Die Offenbarung Johannis/Die von Luther unabhängigen Ausleger der protestantischen Kirche

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Luther und seine Nachfolger Wilhelm Bousset
Die Offenbarung Johannis
Die englischen Kommentatoren »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
[86]
10. Die von Luther unabhängigen Ausleger der protestantischen Kirche.

Hieran schließe ich einen Überblick über die Kommentare der Reformationskirchen, die sich Luther gegenüber selbständig halten. Wir müssen zunächst ein Stück zurückgehen und noch einige Kommentare besprechen, die vor Luthers Auslegung geschrieben sind.

Franciscus Lambertus schrieb bereits 1528 einen Kommentar zur Apk[1]. Im Anfang der Erklärung lehnt Lambertus sich ganz an die gebräuchliche Auslegung (Ticonius-Beda-Haymo-Strabo) an (vgl. die Auslegung der drei ersten Siegel, auch die gebräuchliche Siebenteilung des ganzen Buches). Aber schon im vierten Siegel findet er die Türken, im sechsten Siegel, wieder mit fast allen Auslegern, die letzten Zeiten des Antichrist, im siebenten die kurze Ruhezeit nach der Besiegung des Antichrist. Von hier an aber beginnt für L. die direkt antipapistische Auslegung der Apk. Zwar identifiziert er weder Papst noch Türken mit dem Antichrist, aber diese sind ihm das Vorspiel der noch viel schrecklicheren antichristlichen Macht (vgl. den Gedanken vom antichristus mysticus bei den spirituellen Franziskanern). Apk 17,10 deutet er die fünf gefallenen Könige auf die vielen dem Papsttum von den Türken abgenommenen Königreiche. Merkwürdig ist, daß Lambertus Apk 20 chiliastisch auf die kurze Ruhezeit nach der Besiegung des Antichrist deutet.

Melchior Hoffmann, Auslegung der heimlichen Offenbarung Joh., (1530) gibt ebenfalls im Anfang seiner Auslegung die seit Beda gebräuchliche Deutung, findet aber im vierten Siegel schon das Papsttum, im sechsten die Zeit Hussens. In den Posaunen sind Irrlehrer angedeutet, in der fünften und sechsten findet Hoffmann wieder das Papsttum. Die fünf Monate der Heuschrecken bedeuten die 150jährige Herrschaft des Papstes von Hussens Zeit an gerechnet. Apk 13 A wird auf das aus dem römischen Reich stammende Papsttum gedeutet, 13 B auf das falsche Prophetentum, 17,10 auf sieben auf einander folgende Reiche, von denen das sechste das römische, das siebente das Papsttum ist. Chiliast ist H. nicht. Hier und da kommen seine spezifisch theologischen Ideen zum Ausdruck (Apk 13,10. 19,12). Er feiert in dem Kommentar wesentlich Huß und Hieronymus; von Luther ist, soweit ich sehe, nicht die Rede.

Sebastian Meyer schrieb seine Auslegung nach Panzers Annalen bereits 1534[2]. Die Auslegung, die sich an Beda und Strabo anlehnt, ist noch sehr altertümlich gehalten. M. gibt an vielen Stellen neben seiner eigenen Auslegung in extenso ältere Auslegungen, namentlich die des Rupert v. Deutz. Auch seine Auslegung ist[87] bereits antipäpstlich (s. zu Apk 8 und 9). Die beiden Tiere sind die Monarchie überhaupt, welche sich im römischen Kaisertum, Muhamed und dem Papsttum offenbart. Das tausendjährige Reich rechnet M. von der Geburt Christi bis zum Losbrechen der Türken[3]. Luthers Einfluß macht sich noch nicht geltend. — Hier kann sogleich auch der etwas spätere Kommentar des Marloratus (Novi Test. cathol. expos. Tom. II. Genev. 1564) genannt werden, denn dieser schließt sich noch immer teils an Beda, teils wörtlich an Meyer an.

Auf ganz eigenen Bahnen geht die Auslegung von Theodor Bibliander[4]. Er findet in den sieben Siegeln die ganze Weltgeschichte von Adam bis zum Weltende, in Kap. 8 und 9 eine Rekapitulation, bezieht Kap. 11 auf das Konzil zu Constanz, dessen Dauer 42 Monate betrage. — Auf der andern Seite aber nimmt er die fünf Monate der Heuschrecken einfach wörtlich und findet in Kap. 12 die ecclesia, welche Christus gebiert[5], die Verfolgung des Herodes, Christi Tod und Himmelfahrt angedeutet. Er bezieht ferner die Flucht des Weibes auf die Verfolgung der Christen von Seiten der Juden, die dann folgende Wendung des Drachen gegen die übrigen aus dem Samen des Weibes auf die Verfolgung der heidenchristlichen Kirche durch Nero. Das Tier ist das Römerreich, die Wunde, welche es erhält, ist Neros Tod, mit dem das Kaisergeschlecht erlischt. Vespasians Thronbesteigung ist die Heilung der Todeswunde. Dieser führt mit den Juden den 3½jährigen Krieg. Dann — so mündet die Auslegung wieder in das übliche Fahrwasser ein — zerfällt das römische Reich und wird erneuert durch das zweite Tier, die antichristliche Macht des Papsttums[6]. Nachdem dann B. aus den Schalenplagen Ziska, Procop und die Einnahme Konstantinopels herausgelesen hat, finden wir wieder in streng zeitgeschichtlicher Deutung die fünf gefallenen Könige von Galba bis Titus gezählt. Der sechste ist Domitian, der siebente Nerva, der achte Trajan, welcher als von Nerva adoptiert aus den sieben sei. So erscheinen im Beginn der Reformationszeit überraschend und unerwartet Fragmente und Anfänge einer richtigen Auslegung der Apk[7].

Eine unabhängige Stellung nimmt auch die Isagoge Apocalypseos des Lutheraners Petrus Artopoeus (Frankf. 1549) ein. In manchen Punkten, namentlich in der Auslegung von Apk 12 zeigt A. Berührungen mit Bibliander. Für ihn hat mit dem Jahre 1546 der letzte Kampf begonnen (zu Apk 19,11ff.), er wird 3½ Jahre dauern. Dann wird die Ungerechtigkeit überhand nehmen (bis 1554). Zugleich wird [88] der Türke einbrechen. — Der ausführlichere Kommentar des Artopoeus (Basel 1536 nach Walch 760) ist mir unzugänglich.

Bullinger zeigt in seinen Predigten (1557, über die Ausgaben des Buches vgl. Lücke 1016) über die Apk eine außerordentlich reiche Belesenheit, namentlich auch in der älteren Literatur. Wir finden Justin, Irenäus, Tertullian, Lactanz zitiert. Vor allem ist zu bemerken, daß er auch den Kommentar des Arethas kannte. B. kennt ferner den Kommentar des Victorin und weist dessen Nerodeutung ab. Er schließt sich in den ersten Partieen der Apk in der Deutung durchweg an Luther an. Nur deutet er den Engel Apk 10 nicht auf das Papsttum und findet dieses bereits in der fünften Posaune, und an diesen Punkten sind ihm, wie wir sahen, alle Lutheraner gefolgt. In der Auslegung von Apk 12. 13 und 17 aber folgt B. dem Bibliander (bis auf die Deutung der Zahl 666, auf die Zeit von 97-763, der Zeit der Entstehung der Papstherrschaft).

Franc. Junius, Apoc. Joannus illustrata. Heidelb. 1591 (auch in den Opera theologica Genev. 1613), scheint in der Deutung von Apk 12. 13. 17 dem Bullinger zu folgen. Die Todeswunde, die das Tier Apk 13 erhält, bezieht er allerdings auf das Papsttum, nicht auf das Römerreich. Die 5. und 6. Posaune, die nach ihm beide in die Zeit des Papsttums fallen, setzt er um 150 Jahre aus einander (1075 Gregor VII. - 1217 Gregor IX.), Apk 11 findet er die Ereignisse unter Bonifacius VIII. (35 + 1260 = 1295), das tausendjährige Reich berechnet er bis auf die Zeit Gregors VII.

Ein ganz merkwürdiger Kommentar endlich ist der von Petrus Caponsacchius de Pantaneto Arretinus (in Joannis apocal. obeservatio ad Selimum II. Turcarum imperatorem. Flor 1572. C. bringt nämlich bis zum 11. Kap. eine durchaus historisierende Deutung auf die Katastrophe der Zerstörung von Jerusalem. Der fallende Stern der fünften Posaune ist der große Komet, der damals am Himmel gesehen wurde. In Kap. 11 sind die beiden Zeugen die Hohenpriester Jesus und Ananus. Das Erdbeben bedeutet das Eindringen der Idumäer in die Stadt. Bei der siebenten Posaune tritt die Zerstörung Jerusalems ein. — Ebenso aber ist vom 12. Kap. alles auf die Eroberung Kleinasiens und die Vernichtung des dortigen Christentums durch die Muhamedaner und Türken bezogen. Capons. scheint also bei diesen Deutungen, da er die Weissagung wesentlich auf Kleinasien beschränkt, den Versuch gemacht zu haben, die Art der Weissagung sich psychologisch verständlich zu machen. Schließlich läuft das ganze in eine Prophetie wider die Türken aus, deren Sturz C. voraussieht. Dann soll die Ruhe des tausendjährigen Reiches eintreten. — Bemerkenswert ist, daß C. überall zur Deutung der Apk das vierte Esrabuch heranzieht.

Überschauen wir diese protestantischen Auslegungen Deutschlands und der Schweiz, so sind ihnen allen zwei Merkmale gemein. Einmal folgen sie alle dem weltgeschichtlichen Schema der Auslegung, wie dieses etwa mit Nicolaus von Lyra begonnen ist. Dann aber sind sie alle — abgesehen etwa von Bibliander und seinen Nachfolgern — einig in der antipapistischen Deutung der Apk. Hier wirkt die schwärmerische enthusiastische Auffassung des Buches, wie sie mit Joachim und den spirituellen Franziskanern begann, mächtig weiter. Freilich büßte diese Auffassung, in dem Maß als die evangelischen Kirchen sich konsolidierten, an wirklichem Stimmungsgehalt viel ein; was übrig blieb, war nicht mehr als eine abstrakte dogmatische Behauptung, ein besonders beliebtes Waffenstück protestantischer Polemik[8]. — Im einzelnen [89] wurde die protestantische Auslegung weithin durch die wenigen Blätter der grandiosen Lutherschen Auslegung beherrscht.


  1. Fr. Lamb. Avinionensis in sanctam divi Joannis apocalypsim Libri VII. (Marburg) 1528.
  2. Walch gibt 1554 an, ich benutzte die Ausgabe Tiguri 1603.
  3. Es werden von nun an drei Methoden üblich, die tausend Jahre zu berechnen; man rechnete entweder von Christi Geburt an und kam dann bis zum Anfang der Türkenherrschaft, oder von der Zeit der Apk und geriet dann in die Zeit Gregors VII., oder endlich von Constantin entweder bis zur beginnenden Ottomanenherrschaft oder bis zur Zeit Bonifacius VIII.; mit Hülfe der 1260 Jahre (Apk 11,3) kam man außerdem von Constantin bis zur Reformationszeit.
  4. Diligens atque erudita enarratio libri Apoc. Joh. 1549; als Anhang der Isagoge von Petrus Artopoeus beigegeben. Walch 769 gibt an: commentarius in Apoc. Joannis. Basil 1549. Sind die Ausgaben identisch? (Vgl. bereits Lücke 1061,1.)
  5. Eine Deutung, die schon Lambertus wenigstens anführt.
  6. Merkwürdig ist, daß das Papsttum hier novus „Caligula“ genannt wird. Auch bei Artopoeus (s. u.) wird 16b Caligula neben Nero erwähnt.
  7. Woher hatte Bibliander seine Auslegungen? Las er den Victorin? Oder führte ihn Luthers Deutung des Tieres auf das römische Reich gleichsam zufällig auf diese geschichtlichen Deutungen?
  8. Welchen Scharfsinn und Eifer man auf die Aufrechterhaltung dieser Deutung WS: Die auf der nächsten Seite fortgesetzte Anmerkung wurde hier vervollständigt verwandte, zeigt das zweibändige Werk von J. H. Heidegger, Mysterium Babylonis magnae. Lugd. Bat. 1687 (I. II 552 u. 832 Seiten Auslegung von Kap. 17-18 der Apk!).
« Luther und seine Nachfolger Wilhelm Bousset
Die Offenbarung Johannis
Die englischen Kommentatoren »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).