Die Morgue

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Textdaten
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Autor: von einem deutschen Arzte
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Titel: Die Morgue
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 43–44
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Das Leichenschauhaus in Paris
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[43]
Bilder aus dem Pariser Leben.
Von einem deutschen Arzte.
Die Morgue.
Die Gartenlaube (1854) b 043.jpg

Wer von den Höhen des lateinischen Viertels herab und aus seinen schmutzigen, engen, dunklen Gassen an der Seine heraustritt, schreitet gewöhnlich unbekümmert um seine nächste Umgebung, die Blicke auf die graziösen, träumerischen Thürme von Notre-Dame geheftet, über die steil aufsteigende Brücke von St. Michel und weiß, an den ersten Häusern wieder angekommen, gewiß nicht, daß er an dem alten Marché neuf und an der Morgue vorbei, an einem, der schauerlichsten, seltsamsten und zugleich praktischesten „Institute“ neuer Polizei vorüber geeilt ist.

Er hat sich nicht gefragt, was das nicht allzugroße, dunkle, massive Häuschen vorstelle, das knapp am schmalen Seine-Arme angeklebt, wie die Wachthütte des Polizeipostens schweigend dasteht, gleichsam, die doppelte Reihe grüner Regenschirme commandirend, welche die ewigen Buden des Neumarktes repräsentiren. Er hat vielleicht nicht die großen Wunder von Paris bemerkt, die sich auf der Brücke unter seinen Blicken offenbarten, einen Pariser Schuhflicker, jetzt Mineralienhändler, der ohne Hammer und Löthrohr, ein Kind des Pariser Pflasters, die Wunder Gottes in den Steinen kennt und um zwei bis fünf Sous verkauft, klassifizirt, rubrizirt, etikettirt und putzt … oder der Mann mit den drei Schub langen besenartigen Haaren, der seine Pommade verkauft, oder den Kaninchenhändler, oder aber den Bajazzo, der täglich um vierzig Sous mehr Witz und Geist verschleudert, in Wind und Wetter und in dumme Ohren, als mancher Humorist, oder endlich die Schaaren der Neugierigen, die über die Brüstung der Brücke gelehnt stundenlang einem langweiligen Angler zusehen, der unten am Flusse sitzend, seinem Weibe entfloh.

Paris ist so reich an abwechselnden Unterhaltungen, daß selbst die überall gewesenen Menschen vor Wonne zerfließen, wie sollte man also Angesichts von Notre-Dame noch Zeit und Augen haben, auf All’ das zu achten, was die Brücke St. Michel und der Marché neuf enthalten! – – – Und doch steht hier die Morgue, jenes dunkle, massive Häuschen, nach welchem der Pariser zuerst eilt, noch bevor er sich bei der Polizei Raths erholt, wenn ihm ein theures Wesen, ein Bruder, eine Schwester, oder Vater oder Geliebter plötzlich verloren gegangen, der in das Gewirre der Stadt ging und nicht heim kehrte; das Häuschen, worin ein Theil von Paris vor Schauer nie den Fuß setzt und der andere, wie in’s Schauspielhaus täglich eilt, um sich gerade jene Dosis Schauer zu holen, der diesen nach Aufregung lechzenden Gemüthern zur nothwendigen Labung geworden ist.

Die Morgue ward an dem Arm der Seine in die arme Cité gesetzt, am Eingange vor den gleich armen Quartieren St. Jacques und Marceau, von denen es eben die Brücke St. Michel trennt, zwischen der Polizeipräfektur und ihren Gefängnissen, dem Justizpalaste und dem großen Spitale Hôtel-Dieu. Hier werden die Leichen oder die Leichentheile von Personen aufgenommen, deren Namen oder Familien unbekannt geblieben sind. Was man aus der Seine an unbekannten Körpern fischt oder in den Gassen, Cloaken und Spelunken der Stadt aufliest, alle Leichname von Menschen, welche Laster, Elend oder Verzweiflung oder der Mörderdolch aus der Welt geschafft und auf die Straße geworfen – sie kommen in diese Hallen, deren Wände schon Scenen des Jammers und des Wiedererkennens gesehen, wir kein anderes Gebäude der Erde.

[44] Durch die einzige Thür tritt man in einen mit Steinen gepflasterten Raum, der an hundert Personen fassen kann. Rechts von der Thüre sind die dem Publikum verschlossenen beschränkten Lokalitäten des Beamten, der die Bücher führt, des Arztes, welcher mit einer Untersuchung beauftragt wird, und der zur Reinhaltung der Anstalt bestimmten Diener. Wohnungen befinden sich keine darin. Links von der Thür hinter drei großen Schaufenstern, von denen das Publikum durch eine eiserne Schranke in einiger Entfernung gehalten wird, erblickt man auf geneigten Steintafeln die nackten Verunglückten, auf die ein Wasserstrahl fortwährend geleitet, wird, während zu ihren Köpfen an der Wand die zu ihnen gehörenden mitgefundenen Kleider und Geräthschaften u. dgl. aufgehängt sind. Diese sämmtlichen Reste bleiben hier ausgesetzt, bis sie erkannt werden. Die Verwandten oder Bekannten können sie dann zurückfordern und haben nur ganz unbedeutende Kosten zu entrichten. Das jetzige Gebäude besteht erst seit 1835.

Von 1836 bis 1846 wurden hier 3344 Leichen und 94 Leichentheile ausgesetzt, wovon nur 378 unerkannt blieben; unter 8 Ausstellungen haben also 7 ihren Zweck erreicht.

Oft schweigt diese Morgue wochenlang, das geöffnete Thor sperrt sich langweilig auf, nur einzelne unentbehrliche Besucher, die Stammgäste des Schauers, treten schüchtern ein, werfen einen enttäuschten Blick auf die wenigen Lumpen, die von verweseten Leichen allein noch übrig geblieben an den schwarzen Nägeln hängen. Die Steintische sind trocken und leer und das sonst nasse Pflaster des Zuschauer-Raumes glänzt staubig im matten Tageslichte.

Plötzlich aber, ohne daß eine Zeitung vielleicht das Schauspiel ankündigt, wimmeln die Umgebungen des finstern Häuschens. Der Bajazzo, der Kaninchenhändler und der Mann mit den langen, besenartigen Haaren schreien ihre Wunder und Witze aus, der Mineralog kramt seine schönsten Krystalle auf der Brüstung der Brücke aus und die Gaffer, welche die Kunst der Angler bewundern, erdrücken einander, bevor noch ein einziger Fisch seine Albernheit bereut. – – Es ist ein Tag der Morgue, die Fischer haben einen Pariser aus der Seine gezogen, oder in irgend einem „häuslichen Leben“ hat die Polizei ein Mittelding zwischen Tod und Mord, zwischen Krankheit und Selbstmord gefaßt.

Das große Volk der Pariser, Mann und Weib, Greis und Kind, Reich und Arm, Publikum und Kritiker, Polizei und Taschendiebe sind auf den Beinen, vor und in der Morgue, und der Beamte spitzt die Federn, um „die Mähre zu erzählen eines Menschen, der an sich und der Welt verzweifelte“, oder den ein „mitfühlendes Geschöpf“ um einiger Groschen willen erschlug.

Dann liegen auf den geneigten Steintischen die blau aufgedunsenen Glieder eines „Unbekannten“, der „vierzehn Tage im Wasser geblieben“, oder die rothgestreiften Züge eines Erstochenen, oder das schwarz unterlaufene Gesicht „eines erhängt Gefundenen“.

Wer ist’s? Woher kam er? Wer brachte ihn? Niemand kann Antwort geben und jeder frägt. Die Weiber voran, die Kinder zur Seite und die Provinzialbewohner in dichten Schaaren fragen, zweifeln und erzählen Geschichten, um einander die Haare zu Berge zu treiben. Der Doktor in seinem „Arbeitszimmer“ hat der Polizei seinen unentbehrlichen Fingerzeig gegeben; die Polizei hat seine feinhörigen Agenten ausgeschickt, die in allen Trachten unter das Publikum gemischt, meinen und zweifeln, klagen und spotten, streiten und declamiren, und an jedem Ohr und Herzen horchen, wo sich vielleicht ein böses Gewissen oder eine berauschte Zunge verrathe.

Neben der blauen Blouse und den nägelbeschlagenen Schuhen des armen Tagelöhners glänzen an den schwarzen Nägeln die lackirten Stiefeln und der feine schwarze Rock des wohlhabenden, des ruinirten oder des abenteuernden Boulevardkindes und die alten Fetzen des Weibes aus dem Volke triefen neben den seidenen Flittern der „Geliebten“, die ein eifersüchtiger oder ein diebischer Liebhaber abseits geführt hatte.

In dem nahen Justizpalaste sitzt der Instructionsrichter mit seinen Schreibern bereit, jede Aussage, die ihm dienlich scheint, mit einer Anweisung auf zwei Francs zu belohnen, und in der eben so nahen Polizeipräfectur laufen einander die witternden Agenten die Zehen ab.

In der höhern Gesellschaft von Paris muß ein Unglück dramatisch aussehen, um die Ehre zu verdienen, daß man von ihm spreche… in der großen untern Gesellschaft muß ein Fall mit der Morgue, mit der Polizeipräfectur und mit dem Justizpalaste in naher Berührung stehen, um in allen Familien, in allen Garküchen, in allen Werkstätten beredet und berüchtigt zu werden, um auf allen Märkten gesungen zu werden, in Verse gebracht und von der Drehorgel begleitet, nach der beliebten Melodie: „Ein Vöglein kam an’s Fensterlein etc.“

Darauf verfällt die Morgue wieder in ihr finsteres Schweigen, die Stammbesucher, allein treu, nahen sich wieder schüchtern, der Bajazzo, der Mann mit den langen besenartigen Haaren verschwinden…der Untersuchungsrichter und die Kanzleien der Polizeipräfectur schreiben und schreiben, die genialsten Agenten der Polizei bewahren in ihren fernsten geheimsten Gehirnfalten die unbestimmten, farblosen Schimmer von Spuren, auf die sie der Zusammenlauf in der Morgue gebracht und Tage, Monate, wohl auch Jahre vergehen … Plötzlich faßt eine Hand mitten in seiner unschuldigen Zerstreuung und Sicherheit einen Schuldigen, der vor so langer Zeit einen Streich gethan, von dem die Morgue so leise erzittert hatte, als die Volksmenge zuströmte.

Dann enthält die Tribunal-Zeitung einen kurzen Artikel, „wie von ungefähr eines der gefährlichsten Subjecte in’s Garn gelaufen“ … die Assisen hallen von den glänzenden Anklageakten und Vertheidigungen wider und wiederum eines Tages sagt uns ein kurzer Brief der Tribunal-Zeitung, daß am genannten Datum die menschliche und göttliche Gerechtigkeit gesühnt ward von dem….

Die Morgue aber steht anspruchlos da. Tag für Tag, „eine Mausefalle“, wie die Polizei-Agenten sie nennen, „eine nützliche Secirschule“, sagt der Mediciner, „eine gräßliche Baracke“ ruft der Bürger aus, „ein ganz profitabler Platz“, meint der Mann mit den langen Haaren, „pfui, ein schreckliches Wort“, entsetzt sich die elegante Welt.