Die Gartenlaube (1877)/Heft 51

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1877) 849.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[849]

No. 51.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Die zehnte Sprache.
Novelle von Rudolf Gottschall.
(Fortsetzung.)


Sehr erregt blätterte Hulda in Giusti’s Gedichten und fand dann bei der Uebersetzung für seine bittersten Ergüsse den geeignetsten Ausdruck. Der Hauptmann sah auf das blonde Köpfchen, das so trotzig auf die Hand gestützt war, auf die schwellenden Lippen, auf die Augen, welche mit Mühe eine Thräne zurückhielten; er hätte ihr diesen holden Trotz, der so vielversprechend war für seine eigene Neigung, von den Lippen küssen mögen, aber mit jener Grausamkeit, die der Leidenschaft so wenig fremd ist, wie den Triumphen der Eitelkeit, begann er sie zu quälen, um nochmals die Probe auf seine Rechnung zu machen.

„Gabriele ist in der That eine fesselnde Erscheinung; sie hat den Reiz des Ungewöhnlichen, und ich glaube wohl, daß ihre Leidenschaftlichkeit –“

„Wenden wir uns lieber zu Giuseppo Giusti!“ sagte Hulda kurz und las mit hastigem Eifer die ersten Strophen des „Gingillino“.

Diese Eifersüchteleien, welche selbst den frommen Zügen des sanften Mädchens einen böswilligen Trotz gaben, ließen den Hauptmann an seinem Glücke nicht länger zweifeln. Es hatte sich im Schatten der italienischen Lorbeerhaine, unter den erhabenen Bildern eines Dante, Tasso und Ariosto die unbewachte Neigung in zwei Herzen geschlichen, welche sich dieselbe immer noch nicht zu gestehen wagten. Der Hauptmann erschrak davor wie vor einer Neuerung, welche sein bisheriges Leben aus den Fugen zu rücken drohte; der ganze Reiz einer festwurzelnden Gewohnheit sträubte sich dagegen. Lieben – welche Ketzerei nach so langen, frommen Jahren des Junggesellenlebens! Lieben, vielleicht gar heirathen – welch ein nicht auszudenkender Gedanke! Ihn floh jetzt häufig der Schlaf; im Halbtraum hörte er in seinem Zimmer leise, trippelnde Schritte, bis er sich die Augen rieb und erkannte, daß es nur ein Traumgebilde seiner lebhaften Phantasie sei. Schon um drei Uhr des Morgens rief er seinen Skarnikatis, daß er ihm den Kaffee bereite, las bei Kerzenlicht seine ausländischen Classiker und starrte dann in die Dämmerung der Frühe hinaus, bis die Morgensonne die Rouleaux ihm gegenüber mit ihrem ersten Glanze vergoldete.

Die Morgenfrühe ist die Zeit mannhafter Entschlüsse. Der Hauptmann faßte den Entschluß, diesem schönen Mädchen näher zu treten und womöglich den Schleier zu lüften, der über ihrer Vergangenheit schwebte. Noch an demselben Tage folgte er ihr von fern, als sie gegen Abend ihre Schritte in das Mühlthal richtete, den Lieblingsspaziergang der schönen Welt des Städtchens. Die Sonne warf ihre schrägen Strahlen durch das Laub der Erlen und hohen silbernes Weiden, welche den schäumenden Bach entlang wuchsen, und tauchte den westlichen Himmel dann in ein rothes Feuer, welches gleichsam von den Wipfeln herabzutriefen schien und hinter dem Unterholze des Waldes einen flammenden Hintergrund bildete. Der Hauptmann fand Hulda auf einer Bank im Schatten eines hohen Weidenbaumes, gegenüber der epheuumrankten Mühle, deren Rad in den schäumenden Fluthen wühlte.

„So in Gedanken versunken, mein Fräulein?“

Hulda fuhr wie aus Träumen auf. „Ich habe früher viel gezeichnet,“ sagte sie; „man gewöhnt sich dann, die Natur mit den Augen des Malers zu betrachten. So vertiefe ich mich in das landschaftliche Bild, welches den Griffel des Zeichners herausfordert; denn es ist ebenso abgeschlossen wie anmuthig und von der Natur selbst zu den passendsten grünen Rahmen gefügt.“

„So viele Künste treiben Sie?“

„Meine Eltern hielten mich in früher Jugendzeit dazu an, und so habe ich auch nach ihrem Tode –“

„Ihre Eltern leben nicht mehr?“

„Vater und Mutter verlor ich in den letzten Jahren,“ sagte Hulda mit tiefem Seufzer, „ich habe mit ihnen mein Lebensglück begraben; ich stehe einsam in der Welt.“

„Und darf ich fragen –“ fuhr der Hauptmann fort.

„Fragen Sie lieber nicht,“ sagte Hulda, „woher ich komme, was mich hierherführt! Ich würde die Antwort schuldig bleiben. Es sind traurige Verhältnisse, kaum der Theilnahme werth, und ich habe mir selbst Schweigen über dieselben gelobt.“

„Doch wenn ich diese Theilnahme hegte? Es ist nicht Neugier in mir – – So lange ich in diesem Städtchen lebe, habe ich mich nie um irgend eines Menschen Schicksal gekümmert. Man kennt es ja auswendig; es ist ein Satz, der immer aus denselben Vocabeln besteht. Wenn ich bei Ihnen eine Ausnahme mache, so mögen Sie dies einem ungewöhnlichen Antheile zuschreiben!“

„Ich bin Ihnen dankbar dafür, herzlich dankbar,“ sagte Hulda, indem sie mit einem von Thränen umschleierten Auge zu ihm emporsah, „doch überlassen Sie mich meinem einsamen Geschick!“

„Wenn ich Ihnen aber mit Rath und Hülfe beistehen könnte –“

„Es ist dies unmöglich in meiner Lage.“

[850] „Nichts ist inniger Theilnahme unmöglich. Vertrauen Sie sich mir ganz an! Haben Sie Feinde, ich will Sie gegen dieselben in Schutz nehmen. Haben Sie irgend eine Neigung,“ fügte der Hauptmann zögernd hinzu, „so will ich – ja ich will die Hindernisse besiegen helfen, die Ihrem heißesten Wunsche entgegenstehen. Das will ich.“

Und nach diesen nicht ohne Selbstüberwindung gesprochenen Worten knöpfte er sich den Rock mit hastiger Entschiedenheit zu und nahm den Stock mit herausfordernder Miene in die Hand.

„Sie irren,“ sagte Hulda jetzt mit freundlichem Lächeln, „ich bin durch keine verhängnißvolle Neigung bedrängt. Was mich stört und bedrängt, ist meinem Herzen fremd. Aufrichten könnte mich eine innige Liebe.“

„Corpo di bacco!“ fuhr der Hauptmann plötzlich auf; „wenn’s Ihnen um’s Herz wäre wie mir, würde ich Sie fragen: Wollen Sie meine Laura, meine Beatrice sein?“

Hulda erhob sich und hielt die Hand an das klopfende Herz; sie wagte nicht, dem Hauptmann in’s Gesicht zu sehen. Die Sonne war untergegangen; die Mühle lag im Schatten; glanzlos schäumte das Wasser in eintönigem Fall über das langsamer arbeitende Rad.

„Träume der Dichtung!“ flüsterte sie.

Schon war der Hauptmann über seine Kühnheit erschrocken; er riß die Knöpfe seines Rockes wieder auf, wie um Athem zu schöpfen, und strich sich mit der Hand über die Stirn. In der abgewandten Haltung des Mädchens sah er eine zarte Ablehnung.

„Möge das Wort ungesprochen sein, da Sie es so wünschen!“ sagte er hastig; „es war eine Uebereilung, zu der mich mein volles Herz hinriß. Was könnte ich Ihnen bieten? Ein einförmiges Leben, abgeschlossen von der Welt, nach dem Stundenschlag geregelt, ohne Glanz, ohne Wechsel, ohne das Glück der Jugend. Alles Glück liegt in der Jugend – glauben Sie mir! Sie kennt nicht das verhängnißvolle Wort: ‚Zu spät!‘ Mich verfolgt es bei jedem Schritt, bei jedem Gedanken. Lasciate ogni speranza! Keine Beatrice führt uns zu lichten Höhen. Was sind unsere Hoffnungen, unsere Wünsche? Larven, keine Schmetterlinge, und wenn einer noch an’s Licht sich wagt, findet er keine Blume mehr und erfriert in der kalten Luft. Vergeben Sie, vergessen Sie, und bleiben Sie mir eine fleißige Schülerin! Es wirft doch etwas Sonnenschein in mein einsames Stübchen.“

Und der Hauptmann zog den Hut und ging mit raschen Schritten von dannen. Hulda wandte sich in hastiger Bewegung um; sie sah ihm nach; ihr war’s, als müsse sie ihn zurückrufen, ihm nacheilen; doch sie bezwang sich. Was konnte sie ihm sagen, ihm bieten? In welche Verwickelungen und feindliche Verhältnisse stürzte sie den braven, schlichten Mann, dessen Ruhe für lange Zeit gestört sein würde! War es nicht blos grenzenlose Gutmüthigkeit, ritterlicher Eifer, was ihn bestimmte, sich ihrer anzunehmen, ihr einen Schutz für’s ganze Leben zu verheißen? Und doch – es war, als ob er einen tiefen Schmerz empfände über ihr kaltes Schweigen. Hatte sie ihn gekränkt? Ihr selbst wäre es bitteres Leid gewesen. Von widersprechenden Gedanken bestürmt, welche ihr ein tiefes, inneres Ungenügen zurückließen, trat Hulda ihren Rückweg an.

Der Hauptmann war erstaunt, in der Abenddämmerung Gabriele auf seinem Zimmer zu finden. Sie hatte ihn lange erwartet, zuletzt ihr Strickzeug herausgenommen und sich häuslich eingerichtet.

„Herr Hauptmann,“ sagte sie aufstehend, „entschuldigen Sie meine Eigenmächtigkeit! Ich hätte es nicht gewagt, auf Ihr Zimmer Beschlag zu legen, wenn ich nicht an Sie eine sehr dringende Bitte hätte. Auch mußte ich eigentlich erwarten, Sie zu Hause zu finden; denn welches Datum in der Weltgeschichte steht fest, wenn Ihr Stundenplan sich verschiebt? Jetzt glaube ich auch nicht mehr, daß die Schlacht bei Sedan am ersten September geschlagen worden ist; man kann sich auf nichts mehr in der Welt verlassen.“

„Ein nothwendiger Ausgang!“ sagte der Hauptmann, nicht ohne Verlegenheit. Nicht blos die Lüge, die ihm fremd war, auch eine halbe Wahrheit, die er vorbrachte, erregte ihm Unbehagen.

„Es handelt sich um einen englischen Brief, den Sie mir corrigiren, dem Sie eine stilvollere Fassung geben sollen,“ sagte Gabriele; „doch es ist kein gleichgültiger Geschäftsbrief; es ist ein Brief, an dem ein Stück meines Lebens hängt. Ich schenke Ihnen alles Vertrauen, Herr Hauptmann.“

„Das dürfen Sie.“

„Sie wohnen in diesem Städtchen, aber Sie gehören ihm nicht an; Sie sind, Gott sei Dank, hier ein Wesen höherer Art. Sonst würde ich lieber mit zwanzig Grammatikfehlern die Post unsicher machen, als ein einziges Geständnis; auf meinem Gewissen haben. Sie geloben mir Schweigen?“

„Auf mein Wort, mein Fräulein!“

„So hören Sie! Der Brief hat seine Vorgeschichte. Wie Sie mich hier sehen,“ fuhr Gabriele fort, die sich auf einen Schaukelstuhl gesetzt hatte und sich bei ihrer Rede hin- und herwiegte, „ich bin armer Eltern Kind – und es ist kein sonderliches Glück, arme Eltern zu haben, die noch dazu durch einen kleinen Titel an handwerksmäßigem Nebenerwerb gehindert sind. Man ließ mir indeß mit großen Opfern eine anständige Erziehung zu Theil werden; ich lernte viel; wir aßen dafür oft trockenes Brod am Abend. Ich wurde, was ein gebildetes Mädchen werden kann: Gouvernante. Ich machte mein Examen; das ist doch etwas. Wie viele vornehme Damen würden durch das Examen in den Augen der Leute sinken, sagte ich mir, ich habe doch einigen Grund, auf sie herabzusehen. Wissen ist Macht – bei den Männern vielleicht; uns Mädchen giebt es ein Recht, höhere Domestiken zu werden. Ich bestand gut im Examen – Sie lächeln, Herr Hauptmann? Wie bösartig Sie sind!“

„Bewahre! Ich traue Ihnen alle möglichen Kenntnisse zu.“

„Nur nicht im Englischen, will Ihr Lächeln sagen. Sie haben Recht,“ fügte sie seufzend hinzu; „das Englische war meine schwache Seite und ist es leider Gottes später noch mehr geworden. Ich kam als Gouvernante in ein Banquierhaus in der Residenz; man behandelte mich menschlich; die Frau Commerzienrath schenkte mir ihr Vertrauen, womit nicht viel Staat zu machen war, und wenn ich mit dem Commerzienrath unter vier Augen war, so warfen zwei von diesen vier unter der Brille sehr vielsagende Blicke auf mich. Er sagte mir öfter, daß er mich geistreich und reizend finde; mich rührte das nicht, denn er hatte sonst einen schlechten Geschmack, und war auch selbst ein Beweis für die Geschmacklosigkeit, mit welcher die Natur oft angesehene Männer ausgestattet hat. Im Salon wurde ich geduldet; ich durfte Thee einschenken und Brödchen umherreichen; man stellte mich der Gesellschaft vor, aber immer mit einer gewissen Verschämtheit und sprach meinen Namen so leise aus, daß ich oft glauben mußte, es knüpfe sich ein Verbrechen daran, das man verheimlichen wolle. Sie wissen ja, was Ausschuß ist auf den Messen; man bringt solche Teller, die einen Riß haben, auch auf den Tisch; doch wünscht man nicht, daß genauer hingesehen werde. So fühlt’ ich mich als Gouvernante.“

„Es ist gut,“ warf der Hauptmann ein, „daß für mich diese Gesellschaft nicht vorhanden ist. Ich würde schlecht zu ihr passen, denn ich schätze die Menschen nur nach ihrer Bildung; jeder andere Maßstab ist mir verwerflich.“

„O, es giebt auch dort Ausnahmen,“ sagte Gabriele, „und ich lernte eine solche kennen. John Smith, ein junger und reicher Engländer oder vielmehr ein Deutsch-Engländer – denn er stammte von Deutschen, die sich in London niedergelassen hatten – zeichnete mich aus; er unterhielt sich gern mit mir, zum großen Aerger der jungen Damen, welche es nicht passend fanden, daß ein Mann von Welt Geschmack am weiblichen Gesinde fand. Ich wurde dann immer rasch abberufen; man wußte es so einzurichten, daß ein Kind über irgend eine Schwelle stolperte oder ein anderes zu Bett gebracht werden mußte. Es gab zwar noch eine Bonne, doch die war nur für’s Ausgehen und für’s Französische; alles Andere lag mir ob. Trotz dieser planvoll bereiteten Hindernisse wußte Smith es doch möglich zu machen, daß wir uns öfter sprachen; er kam zu einer Vormittagsstunde, in der ich meistens mit den Kindern im Garten war. Der junge Mann flößte mir bald Neigung und Vertrauen ein; er hatte die Welt gesehen, war in Calcutta und in New-York gewesen; er war ein Gentleman von feinen, vornehmen Manieren, und nur zuweilen befremdete mich anfangs ein etwas blasirter Ton, den er mir gegenüber mühsam in die Sprache der Empfindung umzustimmen suchte, und seine Abneigung gegen [851] alles Deutsche. Er sprach am liebsten englisch, und wo er deutsch sprechen mußte, wie mir gegenüber, die ich mich an die gurgelnden Stromstrudel der englischen Conversation schwer gewöhnen konnte, da that er es mit einem fast komischen englischen Accent und zahlreichen eingeflochtenen Redewendungen aus der Sprache Shakespeare's und Byron's. Gleichwohl eroberte er mit diesen in ein buntscheckiges Gewand gekleideten Empfindungen mein Herz, und ich durfte nicht zweifeln, daß auch ich ihm nicht gleichgültig sei.

Zu einer Erklärung, mit der er zögerte, kam es durch ein unerwartetes Ereigniß. Während eines Gesellschaftsabends hatte mich der Banquier unter einem Vorgeben in das Treibhaus gelockt, das an die Salons stieß, und hier in einem Myrthen- und Oleanderversteck, in einer durch seine Weine angeregten Stimmung, trotz meines Sträubens, in seine Arme geschlossen, Smith war uns, gefolgt; er hatte unbemerkt den Auftritt belauscht; er wußte, daß ich keine Schuld hatte, und ihn empörte die Unwürdigkeit, der ich hier preisgegeben war. Er erklärte mir, daß er mich aus dieser Stellung befreien werde, daß er mich von jetzt ab als seine Braut betrachte, und wiederholte diese Erklärung mir schriftlich am nächsten Tage in einem Briefe, der ein vollständiges Eheversprechen enthielt. Ich war überglücklich; nicht nur erfüllten sich die Wünsche meines Herzens, auch meine äußere Lebensstellung war für immer gesichert. Unser Verkehr wurde seitdem rückhaltloser, doch schien es mir oft, als ob ihn der Gedanke beunruhige, daß seine Familie die getroffene Wahl nicht billigen werde; es gab Augenblicke, in denen ich ihn kalt und herzlos finden mußte, und noch immer zögerte er mit der Anerkennung unseres Verhältnisses vor der Gesellschaft, als ob eine falsche Scham ihn zurückhielte.

Wiederum wurden jene Myrthen und Oleander verhängnißvoll für mich; denn als er mich eines Abends in demselben Versteck, in welchem der Banquier mir seine Neigung aufgedrungen, mit dem Recht des Bräutigams umarmte und küßte, da waren die Rollen getauscht; der schon lange eifersüchtige Hausherr war uns nachgeschlichen und bereitete uns eine Scene in der Gesellschaft, die meinen Ruf für immer vernichten mußte, wenn ihn Smith nicht augenblicklich wieder herstellte. Ich wurde schimpflich aus dem Hause gejagt; Smith schwieg. Ich schrieb am nächsten Tage an ihn; ich erhielt keine Antwort. Bald darauf erfuhr ich, er sei nach England zurückgereist – ohne nur ein Wort des Abschiedes, der Ermuthigung, ohne sein Versprechen einzulösen, ja nur einzugestehen. In tiefster Beschämung reiste ich zu meinen Eltern zurück; ihnen gegenüber konnte ich mich durch die Briefe des Bräutigams rechtfertigen, der Welt gegenüber aber konnte und wollte ich es nicht; noch hoffte ich mit verschwiegenen Wünschen auf eine spätere glückliche Lösung, die ich nicht durch unvorsichtiges Preisgeben des Geheimnisses verscherzen wollte. Diese Hoffnung hielt mich aufrecht; sie wurde lebendiger, als ich vor kurzem durch den Brief einer Freundin erfuhr, daß Smith nach unserer Residenz zurückgekehrt sei. Jetzt steht die Entscheidung bevor; er muß sich erklären oder ich rechtfertige mich, indem ich sein schriftliches Eheversprechen in jenen Kreisen bekannt mache, die mich verlästert haben. Der Brief, den ich an ihn schreiben will, ist der wichtigste meines Lebens. Ich will ihn englisch schreiben, weil ich weiß, daß dies auf ihn weit größeren Eindruck macht und sein vornehmes Achselzucken über die deutsche Sprache vom Hause aus abgelehnt wird. Das Concept dieses Briefes überreiche ich Ihnen, Herr Hauptmann, mit vollem Vertrauen; verbessern Sie nicht blos das Fehlerhafte, geben Sie ihm durch Wahl der bezeichnendsten Wendungen, die mir nicht zu Gebote stehen, wärmeren Hauch und größeren Nachdruck!“

Der Hauptmann hatte andächtig zugehört, und nur unwillkürlich streiften seine Blicke bisweilen hinüber, wo die heimgekehrte Hulda mit nachdenklicher Miene neben der Lautenschlägerin stand.

„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, mein Fräulein,“ sagte er dann, „ich werde Ihre Empfindungen so gut retouchiren, wie ich irgend vermag. Mit diesem Patron müssen Sie freilich ein ernstes Wort sprechen – pox on him! Ich glaube, er wird sich sehr bessern müssen, wenn Sie mit ihm glücklich werden sollen. Kommen Sie morgen um die gleiche Zeit wieder. Ich werde den Brief verbessert in Ihre Hände legen.“

Gabriele erhob sich; sie war bleich geworden und stützte die Hand auf den Tisch. Die Bemerkungen des Hauptmanns hatten sie empfindlich getroffen: sie fühlte die Hoffnungslosigkeit aller ihrer Schritte, ihr ganzes zerstörtes Leben, mit der wilden Hast, die ihr eigen war, eilte sie auf den Hauptmann zu, drückte ihm die Hand mit dem Ausdruck herzlichen Dankes und stürmte dann zur Thür hinaus und die Treppe hinunter.

„Das ist ein Meteor,“ rief der Hauptmann, „von dem ich nicht wünschen möchte, daß es meine Bahnen kreuzte – wie ganz anders da drüben mein sanfter Abendstern!“

Klänge, von tiefster Empfindung getragen, wehten mit dem Abendwind herüber; sagten diese Töne vielleicht, was die Worte verschwiegen hatten? Der Hauptmann lauschte wie in Träumen verloren; längst war ihm seine Pfeife ausgegangen. Er hörte nicht, daß es sieben Uhr schlug, die Stunde, in welcher seine Wochen sich ablösten, doch schon stand Skarnikatis vor ihm mit der englischen Pfeife, auf welcher das Drachenbanner gemalt war. Der Hauptmann schlug den „Petrarca“ zu und griff nach Byron; er las den zweiten Gesang des „Don Juan“, denn die kindliche, anmuthige Haidi erschien ihm ein Abbild seiner Hulda. In der Morgenfrühe des nächsten Tages schmückte er den Brief der unglücklichen Gabriele mit den dichterischen Blüthen auf, die er im Herbarium seiner Vocabelhefte für stilistische Zwecke eingetrocknet hatte.

Der Tag, dessen Sonne sich verdrossen aus rothen Nebelschleiern erhob, sollte einer der unruhigsten werden, welche das Leben des Hauptmanns seit langen Jahren aufzuweisen hatte.

Er sah hinüber – noch regte sich nichts; es blieb still den ganzen Vormittag; auch keine Taste rührte sich. War Hulda unwohl? Hatte sie Gewissensbisse, daß sie ihn zurückgewiesen? Und war dies auch wirklich eine Ablehnung gewesen? Hatte er nicht zu schwarz gesehen?

Der Mittag kam heran; es blieb auffallend still. Da plötzlich – der Hauptmann wollte seinen Augen nicht trauen – er glaubte eine Vision zu haben. Ein Herr erschien drüben, der sich einen Stuhl neben die Statue rückte und behaglich darauf Platz nahm, indem er den Rauch einer Cigarre in die Luft blies. Skarnikatis wurde herbeigerufen, um das unerhörte Ereigniß mit Hülfe seiner in den litthauischen Urwäldern geschärften Sinne zu bekräftigen. Die Thatsache blieb unerschütterlich. Der Herr nahm seinen Hut ab – Gott sei Dank! er hatte graue Haare, über welche schon ein silberner Schimmer spielte. Der Vater konnte es nicht sein; Hulda hatte ja keine Eltern mehr. Doch vielleicht ein Bräutigam? Man hat diese Sorte auch in Grau – der Hauptmann sah in den Spiegel, um sich zu überzeugen, daß das herannahende Alter bei ihm selbst die Haare noch nicht abgefärbt hatte. Doch so gut wie er konnte ja auch ein anderer älterer Herr auf Freiersfüßen gehen; auf ein paar Jahre mehr oder weniger, auf ein früher oder später ergrautes Haar konnte es nicht ankommen. Er beruhigte sich bald wieder. Durch ein Augenglas sah er, daß die Züge des Fremden scharf geschnitten waren und einen grämlichen Ausdruck hatten; es war in ihnen keine Spur jener Unruhe zu bemerken, von welcher doch keine Leidenschaft frei ist, so lange sie nicht des gesicherten Besitzes theilhaft geworden.

Der Hauptmann warf nochmals einen Blick hinüber; er sah immer dieselben Rauchwolken sich um die Lautenschlägerin kräuseln. Da plötzlich – es war keine Doppelseherei – ein zweites Glühwürmchen am Epheu – der Feuerschein einer zweiten Cigarre! Da stand ein junger Mann, welcher seinen Arm um die Lautenschlägerin geschlungen hatte und sich mit dem ältern Herrn lebhaft unterhielt. Ein vornehmer Engländer in Haltung und Anzug; die Lord Byron’sche Schleife flatterte weltschmerzlich genial in der Luft; er hatte eines der stillen feinen Gesichter, die auf den ersten Blick etwas Mädchenhaftes haben, doch sieht man näher hin, da leuchten die Augen mit einem nixenhaften Glanze, und um die Lippen lagert sich ein Zug spöttischer Ueberlegenheit.

Was bedeutete das? Hier war kein Zweifel mehr – das war der glückliche Liebhaber! Darum Hulda’s Schweigen bei seinem Antrage. Er sann eben darüber nach, in welchen Kessel des höllischen Trichters er den aufdringlichen Nebenbuhler am liebsten hinwünschen, ob er ihn durch die Lüfte wirbeln lassen oder mit einem schweren Bleimantel belasten sollte, als Skarnikatis eintrat, welcher achselzuckend auf die Fremden deutete, die er bereits von der Hausthür aus entdeckt hatte.

„Es ist nicht geheuer da drüben,“ meinte er mit seinem [852] breiten Lächeln. Der Hauptmann bemächtigte sich seiner und schüttelte ihn am Kragen, als wenn er den Nebenbuhler drüben dingfest machen wollte.

„Was giebt’'s? Wer sind die Herren? Hast Du’s erfahren? Warst Du auf Kundschaft?“

Skarnikatis konnte zunächst nur durch ausdrucksvolles Mienenspiel sein Befremden über die gewaltthätige Behandlung ausdrücken, die ihm zu Theil wurde. Dann holte er tief Athem und theilte dem Hauptmanne mit, daß er allerdings auf Kundschaft gewesen sei, daß aber Niemand drüben wisse, wer jene Herren seien. Nur so viel sei gewiß: es müßten dort sehr lebhafte Verhandlungen stattgefunden haben; man habe einen leidenschaftlichen Wortwechsel vernommen und einmal sogar etwas wie einen Aufschrei des Mädchens.

Der Hauptmann wurde nachdenklich. Banditen konnten es nicht sein; doch wer kennt nicht die geheimen Dolche, mit denen in unserer Gesellschaft oft gesetzlich erlaubte Raubanfälle gemacht werden? Ihn tröstete nur das Eine, indem er zornglühende Blicke hinüber warf: Hulda wußte, wenn sie bedrängt oder bedroht war, wo sie Hülfe finden konnte. Und so lehnte er sich trotzig in der Regimentsuniform zum Fenster hinaus, aber das Mädchen zeigte sich nicht; auch die Fremden verschwanden vom Balcon; es trat eine unheimliche Ruhe ein.

Seinen Nachmittagsspaziergang machte der Hauptmann mit seltener Hast; er wollte wieder zu Hause sein, um sich zur Beobachtung auf seine Warte zu begeben. Gegen Abend kam Gabriele, früher als abgemacht war, denn auch sie trieb eine innere Ungeduld; sie konnte nicht früh genug den Brief in ihre Hände bekommen. Der Hauptmann hatte ihn prächtig retouchirt, etwas dichterisch zwar, doch warm zum Herzen sprechend; hin und wieder fand sich Gabriele nicht zurecht – sie mußte den Hauptmann als Dictionnaire benutzen; denn ihr fehlten einige Vocabeln. Freude über den gelungenen Brief und Aufregung über den Erfolg trieben Gabriele an’s Fenster, um frische Luft zu schöpfen. In ihrer Leidenschaftlichkeit war sie rücksichtslos; sie that, als wenn sie hier zu Hause wäre, und stieß den einen Fensterflügel auf. Auf ihren Zügen lag der volle Widerschein des Abendrothes; sie sah schön aus in der glühenden Beleuchtung.

„Dort wohnt also Ihre Schülerin Hulda,“ sagte sie zurücksprechend; „nun, recht poetisch, fürwahr. Eine Art steinerne Harfenistin vor der Thür! Glücklicher Weise geht sie nicht mit dem Teller herum, um zu sammeln. Und die vielen Blumen!“

„Gleich und gleich – hier ist’s die Wahrheit,“ sagte der Hauptmann, etwas unwirsch.

„Mir kommen diese Blumen zu lyrisch vor.“

„Sie sind in einer bitteren Stimmung, mein Fräulein.“

„Sie trauen mir nicht Gefühl zu, ich weiß es,“ sagte Gabriele. „O, wer blond oder goldlockig wäre, wie das Musenkind drüben – da zweifelt Niemand an einer tiefempfindenden Seele. Horch – die Thür knarrt – sie ist es – sie tritt heraus – sie sieht nach den Wolken; jetzt stützt sie das Köpfchen auf die Hand; bei Gott, sie hat Thränen im Auge. Das arme Kind! Nun, gewiß ist ihr auf ihrem Flügel eine Saite gesprungen; der Clavierstimmer bringt das rasch wieder in Ordnung; solche Schmerzen heilen schnell. Fort ist sie wieder und läßt nicht einmal ambrosisches Licht zurück. Es giebt keine Engel mehr.“

„Ich würde Sie arg schelten,“ sagte der Hauptmann, „wäre mir nicht Ihr trauriges Schicksal bekannt. Sie sind boshaft – Hulda’s Seele ist wie ein weißes Blatt.“

„Merkwürdig genug bei einem Mädchen, von dem man nicht weiß, von wannen es kommt, noch wohin es geht; das reine Blatt wird wohl auf der andern Seite vollgeschrieben sein.“

Gabriele lachte triumphirend; der Hauptmann rüstete sich eben zu zorniger Gegenrede, als er durch die Veränderung entwaffnet wurde, die mit dem Fräulein vorging. Ihr Lachen wurde auf einmal krampfhaft; sie streckte die Arme wie abwehrend aus, starrte mit ihren Blicken vor sich hin, als sähe sie ein Gespenst, und sank mit einem leisen Schrei auf den Stuhl zurück. Der Hauptmann trat besorgt an sie heran.

„Es ist nicht möglich – nicht möglich,“ flüsterte sie, indem sie sich mit gewaltsamer Anstrengung wieder aufrichtete und hinaussah. Sie rieb sich die Augen, als wollte sie einen Traum verscheuchen.

„Und doch – er ist’s, er ist’s.“

An der Lautenschlägerin stand der junge Mann mit der Byron’schen Schleife.

„Er ist’s – und bei ihr!“ rief Gabriele, die Hände ringend. „Er ist in dieser Stadt; er weiß, daß ich hier weile, und er ist – bei ihr.“

„Wer denn in aller Welt?“ fragte der Hauptmann.

„O, ich bin grenzenlos betrogen,“ sagte Gabriele, bei welcher der Schreck jetzt einer sich steigernden Leidenschaft Raum gab, „er kommt hierher, ohne nach mir zu fragen; er vermeidet mich, sucht diese Clavierprinzessin auf. Lassen Sie mich – ich muß hinüber – vor ihren Augen will ich ihn anklagen und zu Boden schmettern.“

„O, ich verstehe,“ sagte der Hauptmann, auf den Brief deutend, „unsere gemeinsame Arbeit ist jetzt überflüssig geworden.“

„Ja,“ rief Gabriele, „es ist dieser John Smith, dessen heilige Betheuerungen und Eide ich noch nicht zu Asche verbrannt habe, der mich dem Schimpfe preisgab, den ich jetzt verabscheue.“

Sie warf das Fenster zu, daß die Scheiben klirrten, und griff nach ihrem Hute so hastig, daß sie die stolze Feder knickte, die sie aus der Residenz mitgebracht hatte und gegen welche selbst die Feder auf dem Hute der Landräthin nicht aufkommen konnte.

„Was wollen Sie thun, Fräulein?“ fragte der Hauptmann. „Ich will hinüber – ihn zur Rede stellen, ihn entlarven; o ich weiß nicht, was ich will,“ rief Gabriele, in krampfhaftes Weinen ausbrechend.

„Hören Sie mich, mein Fräulein! Sie werden eine unglückliche Rolle spielen, Ihr Zartgefühl preisgeben, dem Spotte und dem Gelächter verfallen; denn man muß sein gutes Recht nicht auf dem Markte verkünden, und wenn man nichts hat als sein gutes Recht, so hat man verzweifelt wenig und läuft Gefahr, von aller Welt ausgelacht zu werden. Wir müssen die Sache feiner einfädeln; nehmen Sie mich zu Ihrem Bundesgenossen an!“

„Mit Freuden!“ sagte Gabriele, „es scheint mir fast, als ob ich Ihnen trauen dürfe. Sie haben wohl auch guten Grund, gegen ihn, den ich nicht mehr nennen mag, Partei zu nehmen?“

„Nein, o nein! Ich habe nicht das geringste Recht dazu. Doch wenn dieser junge Mann – God damn him! – in der That sich in das Herz Hulda’s einzuschleichen sucht, so bin ich der Mann dazu, sie zu warnen. Und das soll morgen geschehen, morgen! Wenn Sie, mein Fräulein, mir dazu den Brief mit dem Heirathsversprechen geben.“

Gabriele stand unschüssig. Kannte sie denn so sicher den Zusammenhang, in welchem John Smith und Hulda standen? War es nicht möglich, daß er seine Verpflichtungen hier einlösen und sie heute selbst doch noch aufsuchen wollte? Es schien schicklicher zu warten und auf den Vorschlag des Hauptmanns einzugehen; sie versprach, ihm den Brief zu bringen und gab ihm Vollmacht, mit Entschiedenheit einzuschreiten. Dann trat sie noch einmal an’s Fenster; gespenstig blickte die Lautenschlägerin in die Dämmerung; das Licht einer Lampe wurde hinter dem Rouleau sichtbar – war Hulda allein, war sie noch mit ihm zusammen? Es fröstelte Gabriele bei dem Gedanken an eine trauliche Abendbeleuchtung am häuslichen Herd, während sie selbst wie eine Einsame und Verbannte durch die Dämmerung schleichen mußte. Die Welt kam ihr auf einmal so fremd und kalt vor; eine Thräne im Auge eilte sie mit einem „gute Nacht!“ hinaus. –

So früh, wie es die Schicklichkeit irgend erlaubte, erschien sie am nächsten Vormittag, den wichtigen Brief in der Hand, bei dem Hauptmann.

Wie erstaunte sie über den Empfang, der ihr zu Theil wurde! Draußen kein Skarnikatis, der ihr sonst mit Lächeln die Honneurs machte. Sie klopfte an; kaum ein leises „Herein!“ ließ sich vernehmen. Sie trat ein – da stand Skarnikatis mit gefalteten Händen, als wenn er an einer Leiche stände; der Hauptmann aber, sonst so galant in seinen Begrüßungen, erhob sich nicht vom Sopha; er starrte wie ein Wahnsinniger auf ein Kissen mit einem gestickten Vergißmeinnicht, das er krampfhaft

[853]
Die Gartenlaube (1877) b 853.jpg

„Da liegt die Bescheerung.“
Nach seinem Oelbilde und einer im Verlage der Photographischen Gesellschaft in Berlin erschienenen Originalphotographie auf Holz überzeichnet von Adolph Lüben.

[854] fest in den Händen hielt. Das ganze Zimmer schien mit seinen Bewohnern nervös geworden zu sein; einige erschreckte Bücher waren aus den Fächern gefallen; die englische Pfeife lag an der Erde und hatte weithin die Tabaksasche ausgestreut; in einer vergessenen Kaffeetasse schwamm die Milch so schwermüthig auf dem edlen Mokka, als wäre sie durch ein einschlagendes Gewitter sauer geworden; die Gardinen am offenen Fenster hatten sich aus ihren Ringen gelöst und wehten im Winde gespenstig hin und her.

„Zu spät – sie ist fort,“ sagte der Hauptmann mit matter Stimme.

„Fort!“ wiederholte der Diener dumpf wie ein Echo aus den litthauischen Urwäldern.

„Und er – und er?“ fragte Gabriele aufgeregt.

„Natürlich auch fort!“ erwiderte Skarnikatis für seinen in Gedanken versunkenen Herrn.

„Und wann in aller Welt – “

„Mitten in der Nacht! Sie haben einen Wagen bestellt, der sie nach der nächsten Station fuhr; das Mädchen und die beiden Herren, der alte und der junge! Wohin? Das wußte mir Niemand drüben zu sagen, dagegen gab man mir die Bescheerung da mit, die sie für meinen Herrn bestimmt hatte.“

Da erhob sich der Hauptmann; er legte das gestickte Kissen so sanft auf das Sopha, als wäre ein Kind darin eingewickelt, und gab seiner Schülerin die Hand: „Entschuldigen Sie mich, Fräulein! Doch die unerwartete Abreise meiner Nachbarin hat mich ganz verstört; alle unsere Pläne sind gescheitert.“

„Wie? Und sie ist abgereist ohne Abschied, ohne Ihnen zu sagen wohin, ohne Ihnen zu schreiben –“

„Nur drei Worte hat sie mir geschrieben, ein herzliches Lebewohl. Sie hat mir als Vermächtniß dies von ihrer Hand gestickte Kissen hinterlassen und,“ setzte er etwas leiser hinzu, „die gestickte Geldbörse mit dem Honorar.“

„So ist es also wahr,“ rief Gabriele, „ich bin aufgegeben, gänzlich verlassen. Er ist so treulos, wie ich es kaum zu fürchten wagte. Der Schändliche!“

Der Ton ihrer Entrüstung war so hinreißend, daß Skarnikatis nicht umhin konnte, die Faust zu ballen.

„Doch ich raste nicht, bis ich ihn gefunden. Kann ich nicht mit ihm glücklich sein, so soll er es auch nicht werden. Zerreißen Sie diesen Brief, Hauptmann! Was ich ihm jetzt zu sagen habe, verlangt einen anderen Ton. O, wie ist Alles so eng und dumpf hier – in’s Weite! In’s Weite!“

„Wenn wir nur eine Spur entdecken könnten,“ sagte der Hauptmann melancholisch; „doch es fehlt ja jeder Anhalt. Hulda Freiberg – wer weiß, ob auch dieser Name der richtige ist! Und sie will ja nicht, daß man ihrer Spur folge.“

„Was die Mamsell betrifft,“ sagte Gabriele hochmüthig, „so werden wir Ihr wanderndes Fortepiano schon auffinden, sobald wir nur Herrn John Smith aus seinem Versteck aufgestört haben. Das möge meine Sorge sein! Noch heute zieh’ ich wieder nach der Residenz; ich gebe meine Zeugnisse einem Vermittler. Sie sind glänzend; ich werde schon wieder eine Stelle finden. Die Stadt ist groß; in vielen Kreisen weiß man nichts von meinem Abenteuer. Doch ich will ihn rastlos aufsuchen und mich an seine Ferse hängen, wie ein unheimlicher Schatten.“

„Schreiben Sie mir stets Ihre Adresse, mein Fräulein!“ sagte der Hauptmann, „bleiben wir in Verbindung! Vielleicht gelingt es mir, zu entdecken, wohin sie sich gewendet haben; betrachten Sie mich als Ihren Mitverschworenen!“

„Wohl! Ich verspreche Ihnen, Nachricht über Alles zu geben, was mich betrifft.“

„Ich bleibe hier, wie die Schnecke in ihrem Haus,“ sagte der Hauptmann, indem er wehmüthig hinzufügte: „einsam – jetzt mehr als je – mehr als je!“

Gabriele schoß noch einmal wie eine Sternschnuppe an’s Fenster, warf einen Blick hinüber, der fast als ein Versuch der Brandstiftung angesehen werden konnte, und gab dem Hauptmann die Hand.

„Besten Dank für Ihre Stunden! Sie werden wiederum unterbrochen; ich soll einmal im Englischen eine Stümperin bleiben; vielleicht leiste ich dafür etwas im Teuflischen!“

Der schale Wortwitz war ein Ausdruck ihrer innersten Erregung; hat doch schon Shakespeare gezeigt, daß die Verzweiflung witzig macht. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, so athmete der Hauptmann auf, als ob ein Druck von ihm genommen wäre; denn das Wesen seiner Schülerin hatte etwas Beängstigendes für ihn. Aber sie sprach ja von ihr, die ihn so ganz erfüllte. Erst als Gabriele fort war, erfaßte ihn das Gefühl grenzenloser Oede und Einsamkeit. Wieder begann das alte Leben mit seiner geregelten Einförmigkeit, doch es war nicht mehr das alte; ihm fehlte das Behagen, die Zufriedenheit. Immer schweiften seine Wünsche in die Ferne und von den Classikern seiner neun Sprachen gefielen ihm nur diejenigen, in denen er den Ausdruck seiner Unbefriedigung, seiner Sehnsucht wiederfand. Täglich ging er in’s Mühlthal wie sonst; er setzte sich auf die Bank, auf welcher Hulda gesessen hatte, und blickte träumerisch auf das Rad und das herunterstäubende Wasser. Der Herbst streute seine gelben Blätter in den Bach; der Winter versilberte das Dach der Mühle und hemmte den fröhlichen Bach in seinem Lauf – er merkte es nicht; er sah immer um sich das frischeste Grün und hörte das Rauschen der Mühle, auch wenn sie still stand.

Zum Hohn für seine Erinnerungen hatte ihm gegenüber ein alter Major sich einquartiert. Es kam ihm vor, als sähe er sich selbst in einem Vexirspiegel. Ueber der Lautenschlägerin hing oft ein alter Officiersmantel, den der Bursche ausklopfte. – –

Gabriele schrieb mehrmals; ihre Briefe waren ebenso geistsprühend, wie leidenschaftlich zerrissen. Sie hatte eine Stelle bei einem General gefunden. Ihre Nachforschungen nach dem Aufenthalt des treulosen Bräutigams waren vergeblich gewesen; nur das hatte sie erfahren, daß er auch damals nicht, wie es hieß, nach London gereist sei, sondern sich längere Zeit in deutschen Hansestädten aufgehalten hatte; sie hoffte noch immer auf die Züchtigung des Verräthers.

Der Hauptmann begann Hulda bereits für ein Traumbild zu halten, das auf seinem Lebenswege gegaukelt und unfaßbar wieder verschwunden war. Nachdenken hierüber und Sorge über die geheimnißvolle Begegnung mit der Geisterwelt brachten es dahin, daß einzelne Silberfäden in sein dunkles Haar sich mischten wie Skarnikatis zuerst entdeckte, der ihm eines Morgens ein corpus delicti mit nachdenklichen Mienen präsentirte.

„Ich werde alt,“ sagte der Hauptmann, „es geht mit mir zur Neige. Wie thöricht war ich, ein Glück zu hoffen, das nur der Jugend gehört! Carramba,“ – es war seine spanische Woche – „uns ziemt es, wie dem Kaiser Karl dem Fünften im Kloster von Sanct Juste, Grabesgedanken zu hegen.“

Sein Lebens- und Stundenplan blieb unverändert; nur nahm er keine Schülerinnen mehr an und wies selbst die Tochter des Bürgermeisters zurück, die ihr Französisch über die Conjugationen hinaus ausdehnen wollte.

(Schluß folgt.)




Karpathen-Menschen.
Von F. Sch.
(Schluß.)


Nach abermaligem mehrstündigem Ausschreiten erreichten wir das Ziel unserer Wanderung, den Dialu negru (schwarzen Berg), der an Höhe zwar vielen seiner Genossen nachsteht, dennoch aber eine seltene und durch die Vereinigung der schärfsten landschaftlichen Contraste überraschende Rundschau gewährt.

Verlockend schön liegt vor dem Beschauer im sonnigen Süden das reiche üppige Flachland, aus dessen sammtartigen grünbraunen Fluren die Städte Pitesti und Plojesti mit ihren glitzernden Weißblechbedachungen auf Kirchen und Villen und die Fluthen des reizenden Argis mit seinen Nebenflüssen hervorschimmern wie riesige in Silberarabesken gefaßte Brillantagraffen; im schattigen Norden dagegen ragen die massigen, ernst und finster niederschauenden Bergkolosse der Karpathen empor, umflossen von ruhiger Erhabenheit und düsterer Majestät und [855] doch von reichem Wechsel in Linien und Farbentönen, von den braunrothen, kühn anstrebenden Felsengraten der höchsten Höhen bis zu den smaragdgrünen Wellenlinien der Alpenmatten und dem fast schwarzen Tannenkleide der Hänge und Schluchten. Und zu all dem der azurblaue Aether, auf dessen klaren Luftwellen riesige Lämmergeier mit ihren unbeweglich gleich Segeln gespannten Fittigen sich wiegten, und jene tiefe, heilige Stille, welche auf das menschliche Gemüth in solcher Umgebung doppelt ergreifend wirkt – wahrlich, ein genußvollerer Anblick läßt sich kaum denken.

Vorescu und Sohn, sowie meine übrigen Begleiter hatten sich unterdessen längst nach allen Richtungen zerstreut, um eine Quelle zur Befriedigung des brennenden Durstes zu erspähen. Auch ich spürte die Wirkung der senkrecht herabfallenden Sonnenstrahlen und erwartete, während ich meine Linien zog und Skizzen anfertigte, mit Ungeduld die Rückkunft der Quellensucher, um deren Entdeckung auch meinerseits zur ersehnten Labung zu benützen.

Allein mit jeder Viertelstunde vergeblichen Harrens verringerte sich auch meine Hoffnung, und wer je die Tantalusqualen des Durstes erduldet, wird meine freudige Ueberraschung ermessen, als nach Verlauf von fast zwei Stunden plötzlich Pietru’s kräftige Stimme neben mir ertönte, und auf meine rasche Wendung der junge Riese vor mir stand, schweißbedeckt, hochathmend und auf den Armen einen mächtigen rohen Holzblock tragend, aus dessen nothdürftig mit Baumrinde verdeckter Höhlung mir reines Quellwasser entgegenblinkte.

„Hier, Herr, ist Wasser, so frisch, wie es ein Stück Holz bei dieser Hitze zu halten vermag,“ sagte der gutherzige Mensch und sah mich dabei so unbefangen und treuherzig an, als ob diese Art der Wasserversorgung die einfachste und bequemste von der Welt wäre. Und doch hatte der brave Sohn der Berge die unwegsamsten Hänge und Schluchten durchspäht, an der endlich entdeckten Quelle eine ansehnliche Fichte gefällt, von derselben den Block losgetrennt, diesen behauen und ausgehöhlt und endlich die schwere Last den weiten, beschwerlichen Weg zurück geschleppt, lediglich um einem ihm vollkommen fremden Menschen eine Erquickung zu verschaffen.

Vorescu und meine Leute waren bei ihren Entdeckungsversuchen nicht so glücklich gewesen und erfreuten sich nach ihrer Zurückkunft an dem reichlichen Vorrathe in Pietru’s origineller „Feldflasche“. Während aber die Soldaten des Letzteren Herculesarbeit staunend bewunderten, nickte der Alte nur zustimmend mit dem Kopfe, als wollte er sagen: „nicht übel gemacht, mein Junge,“ und wandte sich dann mit der Bemerkung an mich, daß es gut sein dürfte, die Instrumente zu verwahren, da ein Gewitter herannahe. Verwundert blickte ich um mich, da ich bis jetzt nicht das geringste Anzeichen eines Gewitters bemerkt hatte.

Vorescu aber deutete mit der Hand nach dem zerklüfteten Felsengipfel des Retjasat, über welchem eine dunkle Wolke schwebte, als wäre sie unschlüssig, ob sie sich niederlassen sollte oder nicht, doch während ich noch ungläubig das scheinbar ganz harmlose Luftgebild betrachtete, ließ es sich gleich einem beflügelten Ungeheuer auf die Erde nieder, alsbald die ganze Höhenkette vor uns bedeckend und zugleich blaugelbe Flammen ausspeiend, in deren Beleuchtung die dunkelnden Berge wie in bengalischem Feuer erglühten. Während nun ohne Zaudern die Instrumente verpackt und von meinen Leuten mittelst der Pferde fortgeschafft wurden, harrte ich, einen Granitblock als Tribüne benützend, der weiteren Entwickelung des großartigen Naturschauspieles, das für mich auf solchem Schauplatze eine ganz neue Erscheinung war.

Vorescu und sein Sohn aber lagerten neben mir und stopften in aller Gemüthsruhe die kurzen Tabakspfeifen. Bald mischte sich der duftende Rauch der trefflichen heimischen Kräuter mit dem meiner Cigarre. Wir sahen in voller Behaglichkeit zu, wie die zuckenden Blitze bald dort, bald da Berge und Thäler wie scharfbegrenzte Theaterdecorationen beleuchteten.

Wie die wilde Jagd zog das Unwetter unter Geheul und Getobe heran und erfüllte bald das ganze Gebirge mit seinen flammenden Blitzen und betäubenden Donnerschlägen. Nun aber war es in der That höchste Zeit, und schon als wir aufbrachen, hüllte uns der tückische Berggeist in einen so dichten Nebel, daß ein Fremder nicht hundert Schritte hätte thun können, ohne Gefahr zu laufen, in einen Abgrund zu stürzen. Von Vorescu und seinem Sohne in die Mitte genommen, eilte ich mit ihnen hinab; es ging auf Sturmesflügeln im wahrsten Sinne des Wortes; kaum eine halbe Stunde genügte für den Weg, den wir aufwärts in dritthalb Stunden zurückgelegt hatten, dank welcher Schnelligkeit wir Nikola’s Stine in dem Augenblicke erreichten, in welchem sich die „Schleußen des Himmels“ öffneten.

Die rumänischc Stine repräsentirt nebst den Zelten der Nomaden und den Erdlöchern der Zigeuner die einfachste Construction einer menschlichen Wohnung; vier Wände, aus Tannenstämmen lose zusammengefügt, sodaß der Wind ungehindert die höchst nothwendige Luftreinigung vornehmen kann, und ein Schindeldach darauf – damit ist das Werk des Baumeisters gethan. Der innere Comfort aber entspricht dem äußern und wird ganz und gar durch den Herd vertreten, der eine Spanne hoch über dem Lehmboden auf der der Thür entgegengesetzten Seite angebracht ist.

Die Bewohner der von uns betretenen Hütte, Nikola und seine Nichte Ancza, hatten uns offenbar erwartet und begrüßten uns als willkommene Gäste, ohne sich übrigens in ihren häuslichen Verrichtungen stören zu lassen. Nikola kniete nämlich eben bei dem mächtigen Herdfeuer, über dem an eiserner Kette ein großer kupferner Kessel hing, und schüttelte mit aller Aufmerksamkeit, welche sein Geschäft in der That erforderte, Kukuruzmehl aus einem Sacke in das siedende Wasser des Kessels zur Bereitung der Mamaliga, des täglichen Brodes der Rumänen. Ancza aber goß die den Schafen ihres Oheims abgenommene Milch in große Bottiche, welche den Mittelraum der Hütte einnahmen und deren Inhalt schon durch den Duft die verschiedenen Entwickelungsstadien jenes Productes verrieth, das als der berühmte „Primsenkäse“ in halb Europa bekannt und beliebt ist.

Mamaliga und Käse waren auch die Hauptbestandtheile unseres Soupers, nach welchem ich ermüdet meine unweit des Herdfeuers aus frischem Heu bestehende Schlafstätte aufsuchte, doch hielt mich das ungewohnte Käse-Aroma noch so lange wach, daß ich hinlänglich Muße fand, meine Umgebung zu beobachten. So bemerkte ich, daß der alte Vorescu richtig geschlossen, und sein Sohn durch Ancza’s energisches Wesen in der That angezogen statt abgestoßen worden war.

Schon während der Mahlzeit hatte der junge Riese das schöne Mädchen fast mit den Augen verschlungen und wahrscheinlich, durch solche Augenweide befeuert, kühne Pläne geschmiedet; denn mit dem Aufwande der ergötzlichsten strategischen Kunstgriffe suchte er jetzt den gefährlichen Feind in die Flanke zu fassen, wobei ihm die Bottiche als Stützpunkt dienten. Ancza aber wußte alle diese Versuche ebenso geschickt zu vereiteln, und als endlich auch ein kühner Frontangriff erfolglos blieb, kehrte der aus dem Felde Geschlagene mißmuthig zum lustig prasselnden Herdfeuer zurück und starrte lange und finster in die hellen Flammen, doch plötzlich, als hätten ihm mitleidige Feuermännchen einen guten Gedanken eingegeben, sprang er entschlossen, fast heiter empor, flüsterte dem Vater einige Worte zu und verließ mit einem langen glühenden Blicke auf die unnahbare Schöne die Hütte. Auch Ancza wurde bald darauf unsichtbar, doch nur, wie mir schien, um, gedeckt durch die Käsebehälter, ihre Nachttoilette zu besorgen und sich zur Ruhe zu begeben. Die beiden Vettern aber saßen noch lange an dem wärmenden Feuer und sprachen halblaut von dem Gedeihen ihrer Heerden, von des Dorfpopen zunehmender Habsucht und Herrschsucht, von den neuen Steuern und dem Kampfe, der auch damals um die Herrschaft im Oriente entbrannt und dessen Kunde endlich auch auf die Höhen der Karpathen gedrungen war.

Ich aber lauschte und staunte nicht selten über das richtige Urtheil und die gesunden Anschauungen des merkwürdigen Greises.

Wie er so dasaß im hellen Feuerscheine, mit dem von silbernen Locken umwallten blühenden Antlitze und dem robusten, noch immer kräftigen, Alter und Anstrengungen trotzenden Körper, glich er ganz dem Bilde, das unsere Phantasie von jenen biblischen Patriarchen entwirft, deren Lenden Völker entsprossen, oder von jenen Helden der Vorzeit, welche ihrem Volke als Lehrer und Führer die Wege der Cultur und des Ruhmes bahnten.

Woher nun dieser dumpfe Stillstand, dieses geistige Dämmerleben bei einem im Ganzen begabten Volke, dem Kernmänner gleich dem alten Vorescu angehören? Ist es unabänderliches, in den Eigenschaften der Race begründetes Geschick, oder ist es [856] die Wirkung jenes Fluches, der dem im Despotismus und Sclaventhum wurzelnden Osmanenthume folgt, wohin es immer den Fuß gesetzt, und gleich dem Samum der Wüste alles Leben in seinem Bannkreise auf Jahrhunderte hinaus vernichtet?

Während ich solchen Fragen nachsann, hatten sich auch die beiden Greise in ihre Schafpelze auf die harte Erde gebettet, und es war still geworden ringsumher. Nur das dumpfe Rollen des Donners ließ sich noch von Zeit zu Zeit aus der Ferne vernehmen, dem dann bisweilen das Geheul eines Wolfes aus der nahen Waldschlucht und das Gebell wachsamer Hunde folgte. Aber auch diese Laute verstummten allmählich, und nichts unterbrach die feierliche Stille als das anheimelnde Knistern der am grünen Tannenholze zehrenden Flammen. Schlaftrunken blickte ich hinein in das seltsame Leben und Treiben des geheimnißvollen Elementes, und die Eindrücke des Tages weckten in mir Gedanken über die Zukunft dieses zurückgebliebenen und doch so kernigen Volkes; da gab ich mich träumend der Hoffnung hin, der köstliche Baum der Freiheit werde einst auch auf Daciens Boden gedeihen – doch nicht eher, mußte ich mir sagen, als bis das Kalifen- und Czarenthum auf demselben sich verblutet.

Ueber solchen Betrachtungen schlief ich ein. Als ich, durch Jauchzen geweckt, erwachte, erkannte ich an dem hellen Scheine, der durch die Wandritzen fiel, daß die Sonne schon hoch am Himmel stand, und da außer mir Niemand im Raume war, beeilte auch ich mich, die nicht angenehme Atmosphäre zu verlassen.

Aus der Hütte tretend, bemerkte ich Vorescu, der wenige Schritte entfernt hinter einem wilden Rosenstrauche stand und mich durch Zeichen auf Etwas aufmerksam zu machen suchte, das ich jedoch von meinem Standpunkte aus nicht erblicken konnte. Leise trat ich zu ihm und sah nun in mäßiger Entfernung von uns eine Gruppe, wie sie ein Künstler kaum effektvoller erdenken könnte. Vom dunkeln Hintergrunde des schon wiederholt erwähnten Tannenwaldes hoben sich die hellen Gestalten Pietru’s und Ancza’s scharf und plastisch wie aus Marmor gemeißelte Kunstwerke ab, welchen sie auch in der natürlich edlen Anmuth ihrer Haltung wie in der momentanen Unbeweglichkeit glichen. Das Bärenfell auf der Schulter des riesigen Mannes sagte mir, daß das Jauchzen, welches mich aus meinen Träumen erweckt, der Siegesruf des glücklichen Jägers gewesen sei, der nun, offenbar die Beantwortung einer Frage erwartend, mit leicht vorgebeugtem Körper vor dem Mädchen stand, die Rechte auf eine lange einläufige Flinte gestützt, mit der Linken das prächtige schwarze Vließ haltend, das von der Schulter bis zur Erde niederhing.

Ancza aber stand sichtlich betroffen und unschlüssig da, den Blick verschämt zu Boden senkend und mit der Hand an einem Alpenblumenstrauße tändelnd, der den vollen Busen schmückte und an Frische mit den Wangen der schönen Rumänierin wetteiferte.

„Nein, ich mag es nicht,“ sagte sie, jetzt wieder ruhig aufschauend, „es ist zu kostbar für mich, und,“ fügte sie plötzlich auflachend und sich abwendend hinzu, „was soll mir im Sommer ein Bärenfell – im Winter, Pietru, wenn es wieder friert und der erste Schnee fällt, dann – frage wieder an!“

Damit wollte die Spröde entschlüpfen, aber sie war nicht schnell genug oder wollte es vielleicht nicht sein – genug, Pietru hatte ihre Hand erhascht und sprach weich, wie ein bittendes Kind: „Eine Decke aus purem Golde gewebt wäre nicht zu kostbar für Dich, Ancza, doch ich kann Dir nur dieses dunkle Fell anbieten, auf dem es sich aber auch im Sommer vortrefflich schlafen läßt – versuche es nur!“

„Nein, Pietru, es würde mir böse Träume bringen,“ meinte Ancza mit schelmischem Lächeln.

Da stieß Pietru unmuthig den Kolben seines Gewehres auf die Erde, ließ des Mädchens Hand los und sagte trotzig: „Gut, Ancza, wie Du willst! Zwar gewann ich diese Haut dem Zottelmann mit Gefahr meines Lebens ab und habe sie deshalb für Dich bestimmt, da Du sie aber nicht willst, gut, so mag sie Mariuzza haben, die mich schon oft um eine solche anging und sich nicht vor bösen Träumen fürchtet.“

Diese Drohung Pietru’s erschütterte sie sichtlich tief. Und gewiß erwog das schöne Mädchen still bei sich, daß sich – selbst in den Karpathen – ein so hübscher gewaltiger Liebhaber und kühner Bärenjäger nicht jeden Tag einfinde, und daß Mariuzza, mochte sie ihr an Höhe des Wuchses und sonstigen Eigenschaften noch so sehr nachstehen, doch auch ein Mädchen sei und zwar ein verliebtes Mädchen, welches überdies in der nächsten Nachbarschaft des vielbegehrten Mannes wohnte – denn nach kurzem Sinnen ergriff das verständige Mädchen zwar nicht Pietru’s Hand, doch das angebotene Bärenfell mit den lächelnd gesprochenen Worten: „Ei nun, Pietru, wenn Dir so viel daran gelegen ist, so sei es – wozu solltest Du auch den schweren Pelz noch so weit tragen! Vetter Nikola mag einstweilen darauf schlafen.“

So diplomatisch kühl dieser Compromißvorschlag auch klang, er war immerhin ein bedeutender Erfolg, der denn auch den feurigen Liebhaber so freudig erregte, daß er, die Flinte von sich werfend, das Mädchen mit dem Ausrufe umfaßte: „O Ancza, wenn Du ihn nur nimmst, dann mag einstweilen darauf schlafen, wer will!“ und gleichzeitig einen Kuß zu erhaschen suchte.

Statt des Kusses erhielt er jedoch auf die begehrlich zugespitzten Lippen einstweilen etwas, das bei so urwüchsiger Beschaffenheit unter Culturmenschen nicht selten einen Injurienproceß zur Folge hat, hier aber den Empfänger nur veranlaßte, die schöne Geberin hoch um sich herum zu schwenken und das Echo der Berge mit seinem Jubelgeschrei zu wecken.

Allein auch dieser Triumph des ungestümen Werbers war ein vorzeitiger. Blitzschnell warf sich das starke Mädchen mit dem Oberleibe dergestalt nach rückwärts, daß Pietru, wollte er mit seiner Last nicht stürzen, es wieder auf die Füße stellen mußte; doch nur einen Moment verharrte die stolze üppige Mädchengestalt mit unmuthig gekräuselten Lippen und flammenden Blicken in dieser einen köstlichen Anblick gewährenden Stellung; im nächsten schon schleuderte sie den gewaltigen Mann mit einer Kraft, die ich einem Weibe nie zugetraut hätte, weit von sich und verschwand hoch erhobenen Hauptes im Dunkel des Waldes. Bei diesem Ausgange der ländlichen Liebeswerbung kam mir unwillkürlich jene starke königliche Jungfrau des deutschen Heldenliedes in den Sinn und wie es dem armen König Gunther bei ihr erging:

„Die Füß’ und auch die Hände sie ihm zusammenband;
Zu einem Nagel trug sie ihn und hing ihn an die Wand.“

Mit ganz anderen Augen aber betrachtete der greise Mann neben mir die Sache; denn andächtig, als spräche er ein Gebet, sagte er: „Gott sei Dank, endlich hat der Junge eine Nuß gefunden, die ihm genug zu thun geben wird.“

„Fürchtet Ihr nicht für die Zähne Eures gutmüthigen Jungen?“ fragte ich zweifelnd.

„Nein, Herr,“ erwiderte der Alte bestimmt, „dafür kenne ich ihn und auch die Art unserer Mädchen zu gut; nein, nein, – gebt Acht! – Ancza wird ein Weib so gut und brav, wie irgend eine im Lande.“

Merkwürdiger Weise schien auch Pietru ganz derselben Ansicht zu sein, denn während wir uns so im bergenden Schutze eines wilden Rosenstrauches unterhielten, betrachtete er die Spuren der jungfräulichen Entrüstung an seinen nervigen Armen mit jenem träumerischen Entzücken, in welches unsere Verliebten etwa durch das Bild ihrer Angebeteten versetzt werden.

Noch oft im Laufe des Sommers und Herbstes bewunderte ich des jungen Bärenjägers Muth und Ausdauer, am meisten aber, als mit dem ersten Schnee, der die Felsenkronen der allerhöchsten Bergdynasten versilberte, ein stattlicher Hochzeitszug – an dreißig Pferde stark – von Nikola’s Hütte, dem nächsten Dorfkirchlein zu, thalabwärts wallte.

Stolz, wie eine Königin, saß auch die rumänische Brunhilde auf ihrem milchweißen Pferdchen, von dessen Rücken Pietru’s Geschenk, das Bärenvließ, bis zur Erde niederhing. Dieser selbst aber ging, Schritt für Schritt, neben seiner starken Braut, und legte den Arm so sorglich um deren schönen Leib, als fürchtete er, der so schwer errungene Schatz könne ihm noch im letzten Momente abhanden kommen.

Wenige Tage später brach ich meine Zelte ab und zog heimwärts. Vorescu gab mir eine Strecke weit das Geleite, da er an demselben Tage die Rückkunft des jungen Ehepaares von Rimnik erwartete, wo dasselbe die nöthigen Einkäufe für die neue Haushaltung besorgte. Der alte Mann war mir durch seinen biederen Charakter, wie durch seine originellen, heiteren Lebensansichten ein lieber Reisegefährte geworden, und auch er schien [857] mein Scheiden ungerne zu sehen. Doch schwand seine elegische Stimmung wie Nebelschleier vor Morgensonnenglanz, als das schöne Paar auf der nächsten, nur durch ein enges Thal von uns getrennten Anhöhe erschien und fröhlich herüber grüßte.

Zwei stämmige Saumpferde waren mit dem neuen Hausrath belastet, und was auf ihren Rücken nicht mehr Platz gefunden, hatte Ancza auf die eigenen kräftigen Schultern genommen, während der reckenhafte Gatte nur die Pfeife trug, aus welcher er rauchte. Ueberrascht betrachtete ich die blühend schöne, stolze Frauengestalt. Ancza gehorchte allerdings nur der herrschenden Landessitte, welche das Tragen von Lasten in erster Linie dem Weibe aufbürdet, Wunder nahm mich jedoch, daß die rumänische Brunhilde sich dieser Sitte mit sichtlich opferfreudiger Befriedigung und fast rührend demüthiger Hingebung fügte.

Nicht ohne Genugthuung bemerkte Vorescu mein Staunen.

„Was sagt Ihr jetzt, Herr, hatte ich nicht Recht?“ flüsterte er mir vergnügt zu.

Ja, ja, der Alte hatte Recht. Das ist so Mädchenart in der Bauernhütte, wie im Königspalast – dem echten und rechten Manne gegenüber. Denn dasselbe, was mir damals das freudig hingebende Wesen des starken Karpathenweibes verrieth, erzählt ja auch das älteste deutsche Epos von der starken Königsbraut mit den einfachen Worten:

„Das hat ihr alles Gunther mit seinem Minnen gethan.“

So lieben und leben die Bewohner dieses von der Cultur noch heute wie vor tausend Jahren unberührten Bergwinkels, und was immer ihre Fehler und Schwächen sein mögen, Niemand, der sie näher kennen lernte, wird bestreiten, daß sie sich die Eigenschaften edler Ahnen, Muth und Kraft, ungleich besser zu bewahren wußten, als die Mehrzahl ihrer Brüder im Flachlande. Von welch entscheidender Wichtigkeit aber selbst in unserer mit Recht Geistescultur und Wissenserweiterung pflegenden Zeit auch jene Eigenschaften für die Geschicke der Nation werden können, lehrt uns heute jedes Zeitungsblatt. Die Ereignisse jedoch dürften nur zu bald auch den thatsächlichsten Beweis liefern, daß guter Wille und Liebe zum Vaterlande nicht ausreichen, wo es gilt, sich mit dem Schwerte in der Faust seiner Haut zu wehren.

Auch der fliehende Hase liebt das heimathliche Revier; der Löwe aber schlägt den zu Boden, der es feindlich zu betreten wagt, oder läßt sein Leben im Kampfe für sein Recht und seine Freiheit.




Thilde Evers.
Ein Weihnachtsbild.
Von Ernst Ziel.


Lang’, lang’ ist’s her.

Die See war weit hinaus, wohl eine Meile landabwärts, mit einem glitzernden, schimmernden Eismantel überdeckt. Darüber standen die Sterne an dem wolkenlosen Nachthimmel, groß und hell. Vorn Dorfe herüber, aus dem verwitterten kleinen Gotteshause, klang es Hall auf Hall in die klare Luft hinaus – schwebendes, schwellendes Weihnachtsgeläute.

Sonst kein Laut – Strand und Düne waren kirchenstill. Nun aber knirschte der Schnee auf dem schmalen Fußwege wie von nahenden Schritten, und aus dem eisumkrusteten Gestrüppe, das sich zwischen den Steinen des Ufers dürftig angesiedelt hatte, schreckte ein Strandvogel scheuen Fluges empor und schnitt mit den langen Flügeln schwirrend durch die kalte Winterluft. Der einsame Wanderer, der, in einen groben, zottigen Seemannsrock gehüllt, langsam daherschritt, eine hohe, kräftige Nordmannsgestalt, trug den Kopf gesenkt. Aus seinen mannhaft ernsten Zügen sprach etwas, wie ein zorniger Schmerz, aber es schien ein Schmerz zu sein, über den das Gras von manchem Jahr gewachsen, nicht mehr leidenschaftlich und wild, nur dumpf und nagend. Die Bewegungen des Mannes waren unstät und hastig, obgleich er mehr schlenderte als ging. Er mußte wohl einen weiten Weg zurückgelegt haben; denn sein langer struppiger Bart war dicht bereift und vereis’t, und als er nun mit schneller Hand die Eiszapfen daraus entfernte, die sein heißer Athem mit der schneidigen Kälte erzeugt hatte, und sie ärgerlich von sich schleuderte, da war er in seiner wüsten Schroffheit anzuschauen, wie Einer, der eine tiefe Wunde in der Brust trägt aber sie stolz verachtet und nur darüber grollt, daß sie nicht heilen und verharschen will.

Das Dorf zieht sich hart am Strande hin; es bildet nur eine einzige lange Häuserreihe, die den Blick auf die See hat, und an diesen Häusern schritt der düstre Fremde entlang. Was kümmerten ihn die hellen Fenster, hinter denen Christbaum an Christbaum strahlte? Finster ging er fürbaß, den Blick am Boden, und seine Gedanken schienen eine längst verschollene Zeit zu suchen. – Inmitten des Dorfes steht der Leuchtthurm, ein verfallenes, zerklüftetes Gemäuer. Geborstene Böte und rostige Anker, verworrenes Tauwerk und zerrissene Segel bilden ein buntes Durcheinander um den Thurm, und an den Flanken des Hügels, auf dem er sich erhebt, hängen die Fischer die braunen Netze zum Trocknen auf. Hier hemmte der Mann seine Schritte; hier erhob er sein wettergebräuntes Gesicht und blickte mit seinen wasserblauen Augen bald auf den alten Thurm, bald auf das Schiffsgetrümmer zu seinen Füßen.

„Es war vor dreißig Jahren,“ sagte er nachdenklich vor sich hin. „Wir waren Beide Kinder. In den Fensterhöhlen des Thurmes saßen wir und hatten unsere Lust daran, hinaus zu blicken in die weite Welt voll Wasser und Wellen. Sie war ein trautes, liebliches Kind, und wenn auf unserm lustigen Platz der Zugwind ihr die langen goldigen Ringellocken in’s Gesicht trieb und sie fröstelte, dann nahm ich sie in den Arm und tröstete sie und erzählte ihr die schaurig süße Geschichte von dem armen Ullrich – dem Ullrich aus dem Märchen – der hinausgefahren war über die See, dort westwärts, in ein fernes, fernes Land und dem da draußen das Herz gebrochen war vor langem, bangem Heimweh. Dann weinte sie wohl – und das kam von dem scharfen Seewind, der ihr in die Augen blies.“ Er schwieg einen Moment. „Ach, das Heimweh!“ stöhnte er dann leise. „Wilhelm, Wilhelm, wohin sind die Tage!“ Nun stampfte er mit dem Fuße auf, und „thörichte Weichheit!“ lachte er. „Die Welt ist’s nicht werth. Schäme dich, hart gewordene Theerjacke, und trolle dich weiter!“

An der Mole vorüber, welche den kleinen Hafen vor dem Anprall der Wellen schützt, vorbei an Werft und Krahn ging er langsam straßaufwärts. Hier macht die Häuserreihe eine Biegung nach hinten, und die Straße weitet sich zu einem kleinen Platz, wo die Leute ihre Waaren feil bieten und den Bedarf für den Herd einkaufen; die Wohnung des Vogts und das Pfarrhaus liegen daran, und wo zwischen Apotheke und Bäckerladen die enge Gasse mündet, blickt die Kirche über die schneebeladenen Dächer herüber, die alte Kirche mit dem kurzen, dicken Thurm, den blechumrahmten Fenstern und der schweren plumpen Thür aus Eichenholz.

„O, ich kenne ihn noch,“ flüsterte der Fremde, „den Markt mit den freundlichen Häusern daran. Hier sah ich sie Sonntags, das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche gehen. Jeden grüßte sie freundlich und unschuldsvoll; denn sie war ein Kind geblieben, ob sie gleich eine Jungfrau war. So gut damals – und heute?“ Wieder stöhnte er schwer auf. „Wer hätte das gedacht! – Alle hatten sie gern, mir aber lachte das Herz in der Brust, wenn ich sie sah – denn Thilde war mein. Da kam ein Sonntag – und wir standen am Altar, Mann und Weib. Glück des ersten Angehörens! O, wäre sie treu und gut geblieben!“

Nur wenige Schritte noch, und er stand vor einem niedrigen, kleinen Hause, dem einzigen in der Reihe, dessen Fenster nicht weihnachtlich hell waren. „Hier war es, hier,“ klang es beklommen von seinen Lippen, „ob sie wohl daheim ist?“ und vorsichtig wie ein Dieb, damit der Schnee nicht unter seinen Füßen knirschte, schlich er in den tiefen Schatten des vorspringenden Daches und dicht an die kleinen grün gestrichenen Fensterläden hinan. „Alles dunkel, wo mein helles Glück geblüht – dunkel am Weihnachtsabend? Gott hat sie gerichtet.“ [858] Ein leichter Lufthauch kam von der See herüber und strich durch das blätterlose Geäst der Linde vor der Thür des Hauses. Und der Mann seufzte, und es war, als seufzte auch die Linde. „Ob sie fortgezogen ist?“ fragte er sich und lauschte einen Moment – vielleicht, daß sich etwas rege in dem stillen Häuschen. Alles stumm! Nun stützte er den Arm auf die Fensterbrüstung und legte das müde Haupt in die Hand: „Oder gestorben?“ Die Weihnachtsglocken klangen in seinen Schmerz; sie klangen ganz wie vor Zeiten, und Erinnerung, herb süße Erinnerung, entrückte ihn in die Tage von ehedem. Es dünkte ihn, als lege eine weiche Hand sich mild und kühlend auf seine heiße Stirn; zwei sanfte Arme umschlangen ihn, und „Wilhelm! Wilhelm!“ klang es, wie bittend, von einem lieben Munde – seine Seele wußte nichts mehr von Weh, dann aber, wie er so weiter träumte, fühlte er einen jähen tiefen Stich im Herzen, und es war ihm, als lebte er das Leid von Jahren noch einmal durch; er sah sich hinausgetrieben in entlegene Meere, und er kämpfte mit Stürmen und Gefahren, um den Schmerz zu vergessen, den Natterstich im Herzen, und die Natter – war sein Weib. So stand er sinnend eine Weile; dann auf einmal, wie erwachend, schluchzte er auf: „Ach, und der Knabe! Ihn noch einmal sehen, nur einmal noch – –! Er ist doch mein, mein – –“

„Ob’s wohl wiederkommen wird, Jacob?“ fragte plötzlich eine rauhe Stimme neben ihm, daß er aus seinen Gedanken erschrocken auffuhr.

„Doch wohl!“ antwortete eine andere, und zwei ältere Männer in hohen Stiefeln und Matrosenjacken kamen des Wegs. „Seit sechs Jahren hat man’s an jedem Weihnachtsabend gesehen, Niklas. Wird auch wohl heute nicht ausbleiben.“

„’s ist doch ein seltsam Weib!“ sagte wieder der Erste, „so ein Aufsehen zu machen – und mitten auf dem Eise!“

„Unglück und Armuth macht die Menschen absonderlich, Niklas,“ gab der Andere zurück. „Aber was die Leute auch reden mögen, gut muß sie doch sein, weil sie das Andenken des Todten so beharrlich ehrt, mag sie’s auch närrisch genug anfangen. Meinst Du nicht auch?“

„Meiner Treu! Das mein’ ich auch,“ entgegnete der Gefragte. „Gut trotz aller bösen Nachrede und aller Sonderlichkeit. – Aber sieh’ doch, Jacob!“ sagte er lebhaft und zeigte auf die Eisfläche hinaus, „da ist es schon.“

Auf der schimmernden weißen Decke leuchtete ein gelbes Licht auf, winzig und im Winde flackernd; nun waren es deren zwei, nun drei und mehr und immer mehr, neben einander und über einander, kreisförmig und pyramidenartig sich aufbauend – ein Christbaum auf dem Eise.

„Niklas, da ist sie selbst. Siehst Du sie sich bewegen? Sie hat alle Lichte angezündet. Gieb Acht! nun wird sie gleich niederknieen.“

„Wahrhaftig! ich seh’ sie. Und da ist ja auch der Knabe. Der arme Junge – er steckt die Hände vor Frost tief in die Taschen.“

„Und nun nimmt sie ihn bei der Hand.“

„Ja, und jetzt knieen sie Beide nieder, Jacob.“

„Wer kniet?“ sahen die Sprechenden sich plötzlich angeredet, und der einsame Träumer, der bisher noch immer an den grünen Läden des kleinen Hauses selbstverloren gelehnt hatte, war zu ihnen getreten und fragte tonlos und gleichgültig: „Was treibt das Weib?“

„Sie betet,“ antwortete der Eine.

„Für ihren Mann,“ ergänzte der Andere. „Der ist vor mehr als sieben Jahren, ich weiß nicht in welchem Winkel des Oceans, verschollen und ertrunken. Am Weihnachtsabend – Ihr wißt es ja – stellen wir Christbäume auf die Gräber unserer Todten. Die See ist auch ein großes Grab.“

„Wie heißt das Weib?“ fragte der Fremde weiter. Erlegte die Hand wie ein Dach über die Augen und lugte in die See hinaus.

„Nun, Ihr müßt von weit her sein,“ war die Antwort, „daß Ihr die Thilde nicht kennt.“

„Die Thilde?“

„Freilich, die Thilde – Mathilde Evers.“

Der Adler in der Luft, wenn er am Firmament etwas Unerhörtes sieht, einen riesigen Stern, ein Meteor, schießt erschrocken in die Tiefe – so blitzschnell war der Mann von ihrer Seite. Ueber den Schnee des Weges, über das Gerölle des Strandes hinweg war er fortgestürzt, wie ein Rasender, den flimmernden Lichtern auf dem Eise zu.

„Thilde, meine Thilde, Du betest für mich – Du liebst mich noch.“

Die beiden Männer blickten ihm erstaunt nach.

„Das kann nur Er sein,“ sagten sie und schüttelten verwundert die Köpfe. „Die Todten leben.“ Dann wandten sie sich eilig, um im Dorfe das Wunder zu berichten.

„Wilhelm,“ klang es, indem sie gingen, vom Eise zu ihnen herüber, „Wilhelm, ist es denn möglich? Du lebst.“

Das Dorf war schnell in Alarm. Von den Festtischen hinweg waren sie an den Strand geeilt, und was sie da sahen auf dem glitzernden, schimmernden Eise, das war ein Bild wie ein Märchen: drei Menschen knieeten im Schnee, hell beleuchtet von dem Lichte des Christbaumes. Der Mann hatte die mächtige Gestalt tief in sich zusammengekauert und das Gesicht mit den Händen bedeckt; die Frau schmiegte sich dicht an ihn, und ihr langes blondes Haar flatterte leicht im Winde, der Knabe aber trug das Lockenköpfchen aufgerichtet und hob die gefalteten Hände empor zu den Sternen. Die Drei regten sich nicht. Nun aber kam Leben in die Gruppe; es war, als würde die kleine Lichtpyramide leise in die Höhe gehoben, und jetzt bewegte sie sich fort – die drei Gestalten schritten dem Lande zu. Und als sie nun den Strand betraten und den versammelten Dorfbewohnern sich näherten – wer beschriebe das Schauspiel! Sie gingen Hand in Hand, Beide schweigend, tiefernst und langsamen Schrittes, der Knabe aber trug ihnen das strahlende, leuchtende Bäumlein voran und sang mit heller Kinderstimme dazu:

„O, du selige,
O, du fröhliche,
Gnadenbringende Weihnachtszeit!“

Niemand sprach zu ihnen; nur ein leise staunendes Gemurmel ging durch die Menge. Scheu und ehrfurchtsvoll wich Alles zurück, wie vor etwas Heiligem, Fremdem, dem man nicht zu nahen wagt. Wer wollte auch die Liebe stören, die mit sich selbst versöhnte, in ihrem ersten Wiedererwachen? Weiter schritten die Drei, wie stille, fromme Pilger. Dann – vor dem kleinen Hause – raschelte es über ihnen heimlich durch die Linde; die Hausthür knarrte; das Glöcklein daran klingelte hell, und zwischen den grünen Läden verschwand der schimmernde Christbaum, verschwand der Knabe, verschwanden Mann und Weib. –

Draußen tönten voll und feierlich noch immer die Weihnachtsglocken – drinnen im engen, kleinen Zimmer klang leises Weinen – war es das Weinen der Freude? Ein finsterer, bleicher Mann hielt ein schluchzendes Weib in den Armen, und ihre Thränen rannen ihm in den wüsten, wilden Bart.

„Wilhelm, ich habe Dich wieder,“ flüsterte sie und umschlang ihn leidenschaftlich. „O Gott, was trennte uns so lange?“

Er rang mit sich – die Stimme versagte ihm, und vorwurfsvoll und doch mit unendlicher Liebe ruhte sein Blick auf dem zitternden Weibe. Dann endlich, halb wie der Fluch eines Rächers, kalt und hohl, halb wie die Klage eines Sterbenden, weich und mild, brach es hervor aus seiner Brust:

„Adam Jürß!“

„Was soll der Name?“ fragte sie ruhig, „der Name zu dieser Stunde? Es ist eine längst vergessene Geschichte. Du weißt es ja: ich gab Dir an demselben Tage das Jawort, wo ich ihn abgewiesen, den reichen ränkevollen Schiffsherrn.“

„Ich weiß,“ sagte Wilhelm dumpf, „das ist es nicht.“

Er setzte sich müde auf die ärmliche Bank in der Wandnische, wo sie in früheren Tagen so glücklich gewesen.

„Das ist es nicht,“ wiederholte er finster und zog Thilde zu sich nieder. „Es war heute vor acht Jahren. Ich war Steuermann aus dem 'Nordstern'. Wir lagen im Hafen von Calcutta, bereit nach Rio Janeiro in See zu gehen. Capitain und Matrosen hatten ein deutsches Weihnachtsfest am Bord veranstaltet, ich aber dachte der Heimath, und die Unruhe trieb mich auf die Post. Ich fand zwei Briefe vor, einen von Dir: Du warst gesund und hattest dem Jungen die ersten Höschen gekauft, aber die Noth klopfte an die Thür – meine letzte [859] Geldsendung mußte verloren gegangen sein. Der andere Brief war von Adam Jürß. Himmel und Hölle! Der Mensch goß glühendes Blei in meine Adern. Er sei mein Freund, schrieb er, und es sei nicht gut, daß der Mann so lange von Hause; denn das Weib – eines wie das andere – sei wankelmüthig –“

„Das hat er geschrieben?“ unterbrach ihn Thilde und sah ihn mit ihren blauen Unschuldsaugen groß und klar an. „Geschrieben, daß – –“

„Daß der Korb, den Du ihm gegeben,“ fuhr Wilhelm fort, „Dich zu reuen scheine. Du habest ihm Andeutungen gemacht, Andeutungen –“

„Ist es möglich? Du konntest ihm glauben?“

„Ich mißtraute seinen Worten, aber, der Wurm saß mir im Herzen. Am liebsten wäre ich gleich mit dem ersten Schiff nach Europa gesegelt. Aber – mein böses Schicksal! – ich war bis New-York in Heuer. Was thun? Ich raffte mein Bischen Geld zusammen und sandte es Dir. Dann schrieb ich an meinen alten Freund Fritz Ohlerich – Du kennst ihn ja, den Vogt unseres Dorfes – er solle mir melden, wie man daheim über Dich spräche, und ein wachsames Auge haben. In Rio Janeiro würde ich seine Antwort erwarten. Thilde, was litt ich auf der langen Reise bis Rio! Dort angekommen, eile ich auf die Post. Zwei Briefe! Wieder einer von Adam Jürß, der andere vom Vogt. Da stand es wirklich mit klaren Worten in dem Briefe des Vogts – und meine Augen waren nicht blind und mein Kopf war klar und frei – da stand es: Du seiest zwar ein braves Weib, aber, so schwer es ihm würde, er müsse es sagen: im Dorfe ging ein böses Gerede über Adam und Dich. Besuche des Morgens, Besuche des Abends –“

„O die schlechten, nichtswürdigen Menschen!“ fiel ihm Thilde in’s Wort, „ich hatte nicht Brod noch Salz im Hause; denn die Arbeit war knapp; Keiner erbarmte sich meiner, und der Junge weinte und wollte essen. Da kam Adam – ich sehe noch heute sein gleißnerisches Gesicht – er sagte, daß er mich noch immer gern habe, sprach von seinen Schiffen auf See und dem guten Ertrag, den sie brächten. Ach! ich war schwach genug, seine Hülfe anzunehmen, denn, Wilhelm, der Junge schrie nach Brod und mein Herz wollte sich wenden vor Schmerz. – Adam ging aus und ein bei uns, wie viel ich ihn auch bat, mich zu meiden; denn ich wußte wohl, die Dirnen im Dorfe schwatzen so leicht. O, ich schwöre Dir, mein Herz war rein, und nur um des Kindes willen –“

„Höre mich weiter!“ fiel Wilhelm ein. „Nun las ich auch Adam’s Brief. Jammer und Gram! Mein Bild, mein eignes Bild, dasselbe, das ich Dir als Bräutigam geschenkt und so oft an Deinem Halse gesehen, Thilde – mein Bild fiel aus den Blättern, Er hatte es heraus gebrochen aus dem Medaillon, und nun lag es vor mir, wie jetzt in meiner Hand – sieh her!“

Und er zog ein Taschenbuch hervor und nahm das Bild heraus.

„Auch das noch!“ sagte sie schluchzend. „Wilhelm, er hat es mir abgerungen als Pfand für meine Schuld, wie er schmeichelnd sagte; er wollte durchaus keine andere Bürgschaft – und der Junge schrie wieder nach Brod, und ich gab es hin unter Harm und Thränen.“

„Du habest es ihm aufgedrungen,“ sprach der bleiche Mann weiter, und seine Stimme zitterte vor innerer Erregung, „aufgedrungen, schrieb er. Ich solle kommen, schnell kommen; denn er sei doch auch nur ein Mensch, und sein Herz fange an schwach zu werden. Kommen sollte ich, Thilde. Ich kommen, und schnell kommen! Ha, wußte er denn nicht, daß ich bis New-York gebunden und verheuert war?! Ich antwortete nichts. Aber es blutete in mir, als müßte ich sterben an so viel quellendem, heißem Herzblut. Die Reise war lang. Und dann – was fand ich in New-York? Keinen Brief, Thilde. Nein, aber ein Kästchen. Die Adresse war von seiner Hand geschrieben. Und darin? Nichts Geschriebenes, nein! Tod und Teufel! Darin lag nur – dies.“

Er nahm etwas aus der Brusttasche und warf es auf den Tisch, daß es klirrte und rollte.

„Mein Ring,“ rief sie, „mein Trauring!“ und Thränen erstickten ihre Stimme. „Mir abgelistet, Wilhelm, mir abgelistet durch Versprechungen und Drohungen. Ach, der Hunger und das Kind!“ Sie warf sich ihm zu Füßen. „O, glaube mir, bei Allem, was Dir heilig ist – –“

„Laß’ das!“ wehrte er ab, und ein Zug von Güte und Milde ging über sein bleiches, ernstes Gesicht, indem er sie aufhob. „Nun war ich in New-York,“ sagte er nach kurzer Pause, „nun war ich frei und konnte heimkehren nach Europa. Heimkehren? Ich hatte keine Heimath mehr. Alles dahin, Alles! Denn mein Herz war todt. Ich verfluchte Gott, die Welt, mein Leben; ich verfluchte Dich und mein Kind. Auf einem fremden Schiffe verdingte ich mich nach China. Dann war ich an der Küste von Guinea und in den Gewässern des Stillen Oceans. So schwanden die Jahre, und die Jahre, Thilde“ – ein Klang schmelzender Wehmuth mischte sich in seine Worte – „die Jahre führen Balsam in ihren leise rauschenden Fittigen. Oft wenn ich in der Sternennacht des Südens auf Deck saß und hinauf blickte in die Tiefen des Himmels, dann kam es über mich, als lebe hier“ – und er zeigte auf die Brust – „noch ein armes, schiffbrüchiges Gefühl, weich und innig – o, Du kennst es nicht – Heimweh, Thilde, Heimweh!“ Er fuhr sich über die Augen, als blende ihn das Licht des kleinen Christbaumes, der zu seinen Füßen auf dem steinernen Boden des ärmlichen Zimmers stand. „Und nun bin ich hier,“ sagte er nach einer Weile. „Ich konnte es nicht lassen; ich mußte ihn noch einmal sehen – meinen Jungen, meinen Hans – –“

Und er nahm den Knaben, der von einem Winkel des Zimmers aus der erregten Scene verwundert zugesehen, er nahm ihn auf die Kniee und drückte ihn leidenschaftlich an’s Herz. Das Kind schlang die Arme um den Hals des Vaters. Es war ein rührendes Bild – und alles Leid und alles Weh der Jahre, nun löste es sich allgewaltig – der starke Mann weinte.

„Mein Junge, mein Hans, mein Sohn –“

„Und hier Dein Weib!“ sagte Thilde schüchtern; sie hatte abwärts gestanden, und nun kam sie leise daher und umschlang ihn innig. Eine bange, unausgesprochene Frage stand in ihren Mienen.

„Vergieb!“ rang es sich von seinen Lippen. Er ließ den Knaben aus den Armen und zog sie an seine Brust.

„Jahre lang hast Du um mich getrauert. Thilde, ich glaub’ an Dich; denn ich sah Dich beten für den todten Gatten.“

„O, Du guter, lieber Mann!“ – –

Sie sprachen lange kein Wort. Es war still in dem kleinen Zimmer. Durch die Linde vor der Thür aber wehte der Athem der Nacht, der heiligen Nacht, und dann und wann klopfte ein dürrer Ast verstohlen an’s Fenster.

„Und Adam?“

„Such’ ihn an der Friedhofsmauer,“ antwortete Thilde, „im Winkel, wo keine Kreuze stehn – nur Steine ohne Namen! Der Sturm einer einzigen Nacht hat seine Schiffe zerschellt. Man fand ihn, die Kugel im Herzen.“

„Gott hat ihn gerichtet,“ sagte Wilhelm. Dann hob er den kleinen strahlenden Christbaum von der Diele auf und setzte ihn mitten auf den Tisch.

„Ist das ein Weihnachtsabend!“ flüsterte er, innerlich bewegt; er legte die Rechte auf das Haupt des Knaben und hielt mit der Linken sein Weib umschlungen. „Laßt uns vertrauen und arbeiten! Laßt uns gut bleiben bis an’s Ende!“ –

Draußen zog es daher, klingend und singend, die Gasse entlang – sie hielten nach Vätersitte den Weihnachtsumzug durch’s Dorf. Wilhelm öffnete das Fenster und stieß den Laden auf, und als sie näher kamen, brennende Kerzen und Tannenzweige in den Händen, da sang auch er, wie die Andern alle, hell und kräftig in die Mitternacht hinaus. Und vom Eise herüber antwortete das Echo: „Nun danket Alle Gott!“



[860]
Wintersnoth – Wildes Tod!
Eine Weihnachtsscene aus dem Böhmerwald.
Von Guido Hammer.


Böhmen, das jagdgesegnete Land, dem die angrenzenden Gebirgsregionen Sachsens schon manchen starken Hirsch, der im Laufe der Zeit herübergetreten, zu verdanken haben, war für mich von jeher ein Lieblingsziel meiner nie zu stillenden Waldsehnsucht.

Die Gartenlaube (1877) b 860.jpg

Schmale Weihnachtskost.
Originalzeichnung von Guido Hammer.

Darum habe ich denn auch oft genug die drüben liegenden, theilweise noch immer urwaldähnlichen, stillen und wildreichen Forsten durchkreuzt und dabei ihre ganze hohe Pracht in vollen Zügen genossen. Denn nicht etwa im Sommer nur oder an wenigen schönen Tagen des Herbstes gönnte ich nur solche Freude – nein, auch im Winter folgte ich meinem Drange, die czechische stolze Waldherrlichkeit im Schmucke frischgefallenen Schnees oder eisigen Anraumes bewundern zu können.

So war es denn wieder einmal zur lieben Weihnachtszeit, welcher schon von St. Hubertus an nur allzu reichlicher Schneefall vorangegangen war, als ich, unmittelbar nach einer Jagd am nördlichen – dem sächsischen – Hange des Erzgebirges, hinüberstreifte in das von mir so heißgeliebte Böhmische. Es galt dabei einen dortigen, mir jedoch schon früher auf heimischem Boden befreundet gewordenen Waidmann aufzusuchen. Dies ward mir aber unter obwaltenden Umständen gar nicht so leicht. Denn auf kaum vom übrigen Boden zu unterscheidendem Jägersteige, dessen geringe Spur obendrein der dicht herabwirbelnde Schnee, welcher mich von der Grenze ab unaufhörlich begleitete, mehr und mehr deckte, mußte ich mich, so gut es eben ging, zurecht zu finden suchen. Und nur dadurch, daß ich die fort laufende schmale Lücke sorgsam im Auge behielt, die, zwischen den Stämmen und gegen den Himmel gesehen, den Weg durch die dichtstehenden hohen Bestände nothdürftig kennzeichnete, gelang [861] es mir, bis an das ersehnte, in tiefer Waldeseinöde gelegene Jägerhaus zu gelangen. Das Abenddunkel war inzwischen voll eingetreten, aber aus halbverschneitem Fensterchen blitzte mir schon von Weitem trauter Lichtschimmer entgegen. Als einen zweiten Vorläufer freundlichen Willkommens betrachtete ich übrigens das anheimelnde Hundegebell, welches mein Nahen ankündigte. Und wirklich fand ich auch die allerherzlichste Aufnahme von seiten meines freudig überraschten Grünrocks, der in seiner reizenden Försterei so einsam, nur noch in Gemeinschaft einer schwerhörigen, uralten Haushälterin, sein Leben verbrachte. Gern versprach ich daher ein paar Tage bei dem von sonstigem Menschenverkehr fast gänzlich Abgeschnittenen zu verweilen, und so kam es, daß ich des andern Tages, auf welchen gerade der heilige Weihnachtsabend fiel, nicht zurück nach Hause wanderte, wie ich es anfangs wollte, sondern mit meinem Jägersmann auf’s Revier ging, um hier dem Braven beim höchst nothwendig werdenden Füttern des Wildes, das durch den zeitigen und strengen Winter bereits arg gelitten, nach Kräften Beistand zu leisten. Zu diesem Zwecke rückten wir schon frühzeitig aus, da der Pflichtgetreue bei dieser unaufschiebbaren Besorgung gleichzeitig die entlegensten Theile seines Reviers begehen wollte, um nach dem Wilde auszuschauen, da dasselbe von hier aus in der Regel nicht nach den zu entfernt liegenden Fütterungsplätzen zog.

Geräuschlos durchfurchten wir den frischen, die ganze Nacht über noch gefallenen Schnee; so hell uns derselbe auch im Lichte des klar aufgegangenen Morgens auf Gehauen und Blößen entgegenleuchtete, unter den alten Fichten- und einzeln vorkommenden Föhrenbeständen herrschte noch immer magische Dämmerung. Nur da, wo das durch seine lastende Decke tief niedergesenkte dunkle Gezweig des im dichten Schluß stehenden Hochwaldes Lücken zeigte, huschten die Strahlen der emporsteigenden Frühsonne herein und übergossen dabei die freistehenden Wipfel und erreichbaren Stämme mit zauberisch rosigem Lichte. Es herrschte Grabesstille in der weiten Natur, denn selbst von den rastlosen niedlichen Goldhähnchen, welche hoch oben im Geäste sich tummelten und dabei doch jedenfalls ihre anmuthig feinen Stimmchen nicht ruhen ließen, vernahm man nicht einen Ton – alles verhallte eben ungehört in der klanglosen schneeerfüllten Umgebung. Dafür ergötzte das Auge sich um so lebhafter an der Lust der losen Schaar, zumal wenn sie das schwanke Gezweig durch ihr Flattern und Schaukeln seiner Schneelast entbürdete. Die sich ablösenden einzelnen Eiskrystalle kreuzten dann die einfallenden Sonnenstrahlen und erglänzten gleich kleinen demantschimmernden Sternen.

Fühlte ich mich unter den hochragenden Baumsäulen mit ihrem schneebedeckten Nadeldache wie in einem hehren Gottesbau, so erschienen mir dagegen die durch die Schwere ihres Winterschmuckes kreuzweise gegen einander gesenkten Stangenhölzer gleichsam als Ehrenpforten, unter deren Wölbungen wir hinschreiten sollten. Stamm an Stamm war von den im dichten Stande hochaufgeschossenen Bäumchen in zierlichen Bogen fast bis zur Erde gedrückt, ja, mancher schlanke Schaft bereits gebrochen, daß dessen Wipfel im Schnee am Boden lag. In solch prangender Umgebung, Schnee über und Schnee unter uns, folgten wir unaufhaltsam unserm fesselnden, wenn oft auch recht mühseligen Wege, dabei eifrigst nach Wild auslugend, doch ohne bis hierher auch nur ein einziges Stück gesehen zu haben. Ja, nicht einmal eine Fährte desselben hatte unsern Pfad gekreuzt, und nur die ganz frische Spur eines Baummarders kennzeichnete sich hoch über uns, aber in dem Gezweige eines alten Nadelholzbestandes, wo der kühne Räuber, vielleicht bei der Jagd auf ein aufgestöbertes Eichhörnchen, durch seine Ab- und Aufsprünge den Schnee heruntergeworfen. Den sehr flüchtig Fortgebäumten aber etwa „ausmachen“ zu wollen, lag nicht in unserer heutigen Aufgabe; darum wandten wir uns nach kurzem Nachgehen bald wieder unserm Ziele, dem sogenannten Hinterwalde, zu.

Etwa tausend Schritte mochten wir so vorwärts gekommen sein, als uns, gar nicht weithin, drei starke Hirsche in Sicht kamen, die müde einem Stangenorte zuzogen, den ein alter Weg säumte und an welchem eine übergehaltene Wetterfichte stand. Unhörbar durch den weichen Schnee, außerdem im besten Winde befindlich, nahmen wir, völlig unbemerkt von dem Kleeblatte, rasch Deckung hinter einer Gruppe mannshohen Unterwuchses, und dadurch gelang es uns, die Nichtsahnenden dicht an uns vorüberziehen zu sehen, so nahe, daß wir ihnen die Enden auf dem Kopfe abzuzählen vermochten. Es waren zwei Zehnender und ein ungerader Vierzehnender. Höchst gedrückt vom harten, schweren Winter, der hier auf böhmischer Seite noch dazu mehrmals Glatteis gebracht, wie kurz vor dem frischgefallenen Schnee – das Schlimmste, was dem Wilde kommen kann – zogen die gewiß sehr hungrigen, nach jeder erreichbaren Flechte trachtend, weiter in die vom Schneebruch geworfenen Stangen, um an diesen durch Schälen kärgliche Kost zu gewinnen. Dabei mußten sie bei bezeichneter Fichte vorüber, die ungefähr nur fünfundzwanzig Schritte von uns entfernt war. An dieser aber war unter verwittertem Holzdache ein Crucifix angebracht, als Zeichen, daß hier vor Jahren ein Holzmacher durch einen fallenden Baum jähen Tod gefunden. Noch vom vergangenen Herbste her hingen einige Kränze daran.

Rührend war es nun anzusehen, wie die Hochgekrönten das Haupt nach diesem dürren Reise sehnsuchtsvoll emporrichteten und der eine Zehnender mit edlem Schwunge sich auf die Hinterläufe erhob und so die saftlose Ranke gierig benagte. Seine beiden Genossen begnügten sich, die vom Kranze niederfallenden raschelnden Blätter vom Schneegrunde aufzulesen und zu verzehren. So weilten die drei Leidensgefährten, als ob sie in ihrer bitteren Noth um Hülfe fleheten, eine kurze Frist vor dem Bilde des Gekreuzigten, und gern gab ich mich bei diesem Anblicke dem Glauben hin, daß der allliebende Schöpfer, ohne dessen Wirken ja kein Sperling vom Dache fallen soll, auch diese so harmlosen Geschöpfe in seinen Schutz nehmen werde. Es sollte anders kommen. Denn als wir Tags darauf nach verflossener mondheller Weihnacht in den Frühstunden mit einer tüchtigen Tracht süßen Heues zur Stelle fuhren, um die Hungernden zu erquicken und vor dem Aeußersten zu schützen – da kam unsere Hülfe bereits zu spät.

Nicht weit vom Christusbilde, auf eisiges Lager hingestreckt, fanden wir den königlichen Vierzehnender schon verendet, das einst so stolz getragene herrliche Haupt von der Wucht seines Kronenschmuckes, dem Geweihe, tief in den Schnee versenkt. Wie auf Hermelin gebettet lag der starre Todte da.

Beim Nachgehen auf den Fährten der beiden anderen Verlassenen fanden wir auch diese nicht weit von einander, wenn auch noch lebend, so doch sterbensmatt in ihren Betten sitzend, so matt, daß wir zu ihnen unmittelbar herantreten und sie sogar greifen konnten. Das Heu aber, welches wir dicht vor sie legten, nahmen sie nicht mehr an, und unsere schwache Hoffnung, daß sie, wenn wir sie allein ließen, vielleicht doch noch die gebotene Nahrung zu sich nehmen würden und sich dadurch noch einmal aufraffen könnten – auch diese war eine trügerische. Denn als wir, absichtlich erst nach Stunden, zu den Aermsten zurückkehrten, da hatte auch ihnen der Himmel geholfen: Der Retter aus aller Noth, der Tod, hatte sie des Kampfes um’s kümmerliche Dasein enthoben.




Ein Kawa-Gelage auf Viti.
Von Dr. Max Buchner.


Die Viti-(Fidschi-)Inseln bilden die bedeutendste Gruppe der Südsee. Es sind herrliche Eilande voll tropischer Farbenpracht. Ringsum das indigoblaue Meer, weit draußen, da, wo an den Riffen die Wogen sich brechen, besäumt von den weißen Schaumlinien der Brandung, und innerhalb dieser smaragdgrüne, purpurne und violette Tinten über der Märchenwelt der Korallen – man glaubt im Paradies zu sein. Hinter glänzenden Streifen sandigen Ufers wechseln dunkle, üppige Forste von steifblättrigen Baumriesen, in welche schlankstämmige hellere Farnen eingestreut sind, mit rauschenden Palmenhainen, jene über steile Felsen emporkletternd, diese in anmuthigen Thälern sich ausbreitend. Und über dem Ganzen der tiefblaue, wolkenlose Himmel eines ewigen [862] Frühlings und strahlender Sonnenschein, wie man ihn eben nur unter den Tropen genießt, durch kühlende Seebrisen zu einer angenehmen Wärme gemildert. Keine heimtückischen Krankheiten, keine reißenden oder giftigen Thiere bedrohen dort das Leben des Wanderers.

Ebenso heiter wie die Natur sind dort die Menschen, die nackten, braunen, fröhlichen Insulaner der Südsee. Es sind die glücklichsten Menschen, die man sich denken kann. Singend streifen sie in hellen Schaaren an dem grell von der Sonne beschienenen Strande entlang; singend rudern sie auf ihren leicht gebauten Kanoes über die Riffe oder gehen zur Zeit der Ebbe dem Fischfange nach.

Wohl lastete einst schwer der Fluch des Kannibalismus auf der eingeborenen Bevölkerung. Die Vitis waren die schlimmsten Menschenfresser der Erde. Jetzt aber sind sie bis auf einen kleinen Rest im Innern der größten Insel der Gruppe zum Christenthume bekehrt und erfreuen sich geordneter und friedlicher Zustände. Sie scheinen gegenwärtig gerade jene Stufe der Cultur erreicht zu haben, die ihnen noch viele von den Vorzügen ihres glücklichen Naturzustandes und zugleich schon das Wesentlichste von den Wohlthaten europäischer Civilisation zu Theil werden läßt. –

Der Abend bricht herein. Die Sonne steht bereits nahe am Horizonte, und schneller als unter den Breiten der gemäßigten Zone wird sie, senkrecht hinabtauchend, verschwunden sein – eine kurze, kaum merkliche Dämmerung, und die Nacht umfängt uns. Wir steigen ermüdet auf beschwerlichen Pfaden voller Wurzeln und Buschwerk, unter beständigen Kämpfen mit den Lianen, die sich unverschämt um Arme und Beine, um Brust, Hals und Gesicht schnüren, von den Bergen herab und spähen sehnsuchtsvoll nach dem Dorfe, in dem wir übernachten wollen. Dunkelrothe Papageien fliegen, hoch über uns der Flinte spottend, mit ihrem unmelodischen „Giek gak, Giek gak“ von einem Baumwipfel zum andern oder streiten sich kreischend um die lauschigsten Plätzchen zum Schlafen. Das rauhe Hundegebell der großen Tauben „Hu hu, Hu hu hu“ wird spärlicher und verstummt.

Vor uns aber ertönen angenehmere Laute. Fernes Kindergeschrei schlägt an unser Ohr. Eine Rauchsäule erhebt sich unten im Thale zwischen den Palmen. Der Weg wird breiter und fester, und eine reinlich gehaltene Bananenpflanzung öffnet sich. Die ersten struppigen Laubhütten eines Dorfes treten aus dem Gebüsch hervor – wir sind am Ziele der Wanderung. Einige kleine braune Nacktfrösche fliehen entsetzt, als ob sie den leibhaftigen Teufel erblickt hätten, schleunigst in’s Innere des Dorfes, „Papalang, Papalang!“ (Europäer) schreiend. Eine Schaar gelbscheckiger Schweinchen folgt ihnen ebenso eilig, magerer und flinker als ihre Cameraden bei uns, lustig die Ringelschwänzchen im Kreise drehend. Neugierige, dunkle Gesichter erscheinen in den niedrigen Oeffnungen der Hütten. Ein paar Männer kommen heraus, grüßen freundlich „Sa yandre“ (du bist wach) und geleiten uns nach der Wohnung des Häuptlings. Europäern geziemt es, nur mit den Vornehmen zu verkehren. Wo wir auch seien, wir gehen immer geradeswegs zum Häuptling der Ortschaft und quartieren uns ohne viel Umstände bei ihm ein. Ein klafterlanges Stück Calico, welches, um die Hüften geschlungen, die Bekleidung beider Geschlechter bildet und „Sulu“ heißt, eine Hand voll Glasperlen, ein Messer oder ein Dutzend Angelhaken als Gastgeschenke berechtigen uns, in seiner Hütte zu schlafen, an seinem Feuer zu kochen. Was wir zu essen brauchen, müssen wir selbst mitgebracht haben. Höchstens daß der Wirth ein paar Taroknollen zur Mahlzeit beitragen kann. Schweine und Hühner sind zwar in jedem Dorfe, aber, zu besonders festlichen Gelegenheiten bestimmt, werden sie nur ungern und gegen hohe Bezahlung verkauft, und ihre Zubereitung erfordert mehr Umstände und Zeit, als wir gewöhnlich bei dem hohen Grade der Ermüdung und des Hungers abwarten können. Chocolade, Kaffee und Zwieback führen wir daher stets mit uns. Für Papageien- und Taubenbraten hat die Flinte gesorgt. Bereits auf dem Marsche haben unsere Burschen sie ausgeweidet und gerupft, so daß sie sogleich mit Salz und Pfeffer in den Topf gesteckt werden können, um die ganze Nacht über zu kochen und morgen, zu einem zarten mit Knochen durchspickten Fleischbrei aufgelöst, das Frühstück zu liefern.

Wir kriechen durch die niedrige Thür in’s Innere der Hütte. Zwei Feuer erhellen nur spärlich den dunklen Raum, entwickeln so viel stechenden Rauch, daß uns die Augen thränen, und beleuchten flackernd etwa zwölf nackte Kerle, die eng neben einander mit gekreuzten Beinen auf dem Boden kauern. Beim Häuptling eines Dorfes ist Abends fast immer Gesellschaft. Der Stab seiner Getreuen, meist bejahrte, grauhaarige Männer, kommt täglich um diese Zeit bei ihm zusammen, das Wohl der Gemeinde zu besprechen. Wir klettern über die ehrwürdige Rathsversammlung hinweg nach dem Hintergrunde der Hütte, wo etwas isolirt neben einem eigenen Feuer der Häuptling sitzt, mit einem Fächer sich und die Flammen bewedelnd. Wir reichen ihm die Hand, nehmen an seiner Seite Platz und kreuzen ebenfalls die Beine. Eine Menge Hände strecken sich uns aus der Dunkelheit entgegen, und wir schütteln sie alle der Reihe nach, ohne jedesmal den Eigenthümer zu sehen. „Sa yandre, sa yandre“.

Wir haben vielleicht glücklicher Weise noch einen kleinen Stearinkerzenstummel, dessen wir bei der ungenügenden Beleuchtung durch die flackernden Feuer bedürfen, um die Vorräthe auszupacken. Dieses künstliche Licht lockt eine Masse Neugieriger aus dem ganzen Dorfe herbei, und die Hütte füllt sich, bis sie keinen Menschen mehr fassen kann. Männer, Weiber und Kinder sitzen dicht gedrängt neben einander und bewundern uns und unsere europäischen Habseligkeiten. Mit dem größten Interesse wird Alles beobachtet, was wir thun, wie wir unsern harten Zwieback abbeißen und Chocolade dazu trinken, und öffnen wir eine der Taschen, so entsteht eine nicht geringe Aufregung, und man streckt die Hälse so weit wie möglich, um hineinzugucken. Das kärgliche Abendbrod, welches wir mit dem Häuptlinge und einigen Zunächstsitzenden theilen, die gierig und freudig die seltenen Kostbarkeiten ergreifen, beneidet von den weniger Glücklichen, ist bald verzehrt. Der Kerzenstummel wird ausgeblasen, und das größere Publicum der Weiber und Kinder verschwindet, zweifellos mit dem Bewußtsein, ein höchst merkwürdiges Schauspiel genossen zu haben.

Den Häuptling hat unsere Chocolade in die liebenswürdigste Stimmung versetzt. Er will sich nun revanchiren und ladet uns ein, mit ihm Kawa zu trinken.

Die Kawa oder Yankona, wie man auf Viti sagt, ist das allen Polynesiern bis auf die Maoris und von den Melanesiern auch den Vitis eigenthümliche Getränk, welches durch Kauen und Auslaugen der Wurzel einer Pfefferart, Piper methysticum, bereitet wird. Diese Wurzel ist ein Handelsartikel unter den Eingeborenen und in jedem Dorfe stets vorräthig zu haben. Zwei Jungen werden hinausgeschickt, davon zu holen. Aus einer Ecke wird die große, über ein halb Meter breite Kawa-Bowle, von hartem, dunkelbraunem Holz geschnitzt, in die Mitte gerollt. An einer Oese der Bowle ist ein Strick befestigt, welcher dazu dient, die höchste Person des Gelages zu bezeichnen, indem er in der Richtung nach dieser hin auf den Boden ausgestreckt wird, und man schiebt auf Befehl uns den ehrenden Strick zu. Links und rechts sitzen der Häuptling[1] und seine Freunde; gegenüber nehmen die Jungen Platz, die für uns kauen müssen. Sie zerschneiden die doppelt daumendicke, knotige und verästelte grüne Wurzel mit englischen Messern in mundgerechte Stücke, und jeder macht sich schweigend an seine Arbeit. Auf Viti wird die Kawa meistens von Jungen gekaut, auf andern Inselgruppen liegt dieses Geschäft den Mädchen ob.

Einer der Alten legt ein kurzes Bambusrohr quer über seine Kniee und klopft mit zwei dünnen Stäbchen einige Tacte darauf, zum Zeichen, daß ein Gesang angestimmt werden soll. Die Gesichter verziehen sich zu einem ernsten, wehmüthigen Ausdruck, und mit leiser, allmählich anschwellender Stimme beginnt eine einförmige, ewig wiederkehrende Melodie, die sich nur in wenigen Noten und im Daktylustempo (–˘˘) auf und nieder bewegt. Der Bambusmusikant schlägt den Tact dazu, und die Anderen begleiten ihren Gesang, der aus mehreren Strophen besteht, mit symmetrischen Armbewegungen, Hin- und Herbeugen des Oberkörpers und gleichmäßigem Händeklatschen. Jede Strophe schließt mit einem kurzen, fast bellend ausgestoßenen Vocal. In den Pausen herrscht die feierlichste Stille; keiner der Jungen wagt zu flüstern, und man hört dann nur das laute Krachen der Wurzeln zwischen den eifrig arbeitenden Kinnladen oder von draußen herein, wo die vom Silberlichte des Vollmondes übergossenen Palmen schimmern, das Zirpen der Cikaden. In der

[863] Hütte ist es so dunkel, daß wir außer dem röthlichen Glanz der flackernden Feuer auf den braunen, kokosölduftenden Körpern und den blitzenden Zähnen und Augen unserer Gastfreunde kaum etwas unterscheiden können.

Ist von den zur Bereitung der Kawa commandirten Jungen ein Stück Wurzel zurecht gekaut worden, so wird der Bissen sorgsam mit Daumen und Zeigefinger hinter den Backen hervorgeholt und als wohlgeformtes, rundliches Häufchen sauber in die Bowle gelegt, nicht gespieen! Sind etwa doppelt so viele Häufchen als Zechgenossen vorhanden, so gießt ein älterer Junge, der das wichtige Amt des Brauens verwaltet, eine entsprechende Menge Wasser aus hohlen Kokosnüssen darauf, rührt es mit den Fingern um und macht sich an die schwierige Operation des Filtrirens. Er bedient sich hiezu des Bastes der einheimischen Baumwollenpflanze, des Wau, den er wiederholt in die Flüssigkeit taucht; die holzigen Reste der ausgelaugten Wurzel fängt er heraus und preßt sie zwischen den Fasern des Filters aus. Dies muß unter gewissen kunstvollen und gesetzmäßigen Bewegungen der Arme geschehen, auf die man großes Gewicht legt.

Die Yankona ist fertig, und der junge Mann an der Bowle klatscht drei Mal in die Hände, die Vollendung seines Werkes zu verkünden. Er schöpft den ersten Becher, eine halbirte Kokosnuß, voll und schleicht damit in demüthiger Haltung, den Kopf gebeugt und sich duckend – denn aufrecht zu gehen vor einem Höheren, wäre eine große Frechheit – an den Häuptling heran, der die Bevorzugung des Erstlingstrunkes galant an uns abtritt. Während wir den Becher nehmen, kauert er nieder und klatscht drei Mal in die Hände, eine Ehrenbezeigung, die dem Vornehmen zusteht, so oft er sich etwas reichen läßt. Wir müssen ganz austrinken. Es nicht zu thun, wird von den Häuptlingen der Südsee ebenso übel genommen, wie von den Senioren einer deutschen Studentenkneipe. Und erfüllen wir diese unsere Pflicht und können wir die Schale geleert nach der Bowle zurückwerfen, so freut sich die ganze Versammlung darüber und ruft einstimmig „Amala“, läppisch grinsend und ebenfalls drei Mal in die Hände klatschend, worauf wir „Mole, mole“ zu danken haben. Wir selber empfinden vielleicht weniger Freude über die gelungene That. Denn die Kawa, welche bei Tageslicht aussieht, wie Thee mit etwas Milch, schmeckt im Anfange abscheulich, ungefähr so, wie Seifenwasser mit etwas Tannin schmecken möchte. Sie hinterläßt aber auf dem Gaumen ein angenehmes Gefühl der Kühle, sodaß man sie später nicht ungern trinkt, zumal wenn man längere Zeit keine Spirituosen mehr zu sehen bekommen hat.

Nach uns trinken der Häuptling und seine Genossen in absteigender Rangordnung, und Jedem wird drei Mal in die Hände geklatscht und „Amala“ zugerufen. Was von der Kawa schließlich übrig bleibt, gehört den Jungen, die sie ohne weitere Ceremonien rasch mit den Händen ausschöpfen und schlürfen. Sollten wir jedoch noch mehr von der köstlichen Flüssigkeit wünschen, so wird vielleicht nochmals gekaut und wieder von vorn angefangen.

Der Yankona oder Kawa werden auf Viti und anderwärts alle möglichen übeln Wirkungen nachgesagt. Lähmungen, Hautausschläge und Augenentzündungen sollen aus ihrem zu häufigen Genusse entstehen. Vorläufig sind hierüber noch keine exacten Beobachtungen vorhanden. Nur ihre schweißtreibende Wirkung scheint sicher zu sein. Ich habe einige Male versucht, soviel wie möglich davon zu trinken und es auf drei bis vier Kokosschalen von je vielleicht einem halben Liter gebracht, ohne eine wesentliche Veränderung meines Gemeingefühls zu erfahren. Ich konnte lange danach nicht einschlafen und transpirirte beträchtlich – das war Alles. Die Kawa ist also ebenso wenig ein berauschendes, wie sie ein gegohrenes Getränk ist, wie man oft lesen muß. Und die angenehmen Träume und Verzückungen erst, die sie hervorrufen soll, gehören zu jenen Fabeln, die leider in den Beschreibungen ferner Länder noch immer so zahlreich sich breitmachen dürfen.

Die Kawa erfreut sich auf Viti nicht nur bei den Eingeborenen, sondern auch bei den weißen Ansiedlern großer Beliebtheit. Selbst der Gouverneur, ein hoher Aristokrat, soll ein Verehrer derselben sein. Dabei besteht immer noch das alte Verfahren der Zubereitung, und es wird keine Maschine gebraucht, welche die Zähne der Jungen oder Mädchen ersetzte, wie wohl denkbar wäre. In früheren Zeiten allerdings soll man die Wurzeln künstlich geraspelt haben, wie alte Männer dem Missionär Williams erzählten. Jetzt zieht man die billigeren und einfacheren Instrumente von unübertrefflicher Qualität vor, die jeder Vitijunge im Munde mit sich herumträgt. Ich habe es oft erlebt, daß Europäer ihren dienenden Geistern befahlen, schnell eine Bowle zurechtzukauen. Die Weißen auf Viti sagen für Kawa oder Yankona gewöhnlich „Grog“, und zwar „Fidschi-Grog“, zum Unterschiede von „Whiteman’s Grog“, was den Schnaps im europäischen Sinne bedeutet.

„Was wollen Sie trinken?“ ist eine stehende Frage, wenn man irgendwo bei einem Weißen zu Besuch kommt, „Fidschi-Grog oder Whiteman’s-Grog?“ Und zwar hat diese ursprünglich jedenfalls spaßhafte Bezeichnung sich bereits so eingebürgert, daß sie allen humoristischen Klang verloren hat und ganz ernsthaft gebraucht wird, ohne daß es dem Betreffenden einfiele, witzig sein zu wollen. Die Bezeichnung „Grog“ hat sogar angefangen, auch bei den Eingeborenen Geltung zu haben und selbst auf die Pflanze angewendet zu werden – ein merkwürdiges Beispiel der Uebertragung von Wortbegriffen. Man wird oft von Vitis gefragt „Grog?“ wenn sie die Wurzel zum Verkauf anbieten, und „Grog, Grog“ machte mich oft mein Diener aufmerksam, wenn ich im Walde an einer Piper methysticum-Staude vorüber kam. –

Unsere Zechgenossen reichen uns einer nach dem andern die Hände, flüstern „Sa yandre“ und verlassen die Hütte des Häuptlings, um ihr Lager aufzusuchen. Wir machen noch einen genußreichen Spaziergang draußen in der zauberhaften Mondnacht. Die Palmen wogen, von einem lauen Zephyr bewegt. Ihre graziösen, schaukelnden Zweige blinken wie Silber, und silberglänzend lecken die hüpfenden Wellen gegen das schimmernde Sandufer. In den schwarzen Dickichten des Buschwerks aber ziehen einsame Leuchtkäfer ihre funkelnden Kreise, schnell erlöschend, sobald sie das helle Gebiet des Mondes betreten. Dann kriechen wir wieder zurück in unsere Hütte und strecken uns neben dem Häuptling auf den weichen, mit Farnkraut unterpolsterten Matten, welche den Boden bedecken, aus, nachdem wir Stiefel und Beinkleid zu einem Kopfkissen zusammengerollt und uns selbst in eine mitgebrachte Decke gewickelt haben. Zu unseren Füßen schläft die Dienerschaft, glücklicherweise ohne zu schnarchen. Im ganzen Dorf regt sich kein menschlicher Laut. Nur Tausende von Cikaden zirpen ohne Unterlaß, und von den Korallenriffen donnert rastlos die Brandung durch die Stille der Nacht herüber, als ob ein Eisenbahnzug ohne Ende über eine ferne Brücke rollte.




Blätter und Blüthen.


Brennende Eiszapfen, ein Experiment für die langen Winterabende. An dem berühmten Sebaldus-Grab in der Kirche dieses Heiligen zu Nürnberg, dem Meisterwerke Peter Vischer’s und seiner Söhne, bewundert man unter den Reliefdarstellungen der Zeichen und Thaten dieses heiligen Pilgers vor Allem die prächtige Darstellung des Wunders, wie er sich in Ermangelung von Klobenholz aus frisch vom Zaun oder Dach gebrochenen Eiszapfen ein munteres Feuer anzünden läßt, um sich die erstarrten Hände und Füße daran zu erwärmen. Gläubig und doch wieder ihren Augen nicht trauend, in ihrer naiven Glaubensinnigkeit unübertrefflich dargestellt, strecken die drei Augenzeugen, darunter auch die Eiszapfensammlerin, die Hände dem Feuer entgegen, um sich zu überzeugen, ob dieses Eiszapfenfeuer denn wirklich Wärme ausstrahle. Besagtes Heiligenexperiment in einer lehrreichen Form nachzuahmen ist vor einiger Zeit dem englischen Physiker Friedrich Guthrie gelungen und kann leicht von jedem wiederholt werden. Man hat nur nöthig, einen Maßtheil Aether (gewöhnlich fälschlich Schwefeläther genannt) aus der Apotheke in neun Maßtheilen Wasser durch Schütteln aufzulösen, und diese Auflösung zu Eiszapfen frieren zu lassen, was schon bei einer Kälte von – 2 Grad gelingt.

Man braucht also nur ein sogenanntes Probirgläschen, ein Tolleisen oder einen sonstigen röhrenförmigen Behälter aus Blech oder Glas damit zu füllen und an einem Bindfaden bei frischer Kälte vor das Fenster zu hängen. Wenn der Inhalt gefroren ist, geht er in Form eines klaren Eiszapfens sofort aus dem in die warme Stube genommenen Behälter heraus und kann nun wie eine Kerze auf einen Leuchter gestellt und an der Spitze angezündet werden. Er brennt mit einer sehr schwach leuchtenden Flamme, die nur im finsteren Zimmer sichtbar ist, bis auf das letzte Stümpfchen herab. Natürlich ist es nur der Aether, welcher die Flamme speist, während das weggeschmolzene Wasser beständig herabrinnt. Lehrreich ist hierbei, daß der Aether, der sonst mit einer hellleuchtenden Flamme brennt (und wegen seiner äußerst leichten Entflammbarkeit aus der Ferne Vorsicht in der Handhabung erfordert), in Folge [864] der starken Abkühlung durch das schmelzende Eis, mit so schwachem Leuchten verbrennt. In ähnlicher Weise brennt auch das Gas, welches aus unseren Sümpfen aufsteigt und leicht durch einen Trichter in mit Wasser gefüllten umgekehrten Flaschen gesammelt werden kann, wenn man es durch Eingießen von kaltem Wasser aus der Flasche treibt, mit sehr matter Flamme, dagegen stark leuchtend, wenn man es vor dem Anzünden durch ein heißes Rohr leitet.




Wir erzählen ein Schicksal. Ein preußischer Soldat hat die drei Feldzüge in Schleswig, Oesterreich und Frankreich mitgemacht, hat Theil genommen an den Gefechten bei Eckernförde, Missunde und Arnies im Februar und bei Düppel, am 17. März, an der Belagerung der Düppeler Schanzen und der Erstürmung derselben am 18. April 1864, ferner an dem Treffen bei Münchengrätz am 28. Juni und an der Schlacht bei Königsgrätz am 3. Juli 1866, im letzten großen Kriege endlich an der Cernirung von Metz und darnach noch an sechs Treffen und Gefechten bis zum 11. Januar 1871. Seine Brust schmücken: die Kriegsdenkmünze von 1864 und das Düppeler Sturmkreuz, die Kriegsdenkmünze von 1866, das Erinnerungskreuz von Königsgrätz und das Militär-Ehrenzeichen zweiter Classe, endlich die Kriegsdenkmünze von 1870 bis 1871 und das Eiserne Kreuz zweiter Classe.

Schon nach dem österreichischen Kriege suchte er, wegen Brustleiden, um die Invaliden-Wohlthaten nach, wurde jedoch in Folge militärärztlichen Gutachtens abschläglich beschieden. Nach dem französischen Kriege, in welchem er zuletzt als Unterofficier Courierdienste geleistet, am 9. Juli 1871 entlassen, brachte er zu seinen früheren nun verschlimmerten Leiden auch noch chronischen Magenkatarrh und Rheumatismus mit heim, und das hinderte ihn, zu seinem früheren Erwerbe, der Schifferei, zurückzukehren; er kann nur noch leichtere Arbeiten verrichten. Deshalb pachtete er eine Wirthschaft in der Nähe einer großen Eisenbahnwerkstätte. Die Sache ging; die Arbeiter liefen ihm zu. Da erhebt sich der Concurrenzneid der kleinen Bahnrestauration; den Arbeitern wird der Weg zu ihm verboten und schließlich ein sechs Fuß hoher Zaun zwischen der Werkstatt und seinem Wirthshäuschen aufgerichtet. Seitdem sitzt der Mann mit seinen sieben Kriegsehrenzeichen und seiner Frau allein im freien Felde, muß sein Bischen Habe verkaufen und ist ärmer als zuvor. Braucht denn Niemand einen Portier, Comptoirboten, Aufseher, Hausverwalter, Forstaufseher, Schuldiener oder sonst einen derartigen dienstbaren Geist? Man würde in dem verdienten Krieger einen treuen und zuverlässigen Mann finden.




Warnung. Im Reichsstrafgesetzbuch lautet § 261 folgendermaßen: „Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvortheil zu verschaffen, das Vermögen eines Anderen dadurch schädigt, daß er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Thatsachen einen Irrthum erregt oder unterhält, wird wegen Betrugs mit Gefängniß bestraft, neben welchem auf Geldstrafe bis zu Eintausend Thaler, sowie auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden kann.“ Es ist nun die Frage, ob diesem Paragraphen auch die neue Speculation verfällt, nach welcher Jemand „Gummireiter auf lebenden Goldfischen“ empfiehlt, dafür aber Papiermachefiguren, wovon in Sonneberg das Dutzend zu dreißig Pfennig hergestellt werden kann, ohne Factura und nur mit Postnachnahme schickt und sich Stück für Stück mit 3 Mark, sage drei Mark = dreihundert Pfennig bezahlen läßt. Wir haben einen solchen Gummi-Reiter vor uns, dem in Folge der spottbilligen Verpackung Arme und Beine abgebrochen sind. Wer, angesichts des obigen Paragraphen, auf diese Manier Geschäfte treibt, möge wenigstens höchst vorsichtig in der Wahl seines Publicums sein!




Noch einmal die Brutöfen. Es sind mir in Folge meines neulich in der „Gartenlaube“ erschienenen Artikels über die Aegyptischen Hühnerbrutöfen von verschiedenen Seiten Briefe zugegangen, die sämmtlich Anfragen wegen eventueller Anlage und Einrichtung solcher Oefen auch für Deutschland enthalten.

Ohne auf die Beantwortung der einzelnen Fragen einzugehen, bemerke ich kurz, daß derartige Brutanstalten wenigstens mit Aussicht auf praktischen, das heißt rentabeln Erfolg, für Deutschland und überhaupt für unsere Zone nicht anzurathen sind, und zwar einfach aus klimatischen Ursachen. Das künstliche Ausbrüten der Eier, auch in großen Massen ließe sich allenfalls noch bewerkstelligen, aber das Großziehen der jungen Brut unmöglich. Einige naßkalte Regentage, die bei uns mitten im Sommer so oft vorkommen, ja nur ein starkes, abkühlendes Gewitter, würden zur Zerstörung derselben genügen. Deshalb haben sich auch die vielen derartigen Versuche, die man in Cannstatt, Stuttgart, Frankfurt und[2] anderen Orten schon oft gemacht, im Großen niemals als praktisch bewährt und sich immer schließlich nur als eine kostbare Liebhaberei erwiesen.

In Aegypten dagegen ist die Temperatur neun Monate lang Tag um Tag immer dieselbe (in Kairo zwischen 22 und 28° Réaumur im Schatten), und während dieser ganzen Periode vollständig regenlos, einer Menge sonstiger Bedingnisse, die sämmtlich in Deutschland fehlen, aber in Aegypten die künstliche Massenhühnerzucht überaus erleichtern, nicht zu gedenken, die indeß nach dem Obigen gar nicht mehr in Betracht kommen.
Professor Ebeling.




Kleiner Briefkasten.


Fr. v. Th. in Berlin. Von dem Buche „Das Kind. Von Herm. Semmig“ (Verlag von Hartung in Leipzig), dem Sie so warm zugethan sind und das allerdings eine Freude vieler Mütter geworden ist, wird sich, wie wir hören, bald eine dritte Auflage nothwendig machen. Ihre Befürchtung, die schöne Idee des Buches möge ausländischer Abkunft sein, ist grundlos. Allerdings haben der Franzose Taine (berühmter Philosoph und Literaturhistoriker) und der Engländer Charles Darwin denselben Gedanken gehabt, nämlich: am Kinde die Entwickelung des Geistes bis in's vierte Jahr zu verfolgen, allein Beide blieben dabei stehen und lieferten nur Abhandlungen, Taine eine solche von zwei und Darwin eine von etwas über einen Druckbogen Stärke, und ist erstere vor einem Jahre, letztere aber erst nach derselben erschienen, während Semmig ein Buch von sechszehn Bogen lieferte, das vor beiden an das Licht trat und auch mit zahlreichen Schilderungen des Familienlebens und sinnigen Betrachtungen ausgeschmückt ist.

H. Z. in M. Sie machen sich ein falsches Bild von den vogtländischen Erwerbsverhältnissen. Im oberen sächsischen Vogtland ist namentlich die Weberei kaum noch ein Erwerbszweig zu nennen. Man berichtet uns aus jener Gegend von Webern, welche treffliche Gardinen liefern und doch dabei hungern, weil sie mit allem Fleiß täglich nicht über fünfzig Pfennig verdienen können, denn dafür müssen sie nicht weniger als fünfzehn Ellen weben. Fünfzehn Ellen für fünfzig Pfennig! Für ein Stück Gardinen von hundertfünf Ellen erhält der Weber drei Mark sechszig bis achtzig Pfennig, und daran arbeitet er die ganze Woche mit dem Sonntag dazu. Welche Generation wird der Zukunft aus solchen Familien erblühen?!

„Fast hoffnungslose.“ Wenden Sie sich unverweilt an einen anerkannt tüchtigen Frauenarzt, z. B. Schultze in Jena, Veit in Bonn, Schröder in Berlin etc. Ich würde mich freuen, bald einmal wieder von Ihnen zu hören. Die Karlsbader Cur hat doch hoffentlich auf die Dauer gut gewirkt?
Sch.

A. M. in Sch. Auf Ihre Anfrage die Mittheilung, daß die in dem Moritz Vogel'schen Artikel über die systematische Verbindung des Gesang- mit dem Clavierunterricht niedergelegten Ideen (in Nr. 40 unseres Blattes) allerdings in ähnlicher Weise schon früher ausgesprochen wurden, und zwar in der im vorigen Jahre in Leipzig erschienenen „Clavier- und Gesangschule für den ersten Unterricht“ von Dr. August Reißmann.

W. O. Ein so junger Student gehört allerdings nicht in den Spielsaal, und es ist ganz in der Ordnung, daß die Monacoer dem zwanzigjährigen Musensohne, der noch nicht auf eigenen Füßen steht, sondern nur das Geld seiner Eltern verspielen würde, die Einlaßkarte zum Spielsaal verweigerten.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vorlage: „Häupling“
  2. Vorlage: "um"