Die List des Vaters

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Titel: Die List des Vaters
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 596
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[596] Die List des Vaters. Der ungarische Graf W. war im v. J. nach Baden-Baden gereist, um dort den Sommcr mit seiner Tochter Helene zu verleben. Sie war jung, schön, hatte ein großes Vermögen zu erwarten und sah sich deshalb sehr bald mit einer Menge Freier umgeben. Reiche und Arme, Adelige und Bürgerliche, ernste und heitere Männer warben um sie und suchten einander den Rang vor ihr abzulaufen. Wenn sie ausfuhr, sah sie sich von einer Cavalcade von dienstbeflissenen Cavalieren umgeben, und auf den Bällen war sie die gesuchteste Tänzerin. Leute aller Nationen, Franzosen, Engländer und Russen warben um sie.

Unglücklicher Weise fiel Helenens Wahl auf einen ihrer am wenigsten würdigen Mann. Gaetano v. M. war zwar ein hübscher junger Italiener mit schönen blauen Augen und langem schwarzen Haar, der sich in gesellschaftlicher Beziehung gut zu benehmen und Mädchen zu fesseln wußte, es fehlten ihm jedoch die sittlichen Eigenschaften, welche dem Manne Werth verleihen. Er war ein Spieler von Profession und hatte Neapel wegen scandalöser Vorfälle verlassen, in die sein Spiel ihn verwickelt hatte.

Sobald der alte Graf W. dies erfuhr, beschloß er, seine Tochter um jeden Preis vor dem Ehrlosen zu bewahren. Er machte ihr Vorstellungen über ihre Neigung und warnte sie: das junge Mädchen war jedoch zu naiv und unerfahren, um den Worten ihres Vaters Glauben zu schenken. Sie meinte, der Geliebte sei bei ihm nur verleumdet worden, weil er es verstand, sich bei ihr stets in dem vortheilhaften Lichte eines tief und zärtlich empfindenden Liebhabers darzustellen. Sie fuhr daher fort, ihm ihre Liebe zu schenken, und Gaetano benutzte die Gelegenheit, sich die reiche Erbin zu sichern. Der Graf ließ sich jedoch dadurch nicht irre machen, sondern beschloß, dem Unwürdigen seine Tochter um keinen Preis zu überlassen, und müßte er selbst dazu schreiten, ihn zu vernichten. Er war noch nicht zu alt und noch kräftig genug, um den Kampf mit dem weichlichen Italiener nicht zu scheuen, dem er keinen Muth zutraute.

Es währte nicht lange, so fiel dem Grafen ein Brief Gaetano’s in die Hände, in welchem er Helenen zur Flucht aufforderte und sie zu diesem Zwecke um eine heimliche Zusammenkunft zu der Zeit bat, wenn ihr Vater nach seinem Whist-Club im Conversationshause gegangen sein würde. – Zum Zeichen ihrer Einwilligung sollte Helene eine Rose an der Brust tragen. Helene erhielt diesen Brief nicht.

„Stecke heut’ diese Rose vor,“ sagte ihr Vater, als sie sich zum Ausgehen rüsteten.

Helene gehorchte lächelnd und nahm ihres Vaters Arm. Auf ihrem Spaziergange begegneten sie Gaetano, dessen Augen vor Freude glänzten, als er die Rose erblickte. Dann brachte der Graf seine Tochter zu einem Bekannten und bat sie, dort auf ihn zu warten. Er selbst ging nach dem kleinen Hause in der Lichtenthaler Straße, das sie bewohnten, zurück, schickte seine Dienerschaft fort und blieb allein.

Zur vorgeschlagenen Stunde erschien Gaetano, sprang über die Gartenmauer und stieg, als er die Thür verschlossen fand, durch eins der Fenster zur ebnen Erde. Dann ging er die Trepppe hinauf und ging freudeerfüllt in Helenens Zimmer, das ihm bekannt war. Da trat ihm statt ihrer jedoch der Vater mit ein Paar Pistolen in der Hand entgegen. Der Graf verschloß die Thür und sagte zu dem zitternden Gaetano: „Ich könnte Euch erschießen, denn ich habe das Recht dazu. Ihr seid bei Nacht in mein Haus gedrungen und ich könnte Euch als Verbrecher behandeln.“

„Aber, mein Herr,“ stammelte Gaetano, „ich bin kein Dieb.“

„Und was seid Ihr sonst?“ fragte der Graf. „Ihr wolltet meine Tochter – eine Erbin und ein Vermögen – stehlen. Hier ist Ihr Brief, welcher Ihre verbrecherische Absicht enthüllt. Ich werde keine Gnade gegen Sie üben, doch will ich Ihnen das Leben schenken. Sie kennen die Geschicklichkeit meines rechten Armes. Ein Duell würde mich bald von Ihnen befreien, ich werde von diesem äußersten Mittel jedoch nur Gebrauch machen, wenn Sie sich weigern, mir zu gehorchen.“

„Und was verlangen Sie von mir, mein Herr?“

„Sie müssen Baden-Baden verlassen und zwar nicht erst in wenig Tagen oder morgen, sondern sogleich. Es müssen zweihundert Meilen zwischen mir und Ihnen liegen und Sie dürfen sich nie wieder meiner Tochter und mir nähern. Als Preis für diesen Geborsam zahle ich Ihnen die Reisekosten. Ich werde Ihnen 20,000 Fr. geben.“

Gaetano wollte sprechen.

„Kein Wort!“ rief der Graf mit donnernder Stimme. „Sie kennen mich! Verstanden? – Ihr Leben ist in meiner Hand und wenn Sie einen Augenblick zaudern, so jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf.“

„Gut, ich gehorche,“ stotterte der Italiener.

„Das ist Ihr Glück! – Ihre 20,000 Fr. liegen dort in dem Schreibtische. Nehmen Sie sie!“

„Erlauben Sie mir, Ihr Anerbieten auszuschlagen.“

Eine gebieterische Bewegung machte jedoch der falschen Bescheidenheit ein Ende und Gaetano sah wie ein Mann aus, der sich in sein Schicksal ergibt.

„Der Schreibtisch ist aber verschlossen,“ sagte er.

„Oeffnen Sie ihn.“

„Es ist kein Schlüssel daran.“

„Brechen Sie das Schloß auf.“

„Was, Sie wollen, ich soll – ?“

„Brechen Sie das Schloß auf oder ich schieße Sie nieder.“

Dabei erhob der Graf noch einmal das Pistol, und dieses bot einen unwiderstehlichen Grund dar. Gaetano gehorchte.

„Es ist gut!“ sagte der Graf. „Nehmen Sie dieses Paquet mit Banknoten, sie gehören Ihnen. Haben Sie eine Brieftasche bei sich?“

„Ja.“

„Was enthält sie?“

„Einige Papiere und Briefe, die an mich adressirt sind.“

„Lassen Sie die Brieftasche vor dem erbrochenen Schreibtische fallen.“

„Wozu?“

„Ich muß einen Beweis zu Ihrer Ueberführung haben.“

„Aber –“

„Kein Aber, ich muß den Beweis eines Einbruches haben. Ich muß den Dieb nennen können. Dieb oder Tod! – Sie werden vor mir hinausgehen und ich werde Sie nicht eher verlassen, als bis Sie eine Meile von Baden-Baden entfernt sind. Im Uebrigen seien Sie unbesorgt. Ich werde erst spät zurückkehren und meine Anzeige erst übermorgen machen. Sie haben vollkommen Zeit zur Flucht, und sollten Sie meines Schutzes bedürfen, so rechnen Sie auf mich. Jetzt fort!“

Nach diesem Vorfall, der großes Aufsehen machte, konnte Helene nicht länger zweifeln. Sie verbannte Gaetano aus ihrem Herzen, und hat mit keinem Worte seiner mehr erwähnt. Vor einigen Wochen fanden wir ihre Verlobung mit einem österreichischen Rittmeister angezeigt.