Die Priesterin von Delphi

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Priesterin von Delphi
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 221, 227–228
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[221]
Die Gartenlaube (1892) b 221.jpg

Die Priesterin zu Delphi.
Nach einem Gemälde von Henri Motte.

[227] Die Priesterin von Delphi. (Zu dem Bilde S. 221.) In einer engen, tiefen Schlucht südlich vom Parnaß, unterhalb zweier steil aufsteigender Felswände desselben, lag Delphi mit seinem berühmten Orakel. Hier hatte nach dem Mythus der Gott Apollo, nachdem er den Drachen Python überwunden, Männern aus Kreta, die er in Gestalt eines Delphins nach Griechenland geleitet, geboten, einen Tempel zu gründen. Schon Homer kannte diesen Tempel in „Pytho“, der Fragestätte. In alter Zeit sprach der Gott nur einmal im Jahre, später an jedem siebenten Monatstag, auch öfter, wenn die Opfer günstig waren. Wer ihn befragen wollte, der hatte sich mehrere Tage vorzubereiten, sich zu reinigen und mit dem Wasser des kassotischen Quells zu besprengen. Dann brachte er, mit Lorbeer bekränzt, in der Zelle des Tempels ein Opferthier dar. Fanden die Priester das Opferthier fehlerlos und die Zeichen günstig, so durfte der Fragende in die Ueberbauung des Erdschlundes, eine durch große Steinblöcke gebildete Kammer, hinabsteigen. Hier sehen wir auf dem Bilde von Henri Motte die Priesterin auf dem hohen Dreifuß sitzen, über dem Erdschlund, „dem Munde der Erde“, wie die Griechen sagten. Die Pythia war in früheren Zeiten eine Jungfrau aus bürgerlichem Stande, später wählte man eine ältere Frau. Durch Baden und dreitägiges Fasten mußte sie sich vorbereiten, und nachdem sie Wasser aus dem kassotischen Quell getrunken, nahm sie Lorbeerblätter in den Mund und bestieg, in ein langes Gewand gekleidet, den Dreifuß, dessen Unterbau der Spruch „Erkenne dich selbst“ zierte. Allmählich versetzten die aufsteigenden Dämpfe sie in den göttlichen Wahnsinn, in welchem sie [228] ihr Prophetenwort verkündete. Schreiend, unter krampfhaften Zuckungen stieß sie einige deutliche Worte oder unverständliche Töne aus – der Priester, welcher den Fragenden geleitet hatte, bildete aus ihnen den Orakelspruch, den er jenen verkündigte. Henri Motte hat phantasievoll den Erdspalt bevölkert mit verhüllten Gestalten, welche das Orakel des Gottes in tiefer Ehrfurcht vernehmen, und mit Schlangen, die an den Füßen des Dreifußes emporzüngeln – zur Erinnerung an den alten Drachen, den hier der Gott erlegte.

Delphi war längere Zeit der kirchliche Mittelpunkt Griechenlands. Die Orakelsprüche waren weit seltener Verkündigungen der Zukunft als politische Weisungen und Rathschläge, welche den Abgesandten der Herrscher und der Völker ertheilt wurden. Diese Rathschläge waren meistens klug und praktisch, sowohl was die innere Verwaltung und Regierung der Staaten als auch besonders die Gründung von Kolonien und Handelsplätzen betrifft. Auf die ganze Entwicklung von Griechenland hatten sie den größten Einfluß. Die Prophetin auf dem geheiligten Dreifuß war nur eine Statistin – die Hauptrolle spielten diejenigen, die ihre Worte deuteten und sie in der Form von Orakelsprüchen verkündeten. Das waren kluge Männer, welche durch geheime Verbindungen über die inneren und äußeren Verhältnisse der einzelnen Staaten aufs genaueste unterrichtet waren und mit überlegenem Geiste ihre Angelegenheiten leiteten. †