Ein Wort zur Zeit

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Autor: unbekannt
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Titel: Ein Wort zur Zeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 595-596
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[595] Ein Wort zur Zeit. Die langen Abende bringen Langeweile und unwilkürlich greift man nach den Büchern, den Stellvertretern des im Familienleben leider jetzt so seltenen erzählenden Wortes. Nicht immer ist aber die Wahl eine weise oder wenigstens befriedigende, und die in ärmlichen Stadtteilen errichteten Leihbibliotheken, ja auf dem platten Lande die „fahrenden Leihbibliotheken“ bieten schon in ihren Katalogen der Möglichkeiten genug, Leute ohne geistige Selbstständigkeit, Charakterlose, wenn letzterer Ausdruck erlaubt sein sollte, zu beirren. Man erwarte nicht hier eine trockene Revue oder Sichtung der Kataloge jener Leihbibliotheken. Ich will aber mit einigen wohlgemeinten Erfahrungen, die in weiteren Kreisen bekannt gemacht zu werden verdienen, antworten; möglich, daß ein oder das andere Samenkorn in ein sorgliches Elternherz falle, daß eine Mutter treulich wache. Das gebildetere Publicum wählt eben nach besserer Bildung; nicht immer so die letzten Schichten der lesenden Bevölkerung.

Die Jugend liest in ganzen Jahren gar gern, aber nicht immer, wie es das veraltete Vorurtheil will, lehrreiche Bücher. Im Gegentheile, auch die rührige Phantasie verlangt ihre Nahrung. Moralische Auseinandersetzungen, wenn sie lang waren, haben auch wir in der Jugend oft schnell überschlagen und sind deshalb nicht zu verurtheilen. Aber man vermeide Alles, was dem Verstande keinerlei Aufklärung bringt; man vermeide die gewürzreichen literarischen Evocoladen, die nur die Einbildung reizen und beflecken ohne zu veredeln; man meide den schmutzigen Opium der Sentimentalität. Man suche belebende, anregende Lectüre, z. B. die besten geschichtlichen Romane, die das nationale Gefühl wecken. Man suche sich ein gesundes, selbständiges Urtheil zu bilden, und wähle vor Allem die Lectüre für das Haus den Verhältnissen gemäß.

Eine Dame, grosse Freundin der Cooper’schen Romane, selbst aber schwachköpfig, ließ jederzeit das von ihr gelesene Buch ohne Widerrede den jungen Töchtern vom Boudoirtische nehmen, wohl auch selbst vorlesen. Leicht reizbar verschlangen diese Töchter förmlich den Inhalt. Die Jüngere, eine kräftigere Natur, las die Bücher ohne Nachtheil; die ältere kokettirte mit einer gewissen Coulissenwildheit, einer affectirten Natürlichkeit, mit einer romantischen Ueberschwenglichkeit und ist jetzt ein gesunkenes Mädchen. Es ist nicht zu leugnen, starke Geister lesen Derartiges ohne Schaden. weil sie theils ganz unbefangen lesen, theils hinter der tändelnden Maschinerie sehr leicht den Kern errathen und sich einen moralischen Gewinn herauszieben. So schreibt auch die Fürstin Gallitzin in einem Briefe an Hemsterhuis, in dem sie von sich als funfzehnjährigem Mädchen spricht, daß alle von ihr gelesenen Romane, selbst seichteren Inhalts also, ihr auch nicht den entferntesten Verdacht von körperlichen Genüssen durchblicken ließen; vielmehr hatten sie ihr eine tiefe Verachtung gegen alle sinnliche Wollust eingeimpft.

Schwachköpfe werden sich auch in dem besten Romane nicht zurecht finden, für dessen Dasein wir dem Geber hohen Dank schulden. Das beweist eben, daß ein großer Theil jenes Verderbens, den man der Romanliteratur an und für sich zugeschrieben hat, auf das Publicum zurückfällt, was nicht zu lesen verstand; dem man also dieselben Worte zurufen muß, wie sie einst Goethe dem prosaischen Kritiker Fr. Nicolai zurief, der den „Werther“ verketzerte, weil sich einige verschrobene Köpfe nach Werthers Leiden auch eigenes Leiden bereiteten und darüber die poetische Sprache, die Lyrik, die idyllische Anmuth, vor allen Dingen aber den titanischen Geist, der gegen Fesseln der Zeit ankämpfte, und das Nationale in dieser genialen Dichtung vergaßen. Sie vergaßen eben, es sei ein Roman. Darum sang Goethe:

„Mag jener dünkelhafte Mann
Mich als gefährlich preisen.
Der Plumpe der nicht schwimmen kann,
Er will’s dem Wasser verweisen.
Was schiert mich der Berliner Bann,
Geschmäcklerpfaffenwesen!
Und wer mich nicht verstehen kann,
Der lerne besser lesen.“ –

Demnach ist nur das Unschöne, das Geschraubte, Sentimentale und Rohe aus der Romanliteratur zu verweisen und man hat Schwachköpfen dieses Feld thunlichst abzuschließen oder sie für spätere Zeiten zu verwarnen. Die goldenen Aepfel der Hesperiden sind einmal nicht für Alle und das Unkraut der Spieß’schen und anderer literarischen Plebejer Romane ist im Kleinhandel am besten versorgt, obgleich es dort auch den meisten Schaden anrichtet.

An der Leipziger Straße liegt vor Meißen, in den Rebenbergen der Lößnitz, ein Weinwirthshaus, die Pappelschenke genannt. Es ist noch nicht so sehr lange her, als zwei Weiber des Ortes, die in diesem Hause zu verrichten hatten, Morgens um neun Uhr noch Thüre und Läden verschlossen fanden. Auf das lauteste Pochen wollte doch Niemand öffnen; endlich bemerkt eine der beiden Frauen, daß der vordere Fensterladen von der Stube sich etwas lüften lasse. Durch die kleine Oeffnung läßt sich ein sehr beschränkter Blick in den innern Raum werfen. In der festlich geschmückten Stube steht eine lange, gedeckte Tafel; auf ihr herabgebrannte Kerzen; auf dem Sopha ein paar bekleidete Frauenfüße, die mit Blut bepritzt sind. Weiter konnte man nicht sehen. Man zeigt alle Umstände sogleich dem Gemeinderichter an; man erbricht die Thüre, und ist nun Zeuge des gräßlichsten Blödsinnes, der verwerflichsten Schwäche. – Die Wirthin vom Hause, eine geschiedene Ehefrau, liegt bräutlich und festlich angethan, als wolle sie mit ihrem neuen Bräutigam, der schon im Hause wohnte, zur Trauung gehen, freilich aber mit zerschmettertem Haupte auf’s Sopha gestreckt. Neben ihr liegen zwei Pistolen, wovon das eine in Stücke zersprungen war. Mit ihrem Hirn waren Wand und Decke bespritzt. Ein gleicher Anblick bietet sich in der Kammer dar; ein nackter, blutbesudelter männlicher Körper, dem fast die ganze rechte zerschossene Gesichtshälfte fehlt, windet sich im Bette. Es ist der Bräutigam jener Frau.

In der Stube deutet Alles auf ein eben stattgefundenes Fest hin. Wein und Backwerk und mancherlei Speisereste stehen auf der sauber gedeckten, noch von Wachskerzen erleuchteten Tafel. Weiße Gardinen hangen an den Fenstern herab. Guirlanden ziehen sich zwischen durch; zwischen Weingläsern und den Symbolen des Zechgelags sind Blumen, in dieser Jahreszeit (28. zum 29. März) noch etwas seltenes, reichlich umhergestreut. Phantasterei wie in einer Gaukelbude ringsum.

Der Schwerverletzte konnte, da die Kinnladen und die Zunge unversehrt waren, noch sprechen. Auf Befragen erzählte er, wie er und seine erwählte Lebensgefährtin in Folge ihrer verwickelten Lage diesen Tod beschlossen hätten. Dazu hätten sie vorerst seinen Geburtstag und das Vereinigungsfest für das Jenseits gefeiert, da die Kirche, eines Hindernisses wegen, sie noch nicht einsegnen konnte. Schlag zwölf Uhr hatten sie sich Beide auf sein Commando (er war Unteroffizier gewesen) erschießen wollen; aber seine Braut habe, so wie er ihr das Pistol gereicht hatte, nicht gewartet, um den rechten Augenblick nicht zu verlieren (vielleicht auch im Rausche), und hatte losgedrückt. Welche Nacht! Ueberrascht und sich vor dem furchtbar zerschmetterten Kopfe der Frau entsetzend, habe er gezittert, und sich nun fehlgeschossen. – Er wurde bald darauf in eine Heilanstalt gebracht.

Bei näherer Untersuchung dieses interessanten Falles fand sich bald, daß dieses Weib, von dem jener frevelnde Gedanke übrigens ausgegangen war, wohl gutmüthig, aber auch schwach und höchst leichtsinnig gewesen war. Durch Eitelkeit war sie gefallen und entsittlicht worden; weibliches Gefühl, Bescheidenheit und Scham waren erstickt worden, und zwar hatte da von frühe an die unselige Lectüre der obszönsten Romane das Meiste vermocht. Ihr ganzes Wesen war exaltirt und verzerrt worden; Arbeitsscheu und Gemeinheit wurden beschönigt mit den Scheintugenden ihrer gepriesenen „Spieß’schen, Miller’schen und Clauren’schen Heroen,“ in denen sich Rohheit und Albernheit mischt. Ihre etwaigen Gewissensbedenken wurden durch den angelebten Glauben an ein unabänderliches Fatum niedergeschlagen; von ihrem ersten rechtlichen Mann ließ sie sich scheiden, und hing diesem wüsten Menschen an. Um das Ende der Wahnwitzigen sollte aber der Festschmuck, die Brautgewandung, das Kerzenlicht und der Blumenduft, ein aufgeschlagenes Gesangbuch und drei Briefe (an die Behörden und den geschiedenen Ehemann) einen gewissen Heiligenschein verbreiten; sie wollte als eine schwärmerische Himmelsbraut gefunden sein, wie es ihr [596] der Fabrikant aller Albernheiten, jener Spieß, vorgezaubert hatte, indeß sie doch bei allen Widersprüchen in den Augen aller Vernünftigen als eine elende, verworfene Creatur galt. –

Wie viel haben Lehrer, Gemeindevorstände und Volksberather, namentlich in Fabrikgegenden und auf dem flachen Lande in der Hand. Eine gesunde Lectüre nützt schneller und sicherer, als vieles – Andere.