Die Hochzeitfeier

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Autor: H. Wenzel
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Titel: Die Hochzeitfeier
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aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 565–570
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[565]
Die Hochzeitfeier.

Im Grafenschloß beim Kerzenschein
Steht eine schwarze Bahre,
Drin ruht ein blaßes Mägdelein
Mit langem blondem Haare;

5
Im Antlitz zuckt ihr noch der Schmerz,

Der ihr den Tod gegeben,
Doch stille steht das arme Herz
Und ruhet aus vom Leben.

Ein mächt’ger Herzog, schön und fein,

10
Hatt’ ihr die Treu versprochen

Und doch dem armen Mägdelein
Nachher sein Wort gebrochen;
Hat ihr geraubt der Unschuld Glück,
Sie treulos dann gemieden,

15
Da brach der Tod den trüben Blick,

Und gab ihr seinen Frieden.

Am Sarge steht der alte Graf,
Kein Wörtlein läßt er hören,
Als fürchtet er, aus süßem Schlaf

20
Die Tochter aufzustören;
[566]

Doch wie er hinblickt auf den Sarg,
Denkt an ihr frühes Ende,
Da wird sein Schmerz zu tief und arg,
Als daß er Thränen fände.

25
Und endlich rafft der Greis sich auf,

Und rufet seine Knechte:
„Wer ist, der wohl im schnellsten Lauf
Dem Herzog Kunde brächte?
Der möge, daß in stiller Nacht

30
Von heut nach dreien Tagen

Mein blaßes Mädchen Hochzeit macht,
Dem stolzen Herzog sagen.

„Der lad’ ihn auch fein höflich ein,
Er mög’ es nicht verschmähen,

35
Mit mir und meinem Töchterlein

Die Hochzeit zu begehen.
Der sag’ ihm auch, man warte sein
In Liebe und in Freude,
Geschmückt sey schon das Bräutchen fein

40
Mit ihrem Hochzeitkleide.“


So spricht der Greis und schnell enteilt
Ein Knecht mit flücht’gen Schritten
Den Herzog, der zu Hofe weilt,
Zur Hochzeit herzubitten.

45
Er tritt hinein zum stolzen Mann,

Und bringt mit keckem Munde,
Sieht gleich der Fürst ihn finster an,
Die aufgetragne Kunde.

Der Herzog staunt den Bothen an,

50
Und spricht: „Ich werde kommen!

Daß sie des Leids sich abgethan,
Mag Eurer Herrin frommen!“ –

[567]

Der Diener sieht den Herzog an,
Und spricht: „So ist’s geschehen,

55
Daß sie des Leids sich abgethan,

Ihr werdet selbst es sehen!“ –

Nach dreien Tagen in der Nacht
Glänzt hell vom Fackelscheine
Des Grafen Schloß in düstrer Pracht

60
Aus dunkelm Eichenhaine;

Doch still ist’s drinnen in dem Schloß
Mit Werken und mit Worten;
Da kommt der Herzog hoch zu Roß,
Und donnert an die Pforten.

65
Der alte Graf läßt schnell ihn ein,

Und heißt ihn ernst willkommen,
Daß er zu seinem Töchterlein
Zur Hochzeit hergekommen;
Drauf führt er ihn durch einen Gang

70
In feierlichem Schritte

Die Trepp’ hinauf die Hall’ entlang
Bis in des Hofes Mitte.

Doch still und stumm ist’s überall,
Erstorben scheint die Runde,

75
Der hohen Mauern Wiederhall

Giebt keines Festes Kunde;
Da tönt kein Jubel, tönt kein Klang
Der an die Hochzeit mahne.
Der Wind nur saust die Burg entlang,

80
Am Thurme knarrt die Fahne.


Scheu bleibt der Herzog stehn und spricht!
„Wie soll ich Dieses deuten?
So stumm und traurig pflegt man nicht
Die Hochzeit zu bereiten! –“

[568]
85
Der Graf spricht: „Laßt nur gut es seyn,

Es darf Euch nicht erschrecken;
Noch schläft mein süßes Töchterlein
Und Niemand will es wecken!“

Und weiter gehn sie Beide stumm

90
Und treten in die Halle,

Da stehn der Männer viel’ ringsum
In schwarzer Kleidung alle;
Sie stehen da und sprechen nicht,
Und schauen vor sich nieder,

95
Bleich ist und starr ihr Angesicht,

Und regungslos die Glieder.

Scheu bleibt der Herzog stehn und spricht:
„Wie soll ich Dieses deuten?
So feiert man die Hochzeit nicht

100
Mit stillen schwarzen Leuten!“

Der Graf spricht: „Laßt nur gut es seyn,
Es sind die Hochzeitgäste,
So wünschte sie mein Töchterlein
Bei ihrem Hochzeitsfeste!’“

105
Und wieder still wird’s in der Hall’,

Stumm steht die bleiche Runde,
Da tönt herab mit dumpfem Schall
Der Schlag der Mittnachtstunde;
Und plötzlich klingt ein Grabgesang

110
Von süßen Frauenstimmen;

In Thränen muß bei diesem Klang
Wohl jedes Auge schwimmen.

Da wird’s dem Herzog weh und bang,
Er frägt: „Was soll das heißen?

115
Das ist kein hochzeitlicher Klang,

Das sind ja Grabesweisen!“

[569]

Der Graf spricht: „Laßt nur gut es seyn!
Gleich wird die Braut erscheinen,
Gar gerne sieht’s mein Töchterlein,

120
Wenn ihre Gäste weinen.“


Und plötzlich öffnet sich die Thür’,
Und schweigend, Paar an Paare,
Tritt eine Schaar von Frau’n herfür,
Mit einer schwarzen Bahre;

125
Drauf liegt ein schneebleich Mägdelein,

Mit langem blonden Haare,
Und Frau’n und Männer wechselnd streu’n
Ihr Blumen auf die Bahre.

Der Herzog bebt, sein Haar es sträubt

130
Sich auf, die Wangen bleichen;

Wie auch die Angst ihn drängt und treibt,
Er steht und kann nicht weichen;
Sein Auge rollt er wirr und wild
Umher im düstern Kreise,

135
Und vor dem blaßen Engelsbild

Erstarrt sein Blut zu Eise.

Da packt der Graf ihn bei der Hand:
„Nun Herzog, auf zum Tanze!
Siehst du die Braut im Festgewand,

140
In ihrem Hochzeitkranze?

Spielt auf, ihr Leute, nun beginnt
Der frohste Hochzeitreigen:
Der Bräut’gam wird mit meinem Kind
In’s kühle Brautbett steigen!“

145
Schon packt des Wahnsinns wilder Arm

Dem Herzog die Gedanken;
Wild tanzt um ihn der Lichter Schwarm
Und alle Wände wanken;

[570]

Er flieht hinweg mit wirrem Lauf,

150
Er hört nur „Weh dir!“ heulen;

Rings flattern bang geschrecket auf
Die Käuzlein und die Eulen.

Und endlich steht er auf dem Thurm
Am jähen Abgrunds-Rande,

155
In seinen Locken wühlt der Sturm,

In seiner Brust die Schande.
Und wie er drunten hört beim Grab
Die letzten Sterbelieder,
Da stürzt er in die Tief’ hinab

160
Und sinkt zerschmettert nieder.[1]
H. Wenzel.

  1. Ueber die Zeit, in welcher diese tragische Geschichte vorgefallen, weichen die Sagen bedeutend von einander ab. Einige verlegen sie in die Zeiten Dagoberts, der längere Zeit in Mosbach am Neckar wohnte, Andere in viel spätere Jahrhunderte. Nach einer mündlichen Erzählung soll es ein Graf Bruno von Laufen gewesen seyn, der ihm Jahr 1100 dem Kraich-, Enz- und Elsenzgaue vorstand und seinen Wohnsitz auf dem Schlosse Dilsberg bei Neckargemünd hatte. Er war der Sohn des Grafen Arnold von Laufen. Aus Schmerz über den Verlust seiner einzigen Tochter trat er in den geistlichen Stand, übergab die Grafschaft seinem Bruder Poppo und stiftete zum ewigen Gedächtniß, und zum Seelenheil seines Kindes, im Jahr 1132 das Kloster Odenheim bei Bruchsal.
    (Siehe J. Baader’s „Sagen der Pfalz und des Neckarthals.“ S. 139.)