Die Sankt Barbara- oder Schloßkapelle zu Stolpen

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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Die Sankt Barbara- oder Schloßkapelle zu Stolpen
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 138—142
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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60. Die Sankt Barbara- oder Schlosskapelle zu Stolpen.

Es war im Jahre 1813. Die Franzosen hausten im Lande, und niemand erlebte frohe Stunden. Städte und Dörfer wurden in rauchende Trümmerhaufen verwandelt und die Bewohner des Landes ausgeplündert. Auch in Stolpen wirtschafteten die Franzosen in gewohnter Weise. Ihre Zerstörungswut ließen sie an dem Schlosse aus, das durch ihre Hände fast vollständig in die Luft gesprengt wurde. So ging damals unter vielen anderen Schloßgebäuden auch die hochinteressante und altehrwürdige Sankt Barbara- oder Schloßkapelle durch die Franzosen zu grunde. Heute stehen von ihr nur noch die Grundmauern.

Die Sankt Barbarakapelle des Schlosses zu Stolpen wurde im Anfange des 15. Jahrhunderts von dem damaligen Bischof zu Meißen, Thimo,[WS 1] erbaut. Derselbe stiftete dabei zugleich ein „Collegium von sieben Canonicis“. Diese Stiftung bestätigte am 7. Juli 1409 der Papst Alexander V.[WS 2] und befreite diese Kirche von aller Botmäßigkeit und Gewalt des „Domkapituls“ zu Meißen, „wie auch des Archidiaconus des Ortes und ordentlichen Richters dergestalt“, daß sie allein dem Bischofe zu Meißen und seinen Nachfolgern unmittelbar unterworfen sein sollte. Die neue Kirche wurde der heiligen Barbara gewidmet, wie aus einem Dokumente vom Jahre 1470 zu ersehen ist. Barbara war eine Heilige und Märtyrerin. Nach der Legende wurde sie in Nicomedia in Kleinasien geboren. Da sie Christin geworden, sperrte sie der Vater in einen Turm. Auf des Vaters Geheiß ward Barbara alsdann, da sie trotzdem Christin blieb, von dem Prokonsul Marianus verstümmelt und schließlich von ihrem eigenen Vater um’s Jahr 240 (nach anderen Berichten 306) enthauptet, den aber zur Strafe dafür der Blitz traf. Barbaras Gedächtnistag ist der 4. Dezember, weshalb einst an diesem Tage eines jeden Jahres in der Schloßkapelle zu Stolpen ein großes Fest gefeiert wurde. Sankt Barbara ist die Schutzpatronin der Krieger, insbesondere der Artilleristen, auch wird sie zum Schutze gegen das Gewitter angerufen. In der bildenden Kunst wird sie mit einem Turme, der drei Fenster hat (Symbol der Dreieinigkeit), mit Kanonenläufen, mit Palme und Monstranz, beziehentlich Kelch, abgebildet. –

Die Schloßkapelle zu Stolpen hatte mehrere Altäre. Der „Hohe Altar“ oder der Hochaltar war „U. L. Frauen, ingleichen der Sankt Barbara und dem heiligen Erasmus“ geweiht. Die Stifter dieses Altares waren „Bartholomäus Laß und George Heyde, deren Jahresgedächtnis deshalb an gewissen Tagen in der Sankt Barbarakapelle gefeiert ward, wie aus der alten Kirchenordnung, nach welcher der Gottesdienst in der Schloßkapelle eingerichtet gewesen, zu ersehen ist. Später hat Bischof Johann V. von Weißbach[WS 3] diesen Altar im Jahre 1487 „überaus prächtig zieren und vergolden lassen“. Der Chronist beschreibt diesen interessanten Altar in folgenden Worten:

„Es steht dieses schöne Denkmal des Altertums noch heutigen Tages und kann nicht ohne Bewunderung und Vergnügen betrachtet werden. Der untere Teil dieses Altares ist steinern, und man muß auf drei Stufen dazu hinaufsteigen; der obere Teil ist hölzern. In der Mitte dieses Altares, so mit 2 Flügeln, die auf- und zugemacht werden können, versehen ist, stehen drei sauber gearbeitete, hölzerne und stark vergoldete Bildnisse derjenigen Heiligen, denen der Altar gewidmet gewesen. Das mittelste darunter ist das Bildnis der Jungfrau Maria, welche das Jesuskind auf dem linken Arme [139] trägt. Sie hat eine goldene Krone auf ihrem Haupte und den Mond unter ihren Füßen. Statt des gewöhnlichen Scheines um den Kopf der Heiligen stehen an der Wand folgende Worte mit goldenen Buchstaben: „Ego mater pulchre dilectionis et sancte“ (Ich, die Mutter der schönen und heiligen Liebe). Um ihres Kleides Saum steht ebenfalls eine lateinische Inschrift, wovon man aber nur einige wenige Worte lesen kann: als: – civitas et eternitas – properat – – –. Zu ihrer Rechten steht Sankt Erasmus im bischöflichen Kleide. Um seinen Kopf liest man folgendes: „Gaudete et exultate, quoniam merces vestra copiosa in coelis“. (Freut Euch und seid fröhlich, weil Euer Lohn im Himmel überreich sein wird). Zur Linken der Maria steht das Bildnis der Sankt Barbara, die gleichfalls eine goldene Krone auf dem Haupte trägt. Um ihren Kopf findet man folgende Worte geschrieben: „Diffusa est gratia in labiis tuis propter – –. (Groß ist der Dank auf deinen Lippen wegen – –). An ihres Kleides Saum befindet sich abermals eine lateinische Inschrift, von welcher aber nur ein Teil zu lesen ist, nämlich: Regnum et omnem ornatum seculi – risit. Quem vidi, quem amavi, in – “. Unter diesen Bildern, an der niederen Leiste des Altares, stehen folgende Worte: „Regina celi, letare, alleluja, quia, quem meruisti portare, alleluja, resurrexit, ficat, dixit, alleluja, ora pro nobis deume, alleluja“. (Himmelskönigin, freue dich, Halleluja, weil der, den Du zur Welt zu bringen berufen warst, Halleluja, auferstanden ist, Halleluja, bitte für uns den Herrn, Halleluja!). – Über den Bildern, an der oberen Leiste, stehen die Worte: „Filia sum solis, et sum cum sole creata. Ave. Sum decies puinque, sum quinque decemque vocata“. (Ich bin die Tochter der Sonne und bin mit der Sonne geschaffen; zehnmal bin ich, auch fünf und zehn werd ich genannt[1]).

Zu dieser Inschrift bemerkt der Chronist Gercken folgendes: „Diese rätselhaften Ausdrücke beziehen sich ohne Zweifel auf den Mond, den Maria unter ihren Füßen hat, wie oben gemeldet worden. Der Verstand würde also dieser sein: Ich bin der Sonnen Kind (denn der Mond hat sein Licht von der Sonne), zugleich mit ihr gemacht (denn Gott machte zwei Lichter), auf lateinisch heiße ich Lux (ein Licht), welches Wortes und Buchstaben auf obige Weise können gezählt werden. – Wie muß sich nicht der Verfasser den Kopf darüber zerbrochen haben!“ –

Ganz oben am Altare waren folgende Verse zu lesen: O regina poli, mater gratissima proli, Spernere me noli, commendo me tibi soli. (O Himmelskönigin, teuerste Mutter des Herrn, verachte mich nicht, ich befehle mich allein deinem Schutze an!) – Allein der Kurfürst Vater August[WS 4] hat dieselben mit einer blauen Tafel verdecken und dann folgendes Distichon (einen Doppelvers) darauf setzenlassen:

Si vis auctorem, quicumque es posse salutis: Sola salus Christi sangvis et una salus. (Wenn du, wer du auch seist, willst kennen den Schöpfer des Heils, Christi Blut ist nur Heil und das einzige Heil.) – Die beiden Flügel des Altares waren bemalt, und zwar zeigten diese Bilder Vorgänge aus der heiligen Schrift. Der Chronist sagt hierüber:

„Die dabei gebrauchten Farben sehen, der Länge der Zeit ungeachtet, so frisch aus, als ob sie nur ganz neuerlich aufgetragen wären, und das [140] häufig angebrachte Gold erhebet dieselben so ausnehmend, daß das Auge dadurch besonders ergötzet wird. Am rechten Flügel ist, in der oberen Abteilung, die Verkündigung des Engels Gabriel im Bilde zu sehen mit der Bleischrift: Maria gratia plena, Dominus tecum! (Maria, Gnadenreiche, der Herr sei mit Dir!) In der unteren Abteilung aber findet man die Geburt Christi abgebildet. Darunter stehen die Worte: Partus et integritas discordes tempore longo. – Am linken Flügel befinden sich in der oberen Abteilung die Darstellung Christi im Tempel zu Jerusalem, in der unteren Abteilung aber die Weisen aus dem Morgenlande. Darunter steht folgendes:

Virginis in premio federa hacis habent 1487. –

Die äußerliche Gestalt erhielt dieser Altar zur Zeit des Kurfürsten Vater August. Derselbe war es, der die Reformation in Stolpen einführte. Er ließ auch den Hochaltar der Sankt Barbarakapelle bemalen. Unten am Altare war das letzte Ostermahl des Herrn abgebildet. Am rechten Flügel sah man in der oberen Abteilung die Ausgießung des heiligen Geistes bildlich dargestellt, in der unteren Abteilung erblickte man den Reformator Luther auf der Kanzel und viel Volk um ihn her. Am linken Flügel und dessen oberer Abteilung war die Taufe Jesu im Jordan, in der unteren eine gewisse Taufhandlung abgebildet, wobei der Kurfürst Vater August in hoher Person „zu Gevattern“ gestanden und fand sich die Jahreszahl 1566 mit angemerket.“ Soweit der Bericht des Chronisten.

Zur Erläuterung des oben Gesagten diene folgendes:

Am 22. Juni des Jahres 1566 ließ der Besitzer des Lehngutes zu Altstadt bei Stolpen, Barthel von Tolckwitz, einen Sohn in der Schloßkapelle taufen, der den Namen „August“ erhielt. Dazu hatte Barthel von Tolckwitz folgende fürstliche Personen als hohe Taufzeugen geladen: Den Kurfürsten August zu Sachsen, die Kurfürstin Mutter Anna[WS 5] und den Herzog von Holstein, den Bruder der Kurfürstin.[WS 6] Da nun diese drei genannten fürstlichen Personen bei der erwähnten Taufhandlung selbst anwesend waren und in eigener Person als Taufzeugen auftraten, so suchte man diesen Vorgang durch ein darauf hinweisendes Gemälde zu verewigen. Der Hersteller dieser Gemälde war der kurfürstliche Hofmaler Heinrich Gödigen.

Nach den Berichten des Chronisten zu schließen, muß der Hochaltar der Schloßkapelle zu Stolpen sehr wert- und schmuckvoll gewesen sein. Von ihm sieht man heute nur noch die drei Stufen, welche zu ihm hinaufführten, und auch diese sind schon zum größten Teile mit Rasen überzogen. Wo aber einst jener prachtvolle Hochaltar stand, befindet sich heute ein Rasenhügel.

Nun gab es in der Schloßkapelle aber auch noch den Altar der Sankt Katharina, des Sankt Bartholomäus, des Sankt Andreas, zur heiligen Dreifaltigkeit, des Sankt Laurentius, des „Sankt Crusis primi ministerii und Sankt Crucis secundi ministerii“. Alle diese genannten Altäre besaßen hohe und viele Einnahmen. Ihnen hatten die verschiedensten Personen sehr reiche Stiftungen vermacht.

Die Schloßkapelle zu Stolpen wird vom Chronisten weiter also geschildert:

„Es steht noch heute (1764) mitten in dieser Kirche ein großes, steinernes und sehr künstlich gearbeitetes Crucifix, aus den Zeiten des Papsttumes, woran einer von den eben genannten Altären gestanden hat, und es wird der noch vorhandene steinerne Altartisch jetzt statt eines Taufsteines gebraucht. Damit nun der Gottes- oder vielmehr Mariendienst desto fleißiger in unserer Schloßkirche abgewartet würde, sorgten die Bischöfe auch für ein gutes Einkommen [141] derselben. Bischof Johann IV.[WS 7] vererbte in solcher Absicht im Jahre 1428 ein Vorwerk in der Altstadt und verordnete einen gewissen jährlichen Zins, der den Altaristen der Schloßkapelle mußte gereicht werden, wie solches schon sein Vorfahrer Bischof Rudolph[WS 8] zu tun die Absicht hatte, der aber darüber verstorben war, ehe das Werk zu stande gebracht werden konnte.“ –

Die Schloßkapelle war außerdem mit Reliquien der Heiligen reichlich versehen. Diese Sammlung wurde aber noch mehr bereichert, als im „Meißnischen“ die Reformation eingeführt worden war und der damalige Bischof nach Stolpen, das noch viele Jahre papistisch war, sich zurückzog. Aus Meißen flüchtete er hierher mit all’ seinen Heiligtümern. Diese Reliquien blieben in der Sankt Barbarakapelle natürlich nur solange, als Stolpen noch in den Händen des Bischofs war.

Bisher war die Schloßkapelle zum öffentlichen Gottesdienste gebraucht worden. Es trat hierin aber im Jahre 1559, in welchem Jahre die Reformation in Stolpen eingeführt wurde, eine Änderung ein. In der Schloßkapelle wurde von jetzt ab kein öffentlicher Gottesdienst mehr abgehalten, außer wenn der Kurfürst in Stolpen weilte. Aber im Jahre 1660 ward auf ergangenen gnädigsten Befehl des durchlauchtigsten Kurfürsten Johann Georg II.[WS 9] durch Vermittelung des damaligen Kommandanten und Amtshauptmannes von Schweinitz die Anordnung eines wöchentlichen Gottesdienstes in der Schloßkapelle getroffen. Nunmehr wurde jeden Dienstag eine Predigt von einem der drei Geistlichen Stolpens wechselweise in der Schloßkirche gehalten. Außerdem hatte der Pastor am 3. Feiertage zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten zu predigen. Der damalige Superintendent zu Bischofswerda, D. Andreas Kühn, hielt am 27. November 1660 die erste von diesen neuangeordneten wöchentlichen Dienstags-Predigten in der Sankt Barbarakapelle und zwar über Psalm 27, 4.

Geschichtliches Interesse hat die Schloßkapelle zu Stolpen noch dadurch, daß Kurfürst Vater August in derselben seinen 8. Sohn, den Prinzen „Adolf“, taufen ließ. Prinz Adolf erblickte auf Schloß Stolpen das Licht der Welt. Hier hielt sich das Fürstenpaar gern und wiederholt auf. Hierher war der Kurfürst mit seiner Gemahlin vorher zu längerem Aufenthalt gezogen. Am 6. Juni 1571 wurde Prinz Adolf auf Burg Stolpen geboren und wenige Tage darauf in der Schloßkapelle getauft. Die Taufzeugen waren: D. Preucer, Dominus Magister Philippus und die Frau Doktor Refin. Das Wochenbett der Kurfürstin Mutter Anna war im 18. Jahrhunderte noch im Schlosse zu sehen.

In neuerer Zeit hat die in Trümmern liegende Schloßkapelle zu Stolpen die Aufmerksamkeit der Besucher dadurch auf sich gelenkt, daß man im Jahre 1883 in ihr die langgesuchte Gruft der im Jahre 1765 verstorbenen Gräfin Cosell[WS 10] wieder aufgefunden hat. Diese Grabstätte ist gegenwärtig durch eine Steinplatte mit eingegrabenem Kreuze gekennzeichnet. Eine auf dem Sarge befindliche Kupferplatte trug folgende Inschrift:

„Hier ruhet in Gott und erwartet die fröhliche Auferstehung die hochgeborne Frau Anna Constanze, Reichsgräfin von Cosell, geb. von Bruckdorf. Sie erblickte das Licht dieser Welt Anno: 1680 den 18. Okt. auf dem Erbgute Depenau in Holstein. Ihr Herr Vater war der weil. wohlgeb. Herr Joachim von Bruckdorf, hochbestalt gewesener Oberster über ein dänisches Kürassier-Regiment. Ihre Frau Mutter war die hochgeborne Frau Anna Margarethe, geb. Gräfin von Marselli. Ihr Herr Großvater von mütterlicher Seite war der wohlgeborne Herr Detehoff von Burgdorf, ebenfalls in dänischen Diensten, [142] ihre Frau Großmutter aber die wohlgeborne Freifrau Frau Anna Dorothea aus dem Hause Rantzau im Holsteinischen. Die Cosell vermählte sich Anno: 1699 an Adulphum von Hoym und entschlief in Gott, nachdem sie ihr ruhmvolles Alter auf 84 Jahre, 5 Monate und 13 Tage gebracht, den 31. 3. 1765.“ –

Der Eingang zur Sankt Barbarakapelle befindet sich auf der Nordseite. Im Innern sieht man an der westlichen Mauer noch eine alte Steintreppe, die jedenfalls in den sogenannten Kapitelturm emporführte, in dem sich zwei große „Capituls-Stuben“ befanden, woselbst sich „die Canonici“ (Dom- oder Stiftsherren) versammelten. Die Schloßkapelle trug auch einen Turm, in dem drei Glocken hingen, die aber beim Wegzug des letzten Bischofs mitgenommen worden sind. Im Jahre 1660 wurde dieser Turm ausgebessert, der alte zinnerne Knopf abgenommen und am 23. Juli desselben Jahres ein kupferner, 23 Pfund schwerer aufgesetzt. In dem damals abgenommenen Turmknopfe befanden sich einige „Agnus Dei“ (Andachtsbildchen). Dieselben waren aus Wachs hergestellt und in schwarzen Sammet eingenähet, wurden aber im neuen Turmknopfe wieder beigelegt und somit sorgfältig aufbewahret.

Heute ist aber von jenem Turme der Schloßkapelle nichts mehr zu sehen. Derselbe ging 1813 verloren. Von ihm sind nur noch die Grundmauern übriggeblieben. Der blaue Himmel bildet heute das Gewölbe der ehemaligen Schloßkapelle zu Stolpen. Der Zahn der Zeit nagt gewaltig an ihr, doch wird sie trotzdem gewiß noch Jahrhunderte der Witterung widerstehen; denn die festen Basaltmauern scheinen für die Ewigkeit erbaut zu sein.

Um das Gemäuer der alten Burgkapelle hat Frau Saga ein duftendes Gewand gehüllt; denn die Sage flüstert so gern in Ruinen, schwebt um stolze Burgen und thront auf Felsensteinen. Nachts hört man oftmals ein seltsames Klingen von der alten Burgkapelle her. Das sollen die silbernen Glocken sein, welche einst die frommen Beter zur Andacht riefen. In dunklen Herbst- und Winternächten, wenn der Sturmwind rasend durch das alte Gemäuer der Burg fährt, vernimmt man aus dem verfallenen Kirchlein Chorgesang wie von Geisterstimmen. In der Burgkapelle hält man Mette zur Mitternacht. – Gespenstische Schatten huschen hin und her. Ein Trauerzug bewegt sich nach dem stillen Kirchlein. Ein müder Pilger wird zur letzten Ruhestätte gebracht, doch wenn die alte Burguhr die erste Morgenstunde verkündet, dann ist aller Spuk urplötzlich verschwunden.


  1. Hierzu ist erklärend zu bemerken: 10×5=50, römisch mit L bezeichnet; 5=V und 10×X. Diese Zeichen geben zusammengesetzt das lateinische Wort: LVX,=lux, auf deutsch: „Licht“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Thimo von Colditz, Bischof von Meißen (1399 bis 1410)
  2. Alexander V., Gegenpapst (1409 bis 1410)
  3. Johann V. von Weißenbach, Bischof von Meißen (1476 bis 1487)
  4. August (1526–1586), Kurfürst von Sachsen
  5. Anna von Dänemark (1532–1585), Kurfürstin von Sachsen
  6. Magnus (1540–1583), Herzog von Holstein und Bischof von Ösel-Wiek
  7. Johannes Hoffmann von Schweidnitz, Bischof von Meißen (1427–1451)
  8. Rudolf von der Planitz, Bischof von Meißen (1411–1427)
  9. Johann Georg II. (1613–1680), Kurfürst von Sachsen
  10. Anna Constantia Reichsgräfin von Cosel (1680–1765), Mätresse Augusts des Starken