Die Memoiren der Glückel von Hameln/Drittes Buch

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Zweites Buch Die Memoiren der Glückel von Hameln Viertes Buch »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
[69]
Drittes Buch.

Wer kann oder darf alles schreiben oder sagen, was uns sündigen Menschen alles in unserm Leben passiert und was für wunderliche Sachen uns vorkommen.

Ich bin ungefähr 25 Jahre alt gewesen, da ist mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – gar fleißig in seinem Handel gewesen. Und ich, ob ich auch noch jung gewesen bin, habe das Meinige dazu beigetragen. Ich schreibe es mir nicht zum Ruhm, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – von niemandem einen Rat angenommen hat, als was wir uns immer zusammen besprochen haben.

Zu jener Zeit ist ein junger Mann in Hannover gewesen mit Namen Mordechai – Gott räche sein Blut. Er ist bei meinem Schwager Lipmann gewesen. Derselbige junge Mann ist nach Hamburg gekommen und war bei uns Gast. Kurz, der Junge hat uns wohl angestanden, wir haben ihn zu uns genommen, damit er für uns reisen soll, und wir beabsichtigten, ihn dorthin zu schicken, wo Geschäfte zu machen sind. Der junge Mann ist aus Polen gewesen, hat gar gut Polnisch geredet und so ist er nach Danzig gezogen, da wir gehört haben, daß dort viele Unzenperlen zu kaufen seien, und damals hat das Hauptgeschäft im Juwelenhandel in Unzenperlen bestanden. Also haben wir ihm einen Kreditbrief auf einige hundert Reichstaler nach Danzig mitgegeben und ihn kurz unterwiesen, wie er Perlen einkaufen soll.

Und wenn wir damals so getrachtet hätten, in Danzig Juwelen zu verkaufen als einzukaufen, hätten wir viel mehr tun können. Aber man ist damals gar so sehr an dem Handel [70] mit Unzenperlen gehangen, daß man sonst an keinen Handel gedacht hat.

Also ist der Mordechai – Gott räche sein Blut – nach Danzig gezogen und hat angefangen Perlen zu kaufen und hat sie hierher geschickt. Er hat gar gut eingekauft, so daß schöner Verdienst daran gewesen ist.

Der Mordechai – Gott räche sein Blut – ist noch jung an Jahren gewesen und wollte nicht länger in Danzig bleiben. Er wollte eine Frau nehmen und ist hierher gekommen und hat sich gleich verloben lassen mit der Tochter von lang Nathan – sein Andenken sei gesegnet – und die Verlobung sollte nur ein halbes Jahr dauern. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat haben wollen, er sollte bis zur Zeit seiner Hochzeit wieder nach Danzig ziehen, aber leider ist es ein Verhängnis vom Himmel gewesen, daß er nicht nach Danzig ziehen wollte, und er hat gesagt: »Es ist kein halbes Jahr mehr bis zu meiner Hochzeit. Ehe ich hin und her zieh, geht die Zeit weg. Ich will nach Deutschland ziehen und will Wein kaufen.«

So sagt mein Mann – er ruhe in Frieden: »Wie fällst du darauf, Wein zu kaufen? Ich begehre nicht Anteil zu haben an deinem Weinhandel.«

So sagt der Mordechai – Gott räche sein Blut: »Wenn ihr keinen Anteil daran haben wollt, so will ich allein für mein Geld kaufen.«

Aber mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat solches schon nicht gern gehabt und hat ihm im Guten und im Bösen zugeredet. Aber leider hat nichts helfen wollen und er hat sich die betrübte Reise so fest vorgenommen, daß ihn kein Mensch hat können davon abhalten. Mein Mann – das Andenken des Gerechten sei gesegnet – hat seinen zukünftigen Schwäher an ihn geschickt, um mit ihm zu reden und ihn von der unglückseligen Reise abzuhalten. Aber alles hat nicht helfen wollen. Er hat sich das so fest in den Sinn gestellt, daß ihn kein Mensch davon hat abbringen können. Und es scheint, daß der gute [71] Mensch hat anderen Raum machen müssen, denn wenn ihm Gott sein Leben gelassen hätte, wären vielleicht Reb Juda[1] und Isachar Katz[2] nicht zu ihrem Reichtum gekommen, wie weiter folgen wird.

Also, wie schon gesagt, hat sich der Mordechai – Gott räche sein Blut – nicht abreden lassen wollen und mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – wollte auch keine Kompagnie an dem Weinhandel haben.

Also ist er auf seine Rechnung allein gezogen und hat ungefähr sechshundert Reichstaler mitgenommen.

Wie er nach Hannover gekommen ist, hat er sein Geld meinem Schwager, Reb Lipmann, gegeben, er soll es ihm nach dem Ort schicken, wo er hinziehen werde, um Wein zu kaufen. Wie er von Hannover hat hinausziehen wollen, hat er gegen Hildesheim zu gemußt, und er – Gott räche sein Blut – ist gar ein karger Mensch gewesen, so daß er es nicht über sich gebracht hat, von Hannover nach Hildesheim auf der Post zu fahren, oder vielmehr Gott – sein Name sei gelobt – hat es nicht haben wollen.

Also ist er zu Fuß gegangen, denn Hannover ist nur drei Meilen Wegs von Hildesheim. Also ist er allein zu Fuß nach Hildesheim gegangen. Wie er vor Hildesheim kommt, keine zweitausend Ellen davon, begegnet ihm ein Wildschütz vom Dorf und sagt zu ihm: »Jud, gib mir ein Trinkgeld oder ich erschieß dich.« Der Mordechai – Gott räche sein Blut – lacht ihn aus, denn zwischen Hannover und Hildesheim ist es so sicher wie zwischen Hamburg und Altona. Also sagt der Schütz wieder zu ihm: »Du jüdisches Aas, was bedenkst du dich so lang, sag ja oder nein.« Endlich nimmt der Schütz sein Gewehr und schießt den Mordechai – Gott räche sein Blut – gleich in den Kopf, daß er stracks niederfällt und tot ist.

Nun ist es auf dem Weg keine Viertelstunde still, doch hat es sich leider zur Zeit des Unglückes schicken müssen, [72] daß weder hin noch her jemand gegangen ist. Also hat der ehrliche, wackere, redliche Junge in jungen Jahren sein Ende nehmen müssen. Anstatt seinen Hochzeits- und Ehrentag zu begehen, hat er in die finstere Erde kriechen müssen und so schuldlos. Mein Gott, wenn ich noch daran denke, stehen mir die Haare zu Berge, denn er ist ein recht fromm, gottesfürchtig Kind gewesen, und hätt ihm Gott sein Leben gegönnt, wäre er zu großen Dingen gekommen und es wäre für uns auch gut gewesen. Gott weiß, wie herzlich es mich und meinen Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – geschmerzt hat und welche Nöten wir ausgestanden haben, wie weiter folgen wird.

Wie er nun nicht lange dagelegen ist und sich in seinem jungen Blut gewälzt hat, sind Leute von Hildesheim herausgegangen und haben ihn leider so elendiglich gefunden und haben ihn bald erkannt, denn er ist in der ganzen Umgegend gar bekannt gewesen. Also haben sie dafür gesorgt und ihn bald beerdigt. Welcher Kummer und welches Wehklagen in der ganzen Umgegend war, kann man nicht genug erschreiben. Aber was mag das alles helfen, seine jungen Jahre sind hinweg gewesen.

Man hat es von Hannover und Hildesheim bald an uns geschrieben, denn sie haben wohl gewußt, daß er – Gott räche sein Blut – Verbindung mit uns gehabt hat, und sie haben gemeint, daß er viel von uns bei sich gehabt hat. Aber er hat nichts bei sich gehabt als etliche Reichstaler Zehrgeld.

Nun, da wir die Briefe bekommen haben, bin ich mit meiner Tochter Mate – sie ruhe in Frieden – schwanger gewesen. Nun kann man sich wohl denken, wie mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – und ich von Schrecken ergriffen waren und welchen Kummer wir gehabt haben. Denn, wie schon gesagt, er ist gar ein frommer, ehrlicher Mensch gewesen und wir hätten große Geschäfte mit ihm machen können. Nun, alle Dinge, die geschehen sind, sind schon nicht zu ändern, und besonders, was Todesfälle sind, muß man alles dem Höchsten anheimstellen. [73] Ob man auch in Hannover sowie in Hildesheim viel geforscht hat und man gemeint hat, eine Vergeltung zu bekommen, so ist doch nichts ausgerichtet worden, denn der Mörder – sein Name sei ausgelöscht – ist weggelaufen und seither nicht wieder gesehen worden. Gott räche sein Blut unter den anderen Heiligen und Frommen.

Also haben wir niemanden gehabt, den wir zu solchen Geschäften hätten brauchen können. Aber das hat nur kurze Zeit gedauert, dann ist der reiche Reb Juda Berliner hierher gekommen und Reb Jakob Oberkirchen(?). Der Reb Jakob ist ein Heiratsvermittler gewesen und hat für besagten Reb Juda um die Tochter von Pinchas Harburg geredet. Nun, solches ist aber von Gott – sein Name sei gelobt – nicht beschert gewesen. Von wem aus es abgegangen ist, weiß ich nicht.

Also ist dieser Reb Juda einige Zeit in meinem Hause Gast gewesen, denn er ist mit meinem Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – verschwägert gewesen. Der Reb Juda ist Großgeschwisterkind von meinem Schwager Reb Lipmann gewesen. Wie er nun einige Wochen bei uns gewesen ist, hat er uns in jeder Beziehung sehr gut gefallen. Er ist ein hübscher, gelehrter Mann gewesen, er wußte auch gut von Geschäften zu reden und ist auch gar klug gewesen. Also sagt mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – zu mir: »Glückelchen, was deucht dich, wenn wir den Jungen zu uns nehmen würden und ihn nach Danzig schicken? Ich seh ihn für einen klugen Jungen an.« So sag ich zu meinem Mann – das Andenken des Gerechten sei gesegnet: »Ich hab auch schon einigemal daran gedacht. Wir müssen doch wieder einen haben.« Also haben wir mit ihm geredet und er ist es bald zufrieden gewesen und keine acht Tage danach ist er nach Danzig gereist. Was er bei sich gehabt hat, war sein ganzes Vermögen gewesen, es hat bestanden in Bernstein für ungefähr zwanzig bis dreißig Reichstaler. Dasselbe hat er meinem Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – gelassen, er soll es ihm verkaufen oder verwahren. [74] Nun, meine lieben Kinder, seht, wenn der getreue Gott einem helfen will, wie er aus wenig viel machen kann. Aus einem kleinen Kapital, das fast nichts gewesen, ist Reb Juda zu so großem Reichtum gekommen und ist ein so großer Mann geworden.

Also ist Reb Juda einige Zeit in Danzig gewesen und hat gute Geschäfte gemacht, und zwar hat er als Unzenperlen gekauft. Aber er ist den Geschäften nicht sehr nachgelaufen, zudem in Hamburg der Kredit noch nicht so groß war wie jetzt. Wir sind noch junge Leute gewesen, die noch keinen großen Reichtum gehabt haben. Dennoch haben wir ihn mit Kreditbriefen versehen und ihm oftmals Wechselbriefe geschickt, damit er keinen Mangel an Geld gehabt hat.

Also ist er ungefähr zwei Jahre drin gewesen und ist dann wieder herausgekommen. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat dann mit ihm abgerechnet und ihm acht- oder neunhundert Reichstaler Gewinn auf seinen Anteil gegeben. Damit ist er nach Hannover gezogen, hat sich dort herum aufgehalten und wollte sich verheiraten. Inzwischen bin ich mit meiner Tochter Mate ins Kindbett gekommen. Es ist gar ein schönes Kind gewesen, wie weiter folgen wird.

In derselbigen Zeit hat man von Sabbathai Zewi zu reden angefangen. Aber »weh uns, wir haben gesündigt«, und daß wir es nicht erlebt haben – und wie wir gehört haben – und was wir uns fast eingebildet haben – und wenn ich gedenk, wie von Jungen und Alten Buße getan worden ist – das ist nicht zu erschreiben.

Wie es bewußt und bekannt worden ist durch die ganze Welt – o, Herr der Welt – in der Zeit, da wir gehofft haben, daß du barmherziger Gott dich wirst über dein Volk Israel erbarmen und uns erlösen.

Wir haben gehofft wie eine Frau, die da sitzt auf dem Gewinnstuhl[3] und mit großen Schmerzen ihren Wehtag verbringt und meint, nach all ihrem Schmerz und Wehtag [75] wird sie mit ihrem Kind erfreut werden; aber nach all ihrem Schmerz und Wehtag kommt nichts anderes, als daß sie einen Wind gehört. Also, mein großer Gott und König, ist uns auch geschehen. Wir haben gehört und alle deine lieben Knechte und Kinder haben sich sehr gemüht mit Gebet, Buße und Almosen durch die ganze Welt. Und dein liebes Volk Israel ist auf dem Gewinnstuhl gesessen und hat gehofft, nach all seiner schweren Buße, Gebet und Almosen, nachdem sie zwei, drei Jahre sind im Gewinnstuhl gesessen, und es ist nichts als Wind herausgekommen.

Nicht nur daß wir nicht würdig waren, das Kind zu sehen, um das wir uns so sehr gemüht haben, sind wir auch noch so weit gekommen, daß wir uns ganz sicher gehalten haben, und sind leider stecken geblieben.

Mein Gott und Herr, derenthalben verzagt dein Volk Israel doch nicht und hofft täglich auf deine Barmherzigkeit, daß du es erlösen wirst. »Wenn er auch säumt, so hoffe ich doch täglich, daß er kommt.«

Wenn es dein heiliger Wille sein wird, wirst du deines Volkes Israel schon gedenken.

Die Freude, die war, wenn man Briefe bekommen hat, ist nicht zu beschreiben. Die meisten Briefe, die gekommen sind, haben die Sefardim bekommen. Dann sind sie allezeit mit ihnen in ihr Bethaus gegangen und haben sie dort gelesen und Deutsche jung und alt sind auch in ihre Synagoge gegangen, und der Portugiesen junge Gesellen haben allemal ihre besten Kleider angetan und jeder hat sich ein grünes, breites, seidenes Band um sich gebunden. Das ist Sabbathai Zewi seine Livrei gewesen.

So sind sie alle mit Pauken und Tanz in ihr Bethaus gegangen und haben mit einer Freude wie am Wasserschöpftag die Briefe gelesen.

Einige haben nebbich all das Ihrige verkauft, Haus und Hof, und haben als gehofft, daß sie jeden Tag sollen erlöst werden. Mein Schwiegervater – er ruhe in Frieden – hat zu Hameln gewohnt. Also hat er dort seine Wohnung aufgegeben und seinen Hof und sein Haus und seine Möbel, [76] gefüllt mit allem Guten, alles stehen lassen und ist in die Stadt Hildesheim zu wohnen gezogen. Er hat uns hierher nach Hamburg zwei große Fässer mit allerhand Leinenzeug geschickt. Und drin ist gewesen allerhand Essenspeis, wie Erbsen, Bohnen, Dörrfleisch und sonst andere Grämpelspeis von Quetschenschnitz, alles, was sich so aufbewahren läßt. Denn der gute Mann – er ruhe in Frieden – hat gedacht, man wird einfach von Hamburg nach dem heiligen Land fahren.

Diese Fässer sind wohl mehr als ein Jahr in meinem Hause gestanden. Endlich haben sie gefürchtet, daß das Fleisch und andere Sachen verderben. Da haben sie uns geschrieben, wir sollen die Fässer aufmachen und was Essenspeis ist, herausnehmen, damit das Leinenzeug nicht verdorben werde. Also ist es wohl drei Jahre gestanden und sie haben als gemeint, sie sollten es zur Reise brauchen. Aber es hat dem Höchsten noch nicht gefallen. Wir wissen wohl, daß es uns der Höchste zugesagt hat. Wenn wir ganz fromm wären, von Grund unserer Herzen, und nicht so böse wären, so weiß ich gewiß, daß Gott sich unser erbarmt hätte. Daß wir nur halten würden: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Aber Gott soll sich erbarmen, wie wir das halten. Neid und grundloser Haß, die unter uns sind, das kann nicht gut tun. Dennoch, du lieber Herrgott, was du uns zugesagt hast, das wirst du königlich und gnädiglich halten. Ob es sich auch um unserer Sünden willen so lang verzieht, so werden wir es doch gewiß haben, wenn die von dir gesetzte Zeit da ist. Darauf wollen wir hoffen und zu dir, großer Gott, beten, daß du uns einmal mit vollkommener Erlösung erfreuen möchtest. Also für diesmal sei die Materie beschlossen und wieder angefangen, wie ich mit meiner Tochter Mate im Kindbett gelegen bin.

In Hamburg hat man angefangen zu munkeln, als wenn, Gott behüte, die Pest im Ort wäre. Sie hat endlich überhand genommen, so daß leider drei oder vier jüdische Häuser verunreinigt geworden sind, und fast alle, die drinnen gewesen sind, sind ausgestorben, so daß diese Häuser fast [77] leer gestanden sind. Es ist eine Zeit großer Not und Elends gewesen. Man ist, Gott behüte, mit den Toten sehr elend umgegangen. Die meisten Familien sind von Hamburg nach Altona gezogen und die Leute haben für etliche tausend Reichstaler Pfänder gehabt, worunter manche Pfänder gewesen sind von zehn Reichstaler bis dreißig Reichstaler und hundert Reichstaler. Denn wenn man in dem Pfandleihgeschäft war, hat man sowohl Pfänder von acht, als Pfänder von zwanzig Reichstaler belehnen müssen. Also ist, Gott behüte, die Pest in dem ganzen Ort gewesen, und wir haben keine Ruhe von dem Volk gehabt, trotzdem wir gewußt haben, daß sie unrein sind. Wir haben ihnen dennoch ihre Pfänder müssen auslösen lassen, wenn wir auch schon nach Altona gezogen waren; sie sind uns dorthin nachgekommen.

Also haben wir uns resolviert, mit unseren Kinderchen nach Hameln zu ziehen, denn mein Schwiegervater – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat damals dort gewohnt.

Also sind wir bald, am Tage nach dem Versöhnungstag von Hamburg weggezogen und sind am Tage vor dem Laubhüttenfest in Hannover angelangt. Wir sind im Hause meines Schwagers Reb Abraham zu Gast gewesen, welcher zur selbigen Zeit noch in Hannover gewohnt hat. Also haben sie uns nicht ziehen lassen wollen, weil es so kurz vor den Feiertagen war. So sind wir das Laubhüttenfest in Hannover geblieben. Ich habe bei mir gehabt meine Tochter Zipora – sie soll leben – sie ist ein Kind von vier Jahren gewesen; meinen Sohn Nathan von zwei Jahren und mein Kind Mate – sie ruhe in Frieden – von ungefähr acht Wochen. Mein Schwager Reb Loeb Hannover hatte uns für die ersten Tage des Laubhüttenfestes eingeladen gehabt und in demselben Reb Loeb seinem Haus ist das Bethaus gewesen.

Am Feiertag morgens, als mein Mann – das Andenken des Gerechten sei gesegnet – im Bethaus war, bin ich unten in der Stube gewesen und wollte meine Tochter Zipora anziehen. Ich muß nun von einem kleinen Anstoß schreiben, welche wir zur Lebzeit meines Mannes – das [78] Andenken des Gerechten sei gesegnet – gehabt haben, und sonst von anderen schweren Sorgen dabei, die man oft nicht von sich erzählen kann. Und besonders jetzt leider, wem soll ich es klagen oder wem soll ich es jetzt sagen? Wir haben niemand, auf den wir uns stützen können, als unseren Vater im Himmel. Er soll uns helfen und seinem Volke Israel und uns erfreuen in den Tagen unserer Not. Zwar habe ich auch zu Lebzeiten meines Mannes – das Andenken des Gerechten zum Segen – hin und wieder Sorgen gehabt; Sorgen um die Erziehung der Kinder, teils solche, die man sagen, teils, die man nicht sagen darf und nicht sagen kann. Aber alle meine Sorgen hat mir der liebe Freund ausreden können. Und wenn ich meine Sorgen gehabt habe, sind sie mir als mit seinem Zuspruch gering erschienen. Aber wer ist nun mein Tröster? Wer redet mir nun meine schweren Gedanken aus, mein betrübtes Herz, wie es mein lieber, herziger Freund getan hat, auch in seiner Todesnot, noch keine halbe Stunde, bevor seine reine Seele ihn verließ. Da ist meine fromme Mutter über sein Bett gefallen, ihre Tränen sind geflossen und sie hat zu ihm gesagt: »Mein lieber Eidam, wollt ihr mir nichts sagen oder befehlen?« Hat er geantwortet: »Meine liebe Mutter, ich weiß nichts zu sagen oder zu befehlen als, tröste mein betrübtes Glückelchen.« Damit hat er weiter kein Wort in der Welt reden wollen, wie an gehörigem Orte weiter folgen wird. Wer ist nun mein Tröster? Wem soll ich nun meine bittere Not klagen und wohin soll ich mich kehren oder wenden? Leider Gottes, jetzt versauf ich geradezu in meinen Nöten und schweren Gedanken. Wir haben ja manchen Anstoß gehabt, gleich dem folgenden. Auch das ist ein großer Kummer gewesen, den der große, gütige Gott mit Gnade und Barmherzigkeit bald von uns gewendet hat.

Um wieder anzufangen, wo ich aufgehört habe, daß ich meine Tochter Zipora hab angezogen, da hat sich also das Kind sehr gekrümmt, wie ich es angerührt habe. Also sag ich: »Zipora lieb, was fehlt dir?« Sagt das Kind: »Mamme lieb, unter meinem Arm tut es mir sehr weh.« So [79] seh ich zu, was dem Kind fehlt, und es hat ein Geschwür unter dem Arm. Ich hab meine Dienerin bei mir gehabt.

Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat ein kleines Geschwürchen an sich gehabt, da hat Ihm ein Balbierer aus Hannover ein Pflästerchen aufgelegt. So sag ich zu der Magd: »Geh zu Chajim. Er ist oben in der Synagoge und frag ihn, bei welchem Balbierer er gewesen ist und wo er wohnt, und geh mit dem Kind hin und laß ihm ein Pflaster auflegen.«

Ich hab an nichts Böses gedacht. Die Magd geht ins Bethaus und fragt meinen Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – wo der Balbierer wohnt. Er – er ruhe in Frieden – sagt, wo er wohnt.

Man muß durch die Weibersynagoge durchgehen, wenn man in die Männersynagoge gehen will. Wie die Magd herausgehen will, sitzen meine Schwägerinnen Jente, Sulke und Esther – sie ruhe in Frieden – auch im Bethaus und fragen die Magd: »Was hast du in der Männersynagoge getan?« Sagt die Magd ganz einfach und hat auch an nichts Böses gedacht: »Unser Kind hat ein Geschwür unterm Arm. Da hab ich meinen Herrn gefragt, bei was für einem Balbierer er sein Geschwür hat heilen lassen. Ich will mit dem Kind auch hingehen.«

Die Weiber erschrecken gleich mächtig, weil sie ohnedies sehr schreckhaft sind in solchen Dingen und weil wir von Hamburg kommen, und aus solcher Unruhe, da haben sie die Köpfe sehr zusammengesteckt und davon geredet. Also ist in dem Bethaus auch eine Bettlerin, eine alte Polakin gewesen, die hört die Geschichte auch und sieht daß meine Schwägerinnen so sehr erschrecken. Also sagt sie zu den Weibern: »Erschreckt euch nicht, es wird nichts sein. Ich bin wohl zwanzig Jahre mit solchen Sachen umgegangen, wenn ihr es haben wollt, so will ich hinaufgehen und will das Maidle besehen und euch bald sagen, ob es, Gott behüte, gefährlich ist, und werde euch sagen, was ihr tun sollt.« Die sagen: »Ja, um Gottes willen, geht herab [80] und seht wohl zu, damit wir nicht, Gott behüte, in Gefahr sind.«

Ich hab von der Geschichte als nichts gewußt. Die alte Polakin kommt herunter und sagt: »Wo ist das kleine Maidle?« Ich sag: »Warum?« »Ei,« sagt sie, »ich bin eine Aerztin, ich will dem Maidle was zu brauchen geben, es soll bald besser werden.« Ich denk an nichts Böses, führ das Kind zu ihr, sie besieht das Kind und läuft von dem Kind weg und läuft wieder hinauf zu den Weibern und macht einen Lärm und sagt zu den Weibern: »Flieht alle hinweg, wer nur fliehen und laufen kann, denn ihr habt leider die rechte Pest im Hause. Das Maidle hat leider Gottes die rechte Pest, Gott behüte, in sich.

Nun kann man sich wohl denken, was das für eine Bestürzung gewesen ist und was für Klagen unter den Weibern und besonders bei solchen so gar ängstlichen.

Frauen und Männer, alle sind aus dem Bethaus gelaufen und leider während der besten Gebete herausgelaufen am heiligen Feiertag, und sofort haben sie die Magd mit dem Kind genommen und vor die Tür gestoßen. Keiner wollte sie ins Haus nehmen oder gehen lassen. Man kann wohl begreifen, wie uns zumute muß gewesen sein. Ich hab als geheult und geschrien und um Gottes willen gebeten und gesagt: »Meine Herren, seht Gott an, was ihr tut. Meinem Kind fehlt nichts. Ihr seht ja, daß mein Kind, Gott sei Dank, frisch und gesund ist. Das Kind hat nebbich einen fließenden Kopf gehabt. Bevor ich von Hamburg abreiste, hab ich es geschmiert, da hat sich der Fluß vom Kopf zu einem Geschwür gezogen. Wenn, Gott behüte, einer so was an sich hat, hat er zehnerlei Anzeichen an sich. Seht, mein Kind läuft doch auf der Gass herum und ißt eine Stute[4] aus der Hand.«

Aber das hat alles nichts helfen wollen. Sie haben gesagt, wenn es leider ans Licht kommen sollte, daß es [81] sollte Seine Hoheit unser Herzog – Gott erhöhe seine Majestät – gewahr werden, daß man in seiner Residenzstadt solche Dinge, Gott behüte, sollte geschehen lassen, was für ein Elend sollte das geben. Und die Alte hat mir ins Gesicht gesagt, sie wolle ihren Hals drum geben, daß das Kind etwas Böses an sich hat. Was haben wir tun sollen? Ich habe gebeten: »Um der Barmherzigkeit willen, laßt mich bei dem Kind bleiben. Wo mein Kind bleibt, will ich auch bleiben. Laßt mich nur hinaus zu ihm.« Das haben sie auch nicht leiden wollen. Kurz, bald haben sich mein Schwager Reb Abraham, mein Schwager Reb Lipmann und mein Schwager Reb Loeb mit ihren Frauen ins Konsilium zusammengesetzt, was zu tun ist, wo man die Magd mit dem Kind hintut und daß alles im geheimen bleibt vor der hohen Behörde. Denn es stände uns, Gott behüte, große Gefahr darauf, wenn, Gott behüte, der Herzog etwas gewahr werden sollte.

Also ist es dabei geblieben, man sollte dem Kind und der Magd alte, zerrissene Kleider antun und sie sollten auf ein Dorf gehen, das nicht weiter als die am Sabbath erlaubte Distanz von Hannover weit ist. Dasselbige Dorf hat Peinholz geheißen. Sie sollen sich in ein Bauernhaus begeben und sollen sagen, daß die Juden von Hannover sie am Feiertag nicht in Hannover beherbergen wollten, weil sie schon so viele arme Leute hätten, deshalb hätten sie sie nicht eingelassen. Deshalb wollten sie die Feiertage im Dorf halten, bei ihnen bleiben und ihnen für ihre Mühe zahlen. Auch wissen wir gewiß, daß sie uns werden von Hannover Essen und Trinken schicken, denn sie werden uns über die Feiertage nicht ungegessen Hunger leiden lassen.

In Hannover ist ein alter Mann, ein Polak, gewesen, ein Bettler, den haben sie gedungen und auch die betreffende alte Polakin; diese beiden sollten einige Tage bei ihnen bleiben, bis man sieht, wie es abläuft. Die beiden haben aber nicht von der Stelle gehen wollen, wenn man ihnen nicht dreißig Reichstaler Geld gibt dafür, daß sie sich in Gefahr begeben. Also hat sich mein Schwager Reb [82] Abraham und mein Schwager Reb Lipmann und mein Schwager Reb Loeb ins Konsilium gesetzt und der Lehrer von Hannover, welcher auch ein großer Schriftgelehrter gewesen, die haben studiert, ob man den Feiertag damit verletzen darf, daß man Geld gibt. Also haben sie zusammen zugestimmt, man soll ihnen das Geld geben, denn sie haben gesagt, es ist in der Stunde der Gefahr, geradezu Lebensgefahr.

Also haben wir unser lieb Kind müssen am heiligen Feiertag von uns schicken und uns überreden und einbilden lassen müssen, als ob das Kind, Gott behüte, etwas an sich hätte.

Ich will derentwegen jeden frommen Vater und Mutter judizieren lassen, wie uns zumute gewesen ist.

Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat sich in einen Winkel gestellt und geweint und gebetet und ich in einen anderen Winkel. Sicher ist es nur das Verdienst von meinem frommen Mann – er ruhe in Frieden – gewesen, daß Gott – er sei gelobt – ihn erhört hat. Wie geschrieben steht: »Und er wurde erhört.« Ich halte nicht dafür, daß es unserem Stammvater Abraham bei der Opferung weher gewesen ist, als es uns diesmal war. Denn unser Stammvater Abraham hat es getan »auf Befehl Gottes und aus Liebe zu ihm«, also hat er seinen Kummer in Freudigkeit verbracht. Aber uns ist der Kummer von Fremden zugekommen, was uns gar sehr zu Herzen gegangen ist. Nun, was soll man tun? Man muß sich in allem gedulden. »So wie man Gott preist für Gutes, so muß man ihn auch preisen für Böses.«

Ich hab meiner Magd die Kleider umgewendet angetan und dem Kind sein Gezeug in ein Bündelchen gebunden und der Magd ein Bündel gleich einer Bettlerin aufgebunden. Dem Kinde nebbich auch alte, zerrissene Lappen angetan und so sind meine gute Magd und mein liebes Kind und der alte Mann und die Frau nach dem Dorf hinwegmarschiert.

Man kann sich wohl denken, welchen Priestersegen wir dem lieben Kind nachgesagt haben und mit wieviel hundert Tränen wir es von uns geschickt haben. Das Kind [83] aber ist lustig und fröhlich gewesen, wie ein Kind, das nebbich von nichts weiß.

Aber wir alle, so viel unser in Hannover gewesen sind, wir haben geweint und gefleht und leider den heiligen Feiertag in eitel Kümmernis zugebracht. Nun, sie sind nach dem Dorf gegangen und sind auch wohl in ihrer Herberge in eines Bauern Haus angenommen worden, denn sie haben Geld bei sich gehabt. Denn so lange man das hat, macht es sich derselbe zunutzen. Der Bauer hat sie gefragt, es ist ja euer Feiertag, warum sie nicht bei Juden wären. Haben sie zur Antwort gegeben, daß schon so viel arme Leute in Hannover wären, also hat man verboten, sie einzulassen. Aber sie meinen doch, daß die Juden von Hannover ihnen über die Feiertage Essen herausschicken werden.

Nun sind wir zwar zusammen wieder ins Bethaus gegangen, aber man hatte schon zu Ende gebetet gehabt.

Damals ist in Hannover Reb Juda Berliner gewesen. Er ist noch ledig gewesen und hatte schon mit uns gehandelt gehabt. Auch ist noch einer dort gewesen, mit Namen Reb Michel. Das ist ein junger Mann aus Polen gewesen, der hat mit den Kindern gelernt. Danach hat er eine Frau von Hildesheim genommen und wohnt jetzt in Hildesheim in Ehren und Reichtum und ist Vorsteher in Hildesheim. Derselbige Reb Michel ist auch so ein halber Diener gewesen. Wie die Sitte in Deutschland ist, daß sie so junge Leute bei sich haben zum Lernen mit den Kindern.

Wie man nun aus der Synagoge gewesen ist, hat Reb Loeb uns rufen lassen zur Mahlzeit, denn wie schon erwähnt, hat er uns am Tage vor dem Feiertag eingeladen. Aber man kann sich wohl denken, wie uns zumute gewesen ist. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat gesagt, bevor wir was essen, muß ich meinem Kind und den anderen etwas zu essen bringen, denn es ist Feiertag. So sagen sie: »Ja natürlich, du hast wirklich recht. Wir wollen keiner etwas essen, bis die draußen etwas haben.« Denn es ist gar nah von Hannover gewesen, so wie Altona von Hamburg. [84] Also hat man Essen zusammengebracht und jeder hat etwas dazugetan. Wer soll es nun bringen? Ein jeder hat sich gescheut. Also hat Reb Juda gesagt: »Ich will es ihnen bringen.« Reb Michel hat gesagt: »Ich will auch mitgehen«, und mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – ist auch mitgegangen, denn er – er ruhe in Frieden – hat das Kind gar sehr lieb gehabt.

Darum haben die Hannöverischen meinem Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – nicht trauen wollen, denn sie haben gedacht, wenn mein Mann herausgeht, möchte er es nicht lassen und zu dem Kind gehen. Also hat mein Schwager Reb Lipmann auch mitgehen müssen. So sind sie zusammen gegangen und haben das Essen hinausgebracht.

Also ist die Magd mit dem Kind und ihre Gesellschaft nebbich vor Hunger zusammen auf dem Feld spazieren gegangen, vor großem Hunger. Als das Kind nebbich meinen Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – gesehen hat, ist es nebbich voll Freude gewesen und wollte auf den Vater zulaufen wie ein Kind.

Da hat mein Schwager Reb Lipmann geschrien, man sollte das Kind zurückhalten und der alte Mann sollte kommen und das Essen holen. Meinen Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – haben sie müssen wie mit Stricken halten, daß er nicht zu dem lieben Kind gekommen ist. Also hat er und das Kind geheult, denn mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat gesehen, daß das Kind, Gott sei Dank, frisch und gesund gewesen ist, und hat nicht dürfen zu ihm kommen.

Also haben sie das Essen und das Trinken auf das Gras niedergestellt und die Magd mit ihrer Gesellschaft haben es geholt. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – mit seiner Gesellschaft ist wieder hinweggegangen.

Nun, das hat bis zum achten Tag des Laubhüttenfestes gewährt. Der alte Mann und die alte Frau haben Pflaster bei sich gehabt und Salbe, und was sonst noch dazugehört, [85] ein Geschwür zu heilen. Sie haben dem Kind das Geschwür auch hübsch ausgeheilt und das Kind ist frisch und gesund gewesen und ist auf dem Feld wie ein junges Hirschchen herumgesprungen. Da haben wir zu den Hannöverischen gesagt: »Was wird aus eurer Dummheit werden? Ihr seht ja, daß mein Kind, Gott sei Dank, frisch und gesund ist und daß, Gott sei Dank, keine Gefahr mehr in der Welt ist. Laßt nur das Kind wieder hereinkommen.«

Also haben sie wieder Konsilium gehalten und es ist dabei geblieben, daß man das Kind erst am Tage der Gesetzesfreude sollte nach Hannover kommen lassen. Nun, was haben wir tun sollen? Wir haben uns solches auch müssen gefallen lassen.

Also ist Reb Michel am Tage der Gesetzesfreude hinausgegangen und hat das Kind mit den Leuten wieder nach Hannover gebracht.

Wer damals die Freude von mir und meinem Mann – sein Andenken zum Segen – und allen Anwesenden nicht gesehen hat, die wir zusammen gehabt haben! Daß wir vor großer Freude haben schreien müssen: »Das Auge weint und das Herz ist froh.« Ein jeder hätte das Kind gern aufgefressen, denn es ist gar ein schönes, liebes Kind gewesen, das seinesgleichen nicht gehabt hat. Also hat man das Kind lange Zeit nicht anders geheißen als die Jungfer von Peinholz.

Also, meine lieben Kinder, ist die Zuschickung, Gott sei Dank, glücklich abgelaufen, und das Ende ist Freude und Lust gewesen, wofür wir den Höchsten nicht genug loben und danken können, der mir – als seiner unwürdigen Magd – so viel Gutes und Barmherzigkeit erzeigt hat, daß, wenn ich zehn Bücher voll schriebe, ich nicht alles erschreiben kann.

Denn bei allem, was der große, gnädige Gott zuschickt, spür und sehe ich, daß seine große Gnade und Barmherzigkeit dabei ist.

Ich will verschweigen, was für große Krankheiten – möget Ihr davon verschont bleiben – ich oftmals mit meinen lieben Kindern ausgestanden habe, daß ich mir oft gewünscht [86] habe, wenn ich nur die Hälfte von meinem Leben hätte hergeben können, um damit meinem Kind zur Gesundheit zu verhelfen. Aber der einzige gerechte Gott mit seiner Barmherzigkeit hat geradezu im Augenblick so gnädiglich geholfen, daß ich nicht gewußt habe, wo es geblieben ist. Womit wir uns viele Jahre herumgeschleppt und geängstigt haben und geplagt, das hat der gerechte Gott mit einemmal von uns genommen und uns ein gesundes, frisches Kind gegeben. Wofür dem Höchsten immer und ewig gedankt sei. Der große Gott wolle es dabei halten. Seht nun, was der getreue Gott tut, wenn wir meinen, daß wir ganz hilf- und trostlos sind; dann schickt er seine Hilfe am ersten, wenn wir gar nicht daran denken. Und wenn solches auch nicht nach unseren Verdiensten sein mag, so geschieht es doch aus Barmherzigkeit von dem himmlischen Vater. Ich Sündigerin finde mich unwürdig genug, die Gnade von unserem getreuen Gott anzunehmen, daß er mir das Leben gibt und mich bis dato ehrlich gespeist hat. Ohne die anderen tausend Gnaden, die der große Gott so mildiglich gegeben. Wenn ich alle Tage auf meine Knie fiele und den barmherzigen Gott anriefe, so ist es doch nichts für das, was er uns sündigen Menschen tut. Und ob es auch zeitweise nicht nach unserem Willen geht und wir menschlichen Verdruß haben, sowohl mit Kindern als mit Fremden, so bilde ich mir ein, daß Verschuldungen auf unseren Taten liegen. Denn wir sündigen alle Tage, alle Stunden und alle Augenblick und dienen dem Höchsten nicht wie es gehörte und wie wir sollten. Dennoch tut uns Gott – er sei gepriesen – alles Gute, wofür wir ihm immer und ewiglich danken. Ich bitte den großen Beschaffer um nichts mehr als um gute Geduld, damit wir arme sündige Menschen alle unsere Zuschicksale in Liebe annehmen mögen und den großen Gott für alles loben und danken. Denn es kommt alles von dem Herrn, Gott gibt und Gott nimmt, der Herr sei zu ewig gelobt und gepriesen.

Hierbei ist eine hübsche Geschichte, um zu sehen, was einer Kaiserin geschehen ist und wie geduldig sie ihr Elend [87] hat angenommen und was erfolgt ist. Kaiser Karl der Große ist ein mächtiger Kaiser gewesen, wie man in allen deutschen Büchern geschrieben findet. Also hat er zur selben Zeit keine Gemahlin gehabt. Also hat er und seine Räte für gut angesehen, daß er mit der Kaiserin Irene, welche Kaiserin in den Morgenländern gewesen ist, sich sollte verheiraten. Und dieselbige hat keinen Mann gehabt und das ganze morgenländische Kaisertum allein geführt. Also hat der Kaiser eine gar ansehnliche Gesandtschaft zu der Kaiserin geschickt und sie zur Gemahlin begehrt, erwartend, daß dieses orientalische und deutsche Kaisertum zusammen in Liebe und Freundschaft und Einigkeit sein möge. Also sind des Kaisers Karl des Großen seine köstlichen Gesandten nach Konstantinopel zu der Kaiserin geschickt worden und sollten von seinetwegen werben und sie zur Kaiserin begehren. Sie sollten einen beständigen Frieden mit beiden Reichen anrichten. Also ist die Kaiserin nicht ganz ungeneigt gewesen und hat gesagt, sie wollte ihnen in etlichen Tagen Bescheid sagen. Die Abgesandten von dem Kaiser sind über die Antwort gar fröhlich gewesen. Sie haben sich auf eine gute Antwort gerichtet und daß sie ihrem Kaiser bald einen so großen Schatz werden zuführen können. Sie meinten in der Stadt Konstantinopel große Freude anzurichten und daß sie solche auch von der ganzen Stadt wieder empfangen würden. Also haben sie auf die Schlußantwort von der Kaiserin gewartet.

Aber mein Gott, welch große Veränderung hatte sich in kurzen Tagen mit der frommen Kaiserin zugetragen. Und anstatt daß die Gesandten meinten, den Entschluß von der vorgehabten Heirat zu erwarten, mußten ihre Augen einen gar traurigen Zufall sehen, indem während ihrer Anwesenheit die Kaiserin Irene von ihrem kaiserlichen Stuhl gehoben wurde und des Regiments gänzlich entsetzt wurde. Denn ein vornehmer Herr von den Patriziern zu Konstantinopel, Nikephoros genannt, hatte sich selbst zum Kaiser aufgeworfen und sich einen großen Anhang gemacht. Alle die kaiserlichen Diener hatte er auf seine Seite gebracht [88] und sich in großer Eile zum Kaiser krönen lassen. Stracks nach verrichteter Krönung hat er der Kaiserin Irene persönlich zugesprochen und ihr aus falschem Herzen gute Worte gegeben und angefangen, sich gar weitläufig zu entschuldigen und gesagt, daß alles, was hierin vorgegangen wäre, wider seinen Willen geschehen wäre. Nichts wäre ihm lieber gewesen, als daß er in seinem vorigen niedrigen Stand geblieben wäre, um ihr allezeit, wie es einem treuen Diener gebührt, aufwarten zu können. Weil aber die vornehmsten Herren, das Reich samt dem ganzen Volk, sie der beschwerlichen kaiserlichen Regierung gern entheben wollen, um sie in Ruhestand zu setzen, haben sie ihn mit den beschwerlichen Reichssorgen zu beladen beschlossen, wiewohl er sich gar unwürdig dazu erkennt. Endlich habe er, um großes Unglück und allerhand Ungelegenheiten zu verhüten, seinen Willen auch darein gegeben und die aufgetragene Hoheit annehmen müssen. Er hoffe auch nicht, daß sie darin ein eigenes Mißfallen haben werde oder ihm etwas von des Reiches Heimlichkeiten und den kaiserlichen Schätzen verbergen oder vorenthalten werde. Vorab weil er erbötig sei, ihr nicht das geringste Ungemach zufügen zu lassen, sondern vielmehr sich allezeit bei seiner ganzen Regierung gegen sie also zu verhalten, daß sie besondere Beliebung und Wohlgefallen tragen sollte.

Hierauf hat ihm die Kaiserin Irene mit gar beweglichen Worten geantwortet: »Lieber Nikephoros, nachdem der Höchste, der über alle menschlichen Königreiche Gewalt hat und sie gibt, wem er will, und nach seinem Wohlgefallen Könige ab- und Könige einsetzt, mich, seine unwürdige Dienerin, ohne irgendein Verdienst in diesen höchsten Ehrenstand gesetzt und bis allher gnädig darinnen erhalten hat, aber nunmehr wegen meiner vielfältigen Sünden und Missetaten das Reich samt aller Gewalt plötzlich von mir genommen, so muß ich deswegen doch allezeit seinen Namen loben. Als eine rechtschaffene Matrone muß ich mit dem geduldigen Hiob sagen: ,der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gepriesen.‘ Ob aber hingegen solche Hoheit [89] ordentlicherweise an dich gekommen, steht zu deiner Verantwortung und wirst du Gott derentwegen seinerzeit Rechenschaft geben müssen. Was mir aber deswegen unterschiedlichemale vorgekommen ist, weiß ich am besten. Es hat mir auch nicht an Mitteln gemangelt, bei guter Zeit dein Vornehmen zu hindern und mit deiner Person also umzugehen, wie es vielen, die sich dasselbe zu tun unterstanden haben, vorher begegnet ist. Aber durch meine Gelindigkeit habe ich mir selber zu dieser Erniedrigung Ursach gegeben. Und da ich so selbst hab fördern helfen, was ich vor Augen sehe und nunmehr nicht zu ändern ist, so bitt ich dich zum fleißigsten, du sollst meine Person schonen und mir vergönnen, daß ich die übrige Zeit meines Lebens in dem von mir erbauten Palast in Ruh und Frieden zubringen mag.«

Nikephoros erklärt zwar, ihrer Bitte und Begehren Raum- und Statt zu geben, wofern sie ihm einen leiblichen Eid schwören würde, daß sie ihm alle kaiserlichen Schätze offenbaren und einhändigen werde und ihm nicht das geringste davon verheimlichen wollte. Als sie aber den Eid getan und ihm die kaiserlichen Schätze alle zugestellt hatte, ließ er sie in Anwesenheit von Kaiser Karls des Großen Abgesandten ins Elend verweisen und auf die Insel Lesbos schicken, wo sie dann auch alsbald im folgenden Jahr in großer Bekümmernis gestorben ist.

Also zu sehen ist, wie einer hohen Kaiserin solches geschehen ist und sie es mit Geduld angenommen hat, so ist zu lernen, daß ein jeder in seinem Leiden soll geduldig sein, und alles, was einem Gott – sein Name sei gelobt – zuschickt, geduldig annehmen, wie ich schon geschrieben habe. –

Nun will ich wieder anfangen von meiner Jungfer von Peinholz. Also haben wir, Gott sei Dank, einen guten Tag der Gesetzesfreude gehabt und uns gefreut, daß Gott uns aus unseren Nöten geholfen hat, und er wird uns und seinem ganzen Volke Israel auch weiter aus allen Nöten helfen. Amen.

[90] Wir sind noch bis gegen Anfang des Monates Cheschwan in Hannover geblieben. Danach sind wir mit unseren Kinderchen und der Magd nach Hameln gezogen und haben uns vorgenommen, in Hameln nur zu bleiben, bis es in Hamburg wieder in gutem Zustand werde.

Nun haben wir denn keine geruhte Stunde gehabt, denn wir sind in großen Geschäften gesteckt. Wir haben in Polen einen gehabt, der hat grün Moses geheißen. Von dem haben wir Briefe gehabt, daß er mehr als sechshundert Lot Unzenperlen beieinander gehabt hat, und derselbige ist damit nach Hamburg gekommen und hat an meinen Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – geschrieben, daß er so eine Partie Perlen mitgebracht hat. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – soll nichts anderes tun, als bald nach Hamburg kommen. Aber mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – ist nicht gleich hingezogen, er ist noch ungefähr vierzehn Tage in Hameln geblieben, denn es ist in Hamburg gar schlecht gestanden. Mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter haben nicht leiden wollen, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – sich in Gefahr begeben soll und nach Hamburg ziehen. Sie haben sogar nicht leiden wollen, daß wir einen Brief annehmen sollten. Wenn wir ja einen Brief bekommen haben, hat man ihn zwei-, dreimal beräuchern müssen. Und wenn wir ihn kaum gelesen haben, hat man ihn in das Wasser, die Leine geheißen, geworfen.

Einmal sitzen wir so beieinander und schwätzen, kommt grün Moses in die Stube zu gehen. Es ist im kalten Winter gewesen und er hat eine Kapuze über den Kopf gezogen gehabt. Wir haben ihn stracks erkannt und gewunken, er soll hinausgehen, denn es ist keiner in der Stube gewesen, der ihn gesehen hat, als wir. Wenn mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter gewußt hätten, daß einer von Hamburg zu uns gekommen wäre, so hätten sie uns mit ihm hinweggejagt.

Wirklich ist es eine große Gefahr vor der Behörde gewesen, fast war es eine Lebenssache, wenn man einen von Hamburg bei sich aufgenommen hat.

[91] An allen Plätzen und unter allen Toren sind alle reisenden Leute scharf examiniert worden.

Wir haben den grün Moses gefragt: »Wie bist du in den Ort gekommen?« Hat er gesagt: »Ich hab gesagt, ich bin ein Schreiber bei dem Amtmann von Hochheim.« Das ist ein Dorf nicht weit von Hameln. Nun, was haben wir tun sollen? Er ist nun dagewesen und hat alle Perlen bei sich gehabt. Wir haben ihn doch nirgends verstecken können, daß es mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter nicht gewußt hätten. Wir haben es ihnen sagen müssen. Ob es ihnen schon nicht gefallen hat, ist es nicht zu ändern gewesen. Nun hat der grün Moses nicht nachlassen wollen, daß mein Mann - das Andenken des Gerechten zum Segen - mit ihm ziehen sollte, die Perlen zu verkaufen, damit er wieder hinwegziehen kann, um frische Ware zu kaufen.

Nun, was hat mein Mann - das Andenken des Gerechten zum Segen - tun sollen? Es hat viel Geld drinnen gesteckt, und solche Ware lang liegen zu lassen, dient nicht, denn es ist kein großer Gewinn daran. Wenn sie lang liegen, fressen die Zinsen den Verdienst auf. Also hat er sich resolviert, mit grün Moses nach Hamburg zu ziehen und zu sehen, die Partie Perlen zu verkaufen, und auch zu sehen, wie es in Hamburg steht, damit ich mit den Kindern wieder in mein Nestchen kommen könnte.

Denn ich bin es gar müde gewesen; obschon wir in keinerlei Sachen Mangel gehabt haben, so bin ich doch nun Hamburg gewohnt gewesen und in unserem Geschäft gesessen.

Also ist mein Mann nach Hamburg gekommen und gleich mit seinen Perlen, welche wohl sechstausend Reichstaler Banco wert waren, eingetroffen und bald zu Kaufleuten, Moskowiafahrern, gegangen und hat seine Perlen sehen lassen. Er ist wohl bei sechs Kaufleuten gewesen, aber keiner wollte ein gutes Angebot machen, so daß wenig Verdienst dabei gewesen wäre. Solches ist im Monat Schewat gewesen. Nun hat mein Mann - das Andenken des Gerechten zum Segen - nicht gewußt, was er tun soll. Er hat Wechsel zu bezahlen [92] gehabt, was man zum Handel mit Perlen nötig gehabt hat. Nun, beim Abziehen aller moskowitischen Schiffe von Hamburg ist im Monat Tamus die beste Zeit zum Verkaufen. Weil nun schlechte Preise geboten waren, hat sich mein Mann - das Andenken des Gerechten zum Segen - resolviert und die Partie Perlen versetzt und sechstausend Reichstaler darauf genommen und hat gedacht, bis zum Anfang des Monates Tamus werde er bessere Preise bekommen. Aber es war weit gefehlt. Es sind Briefe aus Moskowia gekommen, daß dort großer Krieg ist und daß die Kaufleute angefangen haben, ihren Mut, Perlen zu kaufen, zu verlieren. Nun, was hat man tun sollen? Man hat verkaufen müssen und mehr als vierhundert Reichstaler weniger bekommen, als früher geboten worden ist, und hat außerdem ein halbes Jahr Zinsen zahlen müssen. Darum ist allezeit der erste Käufer der beste, was man in acht nehmen soll; und ein Kaufmann muß es verstehen, ebenso schnell ja als nein zu sagen.

Nun ist mein Mann - das Andenken des Gerechten zum Segen - in Hamburg gewesen und hat sich erkundigt, wie es steht; also hat ihm alle Welt gesagt, es wäre still und zu Wahrheit ist es auch so gewesen.

Also hat mir mein Mann - das Andenken des Gerechten zum Segen - ein Gemeindemitglied geschickt, der hat Jakob geheißen - er ruhe in Frieden. Er ist gar ein getreuer Mann gewesen, hat aber den Fehler gehabt, daß er gern getrunken hat und sich fast nicht enthalten konnte.

Also ist mein guter Jakob nach Hannover gekommen, ist dort liegen geblieben und hat mir geschrieben, daß ich mit meinen Kindern nach Hannover kommen soll, denn von dort nimmt man die Post nach Hamburg. Also hab ich bald nach Hildesheim geschrieben an den jungen Abraham Kantor, welcher früher bei uns gedient hat, daß er sofort zu mir nach Hameln kommen und mit mir nach Hamburg ziehen sollte.

Also sind wir nach Hannover gezogen und haben unseren geschossenen Jakob dort gefunden. [93] Nun ist er gleich um den Boten gegangen, welcher sein geschworener Saufbruder gewesen ist, hat uns zusammen am Freitag aufgedungen und wir sind am Schabbes in Hannover geblieben. Es ist gar ein schlechtes Wetter gewesen und ich habe drei kleine Kinder bei mir gehabt.

Den ganzen Schabbes hat mein Schwager Reb Lipmann und meine Schwägerin Jente mit dem Jakob geredet und ihn gebeten, er sollt doch wohl Achtung auf uns geben und sich hüten und vorsichtig sein und sich nicht betrinken, wie es seine Art gewesen ist. Er hat Reb Lipmann und Jente mit Hand und Maul zugesagt, sich nicht zu betrinken und nur mäßig zu trinken. Aber wie er es gehalten hat, werdet ihr weiter vernehmen.

Am Sonntag früh sind wir von Hannover hinweggezogen, ich und meine Kinder - Gott beschütze sie - meine Magd und mein Diener und mein geschickter Bote Jakob. Nun zieht allemal der Bote, der die Post verwaltet, auch mit, und der ist, wie schon erwähnt, dem Jakob sein Saufbruder gewesen.

Also hat uns der Jakob auf die Wagen geholfen und alles zurechtgemacht und er und der Bote sind neben den Wagen hergegangen. Ich hab gedacht, daß sie bis außer dem Tor gehen werden und sich dann zu uns auf die Wagen setzen werden. Wie wir nun außer dem Tor sind, sag ich zu Jakob, er soll sich nun mit dem Boten auch setzen, damit wir uns nicht säumen und beizeiten in die Herberge kommen.

Also sagt der Jakob: »Fahrt ihr nur in Gottes Namen für euch, ich und der Bote wollen um das Dorf gehen, denn der Bote will nur einen im Dorf sprechen. Wir wollen so hastig gehen, wie ihr fahrt, und bald wieder bei euch sein.«

Ich hab aber das Geheimnis nicht gewußt. Das Dorf liegt dicht bei Hannover, heißt Langenhagen und ist eine ganze Meile lang und ist im ganzen Land kein besserer Breihahn [5] als in demselbigen Dorf. [94] Also hat sich mein guter Bote Jakob und der Postbote hübsch in Langenhagen den ganzen Tag und ein gut Stück von der Nacht gesetzt zu saufen, wie weiter folgen wird. Ich habe von alledem nichts gewußt. Wir sind vor uns gefahren und ich hab mich alle Augenblick umgesehen nach meinem Jakob. Aber wer nicht gekommen, ist Jakob gewesen.

Also sind wir fortgefahren bis an eine Durchfahrt zwei Meilen von Hannover, wo man Maut geben muß.

Also sagt der Postillon, der die Post führt: »Hier muß man Maut geben.« Also hab ich Maut bezahlt und dem Postillon gesagt, er soll fortfahren, daß wir beizeiten in Herberge kommen. Denn es ist ein Wetter gewesen, daß man keinen Hund sollt hinausjagen. Es ist gegen Purimzeit gewesen; es hat so klein geregnet und geschneit untereinander. Und wie es vom Himmel auf uns gefallen, ist es gefroren.

Die Kinder haben nebbich große Not gelitten und ich selbst hab den Postillon noch einmal gebeten, er sollt doch fortfahren. Er sieht ja selber, was das für ein Wetter ist, daß wir da unterm bloßen Himmel so stehen müssen.

Also sagt der Postillon: »Ich darf hier nicht wegfahren, als bis der Postbote kommt. Der hat mir befohlen, ich soll hier so lang warten, bis daß er mit Jakob zu uns kommt.« Was hab ich tun sollen? Wir sind so noch zwei Stunden gesessen, bis der Mautner gekommen ist und Mitleid mit uns gehabt hat, uns vom Wagen hat steigen lassen und uns in seine warme Stube genommen hat, daß sich die Kinder nebbich wieder gewärmt haben. Nun, dort haben wir auch eine Stunde zugebracht. So sag ich zu dem Mautner: »Ich bitt dich, Herr, mach, daß der Postillon fährt und daß ich mit meinen kleinen Kindern vor Nacht in die Herberge komme. Denn der Herr sieht ja wohl, was das für ein Wetter ist, daß man bei Tag nicht fortkommen kann, wo soll man dann in der finsteren Nacht hin, wenn, Gott vor sei, in der Nacht der Wagen umschlagen sollt, so wär es ja eitel halsbrecherische Arbeit.« [95] Also sagt der Mautner zum Postillon, er sollt stracks fortfahren. Der Postillon sagt: »Herr, wenn ich fortfahren sollte, bricht mir der Bote Petersen meinen Hals und ich krieg keinen Pfennig für meinen Fuhrlohn.«

Aber der Mautner ist gar ein wackerer, guter Mann gewesen und hat den Postillon gezwungen, daß er mit uns fortgefahren ist, und hat gesagt, wenn die beiden versoffenen Schelme kommen, mögen sie ein jeder ein Pferd nehmen und nachreiten. Ihr bleibt doch über Nacht in der Herberge liegen. Nun, was hat der Postillon tun sollen? Er hat mit uns fortfahren müssen. Also sind wir zwar in dem bösen Wetter fortgefahren, sind aber hübsch bei guter Zeit in die Herberge gekommen.

Dort haben wir eine gute, warme Stube gefunden und alle haben guten Willen gehabt, obzwar die Stube gesteckt voll gewesen ist mit Fuhrleuten und anderen Reisenden, so daß es in der Stube gar eng gewesen ist. Aber die Leute haben uns allen guten Willen erzeigt und mit den Kindern nebbich Mitleid gehabt. Sie haben nebbich keinen trockenen Faden an sich gehabt. Ich habe ihre Kleiderchen hingehängt, daß sie getrocknet sind, und die Kinder sind wieder zu sich selbst gekommen.

Wir haben gutes Essen bei uns gehabt und in dem Wirtshaus ist gar guter Breihahn gewesen, also haben wir uns von unserer mühseligen Reise wieder erquickt mit gutem Essen und Trinken und sind noch gar lang in der Nacht gesessen und haben vermeint, daß unsere beiden Saufbrüder kommen sollten.

Aber es ist niemand gekommen. Also hab ich mir eine Streu machen lassen und mich mit meinen Kinderchen daraufgelegt. Ich hab noch nicht schlafen können, hab aber Gott gedankt, daß ich meine Kinderchen hab in die Ruh gekriegt.

Also bin ich so in Gedanken gelegen bis ungefähr um Mitternacht. Kommt ein Lärm in die Stube; da ist der Bote gewesen, der in seiner Betrunkenheit mit einem bloßen [96] Degen in die Stube läuft, über den Postillon herfällt und ihn töten und morden will, weil er allein gefahren ist.

Der Postillon tut seine Verantwortung, so gut er kann. Der Wirt kommt auch herbei und sie machen, daß sich der Bote endlich zufrieden gibt. Ich bin nebbich im Winkelchen gesessen, hab mich nicht bewegt, still wie ein Mäuschen, denn er war betrunken und verrückt, und ich bin in eitel Aengsten gesessen, daß ich den Jakob nicht gesehen hab.

Ein Weilchen danach hat sich der Bote fressen gesetzt. Da hab ich gesehen, daß ihm der Zorn etwas vergangen ist, bin ich zu ihm gegangen und hab gesagt: »Herr Petersen, wo habt ihr denn meinen Jakob gelassen?« – »Wo sollt ich ihn gelassen haben? Er hat nicht weiter fortkommen können, da ist er an einem Zaun, dicht an einem Wasser, liegen geblieben. Zur Stunde mag er wohl versoffen sein.«

Nun, das hat mich sehr erschreckt. Ich hab nicht gewußt, was ich tun soll, er ist doch ein Glaubensgenosse und ein Mensch gewesen und ich bin allein gewesen.

Da hab ich den Wirt gebeten, er sollt mir zwei Dorfleute schicken, die sollen sehen, daß sie ihn finden und herbringen. Also sind die zwei Dorfleute geritten und eine halbe Stunde vom Dorf haben sie meinen guten Jakob wie einen Toten gefunden, abgemartert vom Weg und von Trunkenkeit. Er hatte einen guten Mantel angehabt und noch etwas Geld bei sich gehabt – alles war weg gewesen. Also haben die Dorfleute ihn auf ein Pferd gesetzt und ihn in die Herberge gebracht. Obschon ich sehr böse auf ihn gewesen bin, hab ich doch Gott gedankt, als ich ihn wieder zu sehen bekommen hab. Es hat mich aber sechs Reichstaler gekostet.

Nun hab ich ihm zu essen gegeben, und meinen schönen Diener, der auf mich und meine Kinder hätte passen sollen, hab ich bedienen müssen. Nun, es ist Tag geworden, die Fuhrleute haben die Wagen gebracht, daß wir wieder haben fort sollen.

Also hab ich mich mit meinen Kindern, der Magd und dem Diener zu Wagen gesetzt und zu meinem Jakob gesagt, [97] er sollte sich nun auch setzen und es nicht wieder machen, wie er es schon gemacht hat. Sagt er: »Nein, ich will man in die Stube gehen und zusehen, daß nichts liegen geblieben ist.« Ich mein, es wär also. Aber mein guter Jakob hat sich wieder ins Wirtshaus gesetzt und wieder von neuem angefangen zu saufen.

Ich hab die Fuhrleute hineingeschickt, sie sollten nun doch herauskommen, wir wären in dem häßlichen Wetter schon so lange auf dem Wagen gesessen. Die Fuhrleute haben auch angefangen zu lärmen, was das wär, ihre Pferde werden kaput gehen, wenn sie so lange in dem Wetter stehen müssen. Aber das hat alles nichts helfen wollen, denn der Bote ist Meister gewesen und die Fuhrleute haben wohl warten müssen.

Also sind wir wieder zwei Stunden gesessen und sind nicht früher weggefahren, bis die beiden ganz betrunken gewesen sind und sich endlich zu Wagen gesetzt haben. Nun, was soll ich noch schreiben von den Händeln, die wir fast in allen Herbergen gehabt haben.

Nun, Gott – er sei gepriesen – hat uns glücklich nach Harburg geholfen, wo mein Vater und mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – gewesen sind und uns entgegenkamen, welches nur eine Meile von Hamburg ist. Nun kann man sich leicht vorstellen, welche Freude wir miteinander gehabt haben.

Also sind wir zusammen zu Wasser nach Hamburg gefahren und haben Gott – er sei gepriesen – gedankt, daß ich alle unsere Freunde gesund gefunden und auch sonst, Gott sei Dank, wenig Häuser von Juden verseucht gewesen sind, während ich fort war.

Aber das Gewitter ist noch nicht recht gestillt gewesen; es hat noch hin und wieder gezuckt. Aber Gott sei gedankt, bei Juden ist alles gut gewesen und auch geblieben. Gott – er sei gepriesen – wolle auch weiter uns und ganz Israel hüten und alle Nöten erlassen.

Also sind wir wieder in unserem lieben Hamburg gewesen. Man möge mir glauben, wir sind ein halbes Jahr [98] so von Hamburg fort gewesen und wir haben berechnen können mit dem Schaden von den Perlen und mit den Zinsen, daß es uns über zwölfhundert Reichstaler gekostet hat. Doch der Höchste sei gelobt und gedankt, daß wir mit den Unserigen aus allen Nöten gerettet gewesen. Es ist wenig an Geld gelegen. »Gib mir die lebenden Menschen und das Vermögen nimm dir.« Gott – sein Name sei gepriesen – hat allemal wieder beschert.

Darauf sind die Leute, welche vor der Pest von Hamburg nach Altona gezogen sind, einzeln, einer nach dem anderen, wieder in ihren Ort gezogen, und ein jeder hat angefangen, seinen Geschäften nachzugehen Denn während der Pest, Gott behüte, ist wenig Handel gewesen, denn man hat nirgends können hinkommen.

Kurze Zeit darauf ist mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – auf die Messe nach Leipzig gezogen. Er ist in Leipzig sehr krank gewesen. Und damals ist es in Leipzig sehr gefährlich gewesen, denn wenn, Gott behüte, ein Jude dort gestorben wäre, hätte es ihm alles, was er hat, gekostet. Damals ist Reb Juda[6] auch in Leipzig gewesen und hat bei meinem Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – viel Gutes getan, ihn sehr gewartet, so daß es meinem Mann bald besser gewesen ist. Dann hat er mit meinem Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – geredet, als wie ein guter Freund mit dem anderen reden soll, und hat zu meinem Mann gesagt, was er sich denkt, daß er sich in solche schwere Reisen begibt. Er wäre kein starker Mann. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – sollte mit ihm in genere eine Gemeinschaft machen. Er wär ein junger Mann, wollt die ganze Welt ausreisen und schon Geld genug verdienen, daß sie beide reichlich davon leben könnten. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat ihm geantwortet: »Ich kann dir hier in Leipzig keine Antwort geben. Ich befinde mich noch nicht ganz [99] recht. Ich mag nicht länger in Leipzig bleiben, denn ich fürcht mich, es möchte – Gott behüte – ärger mit mir werden. Also will ich mir eine eigene Fuhr dingen und nach Hause fahren. Und da es schon die Zahlwoche ist, so daß ohnedem auf der Messe wenig zu tun ist, kannst du umsonst auf meinem Wagen mit mir kommen. Wenn wir dann, so Gott will, zu Hause sind, können wir miteinander reden. Alsdann ist mein Glückelchen auch dabei und sie wird auch ihre guten Gedanken davon sagen.«

Denn der liebe Mann – er ruhe in Frieden – hat nichts ohne mein Wissen getan.

Zu dieser Zeit war Reb Juda schon verheiratet, denn mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hatte gemacht, daß ihm sein frommer Bruder Reb Samuel – das Andenken des Gerechten zum Segen – seine Tochter[7] gegeben hat und ihm fünfhundert Reichstaler Geld als Mitgift gegeben hat. So sind sie zusammen von Leipzig hierhergekommen.

Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – ist noch nicht recht bei seinen Kräften gewesen, doch hat er nicht im Bett liegen müssen. Nun, durch gute Aufwartung und hauptsächlich durch Gottes Hilfe, die dabei gewesen ist, war es, daß er ganz besser geworden ist. Dieses hat wohl acht Tage und mehr gewährt. Inzwischen ist mir Reb Juda als in den Ohren gelegen, ich sollte machen, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – mit ihm Gemeinschaft macht, und was ich mir dächte, und ich hätte meine Pflicht nicht getan, wenn ich meinen Mann so reisen ließe. Wenn ihm – Gott behüte – in Leipzig etwas angekommen wäre, so wäre er um Körper und Geld gekommen.

Nun, in Wahrheit, das Reisen hat mir nicht gut angestanden, denn es war schon oft große Gefahr, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – in Leipzig krank gewesen ist. Und schon vordem ist mein [100] Mann mitten in der Messe heimgekommen und ich hab kein Wort davon gewußt. Ich sehe zu meiner Türe hinaus, kommt mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – zu fahren. Da kann man sich wohl denken, was für eine Bestürzung ich eingenommen habe und sonstige Sachen mehr. Wer kann alles erschreiben?

Einmal ist mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – in der kalten Leipziger Messe gewesen, denn es ist Neujahrsmesse gewesen. Also ist mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – mit anderen Juden unterwegs gewesen und sollten hierherkommen. Aber sie sind nicht an dem Tage gekommen, den ich mir ausgerechnet hatte. Also kommt die Frau, die die Briefe umträgt, und bringt mir Briefe von Frankfurt. So sagt sie, im kaiserlichen Posthaus haben sie – Gott bessere es – böse Zeitung gehabt, denn zwei Wagen mit Juden und Nichtjuden wollten sich zum Zollenspicker über die Elbe setzen und ist alles versoffen. Weil das Eis so stark gegangen ist, hat das Eis den Prahm zerbrochen. Nun, mein Gott, fast ist mir meine Seele hinausgeflogen. Ich hab angefangen zu rufen und zu schreien und zu jammern, wie wohl zu denken steht. Also kommt grün Moses, den ich schon erwähnt, in die Stube und findet mich in solchem Zustand und fragt, was der Märe ist. Ich verzähl es ihm und sag: »Ich bitte dich, um Gottes willen, nimm flugs ein Pferd und reit nach dem Zollenspicker und sieh, was vorgeht.«

Obschon grün Moses und die anderen es mir haben ausreden wollen, hab ich mich doch nicht zufriedengeben können. Also ist grün Moses hinweggeritten. Ich bin zu einem Manne gelaufen, der Pferde zu vermieten gehabt hat. Derselbe hat sofort seinen Knecht mit einem Pferd auf eine andere Seite geschickt. Wie ich dann betrübterheit wieder heimgegangen, komme ich in das Haus, sitzt mein lieber Mann in der Stube und wärmt sich und trocknet seine nassen Kleider. Es ist gar ein scheußlich Wetter gewesen und alles, was die Briefträgerin gesagt hat, ist lauter Lüge gewesen. [101] Das schreib ich nur, weil wir mit dem Reisen allezeit große Sorgen und Schrecken gehabt haben und ich ja gern gesehen hätte, daß wir es so gestellt hätten, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hätte zu Hause bleiben können. Derentwegen bin ich der Gemeinschaft mit Reb Juda nicht ungeneigt gewesen.

Als Reb Juda wieder mit uns geredet hat und seinen besten Vorschlag getan, so sag ich zu Reb Juda: »Alles, was du redest, ist ganz gut und recht, nur siehst du wohl die große Haushaltung und Ueberlast, die wir haben. Wir müssen alle Jahre mehr als tausend Reichstaler in unserer Haushaltung haben und außerdem was wir für unser Geschäft an Zinsen und anderen Unkosten haben müssen. Und ich sehe nicht, wo das herkommen soll.«

Hat Reb Juda geantwortet: »Macht dir das Sorge? Das will ich mich verschreiben, daß, wenn nicht mindestens jedes Jahr tausend Reichstaler Banco verdient werden, ihr die Macht haben sollt, daß die Gemeinschaft aufhört.«

Und solche Worte und noch mehr Versicherungen hat er gegeben, was zu viel zu schreiben ist.

Also hab ich meinem Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – zugeredet und gesagt, was ich mit Reb Juda geredet und was er für große Stücke versprochen hat.

Also sagt mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – zu mir: »Mein liebes Kind, das Sagen ist alles gut, aber ich bin ein großer Braucher und ich sehe nicht, wo das mit Reb Juda herkommen soll.« Also sag ich zu meinem Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen: »Man kann es ein Jahr versuchen. Ich will einmal eine kleine Schrift aufsetzen und will sie euch sehen lassen, wie sie euch gefällt.« Also habe ich mich allein nachts hingesetzt und habe einen Vertrag aufgesetzt. Reb Juda hat als gedrungen und gesagt, wir sollten nicht sorgen und nur all unser Geschäft auf ihm stehen lassen, er wüßte solche Wege und Stege, daß er genug Geschäfte wüßte, daß man wohl zurecht kommen könnte. So sag ich: »Wie können [102] wir das tun, unser ganzes Geschäft auf euch zu stellen?« Also sagt Reb Juda: »Ich weiß wohl, daß ihr für mehrere Tausende Juwelen habt, die werdet ihr nicht wegwerfen. Also wollen wir machen, daß ihr solche Juwelen verkaufen möchtet oder vertauschen, so gut ihr könnt oder wollt.« Dieses ist der erste Punkt. Zweitens soll die Gemeinschaft zehn Jahre währen und alle Jahr soll man Abrechnung halten. Falls in der Gemeinschaft nicht alle Jahr mindestens zweitausend Reichstaler verdient werden, so hat mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – die Wahl, daß er die Gemeinschaft aufsagen mag. Denn wir wollten sonst keine Gemeinschaft machen. Und wenn die Gemeinschaft aufhört, soll alles verkauft werden, damit ein jeder sein Geld kriegt. Drittens soll mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – ein- oder zweimal mit Reb Juda nach Amsterdam ziehen und Reb Juda in allen Stücken unterrichten, wie man einkauft, und Reb Juda soll alle Ware in seiner Hand haben und verkaufen. Viertens, zum Behuf des Handels soll mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – fünf- oder sechstausend Reichstaler erlegen, wobei Reb Juda zweitausend Reichstaler erlegt und alle Ware, die mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – an Juwelen und anderen Waren gehabt hat, mag er aufs beste verkaufen oder vertauschen.

Hierauf ist ein starker Vertrag gemacht worden und auf alle Art und Weise verwahrt worden. Also ist Reb Juda wieder nach Hildesheim gezogen und hat gesagt, er wolle sein Geld zusammenmachen, wie er sich verschrieben hatte, und sie wollten dann in zwei bis drei Wochen nach Amsterdam ziehen.

Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat sich zu seiner Reise fertiggemacht und hat sein Geld nach Amsterdam remittiert. Es hat nichts mehr gefehlt, als daß Reb Juda mit seinem Geld auch gekommen ist, welcher auch zur bestimmten Zeit gekommen ist und Wechsel über fünfhundert Reichstaler mitgebracht hat. Haben [103] wir zu Reb Juda gesagt: »Was ist das, es sollten ja zweitausend Reichstaler sein?« Er antwortet: »Ich hab meiner Frau Gold gelassen, das soll sie verkaufen und mir den Rest von Hildesheim remittieren.« Wir sind es zufrieden gewesen.

Also sind sie zusammen im Namen des Gottes Israel glücklich nach Amsterdam gekommen. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat in Kleinigkeiten zu kaufen angefangen, wie es damals Sitte war.

Zu jeder Post hat mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – gefragt: »Hast du deinen Wechsel gekriegt?« Kurz, jede Post hat er gesagt: »Den krieg ich« und »den werd ich kriegen.« Es ist aber nichts daraus geworden, er hat nichts bekommen. Nun, was hat mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – tun sollen?

Reb Juda hat ihm gute Worte gegeben und allerlei vorgeredet. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat in Amsterdam sein Geld nebst den fünfhundert Reichstalern von Reb Juda angelegt. Man kann in Amsterdam bald dazu kommen, Geld anzulegen. Danach ist mein Mann wieder nach Hause gezogen und Reb Juda nach Hildesheim, und er hat alles, was mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – eingekauft hat, mit sich genommen und ist hin und her gereist, um zu verkaufen, und hat damit gehandelt, wie er nur wollte. Wie dann mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – nach Hause gekommen ist, hat er etwas mit mir geredet und gemurrt über die Gemeinschaft mit Reb Juda, daß ich ihn dazu überredet hab, denn Reb Juda hat schon den Anfang nicht gehalten. Was wird danach erst herauskommen? Was wird das Ende sein? Man könnte, Gott behüte, bei solchen Geschäften krepieren. Also hab ich es ihm ausgeredet, so gut ich gekonnt habe, und gesagt, wie die Wahrheit ist, daß Reb Juda ein junger Mann ist. Wieviel hat er gar zur Mitgift bekommen? Fünfhundert Reichtaler. Achthundert oder neunhundert Reichstaler hat er gehabt, wie er von uns gekommen ist, und das ist im ganzen zwei [104] Jahre her, so daß er unmöglich zweitausend Reichstaler hat aufbringen können. Laßt euch dünken, er hätte gar nichts und man schickt ihn wie früher weg und vertraut ihm etliche tausend Reichstaler an, wie wir früher getan haben. Er hat ja alles in seiner Hand. Wem Gott – sein Name sei gepriesen – Glück geben will, kann er es sowohl mit wenig als mit viel geben. Nun, was hat er tun sollen? Es mag ihm ja oder nicht geschmeckt haben, wir sind nun einmal drin gewesen. Man hat das Bad ausbaden müssen. Also ist einige Zeit hingegangen. Reb Juda hat einigermaßen verdient, wie er uns allemal geschrieben hat. Aber eine Handvoll macht den Löwen nicht satt. Kurz, was soll ich mich da aufhalten? Das Jahr ist bald um gewesen und hat uns beiden nicht geschmeckt, denn wir haben gesehen, daß nicht so viel verdient worden ist, als daß eine Haushaltung davon erhalten werden kann, geschweige denn zwei Haushaltungen. Endlich nach einem Jahre Gemeinschaft ist mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – nach Hildesheim gezogen, hat mit Reb Juda abgerechnet und sie haben gefunden, daß sie bejde nicht bestehen können. Also hat mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – mit Reb Juda geredet wie ein Mann mit seinem Bruder: »Du siehst, daß wir beide in solcher Gemeinschaft nicht bestehen können. Laut Vertrag soll in der Gemeinschaft jedes Jahr mindestens zweitausend Reichstaler verdient werden. Du siehst wohl, daß keine tausend Reichstaler verdient worden sind.«

Also hat Reb Juda auch befunden, daß sie beide nicht bestehen können. Also hat einer wie der andere von dem Vertrag abgelassen in Wohlwollen und in ganz guter Freundschaft. Mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – hat eine Auflösung geschrieben, für sich eine und für Reb Juda eine, die sie beide wie herkömmlich untersiegelt haben.

Nun sind noch etliche Tausende an Ringen und anderen Juwelen dagewesen, welche mein Mann – das Andenken des Gerechten zum Segen – Reb Juda alle zusammen gelassen [105] hatte, daß er sie vollendlich verkaufen sollte und meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – das Geld dafür geben.

Es ist auch eine Zeit gesetzt worden, in welcher Zeit die Bezahlung geschehen sollte, aber die Zeit ist gekommen und die Bezahlung ist nicht erfolgt. Wir haben Reb Juda ordentlich und bescheidlich geschrieben, er wüßte doch, was er sich verschrieben hätte, die Zeit wäre vorbei, er möchte doch das Geld nach Hamburg remittieren. Reb Juda hat auch, wie es sich gehört, geantwortet, er hätte zwar noch nicht alles verkauft, er wollte aber doch dazu sehen, sehr bald Wechsel hierher zu remittieren.

Zum Ende vom Ende hat dieses mehr als ein Jahr gewährt, daß wir nichts haben von Reb Juda bekommen können. Da ist mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – wieder nach Hildesheim gezogen, in der Absicht, sein Geld von Reb Juda zu bekommen. Aber anstatt dessen kriegt er was anderes zu wissen. Denn nachdem Reb Juda meinen Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – einige Tage hingehalten, kommt heraus, daß Reb Juda meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – gesagt: »Ich geb dir einfach kein Geld und es wär mir lieb, wenn ich noch zweimal so viel von dir behalten hätte, denn unsere Gemeinschaft hätte laut unseres Vertrages zehn Jahre währen müssen und sie hat nur ein Jahr gewährt. Ich prätendiere von dir mehrere Tausende und all das Deinige, was du hast, ist mein – du kannst mich mit all dem deinigen nicht bezahlen.« Mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – ist sehr erschrocken und hat gesagt: »Reb Juda, was red'st du da? Ist das der Dank für all das Gute, das ich dir getan habe? Du bist zu mir gekommen nackt und bloß. Nach kurzer Zeit hast du neunhundert Reichstaler bar von mir mitgenommen. Ich habe dir mehrere tausend anvertraut, ich hab dich in alle Plätze eingeführt, wo ich nur gewußt, daß etwas zu tun ist. Besonders hab ich dich für einen feinen, geschickten, ehrlichen Menschen angesehen und gemacht, daß dir mein [106] Bruder Samuel seine Tochter gegeben hat. Und nach all dem hast du ja den Vertrag selbst gebrochen. Anstatt daß du hast sollen zweitausend Reichstaler erlegen, hast du nur fünfhundert erlegt. Zudem ist ja in unserem Vertrag gestanden, falls nicht jedes Jahr in der Gemeinschaft zweitausend Reichstaler verdient werden, so ist unsere Gemeinschaft aus. Nun weißt du wohl, daß wir knapp tausend Reichstaler verdient haben. Und in dem Vertrag steht ja ausdrücklich, falls die erwähnte Summe nicht verdient wird, hab ich die Wahl, zurückzutreten. Zu dem Ende ist es für uns beide nicht dienlich gewesen. Also sind wir einer vom anderen mit gutem Willen und vollem Bewußtsein zurückgetreten laut unserer Dissolution. Was willst du da noch weiter haben? Ich bitte dich, mache der Welt kein Maulspiel, denn wir sind wie Brüder, wir können, so Gott will, weiter zusammen handeln« und ähnliche Worte.

Aber das hat bei meinem guten Reb Juda alles nichts helfen wollen, er ist bei seiner Geige geblieben. Nun, was hat mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – tun sollen?

Nach vielem Wortwechseln und Zanken, was zu der Sach gehört hat, haben sich Leute dazwischen gelegt und einer hat dem anderen den Handschlag gegeben, daß sich ein jeder einen Schiedsmann nehmen sollte und sie sollten nach Hildesheim zum Oberrabbiner zu Gericht kommen. Die Zeit ist nach vier Monaten gestellt worden. Mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – hat sich alles gefallen lassen müssen, »denn wer kann mit dem Stärkeren rechten«. Und es ist wissiglich, daß derjenige der Stärkere ist, der die Sachen in der Hand hat. Also ist mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – mit solcher Verrichtung wieder nach Hause gekommen und hat mir alles erzählt.

Wir haben uns sehr gegrämt, denn wir haben gewußt, daß wir so in Wahrheit und Treue mit dem Mann gehandelt haben und ihm so viel Gutes getan haben, was uns Gott – er sei gelobt – bezahlen soll. Mein Mann – das Andenken [107] des Gerechten gesegnet – hat etwas mit mir gemurrt, weil ich ja die Ursache von der Gemeinschaft gewesen bin, aber Gott weiß, daß ich es um des Besten willen getan und gedacht, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – nicht so schwere Reisen zu tun haben sollte. Ich hab nicht gedacht, daß es so herauskommen sollte, und habe solches nicht von Reb Juda vermutet, denn ich habe ihn für einen redlichen Menschen gehalten.

Ob es nun gekommen ist, daß Reb Juda meinen Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – verdächtigt hat, daß er ohne sein Wissen oder ohne was zur Gemeinschaft gehört, gehandelt hat, kann ich nicht wissen. Und vielleicht war auch der folgende Handel ein Zunder dem Feuer, wie man weiter vernehmen wird.

Nun, was soll man tun? Nach geschehenen Dingen ist nichts zu ändern.

Reb Juda hat ein großes Stück Geld von uns in der Hand gehabt. Es ist uns nicht wohl dabei gewesen. Ich hab zu meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – gesagt, warum er das Gericht nach Hildesheim gestellt hat, er hätte es sollen nach einem unparteiischen Ort stellen. Hat mein Mann mir im Zorn geantwortet: »Wenn du dort gewesen wärest, hättest du es besser stellen können. Jener hat das meinige in Händen, muß ich wohl, wie er und nicht wie ich will.«

Nun kurz, unser Streit ist auch zu Ende gegangen; wir haben uns drein gedulden müssen und alles dem lieben Gott befohlen; der uns aus so vielen Geschäften und Nöten geholfen hat, wird uns auch davon helfen.

Wir sind junge Leute gewesen und haben erst angefangen zurecht zu kommen und haben gar wohl in unserem Geschäft gesessen, und sollte uns so eine Erfahrung zukommen, so haben wir uns nicht wohl darein finden können. Wie von der vorigen Seite zu entnehmen ist, hat mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – von Reb Juda eine Dissolution gehabt, daß die Gemeinschaft [108] aus ist. Und als mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – von Hildesheim hierher gekommen ist, ist ein Franzose hier gewesen, welcher allerhand Waren gehabt hat. Also hat mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – mit ihm getauscht und ein gutes Geschäft mit ihm gemacht. Aber wie es Sitte bei den Juden ist, wenn man hundert Reichstaler verdient, machen die anderen tausend daraus. Also ist ein Lärm gewesen, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – viele Tausende verdient hat, und das ist bald nach der Auflösung der Gemeinschaft gewesen und solches ist gewiß Reb Juda zu Ohren gekommen.

Also hat er sich vielleicht eingebildet oder gemacht, als wenn er sich einbildet, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – solche Geschäfte gewußt hätte, so lange er noch mit Reb Juda in Gemeinschaft war. Und besonders, weil man gesagt hat, daß an dem Geschäft tausende verdient worden sind.

Ob das Reb Juda so faulherzig gemacht hat, oder ob er Reue gehabt und darum mit meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – abgeschnitten hat oder ob er nicht gern so ein Stück Geld aus Händen geben wollte, das mag Gott wissen, was die Ursache ist. Denn wir haben an dem Mann sonst nichts Ungebührliches oder Unrechtes gespürt, als daß er uns in den Stücken sehr verfolgt und nicht gern aus Händen gegeben hat, was er gehabt hat. »Der Mensch sieht ins Auge, Gott sieht ins Herz.« Er hat sich vielleicht eingebildet, daß er recht hat, und ist darin verharrt. »Ein Mensch kann seine eigene Schuld nicht einsehen.« Uns ist solches noch viel schwerer und saurer angekommen, denn wir haben unsere Wahrheit gewußt, daß wir mit dem Mann so wahr und treu umgegangen sind und ihm so viel Gutes getan haben. Und sollen so bezahlt werden.

Nun, alles, was Gott tut, tut er zum Guten. Es ist um die Zeit der Frankfurter Messe gewesen, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – auf diese Messe hat reisen müssen, wie er auch auf alle Messen [109] gereist ist. Also ist er dort gewesen bei seinem Bruder Isaak – das Andenken des Gerechten gesegnet. Als er seinem Bruder alles verzählt hatte, was mit Reb Juda passiert, hat er ihn gebeten, er sollte ihm einen wackeren Schriftgelehrten zuweisen, denn er müßte zur Zeit in Hildesheim sein und es müßte jeder seinen Schiedsmann mitbringen bei Verlust der Rechte. Also hat mein frommer Schwager Reb Isaak – das Andenken des Gerechten gesegnet – gleich zu meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – gesagt: »Du bist um das Deinige, wie willst du in seiner Gemeinde darum rechten?«

Hat mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – gesagt: »Was hab ich tun sollen? Ich hab es nicht besser machen können.« Nun hat mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – meinem Schwager Reb Isaak – das Andenken des Gerechten gesegnet – all seine Rechte und Einwände verzählt. Er hat geantwortet: »Ja Bruder, du hast alles Recht und kannst auch wohl Recht haben und kriegen, wenn ihr unparteiische Richter habt und an einem unparteiischen Ort Prozeß führt.« Da sagt mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet: »Das ist nun nicht zu ändern. Es mag gehen, wie der liebe Gott will, ich muß fertig werden. Weise mir nur einen guten Mann zu.«

Nach kurzem Bedenken sagt mein Schwager – das Andenken des Gerechten gesegnet: »Hier ist ein junger wackerer Mann mit Namen Reb Ascher. Er ist ein Gerichtsbeisitzer in unserer Gemeinde, der ist gut genug, aber, wie schon gesagt.« So ist mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – zu dem gegangen und hat seinen Vertrag und die Dissolution und alles gewiesen. Da hat Reb Ascher – das Andenken des Gerechten gesegnet – zu meinem Mann gesagt: »Sorge nicht, du hast eine gerechte Sache. Ich will mit dir ziehen.« Was sie auch nach der Messe getan haben.

Während der Messe hat mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – mit seinem Bruder geredet, [110] ob er ihm einen wackeren jungen Mann zuweisen könnte, den er zu seinem Geschäft brauchen könnte. Kurz, er hat ihm Isachar Cohen zugewiesen, welcher leider der Herodes zu meinem ganzen Haus gewesen ist, wovon zu seiner Zeit und an seinem Ort noch mehr Meldung geschehen soll.

Die Messe ist aus gewesen; mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – ist mit seinem Schiedsmann nach Hildesheim zu Gericht gezogen. Kurz, was soll ich lang verweilen? Es wären hundert Bogen von dieser Materie zu schreiben, was alles hierin vorgegangen ist. Unser Schiedsmann hat nicht fort gekonnt, denn er ist allein gewesen und hat zwei über sich gehabt. Reb Ascher hat sich nicht wollen Zwang antun lassen, daß er einem ungehörigen Richterspruch zugestimmt hätte. Er hat gewußt, wenn er mit ihnen nicht einig werden sollte, dann sollte er ins Gefängnis kommen oder zum wenigsten war er damit bedroht worden. Also ist mein guter Reb Ascher im geheimen von Hildesheim hinweggezogen, hat aber ein großes Rechtsgutachten zugunsten von meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – zurückgelassen. Aber das hat alles nicht helfen wollen. Kurz, der Vorsitzende des Rabbinerkollegiums von Hildesheim und ein Vorsteher (ich will aber keinen nennen, denn sie sind alle schon tot) sind mit Leib und Leben Reb Juda beigestanden. Sie haben mit Gewalt wollen, daß mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – einen Vergleich machen soll, und so einen Vergleich, der meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – zu schwer gewesen ist.

Nun, mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – hat solches nicht eingehen wollen, und es wäre gar weitläufig vor das öffentliche Gericht gekommen, aber mein Schwiegervater – das Andenken des Gerechten gesegnet – ist zu jener Zeit in Hildesheim gewesen, wie solches an seiner Stelle gesagt werden wird, wieso er dort zu wohnen gekommen ist. Also hat mein Schwiegervater – das Andenken des Gerechten gesegnet – meinen Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – fast [111] mit weinenden Augen gebeten und gesagt: »Mein lieber Sohn, du siehst ja wohl, was hier vorgeht. Ich bitte dich um Gottes Willen, gib dich weiter in keine Weitläufigkeiten. Füge dich in Geduld und mach einen Vergleich, so gut du kannst. Gott – sein Name sei gelobt – wird es dir wieder bescheren.« Wie es auch geschehen ist, wie weiter folgen wird.

Was hat mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – tun sollen?

Reb Juda hat das Seinige unter seiner Hand gehabt. Das ist schwer herauszubekommen gewesen, und mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – war gezwungen, einen Vergleich zu machen. Nun kann man sich wohl denken, was da für ein Vergleich herausgekommen ist. Das ist aber bekannt, daß wir nicht zweimal so viel unser Eigen gehabt, als es uns in allem gekostet hat.

Ich gebe Reb Juda nicht so viel Schuld als denjenigen, die ihm dazu verholfen haben, »denn ein Mensch sieht seine eigene Schuld nicht ein«.

Nun kurz, es ist vorbei. Wir haben es ihnen allen verziehen, sowohl Reb Juda als seinen Helfern, und haben weder Verbitterung noch Widerwillen auf Reb Juda. Denn er hat sicher gemeint, er hat recht und es gebührt ihm von uns, sonst hätte er es vielleicht nicht getan. Nun hat er zwar meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – sehr weh getan, aber wer hätte ihm helfen können? »Wer um Vergangenes klagt, bittet umsonst.«

Der liebe Gott aber, der unsere Unschuld angesehen hat, hat uns, ehe vier Wochen vergangen waren, ein Geschäft beschert, daß wir fast unseren Verlust gutgemacht haben. Und mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – hat nachher mit Reb Juda in guter Einigkeit und Vertraulichkeit gelebt.

Wie ich auch noch berichten werde, wie ich in Berlin war, was mir von Reb Juda und seiner Frau für Ehre erwiesen worden ist. Sie haben auch stets mit meinen Kindern Geschäfte gehabt, so daß wir uns über ihn nicht sonderlich beschweren können. Wenn nur die Geschäfte mit gutem [112] Verdienst fortgegangen wären, so halte ich dafür, daß wir nichts Widriges zusammen gehabt hätten. Aber es scheint die glückliche Bestimmung für Isachar gewesen zu sein, daß wir mit Reb Juda haben abschneiden müssen. Isachar sein Glück hat da angefangen zu blühen, wie gleich berichtet werden wird.

Obschon an der Sache nichts gelegen, wie auch an meinem ganzen Buch, so ist solches doch geschrieben, um meine müßigen melancholischen Gedanken damit zu verbringen, wenn mich die betrübten Gedanken so geplagt, und ist auch hieraus zu sehen, wie sich alle menschlichen Dinge mit der Zeit verkehren. »Gott – er sei gelobt – hat Leitern gemacht: den einen läßt er hinaufsteigen, den anderen hinuntersteigen.«

Reb Juda ist zu uns gekommen und hat fast gar nichts gehabt und Gott – er sei gelobt – hat ihm geholfen, und ich halte dafür, daß er sich heute nicht mit hunderttausend Reichstaler Banco auskaufen läßt. Er sitzt auch noch in solchem Geschäft und Aestimation bei dem hohen Kurfürsten, und ich halte davon, daß, falls er so fort macht und Gott – er sei gelobt – nicht dawider ist, dann wird er zu seiner Zeit als der reichste Mann in ganz Deutschland sterben.

Es ist auch zu sehen, wie wir vielen Leuten – Gott zuvor – haben zurecht geholfen, und alle, die mit uns Handel getrieben haben, sind reich und mächtig geworden. Aber die meisten ohne Vergeltnis, wie die Weltordnung ist. Im Gegenteil, diejenigen, denen wir alles Gute getan haben, haben uns oder unsere Kinder mit Bösem bezahlt. Gott der Allmächtige ist gerecht. Wir sündige Menschen können nichts sagen, sogar wissen wir nicht, was für uns gut oder böse ist. Ein Mensch meint oft, wenn ihm was Widerwärtiges zustößt, daß ihm dasselbe gar bös sei. Es kann sein, daß, was wir meinen, daß für uns bös ist, uns gerade zum Guten wird.

Nun, wäre der ehrliche, redliche Reb Mordechai – Gott räche sein Blut – leben geblieben, wäre vielleicht manchem [113] die Gelegenheit nicht auf den Kopf gekommen, und derselbe wäre sicher ein großer Mann geworden.

Dann haben wir grün Moses gehabt. Mit demselben haben wir zwar nicht viel Geschäfte gehabt, aber, wie schon erwähnt, hübsche Partien an Unzenperlen mit ihm gemacht. Er ist gar weit gereist und hat Frau und Kinder hier gehabt. Wir haben müssen seine Frau und seine Kinder ernähren, wo wir doch nicht gewußt haben, ob der Verdienst so viel überschießen wird. Da gilt das Wort: »Wirf dein Brot ins Wasser, nach langer Zeit wirst du es wiederfinden.« Kurz, wir haben auch keinen großen Verdienst daran gehabt, sind aber doch in allem Guten auseinander gekommen und wären auch noch länger zusammen geblieben, wenn er nicht von Hamburg weggezogen wäre und sich in Schottland[8] niedergelassen hätte. Selbiges ist dicht bei Danzig, er ist dort nicht übel gefahren und es ihm sehr wohl ergangen.

Abraham Kantor von Kopenhagen, welchen ich schon erwähnt als einen Jungen, der bei uns gedient hat, hat sich ehrlich und wohl gehalten. Danach haben wir ihn etlichemal nach Kopenhagen geschickt. Dort ist er reich geworden und danach mit Frau und Kindern dort zu wohnen gezogen. Danach haben wir keine Kompagnie mehr mit ihm gehabt. Wie man sagt, ist er heute ein Mann von fünfzehntausend Reichstalern, sitzt in seinem guten Geschäft und gibt seinen Kindern Tausende mit. Es wäre viel zu schreiben, was wir an ihm Gutes getan haben, aber wer anerkennt es? Wir Menschen sind undankbare Geschöpfe.

Mein Verwandter Mordechai Cohen ist ein junger Mann gewesen und Löb Bischeri[9]. Sie haben mit meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – Kompagnie gemacht, und mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – hat sie nach England geschickt und ihnen Kreditbriefe und Geld mitgegeben. Aber die Reise ist nicht fertig geworden, denn sie haben nicht nach England [114] können wegen Krieg. Also ist ihre Reise nach England unterblieben; sie haben aber doch ein Stück Geld in Amsterdam mit guten Zinsen angelegt. Von diesem Mal an ist mein Verwandter Mordechai Cohen nach Holland und Brabant gereist und hat gar guten Verdienst gehabt, und diese Reise ist sein erster Anfang von Geschäft und Reichtum gewesen.

Des reichen Reb Juda habe ich schon gedacht, daß er mit Gottes Hilfe durch uns zum Mann geworden.

Mein Schwager Reb Elia ist ein junger Mann und in dürftigen Verhältnissen gewesen. Er hat kein Geschäft verstanden. Da hat mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – ihm gleich großen Kredit gegeben und ihn endlich nach Amsterdam geschickt und ihm Kredit bis zwanzigtausend Reichstaler gegeben.

Viele hiesige Familienväter, die jetzt fast Hauptmitglieder der Gemeinde sind, haben Gott gedankt, wenn wir ihnen Kredit gegeben haben.

Ich wollte noch viel mehr nennen, es hilft mir aber alles nichts. Aber wo ist die Gnade, die du ehrlicher wackerer Mann, Reb Chajim Hameln – das Andenken des Gerechten gesegnet – an der ganzen Welt getan hast und gerne jedem fortgeholfen und jedem Gutes getan, teils mit Vorteil, teils mit Verlust und teils so, daß er – er ruhe in Frieden – gewußt hat, daß nie ein Vorteil daraus entstehen kann, und doch in Wahrheit die reine Güte geübt.

Nun sind aber deine lieben, frommen Kinder, falls dieselben irgendwie Anstoß haben, doch so ehrlich, daß sie lieber sterben sollten als jemanden verkürzen. Aber alle, denen wir viel Gutes getan haben, bedenken das alles nicht und könnten doch zeitweise meinen lieben Kindern, solch jungen Leuten, die leider ihren frommen Vater so früh verloren haben und Schafe ohne Hirten sind, ein wenig helfen.

Ja, daß sich soll Gott erbarmen. Gerade das Widerspiel. Ich wollte, wir hätten weder Gutes noch Böses von ihnen gehabt. Im Gegenteil, sie haben meine Kinder um Tausende gebracht und haben gemacht, daß das Geld meines [115] Kindes, meines Sohnes Reb Mordechai, hat müssen unter das gemeine Volk kommen.

Die Ratsherren und das ganze Gericht haben gesagt, daß es ein ehrlicher Handel ist und daß man nicht nötig hat, den Kaufleuten wieder etwas von ihrer Ware zu geben. Denn er hat es ehrlich und redlich gekauft und man hat ihm doch keine Ruhe geben wollen und hat ihn gezwungen, und er hat das Seinige fast wegwerfen müssen und mit den Kaufleuten einen Vergleich machen. Das war leider die Ursache davon, daß er zugrunde gegangen ist.

Wie mir und ihm nun zumute gewesen, das soll der große Gott noch vor sich nehmen und es soll eine Sühne für unsere Sünden sein. Nun, es ist in Gottes Namen geschehen, daß man meinen Sohn so bedrängt hat. Gott vergelte ihnen ihre Taten. Ich kann den Mann, den ich in Gedanken habe, nicht beschuldigen, denn ich weiß seine Gedanken nicht. »Der Mensch sieht ins Auge u. s. w.,« aber das weiß ich wohl, meine Kinder sind junge Leute gewesen und hatten etwas Kredit nötig gehabt. Wie es beim Handel üblich ist, haben sie einige Wechsel verkaufen wollen. Kaufleute haben die Wechsel von ihnen genommen und sie geheißen, nach der Börsezeit wieder zu kommen. Nach meinem Bedünken hat derselbe Kaufmann einen Juden, auf den er viel gehalten hat, befragt. Als meine Kinder nun nach der Börsezeit kommen, um gegen die Wechsel mit guten Indossamenten Geld mittelst Banco zu empfangen, hat ihnen der Kaufmann die Wechsel wieder gegeben. Dadurch haben sie sich oftmals nicht zu helfen gewußt.

Nun, du großer, einziger Gott, ich bitte dich vom Grunde meines Herzens, verzeihe mir, denn es kann sein, daß ich demselben unrecht getan habe, auf den ich in Gedanken hingewiesen habe, und es kann wohl sein, daß, was er getan hat, alles im Namen des Himmels gewesen ist.

Also muß man alles dem großen Gott befehlen und daran denken, daß diese eitle Welt bald vorübergeht.

Wiewohl du großer Gott es weißt, wie ich meine Zeit in großen Sorgen und großer Betrübnis meines Herzens zubringe. [116] Ich bin eine Frau gewesen, die in großer Aestimation so lange mit ihrem frommen Mann gewesen ist, und von ihm gehütet wie sein Augapfel, aber mit seinem Absterben ist mein Reichtum, meine Ehre, alles mit ihm weg gewesen, was ich alle meine Tage und Jahre zu bejammern und zu beklagen habe. Wenn ich auch wohl weiß, daß es eine Schwachheit ist, daß ich einen großen Fehler begehe, muß ich doch bekennen, daß ich meine Zeit in solchem Elend und Jammer zubringe. Es wäre viel besser, wenn ich alle Tage auf meine Knie fiele, um den großen, gnädigen Gott zu loben und ihm für die große Gnade zu danken, die er mir Unwürdigen tut.

Ich sitze noch bis dato an meinem Tisch, esse, was mich gelüstet, leg mich zu Abend in mein Bett, hab noch einen Schilling zu zehren, so lange es dem großen Gott beliebt. Ich habe meine lieben Kinder, ob es auch zuzeiten dem einen oder dem anderen nicht geht, wie es gehen soll, so leben wir doch und erkennen unseren Schöpfer. Wieviel Leute sind in dieser Welt, die besser, frömmer, gerechter und wahrhaftiger sind als ich, und haben viel weniger, vielleicht nicht Speise für eine Mahlzeit, solche, die ich selbst kenne, daß es ausbündig fromme Leute sind. Wie sollt ich meinem Beschaffer genug loben und danken können für alle Gnaden, die er an uns tut, ohne unsere Vergeltung, wie ich schon geschrieben.

Wenn wir armen sündigen Menschen nur die große Barmherzigkeit erkennen möchten, daß der große Beschaffer uns aus einem Stück Lehm zu Menschen gemacht hat.

Seinen großen, furchtbaren, heiligen Namen hat er uns zu erkennen gegeben, damit wir unserem Beschaffer mit ganzem Herzen dienen sollen. Denn, meine lieben Kinder, seht doch, was tut ein sündiger Mensch, um anzukommen, von einem König eine Gnade zu erlangen, der doch nichts ist als Fleisch und Blut, der heute hier ist und morgen im Grabe; und sie wissen nicht, wie lange so ein König von Fleisch und Blut lebt und man Gutes von ihm empfängt, oder wie lange derselbe Mensch lebt, der die Wohltaten bekommt. [117] Und was sind das für Wohltaten, die er von einem König von Fleisch und Blut empfängt? Er kann ihn vornehm machen, er kann machen, daß er viel Geld bekommt, aber das ist alles auf eine Zeitlang, nichts für ewig. Wenn er auch alles in seiner Hand hätte bis zum Tage seines Todes, ist das doch alles nichts. Denn der bittere Tod macht alles vergessen, und es hilft ihm all sein Reichtum und seine Ehre nicht, denn es gibt keinen Mächtigen am Todestag. Und der Mensch weiß das alles, und doch trachtet er, daß er dem König von Fleisch und Blut wohl diene, um das Zeitliche zu bekommen. Um wieviel mehr gehörte es sich, daß wir Tag und Nacht trachten sollten, dem Heiligen – gelobt sei sein Name – dem König aller Könige, der lebt und ewig ist, zu dienen. Denn er ist derjenige, von dem alles Gute kommt, das wir von dem König von Fleisch und Blut bekommen. Und Gott – er sei gelobt – ist derjenige, der den Königen alles gibt und es ihnen ins Herz legt, mit jenen Gutes zu tun, für die es sein heiliger Wille ist. »Denn das Herz der Könige ist in Gottes Hand.« Und die Gaben des Königs von Fleisch und Blut sind alle nichts gegen das, was Gott – er sei gelobt – denen gibt, die ihn ehrfürchten: das ist die Ewigkeit, was kein Maß noch Ziel oder Vergänglichkeit hat.

Also, meine herzlieben Kinder, seid getrost und geduldig in eurem Leiden und dienet Gott dem Allmächtigen mit ganzem Herzen, sowohl wenn es euch – Gott behüte – übel, als wenn es euch wohl ergeht.

Denn wenn wir auch meinen, daß der große Gott uns auferlegt, was gar zu schwer ist, daß wir es fast nicht ertragen können, so müssen wir doch wissen, daß der große Herr seinen Knechten nicht mehr auferlegt, als sie ertragen können. Und wohl dem Menschen, dem Gott was zuschickt. Sowohl für sich selbst als für seine Kinder soll er alles gut und mit Geduld annehmen. Wofür ich meinen Beschaffer auch bitte, er wolle mir nur die Geduld geben. Alles, was uns auf dieser Welt konträr geht, geschieht nur nach unseren Werken und ist darum auch mit Geduld auszuhalten. [118] »So wie man Gott lobt für das Gute, muß man auch Gott loben für das Böse.«

Ein getreuer Diener bei einem König von Fleisch und Blut wagt Leib und Leben um seines Herrn halber. Zwar kann ihn sein Herr in dieser vergänglichen Zeit mit Reichtum und wohlhabenden Gütern belohnen, aber, wie schon gesagt, man weiß doch nicht, wie lange es währt. Aber die Belohnung von unserem Gott währt immer und ewig. So wie er ist lebendig und ewig, also ist auch seine große Barmherzigkeit.

Nun wollen wir alles Gott befehlen und wieder anfangen, wo ich geblieben bin. Meine Tochter Mate – sie ruhe in Frieden – ist nun im dritten Jahr alt gewesen; es ist kein schöneres, klügeres Kind ersehen worden. Nicht allein daß wir es sehr geliebt haben, sondern alle Menschen, die das Kind nur gesehen und gehört haben, haben ein Wohlgefallen an dem lieben Kind gehabt. Aber der liebe Gott hat es noch lieber gehabt und als es ins dritte Jahr gegangen ist, sind dem Kind urplötzlich Hände und Füße geschwollen. Obschon wir viele Aerzte gehabt haben und allerhand Arzneien gebraucht, so hat es doch dem lieben Gott also gefallen, daß, nachdem es in die vier Wochen in seiner Krankheit mit großen Beschwerden und Schmerzen hat zugebracht, Gott – er sei gelobt – es zu sich genommen hat. Er hat seinen Teil zu sich genommen und hat unseren Teil zu unserer großen Betrübnis und Herzeleid für uns liegen lassen. Worüber wir uns unbeschreiblich, sowohl mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – als ich, gegrämt haben. Ich fürchte, daß ich mich an dem höchsten Gott sehr versündigt habe und die Geschichte von Rabbi Jochanan nicht bedacht habe, die nachfolgen wird, und daß noch große Strafen vorhanden sind, wie ich meinesteils, Gott erbarme sich, wohl gewahr worden bin.

Mein Mann ist so gekränkt gewesen, daß wir alle beide lange Zeit große Krankheiten ausgestanden. Das haben wir mit unserem Gram erreicht. [119] Ich bin schwanger gewesen mit meiner Tochter Channa – sie lebe – und ins Kindbett gekommen. Durch großen Kummer wegen dem lieben Kind selig und daß ich mich nicht habe können zufriedengeben, bin ich das ganze Kindbett lang in eine gefährliche Krankheit gefallen, daß alle Aerzte an meinem Wiederaufkommen gezweifelt haben und mit mir desperat spielen wollten.

Aber indem sie solches vorgehabt haben und solches meinen Leuten zu verstehen gegeben haben und sie in der Meinung waren, daß ich davon nichts wüßte und verstände, habe ich meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – und meiner Mutter gesagt, daß ich diese Arznei nicht annehmen wollte. Dieses haben sie den Doktoren gesagt. Obschon die Doktoren ihr Bestes getan und mich zu bereden meinten, solches einzunehmen, so hat all ihr Reden nichts geholfen, und ich habe gesagt: »Sie mögen reden, was sie wollen, ich nehm nun gar nichts mehr. Will mir der getreue Gott helfen, so kann er selbes auch ohne Arznei tun. Ist es aber ein Schluß von dem großen Gott, was helfen dann alle Arzneien?« In Summa habe ich meinen Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – gebeten, er sollte doch alle Doktoren abschaffen und sie entlohnen, was auch geschehen ist. Und Gott hat mir die Kraft gegeben, daß ich fünf Wochen, nachdem ich ins Kindbett gekommen bin, ins Bethaus gegangen bin, wiewohl sehr kümmerlich, habe aber doch meinen Gott gelobt und gedankt. Es ist alle Tage mit mir besser gewesen, so daß Ich endlich meine Wärterin, meine Saugamme abgeschafft habe und mit Hilfe des Höchsten habe ich notdürftig, was zu meiner Haushaltung gehört, selbst in acht genommen.

Endlich habe ich das liebe Kind vergessen müssen, wie die Bestimmung von Gott ist: »Ich bin vergessen worden wie ein Toter von dem Herzen.« Wie aus folgender Geschichte zu sehen ist, wie großen, frommen Leuten geschehen ist, also ist es nur billig, daß man sich in allem gedulden soll und in all seinem Leid mäßigen. Wenn, Gott behüte, einem Menschenkind ein Gram zukommt, es sei an [120] Kindern, es sei an seinem Körper oder am Geld, und wenn sich derselbe Mensch schon dünkt sehr fromm zu sein und er wollte denken: »Ei, lieber Gott, warum schickst du mir so Jämmerliches zu? Ich weiß ja nicht, woran ich solches versündigt habe«, das soll der Mensch nicht tun. Wie denn? Jede Not – sie soll nicht kommen – soll der Mensch als mit Liebe empfangen und die Gerechtigkeit des Gerichtes anerkennen und sagen: »Gelobt sei der wahre Richter.«

Alles, was der große Gott tut, tut er alles mit Gerechtigkeit. »Wer kann sagen, was tust du?« Man muß doch wissen, daß alles, was Gott – gelobt sei er – den Menschen tut, geschieht ihm als zum Guten. Wer weiß, ob es nicht oft für den Menschen besser ist, Wehtag und Schmerzen, Verlust an Kindern, Freunden, Geld – Gott bewahre – und dergleichen mehr, als wenn es dem Menschen ganz wohl ergeht. Gott – er sei gelobt – ist ein Erbarmer, wer könnte sonst vor dem jüngsten Gericht bestehen?

Nun, was soll ich mich dabei aufhalten? Wie zum öfteren erwähnt und unsere Weisen – das Andenken der Gerechten gesegnet – beschrieben, wie Reb Jochanan – er ruhe in Frieden – ein großer Tanait gewesen, und es sind ihm bei seinen Lebzeiten neun Söhne gestorben und er behielt auf sein Alter nur einen kleinen Sohn von drei Jahren. Nun geschah es einmal, daß seine Leute ihr Gezeug wuschen, und sie stellten einen Kessel mit Wasser über das Feuer, daraus zu waschen. Und er siedet und strudelt über und drüber, und es war eine Bank bei dem Kessel, darauf man die Wäsche legen wollte. Und sie setzten das Kind auf die Bank und hatten kein Gedenken mehr an ihn. Und das Kind stund auf und wollte in den Kessel sehen, wie das die Art von Kindern ist. Aber die Bank stund nicht fest, so schnappte sie mit dem Kind auf und das Kind fiel in den siedigen Kessel mit Wasser. Und das Kind schrie ein bitter jämmerlich Geschrei, und so erschraken all die Leute und sie liefen alle zugleich zu dem Kessel. Und der Vater wollte es geschwind herausziehen. Da blieb [121] ihm ein Finger von des Kindes Händchen in seiner Hand, denn es war schon ganz zerkocht. Und er schlug seinen Kopf wider die Wand und er lief in das Lehrhaus und er schrie zu seinen Schülern: »Trauert ob meines leidigen Sterns, das ist nun das Beinchen von meinem zehnten Kind, das ich aufgebraucht habe zum Opfer vor Gott.«

Und von damals an hing er sich das Beinchen an seinen Hals zum Gedächtnis. Und wenn ein fremder Schriftgelehrter zu ihm kam, so wies er ihm das Beinchen vor mit ruhigem Gemüte, als wenn er ihm sein Kind weisen wollte. Nun, meine lieben Kinder, wenn das dem frommen, braven Reb Jochanan – er ruhe in Frieden – geschehen ist, was soll einem anderen erst geschehen. Denn der Rabbi Jochanan ist ein großer Schriftgelehrter gewesen. Er hat gelernt Thora, Mischna und Talmud; er hat auch Kabbala und das Wesen der Schöpfung verstanden. Er konnte die Engel beschwören und die bösen Geister. Er war ein großer Kabbalist. Er verstand die Sterne am Himmel zu deuten und verstand auch, was die Blätter der Bäume erzählen – und doch kam ihm solcher Kummer zu. Und er nimmt es an für gut und er blieb ein frommer Mann bis an sein Ende.

Also, meine herzigen Kinder, ich weiß es wohl, daß manche bedrückt sind mit Geld verlieren, auch Kinder verlieren, aber was hilft all unser Gram und Jammer? Wenn es noch was helfen sollte. Aber es ist alles umsonst. Wir kränken unseren Körper und tun unserer Seele auch zu kurz; indem wir uns so grämen, schwächen wir unseren Körper und können mit einem traurigen Körper dem Höchsten nicht recht dienen. Denn der heilige göttliche Geist ruht auf keinem traurigen Körper. Als vor Zeiten die Propheten wollten, daß der göttliche Geist auf ihnen ruhen sollte, haben sie allerhand Musikinstrumente genommen und haben vor sich her spielen lassen, damit der Körper soll lustig sein, wie in unseren Büchern ein Mehreres davon steht.

Ich, eure Mutter, habe bei Lebzeiten mit meinem Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – ein Kind von ungefähr drei Jahren verloren, welches seinesgleichen nicht [122] gehabt hat, wie ich schon geschrieben habe. Ich bin nicht so verständig gewesen, daß ich an den frommen König David gedacht hätte, wie er seinen ersten Sohn von der Bathseba krank gehabt hat. Während der Krankheit hat er seinen Kummer heftig gezeigt mit Fasten, Almosen und Gebet, aber Gott – er sei gelobt – hat das Kind zu sich genommen. Wie das Kind tot gewesen ist, sind des Königs Knechte still gewesen und haben es geheimgehalten, denn sie sagten, der König hat so heftigen Kummer gezeigt, als das Kind krank war und noch Hoffnung war, daß es am Leben bleiben möchte, was wird der König jetzunder tun, wenn er gewahr wird, daß das Kind tot ist und keine Hoffnung weiter, daß es am Leben bleibt? Also hat keiner etwas sagen wollen. Aber der fromme König David hat an ihrem Stillschweigen verstanden, daß das Kind tot ist. Also fragt er seine Knechte, ob das Kind tot ist. So hat ihm keiner geantwortet, also hat er wohl verstanden, daß sein lieb Kind tot ist.

Also ist er aufgestanden aus seiner Asche und ließ sich Wasser reichen und hat seinen Knechten befohlen, sie sollen ihm Essen und Trinken geben, und er hat auch gegessen und getrunken. Also hat solches seine Knechte gar sehr verwundert. Endlich hat sich einer das Herz genommen und hat gesagt: »Mein Herr König, da das Kind noch gelebt hat, hast du so heftigen Kummer gezeigt, nichts gegessen und nichts getrunken und bist Tag und Nacht in der Asche gesessen. Aber sobald du gehört hast, daß dein Sohn gestorben ist, hast du die Gerechtigkeit des Gerichtes anerkannt, wie es auch recht ist, und gesagt: ,Gelobt sei der wahre Richter. Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, der Name Gottes sei gelobt von nun an bis in Ewigkeit.' Und bist bald aufgestanden und hast dir lassen Essen und Trinken geben, als wenn das Kind noch lebte.«

So sagt der König zu ihnen: »Ich will euch, meine getreuen Diener, sagen, da das Kind noch krank gelegen ist und die Seele noch in sich gehabt hat, habe ich alles getan: geheult und geschrieen, Buße, Gebet und Almosen [123] getan, und gedacht, vielleicht wird sich Gott erbarmen und seine Genesung schicken. Aber nun das alles nichts hat helfen wollen und Gott – er sei gelobt – sein Pfand wieder zu sich genommen hat, was hilft da all das Schreien und Weinen? Mein Sohn kommt nun nicht wieder zu uns, wir müssen zu ihm.«

Also seht, wie der fromme David – er ruhe in Frieden – sich benommen hat. Davon sollen wir lernen und alles dem lieben Gott anheimstellen.

Also haben wir leider eine große Sünde getan, daß ich, so lange ich meinen Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – noch gehabt habe, ich nach unserer unvernünftigen Einbildung an allerhand hab Anstoß gehabt, so daß ich Sündigerin, ich verzweifelte böse Natur hab gemeint, wenn wir an Geld oder sonst Schaden und Verlust gehabt haben, habe ich gemeint, gar danieder gelegen zu sein und doch hat uns der große Gott allezeit also gnädiglich und barmherziglich wieder geholfen mit Reb Moses Helmstädt, welches ich in meinem vierten Buch will anfangen und also mein drittes Buch hiermit beschließe. Der große lebendige Gott wolle sich doch einmal über uns erbarmen und uns aus der Verbannung erlösen, damit wir Gott – er sei gelobt – recht dienen können, wie es sich gehört. Und daß alle Völker erkennen und wissen, daß wir dein geliebtes Volk sind, und du, großer Gott, du bist ja unser Vater. So erbarme dich auch, als wie ein Vater sich über ein Kind erbarmt. Und du bist auch unser Herr und wir sind deine Knechte und Mägde, also wollen wir nicht aufhören, zu unserem gnädigen Gott zu beten, bis er sich über seine Knechte erbarmt. Und ich, dem großen Gott seine Dienstmagd, bitte als wie eine Magd ihre Wirtin, denn unsere Augen und unser Herz hängen nur an dir.

Ende von meinem dritten Buch und wollen mit Gottes Hilfe anfangen unser viertes Buch.

  1. Juda Berlin = Jost Lipmann.
  2. Isachar Katz = Isachar Bär Cohen.
  3. Gebärstuhl.
  4. Stute = Weißbrot, eine Art Backwerk in Gestalt eines geschobenen Viereckes. (Vergl. Heyse, Wörterbuch.)
  5. Breihahn = Bräuhahn, eine Art Weißbier.
  6. Jost Liebmann.
  7. Malke; nicht zu verwechseln mit Jost Liebmanns zweiter Frau, der sogenannten »Liebmännin«.
  8. Schottland, Vorstadt von Danzig.
  9. Bei Kaufmann nicht identifiziert.
« Zweites Buch Die Memoiren der Glückel von Hameln Viertes Buch »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).