wie bis jetzt noch nicht ein Verein gegen Vergewaltigung menschlicher Organe (vulgo Menschenquälerei) sich bemerkbar machte, so hat, meines Wissens, auch noch kein öffentliches Blatt sich der so oft auf grausame Weise mißhandelten Singorgane des Menschen angenommen. Das große Publicum kümmert sich nicht darum, auf welche oft fast unmenschliche Art ihm die vielbegehrte starke Stimme zurecht gestutzt wird – es applaudirt bei jedem möglichst herausgeschrieenen Tone aus Leibeskräften und spricht überhaupt gelegentlich nicht von einem schönen Gesange, wie das sonst üblich war und wie solches dem innersten Wesen der Kunst entspräche, sondern nur von der starken Stimme dieses und jenes Sängers. (Eigentlich sollte man demnach in solchem Falle überhaupt gar nicht mehr das Wort „Gesang“ in Mitleidenschaft ziehen, sondern die Sänger einfach in Lungeninhaber mit stärkerer oder schwächerer Explosionsfähigkeit eintheilen.)

Die Kunstkritik eifert im Ganzen wenig gegen das überhandnehmende Loslegen gewisser Sänger, besonders im Theater, ja sie verlangt sogar in nicht seltenen Fällen zur Ausführung des colorirten (das heißt verzierten) Gesanges einen ebenso vollen Gesangston, wie solcher nur für den getragenen Gesang sich eignet: als ob sich eine Kegelkugel mit derselben Leichtigkeit, wie ein Federball dirigiren ließe.

Die Capellmeister der meisten Theater lassen die Sache gehen, wie sie eben geht; brauchen sie doch für die Ausführung vieler Opern Stimmen, die ihren Platz überhaupt nur musikalisch auszufüllen haben und denen so viel Kraft innewohnt, um durch die in der Regel massige Instrumentation durchzudringen. Die eigentliche Pflege des Kunstgesanges hat sich sonach im Allgemeinen in den Concertsaal geflüchtet und existirt dort in aristokratischer Abgeschlossenheit. Eine Jenny Lind, Henriette Sontag, Marie von Marra, ein Roger, Stockhausen und viele Andere entzückten die Welt, trotz nicht hervorragend starker Stimme, theils durch den sinnlich bestrickenden Zauber ihres schönen Gesangstones, theils durch die unnachahmliche Grazie ihres seelisch bewegten Vortrags.

Betrafen nun diese Betrachtungen mehr die ästhetische Seite des Vorhandenseins starker und künstlich stark gemachter Stimmen, so mag das Folgende die hieraus entstandenen Auswüchse und das sich wiederum aus dem Vorhandensein der letzteren ergebende Gemeingefährliche für denjenigen Theil der menschlichen Gesellschaft, welcher sich überhaupt mit der Gesangskunst beschäftigt, darstellen. Zunächst tragen die mit natürlich starken Stimmen begabten und in der Oeffentlichkeit wirkenden Sänger die unbewußte Schuld an dem in Mode gekommenen unnatürlichen Hange, um jeden Preis eine starke Stimme zu erzielen; man will ihnen eben, so viel wie irgend möglich, nachahmen.

Eine große Anzahl von Leuten, welche nicht einmal annähernd einen Begriff von der Behandlung der zarten Stimmorgane des Menschen hat, ist der Meinung, daß, wer ein wenig Clavier klimpert, die Geige zum Tanze streicht oder zur Noth einen Choral auf der Orgel spielen kann, dadurch befähigt genug sei, Gesangunterricht zu ertheilen. Diese Sorte von Singtyrannen giebt nun niemals Pardon, wenn sie eine menschliche Stimme in ihre Gewalt bekommt. Ein junges frisches Mädchen, deren Stimme nach Eintritt der Pubertät, gleich einem jungen Kinde, erst, so zu sagen, das Licht der Welt erblickte, muß alle Uebungen, welche der Singtyrann für nothwendig hält, vor allen Dingen mit starkem Tone ausführen, damit die Stimme, einer beliebten Redensart dieser Species zufolge, „herauskommt“.

Daß eine junge Stimme, gleich einem jungen Kinde, mit höchster Zartheit zu behandeln ist, wird von dem Singtyrannen gänzlich außer Acht gelassen. Rücksichten auf die einzelnen Stimmregister (das sind hörbare Einschnitte in der Stimme, die etwa mit den sichtbaren Gelenken der Finger zu vergleichen wären), welche, je nach ihrer Lage, mit mehr oder weniger Athem, oder mit einer dem Tone je nachdem zu gebenden verschiedenen Richtung zu behandeln wären, kennt der Singtyrann nicht. Wozu auch? er wünscht ja nur, daß der Ton so klinge, wie er ihn auf dem Instrumente angiebt, und seine Unersättlichkeit erstreckt sich höchstens auf die Stärke desselben, welche ihm nie genügt. Zu welchen Mitteln der Schüler greift, um diese seine Begierde zu stillen, ist dem Singtyrannen ganz gleich.

Das junge Mädchen klagt über Drücken im Halse, über Brustschmerz, wenn es ein Weilchen gesungen hat; das Zäpfchen erscheint nachgerade purpurrot in Folge der übernatürlichen Anstrengungen – Alles vergebens: „Sie müssen sich gewöhnen, meine Liebe,“ so beschwichtigt der Singtyrann das junge Mädchen. Das junge Mädchen gehorcht; es singt (vulgo schreit) mit angespanntester Anstrengung der Lungen nach dem Befehle des Singtyrannen, denn die Eltern finden ja auch, daß die Stimme schon hübsch stark klingt, und – der Herr Cantor ist doch ein großer Musikus, der Sonntags in der Kirche so schön die Orgel spielt; er muß das also verstehen.

Es treten aber bereits Symptome bei dem jungen Mädchen ein, welche die Befragung des Arztes nöthig machen. Der Arzt setzt den Kehlkopfspiegel an. Er findet die Stimmbänder in Folge der heftigen Singarbeit maßlos überangestrengt und ausgeweitet, [871] den Kehlkopf entzündet, die Lungen stark angegriffen. Er läßt dem Singen sofort Einhalt thun, aber vielleicht in einzelnen Fällen zu spät, denn die betreffenden Organe sind in einem Grade afficirt, daß, wenn nicht gar ein Siechthum eintritt, eine jahrelange Ruhe und unter Umständen gänzliches Aufhören des Singens eintreten muß. Es ist nur zu beklagen, daß diese Singtyrannen nicht den Egoismus besitzen, derartige Herculessingarbeit mit fünfzig Pferdekraft zuerst an sich auszuprobiren. –

Eine andere Gattung von Singtyrannen präsentirt sich in Gestalt jüngerer Damen, welche die Gesangskunst durch Entnahme von zehn bis zwölf Stunden bei einem, wie natürlich, berühmten Lehrer an sich bringen und nun beispielsweise unter der Firma „Fräulein N N, Schülerin des berühmten Gesanglehrers N N“, ein eigenes Gesangunterrichtsertheilungsgeschäft in Scene setzen. In der Regel beginnt Fräulein N N damit, auf zeitungsinseratem Wege eine „soeben freigewordene Stunde“ um den billigen Preis von fünfzig Pfennigen wieder besetzen zu wollen. Da sie ihren Lehrer bei der Kürze der Lehrzeit und sehr oft ohne genügende Basis für den empfangenen Unterricht theils falsch, theils gar nicht verstanden hat, so sucht sie ihr erstes Debut dadurch günstig zu gestalten, daß ihre Schülerin zum allgemeinen Staunen schon beim nächsten großen Familienkaffee das hinlänglich eingepaukte Lied von Mendelssohn: „Leise zieht durch mein Gemüth“ mit dem üblichen Fortezug (wahrscheinlich um das „leise“ zu charakterisiren) stimmlich von sich giebt. Der Gesang ist zwar falsch und unrein, die Textaussprache incorrect und undeutlich, – – „aber die Stimme! – nein, diese Stimme, ist die in der kurzen Zeit stark geworden!“ – so tönt es aus Aller Munde. (In der That! Wozu Mutter Natur bei ruhigem Wachsen der Stimme zwei bis drei Jahre gebraucht hätte, das hat Fräulein N N in sechs Wochen zu Stande gebracht. Die Stimme hat zwar den jugendlichen Schmelz und den sinnlich reizvollen Klang eingebüßt, gleichwie der Schmetterling, dem man die Farbe vom Flügel wischt, zwar immer noch ein Schmetterling bleibt, aber seinen eigentlichen Reiz verloren hat, aber sie ist doch stark – das ist die Hauptsache. Und was gehörte dazu? Nur ein energisches Bestreben von Seiten der hochbegabten Lehrerin, jeden Ton mit höchstem Athemaufwand, mit gewaltigem Druck des Kehlkopfes singen, d. h. schreien oder quetschen zu lassen – sonst nichts.) Das Lied ist zu Ende. Die junge Sängerin wird allgemein umhalst, geküßt und beglückwünscht. Fräulein N N schraubt ihr Gesangunterrichtsertheilungshonorar in Folge dieses kolossalen Erfolges bis auf fünfundsiebenzig Pfennige. Die junge Schülerin munkelt zwar nach und nach immer mehr von Hals- und Brustschmerz etc. nach dem Singen, was aber in der Regel von der Lehrerin mit „ach, dummes Zeug!“ beantwortet wird und so lange fortgeht, bis der Arzt sein „bis hierher und nicht weiter!“ ausspricht.

Eine dritte Kategorie absoluter Stimmenverstärker oder Singtyrannen, welche unter Umständen sogar eine respectable Gesangsbildung erhalten hat, geht von dem Grundsatze aus, daß jede Stimme, von unten bis oben, einen egal-starken Ton produciren müsse. Wie falsch dieser Grundsatz ist, beweist hinlänglich die Thatsache, daß, wenn man ruhig gehaltene Töne in Absätzen mit egalem Athemverbrauch und in egaler Ansprache, ohne zu forciren, von unten aufwärts in Secundenschritten angiebt, die tiefere Lage der Stimme sich stets in einer gewissen Tonbreite und Fülle ergeht. Je mehr man nach der Höhe zu kommt, verliert sich diese Breite und macht dafür einer gewissen Tonhelle Platz, welche den Klang mehr und mehr dünner und lichter erscheinen läßt. Daß dies ein tief aus dem innersten Wesen des musikalischen Tones entsprungenes Resultat und als solches seit Jahrhunderten anerkannt ist, beweist die Thatsache, daß kein Streichinstrument, kein Pianoforte mit egalen Saiten bezogen ist, daß keine Flöte, Oboe, Clarinette etc. und kein Blechinstrument, möge es einen Namen tragen, welchen es wolle, so construirt ist, daß es möglich wäre, auf demselben von der untern bis zur obern Tonlage egal-starke Töne produciren zu können. Von einem leicht ansprechenden Tone der Mittellage aus nimmt nun die Minirarbeit ihren Anfang. Im Ganzen waltet hier bis zu einem gewissen Punkte mehr Vorsicht, als in den früher erwähnten Fällen. Man steigt vermittelst kleiner Uebungen in halben Stufen nach der Höhe, später auch nach unten zu, natürlich immer mit voller Stimme. Endlich hat der Schüler einen Punkt in der Höhe erstiegen, von welchem ab das Hinaufdrängen, auch selbst eines halben Tones, nur noch mit größter Gewalt seinerseits geschehen kann. Die Töne schlagen um; die Stimmbänder wirken nur noch mit größtem Athemaufwand; der Schüler verzagt, nur der muthige Lehrer nicht, denn er hat ja Nichts zu riskiren. Endlich kommt der Schüler an den Punkt, wo nach Ausspruch eines bekannten Hofcapellmeisters „die Stimme biegen oder brechen muß“, oder wo eine sehr bekannte einstmalige Hamburger Gesanglehrerin ihrer Schülerin zurief: „Halten Sie sich an dem Tische und schreien Sie den hohen Ton mit Gewalt heraus, denn wir müssen ihn stark haben.“ Die Folge einer solchen Methode ist im günstigsten Falle, wenn nämlich die Stimme während des Studiums überhaupt aushält, ein kurzes Aufleuchten und ein baldiges Abnehmen der Stimmmittel.

Die Früchte dieser letzteren Species sind leider nur zu häufig an den deutschen Theatern vertreten und bieten dem kunstverständigen Beobachter hinlänglich Gelegenheit, den widernatürlich geschraubten Gesangston (besonders in der Höhe) vernehmen zu können. Von einem natürlichen Wachsthum der Stimmmittel, wie sich solches überhaupt bei normal gebildeten Stimmen bis in die Mitte der dreißiger Jahre eines Menschen beobachten läßt, ist bei ihnen keine Rede. Der Lehrer hat bereits, gleichwie bei einer Citrone, Alles herausgepreßt, was an Saft und Kraft in der Stimme keimte; dieselbe kommt demnach fix und fertig als Treibhauspflanze aus dem Atelier des Lehrers hervor und hat nur eine Zukunft: die des allmählichen Hinschwindens. Die dehnbaren Organe eines jungen Menschen fügen sich willig so mancher Ungeheuerlichkeit in der Behandlung, und eine solche liegt in der oben geschilderten Methode. Ist aber das Jünglingsalter überschritten, fängt der Körper an, an seiner Elasticität einzubüßen, so rächt sich die Natur durch schnellen Rückgang der forcirten Organe zur Schlaffheit und Unwirksamkeit. Wird auch die Gesundheit der so Behandelten in der Regel seltener gefährdet, als in den früher vorgeführten beiden Fällen, so werden dadurch doch zweifelsohne unzählige Hoffnungen, welche durch regen Fleiß und edles Streben zu Tage treten, vernichtet.

Ein junger Mensch (männlichen oder weiblichen Geschlechts), der sich beispielsweise der Oper widmet, hat nach vorhergegangenem Gesangsstudium einige Lehrjahre am Theater selbst erst durchzumachen, ehe man bei ihm von künstlerischen Leistungen sprechen kann. Sind diese Jahre nun überstanden, steht der junge Sänger nun nicht mehr unter, sondern über seiner Aufgabe und tragen seine Leistungen künstlerisches Gepräge – welche Errungenschaften sich kaum vor Beginn der dreißiger Jahre geltend machen können – so würde ihm vielleicht eine glänzende Zukunft bevorstehen, wenn nicht die Natur käme und ihren Tribut auf eine grausame Weise durch schnelles Sinken der Stimmmittel einforderte.

Auf die nun vollständig gerechtfertigte Frage des geehrten Lesers: „Wie soll den aber eigentlich der Gesangsunterricht gehandhabt werden, um eine Stimme zu bewahren und um keine gesundheitsgefährlichen Symptome an den betreffenden Singorganen des menschlichen Körpers aufkommen zu lassen, und auf welche Basis haben sich Eltern, Vormünder und Gesangsschüler zu stellen, um sich ein wenigstens annähernd richtiges Urtheil über den betreffenden Unterricht zu bilden?“ – diene Folgendes als Antwort, welches freilich, der Tendenz dieses Blattes gemäß, nur kurz und in allgemeinen Umrissen – gleichsam als eine Art Präservativ gegen falsche und gesundheitsgefährliche Behandlung der Stimmorgane – gehalten sein kann.

Die Grundregel eines guten Gesangsunterrichtes ist, daß der Gesangston sich vor Allem aus dem Sprechton entwickele, und daß, ebenso wie jeder Mensch das Wort nicht hinten im Gaumen bildet, sondern vorn auf den Lippen entstehen läßt, auch der Gesangston von hier (von den Lippen) seinen Ausgangspunkt zu nehmen hat. Es ist daher gut, wenn man den Schüler, ehe er zum eigentlichen Gesangston übergeht, Silben in einer bestimmten Tonhöhe kurz abgebrochen sprechen läßt. Wenn dann der Sington, gleichsam als die Verlängerung einer solchen Silbe, sich aus derselben heraus entwickelt, so wird er keine falsche Richtung nehmen und die inneren Singorgane in keiner Weise schädigen. Man bemühe sich ferner, dem Gesicht beim Singen seinen natürlichen Ausdruck zu erhalten und die inneren Theile des Mundes mit der Zunge nur in schlaffer Haltung zu verwenden.

[872] Weicht man von diesen Hauptregeln nicht ab, so wird alles Gesundheitsgefährliche von selbst schwinden. Vor Allem ist es ferner nothwendig, daß der Schüler die ersten Gesangsübungen mit wenig Stimme mache und daß er dann erst sehr allmählich zu kleineren Steigerungen der Stärkegrade übergehe. Das wirklich starke Einsetzen des Tones, welches nach dem Vorhergegangenen nun auch hin und wieder studirt werden muß, darf dem Schüler weder Unbequemlichkeiten, noch gar Schmerzen im Halse oder dergleichen verursachen, sonst liegt hier der Beweis vor, daß man von dem oben bezeichneten Wege abgewichen ist.

Viel gesündigt wird in den Gesangsclassen der Schulen gegen aufkeimende Stimmen und nicht blos dadurch, daß der Lehrer, der nur in seltenen Fällen gesangstechnisch gebildet, oft nicht im Klaren darüber ist, was er seinen Zöglingen überhaupt zumuthen darf, sondern auch dadurch, daß er sich zu selten über die augenblickliche Verfassung dieser jungen Stimmen unterrichtet. Junge Mädchen oder Knaben, in der Zeit des Ueberganges zur Pubertät, also etwa zwischen dem dreizehnten und sechszehnten Lebensjahre, sollten mindestens alle vier bis sechs Wochen einzeln stimmlich geprüft werden. Man nehme Töne aus der bequemen Mittellage und lasse sie ruhig aushalten. Macht sich ein Schwanken oder Zittern des Tones gegen früher bemerkbar, so ist der oder die Betreffende sofort aus dem Unterrichte zu entlassen.

Eigentlich wäre es Sache des Staates, in den Schulen nur wirklich gebildeten Singlehrern den Unterricht zu übergeben, ebenso wie der Staat es sich zur Aufgabe machen müßte, eigentliche Singschulen für den Kunstgesang zu gründen, in welchen wie bei den Alt-Italienern eine bestimmte, gleichartige Behandlung der Singstimme auf naturgemäßer Basis eingeführt und von hier aus auf den Privatunterricht verpflanzt würde.[1]

Wenn ich nun meine Skizze mit der Versicherung schließe, dem geehrten Leser nur Bilder vorgeführt zu haben, welche sich mir in meiner eigenen längeren Gesangslehrerpraxis darstellten, und außerdem ausdrücklich bemerke, daß ich hier keineswegs mit zu grellen Farben gemalt, so darf ich wohl hoffen, daß derselbe die Defensive bei Gelegenheit auch da ergreife, wo ich die Offensive ergriffen, nämlich im Kampfe gegen die „Singtyrannen der Gegenwart“.

     Dresden.
L. S.




Wie Menschen und Dinge sich verlieren.


In einem ansprechenden Feuilletonartikel über deutschen Humor hat F. Kürnberger jüngst das Andenken an einen witzigen Künstler aufgefrischt, der seiner Zeit auch durch seine malerischen Leistungen rasches Aufsehen machte und dann ebenso rasch für die öffentliche Aufmerksamkeit verschwand, so daß er jetzt schon zur Mythe geworden zu sein scheint, denn der genannte Schriftsteller führt ihn irriger Weise als den „altbaierischen Maler Mendt“ auf und bringt ihn mit dem hannoverischen Advocaten, späteren Legationsrath Detmold – am bekanntesten durch die Rolle, die er in der achtzehnhundertachtundvierziger Periode in Frankfurt spielte – zusammen, dessen Koboldsnatur er vielleicht mit Absicht, aber ohne Grund und gegen die Wahrheit nach Düsseldorf verlegt. Beide Männer haben nie in dieser Stadt gelebt und sind, so weit die äußeren Umstände einen Schluß erlauben, wohl niemals einander nahe gekommen; der vermeintliche Altbaier aber mit dem jovialen, kecken Humor und der ausgesprochensten Leipziger Mundart ist der sächsische Maler Mende, über dessen Schicksale mir dieser Anlaß einige Erinnerungen wachruft.

Karl Adolf Mende, im Jahre 1807 zu Leipzig geboren, begann seine künstlerische Lehrzeit in Dresden. „Aber ich konnte dort nicht vorwärts kommen,“ erzählte er, als ich ihn kennen lernte; „Tadel und Verdruß war Alles, was ich in der Schule erntete, und ich hatte doch das Gefühl in mir, daß ich Besseres schaffen könne als meine Mitschüler und die Lehrer dazu. Als mir eines Tages unser Director sagte: ‚Aus Ihnen wird nie ein Maler,‘ da fuhr mir der Zorn durch die Adern; ich legte meine Mappe zusammen, und mit dem Worte: ‚Ich werde Ihnen zeigen, was ich kann!‘ bin ich fortgegangen, direct nach München. Und ich habe es gezeigt.“

So war es. Mende hatte in Dresden die Aufgabe der Schule verkannt. Wie es Leuten von cholerischem Temperamente oft ergangen ist, stellte sich sein feuriger Geist bestimmte Aufgaben, die er lösen wollte, vor Augen und achtete zu wenig auf den Theil der Kunst, womit sich die Schule zu beschäftigen hat, die Aneignung der technischen Bedingungen, welche zur kunstgerechten Ausführung einer Idee unentbehrlich sind. Was ihm seine Dresdener Lehrer nicht hatten begreiflich machen können, das lehrte ihn sein Ehrgeiz in München erkennen und erwerben, die Kunst mit Farben umzugehen und nicht gegen die Wirklichkeit zu verstoßen. Er erregte Aufmerksamkeit mit einem Bilde, zu dem ihn Jugenderinnerungen veranlaßten, da er als Knabe aus einer Dachluke den Kämpfen um die Befreiung Deutschlands von dem französischen Joche zugeschaut hatte; es ist das noch heute nicht vergessene Bild „Die Völkerschlacht bei Leipzig aus der Vogelschau gesehen“. Nach einigen anderen Gemälden von durchschlagendem Erfolge brachte er seine „Vertheidigung eines Tiroler Hauses“, ein Bild, welches allgemein das größte Aufsehen erregte und – was damals viel sagen wollte – als Kunstvereinsprämie vervielfältigt wurde. Mehr als in der Farbengebung und dem aufmerksamen Studium der Natur, welches die Zeichnung bis zu den Nägeln im Fußboden darlegte, offenbarte sich der Geist des Malers in der Auffassung. Kein unruhiges Zusammentreffen feindlicher Gruppen, sondern der enge Raum einer Bauernstube, an deren verrammelten Fenstern Männer im Anschlage liegen oder auf den draußen vordringenden Feind schießen; Weiber, die Munition zubringen, Knaben, welche mit Lebensgefahr das Blei der Dachrinne abreißen und Kugeln davon gießen, ein Verwundeter, dem Trost und Pflege gereicht wird – das ist Alles, was die Tafel zeigt, aber mit so ergreifender Wahrheit, daß man empfindet: hier wird ein volksthümlicher Verzweiflungskampf geführt.

Einen Abdruck des Bildes schickte der hochgefeierte Künstler nach Dresden mit den lakonischen Begleitworten: „Da sehen Sie, ob ich kein Maler bin!“ – Und in diesem glücklichen Momente, da der Ruhm ihm nicht blos Kränze, sondern auch Früchte bot, verschwand er aus München, ohne daß man weiter von ihm hörte.

Einige Jahre später – ich glaube 1847 – traf ich ihn in der Gegend des Comer Sees. „Nachdem ich in München,“ sagte er, „eingesehen, daß es nicht genügt, Ideen zu haben, sondern daß man auch lernen muß, denselben eine schöne Form zu geben, ließ es mich nicht rasten; ich wollte ergründen, wie es die alten italienischen Maler gemacht haben; nun bin ich so und so viel Jahre durch Italien bis zur Fußspitze des Stiefels gestreift, um zu studiren, auf welche Weise jene großen Meister so wunderbare Farbenwirkungen hervorbrachten. Jetzt hab’ ich’s,“ schloß er mit Selbstbewußtsein. Daß es keine Ueberschätzung und Schönrednerei war, habe ich später aus dem Munde angesehener Maler erfahren, denen er ohne Rückhalt die mühsam erworbenen Kenntnisse mittheilte. Damals sah ich von ihm nur etliche kleine Farbenskizzen und eine Menge Bleizeichnungen in so kleinem Formate, daß sie bequem in der Tasche zu tragen waren, Genrebilder, heitere und ernste Entwürfe von solcher Mannigfaltigkeit und fesselnder Wirkung, daß er daran dreimal für sein ganzes Leben genug zu malen gehabt hätte. Allein das war es nicht, was ihn augenblicklich beschäftigte; ihm steckte etwas im Kopfe, das nicht zur Kunst gehörte und worüber er sich nicht aussprach. Erst im Jahre 1848, da ich ihm in Frankfurt am Main wieder begegnete, wurde ich es gewahr.

In den Tagen, als die deutsche Nationalversammlung zusammengetreten war, tauchte er dort auf und suchte Fühlung mit den Männern der Linken. Er hatte sich in die italienischen politischen Verbindungen eingelassen und war jetzt abgeschickt worden, zu erforschen, ob sich ein Zusammenwirken der freiheitlichen Bewegungen diesseits und jenseits der Alpen erreichen ließe. Der Erfolg mußte nicht nach seinen Wünschen sein, denn ich bemerkte bei den wenigen Begegnungen, die mir der Zufall mit ihm gewährte, [873] eine Verstimmung an ihm, die bis zur Bitterkeit ging. Dann war er plötzlich wieder verschwunden. Nicht lange darauf erscholl die Kunde von Radetzky’s Siegen – was war aus Mende geworden?

An einem ganz andern Punkte der Landkarte sollte ich es vier oder fünf Jahre später erfahren. Auf einer Fahrt aus dem Mecklenburgischen nach Oldenburg war unser Fuhrwerk zu ich weiß nicht welchem kleinen Orte im nördlichen Striche der Lüneburger Haide gekommen, als ein Mann meine Aufmerksamkeit anzog, der an einem tüchtigen Stocke mit aller Kraft der Sehnen auf einem Seitenpfade durch den dichten Nebel schritt. Die hohe, fast dürre, aber knochenstarke Gestalt, die kühne, straffe Haltung, der Ueberrock von einer besonderen grauen Farbe, genau wie das Haar des zottigen Hundes, der lustig neben ihm trabte – das konnte Keiner sein als Mende und sein „Schnauz“. Er war es. Der Hund, der wie eine Mischung von Pudel und Rattenfänger aussah, aber eine italienische Art war, bildete sozusagen ein Stück von ihm; er liebte das anhängliche, muthige und kluge Thier in solchem Maße, daß er die jährliche Schur von dessen Haar aufbewahrte, bis dieses hinreichte, um es spinnen und weben zu lassen; der Rock, den er daraus schneidern ließ, war sein Lieblingsgewand. – Bei einem Glas Grog, aus schlechtem Rum und leidlichem Rothwein gemischt, wie es die Dorfschenke hergab, erzählte er seine Geschichte seit Frankfurt. Dort hatte er eben solche Vielköpfigkeit der Ansichten und Unklarheit des Strebens gefunden wie in Italien. Die Raschheit, womit die Bewegung des Jahres 1848 über halb Europa hereinbrach, hatte zwar die Geister überall aufgerüttelt und Wünsche erweckt, allein nirgends vorbereitete Gemüther angetroffen; aus lauter Begeisterung und ungeduldiger Hitze machte man Putsche, hier Hecker und Struve, dort die Republikaner und Piemontesen. Nach der Niederlage der letzteren war es mit den italienischen Freiheitsträumen vorbei. Mende, der mit Grausen die blutigen Schlachtfelder gesehen, fühlte sich in Italien nicht mehr sicher. Er suchte schweizerisches Gebiet auf und gelangte in großer Entblößung von Mitteln nach Basel, wo einige Freunde für ihn sorgten, so gut es an dem Orte zu thun war.

„Was sollte ich machen?“ rief er mit einem Lachen, in dem Zorn und Heiterkeit sich mischten. „Nach Deutschland wagte ich mich nicht sogleich. Ich putzte die verfallenen Wandbilder im Stadthause auf, wofür mich die Millionäre wie einen Tagelöhner bezahlten, aber ich mußte das tägliche Brod haben und – gerächt habe ich mich gründlich.“

Weil er ein närrischer Kauz war, der den Aerger, den er niederschluckte, in Spaß ummünzte, daran sich schwer unterscheiden ließ, ob er kitzeln oder beißen sollte, so ließen ihn die reichen Geldherren von Basel in ihrem Casino zu, das sie im „Riesen“ hatten, damit er die Zeitungen lesen konnte, und er wußte sich durch die Schlagfertigkeit seines Witzes bei ihnen so in Gunst zu setzen, daß sie auf den Vorschlag seines Freundes eingingen, er solle die gesammte Gesellschaft „Zur Baseler Maus“ conterfeien und in einem Bilde zusammenstellen. „Sie bekamen es ja billig,“ lachte der Schalk. „Da hatte ich denn reichliche Gelegenheit, die kleinlichen Leidenschaften dieser nur für Geld und Sinnengenuß eingenommenen Menschen – es ist der excentrische Künstler, der so spricht – „recht gründlich zu studiren und aus jedem Gesichte zu erforschen, für welche Art von niedrigem Gelüst seine Züge am besten zu verwenden wären, damit sie als Typus einer Gemeinheit oder rohen Leidenschaft erschienen.“ Mit rastlosem Fleiße schuf er so ein Kunstwerk besonderer Art. An dem runden Tische des Casinos saßen, im Halbkreis malerisch gruppirt, die Mitglieder dieser Gesellschaft, deren materialistische Denkungsweise ihn so grimmig empört hatte, jedes Gesicht wunderbar fein und getreu wiedergegeben, und doch war es nicht der bestimmte Mensch, den er vor sich gehabt hatte, sondern die Züge desselben waren zum typischen Modell irgend einer Leidenschaft ausgebildet. Ueber dem freien vorderen Theil des Tisches sah man die Erholung der Herren: die Baseler Maus, ein auf verborgenen Rädern laufendes Thierchen, lief zum „Gewinnen oder Verlieren“ über den Tisch, und der Wirth und sein Sohn, beide von auffallender Körperbildung, welche Wein herbeitrugen, deuteten den übrigen Zeitvertreib an.

Der geniale Schelm hatte sein Spiel geschickt getrieben – man merkte nichts. Als es aber zum Bezahlen kam, fand man Mende’s bescheidene Forderung zu hoch und entrüstete ihn durch armseliges Gebot. Da ließ er in seiner Hitze gegen irgendjemanden die Aeußerung fallen, daß die Herren es bereuen würden, und sagte vielleicht noch mehr; genug, der Possen, den ihnen der Maler hatte spielen wollen, daß sie in ihrem Casino die eigenen Bildnisse als satirische Charakterbilder[2] zur Schau hängten, wurde den Herren hinterbracht, und da sie ja auch in der Regierung saßen, so beschlossen sie, Mende in der Nacht aufzuheben, sein Bild zu vernichten und ihn selbst als Revolutionär über die deutsche Grenze zu liefern. Doch wie der Verräther, so wachte auch der Freund. Mende erhielt rechtzeitig einen Wink und Beihülfe, daß er am Abende sein Bild und seine Person auf badisches Gebiet in Sicherheit zu bringen vermochte. Er eilte nach Frankfurt, wo er das Bild zu verkaufen hoffte. Wie es schien, hatten die Baseler seine Spur überholt; er wurde überall zurückgewiesen. Rasch entschlossen begab er sich nach München und fand dort einen Kunsthändler, der das Bild, welches in künstlerischen Kreisen ungewöhnliches Aufsehen erregte, mit dem Rechte der Vervielfältigung erwarb. Fallmerayer war von den Kunstwerke so entzückt, daß er den Pathen dazu abgab; die Blätter, welche für die Verbreitung bestimmt waren, sollten die Ueberschrift „Stillleben reicher Leute“ führen. Vervielfältigt worden ist es allerdings, doch hat es den Anschein, daß es die Welt nicht zu sehen bekam. Außer einem Premier-Abzuge, den Mende besaß, ist es vielen späteren Bemühungen nicht gelungen, von dem Bilde oder der Vervielfältigung etwas zu entdecken; es scheint sich verloren zu haben. Möglich, daß die von dem Genie Mißhandelten sich durch größere Summen, als sie dem Maler hatten zugestehen wollen, vor dem öffentlichen Spotte schützten.

Mende hegte diese Besorgniß, da er von dem Kunsthändler vergeblich fernere Exemplare erwartete, und ein neuer Vorfall bestärkte ihn in dieser Meinung. Von München war er nach Hannover gegangen, wo er, seiner eigenen Mittheilung zufolge, in Künstlerkreisen mit Herzlichkeit und Anerkennung aufgenommen wurde. Daselbst wurde eben die Jahresausstellung norddeutscher Kunstvereine eröffnet. Unser Maler hielt dies für eine Gelegenheit, sich durch sein „Stillleben reicher Leute“ und etliche andere Sachen der Aufmerksamkeit zu empfehlen. Er hatte nämlich Pläne für mehrere große Bilder, die er theils in Zeichnung, theils in Farbenskizze entworfen hatte. Zwei davon, die ich unter vielen sah, als ich ihn bald nach dieser Begegnung in Hannover besuchte, stehen mir noch in Erinnerung.

Das eine erinnerte an die „Vertheidigung eines Tiroler Hauses“ durch die feine Auffassung, womit der Maler alle Schrecken eines blutigen Zusammenstoßes in der Vorstellung erweckte, ohne den Beschauer unmittelbar in die Verwüstung blicken zu lassen. Es war eine Scene aus dem italienischen Aufstande. Auf der linken Seite der Tafel sah man eine schräg gegen die Mitte gelagerte Dorfkirche, vor der sich der von einer Mauer umschlossene, das Hauptfeld des Bildes abgebende Friedhof ausbreitete. Hierher hatte sich geflüchtet, was für den Kampf nicht taugte, Weiber, Greise, Kinder; im Vordergrunde einige Verwundete – Zeugnisse dessen, was in der tiefern Straße jenseit der Kirchhofsmauer geschah, über die etliche Buben und Männer in den Tumult schaueten oder daran theilnahmen, den Bajonnette, allerlei Waffen und Köpfe mit militärischen und bürgerlichen Bekleidungen andeuteten. Ein Priester im Ornat und mit kirchlichem Geleit näherte sich den Verwundeten, neben denen links in der Ecke die Zündung einer herübergeflogenen Granate hoch aufsprühete – ein Bild der höchsten künstlerischen Ruhe, das die wildeste Bewegung vergegenwärtigte. Obgleich nur Skizze, war die Farbengebung so wunderbar, daß Bandel, der Meister des Hermannsdenkmals, mit dem ich hingegangen war, ausrief: „Woher nur der Mensch solche Farben nimmt!“

Das andere Bild, eine Zeichnung, beschäftigte sich mit Falstaff und dem Prinzen Heinz. Eine Londoner Kellerkneipe, welche rechts durch die Stiege von der Straße und ein Fensterlein das Tageslicht der Scene erhält; an der darauf schießenden Seitenwand drei Brettertafeln mit Holzbänken; an der ersten die Wirthin und irgend welche lustige Zeisige, die ihre lockere Kurzweil treiben; an der Ecke der zweiten, den Hauptpunkt der Tafel einnehmend, Falftaff neben Dortchen, mit der Rechten ein Weinglas schwingend, die Linke gemächlich in der Tasche; an ihm hinaus unter der trüben Lampe, welche die dritte Tafel erhellt, raufen [874] Kartenspieler. Aber getrennt von den Gruppen, deren Kernpunkte wir eben erwähnten, jenseits der Gatterthür auf der Stiege, wo das volle Tageslicht auf ihn fällt, steht der Prinz und überblickt lächelnd die Scene. Ließ sich die Gemeinschaft und die Entfremdung, die zwischen Heinrich und seinen Cumpanen bestand, feiner bezeichnen?

Diese und einige andere Bilder wollte Mende nur im größten Maßstabe ausführen und hoffte in Hannover – weitreichende Verbindungen hatte er überall – Bestellung dafür zu finden; wenn nicht, so wollte er sich nach England begeben. – Nach Besprechung mit einigen Künstlern, die er als maßgebend für die Ausstellungsangelegenheiten betrachtete, hängt er den Abdruck seines Baseler Bildes nebst den Portraitstudien der einzelnen Köpfe in Aquarell an einer Nebenwand der Ausstellungsräume auf. Kaum hat er den Rücken gewendet, da tritt der Cassirer des Kunstvereins, ein Banquier, ein; die Mende’schen Sachen erblicken und „den ganzen Plunder“ hinausschaffen, ist ein Augenblick. Der Cassirer handelte eigenmächtig, es konnte ja eine Erlaubniß des künstlerischen Vorstandes bestehen; allein er war auch im Rechte, weil es ihm nicht angezeigt worden und Vervielfältigungen, Skizzen und dergleichen statutenmäßig ausgeschlossen waren. Aber man denke sich Mende, da er es erfuhr! Die Erinnerung an Basel und Frankfurt gab ihm in den Sinn, daß der Cassirer im Einverständnisse mit den „Millionären“ sein Bild unterdrücken wolle.

Diesen Glauben bestärkte ein anderer Vorfall. Auf einem Spazierwege kam er an einem Mitgliede der österreichischen Gesandtschaft vorüber, das in einer Unterredung dastand; im Vorbeischreiten meinte Mende aus dem Munde dieses Herrn, der, wohl zufällig, die Augen nach ihm gewendet hatte, den Zuruf zu hören: „Fort, fort! sogleich!“ Sich eine politische Verfolgung einbildend, hatte er sich unverzüglich aufgemacht und war mit seinem Hunde fünf Tage lang durch die Haide gestreift, als ich ihn traf. Sein künstlerisches Auge war dabei offen geblieben. „Großartig!“ rief er aus; „diese erhabene Einsamkeit, und die unvergleichlichen landschaftlichen Reize in diesem ‚Meere des Landes‘; die Dáchauer Gegend ist nichts im Vergleiche hiermit. – Ich lachte ihn wegen seiner thörichten Einbildung aus, denn damals herrschte in Hannover noch eine liberale Richtung, und es gelang mir ihn zu überzeugen, daß er Gespenster gesehen habe. Er begleitete uns bis zum nächsten Eisenbahnpunkte und fuhr wieder nach Hannover. Hier wäre der einzige Zeitpunkt gewesen, da Mende mit Detmold zusammengetroffen sein könnte; aber dieser machte ein gesucht vornehmes Haus und mied die Künstlerkreise, Mende hingegen hatte sich durch sein hitziges Wesen für die aristokratischen Sphären unmöglich gemacht.

Als ich Monate später einen Bekannten aus dieser Stadt traf und nach Mende fragte, erhielt ich zur Antwort, er sei nach seiner Gewohnheit von dort abgereist, ohne zu sagen wohin; man vermuthe, daß er seine Absicht, in England das Glück zu versuchen, ausgeführt habe.

Also wieder verschwunden! Und schwerlich würde ich von ihm mehr zu sagen vermögen, wenn mich nicht ein Geschäft im Juli 1855 nach Bremen gerufen hätte. Auf der Strecke zwischen Verden und Achim kam ich in’s Gespräch mit einem Herrn, der die Frage an mich richtete:

„Sie wollen wohl auch nach Achim?“

„Was sollte ich dort? Die Bremer Cigarrenfabriken ansehen?“

„Ich meinte wegen Mende!“

„Mende?“

Und nun hörte ich voll Erstaunen, daß Mende in dem kleinen Orte bei einer Persönlichkeit, die ein lebhaftes Interesse für sein künstlerisches Wirken hegte, in der letzten Zeit gelebt hatte.

„Vor einigen Tagen,“ fuhr mein Begleiter fort, „bemerkte man seinen Hund am Ufer der Weser, unruhig und heulend; das arme Thier war ganz durchnäßt; es rannte zum Wasser und wieder zurück, als flehe es um Hülfe. Bald danach fand man den Leichnam des Malers; er war ertrunken.“

So kam es, daß ich den Fuß an den Rand der Gruft setzen konnte, die an diesem Tage den rastlosen Mann zur ewigen Ruhe aufnahm. Was der Anlaß seines Todes war, habe ich nie erforschen können; daß die Noth ihn nicht zu einem verzweifelten Schritte gedrängt, lag auf der Hand, da er in angenehmen Verhältnissen lebte und eine ansehnliche Summe Geld hinterließ. Es muß also wohl ein Unglücksfall gewesen sein, der den Künstler, dessen Lust es war, kühne große Gedanken in leuchtenden Farben darzustellen, in der trüben Fluth der Weser für immer in Nacht versenkte und die großen Entwürfe begrub, für deren Ausführung er sich mit eiserner Zähigkeit eine ungewöhnliche Befähigung angeeignet hatte.
A. W. A.




Abrichtung der Vögel.
Von F. A. Bacciocco.


Leider ist es den Menschen nicht möglich, das Seelenleben der Thiere anders, als aus dem menschlichen Gesichtswinkel zu betrachten, und deshalb nennt er vorzüglich jene Thiere gelehrig und anstellig, welche sich, wirklich oder scheinbar, dem menschlichen Verständniß am innigsten und offenkundigsten anzuschließen vermögen. Man staunt zum Beispiel auch über die fremdartige, eigenabgeschlossene Arbeitslust und complicirte Thätigkeit der Bienen und Ameisen, aber fremd steht immer der Mensch, und wäre es der beste Bienenvater, dem inneren Wesen der Arbeit und der Arbeitenden gegenüber. Einen Schritt weiter hat uns endlich Darwin gebracht, der edle und entsagungsstarke Mann, dessen Ruhm und Verständniß mit jedem Jahre wächst und dessen Verständniß – auf den Ruhm leistet er ja gerne Verzicht – von Generation zu Generation steigen wird. Er hat uns die Wege gezeigt, und zwar mehr als ahnungsvolle Wege, auf welchen man dem eigen construirten Seelenleben einiger Thierarten näher treten kann. Der Hund, der Affe, der Elephant sind uns bei weitem nicht mehr die fremden Geschöpfe, welche sie unseren Vorfahren noch waren, und die Sprache des Hundes ist durch ihn sogar in die menschliche Sprache übersetzt worden. Der große Unterschied der Arten und der Abzweigung bringt es mit sich, daß das Seelenleben der Vögel uns fremder ist und wahrscheinlich noch länger bleiben wird, als jenes gewisser Vierfüßler.

Der langen Reihe von Vierfüßlern, welche sich der menschlichen Lebensweise und Dressur anbequemt haben, kann man eine entsprechende Zahl von Vogelarten nicht entgegensetzen.

Wir hören zwar von ausgezeichnet dressirten Papageien, von weisen Raben, von klugen Staaren etc., indessen ist man niemals zu einer rechten Erkenntniß gekommen über die Tiefe und die Grenze ihrer Beziehungen zum menschlichen Geistesleben, und noch immer haben wir es hier mit einer versiegelten Seite der Thier-Psychologie zu thun. Trotzdem hat der Mensch eine hübsch lange Reihe von Vögeln seinem Eigenwillen unterworfen, nämlich er hat dieselben „in seiner Art“ zu dressiren verstanden, vom klein-winzigen Zeisig bis zum gewaltigen Vogel Strauß; nur bleibt noch immer die Frage eine offene, ob wir damit der Vogelseele näher getreten sind und ob wir einen eigenartigen Eindruck auf dieselbe hervorgebracht haben. Noch ist auch die Wissenschaft nicht so weit gelangt, daß sie auf diesem Gebiete die Gesetze des Atavismus verfolgt und beobachtet hätte, und wir wissen, um es deutlich zu sagen, noch nicht, ob ein gelehriger Staarmatz auch einen gelehrigen Sohn oder Enkel in die Welt setzen kann.

Es ist schon der Unterschied in der Befähigung (in unserem Sinne) bei den Arten und Abarten und Familien ein sehr großer, und jedenfalls ist ebenfalls ein großer Unterschied bei den einzelnen Individuen vorhanden. Man kann bei fünf Vögeln aus ein und demselben Neste oft nur Einen mit großer Mühe für die Dressur gewinnen. Wenn man einen Vogelfänger fragt, welche von den verschiedenen Finkenarten er für die gelehrigste und anstelligste hält, dann antwortet er: der Distelfink, der Stieglitz.

Bei einem französischen Vogelhändler sah ich einmal ein halbes Dutzend „Chardonnerets“, sämmtlich wohldressirt an einer Wand und zum Verkaufe ausgeboten. Die Dressur bestand darin, daß die Thierchen ihre Frucht- und Wassereimer selbst ziehen mußten. Diese Spielerei ist in Frankreich, in Belgien und am Niederrheine eine sehr verbreitete. Man dressirt in dieser Art [875] den Distelfink und den kleinen Zeisig. Der Vogel sitzt auf einem kleinen Gerüste, welches einem Diminutivschaffot nicht unähnlich sieht; in der Tiefe befinden sich auf einem leichten Geleise der Fruchtbehälter und der Trinknapf, oft der letztere auch allein. Das Vögelein, welches durch einen Hamen auf seiner Stange festgehalten wird, muß, wenn es trinken will, die Schnur mit dem Schnabel erfassen und so das Gefäß zu sich heraufziehen. Anfänglich bereitet ihm die Arbeit jedenfalls viel Anstrengung und Qual, bald aber gewöhnt es sich an die Situation und arbeitet und sitzt oben, so lustig wie nur immer ein gefangener Vogel sitzen kann. Noch gelehrigen als der Stieglitz erweist sich der Zeisig, welcher wahrscheinlich vermöge seines sanften Naturells sich überraschend schnell dem Zwange bequemt. Die Lehrmeister bezeichnen ihn deshalb als einen überaus gescheidten und anstelligen Vogel. Man kann auch bemerken, daß der Zeisig in dieser Lage nach gethaner Arbeit ganz munter singt und zwitschert; bei dem Stieglitz habe ich wenigstens das nicht beobachtet. Man kann jetzt von jedem dieser Abrichter hören, daß ein ähnlicher Versuch mit einem Buchfinken oder mit einem Gelbfinken zu keinem Resultate führt. Der Buchfink geht bei den Versuchen zu Grunde; er sieht den Wasserbehälter, aber er denkt nicht daran ihn emporzuheben, auch wenn man ihm die Sache hundertmal vormacht. Ganz vergeblich sind ferner die Versuche mit der gewöhnlichen Kohlmeise; sie ist derart wild und unbändig, daß sie sich würgt oder die Beine zerbricht, sobald sie nur auf dem Stabe losgelassen wird. Die Versuche, welche mit vielen anderen Singvögeln angestellt wurden, waren ebenfalls vergeblich. Selbst der Spatz will nichts von einer derartigen Dressur wissen, und er würde lieber verhungern, als sein Brod bei harter Arbeit verdienen. Wollte man den Grad der Intelligenz, der solcher Weise bei den Arten zur Erscheinung kommt, untersuchen, so müßte man (von unserem Standpunkte) zugeben, daß er bei jenen ein bedeutender ist und jedenfalls größer als bei den anderen Arten. Indessen zeigt sich bei anderen Gelegenheiten wieder, wo es sich um Sein oder Nichtsein handelt, der Stieglitz keineswegs so klug, wie etwa der Buchfink.

Der Stieglitz fällt dem Vogelsteller nur zu leicht in das verrätherische Garn, während der Buchfink, selbst wenn ein Lockvogel vorhanden ist, oft plötzlich Halt macht und die Gegend recognoscirt. Der Zeisig wiederum erweist sich unter allen Umständen als ein überaus intelligentes Vögelein; er wird auch im Zimmer schneller heimisch und sucht förmlich den Umgang mit Menschen. Die wilde, trotzige Meise ist ebenso klug wie gewandt, nur ihre Freßgier und ihre Neugierde können sie leichter in die Falle bringen, als irgend einen anderen Vogel. Das Kunststück des Futterholens erlernt übrigens ein solider Papagei schier ohne Bemühung und ganz auf eigene Faust. Wenn man diesen „Menschenvogel“ auf seiner Stange beobachtet, wie er die Gegenstände mit Kralle und Schnabel bearbeitet, wird man unwillkürlich an einen ungelenken Affen erinnert. Daher ist der Papagei vor allen Anderen berufen, unsere Kenntniß der Vogelseele zu erweitern und zu vertiefen.

In einigen Gegenden verwendet man gewisse Vogelarten zum Kartenschlagen. Vagirende Vogelhändler bringen dieselben auf den Jahrmärkten zur Schau und zum Verkauf. Ich habe solche Leute in Deutschland, in Belgien, in Frankreich und in Oesterreich gesehen, und sie besaßen immer die folgenden Arten: Canarienvögel, Zeisige, Kreuzschnäbel, Distelfinken und Staare. Ein Theil dieser Vögel ist „in der Freiheit“ dressirt. Jüngst zog ein solcher Kartenschläger in Wien auf der Elisabethbrücke die Aufmerksamkeit des Publicums auf sich. Er hatte in seinem Bauer mehr als ein Dutzend dressirter Thiere: Canarienvögel, Zeisige und deren Bastarde. Die Vögel mußten Nummern ziehen und das war eine neue Errungenschaft für das unheimliche Geschlecht der Lottoschwestern, die in Wien in gewissen Kreisen ihren Einfluß haben. Ein Vogel wurde hervorgeholt und mußte aus einem Behälter Karten hervorziehen und vor sich hinschleudern. Jede Karte zeigte eine Zahl, welche von den Weibern eifrig notirt wurde. Der Eigenthümer konnte einen Vogel veranlassen, zehn Mal Karten zu ziehen; das Thierchen war unermüdlich. Er konnte ihn auch durch kurzen Zuruf bewegen, den Schnabel von einer Karte zu entfernen und eine andere zu nehmen. Die Dressur ließ nichts zu wünschen übrig. Außerdem waren die Thiere so zahm, daß sie nicht einmal die Gelegenheit benutzten, um davon zu fliegen; der Künstler war seiner Gesellschaft so sicher, daß er es verschmäht hatte, ihr die Flügel zu stutzen. Es ist möglich, daß der Kreuzschnabel noch zugänglicher für die Dressur ist. Auf der Brücke von Notre Dame in Paris konnte man vor einigen Jahren einen alten Invaliden sehen, der eine Anzahl Kreuzschnäbel in ganz raffinirter Weise abgerichtet hatte. Er zählte un, deux, trois etc. und bei jeder Nummer, bei welcher er Halt machte, mußte der arme Kreuzschnabel den Kopf hervorstrecken und die Ziehung bewerkstelligen. Das war denn ganz komisch anzusehen, und die braven Kreuzschnäbel irrten selten. Da der Künstler mit seinen Zöglingen mörderlich schimpfte und fluchte, so vermuthete ich, daß er es mit dieser Methode so glücklich weit gebracht hätte, eine Methode, die sich auch zuweilen bei anderen Kreuzköpfen bewähren soll. In Berlin machte vor etwa zehn Jahren ein „auf das Kartenschlagen dressirter Canarienvogel“ Aufsehen und es wurden von seiner Anstelligkeit Wunderdinge erzählt. Er soll leider, als er einmal seinem Käfig entschlüpfte, ein trauriges Ende unter dem Fuße einer vornehmen Dame gefunden haben. Wenn uns der Canarienvogel immer wieder als einer der dressurfähigsten Vögel begegnet, so dürften wir wohl nicht fehl gehen in der Annahme, daß die lange Gefangenschaft und die Fortpflanzung in der Gefangenschaft ihn dem Menschen vertrauter und zugänglicher gemacht hat.

Freilich kann man wiederum nicht dasselbe sagen von den verschiedenen Vögeln, die wir als Hausthiere hegen. Das Huhn erweist sich ganz unzugänglich für alle „Bildung“ und Cultur, ebenso die Ente; die sogenannte „dumme Gans“ dagegen zeigt entschiedene Anlagen. In jedem Dorfe, welches seine Gänseheerde hat, weiß man daß die Gans, wenn sie von der Weide herein kommt, auf dem gehörigen Punkte sich absondert und vor ihre Hausthür hintritt, um mit lautem Geschrei Einlaß zu begehren. In den langgestreckten ungarischen Dörfern geht es allabendlich wie bei einer Procession, wo Stück um Stück, oder auch die Paare, sich absondern, um ihr Heimwesen zu erreichen. In der Frühe erfolgt in derselben Weise die Sammlung und der Abmarsch. Dieselbe „dumme Gans“ hat entschieden Anlage zur militärischen Disciplin. Ueberdies erzählt man noch da und dort ganz interessante Geschichten über die Gelehrigkeit der Gänse, wobei man nicht einmal bis auf das römische Capitol zurückzusteigen braucht, Geschichten, welche die immerhin erfreuliche Andeutung liefern könnten von den tiefinnerlichen Beziehungen zwischen der Menschen- und Gänseseele, doch möchte ich ausdrücklich die schönere Hälfte unseres Geschlechtes, welche mitunter von solchen Anspielungen heimgesucht werden soll, ausgenommen wissen.

Zu den dressurfähigsten unserer Vögel gehört gewiß in erster Linie die Taube. Dabei muß aber wieder so wie bei den Finken nach den Arten unterschieden werden: Die gemeine Feldtaube, die Kropftaube, der Pfauenschwanz werden nicht als besonders gelehrig bezeichnet. Dagegen die Reisetaube und der Tummler, und die Reisetaube um so mehr, je besser und feiner die Race ist. Bekanntlich beruht der vielbewunderte Heimflug der Reisetaube auf Dressur. Die Taube wird in immer weiteren Distancen von ihrem Standorte aufgelassen. Nur ist ganz wunderbar und dem menschlichen Vermögen völlig unfaßbar die Schnelligkeit, mit welcher die Brieftaube sich orientirt und „instinctmäßig“ die Richtung findet. Da redet der Mensch oft von der „einfältigen Taube“ und hat keine Ahnung, wie hundertfach sie ihm überlegen ist an gewisser Sinnesschärfe. Die edlere Brieftaube ist auch dieselbe, welche sich im häuslichen Kreise, im Taubenschlage, am gründlichsten dressiren läßt. Sie lernt und ist gefügig, wo bei anderen Racen Hopfen und Malz verloren ist.

Man weiß, daß ägyptische und indische Taubenzüchter auf offenem Markt ihre Thiere auslassen und ihnen mit einem Stabe die Touren vorzeichnen, welche sie in den Lüften zu machen haben. Dasselbe bringt jeder ordentliche Taubenzüchter in Lüttich oder Brüssel zuwege. Er kann, wenn er die Tauben ausgelassen hat, durch die Bewegungen des Armes ihren Flug dirigiren, oder durch Pfeifen, indem er bald in diese, bald in jene Richtung lockt, je nachdem er den Schwarm haben will. Eine gute Sorte hockt auch niemals stundenlang auf dem Dache. Nach vollendetem Fluge fällt sie auf den bestimmten Dachvorsprung und von dort direct in den Schlag. Nur die geringeren Sorten bummeln auf den Dächern herum.

[876] Ob die Dressur noch bei anderen Vögeln so große Resultate aufweisen kann, ist zweifelhaft. Zwar sind die Stücke, welche der Edelfalke leistet, auch nicht zu verachten, doch treten hier immer die niederen Leidenschaften, Mord- und Blutdurst, in ihr Recht. Der Edelfalke, welcher auf der Hand der Edelfrau oder des Falkoniers auf die Jagd auszog und der noch heute in den Sandsteppen Arabiens und in den Hochgebirgen Persiens von den ritterlichen Nomaden zur Jagd verwendet wird, hat eine sorgfältige Schule durchzumachen. Im Jardin d’Acclimatation zu Paris kann man solchen Uebungen zuweilen beiwohnen; der Sport wird dort betrieben, um das Publicum anzuziehen. Ein Falke, der aber durch eine dünne Schnur am Davonfliegen behindert wird, holt mit großer Schnelligkeit die Spatzen aus der Luft, die man in seiner Nähe fliegen läßt. Er denkt jedoch nicht daran, sie seinem Herrn zu bringen, sondern er macht sich gleich an Ort und Stelle darüber her, sie zu verspeisen. So machte er es auf der Falkenbeize ebenfalls und bemerkenswerth war vielleicht nur seine Zahmheit und Zutraulichkeit dem Herrn gegenüber. Ob ein Vogel so weit gebracht werden kann, wie der nächstbeste Hund, daß er ein Stück Wild oder irgend eine Sache apportirt, ist wohl sehr fraglich. Mir ist kein derartiger Fall bekannt. In meiner Vaterstadt besaß ein Mann einen sehr gelehrigen Raben; der Kerl war ein Schimpfirer, wie er im Buche steht; er unterhielt sich mit seinem Herrn und mit allen Leuten und stahl wie ein „gelernter Spitzbube“, wie man in Wien sagt. Aber obgleich er eine wahre Passion hatte allerhand Gegenstände hin und her zu schleppen, konnte ihn sein Herr doch nicht dazu bewegen, daß er ihm irgend eine Sache apportirte. Ich habe als kleiner Knabe solchen Versuchen oft zugesehen und mußte immer laut lachen, wenn der schwarze Knabe sich davon machte, sobald sein Herr Miene zeigte, „ihm Etwas beizubringen“. Die Zahl der Singvögel, welchen durch die Dressur fremde Melodien beigebracht werden könnnen, ist nicht besonders groß. Es sind fast alle Amselarten, ferner der Staar, der Canarienvogel, der Spötter. Man nennt auch das Schwarzblättchen. In den Arten erscheinen wieder einige Individuen als besonders begabt. Manchem Individuum kann man ein Lied hundert Mal vorpfeifen, es acceptirt nichts. Andere dagegen haben eine rechte Freude am Erlernen; sie neigen lauschend den Kopf und werden nicht müde im Nachsingen. Brehm bezeichnet die nordamerikanische Spottdrossel als die höchstbegabte. Selten lernt ein Vogel mehr als zwei Melodien. Eine Amsel, die drei Melodien pfeift, wie eine Schwarzamsel auf der letzten Vogelausstellung in Wien, ist eine wahre Rarität. Wahrscheinlich weil es eine sehr harte und hartnäckige Arbeit ist, sagen die Züchter: es sei „mechanische Dressur“. Inwiefern das „Sprechen“ der Raben, der Papageien, der Staare und Elstern zur „mechanischen Dressur“ gehört, läßt sich nicht so leicht bestimmen. Es giebt Vögel, so namentlich Papageien, die wirklich „mit Verstand“ reden. Sie wissen, daß sie etwas ungewöhnliches thun und daß sie in eine Wechselbeziehung zum Menschen treten. Sie stutzen und erschrecken förmlich über sich selbst, wenn sie sich zu weit oder zu laut ausgelassen haben. Man ist dann kaum noch berechtigt, bei dem „Menschenvogel“ das Wort Dressur anzuwenden. Es ist nichts Angelerntes, sondern schon selbstständige Aeußerung.

Trotzalledem gähnt eine tiefe Kluft zwischen der Befähigung der Vögel und gewisser Vierfüßler und eine noch tiefere zwischen dem Verständniß des Menschen für den Vogel und die Vogelseele.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Vineta.
Von E. Werner.
(Schluß.)


„Ich will die Sorge um den Vater von Dir nehmen, Wanda,“ sagte die Fürstin. „Ich gehe mit ihm – –“

Die drei Anderen fuhren in höchster Ueberraschung auf. „Wie, Jadwiga?“ fragte der Graf, „Du wolltest mit mir gehen?“

„In die Verbannung,“ vollendete die Fürstin mit fester Stimme. „Sie ist uns beiden so nicht fremd, Bronislaw; wir haben sie lange Jahre hindurch gekostet – wir nehmen das alte Schicksal wieder auf uns.“

„Niemals!“ rief Waldemar auflodernd. „Ich gebe es nicht zu, daß Du mich jetzt verläßt, Mutter. Die Kluft zwischen uns ist endlich ausgefüllt; der alte Streit ist begraben. Dein Platz ist fortan in Wilicza bei Deinem Sohne.“

„Der soeben dabei ist, seinen Gütern mit eiserner Hand den Stempel des Deutschthums aufzuprägen!“ es lag ein furchtbarer Ernst in dem Tone der Fürstin Baratowska, als sie ihn mit diesen Worten unterbrach. „Nein, Waldemar, Du unterschätzest die Polin in mir, wenn Du meinst, ich könnte noch ferner in Wilicza bleiben, in dem Wilicza, das jetzt unter Deiner Hand auflebt. Ich habe Dir spät, aber ganz die Liebe der Mutter gegeben und werde Dir diese Liebe bewahren, auch wenn wir von einander scheiden, auch in der Ferne und wenn wir uns bisweilen wiedersehen, aber an Deiner Seite leben und Tag für Tag sehen, wie Du alles zu Boden wirfst, was ich mühsam gebaut habe, in Deinen deutschen Kreisen meine ganze Vergangenheit verleugnen und jedesmal, wenn der Gegensatz zwischen Euch und uns wieder hervortritt, mich Deinem Machtworte beugen, das, mein Sohn, kann ich nicht; es wäre mehr, als ich mit aller Willenskraft zu leisten vermöchte. Das würde unsere kaum geschlossene Versöhnung wieder zerreißen, würde den alten Streit, die alte Bitterkeit wieder wachrufen. Also laß mich gehen – es ist das Beste für uns Beide.“

„Ich habe nicht geglaubt, daß diese Bitterkeit sich selbst in diese Stunde drängen würde,“ sagte Waldemar mit leisem Vorwurf.

Die Fürstin lächelte schmerzlich. „Sie gilt nicht Dir; sie gilt dem Schicksal, das uns zum Untergange verurtheilt hat. Ueber die Baratowski wie über die Morynski hat es den Stab gebrochen. Mit Leo ging das edle Polengeschlecht zu Grabe, das Jahrhunderte lang in der Geschichte unseres Volkes geglänzt hat. Auch mein Bruder ist der Letzte seines Stammes. Mit Wanda erlischt sein Name, und er erlischt jetzt in dem Deinigen. Wanda ist jung; sie liebt Dich; sie wird vielleicht überwinden lernen, was uns Beiden unmöglich ist. Euch gehört ja das Leben und die Zukunft – wir haben nur noch die Vergangenheit.“

„Jadwiga hat Recht,“ nahm jetzt auch Graf Morynski das Wort. „Ich darf nicht bleiben, und sie will es nicht. Ihr hat die Verbindung mit Deinem Vater kein Heil gebracht, Waldemar, und mir ist es, als könnten ein Nordeck und eine Morynska überhaupt kein Glück mit einander finden. Auch zwischen Euch liegt der unselige Zwiespalt, der Deinen Eltern so verhängnißvoll geworden ist, auch Wanda ist ein Kind ihres Volkes und kann das Blut dieses Volkes nicht verleugnen, so wenig wie Du das Deinige. Es ist ein Wagniß, das Ihr mit dieser Ehe auf Euch nehmt, aber Ihr habt es gewollt – ich widerstrebe nicht länger.“

Es war keine frohe Verlobung, die das junge Paar feierte. Die angekündigte Trennung von der Mutter, die düstere Resignation des Vaters und seine Warnung warfen einen tiefen Schatten über die Stunde, die sonst so sonnenhell zu sein pflegt für zwei jugendliche Herzen. Es schien wirklich, als sollte dieser Leidenschaft, die sich durch so heiße Kämpfe durchgerungen, so viele Hindernisse zu Boden geworfen hatte, kein Glück beschieden sein.

„Und nun komm, Bronislaw!“ sagte die Fürstin, den Arm ihres Bruders nehmend. „Du bist zu Tode erschöpft von dem scharfen Ritt und den Aufregungen der letzten Tage. Du mußt bis morgen ruhen, wenn es Dir möglich sein soll, die Reise fortzusetzen. Wir wollen die Beiden allein lassen; sie haben noch kaum mit einander gesprochen, und sie haben sich doch so viel zu sagen.“

Sie verließ mit dem Grafen das Zimmer, aber kaum hatte sich die Thür hinter ihnen geschlossen, da wich der Schatten. Waldemar zog mit stürmischer Zärtlichkeit die endlich errungene Braut in seine Arme. – –

Fabian und seine Gattin befanden sich noch im Nebenzimmer,

[877]
Die Gartenlaube (1876) b 877.jpg

Der Seelöwe im Zoologischen Garten zu Berlin.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

[878] aber Gretchen war äußerst ungehalten und warf einen wehmüthigen Blick nach dem Theetisch.

„Daß die Menschen über ihre romantischen Gefühle doch immer vergessen, was nothwendig und in der Ordnung ist!“ bemerkte sie. „Die Angst und Aufregung ist doch nun vorbei und das Wiedersehen auch; sie könnten sich doch nun ruhig zu Tische setzen, aber das fällt Niemandem ein. Ich habe weder die Fürstin noch den Grafen Morynski dahin bringen können, auch nur etwas zu genießen, aber Gräfin Wanda wenigstens muß eine Tasse von dem Thee nehmen, den ich eben wieder frisch bereitet habe; sie muß es unter allen Umständen. Ich werde nachsehen, ob sie mit Herrn Nordeck noch drinnen im Salon ist. Bleibe Du inzwischen hier, Emil!“

Emil blieb gehorsam bei der Theemaschine sitzen, aber die Zeit wurde ihm lang dabei, denn es vergingen wohl zehn Minuten, ohne daß seine Frau zurückkehrte. Der Professor fing an sich unbehaglich zu fühlen. Er kam sich hier so überflüssig vor; er hätte sich so gern auch irgendwie nützlich gemacht, wie Gretchen, deren praktische Natur sich nie verleugnete, und um doch wenigstens etwas zu thun, ergriff er die bereits gefüllte Theetasse und trug sie in den anstoßenden Salon. Zu seiner großen Ueberraschung fand er diesen leer und seine Frau dicht vor der jetzt geschlossenen Thür des Arbeitscabinets der Fürstin stehen.

„Liebes Gretchen,“ sagte Fabian, die Tasse so vorsichtig und ängstlich auf der Hand balancirend, als enthielte sie das kostbarste Lebenselixir. „Ich bringe den Thee; er könnte am Ende kalt werden, wenn es noch lange dauert.“

Die Frau Professorin hatte sich in einer sehr verfänglichen Stellung überraschen lassen. Sie stand nämlich gebückt, mit dem Auge am Schlüsselloch, hatte sich aber glücklicher Weise noch rasch aufgerichtet, als ihr Gemahl eintrat. Jetzt aber ergriff sie ihn sammt der Tasse und zog ihn wieder in’s Nebenzimmer.

„Laß nur, Emil!“ erwiderte sie. „Die Gräfin braucht keinen Thee, und es dauert noch sehr lange. Um Deinen lieben Waldemar brauchst Du Dich auch nicht mehr zu grämen; dem geht es gar nicht schlecht da drinnen, durchaus nicht. Ich habe ihm übrigens Unrecht gethan – er hat doch ein Herz. Dieser kalte starre Nordeck kann wirklich auf den Knieen liegen und in den glühendsten Worten von seiner Liebe sprechen. Ich hätte es nicht geglaubt.“

„Aber liebes Kind, woher weißt Du denn das alles?“ fragte der Professor, der in seiner Unschuld und Gelehrsamkeit nie etwas mit Schlüssellöchern zu thun gehabt hatte. „Du standest ja draußen.“

Gretchen wurde feuerroth, faßte sich aber schnell und sagte mit großer Bestimmtheit:

„Das verstehst Du nicht, Emil. Es ist auch gar nicht nöthig – und da der Thee nun einmal da ist, so wollen wir ihn selber trinken.“


Die milde klare Frühlingsnacht, welche über dem Meere lag, begann dem Morgen zu weichen. Am Himmel blinkten noch matt die Sterne, aber fern am Horizont dämmerte schon die erste Tageshelle, und das Meer rauschte leise, wie im Traume.

Durch die immer lichter werdende Morgendämmerung eilte ein Schiff, das gegen Mitternacht den Hafen von S. verlassen hatte. Es hatte mehrere Stunden gebraucht, um die weite seeartige Mündung des Flusses zu durchmessen, und stand nun im Begriff, die hohe See zu gewinnen. An Bord befand sich Graf Morynski mit seiner Tochter und Waldemar. Wanda hatte die Trennung vom Vater so unmittelbar nach dem Wiedersehen nicht über sich gewinnen können. Sie bestand darauf, ihn wenigstens bis zum Hafen zu begleiten und auch dann noch so lange wie möglich an seiner Seite zu bleiben, und Waldemar hatte ihren stürmischen Bitten nachgegeben. Eine Gefahr brachte das kaum mit sich, im Gegentheil, die Fahrt nach S. wurde vielleicht unverdächtiger in Gesellschaft einer Dame zurückgelegt. Die Fürstin verweilte ja vorläufig noch in Rakowicz; ihr schrieb man, wie der Sohn ganz richtig voraussah, allein die Befreiung ihres Bruders zu. Jeder Verdacht, jede etwaige Nachforschung richtete sich auf sie und ihren Aufenthalt. Wanda’s Abwesenheit wurde schwerlich bemerkt; überdies sollte sie schon in den nächsten Tagen in Begleitung Waldemar’s von Altenhof zurückkehren. Das ehemalige Gut Witold’s, jetzt das Eigenthum seines Pflegesohnes, lag an der offenen Küste, die das Schiff bei seiner Abfahrt passiren mußte, und bis hierher ward dem Flüchtlinge von seinen Kindern das Geleit gegeben. Graf Morynski beabsichtigte in England die Fürstin zu erwarten, die noch einige Wochen in Rakowicz bleiben wollte, bis zur Vermählung ihres Sohnes und ihrer Nichte, um dann unverzüglich dem Bruder zu folgen. Von England aus wollten Beide gemeinschaftlich ihren ferneren Aufenthalt wählen.

Es war allmählich Tag geworden. Das erste kalte Frühlicht ruhte auf der weiten Meeresfläche, aber noch ohne Wärme und Farbe. Jetzt, wo die Küste zurückwich und die offene See vor den Scheidenden lag, konnte die Trennung nicht länger verschoben werden. Dort drüben dehnte sich der Strand hin, der das Gebiet von Altenhof begrenzte, und in unmittelbarer Nähe des Schiffes, das jetzt seinen Lauf hemmte, lag, noch umwallt von weißen Morgennebeln, der Buchenholm. Es war eine kurze, aber ergreifende Abschiedsscene, die auf dem Verdecke stattfand. Graf Morynski litt wohl am schwersten darunter. So sehr er auch strebte, seine Fassung zu behaupten sie brach doch zusammen, als er die Tochter in die Arme ihres künftigen Gatten legte. Waldemar sah, daß die Qual der Trennung nicht verlängert werden durfte; er umfaßte rasch seine Braut und hob sie in das bereitliegende Boot, das sie in wenigen Minuten nach dem Buchenholm hinübertrug, während das Schiff sich wieder in Bewegung setzte. Vom Verdeck flatterte noch ein weißes Tuch, und vom Holm aus wurde der Abschiedsgruß erwidert, dann wurde, die Entfernung weiter und weiter zwischen den Scheidenden. Das Schiff wandte sich mit voller Dampfkraft gen Norden.

Wanda war auf eins der Steintrümmer niedergesunken, die unter den Buchen zerstreut lagen, und überließ sich dem Ausbruche eines leidenschaftlichen Schmerzes. Waldemar, der neben ihr stand, behauptete wohl die Fassung, aber auch auf seinem Antlitze lag der ganze Ernst dieser Abschiedsstunde.

„Wanda,“ sagte er, seine Hand sanft auf die ihrige legend, „die Trennung ist ja keine ewige. Wenn Dein Vater den heimathlichen Boden nicht wieder betreten darf, so hindert uns nichts, ihn bisweilen aufzusuchen. In Jahresfrist siehst Du ihn wieder – ich verspreche es Dir.“

Wanda schüttelte schmerzlich das Haupt. „Wenn ich ihn dann noch finde. Er hat zu viel und zu schwer gelitten, um sich je wieder ganz dem Leben zuwenden zu können. Mir ist es, als hätte ich das letzte Mal in seinen Armen gelegen.“

Nordeck schwieg – auch ihm hatte sich beim Abschiede die gleiche Befürchtung aufgedrängt. Wenn Graf Morynski auch wirklich die Folgen der Wunden und der Kerkerhaft zu überwinden vermochte, den Untergang der Sache, der sein ganzes Leben geweiht gewesen war, überwand er schwerlich. Als er vor Jahren das erste Mal in die Verbannung ging, da hatte er geistig und körperlich noch die volle Kraft des Mannes einzusetzen, aber jetzt war diese Kraft gebrochen – wer konnte es wissen, wie lange der Rest davon noch Stand hielt!

„Der Vater bleibt ja nicht allein,“ entgegnete Waldemar endlich. „Meine Mutter folgt ihm, und ich sehe erst jetzt, was wir ihr zu danken haben. Sie nimmt mit diesem Entschlusse eine schwere Sorge von uns Beiden. Du kennst ihre Liebe zu dem einzigen Bruder; sie wird ihm die Stütze sein, deren er bedarf.“

Der Blick Wanda’s hing noch immer an dem Schiffe, das schon in weiter Ferne dahinzog.

„Und Du verlierst auch die Mutter, nachdem Du sie kaum erst gefunden hast,“ sagte sie leise.

Seine Stirn verdüsterte sich bei der Erinnerung. „Glaubst Du, daß mir das leicht wird? Und doch, ich fürchte, sie hat Recht. Wir sind zu gleichartige Naturen, als daß sich je eine der anderen beugen könnte, und bei einem Zusammenleben müßte das doch nun einmal geschehen. Gehörte ich ihrem Volke an oder sie dem meinigen, dann freilich bedürfte es dessen nicht, dann würde Alles, was ich unternehme und erringe, ihr Stolz, ihr eigenes Wollen sein, jetzt aber steht mir dieses Wollen ewig feindlich gegenüber, und wo ich in Wilicza meinen Schöpfungen die Bahn brechen will, da muß ich erst die ihrigen zerstören. Wir können uns wohl über die Kluft hinweg die Hand reichen und es endlich fühlen, daß wir Mutter und Sohn sind – miteinander gehen können wir nicht. Sie hat das klarer eingesehen als ich selber [879] und gewählt, was für uns Alle das Beste ist; ihr Entschluß allein sichert uns die Versöhnung.“

Die junge Gräfin hob das dunkle thränenvolle Auge zu ihm empor. „Hast Du die düstere Warnung des Vaters vergessen? Auch zwischen uns Beiden liegt der unselige nationale Zwiespalt, der von jeher wie ein tiefer Riß durch unsere Familie ging. Er hat schon Deine Eltern unglücklich gemacht.“

„Weil sie keine Liebe kannten,“ ergänzte Waldemar. „Weil kalte Berechnung nach beiden Seiten das innigste Band knüpfte, das zwei Menschen vereinigen kann. Daraus konnte keine Versöhnung erstehen; da mußte der alte Streit nur noch heftiger auflodern. Wir haben denn doch etwas Anderes einzusetzen. Ich habe jenem Zwiespalte schon meine Braut abgerungen – ich werde auch mein Glück dagegen zu vertheidigen wissen. Wenn unsere Ehe wirklich ein Wagniß ist, wir können es auf uns nehmen.“

Die leichten Morgenwolken, welche am Himmel schwammen, begannen sich licht und lichter zu färben, und im Osten flammte die Morgenröthe. Der ganze Horizont war in Rosengluth getaucht, und die Wellen erschienen wie gesäumt mit flüssigem Golde. Jetzt blitzte es auf wie ein strahlender Funke, der erste Gruß der aufsteigenden Sonne, und nun stieg das leuchtende Tagesgestirn selbst empor aus den Wogen, langsam, immer höher und höher, bis es sich endlich ganz davon löste und in voller Klarheit dastand. Durch die helle, kalte Morgenluft floß es wie ein rosiger Hauch, und die bisher so öde dunkle Wasserfläche gewann das tiefste Blau. Mit dem Sonnenaufgang strömten Licht und Leben über Meer und Erde hin.

Die ersten Strahlen berührten den Buchenholm, und vor ihnen zerrannen die weißen Nebel, die noch zwischen den Bäumen schwebten; sie sanken nieder auf den thaubedeckten Rasen; sie zerflatterten im Walde, nur ein leichter Duft blieb noch zurück. Der Morgenwind strich durch die Kronen der mächtigen Buchen, die sich leise rauschend zu einander neigten, aber was sie jetzt flüsterten, das war keine düstere Klage mehr von Vergehen und Sterben, wie damals am Waldsee von Wilicza. Und doch war gerade dort, in den herbstlich öden Wäldern, aus Dämmerung und Nebelschatten das Traumbild aufgestiegen, das jetzt als helle Wirklichkeit dastand – der meerumrauschte Buchenholm im Sonnenglanze mit seiner Märchepoesie.

Waldemar und Wanda standen wieder an der Stelle, wo vor Jahren der wilde, ungestüme Knabe gestanden hatte, der da meinte, er brauche nur die Hand auszustrecken, um das, was seine erste Leidenschaft erweckte, nun auch als sein unbestrittenes Eigenthum an sich zu reißen, und das übermüthige Kind, das mit dieser Leidenschaft ein kindisches Spiel getrieben hatte. Damals wußten sie Beide noch nichts vom Leben und seinen Aufgaben. Seitdem war es ihnen genaht in seinem ganzen furchtbaren Ernste; es hatte sie hineingerissen in seine schwersten Kämpfe, und Alles zwischen sie gestellt, was zwei Menschen nur trennen kann. Aber die alte Meeressage hatte ihnen doch wahr gesprochen. Seit jener Stunde, wo ihr Zauber die beiden jugendlichen Herzen umspann, waren diese in ihrem Bann geblieben, und der Bann hielt sie fest trotz Entfremdung und Trennung; er zog sie mächtig zu einander, als um sie her Alles in Haß und Streit aufloderte, und führte sie siegreich durch all die feindlichen Gewalten bis zu dieser Minute.

Waldemar hatte den Arm um seine Braut gelegt und sah ihr tief in’s Auge.

„Glaubst Du noch, daß ein Nordeck und eine Morynska kein Glück mit einander finden können?“ fragte er. „Wir wollen den Schatten tilgen, der bisher auf diesem Bunde lag.“

Wanda lehnte das Haupt an seine Schulter. „Du wirst bei Deinem Weibe vieles schonen und vieles überwinden müssen. Ich kann nicht Alles verleugnen, was mir so lange heilig und theuer gewesen ist. Reiße mich nicht ganz los von meinem Volke, Waldemar! Es wurzelt ein Theil meines Lebens darin.“

„Bin ich denn jemals hart gegen Dich gewesen?“ Waldemar’s Stimme hatte wieder jene seltsame Weichheit, die nur ein einziges Wesen auf Erden diesem kalten, starren Manne abzuringen vermochte. „Diese Augen haben ja schon den unbändigen Knaben Fügsamkeit gelehrt; sie werden auch den Mann zu zügeln wissen. Ich weiß, daß jener Schatten sich noch oft zwischen uns drängen wird; er wird Dir vielleicht noch manche Thräne und mir manchen Kampf kosten, aber ich weiß auch, daß in jedem entscheidenden Augenblicke meine Wanda da stehen wird, wo sie schon einmal stand, als die Todesgefahr mich bedrohte, und wo hinfort allein ihr Platz ist – an der Seite ihres Gatten.“

Das Schiff, das den Flüchtling seinem Vaterlande entführte, verschwand in nebelduftiger Ferne. Ringsum wogte die blaue See, und über den Buchenholm strömte das volle goldene Sonnenlicht. Das Meer sang wieder seine alte ewige Melodie, aus Windesrauschen und Wellenbrausen gewoben, und dazwischen tönte es fern und geheimnißvoll wie Glockenklang – der Geistergruß Vinetas aus der Meerestiefe.




Noch einmal der Reliquienhandel.


Hätte Jemand die Absicht, ein Verzeichniß aller der kirchlichen Reliquien aufzustellen, die da waren und die noch jetzt, freilich zum größten Theile unbeachtet in Staub und Moder begraben, existiren, so würde er vor einer nicht zu überwältigenden Arbeit stehen – denn ihre Zahl ist Legion. In ungeheuren Mengen wurden sie besonders im Mittelalter über die christliche Welt verbreitet; ihre Verehrung galt als ein nicht mehr zu entbehrender Theil des kirchlichen Ritus, und für jeden Gläubigen waren sie dadurch zum Bedürfnisse geworden. Es gab zuletzt kaum eine Stadt, die nicht eine Reliquie aufzuweisen hatte, welche Kranke geheilt oder sonstige Gnaden ertheilt, und die Kraft derartiger Heiligthümer strahlte segenspendend ringsum. Ein Beschluß des zweiten Concils zu Nicäa (787) gebot sogar schon, daß die Weihung einer Kirche nie ohne Reliquie erfolgen solle.

Im Morgenlande war die Bilderanbetung vorherrschend gewesen, doch dies genügte den christlichen abendländischen Naturen nicht; dort verlangte man etwas Unmittelbares für die Anschauung, und letzteres wurde mit Veranlassung zu jener neuen Art von Todtenauferstehung. Das Reliquienunwesen und der Reliquientrug reicht in der Kirchengeschichte sehr weit hinauf und lag in der ganzen eigenthümlichen Entwickelung des Christenthums mit begründet. Die Mutter des Kaisers Constantin, Helena, scheint demselben schon starken Vorschub geleistet zu haben. Unter ihr soll das wahre Kreuz Christi im Jahre 326 aufgefunden worden sein, nachdem es dreihundert Jahre in der Erde unversehrt gelegen. Aber auch bis in die neueste Zeit hinein muß man römischerseits von der hohen Wichtigkeit einer Reliquie überzeugt gewesen sein, denn sonst hätte der Papst wohl nicht der katholischen Kirche in Constantine (Algerien) als eine ganz besondere Gnade den Nagel von der Fußzehe des Apostels Philippus verehrt.

Aber woher stammen alle diese heiligen Ueberreste, wie sind sie zu uns gekommen und welchen Anspruch auf Authenticität habe sie?

Vor Beginn der Kreuzzüge waren Reliquien im Abendlande nur in geringer Zahl verbreitet, doch im Gefolge der heimkehrenden Fürsten und Ritter sehen wir sie schon zahlreich auftreten. Was war auch natürlicher, als daß sich Erstere als höchste Erinnerungszeichen gerade solche Gegenstände auswählten, welche mit ihrem heiligen Kampfe in engster Verbindung und in ihrem Vaterlande mehr als alle anderen Schätze der Welt in Geltung standen. Das Auffinden war ja nicht schwer; dafür sorgten schon speculative Köpfe, und vor Allen – die Priester und Mönche, sobald sie nur sahen, daß es ihnen in irgend einer Weise Vortheil brachte. Sie fanden zuletzt Alles, was sie nur finden wollten, und den Kreuzzügen verdanken wir neben der heiligen Lanze das Schweißtuch der heiligen Veronika, welches sie, wie bekannt, dem Erlöser darbot, als er mit Schweiß und Blut bedeckt das Kreuz nach Golgatha trug, und in das er zum Denkmal seiner Liebe das Angesicht abdrückte. Ist das Tuch echt, so muß es sehr lang gewesen sein, da die verschiedenen Ueberbleibsel mindestens dreißig Meter betragen.

[880] In Genua befindet sich heute noch das Geschenk Salomo’s an die Königin von Saba, eine große Schüssel von Smaragd, woraus Christus das Osterlamm speiste. – Ludwig den Heiligen kümmerten wenig die Millionen, welche ihm seine zwei Kreuzzüge gekostet, denn er wurde ja überschwenglich durch einige Kreuzpartikel, Dornen, Nägel, Schwamm und Purpurrock Christi belohnt, die er für schweres Geld an sich brachte. Die ganze Dornenkrone kaufte er für 13,134 Ducaten von Balduin, der sie wegen großen Geldmangels an Venedig versetzt hatte. Würde man aber alle sonst noch existirenden heiligen Dornen dieser Krone hinzufügen, so müßten deren mehrere Tausend gewesen sein. In kurzer Zeit wurde es zur reinen Manie, Reliquien zu besitzen, und der Reliquienhandel begann in größter Ausdehnung. Den Juden bürdet man gern die Zähigkeit im Feilschen auf, aber die Christen der damaligen Zeit verstanden es noch besser, mit den nach ihrer Ansicht größten Heiligthümern endlos zu schachern. Der Streit, wer die beste Waare geliefert, wurde bei den Suchern oft mit Heftigkeit geführt; Jeder wollte das Richtige gefunden haben, und Einer betrog den Andern. So aber kam es vor, daß die steinernen Krüge der Hochzeit von Kana zu Magdeburg, Rom und Cöln existirten, jedes Mal in der vorschriftsmäßigen Zahl sechs, derer nicht zu gedenken, die vereinzelt mit nie enden wollenden Weinresten an anderen Orten gezeigt wurden. Der Splitter vom Kreuze gab es so viele, daß das dazu gehörige Holz klaferweise zu berechnen ist, ein Aehnliches gilt von den Nägeln. Es giebt fünf heilige ungenähte Röcke, zu Trier, St. Jago, Argenteuil, Rom und zu Triane, und jede Kirche weist durch eine Bulle die Echtheit nach. Würde man den kirchlichen Versicherungen in Bezug auf diese Kleidungsstücke Glauben schenken, so könnte die Garderobe des Heilands von den Windeln bis zum Sterbehemd nur auf Frachtwagen fortgeschafft werden.

Eine Hauptsache war, daß die erdichteten Erzählungen, wie solche Heiligthümer in den Besitz der sündhaften Menschheit gelangt, möglichst wunderbar in Scene gesetzt wurden. Die Engel und sonstige Geistererscheinungen spielten dabei eine große Rolle. Man scheute sich aber auch nicht zu behaupten, daß z. B. der steinerne Sarg mit den Ueberresten des heiligen Jacobus über das Meer nach St. Jago geschwommen ist. Im Kloster Bec mußte ein Vogelschnabel zur Aushülfe dienen; es wurde nämlich behauptet, Nicodemus hätte einst bei der Kreuzesabnahme etwas von dem Blute gesammelt und damit Wunder gethan, aber, verfolgt von den Juden, solches in einen Schnabel verborgen und diesen in’s Meer versenkt. Das Meer warf diesen Schnabel an die Küste der Normandie und gelegentlich einer Jagd fand man Hirsche und Hunde auf den Knieen davor liegend. Das Endresultat war ein Kloster, das durch diesen wunderthätigen Schnabel unendliche Summen einnahm.

Man denke sich nun hunderttausende von Kirchen, Capellen und Klöstern, die alle mit einem solchen Heiligthume bedacht sein wollten, und man wird überzeugt sein, daß die Nachfrage eine sehr große war.

Die Mönche wurden die Hauptvermittler des Reliquienvertriebes, meistentheils waren sie auch die Fabrikanten derselben. Da die große Menge, im tiefsten Aberglauben befangen, nie an dem Wort der Priester zweifelte, gingen solche sehr bald einen Schritt weiter, und es wurden alle nur mögliche und unmögliche Ueberreste von Christus, Maria, dem Verwandtenkreis und der großen Schaar der Heiligen hervorgezaubert. Da gab es Haare, Zähne und Thränen von Christus – Nadeln, Fäden und Flachs der Maria; mit der Milch, mit der sie den Heiland gesäugt, hätten Oxhofte gefüllt werden können. Das heilige Blut war nicht nur tropfen-, sondern auch flaschenweis vorhanden. Aus der Krippe gefallenes Heu und Stroh-, Grab- und Tischüberreste waren mit Brod von Abendmahl und den Würfeln, mit denen das Loos geworfen worden, zu sehen. Neben dem in einer Schachtel verschlossenen Hauch Christi fehlte es nicht an dem Stabe Aaron’s. Von der Maria Haar gab es alle nur möglichen Schattirungen, und man würde eine große Zahl von braunen, rothen, schwarzen, blonden und brünetten Zöpfen daraus construiren können. Ebenso existirten eine Menge ihrer Pantoffeln, in den verschiedenen Façons, die sie bei eben so verschiedenen Gelegenheiten getragen, wie z. B. bei der Reise nach Aegypten, am Tage, an welchem sie der Elisabeth den bekannten Besuch machte etc. Die Höschen Joseph’s sah man neben dem schwarzen Unterrock der heiligen Kunigunde, in den man zu Bamberg den Kopf steckte, wenn man Kopfschmerz hatte.

Als die heilige Familie zur Genüge ausgeplündert worden, fing man an nach den Gebeinen der zwanzigtausend Heiligen und Märtyrer zu suchen und fand sie natürlich, sogar oft fünf- bis sechsfach und Lumpen ihrer Bekleidung dazu.

Rom hatte schon lange mißgünstig diesem so vortheilhaften Kleinhandel der Mönche zugeschaut und sah darin mit vollem Rechte eine Schädigung seiner immer Geld bedürfenden Casse. Es machte aus dem Kleinhandel nun einen Großhandel, und die heilige Stadt wurde Hauptstapelplatz für diesen so gut rentirenden Artikel. Eine päpstliche Bulle war leicht ausgefertigt, das große Insiegel daran gehängt, und wenn die Gebeine anderen ausgingen, gab es ja in den Katakomben deren noch in Hülle und Fülle. Paßten auch die einzelnen Glieder mitunter nicht recht zusammen, hatte man aus Versehen dem Skelet zwei rechte Hände und zwei linke Füße gegeben oder war ein Thierknochen dazwischen gelaufen, die Sanction des heiligen Vaters half über solchen Kleinkram hinweg.

Die Päpste glaubten auch in keiner Weise ihr Gewissen damit zu beschweren, wenn sie gegenseitig diese Bullen widerriefen. Wurde der Wunsch irgendwo laut, einen bestimmten Heiligen zu besitzen, und war er schon ausgegeben – nichts leichter als einen zweiten, dritten, vierten, fünften zu construiren, wenn nur das Geld im Kasten klang oder andere Zwecke damit erreicht wurden. Man erinnere sich nur der noch vor zwei Jahren in Mailand wieder aufgefundenen, nun wirklich echten Gebeine der heiligen Brüder Gervasius und Protasius. In diesem Falle handelte es sich mehr um Inscenesetzung eines Spectakelstücks, das politischen Zwecken dienen sollte. Durch die Energie der italienischen Regierung verlief es jedoch im Sande. Die noch in zwei anderen Städten befindlichen gleichen Brüderpaare sind dadurch in ihren goldenen und silbernen mit Edelsteinen besetzten Särgen gewiß sehr unangenehm aus ihrem vielhundertjährigen Schlafe gerüttelt worden. Sie hatten sich doch so gut bewährt, und zum Danke dafür, daß sie so vielen Tausenden Leben und Gesundheit gegeben, auch ihrer Kirche so manchen Thaler eingebracht, wirft man sie vielleicht auf den Schindanger. – So existirt der heilige Dionysius gleichzeitig zu St. Denis und zu St. Emeran, dann noch extra sein Kopf zu Bamberg und Prag und seine Hand zu München. Er besaß demnach zwei Leiber, fünf Hände und vier Köpfe – doch Alles that Wunder und war bullengemäß verbrief. – Abt Marolles von Amiens rief, als man ihm das Haupt Johannes des Täufers zeigte: „Gottlob, dies ist sein sechstes Haupt, welches ich zu verehren das Glück habe.“

Welche Summen oft für diese Gegenstände ausgeben wurden, dafür nur einige Beispiele. Ludwig der Neunte bezahlte für eine nur kleine Partie Reliquien 20,000 Mark Silber, und Richard Löwenherz kaufte solcher Schätze für 32,000 Ducaten. Heinrich der Löwe kam schwer mit Reliquien beladen nach Braunschweig zurück; das Hauptjuwel, das er mitbrachte, war der Daumen des heiligen Marcus, für den ihm Venedig vergeblich 100,000 Ducaten geboten hatte. – Waren die Einkaufspreise sonach mitunter recht hoch, so brachten sie doch wiederum ein tüchtiges Stück Geld ein; nicht nach Millionen, sondern nach Milliarden würde man die Summen zu berechnen haben, welche der abergläubischen Menge auf den Wallfahrten durch die Meßopfer entlockt worden sind. Wurde damit noch ein besonderer Sündenablaß verbunden, stand die Sache noch besser, wie der Erfolg der leider bis in die Neuzeit stattgefundenen Schaustellungen des heiligen Rocks zu Trier und der Reliquien Karl’s des Großen zu Aachen (der riesenmäßige Rock der Maria, Windeln, Schweißtuch und Kinderhemd Christi, die Leinewand, worauf der Kopf Johannes’ des Täufers gelegen etc.) beweisen. Freilich wie im Jahre 1498, in welchem man daselbst 142,000 Pilger zählte und an einem Tage 80,000 Gulden flossen, ist es nicht mehr. – Der tief verschuldete Herzog Stephan von Baiern ließ ein Mäuschen im Chorstifte zu Andechs das Verzeichniß von dort sein sollenden Reliquien zu Tage bringen, die sich naturgemäß nun auch fanden. Er schloß dergestalt mit dem Papste einen Vertrag ab, daß Letzterer für die ertheilte Bewilligung die Hälfte der daraus fließenden Einnahmen erhielt. Die nothwendige Reclame wurde vorzüglich eingeleitet; [881] die Pilger zogen in Masse nach München und jedem der hohen Unternehmer konnte das Geld scheffelweise zugewiesen werden.

Da man auch den größten Unsinn glaubte und sich so leicht betrügen ließ, fiel zuletzt bei den Lieferanten jede Scheu fort und Gegenstände wurden als heilig, anbetungswerth, weltlichen und ewigen Segen verheißend vorgeführt, die unter anderen Verhältnissen mindestens Zuchthausstrafe für die Urheber nach sich gezogen hätten. Es wurden dem verblendeten Volke Dinge zum Kusse dargereicht, die sich die Feder sträubt beim Namen zu nennen, Dinge, die das Heilige in den tiefsten Schmutz zogen und die mit darauf berechnet waren, die Sinnlichkeit in versteckter Form zu reizen. Nichts existirte zuletzt mehr, das nicht ihren Zwecken brauchbar schien. Man zeigte für Geld den Pfahl im Fleische, der dem heiligen Paulus so viel Jammer machte, – die Hörner Mosis und einen Strahl von dem Sterne, der den Weisen aus dem Morgenlande leuchtete, – Mannah aus der Wüste, – den Stein, mit dem der Teufel Jesum in der Wüste versuchte, – das Schminkfläschchen der heiligen Magdalena, – den Athem des heiligen Joseph, aufgefangen in dem Handschuh des Nikodemus, – etwas von dem Glockenschall, als Jesus in Jerusalem einzog, und ein Büchschen mit dem Wort, das Fleisch geworden war, – den Bart des Noah, – die Ketten des heiligen Petrus und einen rothgefärbten Armknochen desselben, da es bei dem dreimaligen Krähen des Hahnes in der Schrift heißt: „Er wurde roth bis auf die Knochen“, – die Stange, worauf der Hahn krähte, auch einige schöne Schwanzfedern desselben, – Palmzweige vom Palmsonntag, – die eherne Schlange, – die Knochen des heiligen Esels von Jerusalem, sorgfältig in die Haut des zu Verona eingefügt, – man zeigte Dornen von dem feurigen Busch, – Hobel und Bohrer des heiligen Joseph, sogar einige seiner Seufzer, welche er ausstieß, wenn er astiges Holz zu hobeln hatte – ein Stück vom Schurze des Schlächters, der bei der Wiederkehr des verlornen Sohnes das Kälbchen schlachtete, – das versteinerte Gehirn des Petrus (bestand aus Bimstein), – den Schemel, auf dem der Hohepriester Eli den Hals brach, – den Geldbeutel des Judas, einen der Silberlinge, die Diebslaterne, welche er trug, als er seinen Herrn verrieth, und den kolossalen Strick, an dem er sich endlich aufknüpfte, – die Gurgel des heiligen Georg, – das Messer, womit Delila ihren Simson schor, – den Finger des Johannes, mit welchem er auf Jesum zeigte, als er die Worte sprach: „Das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“, – ein Stück von Elias’ zerfetztem Mantel und so viel Knochen der unschuldigen Kinder zu Bethlehem, daß man daraus einen Schluß auf die uns unbekannte bedeutende Bevölkerung zu ziehen berechtigt ist. In ähnlicher Weise wären alle anderen Heiligthümer aufzuführen, doch möge es genug sein mit dieser kleinen Blütenlese.

Die Kraft der Aufklärung hat freilich mächtig in das stets bergabrollende Rad der kirchlichen Verdummung und des Aberglaubens hineingegriffen, doch ganz zum Stillstehen ist es noch lange nicht gekommen. Die Zeiten haben sich darin seit dem Mittelalter, wo der Reliquienschwindel in seiner höchsten Blüthe stand, sehr geändert, und der größte Theil des Volkes zuckt zu derartigem Wahnsinn mitleidig die Achseln; dennoch giebt es viele Tausende, welche auch heute noch vor nichtssagenden Kleiderfetzen, Puppen und Bildern götzendienerisch andächtig knieen, um von ihnen Vergebung ihrer Sünden und das ewige Seelenheil zu erlangen.
v. B.




Blätter und Blüthen.


Der Berliner Seelöwe. (Mit Abbildung S. 877.) Die beiden bedeutendsten Thierseltenheiten in Berlin sind gegenwärtig der bekannte Gorilla und der Seelöwe. Der erstere, das Landthier, befindet sich im dortigen Aquarium, und der zweite, das Seethier, im zoologischen Garten.

Wenn man das Meerungethüm, welches unser heutiges Bild in verschiedenen Stellungen zeigt, in nassem Zustande betrachtet, so fragt man sich vergebens, wie dasselbe zu dem Namen „Seelöwe“ gekommen ist, denn nichts von den Haupteigenschaften des Löwen ist dann an ihm zu beobachten; insbesondere ist von einer Mähne, an welche man bei der Vorstellung eines Löwen doch zuerst denkt, nicht die leiseste Spur vorhanden, obgleich das Thier ein entweder ganz oder doch fast erwachsenes Männchen ist. Aber sobald man es trocken sieht, was allerdings wohl nur am frühen Morgen, vor dem Inswassergehen des Thieres möglich, ist das Räthsel gelöst, denn dann tritt die gelbe Farbe, welche der des Löwen genau gleicht, so deutlich hervor, daß man wohl auch ohne den Namen auf diesen Vergleich kommen müßte. Sogar der dunklere Hals trägt dazu bei, und so hilft denn diese Färbung wesentlich mit zu dem schönen Eindrucke, den dieses Seegeschöpf auf den Beschauer macht. Freilich wenn man außer der Fütterungszeit den Seelöwen besucht, ist der Genuß ein sehr mäßiger; er hockt dann gewöhnlich bis an den Kopf im Wasser und schaut unverwandt nach seinem Nachbar, einem ganz gemeinen Seehunde, der, sonst genug bestaunt, jetzt, sein er einen so gewaltigen Nachbar hat, fast ganz übersehen wird.

Der allein sichtbare Kopf des Seelöwen giebt bei seiner unansehnlichen Form keinen Begriff von dem Eindrucke des ganzen Thieres; dieser Eindruck ist daher ein ganz unerwarteter, wenn zur Fütterungszeit der Wärter seinem Pflegling einen Fisch auf das Ufer wirft und das Ungethüm heraussteigt. „Heraussteigt“ kann man wohl sagen oder besser vielleicht noch „herausklettert“; denn der Seelöwe richtet sich senkrecht an der Wand des Bassins auf den Hinterflossen auf und gebraucht seine Fischgliedmaßen so gewandt als Beine, daß man bei deren zum Gehen ganz unpassender Form um so erstaunter ist. Und wenn er sich nun, emporgestiegen, nach dem Fraß vorstreckt, wenn dann sein Hals sich um das Doppelte verlängert, so erscheint der groteske Vergleich mit einem sich streckenden und wieder zusammenziehenden Blutegel wohl als der passendste. Wunderbar schön ist nun aber das Schauspiel, wenn ein Fisch in das Wasser geworfen wird. Mit einem gewaltigen Sprunge, in schönem, bei seiner scheinbar ungeschickten Gestalt erstaunlich graziösem Bogen stürzt der Seelöwe sich in’s Wasser, welches rauschend über ihm zusammenschlägt, und nun sucht er, in prachtvollen Bogenlinien auf- und niedertauchend, unter dem Wasser nach seiner Beute. Das Ungeheuerliche der Form in Verbindung mit dem Graziösen und zugleich Machtvollen dieser Bewegung ruft bei den versammelten Zuschauern stets staunende Bewunderung hervor, und wohl Niemand kann sich von dem Schauspiel vor dessen Beendigung trennen, obgleich der Seelöwe dabei sehr oft zum Heraussteigen aus dem Wasser und dann wieder zum Hineingehen in dasselbe genöthigt wird.

Den besten Beweis für seine Kraft und Behendigkeit hat er übrigens dadurch geliefert, daß er schon zweimal aus seiner Umhegung entwichen ist, einmal indem er, wenn ich mich recht erinnere, die Eingangsthür eindrückte und in’s Freie lief, das andere Mal, indem er über das Gitter, welches ihn von seinen Nachbarn der andern Seite, den Fischottern scheidet, in aller Form hinüberkletterte. Wenn die Bewegung des Kletterns bei unserm Seelöwen eine unregelmäßige, sich je nach den Umständen richtende ist, so verdient hingegen die Art, wie er sich auf dem Lande fortbewegt, einige schildernde Worte. Beim gemeinen Seehund besteht die Fortbewegung in einem ungeschickten Hüpfen, der Seelöwe dagegen wirft das Hintertheil abwechselnd nach rechts und links, ungefähr wie sich ein Pferd, mit dem Schweif nach rechts und links schlagend, die Fliegen abwehrt. Die großen, im Gegensatz zum gewöhnlichen Seehund nach vorn gerichteten Hinterflossen geben dieser Bewegungsweise etwas doppelt Eigenthümliches, und auch hier fehlt wohl ein eigentlich passender Vergleich.

Die Beweglichkeit des Thieres wird man aus einigen der kleineren Zeichnungen ersehen können; so kann es sich z. B. mit großer Leichtigkeit vermittelst seiner Hinterflosse am Kopfe kratzen; daß dabei, wie die eine kleine Zeichnung zeigt, die Flosse abwärts gebogen ist, hat seinen Grund darin, daß die drei auf den inneren Zehen sitzenden Nägel merkwürdig weit zurückstehen, aber selbstverständlich die eigentlichen Werkzeuge zum Kratzen sind. In ruhiger Stellung erinnert übrigens das Thier durch seinen gewaltigen Hals außerordentlich an einen Stier, könnte also auch ebenso gut „Seestier“ genannt werden.

Der Berliner Seelöwe wohnt erst seit dem September 1876 im dortigen Zoologischen Garten und wurde bei der jährlich in diesem Monate wiederkehrenden Thier-Versteigerung des Antwerpener Zoologischen Gartens dort vom Director Bodinus für den Berliner erstanden. Ein kleineres Exemplar derselben Thierart befindet sich noch im Antwerpener Garten. Dasselbe bewohnt ein mehrere Meter tiefes Bassin nebst einem daran gelegenen über ein Stockwerk hohen Felsen; es soll ein prachtvolles Schauspiel gewähren, wenn dem auf der Felsenspitze lagernden Seelöwen Futter in das Bassin geworfen wird und er sich nun direct von dem Felsen in großem Bogensprunge nach seiner Beute in das Wasser stürzt.

Ohne nun in die Naturwissenschaft „pfuschen“ zu wollen, will ich noch bemerken, daß es der californische Seelöwe ist, von dem hier gesprochen wird. Eine Colonie dieser Thiere lebt bekanntlich nahe bei San Francisco auf einer unweit der Küste liegenden Inselgruppe und wird dort durch strenge Gesetze vor Verfolgung geschützt, sonst wären diese Seelöwen bei der Vernichtungs- und Geldgier der civilisirten Menschheit wohl schon längst dort ausgerottet worden. Nur zum Fangen einiger lebenden Exemplare wird mitunter ausnahmsweise Erlaubniß ertheilt; auf diese Weise sind die hier erwähnten Thiere erlangt worden, ebenso die zwei, welche sich vorübergehend im Hamburger Garten befanden und jetzt in Paris sind; auch die Seelöwengruppe, welche den von einem Privatmann in San Francisco angelegten zoologischen Garten ziert, ist von dort entnommen; sie bot überhaupt die erste Gelegenheit, diese Thiere näher zu beobachteten. Sie gehören zu den „Ohrenrobben“ und haben ein wenn auch sehr wenig imponirendes äußeres Ohr. Aus dem Schauspiel, welches die gefangenen Thiere geben, läßt sich schließen, daß die Beobachtung der freilebenden einen noch viel dankbareren Stoff für eine anregende und belehrende Schilderung dieser bisher fast noch unbekannten gewaltigen Wesen abgeben müßte, aber von Amerikanern dürfen wir eine derartige Schilderung wohl kaum erwarten; ihr Charakter neigt nicht zu dergleichen, und man muß es schon mit großer Freude begrüßen, daß man jenseits des Oceans überhaupt so viel Rücksicht genommen hat, die Thiere vor der Ausrottung zu schützen. Angesichts der bekannten Thatsache, daß schon verschiedene Thierarten durch den Menschen [882] ausgerottet worden, wird sich diese Maßregel noch manchmal nothwendig machen, wenn sie auch nur in den seltensten Fällen zum Ziele führen dürfte.

Zur Ehre des Berliner Seelöwen und zur Erklärung des Hauptbildes möge übrigens noch zum Schluß hinzugefügt werden, daß das Thier keineswegs wild ist, sich schon sehr an seinen Wärter gewöhnt hat und demselben die Fische wie ein Hausthier aus der Hand frißt, wobei dieser nur darauf zu achten hat, daß sein Pflegebefohlener im Eifer die Hand nicht für eine Fortsetzung des Fisches hält.


Hülfe für Farbenblinde. Die „Gartenlaube“ hat seit mehreren Jahren die Aufmerksamkeit ihrer Leser wiederholt auf eine Mangelhaftigkeit des menschlichen Auges hingelenkt, die nach ihrem ersten Beschreiber, dem englischen Chemiker Dalton Daltonismus, jetzt aber allgemeiner verständlich und bezeichnend Farbenblindheit genannt wird. Wie störend der Mangel der Fähigkeit, Farben richtig unterscheiden zu können, für die von ihm Betroffenen sein könne, wurde schlagend mit einem Hinweise auf Eisenbahnbeamte dargethan, deren Unfähigkeit, grüne, rothe oder blaue Farbensignale zu unterscheiden, das größte Unglück herbeiführen kann. Aber auch für viele andere Berufsclassen ist sie von der einschneidendsten Wichtigkeit, weshalb hier eine nochmalige Besprechung derselben gestattet werden möge.

Nr. 34 der „Gartenlaube“ brachte eine Schilderung der Farbenblindheit von einem Farbenblinden, welche sich durch Deutlichkeit und Genauigkeit, natürlich von seinem Standpunkte aus, auszeichnete. Eine solche hat ihre großen Schwierigkeiten, da sich eben ein Farbenblinder nicht leicht in die Auffassung anderer Menschen finden kann, und umgekehrt ein Farbensehender selten in die des Ersteren, vielmehr Jeder von Beiden der Beihülfe und der Angaben des Anderen bedarf. Obwohl ich nun nicht selbst zu den Farbenblinden gehöre, bin ich doch in der Lage, von der anderen Seite her jene Schilderung betätigen zu können, da zwei meiner Söhne, im Alter von dreizehn und siebenzehn Jahren, genau in derselben Weise farbenblind sind. Namentlich deutlich ausgeprägt ist diese Mangelhaftigkeit bei dem Aelteren. Er kann grün, braun und roth einerseits, blau, lila, violett und rosa andererseits nicht voneinander unterscheiden, sieht Erdbeeren und Johannisbeeren nur in blassen unbestimmten Farben und kann ihre Reife nur vermuthen. Besonders auffallend ist noch, daß für ihn die rothe Farbe, nur durch einen geringen Unterschied getrennt, beiden Farbenreihen, welche ich die braune und die grau-blaue nennen möchte, anzugehören scheint, sodaß z. B. eine dunkelrothe Rose, frisch aufgeblüht, erst der ersten, sobald sie aber nur fast unmerklich verschossen erscheint, der zweiten Reihe angehört. Derselbe Baum scheint ihm sonach zweierlei gänzlich verschiedene Rosen zu tragen. Für ihn ist daher wohl das intensivste Saftgrün des Laubes mit Hochroth oder Blutroth, oder das schönste Himmelblau mit Rosa identisch, er wird aber niemals Carminroth oder Purpur mit Ponceau oder Blutroth verwechseln. Schwarz und weiß sieht er, wie jeder Andere, auch über helles Gelb ist er nicht im Unklaren, im Uebrigen aber unterscheidet er nur hell oder dunkel, doch so, daß ihm ein lichtes Grün heller erscheint, als Dunkelroth, wenn auch im Allgemeinen Roth heller als Grün. –

Wenn ich nun auch der Meinung bin, daß eine genaue systematische Beobachtung Farbenblinder nicht unwichtig für die Entwickelung der Farbentheorie überhaupt sein würde, so liegt mir dies für jetzt doch fern. Der Grund, weshalb ich mich mit meinen Farbenblinden melde, ist vielmehr der, daß ich im Stande zu sein glaube, nicht ein Heilmittel, wohl aber ein Verfahren angeben zu können, mittelst dessen den Farbenblinden ein genaues Unterscheiden der Farben möglich wird.

Als ich vor einigen Monaten meinen ältesten Sohn, der seit längerer Zeit an einer Augenlider-Entzündung litt, auf einige Tage nach Breslau zu Herrn Professor Dr. Förster schickte, geschah es zugleich in der Hoffnung, daß dieser berühmte Augenarzt im Stande sein werde, auch in Betreff der Farbenblindheit uns zu rathen. Diese Hoffnung ist denn auch nicht unerfüllt geblieben, und ich halte es nunmehr für meine Pflicht, das von ihm vorgeschlagene Verfahren in weiteren Kreisen bekannt zu machen.

Dieses Verfahren besteht einfach darin, daß der Farbenblinde sich bunter Gläser zur Betrachtung der Gegenstände, deren Farben er unterscheiden will, bedient. Von welcher Farbe diese Gläser sein müssen, das hängt jedenfalls von der Art der Farbenblindheit ab; in dem mir vorliegenden Falle sind ein grünes und ein rothes Glas die geeignetsten, und es ist in der That auch für nicht Farbenblinde überraschend, welche Unterschiede sich bei abwechselnder Betrachtung verschiedener Farben durch solche Gläser ergeben. So erscheinen alle rothen Blüthen, durch rothes Glas gesehen, hell feuerfarben, dem Farbenblinden aber fast weiß, durch grünes Glas aber dunkelbraun respective violett oder lila, selbst blau, je nach der Intensität und der Nüance des Roth. Umgekehrt sieht jedes Grün, durch grünes Glas gesehen, intensiv grün aus, durch rothes Glas dunkelbraun.

Ob nicht vielleicht zu deutlicherer Unterscheidung der zweiten Farbenreihe (blau-rosa etc.), namentlich für solche, bei denen die Farbenblindheit in dieser Richtung besonders stark ausgeprägt ist, eine blaues Glas mit Vortheil zu verwenden wäre, will ich dahingestellt sein lassen, doch drängt sich mir die Vermuthung auf, daß Farbenblinde durch systematische Benutzung bunter Gläser wohl dahin gelangen können, manche feine Unterschiede wahrzunehmen, manche Beobachtungen zu machen, welche den nicht Farbenblinden vollständig entgehen. Jedenfalls aber wird es mit Hülfe dieses Verfahrens, natürlich erst nach längerer fleißiger Uebung, auch den Farbenblinden möglich sein, nicht die Farben zu sehen wohl aber ihrem wirklichen Werthe entsprechend zu unterscheiden, und wie wichtig dies für’s praktische Leben ist, braucht nicht erst nachgewiesen zu werden. Auch giebt es gewiß weit mehr Farbenblinde, als man gewöhnlich annimmt, und zwar weil Manche es selbst nicht wissen, Andere sich nicht gerne als solche entdecken, aus Furcht sich lächerlich zu machen, manche Andere aber wohl auch dem ihnen bekannten Mangel wenig Gewicht beilegen.

Sollte es mir einerseits gelungen sein, durch Angabe dieses an sich so einfachen Verfahrens Farbenblinden zu Hülfe zu kommen, unsrerseits aber Optiker und Augenärzte zu eingehenden Prüfungen und Beobachtungen dieses interessanten Feldes anzuregen, so würde ich mich freuen, den Zweck dieser Zeilen erreicht zu haben.

     L.
M.



Die Sprengung in Hellgate. Unter den technischen Adjutanten des Generals Newton, Director des ganzen Werkes (siehe Nr. 46 der „Gartenlaube“), befanden sich auch verschiedene Deutsche. Unter diesen war auch ein ehemaliger bairischer Artilleriofficier Striedinger, welcher die Soldatenlaufbahn verließ, um sich vollständig dem seinen Neigungen und Fähigkeiten mehr entsprechenden Ingenieurfache zu widmen und welcher endlich in der neuen Welt eine ihm zusagende Stellung suchte und fand. Herr Striedinger war der Mann, welcher es ermöglichte, daß der zarte Finger eines Kindes in einem einzigen Augenblicke eine jahrelange harte Arbeit mit einen vollständigen Triumphe beschloß. Als Director der Vorkehrungen zur gleichzeitigen Zündung des allenthalben vertheilten Sprengstoffes hatte Herr Striedinger eine sehr verantwortliche Stellung, denn eine Unordnung in den Drähten, in den elektrischen Batterien konnte den Erfolg des ganzen Unternehmens in Frage stellen. Wie glücklich er seine schwierige Aufgabe gelöst, hat die durchaus den Berechnungen der Ingenieure gemäß sich vollziehende Sprengung bewiesen. Als Curiosum sei erwähnt, daß die zahlreichen Leitungsdrähte der unfern vom Sprengungsorte aufgestellten elektrischen Batterien dem durch den glänzenden Erfolg enthusiasmirten Publicum zum Opfer fielen, in unzählige Stücke zerschnitten als Andenken mit fortgenommen wurden und einen vielbegehrten Handelsartikel bildeten.


Ein neues Denkmal im alten Friedhof Münchens. (Mit Abbildung S. 869.) An der östlichen Seite der Umfassungsmauer des alten Friedhofs in München erhebt sich seit dem November d. J. ein etwa zwölf Fuß hohes Denkmal von schwarzem Marmor, geschmückt mit einer grün oxydirten Bronzeplatte, auf welcher eine schwebend dargestellte weibliche Gestalt, in der Linken Palette und Pinsel haltend, mit der Rechten einen Lorbeerkranz zu dem Todten in dem Grabe hinabzureichen scheint. Dieser Todte ist ein Unsterblicher: Wilhelm von Kaulbach. – Ein noch junger und doch schon durch gute Leistungen bewährter Künstler, Lorenz Gedon, hat das Kunstwerk im Auftrag der Wittwe des gefeierten, heimgegangenen Meisters vollendet.



Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das vierte Quartal und der vierundzwanzigste Jahrgang unserer Zeitschrift, und beginnt mit nächster Nummer der

fünfundzwanzigste Jahrgang.

Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das erste Quartal des neuen Jahrgangs schleunigst aufgeben zu wollen, und verbinden damit zugleich die angenehme Mittheilung, daß für den nächsten Jahrgang an interessanten Erzählungen vorliegen:

Frühlingsstürme. Von Alfred Meißner. – Im Himmelmoos. Von Herman Schmid. – Gebunden. Von Ernst Wichert (Verfasser des Schuster Lange). – Aus gährender Zeit. Von Victor Blüthgen. – Hohe Fluth. Von H. Harring.

Von den demnächst erscheinenden belehrenden und unterhaltenden Artikeln heben wir vorläufig hervor:

Canossa. Von Professor Johannes Scherr. Mit Illustration. – Bilder aus Sibirien. Von A. Brehm. Mit Abbildungen. – Der Spiritismus und die wissenschaftliche Erklärung desselben. – Die Taufe eines Dichters. Actenmäßige Darstellung. – Aus den Erinnerungen eines russischen Publicisten. (Fortsetzung.) – Parlamentarische Photographien aus Versailles. Von Julius Walter. 1. Der rothe Prinz. 2. Gambetta etc. etc. – Aus den neuesten Indianerkämpfen: Die Verfolgung Sitting Bull’s. Originalbericht aus Greene Bay W.




Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Beginn des Vierteljahrs aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennig erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennig statt 1 Mark 60 Pfennig). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Derartige Bestrebungen sollen, wie versichert wird, im preußischen Cultusministerium Erwägung gefunden und Aussicht auf Verwirklichung haben.
  2. Vorlage: „Charaterbilder“