Ueber den Curirschlendrian

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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Ueber den Curirschlendrian
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 262–263
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aerztliche Herzensergießungen.

Über den Curirschlendrian


Warum sollte man den Laien ihre verkehrten und abergläubischen, oft aller Vernunft Hohn sprechenden Großmutter-Ansichten über Heilmittel und Heilmethoden nicht verzeihen? Aberglauben denn nicht auch die meisten Heilkünstler selbst, daß sie mit ihren nichtsnutzigen Nichtsen (wie die Homöopathen) oder mit ihren theils aus dem grauen dummen Alterthume, theils aus der erfinderischen Neuzeit herstammenden etlichen Etwasen (wie die Allopathen) Krankheiten zu heilen vermögen, während doch nur dem Naturheilungsprocesse in unserm Körper (s. Gartenl. Nr. 25) diese Heilungen zu verdanken sind? Daß jener Heilproceß hauptsächlich durch ein von Seiten des Arztes einzuleitendes passendes diätetisches Verfahren gefördert werden muß, das wollen weder Laien noch Heilkünstler einsehen.

Dieser von Geschlecht auf Geschlecht forterbende Heilkünstleraberglaube an die Heilkraft ebensowohl der privilegirten wie der unconcessionirten Heilmittel ist’s denn nun auch, der die Heilkunst mit einer solchen Unmasse von angeblich heilsamen Heilmitteln und Heilmethoden nach und nach so bereichert hat und fortwährend bereichert, daß fast bei jeder Krankheit jeder Arzt seine absonderlichen Lieblingsmittel, Lieblingsbäder und Lieblingsheilmethoden zu rühmen weiß, die schließlich nach gar nicht so langer Zeit zwar als nichtsnutzig anerkannt, aber dann ja nicht etwa für immer aus der Arzneimittellehre hinausgeworfen werden, sondern als historische Größen in den Heilkünstlerköpfen zeitlebens in gutem Andenken bleiben.

So passirt’s denn auch, daß Laien wie Aerzte bei bestimmten Uebeln nach althergebrachtem Schlendrian ohne weitere Ueberlegung bestimmte Heilmittel in Gebrauch ziehen, die, anstatt zu helfen, sogar schaden können, oder doch wenigstens gar nichts nützen (höchstens dem Apotheker). Natürlich wird dies niemals zugegeben, weil später ja doch noch Besserung und Heilung eintrat und weil dann jene Mittel, nicht aber die Naturheilungsprocesse daran schuld gewesen sein müssen.

Am gewissenlosesten wird jedenfalls mit Blutentziehungen umgegangen, die von entzündeten Stellen das angestaute Blut wegschaffen sollen, obschon dies in fast allen Fällen geradezu unmöglich ist. Sogar bei schon ganz blutarmen, bleichen, magern und schwindsüchtigen Personen müssen, wenn diese ein paar unschuldige Stiche drinnen in der Brust fühlen, sofort Blutegel oder Schröpfköpfe außen an der Brust angesetzt werden. Schon bei dem Worte „Entzündung“ überfällt die meisten echt allopathisch gesinnten Aerzte und Laien eine solche Blutgier, daß man wirklich die Homöopathischen wegen ihres kindlichen Vertrauens aus das entzündungsfeindliche Aconit (was sich übrigens nach dem lebensmagnetischen Sanitätsrathe Dr. Lutze vorzugsweise bei Entzündungen auf der rechten Körperseite als heilsam bewährt hat) beneiden könnte.

Einen inhumanen Schlendrian kann man’s ferner nennen, wenn Kranken, die mit Sicherheit in der nächsten Zeit dem unerbittlichen Tode verfallen, von Seiten des Arztes und der Angehörigen Alles verweigert wird, was jenen die letzten Lebensstunden allenfalls noch in Etwas angenehm machen könnte. Wie ein zur Hinrichtung geführter Verbrecher sich seiner leichten Kleidung wegen einen Schnupfen zu holen fürchtete, so fürchten gewöhnlich Aerzte und Laien, einem Sterbenden, der von Durst und Hitze entsetzlich gepeinigt wird, durch einen erquickenden kalten Trunk (Wassers oder Bieres) und frischen kühlen Luftstrom noch eine Erkältung, Rheumatismus oder Magenverderbniß zuzuziehen. Durch angeblich lebensfristende und herzstärkende Arzneien versuchen Aerzte die Todesqualen nur noch zu vermehren und zu verlängern, während die Umgebung eifrigst bemüht ist, jede erleichternde Bewegung und Entblößung des Verscheidenden zu hintertreiben. – Zum Verbrechen wird dieser Schlendrian, wenn Aerzte Arme, deren Krankheitszustand offenbar zum Tode führt, ganz unnützer Weise des letzten Groschens durch Verordnen theurer Arzneien (Chinin, Moschus etc.) berauben. Und solcher Arzneiwüthriche giebt’s noch die Menge!

Wie hartnäckig Aerzte und Laien an alten Sagen von Heilungen gewisser innerer und äußerer Geschwülste durch arzneiliche oder sympathetische Mittel fest halten, obschon jene Geschwülste nur mittels operativer Hülfe entfernt oder verringert werden können, das zeigt sich am deutlichsten bei den so häufig vorkommenden, aber ungefährlichen Ovariumcysten (Wasserblasen im Frauenleibe, fälschlich auch Bauchwassersucht genannt). Gegen diese, weder durch innere noch äußere Arzneimittel heilbaren Schwülste werden immerfort und jahrelang eine Menge die Gesundheit störender Curen (besonders mit Jod) unternommen und diese, trotzdem daß das Uebel zusehends fortwächst und das allgemeine Befinden immer schlechter wird, doch mit einer solchen Consequenz fortgesetzt, daß der geschwollene Leib endlich zerplatzen möchte. Bleibt dann nach mehrmaliger Entleerung der Flüssigkeit aus jenen Blasen und nach Verwachsung ihrer Wände mit einander eine neue Schwellung des Leibes auf längere Zeit oder für immer weg, dann hat das stets irgend ein absonderliches Arzneimittel oder ein Hokuspokus gethan. Eine sonst kluge Frau, bei welcher die Heilung auf solch natürliche Weise vor sich gegangen war, versicherte im vollen Ernste, eine intensive Hasenbratencur habe ihr geholfen. Wenn da diese Heilung und das homöopathische Heilgesetz (nach welchem dasjenige Mittel bei einer Krankheit hilft, welches bei Gesunden einen dieser Krankheit ähnlichen Zustand hervorzurufen im Stande ist) wirkliche Wahrheiten wären, dann müßten alle Frauen, die gern und oft Hasenbraten essen, von Ovariengeschwülsten heimgesucht werden. Also merkt’s, Ihr homöopathischen Gläubigen! Hasenbraten (ob in der trillientel oder decilliontel Verdünnung, kann ich freilich nicht genau sagen) ist ein Hauptmittel gegen Ovariencysten.

Der böse Hals, und zwar ebensowohl der obere oder Schluck- und Schlinghals wie der untere oder Sing- und Schreihals (die Kehle), wird vom Dr. Schlender-Jahn (Johann) fortwährend über denselben alten gewohnten und unbrauchbaren Leisten behandelt. Ist der Schluckhals krank, was Schmerz und Beschwerden beim Schlingen macht, dann muß gegurgelt werden; leidet der Schreihals, was sich durch Heiserkeit und Husten zu erkennen giebt, dann geht’s mit spanischen Fliegen an die Kehle.

Das Gurgeln bei entzündetem, heißem (geschwollenem und sehr geröthetem) Gaumen, Zäpfchen oder Mandeln schadet in der Regel weit mehr als es nützt, weil dabei die kranken Theile, welche gerade recht ruhig bleiben sollten, in Erzitterung versetzt werden. Abgesehen noch davon, daß in äußerst seltenen Fällen das Gurgelwasser, was doch die kranken Theile bespülen soll, diese wirklich berührt. Es kommt dies daher, weil die allerwenigsten Menschen, zumal wenn sie einen bösen Hals haben, die Zungenwurzel willkürlich so herabziehen können, daß die Flüssigkeit bis in den hintersten Theil der Mund- und Rachenhöhle gelangt, und das Hinabfließen derselben in die rechte und unrechte Kehle (in den Schlund und Kehlkopf) nur durch den aus der Luftröhre kommenden kräftigen Luftström verhindert wird. Man thut deshalb beim kranken Schlinghalse stets gut, von Gurgelwässern ganz abzusehen und lieber, nach Niederdrückung der Zunge mittels eines Löffelstiels, Einspritzungen und Bepinselungen der kranken Partien vorzunehmen. Das am besten und schnellsten wirkende Heilmittel beim bösen Halse ist aber immer der Höllenstein, welchen man entweder in fester Form zum Bestreichen oder in concentrirter Auflösung zum Bepinseln verwenden kann. Höllenschmerz macht hierbei dieses ausgezeichnete Heilmittel trotz seines fürchterlichen Namens nicht, höchstens etwas Druck und metallischen Geschmack.

Heiser zu sein und in die Hände eines alten Praktikus zu fallen, gehört wahrlich nickt unter die Annehmlichkeiten des Lebens, denn da geht’s ohne Mißhandlung und Verschändung des Halses in der Regel nicht ab, wär’s auch der Schwanenhals einer Venus. [263] Senfteige, Seidelbast, Pockensalbe, spanische Fliegen, Haarseil u. s. f., alles schmerzmachende Mittel, die garstige Flecke auf der Halshaut hinterlassen, sollen da den Krankheitsstoff aus dem Kehlkopfe durch Knorpel, Fleisch, Zellgewebe und Haut hindurch und nach außen ziehen. Als ob das möglich wäre! Sie haben mir aber geholfen, sagen dagegen ganz keck Laie und Arzt, ohne zu bedenken, daß gleichzeitig stets noch ein vernünftiges diätetisches Verhalten (warme reine Luft zum Athmen, warme schleimige Getränke und Speisen, Ruhe des Sprachorgans) angewendet wurde, was den Naturheilungsproceß unterstützte und insofern die Hülfe gebracht hat. Bei den Homöopathischen thut’s da freilich auch nicht die Natur, sondern Mercur, Chamomille, Pulsatille, Nux, Jod, Mangan, Schwefelleber, Phosphor, Kohle, Causticum oder Brom. Die Nux paßt aber nur dann, wenn man neben der Heiserkeit noch in einer mürrischen, zänkischen, eigensinnigen, hartnäckigen Gemüthsstimmung ist, und Chamomille dann, wenn die Gemüthsstimmung eine verdrirßliche, ernsthaft stille, ärgerliche, ohne Luft zu sprechen. So schreiben Dr. Clotar Müller in seinem Hans- und Familienarzte und Dr. Hering im homöopathischen Hausarzte, während Dr. Hirschel in seinem homöopathischen Arzneischatze auf die Gemüthsstimmung gar keine Rücksicht nimmt, eben so wenig wie der Herr Sanitätsrath Dr. Lutze. Bei Heiserkeit mit Schnupfen braucht man übrigens nach anderen Homöopathen nur an ein Fläschchen mit Drosera (Sonnenkraut) zu riechen oder, was kluge Wasch-, Scheuer-, Platt- und Nähfrauen als ganz vorzüglich empfehlen, den wollenen Strumpf eines gesunden, braven Mädchens oder Jünglings um den Hals zu binden.

Kurz, wo, wie und was curirt wird, stets wird auch dabei vorn Arzte oder Laien etwas geschlendriant, und wenn auch nicht in allen Fällen geradezu zum offenbaren Nachtheil des Kranken, so doch keines Falles zum Cortheil desselben. (Wird fortgesetzt.)

Bock.