Die Nixen vom Schluchsee auf der Hochzeit

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Autor: G. Schulz
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Titel: Die Nixen vom Schluchsee auf der Hochzeit
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 143–146
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[143]
Die Nixen vom Schluchsee auf der Hochzeit.

Zwei Schwestern, zwei Nixen vom Waldschluchtsee,
So duftig wie Thau, so zart wie der Schnee,
So leicht, wie die Nebel verwehen –
Die hüpften zum Vater, dem Alten so grau:

5
„Ach Väterchen, laß uns hinab in die Au,

Zur Hochzeit möchten wir gehen!“

Der Alte nickte das bärtige Kinn
Und sprach: „Ihr Töchterlein, geht nur hin,
Und laßt es euch baß behagen;

10
Doch, kommt ihr zurück nicht zu rechter Zeit,

Eh’ die Unke ruft und der Schuhu schreit,
Hat’s Sterbestündlein geschlagen.“

Da hüpften die Nixen zur Grotte hinein,
Zu heben den Putz aus korallenem Schrein,

15
Und aus der kristallenen Truhe:

Ein seegrün schimmerndes Festgewand,

[144]

Korallen und Perlen und schilfenes Band
Und zierlich geflochtene Schuhe.

Nun tauchten sie auf aus Grotten so tief

20
Im See im Walde, der schweigend entschlief

Im abendlich hegenden Dunkeln,
Und huschten im rauschenden Schilfe hervor
Und eilten hinab durch das buschige Moor;
Die Spuren der Flüchtigen funkeln.

25
Die Pfeifen ertönten, die Zither erklang

Im Dorfe zum Tanze die Tenne entlang,
Und lustig schwirrten die Geigen,
Und Burschen und Jungfern, so schmuck zu erschau’n,
Und rüstige Männer und wackere Frau’n,

30
Die drehten sich flink in dem Reigen.


Da traten die Fräulein vom See herein
Mit leuchtenden Augen und glitzerndem Schein
Von seegrün schimmernder Seide,
Verneigten sich gegen der Gäste Schaar,

35
Und grüßten so freundlich das bräutliche Paar

Im hochzeitprangenden Kleide.

Wohl faßte die Burschen und Jungfern ein Graun,
Dieweil sie die Nixen vom See da schauen
In ihrem gespenstigen Glanze;

40
Doch zwei von den Burschen, wacker und kühn,

Die suchten sich ihrer Gunst zu bemühen
Und forderten keck sie zum Tanze.

Die Pfeifen ertönten, die Zither erklang
Zum Tanze die Tenne des Hauses entlang,

45
Wie tanzten die Nixen so schaulich!

Wie kosten sie minnig im wechselnden Scherz,
Da ward es den Burschen so warm um’s Herz,
Da ward es den Tänzern so traulich! –

Doch als es nun gegen die Mitternacht war,

50
Da wurden die Augen, sonst immer so klar,
[145]

Der Nixen nun trüber und trüber:
„Ach, lieben Freunde!“ sprachen sie leis,
„Jetzt ruft uns des Vaters strenges Geheiß,
Wir müssen zur Heimath hinüber.“

55
Die Tänzer baten so innig, so lang,

Da widerstanden sie nimmer dem Drang,
Und sprachen zu ihnen mit Leiden:
„Ach, wie’s vor der Strafe so sehr uns bangt!
Ach, bis wir hinüber zum See gelangt,

60
Geleitet uns freundlich, ihr Beiden!“


Drauf eilten sie fort von dem Hochzeitstanz,
Und wie sie gingen im Mondesglanz,
Da horchten die Schwestern mit Grausen:
„Ach, hört ihr wohl, wie der Vater keift!“

65
Die Burschen aber die Angst ergreift,

Die hörten den See nur brausen.

Jetzt standen die Nixen am schilfigen Rand
Und reichten den Burschen die weiche Hand
Und ließen sich herzlich küssen,

70
Und lispelten: „Ach, wir werden vielleicht,

Wenn nicht des Vaters Groll von uns weicht,
Auf immer uns trennen müssen!

Doch bleibet jetzt hier am Ufer steh’n
Und harrt, bis daß wir euch nicht mehr seh’n;

75
Jetzt tauchen wir uns hernieder,

Und wenn es tief unten tobet und bebt,
Und wenn sich der See blutschäumig erhebt:
Dann sehn wir uns nimmer wieder.“

Verschwunden waren die Nixen im Nu,

80
Die Wellen schlagen dem Ufer zu,

Wo ängstlich die Burschen lauschen;
Die Thurmuhr fern schlägt Mitternachtszeit,
Die Unken rufen, der Uhu schreit, –
Bang tönet des Schilfes Rauschen!

[146]
85
Doch horch! hat’s nicht tief unten gedröhnt?

Hat’s nicht tief unten im See gestöhnt,
Wie schmerzlich dumpfes Gewimmer?
Und plötzlich seh’n sie, von Schreck erbebt,
Wie sich blutschäumig die Welle hebt

90
In Mondes verbleichendem Schimmer.


Wohl floh’n sie von Angst ergriffen fort,
Wohl mieden sie fürder den einsamen Ort,
Der Zeuge des Spuck’s gewesen;
Doch sind seit jener Mitternachtszeit

95
Von kranker Liebe und Traurigkeit

Die Bursche nimmer genesen.

G. Schulz.
(Dieselbe Sage spielt noch an zwei andern kleinen inländischen Seeen, im Schwarzwald und im Elsenzgau.)