Die Schläferin

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Edgar Allan Poe
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Schläferin
Untertitel:
aus: Ausgewählte Gedichte
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Verlag des Bibliographischen Bureaus
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Hedwig Lachmann (1865-1918)
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf commons
S. 36–38
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[36] Die Schläferin.

Ich steh’ um Mitternacht allein
Im mystisch weißen Mondenschein.
Dem vollen, goldenen Gestirne
Entströmen feuchte Nebeldünste

5
Und fallen auf die blauen Firne

Wie silberweiße Lichtgespinnste,
Um sich von dort melodisch leise,
Und schläfrig langsam, tropfenweise,
Wie bunte, schimmernde Juwelen

10
In das entschlafne Thal zu stehlen.

Vom Grabe winkt der Rosmarin
Zu den verschlafnen Lilien hin;
Die wankenden Ruinen raffen
Erschauernd um die morschen Glieder

15
Ihr Nebelkleid und sinken nieder,

In alle Ewigkeit zu schlafen;
Der See dort – Lethe ist nicht stummer
Als er in seinem tiefen Schlummer.
[37] Es ruht das All. Die Zweige nicken

20
Süß eingewiegt – wo aber liegt

Irene mit ihren Geschicken?

O wundersame, bleichwangige Dame,
Wie unbedacht, dies Fenster bei Nacht
So offen den Gästen, die von den Aesten

25
Mutwillig hüpfen, in’s Zimmer schlüpfen,

Den Winden, den losen, fürwitzigen Rangen,
Die in den Gardinen sich lachend verfangen,
Und sie so unbändig und so beständig
Zerren und zausen dicht über den langen

30
Seidenen Wimpern auf deinen Wangen,

Daß über den Boden weg durch das Fenster
Die Schatten fallen wie schwarze Gespenster.
O wundersame, bleichwangige Dame,
Wo kommst du her? Wohl gar übers Meer?

35
Und sag’ mir, warum nur bist du so stumm?

Ist dir wohl bang? Du bist so eigen,
Dein Haar ist so lang, so seltsam dein Schweigen!
Die Dame schläft. O wär’ so mild
Ihr Schlummer, als er lange währt!

40
Der Himmel sei ihr heilger Schild.

Mag sie auf ewig ungestört,
In einem heiligeren Bette,
An melancholischerer Stätte,
[38] Wo sich Cypressen leise wiegen,

45
Mit festgeschlossnen Augen liegen!


Es schläft mein Lieb. O, daß so mild
Ihr Schlummer, als er ewig ist!
Daß sich ihr eine Gruft erschließt
In einem Walde dicht und wild,

50
Ein tiefes, ruhevolles Grab

An einem stillen Ort, fernab –
So eine festverschloss’ne Gruft,
Aus der sie fürder nichts mehr ruft,
Die Reue nicht, die Buße nicht,

55
Bis an das ewige Gericht. –