Die Mutter Gottes

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Autor: George Hiltl
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Titel: Die Mutter Gottes
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1 und 2, S. 9–12 und 26–28
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Katharine Theot und Robespierre
Ein Beitrag zur geheimen Geschichte der französischen Revolution
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[9]
Die Mutter Gottes.
Ein Beitrag zur geheimen Geschichte der französischen Revolution.
I.


Frau von St. Amaranthe[1] war eine der schönsten Damen ihrer Zeit. Diese Eigenschaft hatte 1794 in Paris ihre Vortheile und Gefahren, allein Frau von St. Amaranthe schien sich nur der ersteren zu erfreuen, denn inmitten der Schreckenszeit führte sie ihren Haushalt, ihre Lebensweise in einer den herrschenden Grundsätzen so entgegengesetzten Art, daß alle Welt über die Blindheit oder Duldsamkeit des Wohlfahrtsausschusses von Paris erstaunt war. Frau von St. Amaranthe unterhielt Verbindungen mit den Emigrirten, in ihrem Hause hatten sich vor Ausbruch der Revolution Leute aller politischen Schattirungen bewegt, was allein genügte, die Person verdächtig zu machen; Frau von St. Amaranthe hatte sogar in ihren Salons die Bilder Ludwig’s des Sechszehnten und Maria Antoinette’s an den Wänden hängen, und um das Maß voll zu machen, verheirathete sie ihre sehr reizende, sechszehnjährige Tochter mit dem Sohne des ehemaligen Polizeiministers Sartines, der zwar Paris mit seiner jungen Gattin verließ, dessen royalistische Freunde jedoch von nun an vielfach bei Frau von St. Amaranthe verkehrten. Man erwartete in der Nachbarschaft der kühnen Frau täglich die verhängnißvolle Kutsche mit den Gensd’armen des Wohlfahrtsausschusses vor dem Thore des Hotel St. Amaranthe halten zu sehen, man horchte, ob nicht das bekannte Angstgeschrei ertöne – umsonst. Frau von St. Amaranthe blieb nach wie vor im ungestörten Besitz ihres Glanzes; ihre Gewohnheiten, ihre offen zur Schau getragene Neigung zum Königthume hemmte Niemand und der Zauber ihrer Persönlichkeit schien sie vor Kerker und Schaffot bewahrt zu haben.

Diese sichere Stellung in einer von Gefahren wimmelnden Epoche war übrigens nicht das einzige Räthsel, welches bezüglich der Persönlichkeit für Frau von S. Amaranthe zu lösen blieb. Welches Ursprungs war sie? Woher kam sie? Niemand wußte es zu sagen. Sie hatte eines Tages das große Hotel gekauft, welches einst der bekannte Schriftsteller Helvetius gebaut und bewohnt hatte, in diesen prächtigen Räumen eröffnete sie Salons, in denen, wie gesagt, die noble Gesellschaft vor und nach dem Ausbruche der Bewegungen verkehrte. Frau von St. Amaranthe behauptete, die Wittwe eines Edelmannes, eines Officiers, zu sein, der am 6. October bei den Vorfällen in Versailles ermordet worden sei. Ueber gemordete, verschwundene oder gefallene Menschen ließ sich nun freilich zu jener Zeit keine genaue Nachforschung anstellen, und so mußte man denn die Behauptung der Frau von St. Amaranthe gelten lassen, obwohl Mancher die Sache anders wissen wollte und namentlich über den Vater der schönen Tochter wunderliche Gerüchte umliefen.

Zum Erstaunen Aller kehrte sogar nach kurzer Abwesenheit der Schwiegersohn der Frau von St. Amaranthe, Herr von Sartines, mit seiner Frau nach Paris zurück, nahm Wohnung in dem Hotel seiner Schwiegermutter und man sah ihn wenige Tage später öffentlich am Arme eines alten Herrn, Namens de Quesvremont, den die Volksstimme als einen Ludwigsritter und geheimen [10] Agenten der Orleans bezeichnete, durch die Straßen von Paris schlendern.

Das war zu viel. Welchen geheimen Beschützer hatte Frau von St. Amaranthe, wie mächtig mußte derselbe sein, wenn er seinen Schützling vor der Ahndung der schwersten Verbrechen gegen die Republik so dauernd zu schirmen wußte? Diese Fragen sich zu beantworten, scheuten die Nachbarn des Hotels St. Amaranthe in der Straße des Lombards kein Mittel. Sie guckten über die Hofmauern, spazierten Abends vor dem Hotel umher und suchten Bekanntschaft mit der Dienerschaft der Frau von St. Amaranthe anzuknüpfen. Allein sie erfuhren nur schon Bekanntes. Einige besonders Neugierige hatten indeß doch die ziemlich wichtige Entdeckung gemacht, daß Frau von St. Amaranthe, ihre Tochter, ihr Schwiegersohn und der alte de Quesvremont wöchentlich zwei Mal zu einer bestimmten Stunde, Abends neun Uhr etwa, das Hotel verließen. Die Späher waren ihnen nachgeschlichen und hatten die Gesellschaft bis in die Gegend der Straße Victor begleitet; dort war sie ihnen entschwunden und hatte sich in dem Gewirr von Gäßchen verloren, das zwischen dem Pantheon und dem Pflanzengarten hinlief.

Allmählich lernten die Neugierigen durch anhaltendes Studium auch die Gäste des Hotels genau kennen, und so mußte sich die Verwunderung immer höher steigern, wenn man bemerkte, daß neben den royalistischen Freunden auch wüthende Republikaner daselbst verkehrten. Hatte Frau von St. Amaranthe es verstanden, die Raserei der politischen Gegner zu beschwichtigen? Fast mußte man ihr diese Macht zutrauen, denn mit Herrn von Quesvremont in derselben Gesellschaft bewegte sich z. B. der Schauspieler Trial. Trial war ein leidenschaftlicher Republikaner und persönlicher Freund Robespierre’s.

Am 2. Mai 1794, nach einem schönen, sonnigen Tage, als der sanfteste Abendhauch über Paris zog, hatte Frau von St. Amaranthe ihre Salons festlich geschmückt. Die Lichter brannten auf den silbernen Candelabern und auserlesene Erfrischungen bedeckten das Buffet des Speisesaales. Gleichwohl war die Gesellschaft nur sehr klein. Sie bestand aus der Wirthin und deren Tochter, aus Sartines, dem Herrn von Quesvremont und einer jungen, ebenso schönen wie geistreichen Frau, welche sich die Marquise von Chastenais nannte. Die Anwesenden schienen in erwartungsvoller Aufregung zu sein und promenirten in den Gemächern auf und nieder, bis die Glocke neun Uhr schlug. Mit dem letzten Schlage eilten sie Alle in den Empfangssalon. Hier warteten sie eine Zeit lang und fuhren unwillkürlich erbebend zusammen, als etwa zehn Minuten nach neun Uhr die Hausklingel heftig gezogen ward. „Jetzt kommt er,“ flüsterten sie Alle. Ihre Gesichtszüge drückten gespannte Erwartung aus, ihre Stellungen waren fast denen der Jäger zu vergleichen, die das Hervorbrechen eines Wildes aus dem Gebüsch belauern. Sie hörten Stimmen im Vorzimmer, dann näherten sich Tritte, darauf ward die Thür geöffnet und der Schauspieler Trial trat in Begleitung eines elegant gekleideten und frisirten Mannes von stolzer und doch bescheidener Haltung in den Saal. Die Anwesenden neigten sich, der Fremde erwiderte höflich den Gruß. Trial ergriff seine Hand und stellte ihn der Gesellschaft mit den Worten vor: „Maximilian Robespierre, der erste Bürger der Republik Frankreich.“

Der Gefürchtete schritt zu Frau von St. Amaranthe. „Du hast gewünscht, Bürgerin,“ begann er, „mich kennen zu lernen? Ich erfülle Deinen Wunsch.“

„Bürger Dictator, ich bin erfreut, Dich zu sehen,“ erwiderte die Wirthin, „ich rechne diesen Tag zu den wichtigsten meines Lebens. Ich bin begeistert für Dich.“

„Wirklich?“ entgegnete Robespierre. „Es klingt so, als wäre es die Wahrheit. Trial hat mir erzählt, daß ich hier Freunde finden werde. Ich – Freunde, wo die Originale dieser Bilder gleich den Heiligen verehrt werden?“ Er zeigte auf die Portraits des hingerichteten Königspaares, die an der Wand hingen.

„Was geschehen ist, das mag man als Werk höherer Hand ansehen,“ sagte Frau von St. Amaranthe. „Wir erblicken in Dir das Mittel, wodurch Gott eine neue Ordnung der Dinge bewerkstelligen will – – wir –“

„Halt, Bürgerin!“ fiel ihr Robespierre ins Wort. „Weißt Du nicht, daß die Republik den Namen ‚Gott‘ auszusprechen verbietet?“

„Du selbst wirst ihn wieder einführen,“ rief die Marquise von Chastenais vortretend, „Du weißt, daß er Dich beschirmt, daß er Deine Person ausersehen hat.“

„Fast muß ich es glauben,“ sagte Robespierre düster lächelnd. „Ihr Alle wißt noch nicht, was geschehen. Vor zwei Stunden sollte ich das Opfer einer Meuchelmörderin gleich wie einst Marat werden.“

„Erschrocken fuhren Alle zurück.

„Ein junges Mädchen hat nach mir gefragt, mich zu sehen gewünscht. Sie schien verdächtig und man hat sie festgenommen. Die Unglückliche hatte Mordwaffen bei sich. Als sie gefragt ward, weshalb sie zu mir wolle, antwortete sie: ‚Ich habe sehen wollen, wie ein Tyrann aussieht.‘ Und Ihr, meine schönen Bürgerinnen, Ihr ruft mich als den Ordner des Erdballs, den Bringer einer neuen Zeit aus, während man mich als Tyrannen erdolchen will?“

„Ich bin noch zu erregt von der Nachricht,“ sagte Frau von St. Amaranthe, „um Dir wohl darauf antworten zu können, aber lasse Dich bei mir nieder.“

Die Gesellschaft saß bald im Kreise zusammen. Anfangs drehte sich das Gespräch natürlich um den beabsichtigten Mordversuch.

„Wie ist der Name des Mädchens?“ fragte Sartines.

„Cäcilie Renault, die Tochter eines Papierhändlers,“ antwortete Robespierre. „Was kann ihr Vorhaben gewesen sein, als Mord? Ich möchte sie gern retten.“

„Kein Stahl ist für Dich geschliffen, Bürger Dictator,“ sagte Herr von Quesvremont mit Emphase. „Du wirst triumphiren über Alle, die Dir entgegen sind. Mögest Du nur das Werk durchführen, wie Du es begonnen. Aber wozu die blutigen Beile? Weshalb die gefüllten Kerker? Als Danton und Hebert gefallen waren, glaubten wir sicher an eine Wendung der Dinge, wir wissen auch, Bürger Dictator, daß Du in Deinem Kopfe Pläne trägst, welche eine Herstellung ruhiger Zustände bezwecken. Du duldest religiöse Zusammenkünfte. Würdest Du sie dulden, wenn nicht eine große Maßregel in Deinem Plane läge, nach welchem das Blut aufhören soll zu fließen, nach welchem endlich aus dem rothen Meere die Sonne eines neuen, schönen Tages heraufsteigen soll?“

Robespierre erhob sich schnell. „Nichts weiter davon! Ich darf diese Worte nicht hören. Ihr sprecht von den Maßregeln der Republik als Aristokrat, der Ihr seid. Ich heilige das Gastrecht, indem ich Dein Wort nicht gehört haben will. Woher wißt Ihr von meinen Planen, meinen Absichten?“

Die Marquise von Chastenais trat zu ihm, legte die Hand auf seinen Arm und schaute ihm fest in’s Gesicht. „Maximilian Robespierre,“ sagte sie mit sanfter Stimme, „es giebt höhere Dinge, als die Menschen dieser Zeit glauben wollen. Blicke uns Alle an. Wir sind die Geweihten eines Bundes, der täglich an Zahl wächst. In der stillen Nacht, im ärmlichen Raume arbeitet dieser Bund an der Aenderung der Dinge. Du kennst ihn, denn einer Deiner glühendsten Verehrer ist der Sprecher, der Priester. Dein Name wird genannt als der eines neuen Weltenerbauers, Du bist der Prophet, der Beglücker sollst Du sein, so verkündet Dich uns die Sibylle, die Schöpferin unserer Vereinigung. Ohne es zu ahnen, hast Du Dir ein Heer geworben, das, mit der Waffe des Wortes aus dem Munde unserer Sibylle hervorgehend, Deine Feinde schlagen helfen wird. Du hast Briefe, Weisungen erhalten, Du weißt, daß Du zählen kannst auf Alle, die zu uns gehören; wir trauen Deinem Genie, Deinem Herzen und rufen Dir zu im Namen unserer Mutter: ‚Wirf es von Dir, das Beil des Blutgesetzes, und sei der Schöpfer einer reinen, neuen Zeit.‘“

Robespierre stand unbeweglich, die Arme über der Brust gekreuzt, die Versammelten anblickend. „Ich befinde mich also unter Mitgliedern des Bundes ‚der Mutter Gottes‘!“ rief er. „Trial, warum sagtest Du mir das nicht? Ja, ja, ich weiß. Es giebt eine solche Loge des Prophetismus. Ich duldete sie bisher, ich werde sie weiter dulden. Mein überspannter Freund, Dom Gerle, hat mich oft davon unterhalten“

„Leugne nicht, Robespierre,“ rief Frau von St. Amaranthe begeistert, „Du gehst mit einem Plane um, bei dem die Hülfe der Erleuchteten Dir nützen kann – muß – soll; Du zeigst bereits offen Deinen Abscheu gegen Blut. Weil wir das sahen, weil wir in Dir den neuen Propheten erblicken, traten wir dem Bunde bei, um Dir näher zu stehen. Baue sie auf, die alten Gottestempel, die der bessere Theil der Nation jammernd vermißt, [11] stelle das Christenthum her, das in Trümmern liegt, und Du wirst glänzen. Maximilian, die Dolche des Mädchens sind eine Warnung, eine Mahnung, unser Beitritt zum Bunde der ‚Mutter Gottes‘ ist eine Huldigung für Dich, ein Anbieten unserer Hülfe, stoße uns nicht zurück, geh’ mit uns.“

Robespierre versank in tiefes Nachdenken. Endlich warf er das Haupt zurück. Seine Blicke waren sanft und wohlwollend. „Ich kenne die Tragweite der Entschlüsse und die Macht der Lehren wohl, welche der Bund faßt und verbreitet. Ich weiß, daß ihm täglich Genossen zuströmen. Wie oft hat man mich schon aufgefordert, das sichere Nest zu zerstören! Ich wies das Ansinnen zurück. Heute bin ich so aufgeregt durch den Mordanschlag, so beruhigt durch Euere Anerkennung. Ja, ich kenne das Weib der Straße Contrescarpe, Katharine Theot, die Mutter Gottes, doch Euere Religion ist die meine nicht. Die Vernunft ist so göttlich, daß sie die einzige Vorsehung dieses Geschlechtes ist; aber arbeitet Ihr auf Euere Weise, laßt mich nach der meinigen wirken, dann begegnen wir uns in einem Punkte und in Monatsfrist wird Frankreich wieder einen Gott haben.“

Enthusiastisch umringten Alle den Dictator, sie ergriffen seine Hände, sie riefen ihm Dank zu, der Becher kreiste und sie leerten ihn auf das Wohl einer neuen, glücklichen Zeit.

Spät in der Nacht trennte sich Robespierre von dem Kreise der neuen Genossen. Er ging mit Trial aus dem Hotel. Als die Thür sich hinter ihm schloß, kehrte Herr von Quesvremont, der den Dictator begleitet hatte, frohlockend zurück. „Alles geht gut, meine Freunde. Der Dictator ist auf dem besten Wege,“ sagte er die Hände der Damen fassend. „Wir bringen ihn noch weiter. Es war ein Glück, daß wir uns in den Bund aufnehmen ließen. Ich sehe den Thron wieder aufgerichtet und die Lilien glänzen. Robespierre wird der Unsere.“

Robespierre ging mit seinem Begleiter die Straße des Lombards schweigend entlang. Das Hotel lag nicht weit von des Dictators einfacher Wohnung in der Straße St. Honoré. Als sie unter dem Thorbogen hervorgetreten waren, kamen plötzlich zwei Männer, bisher hinter dem Vorsprung des gegenüberliegenden Hauses verborgen, über den Damm geschritten. Sie hielten sich dicht zu Robespierre und Trial, machten einen Bogen, gingen wieder auf die andere Seite der Straße und suchten den Beiden entgegenzukommen. Dies gelang ihnen an der Ecke der Straße Féronnerie, woselbst die in Ketten hängende Straßenlampe das Antlitz Robespierre’s hell beleuchtete. Mit einem „guten Abend, Bürger,“ schritten die Beiden, sich fest in ihre Mäntel wickelnd, vorüber. Als Robespierre und sein Begleiter verschwunden waren, standen die Verhüllten still.

„Hast Du Dich überzeugt, daß ich Recht hatte?“ fragte der Aeltere.

„Ich bin erstarrt. Robespierre im Hause der Aristokraten!“

„Es ist Zeit zu handeln. Was meine Leute mir anvertraut, ist richtig Robespierre geht mit einem Plane zur Aenderung der Dinge um. Daher seine Reden von der Wiedereinsetzung eines höchsten Wesens. Ich ahne den Zusammenhang. Die Clique des Hotel St. Amaranthe gehört zu der Gesellschaft, welche in der Straße Contrescarpe ihr Wesen treibt. Die alte Katharine Theot präsidirt diese Versammlungen. Dort wird ein Heer geworben, das im Augenblicke des Umschwunges für Robespierre einstehen soll, wenn er sich mit den Jüngern verbindet, an deren Spitze der Ex-Carthäusermönch, unser ehemaliger College, Dom Gerle steht. Robespierre ist unser überdrüssig, und ich sage Dir, die Köpfe von uns Allen stehen nicht fester, als diese Rübe.“ Er stieß eine halbfaule Rübe mit dem Fuße fort, die inmitten der Straße lag.

„Was gedenkst Du zu thun?“ sagte der Jüngere.

„Handeln müssen wir. Robespierre anzugreifen ist noch nicht Zeit, aber das Complot zu vernichten ist Eile nöthig. Drehen wir die Sache geschickt so, daß alle Welt glaube, es geschehe in Robespierre’s Interesse. Morgen muß im Ausschusse die Verhaftung der Mitglieder jenes Clubs von Propheten beschlossen werden, wir müssen Alle haben. Wird Robespierre es wagen, sie zu retten? Wird er sich so lächerlich machen, die Gaukler zu vertheidigen? Nein. Sie fallen Alle und das Gewürm im Stamme der Republik ist vernichtet, aber der Gewaltige erhält einen Schlag. Die an Milderung glauben, werden sehen, daß er nach wie vor hinrichten läßt, und wehe ihm, wenn er retten will! Er muß schweigend zusehen. Die Geschichte mit der Renault kommt uns gut zu Statten, man macht daraus eine ungeheuere Verschwörung, deren Fäden in London zusammenlaufen, dazu die Gesellschaft der Straße Contrescarpe – es wird sich machen.“

„Daher also die Sicherheit jener Frau von St. Amaranthe!“ sagte der Andere. „Sie war schon lange verdächtig.“

„Uebereilen wir Nichts, aber nützen wir die Zeit.“

Sie waren vor einem Sicherheitsbureau angekommen. In diesen Bureaus befanden sich zu jeder Zeit Wachen und Policisten, welche der Patriot zu seiner Hülfe in Anspruch nehmen konnte. Der Aeltere klopfte an das Thor.

„Wer da?“

„Patrioten.“

Die Wache trat heraus.

„Ist der Bürger Sénart zu sprechen?“

„Hier bin ich!“ rief eine aus einer Tabakswolke kommende Stimme. „Du bist es, Bürger Volksvertreter?“ sagte Sénart an die Thür tretend.

„Sei morgen früh um neun Uhr bei mir, Sénart, ich habe einen Auftrag für Dich.“

„Ich werde mich einstellen, Bürger.“

Die beiden Männer gingen weiter.

„Es wird ein Blitz sein aus heiterm Himmel. Laß ihn nur erst die Posse von der Wiedereinsetzung feiern, dann wirkt der Schlag um so vernichtender. Einen furchtbaren Namen wie den seinigen verlöscht man am besten, wenn man ihn lächerlich macht.“

Sie trennten sich. „Gute Nacht, Vadier,“ sagte der Jüngere.

„Gute Nacht, Barrère.“ –

Katharine Theot, gebürtig aus Baranton, hatte von Jugend auf behauptet, göttliche Eingebungen zu haben. In die Bastille gesperrt, der Salpetrière als Kranke überwiesen, dann wieder entlassen, hatte dieses fanatische Weib die Wirbel der Revolutionsströme benützt, um mit ihren Offenbarungen auf’s Neue hervorzutreten. Dom Gerle, ein ehemaliger Carthäusermönch, Freund Robespierre’s, ein Mann von Talent, in dessen durch klösterliche Einsamkeit verdüstertem Geiste allerlei fabelhafte Plane umhergaukelten, fand sich zu Katharine Theot. Er ward ihr Priester, er deutete ihre Orakelsprüche, er zog bald eine zahlreiche Gesellschaft an sich und die Prophetin, denn der Hang zum Wunderbaren steigert sich in bewegten Tagen reißend schnell. Katharine Theot nannte sich „die neue Eva“, auch „Mutter Gottes“.

Robespierre hatte, das ist sicher, um jene Zeit den festen Willen, dem Blutvergießen Einhalt zu thun. Deshalb mußte ihm eine Genossenschaft wichtig werden, die durch eine Art religiöser Politik auf die Massen wirken konnte, obwohl sein klarer durchdringender Verstand natürlich die Mysterien der Straße Contrescarpe belächeln mußte. Er hörte Dom Gerle’s fieberhafte Projecte an, verfolgte die Secte nicht und baute darauf hin den Plan zu der Feier „der Wiedereinsetzung des höchsten Wesens“. In demselben Grade wie Robespierre für seine Zwecke den Bund auszubeuten suchte, geschah dies von Seiten der Anhänger des gestürzten Thrones. Sie ließen sich in die Gesellschaft aufnehmen, um von hier aus agiren zu können, und so kam es, daß die Bewohner des Hotel St. Amaranthe dem Bunde angehörten. Diese Leute warfen sich noch außerdem mit wahrhaftem Enthusiasmus dem Mysterium in die Arme, das, mit seinem düstern Schleier sie bestrickend, Alle umfing – Alle vernichtete.

Die Einführung Robespierre’s durch Trial bei Frau von St. Amaranthe war auf Wunsch der schönen Dame sowohl, als auch aus des Dictators Verlangen geschehen. Er wollte die Aristokraten kennen lernen, die ihn verehrten. Er fand die blendendste Schönheit, den sprudelndsten Geist, die glühendste Schwärmerei, und er war der Gegenstand dieser Verehrung! Robespierre verfolgte die Aristokraten nicht. Aber seine Schritte waren bewacht. Die Führer der Ausschüsse lauerten ihm auf. Vadier, der Schreckliche, ein unbeugsamer Republikaner, schrie zuerst „Verrath!“ Die Ausschußmitglieder sagten sich, daß Robespierre, der eine Umgestaltung der Dinge vorbereitete, ihre Köpfe nicht schonen, daß die Guillotine gegen Alle gerichtet werden müsse, die sich dem Willen des Dictators entgegen zeigten.

Sie beschlossen zu handeln. Durch Vernichtung der Bundesmitglieder mußte Robespierre deren Hülfe abgeschnitten, er selbst den Leuten, die auf Milderung hofften, als der alte Tyrann dargestellt [12] werden, denn es war kein Zweifel: die Bundesleute, welche so gegen die Republik frevelten, konnte Robespierre nicht retten, er mußte sie bluten lassen, und neben dem Verrath stand er lächerlich da, durch die Huldigungen eines alten Weibes und eines fanatischen Mönches zu einem Propheten gestempelt. Hatte man ihn so isolirt, dann sollte der Schlag gegen ihn fallen. Es traf Alles ein. Der Proceß Katharine Theot’s und ihrer Genossen ist die Ursache zu Robespierre’s Sturz, und erst die Zeit hat die Fäden dieses Netzes bloßgelegt, welche den Dictator umstrickten. Furcht vor seiner Macht war sein Fall.

[26]
II.


Es war am 9. Juni 1794. Tags vorher hatte Robespierre unter ungeheurem Zusammenströmen des Volkes das Fest der „Wiedereinsetzung des höchsten Wesens“ gefeiert. Die exaltirten Mitglieder der Ausschüsse knirschten vor Wuth, sie sahen das Fest als eine Frucht der geheimen Verbindung an, sie erblickten sich einen Schritt näher dem Abgrunde. Die Stunde drängte. Vadier gab das Zeichen.

Ein furchtbares Ungewitter entlud sich über Paris. Unbekümmert um das Tosen der Elemente, schritt bei hereinbrechender Nacht ein Mann, in eine Carmagnole gekleidet, grobe Schuhe an den Füßen, das triefende Haar mit einer Wollkappe bedeckt, die Straße Fouroy entlang. Er bog in die Straße Contrescarpe, einen der ödesten, verwahrlosesten Winkel von Paris, ein und machte vor einem Hause Halt. Durch die zerborstenen Fensterladen des Erdgeschosses drangen matter Lichtschein und ekelhafter Tabaksgeruch auf die Gasse. Der nächtliche Wanderer öffnete die Thür und verschwand im Hausflur. Nach einiger Zeit kam er wieder zum Vorschein in Begleitung von zwölf bis vierzehn Männern. Im strömenden Regen wanderten Alle schweigend durch die Gasse, aber wer sie beobachtet hätte, der mußte bemerken, wie die Zahl immer geringer ward, denn in der Nähe des Hauses Nr. 4 angelangt, schlüpften Einige in die Kellervorsprünge, Andere verbargen sich in dem Flur einer alten Baracke; zuletzt war der Mann mit einem Genossen allein. Beide schritten auf die Thür des Hauses Nr. 4 zu. Der zuletzt Gebliebene hob den Klopfer. Plötzlich wandte er sich um und fragte den Begleiter: „Sie haben doch Pistolen?“

Der Gefragte bejahte.

„Es ist nasse Luft, Bürger Sénart, sehen Sie das Zündkraut nach. Ein Schuß, der versagt, kann Sie verderben.“

Sénart trat unter den Thorbogen und zog seine Pistolen. Er schlug die Pfanne zurück und prüfte das Pulver mit der Oberlippe. „Es ist Alles in Ordnung.“

„So gehen wir.“

Der Thürklopfer wurde gerührt und bald öffnete sich die Pforte kreischend in den rostigen Angeln sich drehend.

Eine finstere Halle nahm die Eintretenden auf hinter welchen sich das Thor wieder schloß.

„Wer ist da?“ fragte eine heisere Stimme.

„Ein Bruder,“ entgegnet Sénart’s Begleiter.

„Deine Hand,“ sagte die Stimme.

Es erfolgte eine Pause; offenbar suchten die beiden Brüder durch irgend ein Zeichen, einen Druck sich als Eingeweihte einander kenntlich zu machen.

„Willkommen,“ sagte die Stimme, „Dein Name, mein Bruder?“

„Briot der Psalmist. Ich bringe einen Neuen.“

„Geht die Hintertreppe hinauf. Du weißt den Weg, Bruder. Ich werde Dich melden.“

Sénart ward dann durch das Dunkel zu einer gebrechlichen Treppe geleitet, die statt des Geländers mit Stricken versehen war. Verschiedene Male stolperten Beide, bevor sie endlich, mitten in dichter Finsterniß, auf einem Absatze stehen blieben.

„Hier ist es, Bürger Sénart. Nehmen Sie sich zusammen. Zeigen Sie nicht die geringste Bewegung, bevor der entscheidende Augenblick da ist, sonst kann ich für nichts stehen.“

Sénart war ein Mitglied jener entsetzlichen Polizei des Wohlfahrts-Ausschusses, deren Beamte das furchtbare Geschäft betrieben, Opfer für die Guillotine aufzuspüren. Er sollte heut den Schlag gegen die Kinder der „Mutter Gottes“ führen und mit Briot’s, des Verräthers, Hülfe sich in den Club einführen lassen. Rings um das stille, düstere Haus lauerten die Schergen Sénart’s, bereit, auf das Zeichen des Agenten herbeizustürzen. Auf die Warnung des falschen Bruders antwortete der Polizist nicht, er war mit Schrecken und Entsetzen zu vertraut, um irgend eine Bewegung zu zeigen. Nur seinen Pistolengürtel schnallte er loser, knöpfte die Carmagnole bis an den Hals zu, untersuchte seine Tasche, in welcher der vom Wohlfahrtsausschusse verfügte, mit Barrère’s und Vadier’s Namen unterzeichnete Verhaftsbefehl steckte, und sagte dann kaltblütig: „Klopfe.“

Briot that es.

Greller Lichtschein blendete die Beiden. Er kam aus einem Vorzimmer, dessen Thür auf die Treppe hinausging und plötzlich geöffnet ward. Der Armleuchter mit sieben Kerzen wurde von einem Manne gehalten, der, in ein schneeweißes Gewand gehüllt, auf der Schwelle des Gemaches stand. Sénart sah, wie Briot und der Weiße sich Zeichen gaben, die in einem Ziehen der Hand in Kreuzesform bestanden. „Tretet ein,“ sagte der Weiße. Man ging durch zwei leere Zimmer in einen langen, öden Raum, der nichts Anderes, als ein großer Hausboden sein konnte. Rings umher standen gepolsterte Sitze. An der Hauptwand bemerkte der Agent drei Stühle. Der höchste, in der Mitte stehende war weiß, der rechts roth, der links blau überzogen. Briot gab seinem Begleiter einen Wink, in die Ecke zu treten. Der große Raum war durch sieben Kerzen, die auf einem eisernen Deckenleuchter brannten, nothdürftig erhellt. Eine Glocke tönte. Es trat eine Frau in den Saal und rief mit lauter Stimme: „Ihr Kinder Gottes, rüstet Euch, die Mutter zu empfangen.“

„Dies ist die ‚Verkünderin‘“ flüsterte Briot Sénart zu.

In demselben Augenblicke traten durch zwei Thüren eine Menge Menschen, Frauen, Männer, Jungfrauen, Greise in den Saal. Sénart’s Hals verlängerte sich, er musterte die Menge, [27] er suchte seine Opfer und hatte sie bald gefunden, denn die ihm besonders bezeichneten hatten schon ihre Sitze eingenommen. Die engelschönen Gesichter der Frau von St. Amaranthe und der Marquise von Chastenais übergoß die Flamme der Kerzen mit rothem Lichte. Sie verlieh ihnen ein überirdisches Aussehen, denn durch das Halbdunkel strahlten die schönen Augen in einer Art von Verzückung. Sénart stieß einen leisen Ruf der Genugthuung aus, er schien seiner Opfer gewiß. Quesvremont und Sartines standen hinter den Damen. Die übrigen Anwesenden, jedem Stande zugehörend, theils elegant, theils zerlumpt gekleidet, saßen auf den Sitzen oder kauerten an den Wänden umher. Neuer Glockenschlag. Ein Vorhang hinter den drei Stühlen theilt sich. Von zwei Frauen geführt erscheint Katharine Theot, die „Mutter Gottes“. Ihre Gestalt ist lang, trocken, man könnte sie durchsichtig nennen. Graues, aschfarbenes Haar hängt um ihr Haupt, ihre Augen sind blitzend, ihr Knochenbau ist stark. Einen peinlichen und zugleich grauenhaften Anblick bieten die Hände der „Mutter Gottes“, denn sie sind wie die eines Skeletes und befinden sich in fortwährender fieberhaft zitternder Bewegung.

„Kinder Gottes,“ ruft sie, „Eure Mutter ist unter Euch; ich will die Ungläubigen reinigen.“ Jetzt geht ein Jeder der Anwesenden zu ihr und küßt ihre Stirn, sie legt die Hand auf das Haupt des vor ihr Stehenden und sagt: „Freunde meines Sohnes, ich grüße Euch.“

Dom Gerle tritt in den Saal. Alle erheben sich und neigen die Häupter. Er setzt sich auf den rothen Stuhl, die „Mutter Gottes“ läßt sich auf den weißen nieder. „Freunde des Herrn, vereinigen wir uns,“ ruft Dom Gerle. Die Mutter öffnet ein großes Buch. Sénart hatte während dieser Zeit Muße genug, die beiden Führerinnen der alten Theot zu betrachten. Die Eine hieß die „Sängerin“, die Andere die „Taube“. Die Taube war eine der schönsten, jugendlichen Erscheinungen, wie sie sich eines Künstlers Phantasie nicht vollendeter gestalten konnte, ihr edles Gesicht mit den herrlichsten blauen Augen umfloß goldiges, üppiges Haar; die Figur, im schönsten Ebenmaße gebaut, zierte ein rothes Gewand, das die weißen Arme und den Nacken einer Venus erblicken ließ. Die Untersuchung hat ergeben, daß die „Taube“ von den Leitern des Bundes dazu ausersehen war, nach dem Tode der alten Mutter, durch eine geschickte Taschenspielerei, als die wiedergeborne jugendliche „Katharine Theot“ zu gelten.

Der Augenblick der Katastrophe nahte heran. Dom Gerle rief: „Es sind Profane hier. Sie sollen die Weihe empfangen. Brüder und Schwestern, helfet ihnen.“

Briot stieß den Agenten vor. „Achtung!“ flüsterte er. Sénart trat in den Kreis und stand der Mutter Gottes gegenüber. Seine Augen irrten zwischen den halbgeöffneten Wimpern umher, und da er bei verschiedenen Anwesenden Säbel oder Degen gewahrte, fuhr seine Hand unwillkürlich unter die Carmagnole und umklammerte den Schaft des Pistols.

„Sprich den Eidschwur, Mann: „Ich will mit Waffen, Wort und That den Ruhm des höchsten Wesens durch die Welt tragen,“„ rief Dom Gerle. „Hebe Deine Hand.“

Sénart hob die Hand. „Ich schwöre.“

„Gelobe Gehorsam der Mutter Gottes.“

„Ich schwöre.“

„Gelobe, Dich den Dienern des Propheten zu unterwerfen.“

„Ich schwöre.“

Nun begann die Mutter ein Capitel der Offenbarung St. Johannis, das Buch mit den sieben Siegeln, erklärend vorzulesen. „Fünf Siegel sind gehoben,“ rief sie. „Ich soll das sechste lösen. Wenn das siebente bricht, ist die Neugeburt der Erde vollendet. Alle sterben, nur die Kinder der Mutter Gottes nicht. Dieses sind die Namen der sieben Siegel: das erste ist das Wort, das zweite die Gleichheit der Stände, das dritte die Revolution, das vierte der Tod der Ungläubigen, das fünfte die Brüderschaft aller Völker, das sechste der Kampf des Erzengels, das siebente die Neugeburt aller Erwählten.“

Sénart hatte während dieser Erklärung die prüfenden Blicke Dom Gerle’s auszuhalten, er fühlte, wie gefährlich das Spiel wurde. Immer lauter tönten die dumpfen Rufe der Versammelten, es schien dem Agenten, als bereite sich eine Ekstase gleich der orientalischer Mönche, tanzender oder drehender Derwische vor. Dom Gerle führte ihn zur Mutter Gottes, die ihm mit den Worten: „Mein Sohn, ich nehme Dich auf unter die Erleuchteten, Du bist unsterblich,“ auf Stirn, Ohren, Augen, Backen und Mund Küsse drückte. Er mußte der Mutter diese Ceremonie wiederholen, dann sprach sie: „Die Gnade ist ausgegossen auf Deine Lippen,“ und als ob die Erde einstürzen sollte, erhob sich ein furchtbares Geschrei: „Die Gnade ist da! Die Gnade ist da!“ Diese Worte riefen alle Anwesenden. Dom Gerle machte mit dem Finger einige Zeichen über dem Kopfe Sénart’s, dann brachte man eine silberne Schüssel herbei und wusch die Hände des Aufgenommenen. Immer lauter ward das Geschrei, und als Sénart sich in die Reihe der Brüder setzte, erblickte er die wunderlichsten Geberden, Drehungen und Situationen. Einige lagen auf den Knieen, Andere hatten das Haupt hintenüber gebeugt und sendeten Gebete empor, dann warfen sich gewisse Schwärmer auf den Boden, wieder Andere umarmten sich und sangen. Diese Scene ward endlich geordnet durch einen Gesang, den die „Taube“ und die „Sängerin“ anstimmten und an welchem die ganze Gemeinde Theil nahm.

Sénart hielt jetzt den entscheidenden Augenblick für gekommen, er rückte immer näher einem kleinen Fenster, welches, wie er sich überzeugt hatte, auf die Straße führte.

„Du bist unruhig, neuer Bruder,“ sagte ein gelbaussehender Schwärmer.

„Ich leide noch unter dem Eindruck des Gewaltigen,“ entgegnete Sénart.

Briot kauerte sich in die Ecke, er zitterte. Sein Leben war ebenso bedroht wie Sénart’s. Dieser Agent war bis zu dem Fenster gekommen. „Eine stickende Hitze,“ sagte er. „Oeffnen wir.“ Der Sänger, dem er dies zuflüsterte, hatte keine Antwort, er war dem Irdischen abgewendet. Schnell fuhr die Hand des Agenten in die Seitentasche der Carmagnole, dann hielt er sie zum Fenster hinaus, ein Stein fiel auf das Pflaster der Gasse. Vor dem Hause ward es lebendig. Oben schwieg der Gesang. Sénart war hinter den Sitzen entlang gegangen und hatte an der Ausgangsthüre Posten gefaßt. Ein zweiter Neophyte trat in den Kreis, die Aufnahme sollte wieder beginnen. „Es sind Profane hier!“ rief wieder Dom Gerle. „Sie –“

„Sollen nicht die Weihe empfangen,“ brüllte plötzlich eine Stimme, und mit vorgehaltenen Pistolen sprang Sénart in den Kreis. Die Versammlung blieb vor Schreck und Entsetzen einen Augenblick stumm, dann rannte schreiend und heulend Alles durcheinander.

„Verrath!“ schrie es von allen Seiten. „Werft Euch auf ihn.“ Die Frauen kreischten, Katharine Theot stand auf dem Sessel und feuerte die Menge an. „Es ist der Drache von Babel! Würge ihn, Volk des Herrn.“

Sénart hatte sich mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, als der ganze Schwarm, Einige mit blitzender Waffe, auf ihn zudrängte. „Zurück!“ schrie er. „Ich schieße den Ersten, der es wagt, Hand an den Diener der Republik zu legen, durch den Kopf.“

„Würgt ihn!“ rief Dom Gerle. „Ich stehe für Alles.“

„Haltet!“ rief Herr von Quesvremont. Seiner Stimme gab man Gehör, Alles wich zurück, ein Augenblick der Ruhe trat ein, den Sénart geschickt benützte. Im Nu hatte er eine silberne Pfeife an den Mund gesetzt und ihr schrillender Ton drang durch die Räume. Ein Hurrahruf von unten her antwortete.

„Er hat Genossen, Schergen in der Nähe!“ riefen die Bundesglieder. „Gebt ihm mindestens seinen Lohn.“

„Wer hat ihn hergebracht?“ schrie ein Rasender.

„Briot, der Psalmist,“ antworteten zwanzig Stimmen. Briot’s Stunde hatte geschlagen. Sénart sah plötzlich die Menge von ihm sich wenden, gegen die Ecke des Saales drängen, er sah einen fürchterlichen Knäuel, eine Anzahl erhobener Fäuste, er hörte Gebrüll, Schimpfreden, dann einen durchdringenden Schrei. Als er ertönte, fiel krachend die Thür in Trümmer, und Sénart’s Genossen stürmten herbei.

„Im Namen des Wohlfahrtsausschusses!“ rief der Agent, „Ihr seid meine Gefangenen.“ Er hob das Papier in die Höhe. „Vaudry, Lecourbe, nehmt die Bürgerinnen St. Amaranthe und Chastenais, sowie den Alten dort und Sartines, den Blonden da hinten, auf Euch.“

„Es ist Robespierre’s Hand,“ flüsterte die Marquise.

„Fluch dem Mörder!“ murmelte Quesvremont.

„Die ‚Mutter Gottes‘, die ‚Taube‘ und die ‚Sängerin‘ escortire ich. Vorwärts!“

[28] Die Menge wagte keine Gewaltthat. „Geht, ihr Kinder!“ rief die Theot, „ich bin aus den Mauern der Bastille zurückgekehrt in die Freiheit, ich werde auch aus dieser Gefahr erlöset. Stimmt den Gesang an zu Ehren des Höchsten.“

Ein Lied erschallte, die Schwärmer umarmten sich, es schien Allen gewiß, daß sie in den Tod gingen, aber sie freuten sich auf den Augenblick, wo sie ihrer finstren Lehre geopfert wurden. Sénart drängte sie auseinander. In der Mitte des Saales schwamm in einer Blutlache die Leiche Briot’s. Ein Messer war ihm durch’s Herz gestoßen.

„Der hat es bezahlen müssen, Du sollst dafür aufkommen,“ sagte Sénart drohend zu Dom Gerle. „Deine Frommen sind Teufel.“

Die Gensdarmen umgaben ihre Gefangenen. Mit Gesang zog die Versammlung aus den Räumen, lächelnd, wie überselig, umhalsten sich die Schwärmerinnen, und, unten auf der Gasse angelangt, segnete die Mutter das Volk. Nur der von Sénart hoch emporgehaltene Befehl des Wohlfahrtsausschusses hielt die Menge ab, Befreiungsversuche zu unternehmen.

Eine Stunde darauf schlossen sich die Kerkerthüren von la Force hinter den Mitgliedern des Bundes ‚der Mutter Gottes‘.


Die Ausschüsse hatten ihren Zweck erreicht. Es blieb nun die Anklage zu erheben, die Vadier und Lacoste unter dem Namen „Verschwörung des Auslandes“ in schärfster Weise vor den Convent brachten. Cäcilie Renault’s angeblicher Mordversuch ward mit hineingezogen und das Ganze für ein Machwerk Pitt’s ausgegeben, der Robespierre und die Freiheit stürzen wolle. Beißende Anspielungen auf den Dictator blieben nicht aus. Er erschien als Götze einer gefährlichen politisch-religiösen Gauklerbande, aber Alles war durch die gewandte Feder Barrière’s so in Achtung gehüllt, daß es eines geübten Auges bedurfte, um den Mordstahl zu erblicken der sich hinter der scheinbaren Sorge für Robespierre barg.

Alle die Häupter und Aristokraten des Bundes wurden durch den öffentlichen Ankläger des Todes schuldig erklärt. Ebenso Cäcilie Renault.

Vadier trat zu Robespierre in’s Zimmer. „Maximilian,“ sagte er, ihn starr anblickend, „wir haben Deine Feinde heute verurtheilt. Es sind die Feinde der Freiheit. Sie werden morgen sterben. Reiche mir Deine Rechte und schütteln wir uns Beide die Hände, Du bist uns Dank schuldig und wir haben Dich der Freiheit erhalten.“

Robespierre gab ihm die Hand. Als Vadier ihn berührte, zuckte er zusammen, wie von glühendem Eisen getroffen. Er fühlte die Schläge, die ihn trafen, er hörte den Angstruf seiner Freunde, alles Blut kam auf ihn, er sträubte sich unter der Last des Mordes und wagte nicht ihn zu mißbilligen.

Am 17. Juni bestiegen die ‚Kinder der der Mutter Gottes‘ das Schaffot. Man führte sie, alle mit rothen Hemden bekleidet, auf zehn Karren dahin. Sartines starb zuletzt. Frau von St. Amaranthe und ihre Tochter hielten sich umschlungen, bis der Henker sie auseinanderriß. Sie starben mit Verwünschungen oder Verzeihung auf ihren Lippen für Robespierre, den sie Alle für den Urheber ihres Unglücks ansahen. Keiner von ihnen hat Feigheit oder Zaghaftigkeit in der Stunde des Todes blicken lassen, und das Grab schloß sich über Alle, ohne daß die eigentlichen Zwecke des mystischen Treibens klar zu Tage getreten sind; auch die Herkunft der schönen St. Amaranthe ist mit tiefem Geheimniß bedeckt geblieben.

Katharine Theot starb zwei Wochen nach ihrer Einkerkerung. Dom Gerle blieb lange im Gefängnisse. Wer ihn rettete, ist nie bekannt geworden.

Robespierre war am 17. Juni für Niemand sichtbar. Er erlag der furchtbaren Gewißheit, daß Mit- und Nachwelt alle Schuld und alles Verbrechen auf ihn häufen werden, Verbrechen, gegen die zu protestiren er nicht mehr wagte.

Vom 17. Juni 1794 an begann der Boden unter seinen Füßen zu schwinden.

George Hiltl.

  1. Gewiß erinnern sich unsere Leser und namentlich unsere Leserinnen noch mit Vergnügen der geistreichen Skizze „Prinzessin Champagner“ (1865 Nr. 43 und 44), in welcher dieselbe Frau von St. Amaranthe, welche die Hauptperson der obenstehenden geschichtlichen Skizze bildet, im Cabinet der Madame Tussaud zu London eine so hervorragende Rolle spielt
    Die Red.