Die Magalhãesstraße

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Titel: Die Magalhãesstraße
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 145, 148
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[145]
Die Gartenlaube (1891) b 145.JPG

Photographie im Verlage von Brack und Techner in Berlin.

Die Magalhãesstraße.
Nach dem Gemälde von C. Saltzmann.

[148] Die Magalhãesstraße. (Zu dem Bilde S. 145.) Was für eine großartige Zeit muß das gewesen sein, jene drei Jahrzehnte am Uebergang vom 15. zum 16. Jahrhundert! Man stelle sich eine ganze Kette von neuen Entdeckungen vor, jede einzelne an Bedeutung für die geographische Wissenschaft, an Reiz für die Phantasie des lebenden Geschlechts zehnmal größer als die Durchquerung der Waldwüste Innerafrikas und die Feststellung des letzten der Nilquellseen! Columbus landet 1492 in Amerika, Vasko da Gama umschifft 1497 Afrika und Magalhães endlich durchbricht nach Westen die Grenzen des Atlantischen Oceans und fährt 1520 durch die Straße, die heute noch seinen Namen trägt, hinein in das endlose Weltmeer und giebt ihm, zum Dank für günstigen Fahrwind, den Namen „Mar pacifico“, das „Stille Meer“. Und zwei Jahre darauf kehrt das letzte übrig gebliebene Fahrzeug seiner Flottille, die „Viktoria“, mit 18 von den 239 Ausgezogenen nach Spanien zurück, das erste Schiff, „das gleich der Sonne den ganzen Erdball umkreist hatte!“ Ist es ein Wunder, daß die Geschichtschreiber der Zeit in ihren Ruhmeserhebungen über solche herrliche Thaten nicht hoch genug greifen können? „Seit Gott den ersten Menschen erschaffen, ist die erste Durchfahrt durch die Magalhãesstraße die größte Neuigkeit gewesen, die auf Erden vernommen wurde!“ schrieb der Spanier Herrera; Odysseus und die Argo erblaßten vor dem Ruhme Magalhães’ und seiner Gefährten und der Name des kühnen Seefahrers ward für würdig befunden, aus einem Sternbilde des südlichen Himmels, den „Magalhãesschen Wolken“, auf ewig zu leuchten.

Die Magalhãesstraße hat eine Länge von 600 Kilometern und windet sich in drei Abschnitten mit erst südwestlicher, dann südlicher, dann nordwestlicher Richtung zwischen dem Festland von Südamerika und den vorgelagerten Inseln – Feuerland ist die größte von ihnen – hindurch. Dem letzten dieser Abschnitte gehört die Ansicht an, die unser Bild zeigt. Hier verengt sich die Straße zwischen zahlreichen Klippen und tiefen Fjorden immer mehr und erweitert sich erst wieder gegen den Ausgang zum Großen Ocean.

„Die landschaftliche Scenerie der von düsteren Sagen umwobenen Meeresenge,“ so schreibt ein Augenzeuge, „ist ein seltsames Gemisch von Monotonie und Großartigkeit der Naturgebilde jener Zone. Ringsum starren dem Schiffe Eisberge entgegen mit tiefen undurchdringlichen Felsenspalten, mit zu Gletschern erstarrten Wasserfällen, die wie gefrorene Niagaras, wie ungeheure Klippen von blaugrünem, durchsichtigem Glas die Seiten der Gebirge und finstern Thäler überhängen. Dagegen dehnt sich das schwarze, dunkle Fahrwasser an hohen Felsen in zahllosen Windungen hin. Zuweilen führen diese Windungen in eine Bucht, die, scheinbar ohne Ausgang, von einer Mauer schroffer Felsen eingeschlossen ist, bis sich plötzlich verschiedene Kanäle zeigen, die den Seefahrer noch mehr in Verlegenheit setzen, da er, falls er fehl geht, wochenlang zwischen Klippen und Kanälen umherirren kann… Stets ist der Himmel von dichten Wolken umhüllt, die Atmosphäre ist trüb und beständig nebelig, die Gewässer sind von pechschwarzer Farbe wegen ihrer Tiefe und der finstern Bergschatten… Von den nackten, kahlen Felsspitzen aber fährt der Orkan in die Wassertiefe hinab und erzeugt daselbst jene kurzen, brechenden Wellen, die unter dem Namen der Teufelswellen bekannt und die namentlich Segelschiffen so unheilbringend sind.“

Erst in neuester Zeit hat diese Schilderung der Magalh[ã]esstraße eine düstere Bestätigung gefunden. In ihren tückischen Felsenbuchten verlor sich die Spur des Dreimasters „Santa Margherita“ und seines Kapitäns Johann Orth, der einst den Namen „Erzherzog Johann Salvator“ geführt hatte.