Die Gartenlaube (1897)/Heft 7

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1897
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[101]

Nr. 7.   1897.
Die Gartenlaube.
Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Jahresabonnement: 7 M. Zu beziehen in Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf., auch in 28 Halbheften zu 25 Pf. oder in 14 Heften zu 50 Pf.

Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Trotzige Herzen.
Roman von W. Heimburg.

(6. Fortsetzung)

„Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll,“ erklärte Frau Medizinalrat acht Tage vor Weihnacht ihrer Schwägerin. Sie saßen nach dem Mittagsmahl in der Eßstube, Frau Rat mit der intensiven Röte im Gesicht, die bei ihr bekanntlich auf Sturm deutete, und verlasen Rosinen in ungeheuren Mengen, denn am folgenden Tage sollte die große Festbäckerei losgehen.

„Inwiefern weißt du nicht mehr, was du denken sollst?“ erkundigte sich Tante Emilie und schob ihre Brille zurück.

„Sie ist schon wieder spazieren gegangen,“ antwortete die Hausfrau stirnrunzelnd, „obgleich ich es ihr geradezu verbot wegen der enormen Arbeit. Dazu hat sie nun Zeit, aber als ich von ihr verlangte, sie solle doch nun endlich Anstalt machen und mit den Kindern zum Photographen gehen, da paßte es ihr nicht, wie schon seit acht Tagen, und es wär’ ein so hübsches Geschenk gewesen für Günther – Aenne und die Kinder auf einem Bild!“

„Ich kann solche voreilige Bilder nicht leiden,“ gab die kleine dicke Tante zur Antwort und beförderte ein ausgelesenes Häufchen Korinthen behutsam in die Schüssel, die sie auf dem Schoße hielt.

„Voreilige Bilder?“ fragte gedehnt die Rätin.

„Ja! Ich mag’s auch nicht, wenn sich Brautleute auf einem Bild abnehmen lassen; das ist nachher eine unangenehme Erinnerung, so lange sie leben, wenn nämlich nichts daraus wurde – verstehst du, Marie?“

„Na, Gott soll mich bewahren,“ antwortete diese, „du bringst einen auf recht nette Gedanken! Wenn ein Paar sich drei Wochen vor der Hochzeit nicht miteinander photographieren lassen soll, dann weiß ich nicht, wann es eigentlich geschehen könnte! Ich begreife außerdem nicht, Emilie, was du immer zu unken hast! Es ist eben nur, daß du für alles, was das eigensinnige Mädchen thut, eine Entschuldigung finden willst.“

„Erbarmen, Schwägerin, ich entschuldige sicher nicht alles bei der trotzigen Marjell, im Gegenteil –“ verteidigte sich die Tante.

„Dann solltest du ihr auch einmal die Wahrheit sagen,“ erklärte die geärgerte Mutter, „auf dich hat sie immer gehört! Aber du sitzst ganz gelassen dabei, wenn sie sich so höchst sonderbar zu benehmen geruht.“

Tante Emilie begnügte sich mit einem Kopfschütteln.

„Ja,“ gab seufzend die Rätin zu, „es hilft auch nichts, hast recht. Ich meine, der Oberförster sollt’ ’mal ein bißchen aufmucken, sollt’ sich die Launen nicht gefallen lassen Aber der sitzt da und sieht sie an mit verklärtem Gesicht und scheint sich nichts Besseres zu wünschen als so’n unartig Ding. – Ich begreife seine Geduld nicht! Ich hätte May ’mal so mißachtend behandeln sollen, na, ich glaube, es wär’ in selbiger Stunde aus gewesen mit ihm.“

„Nun, er liebt sie eben,“ entschuldigte Tante Emilie das Benehmen des Bräutigams.

„Es ist immer so,“ wehklagte die Rätin, „die zweiten Frauen haben es besser als ihre Vorgängerinnen. Wenn ich denke, wie die erste um ihn herum war! Alles las sie ihm an den Augen ab, aber Aenne thut nicht dergleichen. Wenn sie sich wenigstens um die Kinder bekümmern möchte! Ach,

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Goethes „schöne Mailänderin“.
Nach dem neuentdeckten Gemälde von Angelika Kauffmann.

[102] lieber Gott, ich wollte, die Hochzeit wäre vorbei, und das erste Ehejahr auch, bis sie sich ein bißchen eingelebt hätten miteinander! Manchmal, Emilie, manchmal es ist ja freilich Sünde – manchmal denke ich, sie wird nicht glücklich, so sonderbar ist sie jetzt.

Tante Emilie hatte auf den Lippen, zu sagen: Diese Gedanken kommen etwas spät, meine Beste! Wär’s mein Kind gewesen, ich hätte gesagt: Besinne dich einmal, du hast ja den Mann gar nicht lieb! Aber – heiraten, nur heiraten, weiter denkt ihr Mütter nichts! „Weißt du was?“ sagte sie dann laut, „ich hab’ Sehnsucht nach frischer Luft und die Korinthen da sind fertig, ich geh’ die Aenne im Park suchen. Im ganzen Schloßgarten ist kein Weg vom Schnee frei als eben der Mittelgang zur Terrasse empor, und dort läuft sie ja wohl auf und ab und wird leicht zu finden sein. Ich will sie ’mal so ein bißchen ausfragen, die närrische Marjell.“

„Du kannst lange suchen,“ grollte die Rätin, „seit der Herzog hier ist, geht der Schneepflug durch alle Wege.“

„I nä, laß mich nur machen, bin schon lange neugierig auf den Park im Schnee. Und damit erhob sich Tante Emilie und kam nach zehn Minuten, mit einem altmodischen, innen mit Hamster gefütterten Pelz und einer ebenso altmodischen Kapuze angethan, wieder herunter, nickte noch einmal in die Stube hinein und verließ dann das Haus.

Der alten Frau war nachgerade angst und bange um ihren Liebling. Das Mädchen benahm sich in ihren Augen wie eine – na – die nicht auf rechten Wegen geht. „Gott verzeih’ meine Dummheit“, murmelte sie vor sich hin „manchmal denk’ ich, sie trifft den Heinz Kerkow heimlich! Sie geht mit einer Ausdauer spazieren, die vollständig unbegreiflich ist, ebenso unbegreiflich wie das schroffe Ablehnen jeder Begleitung.“

Sie trippelte nun schon innerhalb des Schloßgartens auf dem weißen festen Schnee dahin, ganz leise schneite es weiter, und die winzigen Flocken legten sich wie ein zarter Hauch auf die schwarzseidene Kapuze und den Mantelkragen. Wie schön das war, wie weihnachtlich, und wieviel trauter konnte es noch sein, wenn auch im Hause alles so klar und rein wäre! Die Jungen würden zum Feste kommen, und unter dem Lichterbaume sollte ein Brautpaar stehen – aber das letztere hatte sich Tante Emilie anders gedacht! Die Aenne wurde alle Tage blasser und stiller, und dann wieder war es, als ob sie Reue über ihr Wesen empfände, und sie schwatzte und lachte wie eine, die nicht recht gescheit ist. Und dies ins Theater Gehen, jeden Abend, den Gott werden läßt, das heißt, so oft gespielt wird – – –

Sie war ein paarmal mitgegangen, die Tante Emilie, um zu sehen, ob Aenne des neugebackenen Hofmarschalls wegen hingehe, aber der war nur an einem der Abende erschienen, und da sah Aenne mit ein paar grenzenlos gleichmütigen Augen über ihn weg, und ebenso gleichgültig betrachtete sie seine Braut, das blasse hochmütige Ding, ihr ganzes Interesse gehörte der Vorstellung. Aber das könnte ja auch täuschen, dachte sie, und es kam Tante Emilie vor, als sei dieses Interesse an der Bühne fast zu groß, um natürlich zu sein, einmal war es ihr sogar, als ob Aenne jemand auf der Bühne leicht zunickte.

„Goldköpfchen, wen grüßt du denn da?“ hatte sie gefragt, aber die Antwort blieb Aenne schuldig.

Ach, liebe Zeit, das Kind war ja nur so unstet, so unglücklich, weil es den Kerkow immer in der Nähe wußte, weil’s nicht vergessen konnte, weil’s in seiner Verzweiflung dem Günther in die Arme gerannt war und nun sich graute vor dieser Ehe! Wäre nur erst die Hochzeit droben vorüber und das Paar nach Italien gereist! Aber Gott mochte wissen, was man bis dahin noch erleben würde! –

Die alte Dame blieb am Fuße des Schloßberges stehen, hinter einem kleinen, nun ganz verschneiten Pavillon, um sich an dieser zugfreien Stelle ein wenig zu verschnaufen. Sie hatte bis jetzt in dem weiten Garten nicht einen Menschen erblickt und war schon ganz entmutigt, da hörte sie Kinderstimmen hinter sich, und sich wendend, gewahrte sie Oberförsters Dreie, die Fräulein Stübken an die Luft führte. Der Kleinste saß im Kinderschlitten, der Junge auf der Pritsche und Mariechen zog das Gefährt, Fräulein Stübken endlich stapfte gravitätisch hinterher.

Tante Emilie trat hinter dem Pavillon hervor und begrüßte die Näherkommenden. „Ja, das ist aber ein Vergnügen für euch kleines Volk! Schönen guten Tag, liebes Fräuleinchen – sagen Sie, haben Sie nicht unsere Aenne gesehen? Sie geht hier irgendwo spazieren.“

Fräulein Stübken schlug den Schleier zurück von dem schäbigen Pelzbarettchen, unter dem ihr Gesicht gelblich mit blau-roten Wangen hervorlugte, tupfte sich mit dem Taschentuch die Thränen, die ihr die Kälte herausgepreßt, aus den Augen und sagte, Tante Emilie mit einem eigentümlichen Lächeln ansehend: „Da werden Sie wohl wo anders suchen müssen, Frau Schönberg; im Park ist Fräulein May nicht.“

„Aber – natürlich! Sie geht ja alle Tage her!“

„Ach ja, früher, aber nun schon lange nicht mehr. Sie geht jetzt jeden Tag in die Stadt hinunter, nach der Prinzeß Luisenstraße zu; wissen Sie die?“

„I nä, Fräuleinchen! – Was soll sie denn da?“

Fräulein Stübken trat, vor Kälte zitternd, von einem Fuß auf den anderen, und das Lächeln auf ihrem Gesicht, so ein recht boshaftes Lächeln, schien auch festgefroren. „Was sie da thut? Sie besucht eben das Fräulein Jeannette Hochleitner – ich denke mir, sie singen da miteinander, vielleicht üben sie etwas zur Weihnachtsüberraschung ein für den Herrn Oberförster.“

„Das könnte sein“, gab Tante Emilie schnell gefaßt zu, ob sich gleich innerlich in ihr alles vor Entsetzen empörte, „da werde ich mich hüten, sie zu stören.“

Fräulein Stübken lächelte noch mehr. „Geniert es Sie, Frau Schönberg, wenn wir Sie begleiten?“

Tante Emiliens Wohlwollen für die Hausdame des Oberförsters hatte sich plötzlich in einer Weise abgeschwächt, daß sie es kaum zu einem höflichen „Bitte schön“ brachte; das Lächeln und der Ton der Berichterstatterin hatten ihr in Aennes Seele weh gethan. Das erbitterte Mädchen an ihrer Seite merkte es und begann aus einer anderen Tonart zu sprechen.

„Ich habe schon immer kommen wollen, um Ihnen das zu erzählen, Frau Schönberg“, hub sie an, „die ganze Stadt klatscht davon, die Hochleitner ist doch kein Umgang für Fräulein May! So eine, die – na, ich darf nicht darüber reden! Die Silberschließerin von Ihrer Durchlaucht, die hat sie selbst gesehen droben im Schloß, wo das Theater längst geschlossen war. Ich habe nur immer geschwiegen, weil’s so gehässig aussieht, so als ob – na, mir kann’s ja egal sein, am ersten Januar gehe ich nach Berlin in eine andere Stellung! Aber, sehen Sie, ich bin drei Jahre beim Herrn Oberförster gewesen, und das Hauswesen und die Kinder sind mir ans Herz gewachsen, und da thut’s einem weh, wenn die Leute so reden. Wie ich von meiner Freundin, der Frau Sekretär Busse, höre – die wohnt nämlich auch in dem Hause, wo die Hochleitner gemietet hat, und sieht da alles ein- und ausgehen, die Lakaien des Herzogs mit Blumensträußen und die Kollegen und Kolleginnen vom Theater und so weiter –- wie ich höre, was die sagt. ,Du, Stübken, um Gottes willen, was hat denn nur Mays Aenne alle Tage zu der Hochleitner zu laufen?’ da habe ich Mund und Nase aufgesperrt, hab’s nicht glauben wollen und – dann hab’ ich’s selbst gesehen! War bei der Sekretärin eingekehrt nach dem Spazierengehen mit den Kindern, nur einen Augenblick, denn sie hat unsere Kinder so lieb; also ich sitze da am Fenster mit meiner Tasse Kaffee, die mir die Bussen eben gebracht hat, da sehe ich eine Gestalt herkommen. Hat sich einen dichten Schleier vor das Gesicht gebunden, als ob man Aenne May nicht auch so erkennen müßte – an ihrer Taille. Wer hat denn solche Figur in Breitenfels? Und obendrein der Marderbesatz, den ihr der Herr Oberförster auf das Tuchjäckchen hat nähen lassen! – Und es dauerte denn auch gar nicht lange, da kommt oben durch die Decke das Klavierspiel und das Singen, ganz reguläre Uebungen, und zuletzt ordentliche Lieder, und vergnügt sind sie dabei, alle Augenblick hat’s ein Lachen gegeben, und – sagen Sie selber, Frau Schönberg, es ist doch unpassend im höchsten Grade!“

Sie waren gerade auf dem Schloßplatz angelangt bei diesen Worten, da richtete sich die kleine Tante so hoch auf, daß Fräulein Stübken vor Schreck das Wort in der Kehle stecken blieb.

„Aenne thut nie etwas Unpassendes, verstehen Sie, liebes Fräulein? Und was Ihre Andeutungen über das Fräulein Hochleitner anbetrifft, so rate ich Ihnen, vorsichtiger damit zu sein und – machen Sie doch lieber den Mund zu, es ist Ostwind, der könnte Ihnen leicht eine Halsentzündung bringen. Guten Abend, [103] Fräulein Stübken!“ Und den Mantel, den ihr der Wind auseinander geweht, fest um sich ziehend, ließ Tante Emilie die Erstarrte stehen und schritt dem May’schen Hause zu, äußerlich eine Heldin, innerlich verzagter als je.

Sie trat übrigens nicht in das Haus ein, sie wandte sich vielmehr vor der Thür um und ging langsam unter seinen Fenstern zurück der Stadt zu, sie mußte wissen, ob es Wahrheit sei, was sie da eben erfahren.


Aenne war an diesem Tage wie an jedem andern gleich nach dem Essen ausgegangen, dem Wunsch der Mutter, daheim zu bleiben, war sie nicht nachgekommen, hatte ihn kaum gehört. Aber wenn auch, sie wäre doch gegangen, sie brauchte diese ungestörten Stunden, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, um fest zu werden in dem, was sich allmählich in ihrer Seele gestaltet hatte. Sie war sich bewußt, daß sie ihrer Familie vollständig unbegreiflich sein müsse während dieser schrecklichen Zeit, in der sie der Spielball dieses inneren Kampfes war, und sie wunderte sich, daß die Eltern so viel Geduld mit ihr hatten, sie und Günther. Dieser sah sie zwar fragend und besorgt an, hatte aber niemals ein mißmutiges oder zweifelndes Wort für sie gehabt. Er begriff sie einfach nicht, aber er forschte auch nicht. Freilich, sie sahen sich selten genug; der Dienst beim Herzog nahm ihn völlig in Anspruch.

Den Plan, ihn zu fragen: Willst du mich auch ohne Liebe? hatte sie aufgegeben; sie wollte einfach nur ihre Freiheit von ihm fordern, bedingungslose Freiheit. Seitdem sie die Geschichte der Hochleitner kannte, seitdem sie in das freie und schaffensfreudige Leben der Künstlerin einen Einblick gethan, hatte auch sie nach Freiheit, nach Selbstbestimmung verlangt. Und von dem Tage an, da sie der Sängerin zum erstenmal in die kleine Wohnung gefolgt war, um ihr etwas vorzusingen, womit sie ein ehrliches glänzendes Lob erntete, beherrschte sie der Gedanke, Musik zu studieren. Ueber das, was in ihr vorging, sprach sie zu niemand, auch zu Fräulein Hochleitner nicht, aber aus der lachenden, offenherzigen Aenne war ein verschlossenes, trotziges Mädchen geworden. Sie wußte Fräulein Hochleitner immer wieder im Gespräch auf die Kunst, auf ihren Beruf, auf ihre dadurch erlangte Selbständigkeit zu bringen, und in ihren Augen glänzte es auf, wie wenn ein Durstiger den frischen ersehnten Wasserstrahl erblickt, so oft diese ein Lob auf Aennes Stimme mit denn Worten schloß. „Und so was will sich vergraben in Breitenfels, in der Ehe mit an Witwer, der drei Kinder hat – so a Stimm’, so a Persönlichkeit! Aber war denn niemand da, der Ihn’n gesagt hätte als Sie sich binden wollten gar so früh: bedenken Sie sich doch, Sie arm’s Hascherl, ’s is für immer! Man kann nimmer los von so einer Kett’n – und wann’s gelingt, bleibt ein großes Stück Jugendkraft und Frische, bleiben so viel goldene Illusionen d’ran hängen!“

Aenne pflegte auf die wiederholten Bemerkungen nichts weiter zu antworten als: „Ich habe es so gewollt.“

„Na, des Menschen Will ist sein Himmelreich! Aber schaun’s, die Reu’ wird net ausbleib’n!“

Aenne blieb diesmal eine Entgegnung schuldig, aber sie bettelte um ein wenig Unterricht. „Darf ich singen, liebstes Fräulein Hochleitner?“ Und sie sang an dem Klavier der Künstlerin und vergaß alles darüber, und allmählich war aus Aenne May eine begeisterte Schülerin geworden, die nun von der über sie immer mehr in Entzücken geratenden Lehrerin regelmäßigen Unterricht erhielt.

Und jeden Abend ging das Mädchen mit dem Gedanken zur Ruhe: morgen, morgen schreibe ich ihm! Sie lag schlaflos und grübelte über die möglichst milde Form ihrer Absage, und jede Nacht kämpfte sie im voraus den schweren unausbleiblichen Kampf durch, der ihr mit den Eltern und deren Vorurteilen bevorstand. Und jedesmal, wenn sie sich zur Ruhe philosophiert hatte, machten ihre Vorstellungen Halt vor der Frage; Was wird Heinz Kerkow sagen, wenn er erfährt, daß ich entlobt bin? – „Sie kann dich doch nicht vergessen,“ wird er sagen, „sie bringt es nicht fertig, den andern zu nehmen!“

Dann fuhr sie empor und fühlte ihr klopfendes Herz und die Schweißperlen auf der Stirn. Ach ja, er mußte es herausfühlen, daß ihre Verlobung eine Verzweiflungstat gewesen war, die zu Ende zu führen ihr die Kraft gebrach. Aber mochte er sagen, was er wollte, nur nicht sehen sollte er sie nach der Entlobung! Sie wollte weiter ertragen das Leben, das sie jetzt führte, zur Lüge und Komödie verdammt, bis er den Urlaub, den er zu seiner Hochzeitsreise erbeten, angetreten hatte! War er erst fern, dann würde sie mehr Mut und Ruhe finden zu dem, was sie thun mußte! In ihrem trotzigen Weh dachte sie nur an das, was sie litt, kein einziger Gedanke flog zu dem Manne, der die Tage zählte bis dahin, wo sie ihm folgen würde in sein Haus. Und so saß sie tagsüber und nähte an ihrer Ausstattung mit zusammengezogenen Brauen und hörte mit finsterem Schweigen an, wenn die Mutter erzählte, daß Günther ungeduldig die Abreise Seiner Hoheit herbeisehne. Neckereien brachten sie zu Thränen und Ermahnungen zu offenem Widerspruch, sie fühlte sich selbst hassenswert, und die befremdeten Gesichter der Ihrigen stachelten sie zu nervöser Gereiztheit. Aufatmen that sie erst, wenn sie am Instrument saß bei Fräulein Hochleitner.

Auch heute war sie förmlich geflohen aus dem elterlichen Hause und vor den Tischgesprächen, die sich um weiter nichts drehten als um die binnen acht Tagen bevorstehende Hochzeit des Fräuleins von Ribbeneck mit dem Hofmarschall. Die ganze Stadt sprach von nichts anderem, in jedem Laden wußten die Verkäuferinnen davon zu erzählen, die Näherinnen, die in die Häuser gingen, die Damen, die auf Besuch zu Mays kamen. Aenne mußte erfahren, wie lang die Schleppe am Brautkleid sein werde und welche Farbe die Brautjungfern zu ihrer Toilette gewählt hätten, es war, als habe sich alles verschworen, sie zu quälen.

Ganz rot vom eiligen Lauf und vor innerer Bewegung trat sie in das Stübchen der Künstlerin, die am Fenster saß und an einem altdeutschen Kostüm nähte, sie sollte darin das Gretchen singen im Gounodschen „Faust“.

„Schau,“ sagte diese fröhlich, „dös ist lieb, daß Sie kommen, Fräul’n May, der Mokka wird auf der Stell’ ferti sein, und mein G’wand’l da könn’n m’r glei anfang’n. Hier san d’ Noten, der Buchhändler hat s’ heut’ früh g’schickt, und da is a der Psalm, den i auf Befehl Ihrer Durchlaucht bei der Trauung vom klanen Kerkow in der Schloßkirch’n singen soll. Woll’n S’ so freundli sein und ’mal anseh’n, bis i da ferti bin? Es wär’ mir lieb, i höret glei a mal den Psalm, und versprech’ Ihn’n, wenn S’ so recht schön vom Blatt wegsingen, Ihre Trauung a mit meiner Stimm’ zu verherrlichn, daß Sie glei mei’n, a Engerl is extra vom Himmel ’runter kommen zu der Stund’!“

Aenne lächelte trüb. „Ach, dann sind Sie ja gar nicht mehr hier, Fräulein Hochleitner,“ sagte sie, ihr Jackett ablegend und die Pelzmütze hastig vom Kopf nehmend. „Bis jetzt ist der Tag übrigens noch nicht bestimmt.“

„Sie hab’n an merkwürdig geduld’gen Bräutigam, Klane! I glaube, i würd’s ihm übelnehmen an Ihrer Stell’. No, Sie scheinen halt selbst kein’ Eil’ zu hab’n, i aber desto mehr, mit dem Mokka, man’ i. Därf i bitt’n, Fräul’n May, schenken S’ ein, derweil sitzt das Streiferl hier wieder fest.“

Es war unendlich gemütlich in dem von einem herrlichen Maiglöckchenstrauß durchdufteten kleinen Raum. Die spießbürgerliche Einrichtung des Zimmers verschwand ganz unter allerhand anmutigem Tand, auf jedem Sitzmöbel lag irgend etwas, das Klavier stand offen, einige Notenblätter waren zur Erde gefallen, ohne daß sich jemand nach ihnen gebückt hätte, und auf dem verblichenen Teppich zerknabberte Azorl, der reizende weiße, sehr verzogene Seidenspitz, einen Pantoffel seiner Herrin.

Aenne schenkte den Kaffee ein aus der kleinen silberglänzenden Wiener Maschine, und dann saß sie ein paar Minuten schwelgend ihrer bewunderten Lehrerin gegenüber und sah den flinken Händen zu.

„No?“ fragte diese, erstaunt ob der Stille, und sah das Mädchen an. „Wia schau’n S’ denn aus? Alle Tag’ blässer und alle Tag’ trübseliger? Ja, was heißt denn dös? Wissen’ S, manchmal hab’ i schon ’dacht“ – sie stockte und vollendete dann, „daß S’ Angst hab’n vor der Zukunft, Sie arm’s Hascherl!“

Aenne sah sie traurig an.

„Ja, lieber Gott, ’s is eben a sehr schwerer Schritt,“ fügte die Sängerin hinzu.

Aenne biß die Lippen aufeinander und schluckte an ungestüm

[104]
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Auf der Pennsylvania Avenue zu Washington.
Nach einer Skizze von Rud. Cronau.

[105] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [106] hervorquellende Thränen, dabei schüttelte sie energisch den Kopf, als wollte sie sagen: „Sie irren sich, ganz gewiß, Sie irren sich!“

„Dös ist’s net? I hab’ beinah’ g’laubt, so sei’s. Aber dös is ja a net mögli, und wann’s a so wär’, hätten S wohl längst a End’ g’schaff’n, man zieht an braven Mann doch net an der Nas’n ’rum? Feig sans doch a net, Fräul’n Aennerl, und an Irrtum eing’steh’n, is am End’ a ka Schand’ – ja, ja, i seh’ ’s, i irr’ mi, ’s is an andrer Kummer, bin aber die Letzt’, die dran rührt. – Kommen S’, wir woll’n sing’n, ’m Kerkow sein’ Hochzeitskantate!“

„Ich kann nicht!“ stieß das junge Mädchen hervor.

Die Sängerin, die schon am Klavier saß, wandte sich jäh, einen Ausdruck von Ueberraschung im Gesicht. „Gerad’ den Psalm net? Oder überhaupt net?“ fragte sie, das blasse Gesicht der sonst so lernbegierige Schülerin betrachtend.

Aenne raffte sich zusammen. „Heut’ überhaupt nicht,“ sagte sie, „ich habe Kopfweh.“

„Na, da plausch’n wir halt a bisserl,“ tröstete Fräulein Hochleitner. „Was kann ma denn thun, um Sie auf andre Gedanken zu bring’n? Soll i Ihn’n a Lied sing’n, oder soll i Ihn’n a bisserl erzähl’n, davon, daß alle Leit’ hier verruckt san über d’ Hochzeit drob’n, und daß dem Kerkow sein Schwesterl ankommen is, so a arm’s bleichsüchtig’s Ding im schwarzen Krepp, das ausschaut, als hab’s ka Hoffnung mehr auf Erden? I muß sag’n, an der Ribbeneck ihrer Stell’ hätt’ i net auf so a prächtige Hochzeit b’stand’n, aber sie kann sich net helf’n, sie muß aller Welt zeig’n, daß sie jetzt doch an Mann erwischt hat, nach so viel vergeblichen Versuchen, und der arme Jung’, der muß für ein paar Tag’ das Kreppbändel vom Arm und in die Tasch’n thun. – Ja, wie die z’ samm’ komm’n, dös kännt a’m a Rätsel sein, wann ma net wüßt, daß – –“

Sie verstummte und goß Aenne eine zweite Tasse ein. „So, Fräul’n May, da ist der Zucker, bedienen S’ Ihn’n!“

Aenne kam mechanisch der Aufforderung nach und starrte dann irgend ein Bild an. Die Dämmerung war herabgesunken, undeutlich verschwammen alle Gegenstände. Die Sängerin hatte ihren Spitz auf den Schoß genommen, streichelte, wie in Gedanken verloren, das weiße Fellchen ihres Lieblings und dachte an irgend etwas, das sie der Gegenwart entrückte. Sie hörten beide nicht, wie ein fester Schritt die Treppe empor und über den Flur kam. Der Azorl fuhr erst auf, als ein kräftiges Klopfen an der Stubenthür erscholl, nun sprang er wie ein Gummiball zur Erde und bellte aus Leibeskräften. Fräulein Hochleitner eilte zur Thür und fragte ins Dunkle hinaus. „Wer ist da?“

„Verzeihen Sie, mein Fräulein – Günther, Oberförster Günther. Ich wollte meine Braut abholen, sie ist doch noch hier?“

„Ah! Schaun’s, wie galant! Herr Oberförster, bitt’, kommen’S nur einer. – Fräul’n May, da ist er, der Herr Bräutigam!“ rief sie Aenne zu, die ganz erstaunt in ihrem Sessel verblieben war, aber trotz der tiefen Dämmerung deutlich die hohe breite Gestalt ihres Verlobten erkannte.

„Guten Abend, Aenne,“ klang seine Stimme, „ich traf eben Tante Emilie auf der Straße, sie wollte hierher, um dich abzuholen, und ich bat, mir dies zu überlassen – es ist dir hoffentlich recht?“

Sie erhob sich langsam. „Ja!“ antwortete sie halb erstickt. In diesem Augenblick glühte die Flamme der Lampe unter der Hand der Sängerin auf, die Blicke des Brautpaares begegneten einander. „Wie blaß sie aussieht,“ dachte er, „es ist ihr unlieb, daß ich hinter ihr kleines Geheimnis gekommen bin.“

Sie dachte nichts, fühlte nichts als die ungeheure Schuld, die sie ihm gegenüber trug.

„Aber da setzen S’ Ihn’n do no a bisserl,“ bat Fräulein Jeannette, „hat’s denn gar so große Eil’, Herr von Günther? Kann i Ihn’n an Liqueur anbiet’n – gelt, ja? Setze S’ Ihn’n doch!“ Sie kam schon mit einem eleganten Liqueurkästchen an, das sie öffnete, und wies auf die Flasche, „Benediktiner? Chartreuse? Creme de Cacao? oder Anisette? Was möcht’n S’?“ rief sie fröhlich. „Aennerl, wollen S’ net a –?“

Der Oberförster wandte langsam seinen Blick von dem schönen Mädchen im roten Plüschhauskleid, mit dessen langer Schleppe Azorl spielte, zu Aenne hinüber. Sie hatte nicht wieder Platz genommen und stand hinter ihrem Stuhl in ihrem schwarzen Wollkleid, das nur durch einen einfachen weißen Leinwandkragen geschmückt war, einen peinlichen Zug um den Mund; die Röte kam und ging auf ihrem Gesicht. Er trank das Gläschen aus, das ihm gereicht worden. „Auf Ihr Wohl, Fräulein! Aber nehmen Sie es nicht übel, wenn wir aufbrechen, ich habe noch Wichtiges mit meiner Braut zu besprechen – wegen der Hochzeit, wissen Sie; der Herzog reist am dreißigsten Dezember heim, eben erfuhr ich’s auf der Jagd von ihm selbst.“

„Also endli a Aussicht, daß man wieder ins Städterl kummt!“ rief die Sängerin und schlug jubelnd die Hände zusammen. „Gott sei Dank, daß wir aus dem Räubernest erlöst wer’n! Wie wird sich’s Mutterl freu’n! Mir is nur um ans lad, um die da“ – sie wies auf Aenne, die mit großen angstvollen Augen auf den Oberförster starrte – „von der trenn’i mi schwer, Herr Oberförster, sie is a Gold, a reins Gold und ’a Stimm’ hat’s – – i hab’ schon immer dacht, der Herr Oberförster, der versteht’s, er schießt net allein die Hirscherln, er fangt a sogar die Nachtigall’n!“

Aenne wandte sich hastig um und legte ihre Sachen an. Als sie der Hochleitner die Hand reichte, sah sie aus wie eine, die entschlossen ist zu irgend etwas Verzweifeltem. „Gute Nacht!“ sagte sie heiser und ging nach der Thür, an Günther vorüber, diesen noch ein paar Minuten unter dem Wortschwall der Sängerin lassend. An der Pforte des Vorgärtchens wartete sie auf ihn.

Es war jetzt völlig Abend geworden, aber der Schnee verbreitete eine bläuliche Helle auf der Straße, in welche die erleuchteten Fenster der Wohnungen rötlichgelb hineinflammten. Eine große Ruhe lag über der verschneiten Welt.

Jetzt trat er aus der Thür und kam die Stufen hinunter, sie erkannte, daß er noch den Jagdanzug trug, die hohen Stulpenstiefeln und die Joppe. Er mochte auf die Nachricht von der bevorstehenden Abreise des Herzogs hin nur die Büchse ins Haus gestellt haben, um ihr die Kunde zu bringen, da hatte er Tante Emilie getroffen. Aber, wie um alles in der Welt, wußte die von ihrem Besuch bei der Hochleitner? –

„Komm, Aenne, wir nehmen den Umweg an der Waldstraße entlang,“ bat er.

Sie fügte sich, stumm gingen sie nebeneinander, er auf der Fahrstraße, sie auf dem schmalen Trottoir. Als die letzten Häuser hinter ihnen lagen und der Waldpfad begann, der auf dieser Seite längs des Städtchens bis zum Schloß hinauflief, machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er ihren Arm in den seinen ziehen, aber sie wich mit gesenkten Augen zur Seite.

„Aenne“, sagte er endlich, und trotz der großen Stille, die sie umgab, klang es undeutlich, wie von tiefer Erregung gedämpft, „Aenne, freust du dich nicht auch ein wenig? – – Hast noch immer Angst vor mir? Bin ich dir noch immer so fremd? – Ja sieh, unser Brautstand, der – der war nicht, wie er sein sollte; ich hatt’ so wenig Zeit und hab’ auch immer gedacht, ich wollt’ dich nicht quälen, nicht erschrecken oder – hab’ ich’s gethan, Aenne?“

„Nein!“ murmelte sie, „aber – –“

„Aber?“ Es klang wie ein Schrecken aus dieser Wiederholung der Frage.

„Ich hab’ dir etwas zu sagen“ – stieß sie hervor und blieb stehen. Es war just unter einer riesigen Eiche, die ihre knorrigen beschneiten Aeste in die Luft streckte wie drohend erhobene Hände, wie verzweifelte Menschenarme.

„Noch etwas zu sagen? Jetzt noch?“ fragte er langsam.

Durch ihre junge schlanke Gestalt ging ein Wanken. Er streckte den Arm aus und zog sie an sich, daß sie fest an seiner Brust lehnte. „Nun sprich,“ sagte er.

„Nicht so! Nicht so!“ stammelte sie und ein heftiges Schluchzen machte die Worte fast unverständlich. – „Lasse mich,lass’ mich! Ich kann nicht mehr lügen, ich kann nicht!“ „Lügen – du – Aenne?“

Sie hatte sich frei gemacht und stand vor ihm, das Haupt gesenkt, die Hände fest ineinander gefaltet. „Verzeih’ mir,“ sagte sie hart, „ich dachte, es würde gehen, aber es geht nicht, ich fühle es, ich fühlte es schon lange, aber – ich – –“

„Was geht nicht? Daß du mich heiratest, daß du –“

[107] Sie nickte hastig ein paarmal mit dem blassen verzerrten Gesicht. „Ja!“

„Aenne, und du fühltest das schon lange?“ Er war zurückgetreten, unwillkürlich hatte er den Hut vom Kopfe gerissen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

„Schon immer, ja,“ sprach sie weiter, „ja, gleich von vornherein. – Aber ich wollte doch – weil – das ist ja gleich. Nun will ich nicht mehr, und wenn du darauf bestehst, dann – ja – aber was danach kommt, das trage du auch! Du kannst’s durchsetzen, ja, aber thu’s nicht – thu’s nicht – ich bitte dich, es wird schrecklich, es – –“

Sie sank plötzlich in die Knie; mit ihrer Kraft war es vorbei. Er bückte sich und hob sie empor. „Warum drohst du mir?“ fragte er leise, „was denkst du von mir? Hast du vergessen, was ich dir einst sagte?“

Nicht weit von der Eiche, auf einem schmalen Weg, der in den Wald führte, stand eine Bank, er trug sie dorthin, sie war ihrer zitternden Glieder kaum Herr. Und wie schon einmal hob er sie auf seinen Schoß und hielt ihren Kopf an seiner Brust.

„Nun sage mir alles“, bat er, „du kannst mir vertrauen. Ich habe dich ja groß werden sehen und bin dir ja sonst nicht fremd.“

„Sei nicht so gut zu mir!“ schrie sie auf, „ich kann es doch nicht, was du willst – gieb mich frei – lass’ mich –!“

„Du bist frei, Aenne,“ sagte er und ließ den Arm sinken, „und wenn du mir dein Vertrauen nicht schenken kannst, dann will ich ohne Fragen mein Geschick hinnehmen. Komm, steh auf!“

Aber sie vermochte nicht, sich zu erheben, unter den schmerzdurchzitterten Worten des Mannes war sie in ein wildes Schluchzen ausgebrochen. „Verzeih! Verzeih! Verzeih!“ wiederholte sie in diesem Paroxysmus von Verzweiflung und Reue – „frage mich nicht, ich bin so schlecht, so schlecht!“

„Nein, Aenne, du bist nicht schlecht, du liebst mich nur nicht! Hast es vielleicht geglaubt, mich zu lieben – damals, als du ,Ja!’ sagtest auf meine Bitte, und hast dich geirrt. Du bist noch so jung, und ich muß mir Vorwürfe machen, daß ich die Hand nach dir ausstreckte. Weine nicht, armes Kind, du bist nicht schlecht!“

Sie hörte auf zu schluchzen. Ihr Kopf lag an seiner Schulter und er streichelte ihr Haar und etwas wie süße wohlige Erschlaffung überkam sie nach all dem Jammer. Ein grenzenloses Vertrauen zu diesem guten selbstlosen Menschen mit dem edlen schlichten Wesen, den sie so unerhört gekränkt hatte, schmolz ihren Trotz, schmolz ihre Kälte, ihre Verschlossenheit, sie fühlte den Drang, ihm alles zu gestehen, ihr ganzes Herz zu entlasten. „Ich will es dir sagen,“ flüsterte sie kindlich in sein Ohr. „Sieh, ich war trotzig, war krank im Herzen – ich hatte ihn so lieb, und wie er die andere nahm, da wollt’ ich ihm zeigen, daß“ – sie stockte, sie fühlte sich plötzlich auf den Füßen stehen, an den Schultern gepackt und geschüttelt von der Hand eines Rasenden.

Gespielt mit mir – mit mir? – du! du!“ stieß er hervor. Dann ließ er sie jählings los, daß sie taumelnd zu Boden sank, und dort blieb sie auf den Knien liegen und starrte von Entsetzen gelähmt zu dem Manne hinüber.

Er war auf die Bank zurückgesunken. Die Hände ineinander verschlungen, in vorgebeugter Haltung saß er da und sah zu Boden. Aenne wußte nicht, wie viele Minuten. Endlich stand er auf, nahm den Hut aus dem Schnee. „Komm!“ sagte er mühsam, „hier kannst du nicht bleiben.“

„Hermann!“ schrie sie und rutschte auf den Knien zu ihm hinüber. „So hatte ich es ja nicht gemeint! Daran hatte ich nicht gedacht!“

„Steh auf,“ unterbrach er sie, „ich bin dir ja dank schuldig, daß du den Mut noch gefunden hast mich aufzuklären, den Mut der Verzweiflung in der letzten Stunde!“ Er half ihr, sich emporzurichten. „Du machst’s mir leicht, das Scheiden! Komm, die Eltern werden dich vermissen.“

„Die Eltern!“ stammelte sie. „Die Mutter!“

„Hast Angst, vor sie zu treten mit deinem Geständnis?“ fragte er bitter, ohne sie anzusehen. „Nun – – dann werde ich dir das abnehmen. Fürchte nichts, ich verrate nichts von dem – dem andern, werde ihnen nur sagen, daß es uns beiden nach reiflicher Ueberlegung ratsam scheine, zu scheiden – daran müssen sie sich genügen lassen!“

Sie waren nach raschem Wandern jetzt auf den Schloßplatz getreten und angesichts der erleuchteten Fenster ihres Elternhauses überkam es Aenne wie ein Fieberschauer, da ihr das Unerhörte ihres Benehmens diesem Manne gegenüber klar wurde. Sie blieb vor ihm stehen und hob die gefalteten Hände empor – er ging vorüber, als sähe er ihr Gebaren nicht.

„Willst du mir nie verzeihen?“ rief sie und erfaßte den Aermel seines Jagdrockes mit zitternden, krampfhaften Fingern, „du weißt ja nicht, was ich gelitten!“

Sein Fuß stockte noch einen Augenblick, der Aermel entglitt ihrer Hand. Er schritt die Stufen hinauf, öffnete die Hausthür und trat zur Seite, um sie einzulassen „Leb’ wohl, Aenne,“ sagte er ernst, indes sie an ihm vorübereilte in stürmischer Hast, kaum wissend, wie sie durch den Flur kam und die Treppe empor.

Als die Rätin aus der Stube ihres Mannes schaute, um zu sehen, wer eingetreten sei, erblickte sie im schwachen Schein des Flurlämpchens nur den Oberförster, der regungslos dastand, den Hut auf dem Kopfe, die Hände im Jagdmuff, und zu der Treppe hinüber starrte.

„Herrgott – du bist es, Günther? Hast du Aenne nicht gesehen?“ rief sie. „Ums Himmels willen, es ist ihr doch kein Unglück geschehen?“

Da wandte er sich schwerfällig um, nahm den Hut vom Kopfe mit einer müden Bewegung und sagte: „Ich habe sie gesehen und gesprochen, sie ist eben nach oben gegangen. – Und jetzt möchte ich mit Ihnen reden, Frau Rat, und mit Ihrem Manne.“

Sie schwieg betroffen von seinem Aussehen, seiner Stimme, und bedeutete ihn durch eine Handbewegung, einzutreten.

„May“, sagte sie gepreßt ins Zimmer hinein, „Günther hat uns etwas mitzuteilen.“

(Fortsetzung folgt.)


Goethes „Schöne Mailänderin“.
(Mit dem Bildnis auf Seite 101.)

Durch den Eifer und das Finderglück eines für Goethe begeisterten Italieners ist soeben die Galerie der Mädchen und Frauen, die auf Goethes Herz und Dichtung Einfluß gewannen, um ein interessantes reizvolles Bildnis vermehrt worden. Und zwar zeigt uns das von Angelika Kauffmann stammende Gemälde die Züge eines Weibes, dessen Leben, ja dessen Name bis in unsere Tage in völliges Dunkel gehüllt blieb, während es doch von allen Italienerinnen, die den für Italien so eingenommenen Dichter entzückten, die einzige war, die eine tiefe, ernste Neigung in ihm geweckt hat. Ohne ihren Namen zu nennen, hat Goethe später seine Beziehungen zu dem schönen Mädchen in dem Buche „Italien“ aus der Erinnerung dargestellt, und wie er sie dabei kurz als die „schöne Mailänderin“ bezeichnete, so ist sie als die „schöne Mailänderin“ unsterblich geworden. Da gelangten vor einigen Jahren zwei Goetheforscher, der Italiener Carletta und der Deutsche Adolf Stern, fast gleichzeitig zu der Feststellung, daß die von Goethe gefeierte – Maddalena Riggi geheißen habe. Und diese erste Entdeckung führte Carletta in Rom zu der zweiten, welche die Leser der „Gartenlaube“ heute in die Lage versetzt, die „schöne Mailänderin“, wenn auch etwas älter als der Dichter sie sah, im Bilde kennenzulernen. Darüber, wie er zu dem Funde gelangte, hat er im Januarheft der „Vita Italiana“ das Nähere mitgeteilt.

Goethe hatte bereits ein Jahr lang in allen Gegenden Italiens seine heiße Sehnsucht nach der Heimat seiner Kunstideale befriedigt, als er im Oktober 1787 während eines Landaufenthalts in der Umgebung von Rom die Bekanntschaft von Signorina Riggi machte. Eine arbeitsreiche Zeit lag hinter ihm. Neben dem unermüdlichen Studium der herrlichen Kunstschätze Italiens war die klassische Neugestaltung seiner „Iphigenie“, seines „Egmont“ einhergegangen, hatte er im Wetteifer mit den in Rom ansässigen deutschen Malern, vor allem mit der ihm tiefsympathischen Malerin Angelika Kaufmann, die als Gattin des Malers Zucchi seit langem in Rom lebte, die Ausbildung seines Talents zur Malerei sich angelegen sein lassen. Dabei quälten ihn Zweifel, ob die Malerei nicht sein eigentlicher Beruf sei. Als er eines schönen Herbsttags der Einladung des ihm befreundeten englischen Kunsthändlers Jenkins folgte, dessen Villeggiatur in Castel Gandolfo zu teilen, weitete eine fröhliche Ferienstimmung sein Herz. Wie er berichtet, hatte er sich [108] „zeither bis zur trockenen Unhöflichkeit von den Frauen ferngehalten“, jetzt fand er sich bereit, in ungezwungenem Behagen an der harmlos heiteren Geselligkeit teilzunehmen, die sich in dem geräumigen Palazzo des Gastfreundes ihm darbot. Die Gegend, welche Castel Gandolfo beherrscht, ist eine der großartigsten und zugleich lieblichsten von ganz Italien. Das Städtchen liegt auf einer Anhöhe zwischen Albano und dem Albaner See, zu Füßen des dichtbewaldeten Monte Cavo, so daß der Blick ungehemmt über das weite Trümmergefild der Campagna schweifen kann. Der Dichter hatte sein Malgerät mit herausgebracht, bald aber fand er die Geselligkeit in dem Jenkins’schen Freundeskreise, zu dem auch Angelika zählte, so anziehend, daß er die vergeblichen Versuche bald aufgab, die hier waltende Schönheit der Natur sich als Maler zu eigen zu machen. Er that es als Dichter, und der ihm die Binde von den Augen nahm und ihn aufklärte über seinen Beruf, das war Amor, der heitere Gott, der von Anbeginn Goethes Lehrmeister in der Dichtkunst gewesen!

So hat er selbst die epochemachende Wandlung in dem prächtigen Gedicht dargestellt, das damals entstanden ist. „Amor als Landschaftsmaler.“ Er schildert darin sich selbst, auf einem Felsen sitzend und müßig in den Nebel starrend, der seinen Blicken die Landschaft verbirgt. Da tritt Amor zu ihm und schilt ihn ob seines Müßiggangs. Er müsse ihm zu Hilfe kommen und ihn ein hübsches Bildchen malen lehren. Dabei streckt er den rosenroten Zeigefinger in die Luft und beginnt zu malen – eine entzückende Landschaft mit blauen Bergen in der Ferne, mit grünen Hainen und blumigen Wiesen, und mitten auf einer derselben ein „allerliebstes Mädchen“,

„Wohlgebildet, zierlich angekleidet,
Frische Wangen unter braunen Haaren,
Und die Wangen waren von der Farbe
Wie das Fingerchen, das sie gebildet.“

Und nun bringt der Hauch des Gottes auch Leben in das Bild, die Wipfel der Bäume, die Wellen des Flusses beginnen sich zu kräuseln, das Mädchen erhebt sich und kommt auf ihn zu.

„Da nun alles, alles sich bewegte,
Bäume, Fluß und Blumen und der Schleier
Und der zarte Fuß der Allerschönsten,
Glaubt ihr wohl, ich sei auf meinem Felsen
Wie ein Felsen still und fest geblieben?“

Die „Allerschönste“, die sich so dem Dichter zum Genius der heiteren Anmut seiner Umgebung verkörperte, ihn wieder zum naiven Dichter machte, zugleich sein Herz zur Leidenschaft entflammend, stammte aus Mailand, lebte aber, verwaist, seit kurzem in Rom bei ihrem Bruder, der im Geschäft des Mr. Jenkins einen Vertrauensposten bekleidete. Als Goethe sie zuerst sah, war sie in Gesellschaft einer jungen Römerin, neben welcher ihr blonderer Schönheitstypus besonders hervortrat: „dunkelbraune Haare die Römerin, hellbraune die Mailänderin; jene braun von Gesichtsfarbe, diese klar, von zarter Haut, diese zugleich mit fast blauen Augen, jene mit braunen, die Römerin einigermaßen ernst, zurückhaltend, die Mailänderin von einem offenen, nicht sowohl ansprechenden als anfragenden Wesen.“ Mehr noch als ihre Schönheit übte die geistige Regsamkeit und Zutraulichkeit dieses Mädchens, das erst der Zufall, dann der eigene Wunsch gleich nach der ersten Begegnung wiederholt zu seiner Nachbarin machte, auf ihn einen bezwingenden Zauber aus. Schon war der Achtunddreißigjährige im Begriff, seiner Empfindung gegen sie offene Sprache zu leihen, da brachte ihn ein Zufall zur jähen Erkenntnis, daß er sich in die Braut eines andern verliebt hatte. Die Erschütterung seines Gemüts war so stark, daß er sogleich die Gesellschaft verließ und auch noch an den folgenden Tagen auf weiten Spaziergängen die Einsamkeit suchte.

Aber die Erinnerung an früher Erlebtes half ihm, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Sollte ihn in Rom nochmals das Schicksal treffen, das er in seinem „Werther“ einst hatte darstellen müssen, in dem Rom, das er aufgesucht, um sein von der Leidenschaft für Charlotte von Stein noch krankes Herz in einem nur der Kunst geweihten Leben gesunden zu lassen? Angelika Kauffmann ward die Vertraute dieser Herzenskämpfe, aus denen der Dichter bald genug als Sieger hervorging. Es gelang ihm, für den Verkehr mit Maddalena wieder den Ton der anfänglichen Harmlosigkeit zu finden, doch hat er bis zu seiner Abreise nach der Heimat nicht aufgehört, ihr den herzlichsten Anteil zu widmen. Als er später in Rom erfuhr, daß die Verlobung Maddalenas zurückgegangen und sie infolgedessen in schwere Krankheit verfallen sei, sandte er täglich zu ihrem Bruder, um seine Teilnahme zu bekunden. Es war ihm vergönnt, einen guten Ausgang dieser Krisis zu erleben. Und als er schweren Herzens schließlich von Rom aufbrach, war sie es, die ihm noch einmal als guter Genius des geliebten Landes entgegentrat und ihm den Abschied durch ihre reinen Sinnes dargebrachten Segenswünsche verklärte! Ein halbes Jahr später konnte ihm die treue Angelika die Anzeige von Maddalenas glücklicher Verheiratung mit dem jungen Valpato, dem Besitzer einer Porzellanfabrik in Rom, machen, an dessen Seite die schöne Mailänderin in glücklicher Ehe eine treue Römerin wurde.

Als Signora Valpato hat Angelika Kauffmann sie dann gemalt. Die Züge des reizenden Angesichts machen uns den Eindruck begreiflich, den das Mädchen auf unsern großen Dichter in naiver Unbefangenheit ausgeübt hat, nicht minder das poetische Bild, das dieser von ihr als „Schüler Amors“ in Castel Gandolfo entworfen!

Joh. Proelß.


Washington.
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
In Wort und Bild geschildert von Rudolf Cronau.
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Das Weiße Haus und das Jackson-Denkmal.

Unter den Großstädten der Erde ist Washington, die politische Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Nordamerika, unstreitig eine der eigenartigsten. Ihr Ursprung läßt sich nicht, wie derjenige der meisten Städte, auf Handelsinteressen zurückführen, die da oder dort die Anlage größerer Ansiedlungen wünschenswert scheinen ließen; auch ist sie nicht wie mancher andere Platz zu Zwecken der Landesverteidigung gebaut worden, und ebensowenig zählt sie zu der Gruppe solcher Städte, die aus irgend einem Grunde religiöse Bedeutung erlangten. Washington wurde einfach auf Bestellung, und zwar zu Zwecken der Regierung der Vereinigten Staaten, gebaut.

Dies trug sich folgendermaßen zu:

Nachdem im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts die dreizehn englischen Kolonien der Ostküste Nordamerikas sich von der englischen Herrschaft losgerissen und einen selbständigen Staatenbund aufgerichtet hatten, führte die Regierung desselben die ersten zehn Jahre hindurch ein unstetes Dasein. Man hatte sich noch nicht entschieden, wo der Sitz der Bundesregierung sein solle; bald tagte der aus Abgeordneten aller Staaten bestehende Kongreß in New York, bald in Philadelphia, Baltimore, Trenton oder Annapolis. In Philadelphia ereignete es sich im Jahre 1783, daß ein Pöbelhaufen eines Tages in die Sitzungsräume des Kongresses drang und die Mitglieder desselben verjagte. Die Thatsache, daß die Behörden der Stadt keine Anstalten trafen, um den Kongreß gegen derartige Vorkommnisse zu schützen, rief das Verlangen wach, daß derselbe einen Zusammenkunftsort besitzen möge, über den ihm allein die Verfügung und Gerichtsbarkeit zustehe. Dieser Gedanke fand allgemein Zustimmung und

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Washington, vom virginischen Ufer aus gesehen.

von seiten der Staaten Maryland und Virginien insofern thätige Unterstützung, als dieselben freiwillig eine 100 englische Quadratmeilen umfassende Strecke Landes kostenlos zur Verfügung stellten, damit der Bundeskongreß daselbst eine Stadt baue, die fortan als der von den Einzelstaaten unabhängige Sitz der Bundesregierung betrachtet werden solle. Die Ehre, den Platz auszusuchen, übertrug man dem Präsidenten George Washington, der sich für eine an der Mündung des Anacostia in den Potomacfluß gelegene Stelle entschied, die im Jahre 1791 unter dem Namen „Territory of Columbia“ abgegrenzt wurde.

Es galt nun, den Plan zu der Bundeshauptstadt zu entwerfen. Mit dieser Arbeit wurde ein im Regierungsdienst befindlicher französischer Ingenieur Namens L’Enfant beauftragt. Das schon damals in Amerika immer mehr zur Annahme kommende, von den Spaniern den aztekischen und altperuanischen Städteanlagen entlehnte System, die Städte in Form eines Schachbrettes anzulegen, hatte sich zu sehr bewährt, als daß L’Enfant davon hätte abstehen dürfen. Indem er die rechtwinklig einander durchschneidenden Straßen und die gleichmäßig großen Häuservierecke dieses Systems beibehielt, verband der Franzose damit aber das bei den Parkanlagen seiner Heimat, in Versailles und dem Bois de Boulogne, angewendete System, verschiedene Stellen zu Ausgangspunkten breiter, nach allen Richtungen der Windrose ausstrahlender Alleen oder Avenuen zu machen, welche die rechtwinklige Anordnung des Stadtplans durchschneiden. Solche Centren wurden vor allem diejenigen Stellen, wo das dem Kongreß zum Versammlungsort dienende „Kapitol“ und das dem Präsidenten der Regierung zum Wohnsitz dienende „Executive Mansion“ ausgeführt werden sollten. Andere Centren sind von öffentlichen Parks umgeben. Vom Kapitol strahlen zehn, vom Hause des Präsidenten sieben breite Avenuen aus und führen nach den anderen Centren hin, so daß auch die letzteren als Ausgangspunkte derselben angesehen werden können. Alle Avenuen eröffnen reizende Fernblicke auf das Kapitol, das Haus des Präsidenten oder auf prächtige Reiterstatuen, die aus schöngepflegten Anlagen emporragen.

Leider ward der großartigste Teil des von L’Enfant entworfenen Planes nicht in der von ihm gewünschten Weise durchgeführt. Es hatte in seiner Absicht gelegen, vom Kapital aus eine 130 m breite Triumphallee nach dem 1½ km entfernten Potomacfluß zu führen, wo auf einem Hügel ein mächtiges Reiterstandbild des Präsidenten Washington errichtet werden sollte. Zu beiden Seiten der Allee waren 300 m breite Parkanlagen gedacht, in deren Hintergrund die von der Regierung zu bauenden Ministerialgebäude zu stehen kommen sollten. Gewaltige Kaskaden, kleine Seen und Bildsäulen berühmter Männer sollten über den Park gleichmäßig verteilt werden. Hätte man diesen Plan, der von den Nachfolgern des Franzosen leider nicht verstanden wurde, durchgeführt, so würde Washington eine Sehenswürdigkeit erhalten haben, wie sie großartiger und eindrucksvoller keine Residenz der Welt bietet.

Aber auch trotz des Fortfalles dieser Triumphallee ist Washington eine der schönsten Städte der Welt geworden. Dazu trug vor allem der Umstand bei, daß L’Enfant sämtliche Straßen in einer nicht bloß den Verhältnissen seiner Zeit, sondern den Bedürfnissen späterer Geschlechter entsprechenden Breite angelegt hatte. Beträgt doch die Durchschnittsbreite der Straßen 30, die der Avenuen hingegen 50 m. Dabei besitzen die fast durchweg mit Asphalt belegten Straßen 3 bis 5 m in breite Fußstege und zwischen diesen und den fast stets nur für eine Familie berechneten Häusern mehr oder minder breite Rasenplätze und Gartenanlagen. Sämtliche Straßen mit Ausschluß natürlich der Geschäftsstraßen haben doppelte Reihen von Schattenbäumen, die Avenuen hingegen, wie z.B. die 7 km lange Massachusetts Avenue, haben gar vierfache Reihen von Linden, Platanen, Sykamoren, Kastanien und anderen Baumarten. In wie reichem Maße dieser Baumschmuck zur Anwendung gekommen ist, ergiebt sich aus dem Umstand, daß Washington gegenwärtig zwischen 75- und 100 000 Schattenbäume besitzt, die besonders im Frühling dem Stadtbild einen überaus lieblichen Anblick verleihen. Auch jene stumpfen Ecken und spitzen Winkel, die dort entstanden, wo die Avenuen die Straßen durchschneiden, haben ziergärtnerischen Schmuck, welcher phantastischen Blumenvasen, Springbrunnen oder Bildsäulen zur Folie dient.

Sein eigenartiges Gepräge erhält Washington aber doch erst durch die zahlreichen großartigen Regierungspaläste, die hauptsächlich über den westlich vom Kapitol gelegenen Stadtteil verstreut sind. Der Bau der meisten dieser eindrucksvollen Gebäude fällt in das letzte Jahrzehnt des vorigen und den Anfang dieses Jahrhunderts, wo eine große Vorliebe für altgriechische und altrömische Architektur, Dichtung und Tracht sowohl Europa wie Amerika beherrschte. Diese Vorliebe war beim Präsidenten Washington besonders stark ausgeprägt, und seinem Einfluß dürfte es hauptsächlich zuzuschreiben sein, daß alle damals aufgeführten Regierungsgebäude in streng klassischem Stil errichtet wurden. Thatsächlich haben in verschiedenen dieser Paläste die herrlichsten Tempelbauten Altgriechenlands ihre Auferstehung gefeiert. So ist beispielsweise das Gebäude des Ministeriums des Innern eine getreue Wiederholung des Parthenon, das Gebäude der Generalpostverwaltung ist eine Kopie des Theseustempels, das Schatzamt die des Minervatempels. Auch das städtische Rathaus, ferner das vom Präsidenten bewohnte „Weiße Haus“ sind im klassischen Stil gehalten, so daß ein begeisterter Reiseführer mit Recht behaupten [110] durfte, Washington allein besitze mehr klassische Säulenfronten als ganz Griechenland.

Der Preis unter diesen Architekturwerken gebührt unstreitig dem Kapitol, das, einem von Titanen aufgeführten Wunderbau gleich, von einem 30 m hohen Hügel Umschau über die ganze Stadt und das weite, vom Potomac durchzogene Gelände hält. Aus saftig grünen Parkanlagen emporwachsend, haben seine gewaltigen Marmormassen nur den wundervollen Himmel des Südens zum Hintergrund, in dessen tiefes Blau die 87 m hohe, von Säulengängen umgebene Kuppel des Doms hinaufragt, um hoch droben noch eine 6 m große, 7490 kg schwere Bronzefigur der Freiheitsgöttin zu tragen.

Die architektonischen Schönheiten des Kapitols, seine herrlichen Säulenfluchten, welche gleich einem schützenden Wald alle Seiten des Bauwerks umgeben, die kostbaren Bronzethüren, welche den Eingang ins Innere gestatten, und die gewaltige Rotunde des Doms auf kurzem Raum zu schildern, ist ebenso unmöglich, wie all die unzähligen, die wichtigsten historischen Vorgänge des Landes darstellenden Gemälde und die vielen Standbilder der um das Land verdienten Helden aufzuzählen, die das Innere des Kapitols schmücken und es zu einem wahren Nationalmuseum amerikanischer Geschichte machen. Ansichten des Kapitols bieten unsere Bilder auf S. 104 und 105 sowie 109, außerdem bringen wir den Senatsflügel als ein Beispiel der Bauart der Washingtoner Regierungsgebäude auf S. 111 zur Darstellung.

Von den beiden Haupträumen des Kapitols gewährt der 24 zu 34 m messende Saal des Senats 90 Senatoren, der 28 zu 42 m messende Saal des Repräsentantenhauses 390 Abgeordneten Sitzgelegenheit, wobei die dem Publikum eingeräumten Galerien 1200 bezw. 2500 Personen fassen. In diesen beiden Sälen finden jene Debatten statt, deren Nachhall selbst in Europa oft genug verspürt wird und am besten für die bedeutungsvolle Stellung spricht, welche die Vereinigten Staaten trotz ihres jungen Daseins sich bereits in dem allgemeinen Völkerkonzert errungen haben.

Die im Kapitol tagenden Volksvertreter bilden den gesetzgebenden Teil der Regierung, die ausübende Gewalt ruht in den Händen des alle vier Jahre zu erwählenden Präsidenten, der im „Executive Mansion“ oder „Weißen Hause“ seinen Wohnsitz hat. Wer in diesem vielgenannten Bauwerk sich ein Schloß, einen Palast nach europäischem Muster denkt, dürfte enttäuscht sein, denn das „Weiße Haus“ hat außer seinen wohlgepflegten Parkanlagen und seinem von ionischen Säulen getragenen Portikus keinen weiteren Schmuck und erinnert mehr an das Heim eines reichen südlichen Pflanzers, der in stiller Zurückgezogenheit sich des hart erkämpften Gutes freut. Die reizenden Parkanlagen, die das Weiße Hans umgeben, umfassen eine Fläche von 30 Hektar; vor ihm liegt der Lafayette Square mit dem Reiterdenkmal Andrew Jacksons, des siebenten Präsidenten der Republik.

Außer diesen Sehenswürdigkeiten, die Washington zum Mekka jedes Amerikareisenden machen, besitzt die Stadt noch zahlreiche andere. Wer sich für die Urgeschichte, Tier- und Völkerkunde der Neuen Welt interessiert, wird reichlich befriedigt durch die im Nationalmuseum und dem Smithsonschen Institut befindlichen Sammlungen. Bücherfreunde finden in der gegen eine Million Bände umfassenden Kongreßbibliothek die seltensten Werke, wer nach geschichtlich interessanten Stätten zu pilgern wünscht, mag seine Schritte dorthin lenken, wo die Märtyrerpräsidenten Lincoln und Garfield unter den Kugeln der Meuchelmörder dahinsanken. Er mag das liebliche Mount Vernon aufsuchen, wo George Washington lebte und starb, oder er mag sich im Schatten der Anlagen des herrlichen Soldatenheims oder des Friedhofs von Arlington ergehen, auf welchem 16000 im Bürgerkriege gefallene Soldaten ruhen. Prachtvoll ist der Anblick der Stadt von dem virginischen Ufer. Im Vordergrunde am silbernen Spiegel des Potomac ragt das dem Andenken des edlen Gründers der Vereinigten Staaten gewidmete Washington-Monument empor, ein 159 m hoher, über 80 Millionen Kilogramm schwerer Marmorobelisk, in dessen Hohlraum Treppen und ein Aufzug bis zum Gipfel des Monuments führen, wo ein überwältigend großartiger Rundblick über die im Grün gebettete Stadt den Ausschauenden belohnt.

Doch werfen wir jetzt auch einen Blick auf die Bevölkerung der Bundeshauptstadt! Das ganze Lebenselement derselben ist die Politik. Ruht diese während der Sommermonate, so ist auch die Stadt verödet und tot, steigt aber am ersten Montag des Dezember auf beiden Flügeln des Kapitols das Sternenbanner in die Höhe zum Zeichen, daß der Kongreß seine Sitzungen wieder aufgenommen, so atmet die Bewohnerschaft Washingtons freudig erregt auf, denn nun ist der lange Sommerschlaf vorüber und es beginnt eine neue lebensfrische Thätigkeit. Alle Schauläden werden aufgeputzt, die großen Gasthöfe präsentieren sich in neuem Glanz, die Theater, die so lange leer standen, bevölkern sich wieder, denn mit der Rückkehr der Kongreßmitglieder stellen sich auch deren Familien sowie die Fremden wieder ein, die während des Sommers das tropisch heiße Washington ängstlich gemieden haben.

In Bezug auf seine Bevölkerung ist wohl kaum eine Stadt der Erde so eigenartig gestellt wie Washington, wohl keine wechselt so unablässig und gründlich ihre Bewohner. Da ist ein ewiges Kommen und Gehen, ein beständiges Ein- und Ausziehen wie in einem großen Gasthof oder vielbesuchten Badeort Personen, die eine Zeit lang in Washington lebten und einen ausgedehnten Bekanntenkreis erwarben, würden, wenn sie nach mehrjähriger Abwesenheit hierher zurückkehrten, bitter enttäuscht sein. und sich vergeblich nach bekannten Gesichtern umschauen. Fremde sind an ihre Stelle getreten die „Löwen“, welche damals die „Gesellschaft“ beherrschten, sind in alle Lande verstreut und haben ihre Plätze anderen Personen überlassen.

Dieser Wechsel steht mit dem Regierungssystem der Vereinigten Staaten in Zusammenhang. Dasselbe kennt kein ständiges Beamtentum in europäischem Sinne. Beamter wird, wer Lust dazu und politisch einflußreiche Gönner besitzt, die Fürsprache für ihn erheben. Tritt, was alle vier Jahre zu erwarten ist, ein Präsidentenwechsel ein, so muß der Beamte gefaßt sein, über kurz oder lang von einem Nachfolger verdrängt zu werden, der unter den dem neuen Präsidenten befreundeten Personen mächtigere Fürsprecher hat. Besonders gründlich ist die Umgestaltung, wenn auf einen republikanischen Präsidenten ein demokratischer folgt oder umgekehrt. In diesem Fall betrifft der Wechsel fast sämtliche Beamte vom Staatsminister bis zum letzten Dorfpostmeister und Zolleinnehmer hinab. Ein solcher Umschwung vollzieht sich auch gegenwärtig, denn am 4. März wird der Republikaner Mc Kinley den Demokraten Cleveland in der Präsidentschaft ablösen.

Da das in Washington beschäftigte Beamtenheer gegen 15000 Personen umfaßt, von denen viele von ihren Familien begleitet sind, die alle bei einem Verlust ihrer Stellen möglichst schnell in die Heimat zurückkehren, da ferner auch aus dem Senat und Abgeordnetenhause alljährlich eine bestimmte Zahl von Mitgliedern ausscheidet, um neu eintretenden Platz zu machen und da endlich unter den in Washington beglaubigten Vertretern der auswärtigen Regierungen Versetzungen häufig sind, so kann man leicht ermessen, welch gründlicher Umgestaltung das gesellschaftliche Leben der Bundeshauptstadt unterworfen ist.

Der Hauptteil desselben drängt sich auf die zwischen Neunjahr und Ostern gelegenen Wochen zusammen. Natürlich bilden die offiziellen Empfänge des Präsidenten sowie die von ihm veranstalteten Staatsdiners die Glanzpunkte, aber auch von seiten der anderen offiziellen und nichtoffiziellen Gesellschaft wird nicht selten ein außergewöhnlicher Aufwand getrieben. Fälle, wo ein einzelner Senator auf den Blumenschmuck seiner Empfangsräume an einem Abend Tausende von Dollars verwendete oder es sich 10 000 Dollars kosten ließ, um seine Gäste mit den gesanglichen und musikalischen Leistungen der erlesensten Koryphäen zu unterhalten sind durchaus nicht vereinzelt. Dabei sind derartige Veranstaltungen die „Receptions“, „Musicals“, „Dinners“, „Suppers“ und „five o’clock teas“, so häufig, daß man tiefes Mitgefühl mit den Aermsten empfindet, deren Stellung sie dazu verpflichtet, inmitten der hochgehenden Wogen dieses gesellschaftlichen Treibens zu schwimmen. Dasselbe erhält allerdings dadurch einen eigenartigen Reiz, daß die Teilnehmer im wahrsten Sinne des Worts kosmopolitisch zusammengewürfelt sind. So veranschaulichen die aus allen Teilen des weiten Landes kommenden Kongreßmitglieder mit ihren Damen sämtliche Typen des Amerikanertums. Da sind hagere Yankees aus den Neu-Englandstaaten und [111] robuste Gestalten aus dem fernen Westen, welch letztere sich durch eine Vorliebe für breitrandige Schlapphüte und Buffalo-Bill-Locken verraten. Dem Süden entstammen chevalereske Pflanzer, deren Gesichtern man sehr wohl die spanische oder französische Abstammung anmerkt. Unter diesen Mitgliedern des Kongresses fehlt es nicht an Leuten, die durch ihre Erscheinung Interesse erregen, besonders unter den Senatoren sieht man prächtige von silberweißen Haaren und wallenden Bärten umrahmte Köpfe, die sich auch über einer römischen Toga stattlich ausgenommen haben müßten. Zu diesen Typen gesellen sich europäische und amerikanische Touristen, Künstler und Gelehrte, Geldleute sowie die Vertreter der auswärtigen Regierungen, die hier in weit größerer Zahl als an europäische Höfen vorhanden sind, da außer den Mächten der Alten Welt sämtliche Freistaaten Mittel- und Südamerikas sowie die Reiche Asiens eigene Botschafter und Gesandte in Washington besitzen.

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Der Senatsflügel des Kapitols.

Einen ganz besonders hervortretenden Bestandteil der Bevölkerung von Washington bilden die Neger, die mit 80 000 Köpfen ein volles Drittel der Einwohnerschaft ausmachen und in hohem Grade dazu beitragen, der Stadt einen südliche Charakter zu verleihen. Unter dieser großen Masse des sogenannten „farbigen Volks“ ist nicht nur die ganze Musterkarte afrikanischer Negerphysiognomien zu finden, sondern auch die all jener Mischlingsarten, die aus Verbindungen zwischen Weißen und Negern hervorgehen und deren oberste Stufen nur noch durch eine matte Farbe sowie gewisse Merkmale an den Nägeln, Lippen und Augen kenntlich sind. Die Thätigkeit dieser Farbigen beschränkt sich nicht bloß auf untergeordnete Beschäftigungen, sondern man findet auch zahlreiche Advokaten, Aerzte und Apotheker unter ihnen. Im Regierungsdienst haben gegen 3000 Neger Verwendung gefunden, desgleichen sind viele farbige Pastoren und Lehrer in den für Neger reservierten Kirchen und Schulen thätig. Washington hat sogar seine schwarze Aristokratie, welche in hocheleganten Villen wohnt und durch zahlreiche Dienerschaft und prächtige Equipagen zu glänzen sucht. Diese schwarzen Aristokraten verdanken ihr Vermögen meist dem außerordentlichen Steigen des Wertes ihres Grundbesitzes. Der Anteil, den die Neger an dem Grundbesitz haben, belief sich im Jahre 1895 auf über 8 Millionen Dollars.

Will man die kosmopolitische Bevölkerung Washingtons auf kurzem Raume zusammengedrängt sehen, so braucht man nur die Anlagen vor dem Kapital mit dem herrlichen Peace-(Friedens-) Denkmal aufzusuchen und den dort beginnenden bis zum „Weißen Hause“ sich erstreckenden Teil der Pennsylvania Avenue entlang zu wandern. Man könnte denselben mit den Berliner „Linden“ vergleichen, nur entbehrt die Pennsylvania Avenue noch jenes weltstädtischen Glanzes, jener großartigen Kaufläden, eleganten Cafés und Restaurants sowie jenes Heeres männlicher und weiblicher „Flaneure“, die für die Berliner „Linden“ so charakteristisch sind. Dagegen stößt man hier auf einen weit größeren Reichtum der verschiedenartigsten menschlichen Typen. Neben Mitgliedern des Kongresses oder des gleichfalls im Kapital tagenden Obersten Bundesgerichts begegnen wir Dutzenden von welterfahrenen Journalisten, die von den hervorragendsten Zeitungen der Welt hierhergeschickt wurden, um auf telegraphischem und brieflichem Wege die wichtigen Vorgänge auf dem vielgestaltigen Gebiet der Politik zu berichten. Neben Armee- und Marineoffizieren stoßen wir auf Weltreisende, sogenannte „Globetrotter“, Erdballtreter, die es selbstverständlich nicht unterlassen, bald nach ihrer Ankunft auf der westlichen Erdhälfte auch einen Abstecher nach Washington zu machen, ohne welchen ihr Reiseprogramm ja unvollständig sein würde. Drüben ladet vor einem Austernkeller ein kohlschwarzer Neger einen Wagen Austern ab und beschmutzt dabei das Wäschebündel eines schlitzäugigen Chinesen, der eben im Begriff stand, eine seiner weißen Kundinnen mit frischer Osterwäsche zu versorgen. Dem ob des Unfalls entbrennenden Streit, der von seiten des Sohnes des Reiches der Mitte in einem wundersamen Kauderwelsch von Chinesisch und Englisch, von seiten des Negers in dem ebenso sonderbar klingenden „schwarz-amerikanischen Dialekt“ geführt wird, sucht ein in der städtischen Polizistenuniform steckender Irländer ein Ende zu machen. Dort auf dem „Sidewalk“, wie man hier den zu deutsch Trottoir benamsten Fußsteig zu nennen beliebt, sind italienische Arbeiter mit Ausbesserungen beschäftigt, halten aber schnell mit ihrem Werk inne, wenn ein Landsmann seinen hohen klävierähnlichen Marterkasten aufstellt und demselben die Weisen der Cavalleria rusticana entlockt. Voll aufgetakelt wie Fregatten, die eben zu frischer Fahrt auslaufen, kommen uns einige Schönheiten entgegen, um plötzlich erschreckt vor einem Trupp in vollem Kriegsschmuck prangender Indianerhäuptlinge zu fliehen, die von den fernen Prairien und Felsengebirgen nach der Bundeshauptstadt kamen, um den Großen Vater, den Präsidenten, zu sehen und einige ihren Stamm betreffende, wichtige Angelegenheiten mit demselben zu besprechen. Weiter begegnen wir jüdischen Kleiderhändlern, deutschen Gastwirten, kubanischen Cigarrenarbeitern, türkischen Zuckerwerkverkäufern, persischen Teppichhändlern usw.

Ein ebenso reichhaltiges Leben entwickelt sich auf den Fahrwegen. Omnibusse, Pferdebahnen, Droschken, Packwagen und Privatfuhrwerke aller Art hasten aneinander vorüber, zwischendurch suchen männliche und weibliche Radfahrer ihren Weg und bekunden beim Ausweichen eine Geschicklichkeit, daß man auf die Vermutung kommen könnte, jedermann in Washington sei ein professioneller Kunstfahrer. In Washington, das mit seinen insgesamt gegen 150 bis 200 km langen vorzüglichen Asphaltstraßen zum Radsport geradezu herausfordert, radelt jung und alt, sowohl der mit Paketen beladene Briefträger wie der Herr Senator.

Man würde sich eines unverzeihlichen Vergehens schuldig machen, wollte man verabsäumen, zu erwähnen, daß Washington auch eine Stadt der Kongresse ist. Abgesehen von den regelmäßigen Sitzungen des Bundeskongresses halten hier unzählige politische, wissenschaftliche und religiöse Verbände ihre Zusammenkünfte ab, wie z.B. der Weltpostverein, die Pan-Amerikanisten, die Mäßigkeitsvereine, die Freunde des allgemeinen Weltfriedens und zahllose andere.

Das alles trägt im Verein mit der absonderlichen Entstehungsgeschichte und dem ebenso eigenartigen, stetig wechselnden Volksleben dazu bei, Washington unter allen Städten der Neuen Welt eine Sonderstellung zu verleihen.

[112]

Die Hansebrüder.

Roman von Ernst Muellenbach (Ernst Lenbach).

(9.Fortsetzung.)

12.

Beim Tode ihrer Eltern war Grete noch zu klein gewesen, als daß sie ihren Verlust gefühlt hätte. Die kindliche Seele, die sich ängstigte, wenn ein flüchtiger Wolkenschatten über den Sonnenschein an der Wand huschte, war über die breiten schwarzen Schatten auf ihrem Lebenswege nichtsahnend hinweg gegangen – wie das zarte Gehör der Fledermaus den leisen, sirrenden Flügelschlag einer Mücke vernimmt, aber von einem plötzlichen Donner nichts zu empfinden scheint. Im zwölften Sommer Gretes kreuzte der Tod wiederum zweimal kurz nacheinander ihre Straße.

Nur „einer Erkältung wegen“ hatte der Professor und Oberbibliothekar Isaak Bernstein sein Kolleg auf eine Woche unterbrochen und die laufenden Geschäfte in der Leitung seiner Bibliothek dem ersten Bibliothekar überlassen. Am vierten Abend dieser Woche besuchte ihn der Doktor Hans Ritter und war angenehm überrascht von dem Befinden des greisen Herrn. Die Erkältung schien völlig behoben zu sein. Der Professor Isaak Bernstein saß behaglich an seinem Tisch, den zwischen vielen Büchern ein von Grete am Nachmittag überbrachter Blumenstrauß schmückte, trank süßen Wein und las in seinem Lieblingsbuch, den Sprüchen Salomonis. Die Glückwünsche Hans Ritters zur Genesung nahm er mit einem fast listigen Schmunzeln entgegen. „Ei ja“, sagte er, „es ist freundlich vom Engel des Todes, daß er zu einem alten Mann ein paar kleine Boten vorausschickt. Man kann sich einrichten, man kann sein Haus bestellen und seine Geschäfte abschließen. Ich bin recht zufrieden mit diesen vier Tagen. Ich habe mich fleißig dazu gehalten und es ist nun alles erledigt!“

Hans Ritter suchte ihm die trüben Ahnungen auszureden.

„Was heißt trübe?“ antwortete der Professor Isaak Bernstein. „Der Allmächtige weiß allein, wann er einen alten Mann abberufen wird, aber dem alten Mann ist es nichts Trübes, daran zu denken. – Schenken Sie sich ein, lieber Kollege. Nun, wenn’s noch länger geht, warum soll ich mich nicht freuen? warum soll ich’s mir nicht behagen lassen, wenn die Trauben in meinem Weinberg noch ’mal für mich reif werden? Aber wenn’s anders geht, warum wollen Sie mir das Herz schwer machen und thun, als ob es eine trübe Sache sei für mich? – Nu, trinken Sie, bitte!“

Nach einer kleinen Weile fügte er hinzu: „Es freut mich, daß ich Ihnen auch über meine Nachfolge im Amt etwas ziemlich Sicheres, na, sagen wir etwas Sicheres verraten kann, natürlich nur im strengsten Vertrauen. Die hohe vorgesetzte Behörde hat mir’s ja auch nicht schriftlich gegeben, unter beigedrucktem Siegel, aber man hat seine Ohren, man kennt seine Leute, und man weiß, was man weiß. Unser guter Doktor Müller, der mich ja jetzt schon vertritt, wird an meine Stelle kommen – nun, und Sie werden in seine Stelle vorrücken, man wird Sie hier im Betrieb lassen, das wird Ihnen auch das Liebste sein. – Nun, sagen Sie nichts, wozu? ich weiß, was Sie sagen wollen, und ich nehm’ ’s für quittiert an.“

Dann holte er eine Zeitschrift herbei, mit einer Kritik über einen kürzlich erschienenen Roman Hans Ritters, und sprach viel Verständiges über Kritik und Roman. „Aber was ich da zufällig noch in der Nummer gefunden habe – Sie haben es wohl übersehen, hier ganz unten, Rubrik Personalnotizen und Auszeichnungen: Der Doktor Johannes Mohr, Mitinhaber und Leiter einer Erziehungsanstalt für Töchter gebildeter Stände, hat von seinem Fürsten den Charakter als Geheimer Hofrat erhalten. Sehen Sie, nun hat er doch einen Charakter, man soll nicht sagen, was aus einem jungen Menschen werden kann, wenn er sich nur Mühe giebt! Nun, der eine hat dies, und der andere hat das, er hat seinen Charakter, und Sie haben Ihr weißes Mädchen. ’s ist ein liebes Kind, es ist schön von ihr, daß sie den alten Onkel Professor besucht hat in seiner Unpäßlichkeit, und wenn ich Sie recht schön bitten darf – nu, warum nicht? man muß an alles denken –, so nehmen Sie sie auch mit, wenn der alte Mann begraben wird. Denn warum? man hat doch immer gern, wenn ein paar dabei sind, denen es Ernst ist.“

Der Doktor Hans Ritter schwieg und drückte herzlich die kleine magere Rechte, die sich ihm über den Tisch entgegenstreckte. Dann kam die Esther mit ihrem Einsatz, sie war nun schon ein paar Jahre Wirtin und eine sehr behäbige Erscheinung geworden: aber sie ließ es sich nicht nehmen, den Herrn Professor selbst weiter zu bedienen wie früher. Es war alles wie früher; und Hans Ritter verließ das Haus mit dem beruhigenden Gefühl, daß der Professor Isaak Bernstein trotz seiner neuartigen, allzu vorsorglichen Gedanken noch keinerlei Ursache habe, den Engel Asrael mehr zu fürchten, als es sich für jeden betagten muntern Herrn schickt.

Vierundzwanzig Stunden später war Isaak Bernstein allem Irdischen entrückt. Ganz plötzlich hatte das alte Herz seinen Dienst eingestellt; und zwei berühmten Leuchten der medizinischen Fakultät, welche man herbeigerufen, blieb weiter nichts übrig, als festzustellen, daß es ein leichter und schmerzloser Tod gewesen sei, der den greisen Schriftgelehrten heimholte, eben als die drei ersten Sterne am Himmel den Anfang des Sabbaths verkündeten.

Ziemlich weit draußen vor der Stadt wurde er beigesetzt, auf einem uralten Judenfriedhof, der noch von den Zeiten des Mittelalters her sich scheu und ärmlich, zwischen Wald und Weide, an die Flanke eines längst verlassenen Burgberges hinduckt. In dem großen Trauergeleite fehlte auch die eine Zeugin nicht, die er gewünscht hatte. Sehr befangen und verwundert blickte das weiße Mädchen, an den Arm seines Paten geschmiegt, in dieses seltsame Schauspiel hinein, wobei ihm der fast gruselige Ort kaum unheimlicher vorkam als die Unmenge von vornehmen Herren in dunklen Röcken und Staatsuniformen mit blinkenden Ordenszeichen. Es war das erste Begräbnis, dem sie beiwohnte; es war ein sehr eigenartiges Schauspiel, und auch für eine minder kindliche Seele wäre es schwer gewesen, die Kontraste dieses Schauspiels mit dem friedlich beschaulichen Bilde des kleinen, weißlockigen Onkel Professors zu vereinigen, wie ihn Grete gekannt hatte. Da hatte ein roh gezimmerter, schmuckloser Sarg gestanden, und hinter diesem Sarge ein schlanker, schwarzbärtiger Prediger in dunkler Tracht, der gewaltig predigte und in seine Predigt viele Worte und Sätze aus einer fremden, bald wild und bald süß bittend klingenden Sprache mischte. Die goldene Sonne spielte zwischen den Zweigen durch, in dem dichten, ungepflegten Gehölz zu Häupten des Predigers rauschte der Wind, und der Prediger rief mit feierlicher Leidenschaft: „Ihr Palmen, schüttelt die Häupter, weil der Gerechte stirbt und ein Führer in Israel dahin ist! Es waren keine Palmen, nur einfach deutsche Eichen, Birken und Holderbäume; aber das weiße Mädchen hörte in diesem Augenblick wirklich die Palmen am Saume der Wüste rauschen. Ihrer jungen und raschen Phantasie wandelte sich das Bild des guten Onkels und seines deutschen Leichengefolges in ein anderes um, das ihr schon geläufig war aus dem biblischen Lesebuch, mehr noch aus vielen schönen, bunten Abbildungen, die ihr der Onkel Professor in einer großen Mappe gezeigt hatte: Städte von Häusern ohne Fenster, mit flachen hellen Dächern über dunklen engen Gassen, umgeben von grünen Saatfeldern und gelbgrauem Gefels, wo bärtige ernste Männer in weißen Mänteln neben beladenen Lasttieren herschreiten und schlanke Palmen abseits der Straße das Grab eines frommen Mannes umragen. Und mit diesem unklaren Phantasiebilde war sie vielleicht in der ganzen großen Versammlung am Sarge Isaak Bernsteins die einzige, die dem Urgrund seines ganzen Wesens und Fühlens unbewußt nahe kam.

Auch der Doktor Julius Alexander Stein war zum Begräbnis erschienen, ein stattlicher, vornehmer Herr mit mehreren Ordenszeichen, der mit den gelehrten Häuptern der Universität verkehrte wie ihresgleichen und von den meisten seiner ehemaligen Glaubensgenossen mit großer Hochachtung begrüßt wurde. Sehr freundlich und anregend unterhielt er sich auf dem Heimwege mit Hans Ritter und dessen kleiner Begleiterin. Es war ihm, wie er versicherte, eine eigene Freude, bei so ernstem Anlaß endlich die schon längst gewünschte persönliche Bekanntschaft seines langjährigen, ihm so besonders werten Mitarbeiters zu machen.

Der Doktor Julius Alexander Stein war ein wohlhabender Herr, der ohne Thränen von einer Erbschaft absehen konnte, auf die er unter obwaltenden Umständen doch nie gerechnet hatte.

[113]
Altoldenburgische Kartenlegerin.
Nach dem Gemälde von Bernh. Winter.
[Abbildung nicht gemeinfrei. Bernhard Winter (1871–1964)]

[114] Uebrigens erwies sich diese Erbschaft doch nicht so bedeutend, wie man es allgemein voraussetzte. Ein großer Teil von ihr war eben schon bei Lebzeiten nach und nach ausgeteilt worden, an arme Studenten und an dürftige fromme Glaubensgenossen, die dem Spender weder mit Worten danken noch seine Gutthat preisen durften, „denn der Dank frißt die Freude des Gebenden auf“, pflegte der Professor Isaak Bernstein zu sagen. Zu ähnlichen Zwecken bestimmte auch das Testament ansehnliche Legate, immerhin blieb noch eine ziemlich hohe Summe übrig, die ebenso wie der Weinberg dem Doktor Hans Ritter als Haupterben zufiel. Man kann durch eine Erbschaft nicht vollkommener überrascht werden, als es der Doktor Hans Ritter war. Es gab trotzdem Leute, die ihn von dieser Zeit an für einen besonders schlauen und erwerbskundigen Mann ansahen, aber es muß zur Ehre des menschlichen Geschlechts gesagt werden, daß es nur solche Leute waren, die nicht das Vergnügen hatten, den Doktor Hans Ritter näher zu kennen.

Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Isaak Bernstein und Frau Margarete Klämmerlein hatte zweifellos auf einer hohen gegenseitigen Achtung beruht, immer aber war es nicht derart, daß man dem Tode des Professors eine besonders erschütternde Wirkung auf die alte Dame beimessen mochte. Sie war ja freilich schon seit einigen Monaten sehr schwach und fast ganz an ihr Zimmer gefesselt. Hans Ritter hatte ihr eine klösterliche Pflegerin bestellt und dafür gesorgt, daß ihr an geistlicher und leiblicher Tröstung nichts fehlte. Nun schien ihr doch die Nachricht vom Hinscheiden des Professors, der immer noch einige Jahre jünger war als sie, einen großen Stoß zu geben. Seitdem wurde sie täglich schwächer, und zwei Tage nach ihrem letzten Namenstag entschlief sie – „an Altersschwäche“. Ihr Gedächtnis, das sie während der letzten Jahre manchmal Personen und Verwandtschaftsgrade bös durcheinander wirren ließ, hatte sich zuletzt wieder geklärt, sie sah alle ihre Lieben, die Lebenden und die Toten, leibhaftig und deutlich vor sich, lispelte gute Worte zu jedem, und so schied sie in friedlich beglückter Häuslichkeit, gestärkt durch die Trostmittel ihrer Kirche und umgeben von allem, was ihr lieb war. An ihrem letzten Namenstage hatte sie noch einmal ein Stündchen besonderen Wohlbefindens gehabt und ihn auf freundliches Zureden des Arztes und des Doktors Hans Ritter damit gefeiert, daß sie die von Grete ihr zu diesem Tage zurückgestiftete Flasche Kometenwein endlich entkorken ließ. „Er wird auch sonst gar zu alt,“ meinte sie lächelnd. Ein wunderbarer Rebenduft erfüllte das Zimmer, die alte Frau winkte einen nach dem andern an ihr Lager, um mit ihm anzustoßen, und mit ganz leiser Stimme erzählte sie, wie sie auch einmal da gewesen sei, wo dieser Wein wächst. Auf der Hochzeitsreise sei es gewesen, sie hätten nur sieben Tage reisen können und sehr bescheiden, aber es seien doch die schönsten Tage gewesen, voll Sonnenschein und Rosen. Lauter Rosen und Sonnenschein!

Am Vorabende des Begräbnisses stand der Doktor Hans Ritter mit Grete am Gartenthürchen. Die Sonne ging eben unter, es war ein Flimmern und Leuchten, daß sie sich zuletzt geblendet umwenden mußten. Da hörten sie hinter sich einen freundlichen Gruß, und als sie zurückschauten, stand da neben einem stattlichen Herrn mit grauem Schnurrbart ein schlanker, schöner Jüngling, beide in Reisekleidern. Der Jüngling blickte lächelnd und verwundert auf das kleine goldlockige Mädchen, dessen fragendes Antlitz rosig vom Abglanz des Abendscheins leuchtete, und der Hauptmann von Seedorf streckte Hans Ritter die Hand hin und sagte: „Unser herzliches Beileid! Das ist nun das zweite Mal, daß wir beide uns in ernsten Tagen finden, mein lieber Doktor, aber im ganzen scheint es anders zu sein als damals. Wir sind eben angekommen, Karl hat die Anzeige in der Zeitung ganz zufällig im Gasthof gefunden. Nun sehen Sie nur, wie die beiden sich anstarren! Es ist aber auch kein Wunder, uns Alten geht es nicht besser, was ist das Mädel groß geworden! Ja, aus Kindern werden Leute!“

13.

Die gute Luise, welche jetzt als Thronerbin von Frau Margarete Klämmerlein das Scepter in Küche und Hauswesen führte, hatte während der nächsten Wochen öfter Anlaß, sich über den häuslichen Eifer des weißen Mädchens zu verwundern. Von dem eigentlichen Grunde dieses Eifers, der Grete den Aufenthalt in der Küche mitunter selbst einem Familienspaziergang vorziehen ließe, ahnte die gute Luise nichts, und Grete selbst hätte ihr ihn auch kaum deutlich machen können, denn es war nur ein dunkles Gefühl – das Gefühl der Furcht vor jener männlichen Würde, Gelehrsamkeit und Ueberlegenheit, welche der kleinen Grete zum erstenmal in ihrer ganzen Fülle an dem Unterprimaner Karl von Seedorf entgegentrat.

Der Doktor Hans Ritter war ja auch ein recht gelehrter Herr, aber wie er überhaupt unpraktisch war, so legte er eben keinen Wert darauf, mit seinem Wissen zu imponieren, ein kleines Mädchen konnte mit ihm jahrelang verkehren und vieles von ihm lernen, ohne zu merken daß es doch unverantwortlich dumm sei. Uebrigens war der Pate Hans auch ein Wesen höherer Gattung, zu dem man ohne Beschämung aufblickt, weil es eben in seiner Natur liegt, daß es „alles“ weiß. Aber ein großer Junge, der beinahe noch mehr als alles zu wissen scheint – das ist etwas Schreckliches. Nicht als ob dieser große Junge sich patzig oder renommistisch gestellt hätte! Er war überaus freundlich, wollte nicht anders als früher angeredet werden und ließ sich alles zeigen, was einem lieb war, von der größten Puppe bis zum selbstgepflanzten japanischen Hopfen, der an der Wand wächst. Nicht er renommierte, sondern die ungeheuere Bildung renommierte ohne sein Zuthun aus ihm heraus, wie der Dampf aus dem Theekessel. Wenn aber Grete so unvorsichtig war, dem überwältigenden Eindruck von so viel Weisheit schüchtern Ausdruck zu geben, so sah er sie mit einem unerträglich gütigen Lächeln an und sagte entweder. „Das wirst du später auch schon lernen“ oder „Ja, weißt du, das ist nichts für euch!“ Und er war doch nur ein großer Junge.

Grete verstand natürlich nicht, daß sie alles in allem nur eine Scene aus dem großen Kampf der Geschlechter mitspielte, aber ein dunkler und sicherer Trieb ließ sie endlich auch zu den Waffen greifen. Sie zog sich in die Küche zurück, wie in eine Burg, wo ihr das Wissen der guten Luise manche schätzbare Munition lieferte, und indem sie den Feind hinterlistig nachlockte, gelang es ihr sogar, ihm einige empfindliche Schlappen beizubringen. Der Kenner des Gebisses der Carnivoren erwies eine beschämende Unkenntnis in den Grundgesetzen des Kartoffelschälens, und als er es sich mit all seinem botanischen Latein beikommen ließ, ein Bündel Schnittlauch für Sellerie zu halten, mußte er unter dem vereintem Gelächter der weiblichen Sieger, von Wöppy verfolgt, einen fluchtartigem Rückzug antreten. –

Zur selben Stunde, wo sich in den nahrungspendenden Gebieten des Hauses die Niederlage des humanistisch gebildeten jungen Mannes vollendete, wurde auch draußen in der Bohnenlaube an seinem Schicksal gesponnen. Der Hauptmann von Seedorf und der Doktor Hans Ritter saßen beisammen, tranken Wein, hüllten sich in Rauchwolken und berieten wichtige Dinge.

„Wissen Sie, lieber Doktor,“ sagte eben der Hauptmann, „daß Ihnen mein Junge gefällt, das freut mich wirklich ganz ungemein. Es ist eine Ehre für ihn – und auch eine wie – soll ich sagen? – eine Genugthuung für mich. Denn das war ja in diesen flauen Zeiten immer meine größte Sorge, ob der Junge in seiner Ausbildung keinen Knacks bekommen würde. Sie müssen eben bedenken, was das für ein Hin und Her war, ein Wechseln der Anstalten und Lehrer, weil ich ihn doch in den Jahren nicht von mir thun wollte. Zuletzt, im vorigen Frühjahr, gab ich meinem Herzen doch einen Stoß und that den Jungen in das Pädagogium, da oben in dem merkwürdigen Nest zwischen Heide und Moor; ich kannte die Gegend noch von meinen ersten Manövern her und dachte, so lange die Versuchung noch anderswo so gut reüssiert, wagt sie sich in diese reizvolle Gegend nicht; bequemer als in meinen damaligen Verhältnissen hatte er es ja dort jedenfalls, auch war mir die Anstalt sehr empfohlen worden.

Ich arbeitete mich derweil in meinem Versicherungsfach ab, es ging hervorragend miserabel, und ich war diesmal wirklich nahe daran, den Mut zu verlieren, als mich der reine Zufall Seiner Erlaucht dem Reichsgrafen von und zu Nordeck in den Weg laufen ließ; Anno Siebzig war er als Avantageur bei den Königshusaren mit Gott für König und Vaterland ausgeritten. Damals hieß er noch Erbgraf, und es kann ja sein, daß er niemals über diesen Posten auf Wartegeld hinausgekommen wäre, [115] wenn ich nicht bei einer gewissen kleinen Balgerei den rothosigen Sergeanten, der eben auf ihn anlegte, zusammengehauen hätte, wodurch denn die Chassepotkugel ein paar Zoll nach rechts abflitzte und nur den linken erbgräflichen Oberarm streifte. Jedenfalls erinnerte sich die Erlaucht daran mit einer beschämenden Treue, und da ich ihm unvorsichtigerweise etwas von meinen betrübenden Verhältnissen verriet, so kam’s schließlich, daß ich am anderen Morgen als Mitglied der reichsgräflichen Fideikommißregierung aufwachte. Und sehen Sie, so geht’s in der Welt, dieser junge Mann findet im Handumdrehen für mich das, wonach ich seit sechzehn Jahren vergeblich suchte, einen richtigen Posten für mich, wo ich dahinten in der Polackei auf meinem Starostenschloß sitze, meinen Beamtenstab in der Zucht des Herrn halte und den Eingeborenen gegenüber den Europäer repräsentiere. Ich thue meine Pflicht als Güterdirektor und Christ, bin außer dem Herrgott nur Seiner Erlaucht Rechenschaft schuldig und beziehe vor allem mein sicheres, sehr auskömmliches und pensionsfähiges Gehalt, zu dessen Verschwendung sich in der Gegend auch mit angestrengtestem Nachdenken keine Wege ausfinden ließen; kurz, ich bin geborgen und könnte allabendlich mein angegrautes Haupt friedlich zur Ruhe legen, wenn nur eben die Sorge um den Jungen nicht wäre. Damit komme ich wieder auf mein Thema!

Das Pädagogium geht, wie Sie wissen, nur bis Unterprima einschließlich, es müßte also zu Ostern wieder ein Wechsel eintreten, denn sein Abiturientenexamen muß der Junge natürlich machen! Das wäre denn wieder eine neue Schwierigkeit, aber auch vielleicht ein Glück. Denn – ich glaube, die Hauptsache für einen jungen Mann von heutzutage ist doch, daß er allmählich und nicht so mit einem Plumps aus der Gebundenheit in die sogenannte Freiheit hineinkommt. Also auf unsern Fall angewandt: der Junge braucht für sein letztes Schuljahr ein Haus, in dem es bürgerlich aber behaglich zugeht, und in dem Hause einen väterlichen Freund, der ihm vertraut und dem er vertraut. Und um es kurz zu machen, lieber Freund. Sie thäten mir und, wie ich weiß, auch dem Jungen den größten Dienst, wenn Sie der Mann sein wollten! Sie brauchen nur Ja zu sagen, dann ist die Sache erledigt und Karl tritt zu Ostern bei Ihnen an, daß er dann die nötigen Kenntnisse für die hiesige Oberprima mitbringt, hat mir der Direktor des Pädagogiums verbürgt. Was die materielle Entschädigung betrifft, so brauchen Sie nur zu sagen, was Sie wünschen. Aber damit ist’s ja nicht genug, Sie verdienen sich außerdem noch einen Stuhl im Himmel und dauernde Dankbarkeit in diesem Leben von uns beiden."

Nach diesem Hauptangriff zündete der Hauptmann die Cigarre wieder an und lehnte sich behaglich auf seinem Stuhl zurück, um den Abwehrversuchen des überraschten Doktors einzeln mit überlegener Strategie zu begegnen.

„Aber, verehrter Freund,“ sagte schließlich der Doktor Hans Ritter, „ich habe ja nicht einmal Platz für ihn. Da sehen Sie sich doch das Häuschen nur an!“

„Das habe ich bereits gethan,“ erwiderte der Hauptmann sehr ruhig, „und es ist gut, daß Sie mich daran erinnern. Ich kenne Sie und begreife vollkommen, daß Sie den alten Bau nicht verlassen wollen. Wenn ich Ihnen raten darf, so mieten Sie ihn nicht weiter, sondern kaufen Sie ihn, Sie haben ja jetzt das Kapital dazu. Ich habe mich erkundigt, die Verwaltung ist willens, sich des Anwesens zu einem anscheinend sehr annehmbaren Preise zu entledigen. Und dann setzen Sie einfach hinten statt der Küche einen zweistöckigen Anbau in Hausbreite hin; so gewinnen Sie zwei bis drei neue Räume! Die Sache geht famos! Ich habe mir sogar schon erlaubt, die Sache oberflächlich zu berechnen, abzumessen und zu skizzieren. Nun, warum lachen Sie denn? „Da soll einer nicht lachen,“ rief Hans Ritter. „Am Ende bauen Sie mir noch über meinem Kopf einen gotischen Turm auf das Dach, das mir noch gar nicht gehört. Wie soll ich mit dem Jungen fertig werden, wenn der auch so energisch eingreift wie der Alte?“ „Davor brauchen Sie keine Angst zu haben,“ entgegnete der Hauptmann. „Der wandelt auf anderen Bahnen, die ihn wohl schließlich, so Gott will, zu irgend einem Lehrstuhl für Zoologie der Regenwürmer oder so etwas führen werden. Im Docieren ist er schon jetzt groß. Die Aepfel fallen zuweilen recht weit von den Bäumen! Na, einerlei, wenn er nur brav bleibt und sein gerad’ gewachsenes Gemüt behält.

In diesem Augenblick kam Karl herbei. Ehe es Hans Ritter verhindern konnte, hatte der Vater ihm mitgeteilt, um was es sich handelte, und die unverstellte herzliche Freude Karls besiegte das letzte Bedenken des Doktors.

Eine Woche darauf reisten die beiden wieder ab, und nach weiteren acht Tagen begannen Maurer und Zimmerleute ihr geräuschvolles und staubiges Werk, welches besonders der guten Luise manche aufregende Stunde brachte. Im Grunde ihres Herzens aber war sie doch sehr stolz, daß ihr Herr endlich auch einmal „etwas an sich legte“.

„Das Kind“ war anfangs sehr betroffen über die Aussicht, den großen Jungen nun nächstens sogar als Hausgenossen ertragen zu müssen. Aber das Bewußtsein, daß sie ihm doch in einigem „über“ sei, versüßte ihr den Gedanken und auf jeden Fall war es eine Neuigkeit, über die sich mit ihren Schulfreundinnen vieles reden ließ. Als eine große Schwierigkeit erwies es sich dabei, den künftigen Hausgenossen ihren Freundinnen gegenüber kurz zu bezeichnen. Schließlich nannte sie ihn einfach ihren Vetter, „er sagt ja auch Onkel zu meinem Paten Hans, und ich zu seinem Vater,“ dachte sie. Uebrigens bewies der „Vetter“ sich aus der Ferne sehr aufmerksam, er vergaß Grete in keinem seiner Briefe an ihren Paten, und zu Weihnachten fand sie auch ein Geschenk von ihm unter dem Christbaum. Mit alledem entging er seinem Schicksal nicht; als er zu Ostern einzog, fand er auf seinem Arbeitstisch ein zierliches Sträußchen, aus Märzveilchen und Schnittlauch zusammengestellt. Er war klug genug, sich bei der Spenderin mit allen Zeichen des Vergnügens zu bedanken. „Nicht ’mal ärgern läßt er sich,“ sagte sie sehr enttäuscht zu ihrem getreuen Wöppy.

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüten.

„Streng nach Mustern der ‚Gartenlaube‘.“ Unter den zahlreichen Roman- und Novellenmanuskripten, welche uns jahraus jahrein ununterbrochen aus allen Gegenden des lieben Vaterlandes und von auswärts eingesandt werden, befand sich – es ist jetzt beiläufig drittehalb Jahr her – auch das einer Schriftstellerin, welcher früher schon ein oder das andere für uns nicht Verwendbare mit der üblichen Höflichkeit zurückgesandt worden war. Das neue machte auf den mit der Prüfung beauftragten Redakteur keinen besseren Eindruck. Also zurück, selbstverständlich wiederum mit einigen freundlichen Worten! Aber damit war die Sache keineswegs zu Ende. Das Romanmanuskript kam wie ein verloren geglaubter Romanheld eines schönen Tages wieder zum Vorschein, nachdem die Verfasserin mitgeteilt hatte, dasselbe sei von ihr unter Beibehaltung des ursprünglichen Motivs neu bearbeitet worden, wobei sie in der Entwicklung des Motivs sich streng nach Mustern der „Gartenlaube“ gerichtet habe. – Abermalige Lektüre des Manuskripts in der Redaktion – und wirklich, der Roman hatte sich verändert! Jetzt enthielt er neben recht gewöhnlichen, die Dilettantenfeder verratenden Stellen solche von feiner Beobachtung und hübscher ansprechender Form, die zum anderen gar nicht zu passen schienen – im ganzen eine ungleiche, unerfreuliche, wenn auch stellenweise Talent verratende Arbeit. Dabei machte der prüfende Redakteur die Bemerkung, daß er da und dort bei der Lektüre an einen früheren, vor Jahren und nicht in der „Gartenlaube“ erschienenen Roman von W. Heimburg erinnert worden sei. Dieses „Erinnertwerden“ an Heimburgsche Romane und Novellen ist nun aber in der Redaktion der „Gartenlaube“ beim Lesen der eingelaufenen Manuskripte, besonders solchen von Anfängern, etwas so Gewohntes, daß man sich nicht weiter dabei aufzuhalten pflegt. Um so weniger als hier, wo die Verfasserin selbst zur Empfehlung ihrer Arbeit darauf hinwies, daß sie sich „streng nach Mustern der „Gartenlaube“ gerichtet habe.

Und noch einmal ging das Manuskript des Romans an die Verfasserin zurück, noch einmal verschwand es in der Nacht des Vergessens, um endlich noch einmal – jetzt aber gedruckt – vor uns aufzutauchen und uns eine Ueberraschung zu bereiten, von einem Effekt, wie ihn der betreffende Roman, den das Manuskript enthielt, auch nicht entfernt aufzuweisen hatte! Unsere verehrte Mitarbeiterin W. Heimburg sandte uns nämlich dieser Tage ein ihr von einer Leserin der „Gartenlaube“ zugegangenes Schreiben des Inhalts: In der Zeitschrift „Zur guten Stunde“ erscheine gegenwärtig ein Roman – „Neue Bahnen“ von Julie Dennemarck – der, soweit er bis jetzt vorliege, eine stellenweise wörtliche Wiedergabe ihres Romans „Kloster Wendhusen“ sei! Und in der That – nach kurzer Begleichung konnte kein Zweifel mehr bestehen „Kloster Wendhusen“, einer der wenigen älteren Romane von W. Heimburg, welche nicht in der „Gartenlaube“ erschienen sind [116] war hier mit einer liebenswürdigen Unbefangenheit benutzt, die sogar einen im Dienst der Presse ergrauten Redakteur noch in bewunderndes Staunen versetzen mußte.

Alles, was die kleine Verwaiste Lena v. Demphoff in Heimburgs „Kloster Wendhusen“ vor dem Aufbruch in die Fremde und beim Eintritt in dieselbe erlebt, das fühlt, denkt und sagt auch in Julie Dennemarcks „Neue Bahnen“ die kleine Verwaiste Helene Bürkner vor ihrem Aufbruch in die Fremde und bei ihrem Eintritt in diese! Man ist versucht, an Seelenwanderung auch in der litterarischen Welt, an das Doppelgängertum der Astralerscheinung der Spiritisten zu glauben, wenn man Lenas Doppelgängerin ganz so wie diese von der alten Pflegerin und dem jüngeren Geschwisterchen Abschied nehmen, ihnen das Grab der Mutter anempfehlen und auf der Fahrt zum Bahnhof und dann weiter ganz dieselben Betrachtungen anstellen hört, wie die junge Heldin in „Kloster Wendhusen“. Aber halt! Die Scene hat in „Neue Bahnen“, diesem stolzen Titel gemäss – doch auch eigene originelle Züge! Die alte Pflegerin, welche Lenas Doppelgängerin vor dem Abschied tröstet und versorgt, ist kein früheres Dienstmädchen mehr, sondern – eine Tante. Das Getränk, welches Helene zur Stärkung für die Reise vorgesetzt erhält, ist Chokolade und nicht etwa Bouillon, mit welcher sich Lena begnügen muß. Das Geschwisterchen, welches in beiden Romanen für den Abschied von der Schwester „in der Schule nur eine Stunde freibekommen hat“ und in beiden durch Heulen und Wehklagen der großen Schwester das Herz noch schwerer macht, so daß ein Verweis nötig wird, ist hier eine jüngere Schwester, dort ein Brüderchen. Und als nun wirklich die Droschke unten vorm Hause hält und man aufbrechen muß, da sagt zwar die alte Dame zu Helene ganz wörtlich dasselbe, was schon vor siebzehn Jahren, als „Kloster Wendhusen“ erschien, die alte Christiane zu Lena gesagt hat – „Rasch, Lenchen, den Hut und den Umhang! Der Wagen ist da! Mach nur schnell, damit wir nicht zu spät kommen … Hier nimm die Tasche mit dem Butterbrot und dem Wein. – usw. bis auf die Warnung, doch ja nicht auf der Treppe zu fallen!- Aber die Verfasserin der „Neuen Bahnen“ wahrt auch hier ihre „Selbständigkeit!“ Ihre Helene bekommt außer Butterbrot und Wein noch „Pfefferminzchen“ und ein Päckchen Chokolade mit auf den Weg, während die brave Lena zu ihrem Brot und Wein nur noch Wasser erhielt! Ja, Helene hat’s besser; der Luxus einer vorgeschritteneren Zeit kommt ihr zu gute. Aber als sie nun in der Droschke sitzt und zum Bahnhof fährt, zeigt sie sofort, daß sie das Herz noch auf dem alten Fleck hat und so heißt es denn von dieser Fahrt in

„Neue Bahnen“:

Mit thränenschweren Blicken sah Helene die wohlbekannten Straßen ihrer Vaterstadt an sich vorüberziehen. Auf dem Trottoir drängten die Menschen sich wie sonst; … an dem großen Auslagefenster des Konfektionsgeschäftes standen Gruppen Neugieriger … dort hatte die Mama ihr im vergangenen Winter das erste Ballkleid gekauft. Nun fuhr, der Wagen an der Kirche vorüber, in der sie konfirmiert worden war…. Jetzt kam die Straße, wo sie mit ihren Eltern gewohnt, als der Papa noch lebte; wie im Flug sah sie das große stattliche Gebäude mit der breiten Fensterfront an sich vorüberziehen … nun bog die Droschke in eine enge finstere Gasse ein – Helene beugte sich zum Fenster hinaus und sah empor nach der kleinen Mansarde, in der sie nach dem Tode des Vaters mit ihrer Mutter und Sophiechen gelebt … In plötzlich neu ausbrechendem Schmerze sank sie in die Wagenpolster zurück. Die Tante erfaßte ihre Hand und sprach liebevolle, tröstende Worte zu ihr …“

„Kloster Wendhusen“:

Ich saß wie in schwerem Traume in dem Wagen, die wohlbekannten Straßen flogen an mir vorüber und auf den Trottoirs drängten sich die Menschen wie sonst; dort war das große Weißwarengeschäft, für welches meine arme fleißige Mama so manchen Stich gethan, dort die Kirche, in der ich Ostern konfirmiert worden und jetzt kam die Straße, in der wir gewohnt – ich bog den Kopf aus dem Wagen und erhaschte im Fluge noch einen Blick: die drei Fenster im dritten Stock sahen so unheimlich leer zu mir herunter: ach, wie oft hatte da ein liebes, freundliches Gesicht herausgeschaut und mir zugenickt, wenn ich aus der Schule kam! Nun barg schon seit Wochen der schwarze unheimliche Sarg die lieben Züge und die Erde lag so erdrückend schwer auf ihm –. Und weiter ging es, die Droschke rasselte sinnverwirrend auf dem Pflaster und Christiane hielt meine Hand und sprach zu mir, was? Ich weiß es nicht mehr.

An diesem Beispiel zeigt sich ja recht deutlich, wie sich die fleißige Abschriftstellerin keineswegs am bloßen gedankenlosen Abschreiben genügen läßt, sondern die selbständige Regung ihrer Dichterseele mit zäher Energie weiter bethätigt. Lena ist für ihren Geschmack aus zu kümmerlichen Verhältnissen, ihre Helene kommt nicht aus solcher Misere. Und wie sie vorhin Chokolade und Pfefferminzchen statt Wasser zu ihrem Brot und Wein bekommen hat, so darf sie beim Vorbeifahren am Konfektionsgeschäft – beileibe nicht „Weißwarengeschäft“ wie W. Heimburg sagt – an ihr erstes Ballkleid denken, während die armselige Lena an eine Mutter denken mußte, die für dieses Geschäft genäht hat! Ja, ihre Helene hat’s besser gehabt und beim Vorbeifahren an der Kirche kann sie darum auch – unser Citat deutet’s durch Punkte an – der „Hökerin“, die dort in der Nähe ihren Stand hatte, gedenken,bei der sie als Kind so manche saftige Birne, so manche Zuckerbrezel gekauft für Pfennige, die sie als Belohnung für gute Censuren erhalten.“

Doch folgen wir weiter den „neuen Bahnen“, welche der erfinderische Genius von J. Dennemarck Lenas Doppelgängerin ins Leben hinausführt. Der Bahnhof, auf den sie gelangt, ist wirklich eine neuer – ein Centralbahnhof! Und Helene reist wirklich eine andere Strecke als Lena; diese fuhr zu der ihrer Mutter entfremdeten Tante aufs Land. Helene geht zu fremden Leuten in die Residenz. Aber merkwürdig! Schon auf dem Bahnhof verläuft in der Dennemarckschen Astraldichtung alles wie im Heimburgschen Romane, nicht nur das „Jagen, Gepäckbesorgen, Billetkaufen, das Läuten zum Einsteigen – das versteht sich ja auf einem Bahnhof von selbst! Nein, auch das Abschiednehmen an der Coupéthüre! Unsere Leser mögen vergleichen:

„Neue Bahnen“:

„Helene, hierher, sieh da ist ein ganz leeres Coupé! Hier hast du dein Billet. Verliere es nicht! Nur nicht weinen, Kind, immer den Kopf oben, immer hübsch ruhig und verständig! Gott schütze Dich, Lenchen, mag es Dir gut gehen! Um Sophiechen brauchst keine Angst zu haben, ich sorge schon für alles … Du lieber Himmel, weine doch nicht so!“ sagte die Tante und preßte die Hand des jungen Mädchens, während ihr selbst die großen Thränen über die Wangen liefen und die Lippen in verhaltenem Schmerze zuckten.

„Kloster Wendhusen“:

„Schaffner, Schaffner, Damencoupé!“ rief Christiane. „Sehen Sie, es ist ganz leer, Kind, nun verlieren Sie nicht das Billet. Und, Fräulein Lenachen, den Georg, den heg’ und pfleg’ ich als wär’s mein Augapfel; nur den Kopf immer oben, Lenachen und nicht gleich durch alle Wände wollen, immer hübsch ruhig. Und Gott schütze Sie, Lenachen … Und mög es Ihnen gut gehen. Jesus Christus! Weinen Sie doch nicht, weinen Sie doch nicht!“ setzte sie hinzu und hielt meine Hand wie in einem Schraubstocke und dabei rollten die großen Tropfen über das Gesicht, und die Lippen zitterten und bebten in verhaltener Rührung.

Nun sitzt Lenas Doppelgängerin also in der Eisenbahn und fährt nach der Residenz. Und wieder müssen wir staunen, wie Helene alles nachempfindet, was Lena ihr vorempfunden hat. Die Türme der Vaterstadt verschwinden auch ihr „in einem Dunstmeer“ auch für sie „verliert die Gegend bald das letzte Bekannte“ auch sie lehnt sich in die Polster zurück „mit dem Gefühl grenzenloser Einsamkeit“ – wie es Lena mit einem „grenzenlos bangen unheimlichen Gefühle“ that. Auch vor ihren Augen „steigt das Bild der Kindheit auf“, sie erinnert sich „an die schöne Zeit, als ihr Papa noch lebte“, „elegante, trauliche Räume“ tauchten vor ihr auf, in denen einst die anmutige Gestalt ihrer Mutter gewaltet. Und die Aussicht durch die Fenster in die lachende Landschaft, die in so grellem Kontrast zu ihrer Stimmung steht, ist dieselbe, die Lena vor siebzehn Jahren auf der Fahrt nach Wendhusen von ihren trüben Gedanken ablenkte.

„Neue Bahnen“:

Gelb schwankten die Kornfelder im Winde … hie und da lag im Schatten alter Eichen ein einsames Gehöft … darüber wölbte sich ein wolkenloser, tiefblauer Himmel, als wäre die ganze Welt bloß Licht und Freude!“

„Kloster Wendhusen“:

Gelb schwankten die Kornfelder im Winde … hie und da lag ein Dorf im Schatten alter Eichen, und darüber lachte ein wolkenloser blauer Himmel, als ob es keine Angst, keinen Kummer in der Welt mehr gäbe.“

Der Zug hält, Helene hat ihr Ziel erreicht und wieder wirkt der Astralzauber der Doppelgängerschaft. Wie Lena blickt sie vergeblich umher, ob sie denn niemand erwarte; auch der Herr mit der Lorgnette im Auge ist da und fixiert sie, wie vor siebzehn Jahren die verschüchterte Lena mit „dreisten“ Blicken. Natürlich steigt auch sie „ängstlich“ aus. Und als sie dann in der Residenz im Hause des Präsidenten, wo sie eine Stelle antreten soll, in das Vestibül tritt, da hat auch sie – wie Lena einst beim Betreten des Herrenhauses – die Demütigung zu erleben, daß niemand ihre kleine Person beachtet.

„Neue Bahnen“:

„Da stand sie nun allein in dem fremden Hause und wagte kaum vorwärtszuschreiten; es war lautlos still, kein Laut, kein Ton war zu hören. Herzklopfend blieb sie auf der Treppe stehen und spähte umher, ob niemand kommen würde; ein Gefühl heißer Sehnsucht nach der verlorenen Heimat überkam sie und unwillkürlich traten die Thränen ihr in die Augen.“

„Kloster Wendhusen“:

„Da stand ich nun allein in dem fremden Hause und wagte nicht, vorwärtszuschreiten; kein Laut, kein Ton drang zu mir. So blieb ich regungslos stehen mitten auf der Treppe, das Herz klopfte mir, daß ich meinte, es hören zu können … ein heißes Sehnsuchtsgefühl nach meiner toten Mutter überkam mich … Die Thränen drängten sich mit aller Gewalt in die Augen.“

Aber auch jetzt fehlt der Diener auf dem Präsentierbrett der schon Lena erlöste, nicht, er erscheint rechtzeitig, um ihre Doppelgängerin in dem fremden großen Hause zurechtzuweisen, wieder ist der Empfang durch die Herrin des Hauses kalt ablehnend, wieder sind in deren Salon „Möbelstoffe, Teppiche und Vorhänge“ von dunkelblauer Farbe und siehe da – wahrhaftig – „über dem Schreibtisch“ hängt bei Präsidents wie im Herrenhaus Wendhusen „das Brustbild eines jungen schönen Offiziers“, eines Kavallerieoffiziers“ und gegenüber – wir kennen auch die Chaiselongue darunter, die von breiten Blattpflanzen fast ganz verdeckt ist, das Bildnis jener schönen Frau mit den „großen dunklen Augen“ und der „Flut goldblonder – (pardon: J. Dennemarck sagt: rotgoldner) Haare“!

Soweit in Heft 1 des neuen Jahrgangs von „Zur guten Stunde“. Ob die Verfasserin nun bei der Fortführung dieser sonderbaren „Neuen Bahnen“ an ihrer eigenen Erfindung sich genügen läßt, oder ob sie ihren Nachbildungstrieb zur Abwechslung anderen bewährten „Mustern“ mit gleicher „Strenge“ zuwendet – wir wollen es abwarten! Hoffentlich wird der hier aufgehobene Finger sie mindestens zu größerer Vorsicht bei Ausübung ihres Anleiheverfahrens veranlassen, damit wir nicht genötigt werden, im Interesse unserer verehrten Mitarbeiterin W. Heimburg noch einmal auf die Sache zurückzukommen.
Die Red.

Altoldenburgische Kartenlegerin. (Zu dem Bilde S. 113.) Die Kunst des Kartenschlagens stand zu Anfang dieses Jahrhunderts in ganz besonderer Blüte; ihr Ansehen war damals durch Marie Lenormand, die „berühmteste Wahrsagerin des neunzehnten Jahrhunderts“, ganz besonders gefördert worden. In jene gute alte Zeit versetzt uns das ausdrucksvolle Bild von Bernhard Winter, denn Trachten, wie sie die drei jungen Mädchen auf dem Bilde tragen, waren zu Anfang dieses Jahrhunderts in Moorriem, der Heimat des Malers, gebräuchlich. Die liebe Unschuld erscheint so naiv und so leichtgläubig, daß man über sie kaum lachen kann, sondern sie vielmehr bemitleiden muß. Die Alte ist dagegen eine echte Schülerin der Lenormand, sie versteht sich aufs Kartenlegen, aber in der Abgefeimtheit scheint sie doch viele ihrer Vorbilder weit zu übertreffen. – Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts hat das Handwerk der Kartenschlägerinnen nicht mehr den goldenen Boden wie ehemals, aber die ehrenwerte Zunft der Schwindlerinnen ist noch nicht völlig ausgestorben. Aufklärung thut noch heute dringend not; wir dürfen über die alte gute Zeit und ihre Schwächen nicht ohne weiteres überlegen lachen.