Schicksale Stolpens im 30jährigen Kriege

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Bernhard Störzner
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Schicksale Stolpens im 30 jährigen Kriege
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 143—147
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: Digitalisat der SLUB Dresden und bei Wikimedia Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[143]
Was die Heimat erzählt (Störzner) 143a.jpg


61. Schicksale Stolpens im 30jährigen Kriege.

Es gibt wohl wenige Orte im Deutschen Reiche, die während des 30jährigen Krieges nicht mehr oder weniger schwer heimgesucht worden wären. Geschah es doch, daß zahlreiche Dörfer und Städte völlig dem Erdboden gleichgemacht wurden, sodaß man heute kaum noch deren Namen kennt. Zu denjenigen Orten unseres Vaterlandes, die im Laufe dieses ersten Krieges gar Schweres zu ertragen hatten, gehörte auch Stolpen. Über die Schicksale dieser Stadt während des 30jährigen Krieges erzählt der Chronist Gercken folgendes:

„Schon im Jahre 1631 streiften die Kaiserlichen Croaten in hiesiger Gegend herum, wie denn am 30. September, abends 7 Uhr, etliche Hundert Mann vor Alt-Dresden kamen, welche einen Anschlag auf das Jägerhaus hatten. Weil aber ihre Ankunft durch einen Reiter noch in Zeiten gemeldet worden war, so verstärkte man die Wache und ließ aus groben Geschützen unter die anrückenden Croaten feuern. Da es ihnen also nicht nach Wunsch gelingen wollte, steckten sie etliche Scheunen vor Alt-Dresden in Brand und begaben sich nach Stolpen. Daß unsere Stadt und Gegend schon damals ziemlich mitgenommen war, ist leicht zu glauben, jedoch war solches für nichts zu rechnen, gegen dasjenige, was Stolpen im folgenden Jahre betraf, da die Croaten am 1. August die Stadt überfielen, rein ausplünderten und endlich mit Feuer ansteckten.“ Senff, der älteste Chronist Stolpens, erzählt dieses Unglück sehr umständlich und ausführlich, und es sollen darum seine eigenen Worte zum Teil hier angeführt und beibehalten werden:

„Der Dreißigjährige Krieg war ein Mörder vieler Städte und machte auch diesen Ort (Stolpen) plötzlich zu nichte. Wie bekannt, waren die Kaiserlichen anno 1632 noch sächsische Feinde. In Zittau aber lag ihr Obrister einer, Namens Goltz (unsere Leute machen Golonitz daraus). Viel Croaten hatte er unter seinem Commando, welche das Land durchstreiften und sonderlich unsere Grenzen beunruhigten. Nun ward der „Einspänniger Leutnant“ Kraußhaar aus Dresden hierher commandiert, der sollte recognoscieren, wie stark der Feind wäre, u. wo er anzutreffen sei. Wie er zu uns kam, ließ der Amtsschösser Johann Großmann es geschehen, daß dreißig Bürger, die fast stets in [144] Waffen waren, sich beritten machten u. mit Gewehren versahen. Nach geschehener Conjunction ging Abends den 31. Juli der Marsch nach Bischofswerda, wohin unsere Parteigänger um Mitternacht kamen. Sie wurden ungerne, doch endlich auf Zureden des Amtsschreibers Sebastian Kotten, welcher dabei war, eingelassen, bekamen einen Labetrunk, hielten sich nicht länger als zwei Stunden auf und nahmen hierauf ihren Lauf und Rückweg über Groß-Harthau. Kaum waren sie weg, zog der Feind, welcher Nachts über in Putzkau einquartiert hatte, ein u. erfuhr alles, wie stark die Unsrigen gewesen u. daß von hiesiger Bürgerschaft sich einige als Voluntairs dabei hatten gebrauchen lassen. Der Feind war schon lange auf Stolpen böse gewesen, denn er mußte sich manchmal von den Unsrigen plündern lassen, die Amtsuntertanen wollten nach Bautzen nichts mehr contribuieren, hielten auf den Bergen fleißig Wache, u. wenn sich etwas blicken ließ, trieben sie ihr Vieh sogleich anher unter die „Stücken“ (Kanonen). Daher soll auch, was Stolpen anlangt, das in hiesiger Gegend im vorigen Jahrhunderte u. noch später nicht unbekannte Reimchen entstanden sein:

Von Stolpen kommt der Wind,
Zur Neustadt haben sie’n Bock geschind’t,
Zur Sebnitz hängt man’s eigne Kind.

Denn von Stolpen aus gab man in die benachbarten Orte ungesäumt Nachricht, wenn etwas Verdächtiges vorfiel.

Daß die Croaten auch damals wider uns (Stolpen) etwas im Sinne hätten, ersieht man daraus, daß sie hatten tags vorher 5 Mann in deutscher Kleidung recognoscieren geschickt. Dieselben ließen einen Schmied vor’s Untertor kommen u. sich die Pferde beschlagen. Ein alter Mann stand Wache, mit dem scherzte einer im Ernst u. sagte: „Vater, wenn wir morgen wiederkommen werden, werdet ihr uns ja nicht aufhalten.“ Jetzo nun wuchs die Verbitterung, der schon gemachte Schluß ward confirmiert, auf hiesigem Theater sollte eine Tragödie gespielt werden, und hätten sich unsere zahmen Soldaten ertappen lassen, so würde ihrer nicht ein Gebein davon gekommen sein. Doch sie kamen in der Hauptsache mit unblutigen Köpfen wieder nach Hause u. gaben vor, es wäre von dem Feinde nichts zu hören u. zu sehen. Das machte den Bürgern einen guten Mut, daher man des Nachts beide Tore stark besetzt gehabt, ließ man nur eine Corporalschaft (denn in solche Corporalschaften war die Bürgerschaft eingeteilt) stehen. Es ließ sich ein heller, schöner Tag an, doch ach, wie dunkel und finster ward er hernach!

Viel Volk ging zu Felde u. schickte sich zur Arbeit. Es war auch schon ein Segen in die Scheunen eingebracht, da nahm man wahr, daß fremde Soldaten auf den Röhren[1] hin- und herritten. Das kam nun etlichen gar bedenklich vor, doch Sichere hatten kein Nachsinnen, man erfuhr aber hernach mit unüberwindlichem Schaden, daß die feindlichen Truppen in Georg Müller’s zu Lauterbach Grunde gehalten, welche ihr barbarisches Handeln also ausgeführt. Es waren etwa 600 Mann. Der Anführer war der Rittmeister Romhoff. Der Anfall geschah früh gegen 10 Uhr am Niedertore. Am Obertore war eine starke Wagenburg, dagegen war das Niedertor weniger stark verwahret. Dasselbe wurde alsobald aufgehauen, u. niemand widerstand. Wer einheimisch war u. laufen konnte, eilte mit Weib und Kind nach dem Schlosse. [145] Da war keine kriegsmäßige Besatzung da. Gegenwehr mußten also tun die anwesenden Beamten, ein Forstbeamter, ein Forstbedienter u. die Bergleute, welche damals gerade mit dem Graben des Schloßbrunnens beschäftigt waren. Herr Abraham Lichtenberger, ein Mitverderbter, der alles mit Augen gesehen, nennt in seiner gedruckten Feuerklage (d. i. eine Brandpredigt) auch den damaligen Pastor Lic. Paul Sperling mit. –

Da die Stadt rein ausgeplündert war, wollten die Croaten sich auch zum Meister der Festung machen, drangen deshalb durch die niederen drei Tore, bemächtigten sich in der Eile des Kornbodens, unter welchem die „Kurfürstlichen Ställe u. Marterkammern“ sind, u. gaben mit „Musqueten“ über die Zugbrücke auf die Schießlöcher Feuer. Die Unsrigen schossen aus Stücken und Doppelhaken wieder, fällten auch etliche, unter anderen verlor ein Vorwitziger die Hände, die er durch ein Loch gesteckt hatte, um einen Riegel aufzuschieben. Der Commandierende versprach goldene Berge, wenn man ihn mit seiner Mannschaft in die Burg einlassen wollte und drohte im widrigen Falle, keiner Seele Verschonung zu geben. Allein man kehrte sich weder an sein Schmeicheln noch Pochen, man konnte und wollte nicht wegschenken, was man nicht als Eigentum hatte, u. hielt es für tunlicher, lieber unglücklich als untreu zu werden. Alsbald wurden die Häuser beim Töpferofen und das Kurfürstliche Vorwerk am Niedertore nebst zugehörigen großen u. hohen Scheunen angezündet u. Feuer an verschiedenen Orten der Stadt angelegt. Binnen einer Viertelstunde stand alles in voller Glut. Wo Feuer ist, da ist auch Wind; der erhub sich sehr stark u. trieb von der Kirche über’s Schloß. Da fing auch der Siebenspitzige Turm mit an, u. das Feuer drang aus demselben in den Lederboden, wo Holz und brennende Materie genug war. In drei Stunden war alles getan. Von allen kurfürstlichen Gebäuden unter der Schösserei u. im Hahnewalde, die nach Beschaffenheit derselben Zeit schön waren, wurden Aschehaufen. Von der Stadt aber, in- u. außerhalb der Ringmauer, blieb nichts übrig, als das Crucifix auf dem Kirchhofe, so Gott auch diesmal erhalten, ferner des Wildpretwärters Haus am Kurfürstlichen Tiergarten, die kleine Begräbniskirche u. dazu noch eine niedrige Hütte am Altstädter Wege. Der Feind, welcher gute Beute gemacht u. unter anderem 186 Stück Pferde u. Vieh mitgenommen, sahe von ferne zu u. dachte, das ganze Schloß würde daraufgehen u. die Leute in demselben entweder verderben oder herausfallen müssen. Aber was die Gottlosen gerne wollten, ist verdorben und verloren. Das Gebet derer, die im freien Felde herumgejagt, in Sträuchern beschädigt u. ausgeplündert oder sonst in Ängsten waren, drang durch die Wolken zum himmlischen Vater. Gott erhörte das Seufzen u. Weinen derer, die in der Burgkapelle auf den Knieen lagen u. die Hände emporhoben. Er ließ wohlgeraten die Arbeit der munteren Weiber, die aus dem tiefen Brunnen (denn das Röhrwasser der künstlichen Wasserleitung hatten die Feinde zerstört und abgeschnitten) Wasser zum Löschen trugen, u. der Männer, die Wasser in’s Feuer gossen. Ja, er selbst half löschen u. gab vom Himmel einen gnädigen Regen. Und so ward die Flamme gedämpft, das Herz des Schlosses erhalten, u. obwohl in der Stadt einige verwundet u. getötet, desgleichen vom Feuer ergriffen u. vom Rauche erstickt worden waren, so ist doch auf dem Schlosse keiner Person Leid widerfahren. Was war es aber für ein schrecklicher Anblick, da der Feind sich unsichtbar gemacht u. die verarmten Leute vom Schlosse u. von den Feldern auf den Brandstätten zusammenkamen! Nichts war jammernswerter, als der Anblick so vieler Leichen u. der Verlust an Eltern, Ehegatten u. allernächsten Freunden. Unzählige Thränen flossen [146] aus den Augen aller, u. wer noch des andern Tages sich auf den Gassen umsehen wollte, konnte mit unbedeckten Füßen auf dem erhitzten Pflaster nicht fortkommen.“

Soweit der Bericht des Chronisten Senff. Gercken selbst fährt nun fort und schreibt:

„Damals erging also eine schwere Züchtigung über unser Stolpen; jedoch war es hiermit noch nicht genug. Anno 1633, den 11. Juli, an einem Donnerstage, ging abermals ein Schwarm Croaten von den Leuten des Obersten Goltz zu Zittau hier vorbei. Nachmittags zwei Uhr hielten sie auf den Altstädter Feldern am Stürtzwege. Abends kamen ungefähr sechshundert Reiter nach, marschierten über die Schafbrücke u. kamen abends vor Dresden an, da bei uns auf der Festung die Stücken gelöset wurden. Von da wandten sie sich nach Radeberg, allwo sie mit Rauben u. Schänden übel haushielten u. viel Vieh erbeuteten. Den 12. Juli kamen sie mit Untergang der Sonne wieder zurück über das Hofefeld bei der Försterei in der Altstadt. Sie wurden auch bei uns mit Stücken begrüßt u. zogen hinter der Wildmauer nach Langenwolmsdorf fort. Im folgenden Jahre, 1634, den 20. Januar, kam schon wieder eine Partie Croaten von Budißin (Bautzen) daher, u. nachdem sie die Tore unserer Stadt aufgehauen hatten, raubten sie wieder, was sie fanden, u. nahmen das Vieh mit. Ein hiesiger Schneider hatte sich in seine Arbeit vertiefet, wußte nicht, daß der Feind da war und fragte, als es an das Haus pochte: „Wer da?“ Aber er bekam statt der Antwort eine Kugel in den Leib. Hans Hartmann der Ältere, der Defensioner Feldwebel, ward als ein Gefangener mitgenommen u. ist nach etlichen Wochen ranzioniert (losgekauft) worden. – Nach geschlossenem Frieden zu Prag hätte man sich nun wohl auf sächsischer Seite keines feindlichen Betragens von den Kaiserlichen Truppen mehr versehen; aber gleichwohl erfuhr man das Gegenteil. Anno 1637 erhielten die Kaiserlichen Hatzfeldischen Völker im hiesigen Orte auf’s Feindlichste haus, plünderten fast alle Dörfer um Stolpen her rein aus u. verwundeten die Leute bis auf den Tod. Nicht lange darnach ward unserer Stadt ein neues Unglück durch die Schweden bereitet, welche seit dem Prager Friedensschlusse die kursächsischen Lande auf’s Feindseligste u. Grausamste behandelten. Als der schwedische General Johann Banner 1639 die Stadt Freiberg vergeblich belagert, die Stadt Pirna aber, den Sonnenstein ausgenommen, mit stürmender Hand erobert, ausgeplündert u. auf’s Grausamste gemißhandelt hatte, ging er in eigener Person mit 6000 Mann zu Roß u. zu Fuß über die Elbe, rückte vor Stolpen, ließ die Stadt, die sich von dem vorigen Brande noch nicht erholt hatte, ausplündern, das Schloß aber zur Übergabe auffordern. Da sich aber der Kommandant, Herr Leutnant Hennig, nicht ergeben wollte, sondern die Burg rechtschaffen verteidigte, hielten es die Schweden nicht für ratsam, sich länger damit zu verweilen, zündeten daher zuerst die Scheunen vor der Stadt, den 26. April aber die Häuser in der Stadt selber an, wodurch die Hälfte der Stadt wiederum verzehret u. jämmerlich eingeäschert ward.

Damals hatten die Schweden ihr Hauptlager zu Rennersdorf, eine halbe Stunde von unserer Stadt gelegen. Das Andenken von diesem u. dem vorhergehenden, durch die Croaten verursachten Unglück, das unsere Stadt betroffen, hat man durch zwei kleine Schriften zu erhalten gesucht, die anno 1649 bei geschehener Einweihung der neuerbauten Kirche zum Vorschein gekommen. Die erste führt den Tittel:[WS 1] „Siebenzehnjährige traurige Feuerklage der Kirche zu Stolpen“ u. hat den hiesigen Rektor Abraham Lichtenberger zum Verfasser. Die andere hat Melchior Hartmann, S. Theol. u. Phil. Stud., [147] ein Sohn des hiesigen Diaconus gleichen Namens, verfertigt u. ist in deutschen Versen abgefasset, führet aber den lateinischen Titel: „Stolpe decus redivivum“ u. ist auch mit einer lateinischen Zuschrift an die damaligen Beamten, Bürgermeister u. übrigen Ratsherren, versehen. Sie ist 1649 bei Bergen in Dresden gedruckt.

Im Jahre 1643 streifte wieder eine Schar Schweden von Pirna aus in hiesiger Gegend umher. Und weil der damalige Amtsschreiber Sebastian Kotte, der zugleich Verwalter des Kurfürstlichen Vorwerkes war, besorgt war, daß sie die Langenwolmsdorfer Schäferei plündern möchten, so beredete er den allhier kommandierenden Leutnant, daß er einige von seiner Mannschaft hinausschickte. Ob nun wohl der Feind etliche Hundert Mann stark war, so band doch unsere kleine Schar mit einer so überlegenen Menge auf der sogenannten „Tzscheppe“ hinter der Wildmauer an, aber mit unglücklichem Erfolge; denn der Leutnant selbst nebst dem Tambour Tobias Schultzen wurde gefangen genommen, jedoch kamen sie noch unterwegs wieder los, da die Schweden von einer Kompagnie der Unsrigen verfolgt wurden. Außerdem blieben noch fünf Mann von hiesigem Kommando tot, deren Körper den 26. September auf dem Begräbniskirchhofe sind begraben worden.“

Hiermit schließt Gercken’s Bericht über die Drangsale, die der Dreißigjährige Krieg Stolpen gebracht hat. Zweimal ist also diese Stadt während dieses unglücklichen Krieges fast dem Erdboden gleichgemacht worden, doch die Liebe zum heimischen Herd ließ die Stadt auf den Trümmern neu wieder erstehen.


  1. Wasserleitung gemeint.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Tittek