Die Memoiren der Glückel von Hameln/Sechstes Buch

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Sechstes Buch.

Hiermit will ich mein sechstes Buch anfangen, in welchem ich vermeint habe, all meine Vergnüglichkeit zu finden und mich in solchen Stand zu setzen, den ich zwar ganze zehn[1] Jahre gemieden habe, obwohl mir doch viele Partien vorgeschlagen worden sind, wirklich die vornehmsten in ganz Deutschland.

Aber so lang ich gekonnt habe und mir deuchte, daß ich mit dem Meinigen, was mir mein Mann – das Andenken des Gerechten gesegnet – gelassen, mich ernähren kann, ist mir nicht in den Sinn gekommen mich zu verändern. Aber ob der Höchste meine vielfältigen Sünden gesehen hat, daß er mir nicht in den Sinn gegeben, einen Mann zu nehmen, als mir Partien vorgeschlagen gewesen sind, durch die ich mit meinen Kindern hätte glückselig sein können, und mich auf meine betrübte Arbeit im seligen Alter hätte können in geruhigen Stand setzen – so ist alles dem großen gütigen Gott nicht gefällig gewesen. Sicher hat er mich kraft meiner Sünden zu dieser folgenden Partie resolvieren gemacht, wie in folgendem ein mehreres folgen wird.

Und bei dem allem dank und lob ich doch meinen Schöpfer, der mir mehr Gnade und Barmherzigkeit in meiner hohen Strafe bewiesen hat, mehr als ich unwürdige Sünderin würdig und wert bin. Und der große Gott, der mir die Gnade und Barmherzigkeit gibt und mich bei all meinen Nöten zur Geduld führt, den lob und dank ich ewiglich, [258] obschon ich solches nicht tun kann mit vielem großen Fasten oder sonst großen Bußen, wie ich wohl schuldig wäre und tun sollte. Aber die großen Sorgen, und im fremden Land, und auch sonst haben es mich nicht tun lassen, wenn ich auch wohl weiß, daß solche Entschuldigungen vor Gott – er sei gelobt – wenig helfen werden.

Und darum habe ich dies mit zitternder Hand geschrieben, und mit bitteren heißen Tränen, denn es steht: Gott – er sei gelobt – zu dienen »mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen.«

Also gehört es sich, daß der sündige Mensch seinen Körper und sein Geld nicht achte, um Gott – er sei gepriesen – damit zu dienen und alle Entschuldigungen sind eitel Unwahrheit. Ich bitte Gott den Allmächtigen, mir die Gnade zu erweisen, daß er mich kräftigt und mir die Kraft gibt und mir keinen anderen Gedanken gibt, als Gott – er sei gelobt – zu dienen, daß ich nicht mit meinen beschmutzten, beschmierten Kleidern vor Gott – er sei gelobt – komme. Wie es heißt: »Einen Tag vor deinem Tode kehre zurück.« Nun wissen wir ja nicht, wann der Tag kommt, daß wir sterben sollen. Also weil der Mensch das ja nicht weiß, so ist er schuldig, alle Tage Buße zu tun. Solches hätt ich auch tun und betrachten sollen, denn ich hätte solches gar wohl tun können. Wenn ich auch eine lumpige Ausrede vor mir habe, daß ich erst meinen Waisen im allgemeinen wollte zurechthelfen, und danach ins heilige Land ziehen wollte, so hätte ich selbes gar wohl tun können, besonders da mein Sohn Reb Moses ein Bräutigam gewesen ist. Danach hätte ich nicht mehr zu versorgen gehabt, als meine kleine verwaiste Tochter, Jungfer Mirjam. Also hätte ich Sündigerin keinen Mann nehmen sollen, sondern meiner Tochter Mirjam sollen erst einen Mann geben. Danach hätte ich tun sollen, wie es für eine reine, fromme jüdische Frau gehört. Ich hätte alle Nichtigkeiten dieser Welt verlassen sollen und mich mit dem bisselchen, was ich noch übrig gehabt habe, nach dem heiligen Land begeben sollen. Denn dort hätte ich als eine [259] reine jüdische Tochter leben können und es wären mir die Nöten und Sorgen von meinen Kindern oder Freunden und alle Eitelkeiten der Welt nicht beschwerlich gewesen. Dort hätte ich Gott – er sei gelobt – mit meiner ganzen Seele und mit meinem ganzen Vermögen dienen können. Aber, wie schon erwähnt, meine Sünden haben das verursacht, daß mich Gott – er sei gelobt – zu anderen Gedanken geführt hat und mich dessen nicht gewürdigt hat. Nun wollen wir wieder anfangen, wo wir gehalten haben.

Inzwischen hat es ein ganzes Jahr gewährt, ehe ich auf die Hochzeit von meinem Sohn Reb Moses habe kommen können. Zwischendessen sind mir allerhand Widerwärtigkeiten und Sorgen zum Teil von meinen Kindern zugestoßen, welches mich schon vorher und allezeit viel Geld gekostet hat, welches aber nicht nötig ist, daß ich es schreibe. Sie sind alle meine lieben Kinder und es sei ihnen verziehen, sowohl denen, die mich viel Geld gekostet haben, als denjenigen, die mich nichts gekostet haben, daß ich also in meinen ganzen Vermögensverhältnissen herabgekommen bin. Zudem habe ich großen Handel geführt, denn ich habe noch großen Kredit bei Juden und Nichtjuden gehabt, und dadurch haben sie mir großen Kummer angetan.

Im Sommer in der Hitze und im Winter bei Regen und Schnee bin ich auf Messen gefahren, ganze Tage bin ich auf den Messen auch in der Winterszeit in meinem Gewölbe gestanden, und weil ich gar wenig von dem Meinigen übrig behalten habe, hab ich es mir gar sauer werden lassen und habe nur immer getrachtet, mich in Ehren fortzubringen, daß ich, Gott behüte, nicht meinen Kindern zu Teil werde und, Gott behüte, nicht erleben sollte, dazustehen und auf den Tisch meines Nächsten zu schauen. Obschon es meine Kinder gewesen wären, so wäre es mir, Gott behüte, weher als bei Fremden gewesen; denn Kinder hätten sich vielleicht durch mich versündigt, welches mir Tag für Tag ärger als der Tod gewesen wäre.

Und nach all dem hab ich die große Mühe und auch das Laufen durch die Stadt nicht mehr aushalten können, [260] wenn ich auch das alles nicht geachtet habe, so lange ich in großem Handel gestanden bin und Kredit gehabt habe, wie schon erwähnt. Falls mir aber, Gott behüte, einmal etliche Pack Waren oder sonst viel Schulden sollten verloren werden, so wäre ich, Gott behüte, ganz fallit und müßte, Gott behüte, meine Kreditoren auch benachteiligen, welches mir und meinen Kindern und meinem frommen Mann unter der Erde eine Schande wäre.

Damals hab ich angefangen Reue zu haben auf all die guten Heiraten, die ich hab fahren lassen, da ich hätte in Reichtum und Ehre mein Alter verbringen können; und vielleicht hätte ich meinen Kindern dadurch auch wohltun können. Aber alle Reue hilft nichts, sie ist zu spät gewesen. Gott hat es nicht haben wollen, und hat mir anderes zu meinem Unstern eingegeben, wie folgen wird.

Solches ist geschehen im Jahre 1699. Wie schon erwähnt, wollte ich meinem Sohn Reb Moses Hochzeit machen, es ist aber nicht dazu gekommen, wie schon erwähnt. Inzwischen bekomme ich einen Brief von meinem Schwiegersohn Moses, er lebe, aus Metz, welcher geschrieben war am 15. Siwan 1699, und darin war erwähnt, daß Reb Hirz Levi Witwer geworden, und was für ein rechtschaffener Jude, Schriftgelehrter und reicher Mann er sei und was er für eine Haushaltung führt. Kurz, er rühmt den Mann gar sehr, wie es auch allem Anschein nach die Wahrheit war. »Der Mensch sieht in die Augen, Gott sieht in das Herz.«

Dieser Brief ist mir gerade in meine Hand gekommen, wie ich über meine Sorgen nachgedacht habe, und daß insbesondere ich eine Frau von 54 Jahren war, und daß ich meine Kinder und meine Sorge all meine Tage ausgestanden habe. Falls das so wäre, könnte ich noch mein Alter in so einer heiligen Gemeinde, wie Metz damals den Namen gehabt, in Ruhe zubringen und meiner Seele wohltun. Ich habe mich auf meine Kinder verlassen, wenn es nichts für mich wäre, sollten sie mir nicht zuraten. Also hab ich meinem Schwiegersohn Antwort geschrieben: Ich bin zehn[2] Jahre [261] Witwe gewesen und habe niemals im Sinn gehabt, wieder einen Mann zu nehmen, wiewohl es verbreitet und bekannt war, daß ich die größten und vornehmsten Heiraten in ganz Deutschland hätte bekommen können. Ich habe mich aber niemals dazu resolvieren wollen. Nichtsdestoweniger, weil er mir so sehr zuratet, und wenn mir meine Tochter Esther auch dazu ratet, bin ich resolviert dazu. Also hat mir meine Tochter Esther, sie lebe, auch geschrieben, so viel sie nebbich gewußt und vor sich gesehen hat. Wegen der Summe der Mitgift haben wir nicht viel Verhandlungen gehabt. Ich habe meinem Mann wirklich alles gegeben, was ich gehabt habe. Denn mein Mann hat mir verschrieben, daß, wenn ich erst sterbe, dann kriegen meine Erben mein Geld wieder, und wenn mein Mann erst stirbt, krieg ich fünfhundert Reichstaler mehr als meine Mitgift ist. Ich habe ihm fünfzehnhundert Reichstaler gegeben.

Meine Tochter Mirjam ist ein Kind von elf Jahren gewesen. Da hat mein Mann sich verschrieben, bis zu ihrer Hochzeit sie umsonst bei sich zu behalten. Und wenn ich noch mehr Geld gehabt hätte, hätte ich es ihm auch gegeben, denn ich hab mir gedacht, ich könnte mein Geld an keinem Ort versicherter und besser haben, als bei dem Mann. Zudem tu ich meiner Tochter Mirjam, der Waise, wohl, denn sie braucht nichts zu verzehren und ihr Geld geht auf Zinsen. Denn der Mann hat einen großen Ruf im Geschäft, wer weiß, was ich meinen Kindern in dem Geschäft bringen kann.

Aber »viele Gedanken sind im Herzen des Menschen» u. s. w. »Der im Himmel sitzt, lacht!« Gott – sein Name sei gelobt – hat leider über all meine Gedanken und Anschläge gelacht und bei dem Höchsten war meine Not und mein Verderben schon längstens beschlossen, um mich für meine Sünden ein wenig zu bestrafen, dafür, daß ich mich auf Menschen verlassen habe. Denn ich hätte es mir nicht in den Sinn kommen lassen sollen, wieder einen anderen Mann zu nehmen. Denn ich hätte doch keinen Reb Chajim Hameln wieder bekommen können, und hätte bei meinen [262] Kindern sitzen bleiben sollen und mit Gut und Bös vorlieb nehmen, wie es Gott – sein Name sei gelobt – hat haben wollen; und hätte meine Waise Mirjam verheiraten sollen und mich dann – wie es schon erwähnt – in das heilige Land begeben.

Nun, das sind alles Dinge, die vorbei sind, und was geschehen ist, ist nicht zu ändern. Ich habe mir nun nichts mehr von Gott – er sei gelobt – zu erbitten. Ich will nur noch von meinen Kindern – sie sollen leben – alles Gute hören und sehen. Was mich anbelangt, so nehme ich alles mit Liebe an von Gott, gelobt sei er und gelobt sein großer Name. Nur wolle mir der große gerechte Gott die Geduld geben, wie er mir bis allher getan hat. Er lasse alles eine Sühne für meine Sünden sein, denn ich nehme gar oft von dem Arzt seinen Trank ein, wie es im ersten Buch steht.

Nun ist die Verlobung geschlossen worden, aber in großem Geheimnis. Ich habe es nicht bekanntmachen wollen, denn es wäre mir große Gefahr darauf gestanden, wegen Abzugsgeld an den Rat. Es hätte mich einige Hunderte gekostet, denn ich bin in Hamburg sehr bekannt gewesen. Alle Kaufleute, die mit mir gehandelt haben, haben nicht anders gemeint, als ich hätte viele Tausende Eigenes.

Zwischendessen hab ich gesehen, meine Waren und andere Sachen zu Geld zu machen und zu bezahlen, wem ich etwas schuldig war, so daß ich Gott sei Lob und Dank, wie ich aus Hamburg gezogen bin, keinem Menschen, Juden wie Nichtjuden, einen Reichstaler schuldig gewesen bin, wofür ich Gott lobe und danke, daß er mir so große Gnade erwiesen hat. Meine Kinder – sie sollen leben – und auch meine Geschwister und Freunde haben von der Heirat gewußt, bevor sie geschehen war. Ich hatte mich mit ihnen beraten, und obzwar sie mir alle dazu geraten haben, so ist solches doch gar unglücklich ausgeschlagen, wie weiter folgen wird, »denn was ich gefürchtet, ist eingetroffen«.

Als ich die Heirat tun sollte, hab ich Angst gehabt, wenn ich noch länger so sitzen werde, komme ich vollends [263] um das Meinige, und ich käme, Gott behüte, in die Schande, daß ich anderen Leuten – Juden oder Nichtjuden – zu kurz tun müßte, oder ich müßte in die Hände meiner Kinder fallen!

Aber das alles hat mir nicht geholfen, ich habe leider müssen in eines Mannes Hand fallen, daß ich gerade dieselbige Schande erlebt, vor der ich Sorge gehabt hatte! Obschon ich nichts dazu kann, so ist es doch mein Mann, mit dem ich dachte, in Wohlstand und Ehre zu leben.

Zudem befinde ich mich jetzt in einem solchen Zustand, daß ich nicht weiß, ob ich in meinem hohen Alter werde ein Nachtlager oder ein Stückchen Brot zu essen haben, und wovor ich mich gesorgt habe, daß ich meinen Kindern, Gott behüte, nicht sollte zu Teil werden, könnte mir jetzt zukommen. Ich habe gemeint, wenn ich einen Mann nehme, so einen tüchtigen Menschen und großen Geschäftsmann, meinen Kindern damit zu helfen und daß sie durch ihn in große Geschäfte kommen sollten.

Leider ist es gerade konträr geschehen. Denn mein Sohn Nathan ist um etliche Hundert gekommen, die ihm mein Mann noch schuldig ist und er ist halb durch die Hand von meinem Mann ruiniert worden. Seine Wechsel wären alle protestiert worden, wenn Gott – er sei gelobt – ihn nicht sichtbarlich bewahrt und ihm nicht geholfen hätte. Meiner Tochter Mirjam, der Waise, habe ich gemeint ganz wohl zu tun, daß sie nebbich von ihrem Geld zurücklegen kann, und ich hab sie gerade mit mir in das äußerste Verderben gesetzt, welches Gott – er sei gelobt und sein Name sei gelobt – gnädiglich abgewendet hat, wie weiter folgen wird.

Also, meine herzlieben Kinder, ist zu sehen, daß ich alles wohl überlegt und betrachtet habe und gemeint habe, daß alles wohlgetan sei, was zum ärgsten ausgeschlagen ist. Also kann ich mir leider nichts anderes denken, als daß an allem meine bitteren Sünden schuld sind. Drum, meine herzlieben, getreuen Kinder, was soll ich viel sagen oder schreiben? »Es gibt nichts Neues unter der Sonne.« Ich [264] bin es nicht allein, der es so ergangen ist, sondern noch vielen anderen mehr, die frommer und besser gewesen sind als ich, so daß ich nicht würdig und wert bin, in ihren Fußstapfen zu gehn, wie ihr in der folgenden Geschichte lesen werdet, welches eine Geschichte ist, die gewiß wahr und gewiß geschehen ist. So wahr soll es mir auch ausgehen, wie es dem frommen König ausgegangen ist. Und wenn ihr klug sein und es betrachten wollt, müßt ihr selbst gestehen, daß die Geschichte wahr ist. Dieweil die Welt gern etwas Neues hat, habe ich diese Geschichte aus dem Hebräischen auf deutsch ausgeschrieben, um zu zeigen, daß fromme, vornehme Leute auch ausstehen müssen, und daß Gott – er sei gelobt – ihnen auch hilft. Er möge uns und ganz Israel auch helfen und »erfreue uns so lange Zeit, als du uns plagtest«. Amen und Amen.

Eine Geschichte von einem König, der in den arabischen Ländern gewohnt hat: Es war ein mächtiger König, der hat Jedidjah geheißen. Derselbige König hat so viele Weiber gehabt, wie das damals die Manier in den orientalischen Ländern gewesen ist. Er hat mit seinen Weibern auch viele Kinder gehabt, die der König alle sehr geliebt hat, und sie als königliche Prinzen und Prinzessinnen hat erziehen lassen. Unter den Kindern hat er einen Sohn gehabt, welcher der schönste unter den Königskindern gewesen ist, und welchen der König auch mehr als alle seine Kinder geliebt hat. Deswegen hat er ihm viel Mutwillen und Nichtswürdigkeit nachgesehen. Daher ist viel Böses gekommen, wie ihr weiter vernehmen werdet. Der Sohn hat Abadon geheißen. Dieser Abadon hat eine Schwester gehabt, die auch überaus schön war. Man hat sie die schöne Danila geheißen. Dann hat der König noch einen Sohn gehabt, der hat Emunis geheißen. Derselbe Emunis hat sich in die schöne Danila verliebt, aber er konnte sich ihrer nicht bemächtigen und durfte sich auch niemand anvertrauen, denn er hat sich vor des Königs Zorn gefürchtet. Wiewohl der König den Emunis auch sehr lieb gehabt und ihn in hohen Würden gehalten, hat Emunis dennoch [265] nichts sagen dürfen. Also ist einige Zeit hinweggegangen, daß sich der Emunis mit seiner Liebe so gequält hat, daß er ganz vermagert und abgezehrt war, was einer seiner Freunde und Gesellen an ihm bemerkte und er Emunis solchergestalt angesprochen hat: »Mein Herr und lieber Freund, ich merke nun eine geraume Zeit an ihm, daß ihm seine Freudigkeit und alle Geselligkeit bei Leuten vergangen ist. Er sucht alle abgelegenen Orte auf, sein Leib ist ihm ganz vermagert, seine Gestalt ganz verändert, was mag doch dem königlichen Prinzen Emunis fehlen? Er hat doch Reichtum und Ehre zur Genüge. Ich bitte meinen Freund, sagt mir, was er auf dem Herzen hat, vielleicht wird ihm sein Beschwernis geringer, und ob ich ihm helfen könnte.«

Also antwortet Emunis seinem Freund und sagt: »Mein Freund, Ihr habt alles mit Wahrheit und großem Verstand geredet. Aber, was mir fehlt, darin kann mir kein Mensch helfen, als der bittere Tod. Der kann mich von meinem Uebel befreien und ich darf es auch keinem offenbaren. Nur dir, als meinem getreuen Freund, will ich es doch vor meinem Tod offenbaren, wiewohl ich weiß, daß du mir aus meiner großen Not nicht helfen kannst.« Emunis sagte nun: »Hört zu, mein getreuer Freund, was für eine seltsame, unerhörte Krankheit und Bekümmernis mich überfallen hat. Dieses ist mein Uebel und meine Krankheit, daß ich das Gift der Schönheit von der schönen Danila in mich gesogen habe. Dieses ist mein Uebel und meine Krankheit. Ich habe alles getan und beabsichtigt, mich von der Krankheit zu kurieren. Aber daß sich Gott erbarme! Je mehr ich meine, mich von der schönen Danila zu entfernen, desto mehr werde ich von ihrer Liebschaft krank gemacht. Nun mein Freund, wenn er mir nicht mit seinem getreuen Rat hilft, so bin ich ganz verlassen.«

Also sagt der Freund: »Nichts anderes als dieses: Wenn er meinem getreuen Rate folgen will, so hoffe ich ihn bald gesund zu machen. Tut also: Legt euch in ein Bett und stellt euch krank, wie euer Gesicht ja beweist, und laßt [266] niemanden bei euch sein als etliche von euren getreuesten Dienern, die von eurer Heimlichkeit Wissenschaft haben. Laßt auch keinen anderen Doktor zu euch kommen, als euren vertrauten Leibdoktor. Derselbe soll aussprengen, daß ihr sehr gefährlich krank wäret. Dann wird ohne Zweifel der König kommen, um euch zu besuchen und euch zu befragen, was eure Krankheit ist. Dann, mein lieber Emunis, sollt ihr euch viel kränker und schwächer stellen als ihr es in euch selbst seid. Ihr sollt dem König mit schwacher Stimme antworten und sagen, daß ihr gar keinen Schlaf habt und keinen Appetit zum Essen. Ihr hättet euch schon an unterschiedlichen Orten Essen kochen lassen, aber es ist euch alles zuwider, ihr könnt nichts genießen. Doch ist euch noch eingefallen, das einzige Mittel, euer Leben zu erhalten, wäre – wenn es dem König wohl gefiele – daß er seiner Tochter Danila gnädigst befehlen möchte, sie möchte in eure Kammer kommen und ein Essen machen, so daß ihr es seht. Vielleicht wird Gott geben, daß es euch schmecken wird und euer Leben wird damit erhalten. Ich weiß gewiß, der König wird ihm solches nicht versagen und ihm die schöne Danila schicken. Wenn sie nun in eure Kammer kommt, sagt, daß alle hinausgehn, ihr wollet sehen, wenn ihr euch allein befindet, ob euch die Speisen besser schmecken. Alsdann, mein Freund Emunis, werdet ihr schon sehen, in Gutem oder Gewalt zu eurem Vergnügen zu kommen. Was dann geschehen, wird nicht zu ändern sein und eure Mutter, welche des Königs Herz in ihren Händen hat, wird schon des Königs Zorn zu stillen wissen.«

»Mein lieber Freund,« sagt Emunis, »er hat mir einen so guten Rat gegeben, ich befinde mich schon kräftiger; und sein getreuer Rat muß ausgeführt werden und sollt ich darüber sterben.«

Also ist Emunis in seine Kammer gegangen und hat sich zu Bett gelegt, als wenn er sehr krank wäre und hat seinen getreuen Leibdoktor bei sich gehabt. Derselbe hat seine Krankheit kundbar gemacht, daß sie vor den König [267] gekommen ist, welcher denn nicht lange gesäumt und zu dem Emunis gegangen ist, um ihn in seiner Krankheit zu besuchen. Er hat freundlich mit ihm geredet und ihn nach dem Umstand seiner Krankheit gefragt. Worauf ihm Emunis mit schwacher Stimme geantwortet, wie ihm sein Freund geraten hat und wie ihr schon gelesen habt.

Allsobald sagt der König zu Emunis: »Getrost, mein lieber Sohn, es soll ihm in meinem ganzen Königreich nichts verweigert werden. Allsobald will ich seine Schwester zu ihm schicken, und wünsche, daß ihm ihr Gekochtes soll wohl anschlagen und schmecken, so daß er zu seiner Gesundheit und vorigen Kraft wieder kommen soll.«

Also nahm der König einen freundlichen Abschied von Emunis und schickt allsofort nach seiner Tochter, daß sie allsobald zu ihrem Bruder gehen sollte, ihm gute Speisen zu machen, vielleicht, daß er von ihr etwas essen möchte.

Die schöne Danila war willig, ihrem Vater gehorsamst zu folgen, und ging in das Haus von ihrem Bruder Emunis. Sie forderte von dem Gesinde, was nötig war, um eine gute Speise zu kochen. Wie nun Emunis merket, daß die Speisen bald fertig waren, hieß er jedermann aus seiner Kammer gehn. Als sich nun Emunis mit seiner Schwester allein befand, sagte er: »Meine liebe Schwester, bring mir die Speisen her auf mein Bett, daß ich sie aus deiner Hand essen kann, vielleicht werden sie mir besser schmecken.«

Als ihm nun die schöne Danila die Speisen brachte, greift er nach ihr und sagt zu ihr: »Meine liebe Schwester, du mußt bei mir liegen, oder ich muß sterben.« Worüber die Danila sehr erschrak und sprach: »Mein lieber Bruder, tut solche unerhörte Schalkheit nicht! Bittet den König um meinetwegen, ich weiß gewiß, daß er mich dir nicht versagen wird.« Aber all das Reden und Bitten wollten der Danila nicht helfen. Der Emunis zog sie zu sich und lag mit Gewalt bei ihr. [268] Nachdem nun Emunis seinen bösen Willen vollbracht hatte, so wie er sie zuvor so lieb gehabt, so feind war er ihr nun. Er stieß sie von sich und hieß sie fortgehen. Die Danila weinte bitterlich: »Ist es nicht genug, daß er mich zuschanden gemacht, nun will er mich auch noch von sich stoßen.« Aber all ihr Heulen und Schreien hat den Emunis nicht bewegt. Er ruft seine Knechte herein, die Danila aus seinem Hause zu stoßen. Also ist die Danila mit Schreien und Weinen aus des Emunis Haus gegangen. Wie sie nun herausgeht, begegnet ihr ihr Bruder Abadon und sieht, daß sie so schreit und ihre königlichen Kleider zerrissen hat. So sagt ihr Bruder Abadon: »Meine Schwester, es ist dir in deines Bruders Haus gewiß ein Leid geschehen. Schweig still, und geh in mein Haus, bis ich mich an deinem Bruder gerächt haben werde.«

Also hat die Danila, nachdem sie ihrem Bruder Abadon alles erzählt hat, mit Schimpf müssen hinweggehen. Obschon der König die Sache erfahren hat und sehr ergrimmt darob gewesen ist, so hat doch die Königin, die Mutter des Emunis, es so weit gebracht, daß der König wegen der großen Liebschaft, die er zu ihr gehabt, dem Emunis alles verziehen hat. Aber des Königs Sohn, der Abadon, hat die Sache in seinem Herzen getragen. Nun, es ist eine Zeitlang danach gewesen, als der Abadon eine große Jagd veranstaltet hat und alle königlichen Prinzen wie auch sein Bruder Emunis waren dazu geladen. Als nun zu Abend die Jagd aus gewesen, hat er eine köstliche Mahlzeit gemacht. Wie sie noch am besten gesessen sind und gegessen und getrunken haben, hat der Abadon seinen Knechten gewunken, die auf den Emunis gesprungen sind und ihn ums Leben gebracht haben. Da sind alle königlichen Prinzen erschrocken und alle haben sich zu Pferd gesetzt.

Einer ist zum König gekommen, der hat gesagt, daß Abadon alle Kinder des Königs erschlagen hätte. Darüber ist der König sehr erschrocken und hat großen Jammer getrieben. Aber es ist der böse Ratgeber dabei gewesen, des Emunis Freund, welcher zum König sagte: »Mein Herr [269] König, erschreckt doch nicht so sehr, es werden nicht alle Kinder des Königs umgekommen sein. Ich glaube, es wird keiner mehr umgekommen sein als Emunis. Denn euer Sohn Abadon wird sich wegen seiner Schwester Danila gerächt haben.«

Wie sie reden, kommen des Königs Kinder alle geritten. Aber des Königs Zorn ist über den Abadon sehr ergrimmt gewesen, und er hat ihm befehlen lassen, er sollte sich nimmermehr vor des Königs Augen sehen lassen. Aber der Abadon hat das nicht vertragen können, daß er also als ein Verbannter leben sollte und hat nach des Königs Leben getrachtet, damit er das Königreich bekäme. Denn der König hatte seinen anderen Sohn als König erklärt.

Nachdem also hat Abadon je länger je mehr alles Volk an sich gezogen mit guten Worten, und hat also eine große Rebellerei gegen seinen Vater, den König, angestellt. Es waren nur gar wenig alte Getreue, die noch beim König geblieben waren. Aber Abadon ist zu seinem Vater gezogen und hat die Stadt eingenommen und hat großen Mutwillen mit des Königs Weibern getrieben. Aber der König und seine getreuen Diener hatten sich beizeiten aus der Stadt gemacht, um ihre Leiber zu beschirmen. Etliche Diener, die vormals bei dem König gewesen sind, und nun zu dem Abadon abgefallen waren, haben dem König Steine nachgeworfen und ihn gescholten und ihm geflucht. Also haben des Königs getreue Diener zu dem König gesagt, ob man denn zusehen sollte, wie die toten Hunde, wenn man den König so schändet und lästert. »Wir wollen über sie herfallen, und wenn wir auch sollten in Stücke zerrissen werden.«

Aber der fromme König hat es nicht leiden wollen und hat zu seinen getreuen Dienern gesagt: »Dieweil mir das mein Sohn tut, welcher von meinem Leib geboren ist, und mir nach meinem Leben stellt, warum sollen es denn nicht andere tun? Es ist alles um meiner Sünden wegen.«

Also ist endlich der Streit sehr schwer auf dem König gewesen, so daß er sich mit seinen Mannen hat [270] müssen in die Wälder retirieren. Doch hat sich der König in eine feste Stadt begeben und hat alle seine getreuen Kriegsleute angeredet, seinem Sohn Abadon getrost und ritterlich entgegenzugehn. »Denn kommt Abadon zu uns in die Stadt, so sind wir alle verloren.«

Des Königs Rat haben alle seine Kriegsleute gut angenommen und der König hat sich gerüstet und wollte mit seinem Volk gehn, vorn an der Spitze.

Aber des Königs getreue oberste Generalspersonen haben solches dem König widersprochen und es nicht leiden wollen. Denn sie haben gesagt, der König sieht ja wohl, daß der ganze Streit vonwegen des Königs ist. Denn wenn der Abadon den König erschlagen hätte, verlangt er Keinen mehr, dann bekäme er das Königreich. Aber der König soll in dieser Stadt bleiben und in seinem Stand und soll Gott bitten, daß er uns unsere Feinde in unsere Hände gibt. Also sagt der König: »Nun, ziehet hin in Frieden, Gott soll mit euch sein.« Also zogen alle ihre Scharen und ihre Obersten von dem König aus der Stadt und der König befahl den Obersten und allen Befehlshabern und bat sie gar sehr, den Abadon zu verschonen. Also sind des Königs Kriegsleute gegen Abadon gezogen mit freudigem Mut und haben sich auf Gott und ihre gerechte Sache verlassen. Obschon sie nur halb so stark waren, wie der Abadon mit seinem Kriegsheer, so schickte doch Gott eine große Verwirrung in die Schar des Abadon, daß sie alle von des Königs Kriegsleuten geschlagen und verjagt wurden. Es fiel eine große Furcht auf sie, denn die Furcht Gottes und seine Rache hatten den Abadon und seine Scharen verwirrt. Abadon selbst ist auch durch eine Wüstenei geflohen, um seinen Leib zu beschirmen, aber er wurde von des Königs Kriegsleuten mit Spießen erstochen. Also ist der Streit gestillt worden, aber niemand hat dem König sagen wollen, daß sein Sohn Abadon getötet worden ist.

Und der König hat gefragt: »Lebt Abadon auch noch?« Aber keiner hat dem König antworten wollen, und sie haben sich alle von dem König fortgeschlichen, als wenn [271] sie den Streit verloren hätten. Das haben des Königs getreue Obersten gesehen und sind zu dem König gekommen. »Was tut der König da? Verläßt er all seine Leute, die ihre Leiber für den König und sein ganzes Geschlecht so ritterlich gewagt?« Nun sehen wir wohl, wenn nur der Abadon lebte, und wir alle ermordet wären, so wäre dem König nichts daran gelegen. Wir schwören ihm, wird er sich nicht unter das Tor stellen und mit seinem Volk gütlich reden, daß sie ihn wieder in sein Reich führen, so wird ihm viel weher geschehen, als ihm sein Lebtag geschehen ist.«

Also hat der König seinen Obersten gefolgt und sich unter die Pforten gestellt und männiglich gütlich zugeredet.

Und all des Königs Freunde und Feinde sind zum König gekommen, und er hat ihnen alles vergeben, was sie wider ihn getan haben, und also haben ihn Freund und Feind mit großem Jubelgeschrei und mit Pauken und Posaunen wieder in sein Königreich geführt, und der fromme König hat in seinem ganzen Land ausrufen lassen: »Alle, die da flüchtig geworden sind und des Königs Ungnade fürchten, sollen alle wiederum kommen und sollen zu Gnaden angenommen werden. Denn der König hat gesagt, es ist ebenso als wenn ich heute zum König gemacht worden wäre. Darum soll jedermann meine Gnade empfangen.«

Also hat der König mit Sicherheit, Friede und Ehre sein Königreich bis an sein Ende glorwürdig regiert und noch bei seinem Leben seinen Sohn Friedlieb an seiner statt zum König gesalbt und gekrönt.

Nun, hieraus ist zu sehen, daß zwar Gottes Strafe langsam kommt, aber sie bleibt doch nicht aus und Gott bezahlt alles.

Der Emunis, weil er solche Schalkheit an seiner Schwester getan, hat müssen durch die Hand seines Bruders Abadon so schändlich in seinem jungen Blut umkommen. Der König, welcher seinem Sohn Abadon viel Frevel, Mutwillen und Böstat hat nachgesehen und ihn aus großer Lieb nicht gestraft hat, hat vor demselben entlaufen müssen [272] und gar viel Schimpf und Schaden und Trübsal müssen ausstehen und wäre nicht sein großes bußfertiges Herz gewesen und daß ihn Gott besonderlich bewahrt hätte, wer weiß, was ihm noch mehr Böses geschehen wäre und wie er elendiglich von demselben wäre ermordet worden. Abadon, der so viel Böses und Mordtaten getan, der seinem frommen Vater, dem König, an Leib und Leben gegangen ist, der seines Vaters Kebsweiber geschändet, hat solch elendiglichen, schändlichen Tod einnehmen müssen. Solches soll sich ein jeder zu Herzen nehmen, denn Gott der gerechte Richter bezahlt alles, wie schon oftmals erwähnt, so daß wir Menschen nicht judiziern können, wen Gott straft oder wem er viel Gutes gibt. Gott schlägt und Gott heilet wieder, sein Name ist allezeit gelobt.

Wieder zu unserem Zweck zu kommen, wo wir gehalten haben, und daß ich gemeint habe, mit meinem Mann mich und meine Kinder in geruhigen Stand zu setzen. Aber konträr, wie schon erwähnt und wie ich weiter erzählen werde.

Unsere Verlobung ist in Metz geschehen im Siwan 1699 durch meinen Schwiegersohn Moses und durch meinen Gevatter Reb Abraham Krumbach und seine Frau. Nun was soll ich von den Leuten schreiben? Sicher leg ich ihnen alles gut aus, daß sie alles in Gottes Namen getan haben und daß sie gemeint haben, daß ich sehr gut ankomme, wie es auch das Ansehen gehabt hat. Aber in der Tat ist es leider anders herausgekommen, wie weiter folgen wird.

Die Zeit der Hochzeit ist bestimmt gewesen auf den 33. Tag der Zählung vom Passahfeste bis zum Wochenfeste im Jahre 1700. Es ist alles in der Stille gewesen, aus dem Grunde, den ich oben angegeben habe. Nun, zwischendessen hab ich das Meinige zu Geld gemacht, damit ich nichts schuldig geblieben bin, und habe Wechsel an den reichen Reb Gabriel nach Fürth geschickt, damit er das Geld dafür einnimmt und es bis zu unserer Ankunft behält. Zwischendessen hab ich mit meinem Mann Briefe gewechselt und er hat auch seine Briefe genug so verfaßt, daß [273] für mich und andere mehr, die sie gelesen haben, alle Sicherheit und Vergnüglichkeit darin gewesen ist und leider sie nichts darin vermerken konnten von einem so großen Werk, worein ich leider gekommen und drin stecken sollte, woran nichts zu ändern ist. Es war ungefähr im Tebeth 1700, daß ich mich auf den Weg begeben sollte, mit meinem Sohn Reb Moses, um ihm Hochzeit zu machen und von seiner Hochzeit nach Metz zu ziehn.

Da hat mir Gott – er sei gelobt – fern sei solches von euch, eine Krankheit zugeschickt, welche mich sechs Wochen bettlägerig gemacht hat und was mein Mann durch einen Kaufmann erfahren hat. Nun, die tröstlichen Briefe die er mir geschrieben hat und auch an meinen Schwager Reb Josef, und mit was für großer Fürsorge er mich ihm rekommandiert, ist nicht beschreiblich. Aber in welcher Absicht solches geschehen ist, ist Gott – er sei gelobt – bekannt. Ob es auf das bißchen Geld abgesehen gewesen, kann ich nicht wissen. Nun, wie Gott – er sei gelobt – mir wieder zu meiner völligen Gesundheit verholfen hatte, bin ich von Hamburg mit meinem Sohn Reb Moses und mit meiner Tochter, der Waise Mirjam, nach Braunschweig gezogen, wo Messe gewesen ist.

Ich hab noch etwas restant von Waren gehabt und sie dort verkauft. Nach der Messe bin ich in guter Gesellschaft mit meinen erwähnten Kindern nach Baiersdorf gezogen, in der Absicht, am 1. Nissan meinem Sohn Reb Moses Hochzeit zu machen. Am Purim bin ich in Bamberg gewesen. Alsobald nach Purim ist mein Sohn Reb Sanwil mit mir nach Baiersdorf gefahren. Wir sind in Baiersdorf in ein Wirtshaus, gerade gegenüber von dem reichen Reb Samson, eingefahren, denn dem erwähnten Gevatter sein neues Haus ist noch nicht fertig gewesen und in seinem alten Haus ist es zu eng gewesen. Aber wir sind alle Tage dreimal von dem reichen Gevatter in allen Ehren zum Essen geholt und fürstlich traktiert worden. Aber all das hat mir doch nicht gepaßt, so daß ich zu dem erwähnten Gevatter und seiner Frau gesagt: »Ich hab zwar keine Ursache, von hier fortzueilen, [274] aber ich hab meine Raison, warum ich gerne wollte, daß die Hochzeit von meinem Sohn, er lebe, am 1. Nissan sein sollte. Denn es ist euch bekannt, daß meine Verbindung am 33. Tage – er komme zu Gutem – der Zählung vom Passahfest bis zum Wochenfest sein muß. Und der Mann hat mein Geld schon in der Hand, wie auch die Wahrheit gewesen ist, denn mein Unglück hat sich so fundiert.

Aber es ist viel geredet und viel vorgeschlagen worden. Der erwähnte Gevatter hat gesagt, ich möchte tun, was ich wollte, es wäre ihm unmöglich, früher Hochzeit zu machen als zum Wochenfest – es komme zu Gutem. Ich sollte nach Metz ziehen, um Hochzeit zu machen und meine Kinder zur Gesellschaft mitnehmen. Er wolle mir hundert Dukaten zu den Unkosten geben. Nun habe ich solches nicht tun wollen und hat mir solches auch nicht angestanden.

Also hab ich mich resolviert, mit Geduld anzunehmen, was nicht zu ändern war. Und obschon wir von beiden Seiten einige Uneinigkeit wegen der Mitgift gehabt haben, wie solche bis nach der Hochzeit am besten aufzubewahren ist, so ist solches auch in allem Guten und in Ehren beigelegt worden. Also hab ich zehn Wochen lang meine Zeit in Baiersdorf zugebracht, von Purim bis zum Wochenfest 1700. Also ist die Hochzeit im Monat Siwan 1700 gewesen in allen Ehren der Welt, und es sind von allen Seiten gar viel wackere Landsleute gekommen und die Hochzeit ist Gott sei Dank mit Vergnüglichkeit abgelaufen.

Gott – er sei gelobt und sein großer Name gelobt – wolle ihnen Glück und Segen geben, daß sie ihre Tage in Wohlstand und Ehre verbringen, bis der Erlöser kommt, und er möge ihnen reine Nachkommen geben, die sich mit der Lehre Gottes beschäftigen. In ihren und unseren Lebzeiten, soll uns Gott – gelobt sei er und sein Name – helfen und uns den gerechten Messias schicken, Amen.

Nach der Hochzeit habe ich auch meinen Weg nach Metz genommen, wo ich gemeint habe, mich für die Zeit meines hohen Alters in guten ruhigen Stand zu begeben und in einer so heiligen Gemeinde meiner Seele wohl zu [275] tun. Aber mein Gott und Schöpfer, »wohin soll ich gehen und wohin soll ich mich vor deinem Antlitz flüchten!« Also hab ich mir in Baiersdorf einen Mann gedungen, mit Namen Kopel. Er ist dort Diener gewesen, der mit mir nach der Gemeinde Frankfurt ziehen sollte, denn ich hab in Baiersdorf Briefe von meinem Mann gehabt, daß er mir jemanden von Metz nach Frankfurt schicken will, der mich nach Metz akkompagnieren soll. Also hab ich mit meiner Tochter Mirjam und mit dem Kopel meine Reise nach Bamberg genommen. Mein Sohn Reb Moses hat mit mir bis Bamberg gewollt, aber ich hab es nicht leiden wollen, weil er wirklich noch in seiner Hochzeitswoche gewesen ist. Also haben wir gar schmerzlichen Abschied genommen und haben beiderseits große Weinungen verbracht. Zwar bin ich froh gewesen, daß mein Sohn in Ehre unter dem Trauhimmel gewesen, und daß ich gesehen, daß ich ihn, Gott sei Dank, gut angebracht hatte – und wirklich »das Auge weinte und das Herz war froh«. Die Natur kann es nicht anders machen.

Also bin ich nach Bamberg gekommen und nur eine Nacht dort gewesen. Am Morgen hab ich eine Kutsche genommen, welche ich schon längst in Bamberg bestellt gehabt, und habe mich auf meinen Weg nach der Stadt Frankfurt begeben. Ich hab es aber nicht wehren können, daß mein Sohn Reb Sanwil – er ruhe in Frieden – bis gegen Würzburg mit mir geritten ist, und zu Würzburg haben wir zusammen einen ewigen Abschied genommen, wie weiter folgen wird. Es hat leider dem Menschen und mir beiden auf unseren betrübten Herzen gelegen, daß wir uns in dieser Welt nicht mehr sehen werden, wie an seinem Ort erwähnt werden wird.

Also bin ich meines Weges gezogen, und am Freitag, am Vorabend des heiligen Sabbat, am 24. Siwan 1700 glücklich in der Gemeinde Frankfurt angekommen. Dort hab ich einen Familienvater aus der Stadt Metz mit Namen Leser gefunden und einen Brief von meinem Mann, der uns auf den Weg Lebkuchen und andere Kleinigkeiten geschickt [276] hat und uns gar höflich geschrieben hat, so daß mir mein großes bevorstehendes Unglück nicht geträumt hat. Man hat mir in der Gemeinde Frankfurt alle Ehren der Welt angetan die man einer Frau nur antun kann, so wie man mir auch auf dem ganzen Weg, den ich gereist bin, alle Ehren der Welt angetan hat, mehr als ich wert gewesen bin.

Besonders in der Stadt Fürth, was ich dort für Ehre und Gutes genossen! Denn Fürth ist nur drei Meilen von Baiersdorf.

Also hat mir mein Sohn Nathan das Geld von der Mitgift von meinem Sohn Reb Moses und das bißchen Geld, was ich noch übrig gehabt und welches sehr wenig war, nach der Stadt Fürth in die Hände des reichen, frommen Reb Gabriel übermacht. Soll ich nun schreiben all die Ehre, die ich von ihm und von seinem ganzen Haus empfangen habe? Ich kann nicht genug davon schreiben. Nicht nur daß die ehrlichen Leute große Mühe mit mir gehabt haben, um das Geld für die Wechsel einzunehmen, sondern sie haben es mir auch teilweise gegeben, teilweise haben sie es nach meiner Ordre an andere Plätze geschickt. Denn ich hab das Geld meines Sohnes Reb Moses vor der Hochzeit an unterschiedliche Leute auf Zinsen verliehen, und Reb Moses Bamberg hat es mir zu Gefallen getan, daß er tausend Reichstaler auf Zinsen genommen hat. Auch der Gaon, Oberrabbiner Mendel Rothschild, hat tausend Reichstaler genommen und Löb Biber aus Bamberg auch tausend Reichstaler. Den Rest haben wir in Baiersdorf verliehen. Danach habe ich mit dem reichen Reb Gabriel abgerechnet, und ihm, wie es sich gehört, seine Provision zahlen wollen. Da hat er keinen Heller nehmen wollen und hat gesagt, das ist kein Geld vom Geschäft, das ist eine Pflichtsache, ein gottgefälliges Werk. Ich hab ihm zwar viel Raison gebracht, aber er hat nicht daran denken wollen und hat noch nicht einmal Postgeld verrechnet. Gott – er sei gelobt – wolle es ihm bezahlen.

Nun wieder zu unserer Reise zu kommen. Montag früh bin ich von Frankfurt ausgezogen mit meinem Geleitsmann [277] Leser. In Frankfurt hab ich Reb Liebermann von Halberstadt gefunden, welcher von Halberstadt nach Metz gezogen ist, um seinen alten frommen Vater Reb Abraham Speyer zu besuchen, auch den Arzt Reb Hirz, welche mit mir in Gesellschaft nach Metz gefahren sind. Also haben wir gar eine hübsche Reise gehabt.

Zwei Meilen bevor wir nach Metz gekommen sind, hat mein Mann seinen Schreiber zu Pferd geschickt. Er ist neben unseren Wagen geritten, bis wir in das Hospizhaus gekommen sind. Da hat er allerlei Eßwerk und Gebäck bei sich gehabt, so viel er auf seinem Pferd fortbringen konnte. Dieser Schreiber, Lämmle Wimpfen, hat seine Komplimente von seiten meines Mannes überbracht. Nachdem wir gegessen und getrunken hatten, sind wir nach ungefähr zwei oder drei Stunden fortgereist und der abgesandte Lämmle ist nachts bei uns geblieben. Aber ehe wir uns haben zur Ruhe begeben wollen, hat er von uns Abschied genommen. Er müßte zu guter Zeit in Metz sein und jener Ort, wo wir gelegen sind, ist keine fünf Stunden von Metz gewesen. Gott – er sei gelobt – weiß es, daß, obschon ich alles herrlich und gut und nach dem Schein in Reichtum vor mir gesehen habe, und besonders die Briefe von meinem Mann voller Ehrfurcht und Vergnüglichkeit geschrieben waren, so bin ich doch nicht ohne Schwermut gewesen; ob mir mein betrübtes Herz das Ende zugetragen hat, oder ob es mir doch weh gewesen, daß ich mich wieder zu einem anderen Mann begeben sollte. Aber die Betrachtung ist viel zu spät gewesen. Also hab ich müssen meinem Unmut und meinem bekümmerten Herzen großen Zwang antun, um solches zu verbergen.

Als wir nun am Freitag, am Vorabend des heiligen Sabbat, am 22. Siwan 1700, eine Stunde vor Metz gekommen sind, so sehen wir, es kommt der Schreiber Lämmle Wimpfen geritten und noch einer bei ihm neben einer Kutsche, worin gesessen sind die vornehme Frau des Oberrabbiners von Metz und die vornehme Rabbinerin, die Frau des Vorsitzenden des Rabbinerkollegiums Reb Ahron und die reiche [278] Gevatterin Jachet, welche mich da auf das allerannehmlichste mit allen Ehren empfangen haben und ich hab müssen mich in ihre Kutsche setzen und so sind wir nach Metz gefahren. Dieses ist zwar eine große Ehre gewesen, daß mir Unwürdigen drei solch vornehme Weiber entgegengekommen sind, aber die Ehre ist mir sehr versalzen worden. Wie ich nun nicht weit von der Gemeinde Metz gekommen bin, ist uns meine brave Tochter Esther entgegengekommen, welche hoch schwanger gewesen ist und sich ihrer Mutter zu Ehren in einer Sänfte hat entgegentragen lassen. Also bin ich im Hause meines Schwiegersohnes Moses – er lebe – abgestiegen. Er hat damals im Hause der Bele Krumbach gewohnt. Mein Schwiegersohn ist nicht zu Hause gewesen, er ist in Paris gewesen. Nun sind die erwähnten vornehmen Frauen, die mir entgegengefahren waren, wieder heimgegangen mit höflicher Entschuldigung, es wäre kurz vor dem heiligen Sabbat. Ich hab ihnen meine Danksagung für solch große Ehre und Mühe abgelegt, so gut als ich es gekonnt habe und es die aufrichtige deutsche Art mich gelehrt hat. Danach hat mir meine Tochter eine Suppe gemacht, daß ich essen sollte. Aber dem Höchsten ist bekannt, daß mir mein Herz sehr beschwert gewesen, daß ich selber nicht gewußt, woran es mir mangelt. Ich hab es bei mir selbst der Anstrengung des Weges zugeschrieben.

Eine Stunde danach kommt mein Bräutigam mit dem reichen Vorsteher Reb Abraham Krumbach und hat mich bewillkommt. Sie sind ein wenig bei mir gewesen und dann wieder ihres Weges gegangen. Zuerst hab ich – bei meinem Leben – nicht gewußt, welches der Bräutigam ist, denn ich hatte beide alle meine Tage nicht gesehen, wenn nicht der reiche Gevatter Reb Abraham im Spaß gesagt hätte, ich sollte mich nicht irren, daß er der Bräutigam wäre, was ich mit Stillschweigen beantwortet habe. Also ist die Zeit hinweggegangen, so daß der heilige Sabbat geworden ist. Aber ich bin nicht im Bethaus gewesen. Meine Tochter Esther ist im Bethaus gewesen, die, wie die ganze Welt Zeuge war, wirklich keine Andacht versäumt hat. Der gute [279] Name, den sie bei allen Menschen gehabt, ist nicht zu beschreiben, welches auch all meine Freude und mein Trost in Metz gewesen ist, so lange ihr Gott – er sei gelobt – die Gesundheit gelassen hat.

Während der Betzeit sind meine Stiefkinder gekommen und haben mich begrüßt. Ich hab sie aber nicht gekannt und es ist auch niemand gegenwärtig gewesen, den ich darum hätte fragen können; also sag ich zu ihnen: »Ich weiß nicht, von wem mir diese Ehre zukommt, denn ich bin fremd und kenne niemand.«

So sagt Hendele: »Kennt ihr uns nicht? Ihr sollt ja unsere Mutter sein. «Also hab ich zu ihnen gesagt: »Wenn ich eure Mutter sein soll, so werdet ihr auch meine Kinder sein.« Nach etlichen wenigen Worten, dieweil man aus dem Bethaus gekommen ist, sind sie wieder in aller Höflichkeit hinweggegangen. Meine Tochter ist auch aus dem Bethaus gekommen, also haben wir uns zu Tisch gesetzt. Reb Jesaias Krumbach ist bei meiner Tochter gewesen. Wie wir nun gegessen haben, kommt der Knabe Salomon, welcher so als ein Kammerdiener bei meinem Mann gewesen ist, und eine Dienerin und haben zwei große vergoldete Platten. In einer sind die schönsten und besten Konfekte gewesen und in der anderen die besten Früchte, sowohl ausländische wie Limonen und Apfelsinen, als auch die besten inländischen Früchte und darauf lag eine goldene Kette mit einem Stück Gold und zwei ganz große vergoldete Becher mit Wein. Das ist mein Sabbatobst gewesen. Dieses ist gar rar gewesen und ich habe mir in meinen schweren Gedanken gedacht: »Wer gäbe, daß das Ende so wäre, wie der Anfang ist.« Aber mein Gott und Herr, leider ist die goldene Kette wirklich zu einem Strick und zu eisernen Banden geworden. Ungefähr eine Stunde danach sind mein Bräutigam und die reiche Gevatterin Jachet gekommen und sind ungefähr eine halbe Stunde gesessen, dann ist wieder ein jedes nach Hause gegangen. Nun, ich hab zwar gesehen, daß alles herrlich und magnifik zugeht, daß ich mich hätte mehr freuen sollen, als meinen schweren, unmutigen [280] Gedanken nachzuhängen. Besonders weil mich ein jeder Mensch wirklich beneidet und die ganze Welt mit vollem Mund gesagt hat, ich müßte viel Gutes getan haben, daß ich so glücklich wäre und zu so einem guten, wackeren Mann und in solchen Wohlstand komme. Trotzdem habe ich mich nicht wohl gefühlt und ist mir mein besorgtes Herz nicht recht ruhig gewesen, und das Ende lehrt den Anfang beurteilen. Nun, wem soll ich es zuschreiben? Meine Sünden haben das verursacht.

Am Sabbat früh hat man meine Tochter, die Waise Mirjam, rufen lassen, mit meiner Stieftochter, der Jungfer Frumet, und ihr als Sabbatobst ein goldenes Kettchen gegeben. Also ist alles gut und herrlich zugegangen. Alle Briefe, die mein Schwiegersohn aus Paris an meine Tochter geschrieben hat, sind eitel Rekommandation gewesen, daß meine Tochter mich gut bewirten soll, und die Briefe sind eitel Liebe und Zuneigung gewesen, wie es billig hat sein sollen.

Aber die Liebe hat nicht länger gewährt, als »bis der Tag hinweggeblasen war und die Schatten zogen«, wie an seiner Stelle alles folgen wird. Mein Schwiegersohn – er lebe – hat gemeint, er hätte vielleicht gar ein gutes Werk verrichtet, und daß ich sehr gut ankommen werde.

Die Woche ist so hingegangen, daß nichts Sonderliches passiert ist. Die andere Woche am Donnerstag, am 1. Tamus 1700 ist die Hochzeit gewesen. Man hat mich morgens früh aus dem Hause meiner Tochter Esther in das Nachbarhaus von meinem Mann geführt. Da bin ich bis ungefähr nach Mittag gesessen. Nachmittag hat mich mein Mann mit einem vornehmen Trauring von einer Unze geehelicht.

Die Rabbinerin Breinle und die reiche Jachet sind die Unterführer gewesen. Der Trauhimmel ist in unserem Sommerhöfchen gewesen. Nach der Trauung hat man mich in unsere Kammer geführt vor dem Kabinett, welche gar schön möbliert gewesen ist. Also hat man uns Essen gebracht und einen Hochzeitskuchen, wie es in Deutschland [281] Sitte ist. Obschon ich den ganzen Tag nichts gegessen hab, hab ich es doch nicht können über mein Herz bringen, denn mein Herz ist mir noch gar zu voll gewesen von dem großen Weinen, als ich von meiner Tochter Esther weggegangen bin. Wir haben beide so viele Tränen vergossen, wie uns zumute gewesen ist. Mein Mann hat mich in sein Kabinett geführt und mich eine große Schachtel mit allerhand Ketten und mehreren Ringen sehen lassen. Aber er hat mir doch zur selben Zeit bis allher nicht den geringsten Ring oder eine silberne oder goldene Münze gegeben, so daß er sich an mir nicht zugrunde gerichtet hat. Nun, gegen Abend hat man eine vornehme Mahlzeit gemacht und es ist wieder alles auf das herrlichste hergegangen. Diener und Jungfern habe ich genug in meinem Haus gefunden und allerwegen, wo ich nur hingesehen und gehört habe, ist viel und Überfluß gewesen.

In seinem Kontor hat viel Gold und Silber gesteckt, so daß man nach dem Ansehen ganz anders hätte judizieren können, als es leider gekommen ist. Er ist so lange Vorsteher in der Gemeinde gewesen und nach seinem Befehl ist man wirklich ein- und ausgegangen. Ein jeder Mensch hat ihn geehrt und gefürchtet, Juden und Nichtjuden. Die andere Woche nach unserer Hochzeit sind die größten und einflußreichsten Persönlichkeiten gekommen und haben mich bewillkommt und Glück gewünscht. Ich habe mir nichts mehr gewünscht, als daß ich Französisch gekonnt hätte, damit ich jedem hätte Red und Antwort geben können. Nun, mein Mann hat für mich geredet.

Also ist es eine Zeitlang so gegangen, wirklich in großer Vergnüglichkeit, denn es hat mir nichts gefehlt. Mein Mann hat mir Geld gegeben, was in der Haushaltung auszugeben nötig gewesen ist. Ich habe gefunden, daß die Jungfer Herr und Meister im Haus gewesen ist und daß sie alles in ihren Händen gehabt hat, all das Eßwerk, ganze Hüte Zucker und andere Sachen, und daß sie mich gar nicht gefragt hat, was sie kochen oder machen soll. [282] Obwohl mir solches zwar nicht wohl gefallen hat und ich solches in meiner Haushaltung in Hamburg nicht gewohnt gewesen bin, daß man eine Dienerin läßt Herr und Meister sein, so habe ich oftmals mit meinen Stiefkindern wie auch mit meiner Schwägerin Freudchen geredet. Aber sie haben mir alle gesagt, daß Blümchen – sie ruhe in Frieden – sie über alles hat herrschen lassen und ihr alles unter Händen gelassen habe, denn sie zweifeln nicht an ihrer Treue. Als ich in mein Haus kam, hab ich zwei Diener und zwei Dienerinnen gefunden und noch dabei mehrere Handlanger und Läufer. Obschon mir solches alles nicht wohl gefallen hat, hat man mir solches ausgeredet und gesagt, daß solches alles noch wenig wäre gegen damals, als meinem Mann seine erste Frau – sie ruhe in Frieden – gelebt hat. In Wahrheit haben meine Stiefkinder, die da verheiratet waren, solches gar oft beseufzt und haben mir auch gar oft anzuhören gegeben, was für Wohltaten und Genüsse sie von ihrer Mutter – sie ruhe in Frieden – gehabt haben. Einigen von ihnen hatte sie ihre Haushaltung ganz ausgehalten. Nun, ich habe solches nicht tun können, und nichts anderes, als davon, was von Eßwerk öffentlich gewesen ist, meinen Stiefkindern geschickt. Wenn wir aber schon etwas Besonderes gehabt haben, wenn ich am Vorabend des Sabbat für ein Viertel Reichstaler oder ein Livre Sabbatobst gekauft habe, dann hat man mich damit ausgelacht und gesagt, daß alle Sabbat mehr als für einen Reichstaler Sabbatobst gekauft worden sei und jedem Kind ganze Körbe voll in sein Haus geschickt worden. Solches hab ich mir eine Zeitlang gefallen lassen, und doch Gott – er sei gelobt – gedankt, denn ich habe gemeint, mein langes Warten in meinem betrübten Witwenstand doch gut angelegt zu haben, wenn es mir auch eine bange Freude gewesen ist. Wie schon erwähnt, ist mein Mann ein wackerer Mann gewesen, und wie er vorgegeben, auch ein reicher Mann. Ich hatte bei ihm auch so viel rares Silber und Gold gesehen, wie ich bei keinem reichen Mann in ganz Deutschland gesehen habe. [283] Auch hab ich gesehen, daß der Mann ein großes Geschäft führt und gar richtig in seinen Sachen ist, und daß keiner, der Geld von ihm hat haben wollen, zweimal gekommen ist, um ihn zu mahnen, und daß er alles gleich mit dem größten Respekt bezahlt hat. Alle Leute, Juden und Nichtjuden, haben ihm an allen Plätzen Kredit gegeben und er hat ein großes Stück Geld in der Gasse verliehen gehabt.

Zudem hat man ihn für einen so zuverlässigen und sicheren Mann gehalten, daß, wer etwas gehabt hat, was er an einem sicheren Platz verwahren wollte, der hat es meinem Mann gegeben. Wie auch mein Schwiegersohn Moses selbst einige Wochen, bevor ich hierher gekommen bin und er nach Paris ziehen mußte, hat er alles, was sein war, genommen, und hat es während seiner Abwesenheit meinem Mann zu verwahren gegeben. Er hat solches lieber bei meinem Mann als bei seinem Vater gehabt. Denn nicht allein daß man meinen Mann für reich gehalten hat, man hat ihn auch für einen sehr vertrauenswürdigen und ehrlichen Mann gehalten, daß ich also wenig zu zweifeln gehabt, daß ich nicht nach Wunsch gut angekommen wäre.

Mein Mann hat in der Nacht gar viel gestöhnt und ich habe ihn unterschiedlichemale gefragt, was ihm fehlt und warum er so stöhnt. Hat er gesagt, daß ihm nichts fehlt, das wäre so seine Natur und Gewohnheit. Ich habe auch die Kinder und meine Schwägerin Freudchen gefragt, was das bedeutet, denn ich habe mir anfangs eingebildet, weil die ganze Welt gesagt hat, daß er mit seiner ersten Frau so gar gut gelebt hat, er selbe noch nicht vergessen könnte. Aber sie haben mir alle gesagt, daß sie solches wohl an ihm gewohnt wären und daß er solches bei Lebzeiten seiner ersten Frau auch getan hätte. So hab ich mich zufriedengegeben. Zu Zeiten hat es mich verdrossen, aber ich hab nicht gewußt, daß hinter seinem Stöhnen solche Sorgen stecken. Sein Schlafen und sein Essen ist gar unruhig gewesen.

Wie ich nun ungefähr acht Wochen hier gewesen bin, ist meine Tochter Esther zu gutem mit einem Sohn [284] ins Kindbett gekommen, worüber ich sehr erfreut gewesen bin, denn meine Tochter hat keine Kinder mehr gehabt, es sind ihr einige schöne Kinder gestorben. Also haben wir uns alle mit dem lieben Kind – Gott behüte es – gefreut. Mein Mann und ich haben die Gevatterschaft gehabt. Mein Mann hat ihnen auch ein vornehmes Gevatterschaftsgeschenk gegeben, eine Schale, innen und auswendig vergoldet von drei Unzen. Als meine Tochter aus dem Kindbett gehen sollte, hat er ihr ein Doublon als Kindbettgeschenk geschickt. Das ist gegen Ende Elul gewesen, daß meine Tochter frisch und gesund aus dem Kindbett gegangen ist. Zu der Beschneidung ist sie schon aufgewesen und hat alles versehen helfen. Am dritten Tage nach der Beschneidung hat sie selbst gekocht, daß sich ein jeder verwundert hat wegen ihres guten Kochens und wegen ihrer Anordnungen. Ihre Schwiegermutter Jachet hat mir auch oft und oft gesagt: »Ich muß es gestehn, daß Esther – sie lebe – besser als ich kochen kann.« Und in Wahrheit, wenn Jachet etwas Gutes hat gekocht haben wollen, hat sie meine Tochter Esther rufen lassen, sie hat es ihr kochen müssen.

Den Namen, den meine Tochter – sie lebe – bei arm und reich gehabt hat, in Frömmigkeit, Sittigkeit und aller Tugend in der Welt, kann ich nicht erschreiben. Sie ist aber immer unmutig gewesen über den Verlust der vielen Kinder, doch hat sie sich solches auch nicht viel merken lassen. In ihrer Haushaltung ist sie gar vorsichtig karg und genau gewesen, doch ist alles in Ehren zugegangen.

Allezeit hat sie einen Hausrabbiner und einen Talmudschüler an ihrem Tisch gehabt und arm und reich Zucht und Ehr angetan, so daß ich also Ursache genug gehabt hätte, mich zu freuen. Aber daß sich Gott erbarmen soll über unsere Freude und wankelmütiges Glück, welches der Anfang von meinem Trübsal und Nöten in Metz gewesen ist. Denn am Versöhnungsfest ist mein Enkel Elia – er lebe – krank geworden mit vielen und schweren Anfällen, und dieses hat wohl acht Tage gewährt, daß wir an dem lieben [285] Kinde so viele Nöten gesehen haben, daß ich oft Gott – er sei gelobt – in meinem Herzen gebeten habe, dem lieben Kinde doch seine großen Schmerzen zu kürzen, denn kein Arzt oder Mensch hätte gemeint, daß es davonkommen sollte. Aber Gott – er sei gelobt – hat sich in einem Augenblick erbarmt und hat ihm seine Heilung geschickt, woraus zu ersehen ist, daß Gott – er sei gelobt – helfen kann, wenn alle menschliche Hilfe schon verloren ist, und er macht mit seiner Hilfe alle Doktoren und Weisen zu Narren. Wie es heißt: »Ich, der Ewige, bin dein Arzt«; Den lobe und danke ich allezeit und der große gütige Gott wolle doch geben, daß sein Vater und seine Mutter – sie sollen leben – ihn erziehen zur Thora, zum Trauhimmel und zu guten Werken. Amen.

Nun kann man wohl denken, was meine Tochter – sie lebe – für eine Freude gehabt und was sie für die Auslösung der Seele für das liebe Kind getan hat, offenbar und heimlich, denn mein Schwiegersohn war, wie auch deren mehr, gar sehr auf das betrübte Geld erpicht und vielleicht wird sich das Wort bewähren: Es gibt Menschen, denen das Geld teurer ist als der Körper, und die nicht zu ersättigen sind.

Wie eine Geschichte von Alexander von Mazedonien erzählt, der, wie man weiß, die ganze Welt durchgereist und unterworfen hat. Also hat sich derselbe gedacht: »Ich bin so ein mächtiger Mensch und bin so weit gekommen, daß ich nicht weit vom Garten Eden bin,« denn er ist am Flusse Gichon gewesen, welcher einer von den vier Bächen ist, die um den Garten Eden fließen. Also hat er große, starke Schiffe gemacht und hat sich mit seinen Leuten hineingesetzt und ist durch seine große Weisheit auf die Spur gekommen, wo der Ort ist, daß man in den Garten Eden kommen kann. Wie er aber nicht weit davon gewesen ist, so ist ein Feuer gekommen und hat alle seine Schiffe und Leute verbrannt, nur er, sein Schiff und seine Leute sind übrig geblieben. Als nun der König Alexander gesehen hat, daß sein Schiff und seine Leute am Platze geblieben sind, hat er sehr angefangen [286] zu bitten, man sollte ihn doch in den Garten Eden einlassen, er wolle die Wunder in der ganzen Welt erzählen. Aber es ist ihm eine Stimme gekommen, die zu ihm gesagt hat, er solle sich hinwegmachen, er könne nicht in den Garten Eden kommen, denn »durch dieses Tor werden nur die Gerechten kommen«. Also hat Alexander noch mehr gebeten, und wenn er ja nicht erlangen könne, in den Garten Eden zu kommen, so solle man ihm doch etwas aus dem Garten herauswerfen, das er als Zeichen in der ganzen Welt vorweisen könne, daß er so nahe am Garten Eden gewesen sei. Also hat man ihm ein Auge herausgeworfen. Wie er das gehabt hat, hat er nicht gewußt, was er damit tun oder anfangen soll. Da hat man ihm gesagt, er soll all sein Silber und Gold nehmen und all seine guten Sachen und soll sie in eine Wagschale legen und soll das Auge dagegen in die andere Wagschale legen, so wird das Auge alles überwiegen, denn das Auge wird schwerer sein als alles. Der König Alexander ist bekanntlich so ein großer Weiser und Philosoph gewesen, was er von seinem Lehrer Aristoteles gelernt hat, und hat gerne alle Weisheit wissen wollen und da so ein kleines Auge so viel Gold und Silber und andere Sachen überwiegen sollte, da hat er angefangen, solches zu probieren. Er hat eine großmächtige Wage genommen und hat auf die eine Seite das Auge gelegt und auf die andere Seite viele, viele Hunderte Münzen Silber und Gold, aber je mehr er darauf gelegt hat, es hat alles nicht langen wollen und das Auge hat alles überwogen. Darüber hat Alexander sich sehr verwundert und hat gar sehr gebeten, man sollte ihm doch sagen, wie das kommt, daß so ein kleines Auge so viel Silber und Gold und andere Sachen überwiege und mit was man doch machen könnte, daß dieses Auge ersättigt werde und nicht so schwer sei. Da hat man ihm geantwortet, er soll nur ein bisselchen Erde auf das Auge werfen, so werde ein kleines, geringes Gewicht das Auge überwiegen. Das hat der König Alexander getan und auf das Auge ein wenig Erde geworfen; nun hat eine gar kleine Sache das Auge überwogen. Als Alexander dieses gesehen hat, hat er sich noch mehr verwundert und [287] gebeten, man solle ihm doch sagen, was die Bedeutung davon wäre. Da hat man ihm geantwortet: »Hör zu, du Alexander, du sollst wissen, so lange das Auge bei den Menschen lebt, ist es nicht zu ersättigen. Denn je mehr und mehr der Mensch hat, hat er doch immerzu nicht genug und will noch mehr haben. Darum hat das Auge all das Silber und Gold überwogen. Aber sobald der Mensch stirbt und man Erde auf sein Auge wirft, hat er genug. Drum, alsobald, als du Erde auf das Auge geworfen hast, so hast du es mit einer kleinen Sache überwiegen können. Und siehe, du Alexander, du kannst das an dir selber sehen. Du hast dich nicht mit deinem Königreich begnügt, und hast dich nicht damit begnügt, daß du die ganze Welt dir unterworfen hast, so hast du noch dahin kommen wollen, wo Gottes Kinder und Diener sind. So lange du also lebst, ist keine Genügsamkeit bei dir, und du willst keine Ruhe haben und immerzu mehr haben, da ich dir doch mit Gewißheit sage, daß du in einem fremden Lande sterben wirst, und du hast nicht mehr lange dazu. Und wenn man Erde auf dich schütten wird, wirst du mit vier Ellen Land genug haben, wenn dir auch sonst die ganze Welt zu klein war. Und es wird dir, Alexander, angesagt, nichts weiter zu reden oder zu fragen, denn man wird dir weiter nicht antworten; und dich flugs von diesem Ort hinwegzumachen, damit dir nicht begegne, was deinen Schiffen und deinen Leuten widerfahren ist.«

Also ist der König wieder mit seinem Schiff zurückgefahren in das Land Haudu und hat nicht lange danach einen bitteren, schrecklichen Tod eingenommen. Denn man hat ihm ein tötliches Gift eingegeben, wie es in seiner Geschichte von seinem Lehrmeister Aristoteles weitläufig beschrieben ist.

Wie erwähnt, daß auf der Erde gar viele Menschen sind, die auf das Geld gar sehr erpicht und nicht zu ersättigen sind, so daß oftmals viel Böses davon kommen kann. Und gar zu freigebig zu sein, dient auch nicht, daß man das Seinige unnütz vertun wollte. Der reine Groschen, der ehrlich [288] gewonnen wird, kommt einen schwer an, aber man muß in allem einen Unterschied wissen, wie man sich zu verhalten hat. Denn dieses ist ein gemeines Sprichwort: »Alle Kargheit bereichert nicht und mäßige Mildigkeit verarmt nicht.« Zu seiner Zeit Geld ausgeben und zu seiner Zeit Geld sparen. Der Holländer sagt: »Cheld auszucheben in siner Tid, dat makt Profit.« Man findet leider nichtjüdische Weise, die gar viel von solchen Sachen gar schön beschreiben.

Nun ist der erste Sturm gewesen, den ich hier ausgestanden habe. Aber es ist – Gott erbarme sich – nicht dabei geblieben, denn es ist mir wie jenem ergangen, der dem Todesengel entlaufen und nach Lus gehen wollte, denn da sterben die Leute nicht. Wie er in hohem Alter unter das Tor kommt, sagt der Todesengel zu ihm: »Du bist mir da recht in meine Hand gekommen, daß ich dich töten kann. Ich habe nirgends Macht über dich gehabt als da.« Also ist es mir leider ergangen. Ich bin von Hamburg von meiner Geburtsstätte, von meinen Kindern, von meinen Freunden hinweggezogen und hatte gedacht, ich will so weit von ihnen ziehn, daß ich nichts Böses von ihnen sehen kann. Aber du gerechter Gott, du hast mir gezeigt und zeigst mir noch, daß ich vor deiner Zornrute nicht hinweglaufen kann. »Wohin soll ich gehen und wohin vor deinem Antlitz flüchten?« Und ich sehe wohl, daß ich an so einen Ort gekommen bin, wo ich wenig Freude und Seelenruhe habe, aber sehr viel Kummer und Herzeleid an mir und meinen lieben Kindern hören und sehen muß. Und trotz alledem anerkenne ich die Gerechtigkeit des Gerichtes, wie es sich gebührt, denn Gott – er sei gelobt – gibt mir die Geduld, daß ich noch bei all meinen Nöten und Unglück noch menschengleich bin, da Gottes Strafe, Gott behüte, noch viel ärger sein könnte, wie der Arzt gesagt hat in meiner Geschichte, die oben steht.

Nicht lange danach habe ich leider Gottes die böse Nachricht bekommen, daß mein Sohn Reb Löb – er ruhe in Frieden – gestorben ist. Er ist ein junger Mensch, noch keine achtundzwanzig Jahre alt gewesen. [289] Obzwar ich mit dem Sohn viel Widerwärtigkeiten und Elend ausgestanden habe, so ist mir sein Tod doch sehr beschwerlich und sauer angekommen, und das ist natürlich von Eltern. Man kann von dem frommen König David – er ruhe in Frieden – dieses lernen, daß ihm sein Sohn Absalon gar viel Böses und Herzeleid angetan hat, und da man mit ihm hat Krieg führen sollen, hat er allen seinen Leuten befohlen, ihm den Absalon zu schonen. Und wie er gewahr geworden ist, daß er ums Leben gekommen ist, was hat er da um seinen Sohn Absalon Jammer getrieben und siebenmal gerufen: »Absalon, mein Sohn!« Dadurch hat er seinen Sohn aus sieben Staffeln aus der Hölle gebracht und ihn in den Garten Eden gebracht.

Also verzeihe ich auch diesem meinem Sohn vom Grund meines Herzens alles, was er an Knabenstreichen begangen hat und sich leider hat verführen lassen. Er ist der beste Mensch von der Welt gewesen und hat gut gelernt; auch hat er so ein jüdisches Herz gehabt für arme Leute, daß sein Gutestun weit und breit bekannt war. Aber leider ist er in seinem Geschäft gar zu liederlich gewesen, und solches haben böse Leute an ihm bemerkt und haben ihn leider um das Seinige gebracht. Nun will ich ihn ruhen lassen und bitte meinen Gott, er wolle ihn das Verdienst der Voreltern genießen lassen.

Was soll oder kann ich tun? Ich muß zu ihm, wenn es Gottes Wille ist, und er kommt nicht zu uns, denn es hat dem allmächtigen Gott nicht gefallen, mich frühzeitig vor meinem frommen, reinen Mann Reb Chajim Hameln hinwegzunehmen, der zwar seinem Alter nach noch wohl hätte leben können, aber »vor dem Bösen ist der Gerechte hinweggerafft worden«, daß er nicht erleben sollte so viel Sorge und Kummer auszustehen. Er – er ruhe in Frieden – ist in Wohlstand gestorben und hat an seinen Kindern nur Gutes gesehen. Nun, was soll ich dessen viel gedenken? Ich habe dessen genug gedacht. Also will ich hiermit mein sechstes Buch schließen.

Gott der Allmächtige möge weiter auf alle Meinigen und ganz Israel keinen Kummer schicken, und wenn wir [290] sündige Menschen schuldig werden, uns solches mit seiner großen Gnade und Barmherzigkeit verzeihen und führe uns in das »heilige Land, so daß unsere Augen den Aufbau des heiligen Tempels sehen und unsere Herrlichkeit«.

Er verzeihe uns unsere Sünde, wie geschrieben steht: »Ich werde auf euch reines Wasser sprengen u. s. w.«


Ende vom sechsten Buch.
  1. Im Text steht »vierzehn«, was offenbar falsch ist. Chajim Hameln war 1689 gestorben und wie aus dem folgenden hervorgeht, fand die zweite Eheschließung 1700 statt und die Tochter Mirjam war damals 11 Jahre alt.
  2. Vergleiche die obige Fußnote.
« Fünftes Buch Die Memoiren der Glückel von Hameln Siebentes Buch »
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