Die Geschichte von einer Metzelsuppe

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Die Geschichte von einer Metzelsuppe
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 236-241
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[236]
66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe.

In einem Dorfe hatten die Bauern ihren Pfarrer so gern, daß sie ihm beinah alle, so oft sie ein Schwein schlachteten, etwas von der Metzelsuppe schickten. Da geschah es, daß der Pfarrer selbst einmal ein Schwein gemästet hatte; als es aber geschlachtet werden sollte, fiel ihm mit Schrecken ein, daß er allen Bauern, die ihm sonst etwas geschickt, nun ebenfalls ein Stück Fleisch und ein paar Würste schicken müße. „Dazu wird das eine Schwein kaum hinreichen, und für mich behalte ich gar nichts,“ dachte er, und begab sich zu seinem Meßner und fragte den um Rath, wie er es doch machen solle, daß er den Bauern keine Metzelsuppe zu geben brauche. Da rieth ihm der Meßner: wenn er das Schwein geschlachtet, so solle er es nur vor dem Hause hängen laßen bis es Nacht sei, dann dasselbe still bei Seite schaffen und am andern Tage den Bauern sagen: das Schwein sei ihm gestohlen worden, so werde Niemand eine Metzelsuppe von ihm erwarten. Dieser Rath gefiel dem Pfarrer so gut, daß er ihn sogleich in Ausführung brachte und das Schwein schlachten und vor dem Hause aufhängen ließ.

[237] Als es nun dunkle Nacht war, kam der Meßner ganz heimlich, nahm das Schwein herunter und gieng damit fort in seine Wohnung. Darauf begab sich der Pfarrer am andern Morgen zu dem Meßner und sprach: „da ist mir doch gestern Abend ein arger Streich gespielt worden; man hat mir mein Schwein gestohlen!“ „Ja ja, sprach der Meßner, so muß man sagen, dann glauben’s die Leute!“ „Nein in der That, es ist kein Spaß, man hat mir ganz eigentlich mein Schwein gestohlen!“ sagte der Pfarrer. „So ist’s recht, so muß man sagen, sprach der Meßner und ich will schon helfen, daß es unter die Leute kommt.“ Als aber der Pfarrer gar nicht nachgab, sagte endlich der Meßner: „Ach Herr Pfarrer, ich weiß ja Alles, ich habe ihnen ja selbst diesen Rath gegeben, bei mir bedarf’s keiner Verstellung!“ Da wurde der Pfarrer nur immer ungeduldiger, und weil das Betragen des Meßners ihm verdächtig vorkam, so bat er ihn zuletzt, ob er nicht eine Kiste, die er im Augenblick nicht gut unterbringen könne, ihm einige Tage lang in seiner Stube aufbewahren wolle. Ja, das wollte er recht gern thun. In die Kiste aber steckte der Pfarrer seine Schwiegermutter, die sollte horchen und ausspüren, ob nicht der Meßner das Schwein weggenommen habe; denn der Pfarrer meinte gewiß, daß er sich wohl mit seiner Frau davon unterhalten würde. Dem Meßner aber sagte er noch, daß er die Kiste ja nicht öffnen solle.

Am nächsten Sonntag nun kochte die Frau des Meßners Sauerkraut und dazu ein Stück von dem frischen Schweinsfleische; und als sie bei Tisch saßen und aßen, sagte die Tochter [238] des Meßners: „Ach, wie schmeckt des Herrn Pfarrers sein Fleisch so gut!“ Das hörte die alte Schwiegermutter in der Kiste und konnte das Lachen nicht verhalten, also, daß es der Meßner merkte. Da dachte er: wart, ich will Dir doch für deine Horcherei ein Andenken geben! und nahm eine Schwefelschnitte, zündete sie an und steckte sie durch eine Ritze in die Kiste hinein. Die Frau aber verhielt sich ganz ruhig in der Kiste und rief nicht um Hülfe, wie er erwartet hatte. Deshalb brach er nach einer Weile selbst die Kiste auf. Allein wie erschrack er da, als die Frau von dem Schwefeldampfe erstickt, todt dalag! Neben ihr lag Fleisch und Brod, davon sie gegeßen hatte. Da nahm der Meßner schnell ein Meßer, schnitt ein Stück von dem Fleische ab und steckte ihr das in den Hals und machte dann die Kiste wieder zu.

Als nun der Pfarrer am folgenden Morgen die Kiste zurückholen ließ und sie aufmachte, da schlug er die Hände über sich zusammen und rief: „Ach Du lieber Gott, meine Schwiegermutter ist erstickt, was soll ich armer Mann nun anfangen!“ Dann ließ er den Meßner kommen und sagte ihm: die Schwiegermutter sei so plötzlich gestorben, daß er fürchte, man werde ihm Vorwürfe machen, weil er keinen Arzt zu Hülfe gerufen habe. Deshalb möge er sie doch heimlich begraben, er wolle ihm auch gern dafür einen Scheffel Dinkel geben, den er selbst sich einmeßen dürfe. Der Meßner war es zufrieden, nahm die Todte und trug sie mit auf den Kornboden, wo er sich den Scheffel Frucht einmaß, und als er damit fertig war, stellte er die Frau mitten in den Kornhaufen und gieng heim. Auf der Treppe [239] aber verzettelte er eine ganze Handvoll von dem Korn. Und als nun am andern Morgen die Magd die Treppe abkehren wollte und das Korn sah, strich sie es zusammen und trug es wieder in die Fruchtkammer. Kaum aber hatte sie die Thür aufgemacht, so sah sie die alte todte Frau in dem Kornhaufen stehen und entsetzte sich darüber so sehr, daß sie kaum die Treppe hinabsteigen und zu dem Pfarrer gehn und ihm sagen konnte, was sie auf dem Fruchtboden erblickt hatte. Der Pfarrer aber eilte zum Meßner und fragte ihn: ob er denn seine Schwiegermutter nicht begraben habe? „Ei, freilich hab ich sie begraben!“ „Nicht möglich, sprach der Pfarrer, sie steht ja auf meinem Fruchtboden!“ „Die wird eine Hexe sein, sagte der Meßner, sonst wäre sie wohl nicht wiedergekommen!“

Da bat der Pfarrer den Meßner so dringend und bot ihm hundert Gulden als Belohnung an, wenn er sie noch einmal begraben wolle, so daß er endlich sich dazu verstand und die Leiche mitnahm und sie in den Wald trug. In dem Walde aber traf er unter einem Baume einen Krämer, der war eingeschlafen und hatte eine große Kiste neben sich stehen. Da rief ihn der Meßner an und schüttelte ihn; allein der Mann schlief so fest, daß er davon nicht aufwachte.

Darauf öffnete der Meßner die Kiste und nahm alle Waaren, die sich darin befanden, heraus, versteckte sie in einem hohlen Baume und legte dafür die todte Frau hinein und schloß die Kiste wieder zu. Dann hielt er sich in der Nähe bis gegen Abend auf, wo der Krämer endlich wach wurde, und gieng zu ihm und fragte, was er da zu verkaufen [240] habe? Da sprach der Krämer: „Ich habe allerlei Waaren, besonders sehr schönes schwarzes Zeug; wißt ihr mir Niemand, der etwas kauft?“ „O ja, sagte der Meßner, geht nur da in’s nächste Dorf zum Pfarrer, der hat Trauerkleider nöthig, weil ihm seine Schwiegermutter gestorben ist.“

Da begab sich der Krämer in’s Pfarrhaus, bot seine Waare an, und als er sie sehen laßen wollte und die Kiste aufmachte, da rollte eine todte Frau heraus. „Um Gottes willen, rief der Pfarrer, da ist ja meine Schwiegermutter wieder!“ Der Krämer aber fiel vor Schrecken in Ohnmacht.

Nun ließ der Pfarrer sogleich wieder den Meßner holen und sagte: ob er denn seine Schwiegermutter nicht begraben habe? „Ei freilich, sagte er, schon zweimal; ich habe sie dießmal noch dazu in den Wald hinausgetragen; aber daran, daß sie immer wieder kommt, kann man recht deutlich sehen, daß sie eine Hexe gewesen sein muß.“

Der Pfarrer bat ihn, doch noch einmal die Schwiegermutter zu vergraben, was der Meßner denn auch für zweihundert Gulden endlich versprach und dießmal wirklich ausführte.

„Was bekomme ich denn für meine Waare?“ sprach der Krämer, der sich allmählig wieder erholte.

„Ich kann euch nichts geben, sagte der Pfarrer; ich habe von euch ja nichts bekommen!“ „Dann verklage ich euch, sagte der Krämer, und eure Schwiegermutter dazu; denn die hat mir meine Sachen gestohlen, die wenigstens zweihundert Gulden werth waren.“ „Nun so haltet nur reinen Mund und bringt meine Schwiegermutter nicht in [241] das Gerede der Leute, sprach der Pfarrer; ich will euch die zweihundert Gulden geben!“

Das ist die wahrhafte Geschichte von einer Metzelsuppe, die der Pfarrer für sich allein zu verzehren gedachte.

Anmerkung des Herausgebers

[315] 66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe. Mündlich aus Lustnau und Bühl.