Die Marseillaise von einem Deutschen componirt

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Textdaten
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Autor: J. B. Hamma, d.i.: Fridolin Hamma
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Titel: Die Marseillaise von einem Deutschen componirt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 256
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[256] Die Marseillaise von einem Deutschen componirt. Die Revolutionshymne, unter dem Namen „Marseillaise“ bekannt, unter deren Klängen die Säulen des französischen Königthum zusammenbrachen, wie die Mauern Jericho’s vor den Posaunen Josua’s, alttestamentlichen Andenkens, ist nicht, wir bisher angenommen wurde, von dem französischen Dichter Delisle, sondern von einem ehrlichen Deutschen, dem kurfürstlich pfälzischen Hofcapellmeister Holtzmann, componirt worden. Es ist dies derselbe Holtzmann, von welchem Mozart in Briefen aus Mannheim an seinen Vater Rühmliches schreibt, und von welchem während Mozart’s Anwesenheit in Paris eine geistliche Cantate aufgeführt wurde.

Als dieser kurpfälzische Kapellmeister die Melodie zur Marseillaise componirte, lag es allerdings nicht in seiner Absicht, eine so weltstürmerische Fanfare zu schaffen, eben so wenig mag er geahnt haben, daß das Kind seiner Muse so ganz von dem Weg seiner Bestimmung abweichen und der Führer einer gottesleugnerischen, republikanischen Armee werden würde, denn – wer wird dies vermuthen? – die Melodie, an die sich so viele blutige Erinnerungen knüpfen, ist ursprünglich die Musik zu einem Credo aus einer Messe, die ungefähr zwanzig Jahre vor der französischen Revolution componirt wurde.

Das Manuscript, aus welchem ich die Entdeckung machte, ist mit der Jahrzahl 1776, versehen. Während meinen Aufenthalten in Meersburg, der ehemaligen Residenz der Fürst-Bischöfe von Constanz, wo ich als Organist und Musikdirektor an der Stadtkirche angestellt war, musterte ich fleißig die ziemlich umfangreiche musikalische Bibliothek, die unter meiner Verwaltung stand; besonders interessirten mich die vom Kloster Salem an Fürst Dalberg und von diesem an die Stadtkirche übergegangenen Manuscripte, meistens Messen, Vespern etc. von italienischen und deutschen Meistern. Unter diesen fand ich sechs Messen mit dem Titel: VI Missae breves, stylo elegantiori ad modernum genium elaboratae, comp. de Holtzmann, die mich ihres schönen Gesanges, ihrer fließenden Melodien, reinen Satzes und leichter Instrumentirung wegen besonders ansprachen. Ich sah sie deshalb genau durch und wunderte mich natürlich nicht wenig, in Nr. IV (ex G) die vollständige Melodie der Marseillaise im Credo wieder zu finden. Wie man sieht, handelt es sich hier nicht um eine Aehnlichkeit, eine Reminiscenz, die auch zufälliger Weise absichtslos hätte entstehen können, sondern es ist fast Note für Note eine Gleichheit in Melodie, Harmonie, Takt und Tonart, daß Herr Delisle die Holtzmann’sche Messe vor sich gehabt, beziehungsweise abgeschrieben haben muß, als er die Musik auf sein Gedicht setzte. Es läßt sich die Sache auch leicht erklären: Herr Delisle dichtete seine Hymne und wollte sie auch gleich gesungen haben; da ihm aber gerade kein Componist zu Gebote stand, machte er, als Dilettant in der Tonkunst, sich die Musik selbst zurecht. Wahrscheinlich spielte oder sang er öfter in Kirchen und Klöstern mit, wodurch ihm die Holtzmann’schen Messen, die auch wirklich am Rhein, im Elsaß, den Bisthümern Speier und Straßburg, wenn auch nur in Abschriften, sehr verbreitet waren, bekannt wurden. Er fand es denn bequemer, eine schon vorhandene Melodie seinen Worten anzupassen, als eine neue zu erfinden. Wir wollen ihn auch deshalb nicht tadeln, er hat einen guten Griff gethan, und wenn dies die einzige Plünderung an deutschem Eigenthum wäre, die in der damaligen Zeit vorgekommen, so wären unsere Vorfahren zu beglückwünschen gewesen; dessen ohngeachtet glaubte ich der Wahrbeit ein Zeugniß geben zu müssen, was ich um so lieber thue, als es sich um das geistige Eigenthum eines deutschen Componisten handelt, dessen Werke es verdienten, aus der Vergessenheit gerissen zu werden.

Um die Sache ganz zu begreifen, muß man sich einen Begriff von den frühern musikalischen Zuständen machen können; da ich aber nicht zu weitläufig werden will, bemerke ich nur kurz, daß fast kein Ort war, in welchem nicht Kirchenmusik (mit Singstimmen, Orgel, Streichquartett, Horn und Oboen) anzutreffen war, und Jeder es sich zur Ehrensache machte, mitsingen oder ein Instrument spielen zu können. Die Kirchenmusik war an katholischen Orten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ungefähr das, was jetzt die Gesangvereine sind, ja es herrschte ein noch viel leichterer, fast möchte ich sagen, leichtsinnigerer Ton, der so ungezwungen war, daß Jedermann sich gern dabei betheiligte. Diejenigen Componisten waren die beliebtesten, welche etwas „Lustiges“ brachten, und alle damaligen Componisten willfahrten gerne diesem Wunsche, selbst Haydn und Mozart, – nach meiner Ansicht mit Recht, denn um die Leute trübselig zu machen, dazu bedarf’s wahrlich keiner Musik. Warum ein aufgeheitertes, fröhliches Gemüth Gott weniger angenehm sein soll, als ein von heuchlerischer Zerknirschung erfülltes, kann ich nicht begreifen. Ich kenne keine Biographie von Delisle, allein es würde sich aus den Aufenthaltsorten dieses Dichters wohl die Kirche ausfindig machen lassen, wo er den musikalischen Edelstein fand, mit dem er sein begeisterungsvolles Gedicht schmückte und dadurch diesem eigentlich erst seine volle Bedeutung verlieh. Inzwischen mache ich diejenigen, welche sich für diese Angelegenheit interessiren, darauf aufmerksam, daß die Holtzmann’schen Messen als Eigenthum der Stadtkirche zu Meersburg in der dortigen Kirchenmusiksammlung aufbewahrt werden, und das besprochene Marseillaisc-Credo wird von dem jetzigen Chormusikdirector gewiß gern im Original vorgezeigt werden.

J. B. Hamma.



Anmerkung WS:

Bezüglich der Glaubwürdigkeit dieser Darstellung siehe die Diskussion zu diesem Artikel.