Die Kreuzesschule in Oberammergau

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Titel: Die Kreuzesschule in Oberammergau
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 634–638
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Kreuzesschule in Oberammergau.

Ein seltsamer Zug war’s, der sich vor einigen Wochen die Landstraße am Starnberger See dem Gebirge zu bewegte und überall eine verwunderte Menschenmenge an sich lockte, als da waren: Bauern, die Mund und Nase aufsperrten, elegante Sommergäste, der Herr Pfarrer und die Schuljugend bis zum kleinsten Kinde herunter, kurz Alles, was eine halbe Stunde weit laufen konnte, um dem riesigen Ungethüme, der eigens zu diesem Zwecke gebauten Massei’schen Straßenlocomotive, ein Stück Weges das Geleit zu geben. Sie schleppte keuchend einen zehn Fuß breiten eisernen Wagen nach, dessen dreihundert Centner schwere Last, in ein kolossales Balkengerüst eingeklammert und von Blumenkränzen und wehenden Fahnen bedeckt, fremdartig genug durch die Landschaft zog.

Es war der große Christus, die Mittelfigur zur Kreuzesgruppe, die König Ludwig der Zweite der Gemeinde Oberammergau als Anerkennung für das Passionsspiel von 1871 geschenkt hat und die solchergestalt aus des bekannten Meister Helbig’s Atelier in München über Berg und Thal den schwierigen Weg nach ihrem Bestimmungsorte nahm. Die letzte Strecke, besonders der bekannte entsetzlich steile Ettaler Berg, wo sämmtliche Passionsspiel-Reisende [635] aussteigen müssen und die leeren Wagen mit Vorspann weiter befördert werden, schien dem Transporte ein unübersteigliches Hinderniß entgegen zu stellen. Aber die sinnreiche Construction des Wagens trug den Sieg davon: seit vierzehn Tagen sind alle Figuren in Ammergau angelangt, leider nicht ohne das Opfer dreier Menschen, welche ein kleines Versehen beim Hinaufwinden der letzten Figur, des Johannes, mit dem Tode unter der herabstürzenden Kiste büßen mußten. Die Reisecaravane wälzt sich heute achtlos an dem Orte vorüber, wo aufgewühltes Erdreich, hingeworfene Bretterstücke und geknickte Bäume deutlich genug die Unglücksstelle verkünden. Dicht daneben steht ein großer Ameisenhaufen unbeschädigt – ringsum flüstern die Hochwaldtannen, drunten rauscht der Wildbach. Es ist eine echte Hochgebirgsstraße, auf der, wie der Postillon gleichmüthig versichert, schon viel Unglück passirte.

Beim hochgelegener Kloster Ettal, wo der Reisende die Wahl hat zwischen der raschen Besichtigung der prachtvollen Kirche oder – einer „Stehhalben“, (die Meisten entscheiden sich für das Letztere) wird wieder eingestiegen und nun geht’s durch die sinkende Nacht vollends nach Oberammergau, dessen Kirchthurm und Häusergiebel sich scharf vom Nachthimmel abheben. Das Gefühl des „Unternommenwordenseins“, was sich schon herwärts durch die Art der Verpackung und Beförderung sehr bemerkbar macht, erreicht seinen Höhepunkt in dem Augenblicke, wo man, Einer nach dem Andern, sein in München erstandenes Wohnungsbillet in einer schlechtbeleuchteten Parterrestube vorzeigt und darauf als Nummer so und soviel gefaßt und in irgend einem nahen Bauernhause untergebracht wird.

Beiläufig sei hier für diejenigen, welche das Spiel noch zu besuchen gedenken bemerkt, daß diese sehr prosaische Beförderungsmethode dennoch die einzige sichere ist. Man nimmt in München bei Juwelier Thomas eine Karte für Schiff, Omnibus, Wohnung und Theater und ist damit aller Sorge ledig. Andernfalls kann man am Abend sehr rathlos in dem überfüllten Orte stehen. Wir begaben uns in’s nahegelegene Wirthshaus, wo dem Vernehmen nach die Patriarchen und Apostel sammt dem Herrn Christus ihren Abendtrunk hielten, und hatten uns richtig nicht getäuscht. In der niedrigen, rauchigen menschenüberfüllten Wirthsstube mußte Einem trotz des Alles erfüllenden Qualms dieser Tisch voll prachtvoller, langbärtiger Männerköpfe sofort auffallen. Da saß obenan „der Christus“ in einer grauen Lodenjoppe, auf welcher sich das langherabwallende schwarze Lockenhaar seltsam genug ausnahm, und unterhielt sich eifrig mit dem nebensitzenden Abraham – über das Bier. Abel und Kain, Joseph und seine Brüder hatten gleichfalls ihre Maßkrüge vor sich stehen und waren für heute noch „Menschen, wie die Andern auch“. Sehr hervorzuheben ist es indessen, daß der große Erfolg ihrer Spiele den Leuten nicht den Kopf verdreht hat. Der Christus sprach sich mit aller Bescheidenheit über die allseitigen Leistungen aus und meinte, man möge keine großen Ansprüche machen, es sei eben doch nur ein Bauerntheater und keine Hofbühne. Manchen alten Bekannten vom Passionsspiele her sahen wir noch, Annas und Kaiphas, sowie die Jünger Jesu. Nur Johannes war nicht zu sehen – er ist seit zwei Jahren beim Militär.

Eine Stunde später wiegte der rings herniederplätschernde Regen ganz Ammergau zur Ruhe, welcher sich Diejenigen mit besonderem Hochgefühle hingaben, die, vom Schicksale begünstigt, im Hause des „Prologs“, Joseph’s von Arimathia oder gar der heiligen Jungfrau übernachteten. Die Letztere, Herrn Zeichenlehrer Flunger’s schöne Tochter, „thut“ dieses Jahr nicht mit, dagegen ihre jüngere Schwester, welche die Rolle der Sarah spielt.

Trotz der schlechten Vorbedeutung des gestrigen Regens glänzte am andern Morgen heiteres Frühlicht über dem Thale, und bei seinem Scheine trat ich noch einen kleinen Rundgang vor der Vorstellung an. Mitten in dem schönen, offenbar sehr wohlhabenden Dorfe steht die Kirche in dem etwas erhöhten Friedhofe, dessen vordere Ecke von einem stattlicher Denkmale für die Gefallenen des letzten Feldzuges gekrönt wird. Das Hochamt war im Gange. Goldstarrende Geistliche an drei Altären, das Volk regungslos auf den Knieen – man konnte spüren, welche Macht der Clerus hier zu Lande ausübt. Noch ein Gang hinüber nach dem Aussichtshügel, wo die kolossalen Kisten liegen und die Locomotive rastet, von wo das neue Crucifix künftig über Dorf und Thal schauen wird, und nun endlich nach dem Theater!

Die große Bretterbude des „Passionsspiels“ hat die Hälfte vom Zuschauerraum eingebüßt und ist vollständig gedeckt, so daß nicht wie ehemals der blaue Himmel und die grünen Alpenweiden über die Scene hereinschauen. Im Innern kämpft das Tageslicht mit der Lampenbeleuchtung, der Vorhang zeigt eine römische Säulenhalle mit der Aussicht auf Jerusalem. Die „Logen“ und „Sperrsitze“ erweisen sich sämmtlich als tannene Bänke, auf welchen es schon ziemlich eng zu werden anfängt, und während der noch übrigen Minuten gewährt ein musternder Blick in das buntgemischte Publicum großes Interesse, denn die Gegensätze von Bauern, Engländern, Münchener Ultramontanen und Berliner Journalisten berühren sich hier nahe genug. Auch der hochwürdige Clerus ist in imposanter Menge vertreten.

Inzwischen beginnt, von dem Schullehrer Herrn Josef Kirschenhofer als Componisten geleitet, das Orchester die Introduction. Während derselben theilt mir ein Nachbar mit, daß die Kreuzesschule in der alten Form zuletzt im Jahre 1825 aufgeführt und nun als Feier und Dank für die geschenkte Kreuzesgruppe von Herrn geistlichen Rath Daisenhofer neu bearbeitet worden sei. Das Passionsspiel wird bekanntlich in Folge eines Gelübdes alle zehn Jahre aufgeführt. Diese Kreuzesschule ist eine Art von Gegenbild, denn während dort die „Handlung“ das Leiden Christi darstellt, mit eingeflochtenen symbolischen „Vorstellungen“ aus dem Alten Testament, bildet dieses hier den eigentlichen Stoff und kommen dazwischen als lebende Bilder oder „Vorstellungen“ die Scenen aus der Passion.

Während der Schlußaccorde im Orchester treten von rechts und links gleichzeitig mit gemessenen Schritten die „Schutzgeister“ unter Führung des „Prologs“ auf, treffen in der Mitte vor dem geschlossenen Vorhang zusammen und stehen dann ernsthaft in einer Reihe, ein wenig hölzern, alle mit der gleichen Handbewegung den Mantel auf der Brust festhaltend, aber mit so viel feierlicher Andacht in den frischen Gesichtern, daß ein Abglanz davon auf das Publicum übergeht. Mittlerweile beginnt der „Prolog“, ein schöner Mann mit dunklem Vollbarte in scharlachrothem Mantel und goldener Krone, seine Rede vom Erlöser.

Er knieet dann mit den Schutzgeistern rechts und links am Proscenium nieder und deutet während des Chorgesanges beim Heben des Vorhanges auf ein von anbetenden Gruppen umgebenes hohes Kreuz. Alle Darsteller, bis zum kleinsten Kinde herunter, zeigen eine staunenswerthe Ausdauer. In langen Minuten, während des Wechselgesanges der Engel, wird keine Bewegung sichtbar, selbst die zur Höhe gehobenen Arme zittern kaum merklich. Endlich senkt sich der Vorhang. Die Schutzgeister verlassen die Bühne feierlich gemessen wie sie kamen und es folgt die erste Abtheilung: der Bruderhaß.

In einer ganz hübsch gemalten Palmenlandschaft, vor der elterlichen Hütte, erscheint der mit Tigerfellen bekleidete Kain und ergeht sich in leidenschaftlichen Hassesreden gegen den bevorzugten Abel, dieser selbst kommt bald darauf und gießt mit seiner ahnungslos erzählten Opfergeschichte Oel in’s Feuer. Von Kain’s lauten Verwünschungen erschreckt, eilt Eva herbei und sucht Frieden zu stiften, was ihr bei der Ankunft Adam’s noch nicht recht gelungen ist, der traurigen Herzens die Folge seiner Sünde betrachtet.

Adam, der Christus des Passionsspieles, ist eine königliche Erscheinung voll Freiheit und Grazie der Bewegung; den sämmtlichen Anderen wird jede leidenschaftliche Gefühlsäußerung zur Klippe; Eva jammert ihre Klagen sehr gleichmüthig herunter, während Kain viel mehr mit den Armen ficht und über die Bühne tobt, als nöthig wäre. Die friedlichen Mitglieder der Familie Adam sind in Lämmerfelle gekleidet und nehmen sich, mit Ausnahme Abel’s, eines unscheinbaren Männchens, sehr gut aus. Während die Engel wieder singend auftreten, hat sich Adam rasch zum Christus metamorphosirt und treibt als solcher in der „Vorstellung“ die Wechsler aus dem Tempel. Ein lebendes Bild von circa fünfzig bis siebzig Personen, mit überraschendem Geschick und künstlerischer Empfindung gruppirt. Das Zusammenwirken der ganzen Gemeinde zu einer solchen Leistung fühlt sich [636] deutlich aus der hohen Vollendung des Ganzen heraus. Jedes lebende Bild ist von erklärenden Worten des Prologs, wechselnden Arien und Chorgesang der Engel begleitet, größtentheils eigene Composition des Dirigenten, untermischt mit eingelegten Gesangsstücken. Die Musik ist durchweg ausdrucksvoll, stellenweise nimmt sie sogar einen Anlauf zu Wagner’schen Effecten.

Nun folgt der Brudermord, Kain lockt Abel mit falschen Liebesreden auf’s Feld hinaus, um ihn dort zu erschlagen, und kommt dann, während Eva sich in neuen ausdruckslosen Wehklagen ergeht und Adam den Sohn draußen sucht, mit blutigen Händen zurück. Sofort erscheint der Engel, ihm sein Schicksal zu verkünden. Er stürzt verzweifelnd hinaus, während von der andern Seite Adam, den erschlagenen Sohn auf den Armen, daherkommt. Sanft legt er ihn nieder und tritt dann von der jammernden Eva weg, um mit prophetischen Worten den künftigen Erlöser zu verkünden. Die sämmtlichen Darsteller sprechen ein sehr fragwürdiges Hochdeutsch, reichlich mit hartem ch und sonstigen Dialekt-Eigenthümlichkeiten untermischt.

Kain’s Blutthat wird symbolisirt durch den Verrath des Judas. Nach der Einleitung zeigt sich das Innere des Tempels, wo Judas den Blutlohn aus der Hand des Hohenpriesters empfängt. Die sämmtlichen Costüme der Kriegsknechte, Juden und Priester sind so, wie wir sie auf Albrecht Dürer’s und seiner Zeitgenossen Bildern sehen, mittelalterliche Kürasse, türkische Kopfbunde und gehörnte Priestermützen – eine ganz rein erhaltene Ueberlieferung aus dem sechszehnten Jahrhundert. Bis hierher verhielt sich das Publicum ziemlich still, nun fangen einzelne Urtheile an, laut zu werden. „Wundervoll!“ „Weit unter meiner Erwartung,“ heißt es von rechts und links mit den verschiedensten Begründungen. Die folgende Handlung, Melchisedek’s Opfer, liefert den Vertretern der letzteren Ansicht reiches Material, denn es gehört eine Bauerngeduld dazu, die langathmigen Verhandlungen Abraham’s und des Königs von Sodom über den freien Durchzug für das Kriegsvolk ohne Langeweile anzuhören, um so mehr, als die Qualität des Gesprochenen keineswegs für die Quantität entschädigt. Aber der frühere Besucher des Passionsspiels sieht mit Ungeduld der nächsten Vorstellung des „Abendmahl Christi“ entgegen, welches nun in seiner ganzen herzbewegenden Schönheit sichtbar wird.

Getreu dem Leonardo’schen Bilde, sitzen die Apostel an der langen Tafel, prächtige Charakterköpfe voll Ausdruck und Leben, in ihrer Mitte der wahrhaft ideale Christus in violettem Gewande und rothem Mantel, das schöne Haupt wehmüthig segnend gegen sie geneigt – ein Anblick von so edler Großartigkeit, daß kein Auge unergriffen auf ihm ruhen kann. Die kurzen Minuten verstreichen allzu rasch, ich erinnerte mich auf’s Lebhafteste dieser Scene im Passionsspiele, wo Christus mit einer hoheitsvollen Anmuth, um die ihn jeder Hofschauspieler beneiden könnte, die Fußwaschung an den Jüngern vollzieht, dann in stillem Gebete Brod und Wein segnet und ihnen austheilt. Dies zu sehen, sogar nur hier als lebendes Bild, ist die Reise werth. Der Eindruck davon bleibt unverlöschlich im Gedächtnisse stehen.

Auch läßt sich nicht leugnen, daß diese neutestamentlichen Bilder die Glanzpunkte der heutigen Vorstellung sind. Die vierte Abtheilung, Abraham’s Ergebung in den göttlichen Willen, ist mehr zu erdulden als zu genießen, denn auch hier muß die gute Meinung und treuherzige Naivetät der Darsteller für viel langweiliges Gerede entschädigen. Sarah, eine schöne große Figur, wie aus Schnorr’s Bilderbibel, spielt weit lebendiger als Eva und bringt den Schmerz der Mutter beim Vernehmen des göttlichen Befehles besser zur Darstellung als Abraham, der mitten in seinem Jammer plötzlich ganz beruhigt sagt:

„Weg von mir, ihr zweifelnden Gedanken!“

und geht, seine Vorbereitungen zu treffen. Auch der verkündende Engel leistet in Theilnahmlosigkeit das Unglaubliche, wie denn überhaupt diese plötzlich hereinprallenden Bauernbubenengel mit ihren gellenden Stimmen das einzige bis zum Lächerlichen Triviale der ganzen Darstellung sind.

„Christus im Garten Gethsemane“ bildet die Vorstellung zum Vorhergehenden, ein schönes ruhiges Bild voll Mondesglanz auf den schlafenden Jüngern und dem eben mit tiefgeneigtem Haupte knieenden Christus. Von rückwärts fällt rother Fackelschein auf Judas und die eindringenden Häscher.

„Abraham’s Opfer“ ist um kein Haar dramatischer als Abraham’s Ergebung. Der Verfasser hat aus unbekannten Gründen vorgezogen, den Standpunkt nicht auf dem Berge Moriah zu nehmen, so daß wir nach Isaak’s wohlgemuthem Abschied: „Ich gehe zum Vater, aber über ein Kleines werdet ihr mich wiedersehen“, längere Zeit die Bitten und Klagen der hübschen Sarah anhören, bis endlich ein Diener und nach ihm Abraham und Isaak zurückkommen und das Vorgefallene erzählen. Die Einheit des Ortes und der Zeit ist damit allerdings glänzend festgehalten und das ländliche Publicum hört den langen Reden auf’s Andächtigste zu.

Nun kommt der Höhepunkt, das große Kreuzigungsbild, das den Weltruf der Oberammergauer Passion begründet hat. Der Vorhang rollt auf, und vor dem erschütternden Anblicke der drei hochaufgerichten Kreuze geht eine starke Bewegung durch den Zuschauerraum. Aber nicht nur ergreifend, sondern zugleich so wunderbar schön ist diese „Kreuzigung“, daß ein Gefühl der feierlichsten Andacht Jeden, und wäre er der blasirteste Weltmensch, bei ihrem Anblicke überkommt. Die kurzen Augenblicke genügen nicht, das figurenreiche Bild vollständig in’s Auge zu fassen, die Gruppen der weinenden Frauen, die Kriegsknechte, die unter dem Kreuze das Loos um den Mantel werfen, und das umstehende Volk: alle Blicke sind festgeheftet an dem ergebungsvoll geneigten schönen Haupte unter der Dornenkrone, an den tadellosen Linien dieser edeln Gestalt, die wie siegreich schwebend am Kreuze hängt. Die beiden Schächer, in der Weise befestigt, daß die Kreuzesarme unter ihren Schultern durchgehen, sind auch schön gebaute junge Männer, aber sie verschwinden vor dieser Christusfigur, welcher gegenüber, wie ich fest glaube, sich Niemand der augenblicklichen Illusion entschlagen kann. Kein Schauspieler von Profession könnte etwas Aehnliches leisten, denn gerade die vollständige Naturwahrheit und die völlige Verschmelzung mit der Rolle, die hier bis zur geringsten Kleinigkeit geht, machen den überwältigenden Eindruck.

Der Schauspieler muß ihr sehr genau entsprechen, da von künstlerischen Verschönerungsmitteln kaum die Rede ist, und eben weil er auf der Bühne seine wahre Persönlichkeit giebt, nimmt er auch ein Stück der Rolle in sie auf und trägt es in’s Leben mit hinaus. Auch in sittlicher Beziehung muß sein eigener Charakter mit der dargestellten Figur übereinstimmen, nur ein völlig unbescholtener Mann darf den Christus, nur ein züchtiges Mädchen die Maria spielen „Auch unter die Apostel,“ sagt Steub, „werden nur ehrsame und reife Männer aufgenommen, aber bei den römischen Kriegsknechten und den conservativen altjüdischen Bummlern, die es dem lieben Jesus verübelten, daß er das Christenthum stiften wollte, ist die Einreihung an weniger lästige Bedingungen geknüpft.“ Sämmtliche Theilnehmer des Spieles müssen überdies Ortsangehörige sein. – Das Glöckchen hinter der Scene klingt Allen zu früh, die sich mit großem Bedauern von dem ergreifend schönen Bilde trennen.

Die sechste und letzte Abtheilung „durch Dunkel zum Licht“ begreift als Handlung das glückliche Wiedersehen Joseph’s und seines Vaters Jakob, als Vorstellung die Auferstehung des Heilandes in sich. Keines von Beiden bietet besonderes Interesse; der alte Jakob könnte sich, so gut wie Abraham und Isaak, kürzer fassen, und der auferstandene Christus, mit Silberzindel behangen und auf einem Postamente stehend, mahnt bedeutend an die Krippenfiguren unserer Kinderjahre.

„Durch Treue in der Prüfungszeit
Folgt Jesu nach der Herrlichkeit,
Ihm nach in’s sel’ge Vaterhaus!
Dort ruht von Kampf und Mühen aus!
     Alleluja!“

schließt der Chorgesang die Vorstellung, und die Zuschauer verlassen, theils enttäuscht, theils hoch befriedigt, das Theater. Der laute Meinungsaustausch setzt sich noch über die große Wiese auf dem Wege zum Wirthshause fort, dem Alle schleunig zustreben, in der schwachen Hoffnung, noch Platz zum Essen zu finden. Vergebens! Bis unter die Hausthür schwillt der Strom der Gäste. Schweißtriefende Kellnerinnen rennen im Sturmschritte und beantworten keine Frage. Es bleibt nichts übrig, als sich mit Lebensgefahr in die prasselnde Küche zu wagen und ein paar Teller mit Braten zu annectiren. Oben am Saalfenster findet sich auch ein Plätzchen, ihn zu verzehren und zwischendurch [637] das Menschengewühl der Straße und die riesige Wagenburg zu betrachten, die sich binnen einer Stunde entwirren und in Bewegung setzen wird, denn die Abfahrt von Oberammergau ist so geschäftsmäßig regulirt wie die Ankunft.

Auf meine Fragen nach der Verwendung der großen Einnahmen erwiderte mir mein Nachbar, ein junger Bildschnitzer aus dem Orte, daß die einzelnen Darsteller durchaus kein großes Honorar beziehen. „Man vergütet ihnen natürlich die versäumte Arbeitszeit, und die Versäumnisse sind ziemlich bedeutend, da Alles mit der größten Sorgfalt eingeübt wird; im Uebrigen kostet die Garderobe ein bedeutendes Geld, und das Uebrige verwendet die Gemeinde für allgemeine Zwecke. Das neue Schulhaus, der Weg auf den Kreuzeshügel, das Denkmal für die Gefallenen sind aus den Spieleinnahmen hergestellt worden.“

Meine Frage, ob die ausgezeichnete Leistung des Christus diesem ein besonderes Gewicht im Dorfe verschaffe, verneinte er bestimmt. „Man erkennt gern an, daß er seine Sache sehr gut macht, aber im Uebrigen ist er ein einfacher Bildschnitzer, wie wir Andern auch. Die fremden Damen freilich,“ setzte er lächelnd hinzu, „wollen das gar nicht glauben. Sie würden sich wundern, wenn Sie all die kostbaren Geschenke sähen, die er nach dem vorigen Spiele bekommen hat. Ja, dem ist’s schon ein rechter Schaden, daß er vor dem Jahre 1870 verheirathet war,“ schloß er philosophisch, „der hätte große Partien machen können. Manche haben gemeint, sie können gar nimmer fort.“ In diesem Augenblicke ging der Besprochene selbst am Fenster vorbei, ich muß aber gestehen, daß ich in seiner Straßenerscheinung, abgesehen von den prächtigen Locken, Nichts fand, [638] was die Begeisterung der Damen erklärte. Er war wirklich nur ein einfacher, wenn auch recht hübscher Bildschnitzer. Das anfangs zufällige Erhaltenbleiben des Passionsspieles hier im Orte, während es anderwärts aufhörte, hat demselben einen ganz besonderen Charakter verliehen, der sich überall fühlbar macht. Auch während der neun Ruhejahre zwischen zwei Vorstellungen hört das Leben nicht auf seinen Bezug darauf zu nehmen. Es bildet sich nach und nach die Meinung über die künftigen Hauptfiguren, die ihrerseits das Möglichste thun, sich ihrer Rolle würdig zu machen. Wenn man das Dorf durchwandert und die vielen gut erhaltenen religiösen Fresken an den Häusern sieht, welche letzteren nicht, wie in anderen erzkatholischen Orten, vernachlässigt und schmutzig, sondern reinlich und wohlhabend aussehen, so kann man sich der Erkenntniß nicht verschließen, daß hier eine eigene Welt für sich existirt, die durch kein von draußen her mitgebrachtes Schnitturtheil abzuthun ist. Ein religiöser Zug geht durch das Ganze und bringt hier, statt Fanatismus und Aberglaube, wie sonst mancher Orten, in Verbindung mit Kunstgefühl und Gemeinsinn eine alle zehn Jahre neu ausbrechende Blüthe hervor, die als Oberammergauer Passion eines wohlverdienten Weltrufes genießt.