Die Schlacht bei Adrianopel am 9. August 378 n. Chr.

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Textdaten
Autor: Walther Judeich
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Titel: Die Schlacht bei Adrianopel am 9. August 378 n. Chr.
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aus: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 6 (1891), 1–21.
Herausgeber: Ludwig Quidde
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B. Mohr
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Erscheinungsort: Freiburg i. Br
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[1]
Die Schlacht bei Adrianopel am 9. Aug. 378 n. Chr.
Von
Walther Judeich.

Die Schlacht bei Adrianopel bildet das Vorspiel für den Untergang der antiken Welt. In ihr wirken die beiden Mächte entscheidend zusammen, die schon Jahrhunderte lang den Bau des Römischen Kaiserreiches erschüttert haben, Germanenthum und Christenthum. Und doch liegt der Verlauf dieses weltgeschichtlichen Ereignisses noch immer im Dunkel, nur der traurige Ausgang zeigt sich in erschreckender Deutlichkeit.

Die Schwierigkeiten, welche die Ueberlieferung uns sonst in der ausgehenden Römischen Kaiserzeit bietet, steigern sich hier. Kaiser Valens, der in dieser Schlacht kämpft und fällt, ist Arrianer, er hat keinen so warmen und beredten Anwalt gefunden wie der Scheinchrist Constantinus, wie der Heide Julianus, eine Arrianische Ueberlieferung fehlt, Ammianus’ Bericht ist mangelhaft; wir müssen aus einer widersprechenden und zum grössten Theile parteiischen Ueberlieferung mühsam das Thatsächliche zu gewinnen suchen.

Aber gerade diese Schwierigkeiten locken immer wieder die Lösung zu wagen: ihr gilt auch der folgende Versuch.

Im Jahre 363 starb Kaiser Julianus und nach Jovianus’ kurzer Zwischenregierung wurde Valentinianus vom Rathe der Officiere zum Herrscher bestimmt. Er selbst übernahm das Westreich, im Osten setzte er als Mitkaiser seinen Bruder Valens ein.

Die beiden Brüder waren sehr verschieden: Valentinianus, [2] von Jugend auf Soldat, verleugnete nicht das Illyrische Bauernthum, dem er entstammte, ohne grosse geistige Gaben, rücksichtslos bis zur Grausamkeit, aber ein guter Officier und Regent. Den kirchlichen Bewegungen der Zeit, namentlich dem grossen Kampf der Arrianer und Athanasianer, steht er ziemlich theilnahmelos gegenüber. Valens bekannte sich mit Leidenschaft zum Arrianischen Glauben. Ohne unkriegerisch zu sein, besass er nicht in so hervorragendem Masse wie sein Bruder eine militärische Begabung, aber er ist vor allem ein ausgezeichneter Verwalter, ein Mann, der nach Kräften seiner schweren Pflicht gerecht zu werden sucht, der ohne eigenen Ehrgeiz sich dem älteren Bruder zum Wohl des Ganzen willig fügt. Und Einigkeit, Tüchtigkeit that noth: das Westreich war von den Alamannen bedroht, die auf die Nachricht von Julianus’ Tode sich zu einem neuen Vorstoss rüsteten, Britannien von Pikten und Skoten überschwemmt, Pannonien von Quaden und Sarmaten gefährdet; im Osten drangen die Neuperser unter ihrem alten König Schâpûr in Armenien ein, um sich dort wieder das Uebergewicht zu sichern. Valentinianus begab sich sofort an die Nordwestgrenze, für Valens war die Persergefahr am dringendsten; ihr wollte er auch zuerst begegnen. Doch da er kaum seiner Hauptstadt den Rücken gekehrt hatte, brach, durch die bei dem Thronwechsel zurückgesetzte Partei des Constantinischen Hauses angezettelt, ein Aufstand aus, der Procopius, den letzten männlichen Verwandten des Hauses, auf den Thron erhob.

Die Empörung wurde, obwohl sie sich weit verbreitet hatte, schnell unterdrückt und der Thronprätendent enthauptet. Aber auch jetzt konnte Valens noch nicht seinen ursprünglichen Plänen nachgehen: ihn hielt ein Krieg mit den Gothen zurück, bei denen Procopius Unterstützung gefunden hatte. Es war nicht das erste Mal, dass sich Römer und Gothen begegneten. Schon lange sassen diese, in Ost- und Westgothen getheilt, nördlich der Donau in der alten Römischen Provinz Dacien, die seit nahezu 100 Jahren aufgegeben war, und weiter nördlich und nordöstlich. Auf die Zeit heftiger Angriffe war eine Ruhepause gefolgt, und friedliche Beziehungen hatten in den letzten Jahrzehnten sich angebahnt. Eine Verletzung des Friedens warf man sich jetzt gegenseitig vor, dadurch kam es zum Kriege. Drei Jahre gingen über den Kämpfen hin; die Römer waren [3] siegreich; aber in dem Frieden vom Jahre 369 wurde wesentlich der alte Besitzstand beiderseits beibehalten, nur das Betreten Römischen Gebietes ward den Gothen streng untersagt. Danach lebte das frühere freundschaftliche Verhältniss wieder auf; die Gothen erbaten sich christliche Missionare, die ihnen, und zwar auf des Kaisers Wunsch Arrianer, auch zugeschickt wurden.

Valens konnte jetzt ohne Sorge sich den Armenisch-Persischen Verhältnissen widmen, die dringend seine Anwesenheit erheischten. Er hielt Hof in Antiochia, wo zufällig damals auch sein späterer Geschichtschreiber Ammianus Marcellinus weilte.

Da kam das Jahr 376. Ein wildes Mongolisches Reitervolk, von dem man bis dahin kaum gehört hatte, die Hunnen, hatte seine Heimath, die grossen Steppen Centralasiens verlassen und war in das Land nördlich der Donau hereingebrochen. Die Germanischen Stämme, welche dort sassen, hatten ihrem Anprall nicht widerstehen können, der alte Ostgothenkönig Ermanarich war gefallen, die Ostgothen zersprengt; von den Westgothen flüchtete ein Theil in das Karpathengebirge, ein anderer Theil unter den Gaufürsten Alaviv und Frithigern sammelte sich mit Weib und Kind am Donauufer und bat klagend um Schutz und Aufnahme in das Römerreich, Heeresfolge und Treue gegen den Kaiser gelobend. Zu Valens selbst ging eine Gesandtschaft ab, und dieser gab Befehl, unter bestimmten Bedingungen die Flüchtigen aufzunehmen und ihnen Gebiete in den entvölkerten Grenzlanden anzuweisen[1].

Man hat in alter und neuer Zeit mit einem durchaus falschen Schlusse aus den folgenden Ereignissen den Kaiser wegen dieser Entscheidung getadelt und darauf das kommende Unheil zurückgeführt[2]. Valens verfügte hier nur, was im Westen seit den ersten Anfängen des Kaiserthums Sitte war, Germanen in den Grenzprovinzen anzusiedeln, um mit Germanen Germanen zu bekämpfen. Noch jüngst hatte in Pannonien Constantinus der Grosse sogar einem Theil der Sarmaten, Constantius in Mösien Ulfilas mit seiner Christenschaar Land gegeben.

[4] Bei der grossen Masse, die hier erschien — bei 200000 wehrfähige Männer werden uns genannt — waren nur eine richtige Vertheilung und gewisse Vorsichtsmassregeln nöthig; beide waren vom Kaiser anbefohlen, beide wurden aber von den beauftragten Beamten unterlassen. Ja diese gingen noch weiter, sie reizten und quälten das Volk auf jede Weise, erpressten Geld und Geldeswerth, vernachlässigten die Verpflegung. Dabei wurde das Verbot der Waffeneinfuhr lässig gehandhabt, und als man landeinwärts gezogen war, die Donaugrenze schlecht bewacht. So gelang es Ostgothischen Haufen, denen Valens die Aufnahme verweigert hatte, ungehindert über den Strom zu kommen[3]. Endlich versuchten die beiden Oberbefehlshaber Lupicinus und Maximus nach der oft mit Glück angewendeten Regel die Gothen ihrer Führer zu berauben. Sie luden diese zu einem Gastmahl nach Marcianopolis ein, dabei sollten die Gothischen Fürsten fallen, aber der Anschlag misslang[4].

Erst jetzt war die Gothengefahr wirklich entfesselt, erst jetzt lehnten sich die Gothen, die bis dahin alles geduldig getragen hatten, offen auf. Das Heer, welches man ihnen entgegenstellte, wurde geschlagen. Die Getödteten lieferten Rüstungen und Waffen, und verwüstend und plündernd ergossen sich die Gothischen Schaaren in die Thrakische Provinz und weiter. Nur an den Mauern der Städte prallte ihre Kriegskunst ab[5].

Valens erkannte sofort die grosse Gefahr; er eilte, mit den Persern einen vorläufigen Frieden zu schliessen, auch gingen Boten an seinen Neffen Gratianus, der im Jahre 375 nach Valentinianus’ Tode die Herrschaft des Westreiches übernommen hatte. Den vereinigten Ost- und Weströmischen Truppen gelang es, die Gothen über den Balkan zu drängen und in den Sümpfen der Donaumündungen einzuschliessen, aber die Schlacht bei der kleinen Stadt ad Salices im Herbst des Jahres 377, welche den Feind vernichten sollte, blieb unentschieden: die Römer mussten sogar auf Marcianopolis zurückgehen. Immerhin gelang es [5] ihnen, als die Gothen in ihrer Wagenburg zauderten, die wichtige natürliche Vertheidigungsmauer der Balkanhalbinsel, die grosse Kette des Balkan, zu besetzen und zu befestigen. Aber während man im Winter rüstete und die Sperre durch Standlager am Fusse des Gebirges zu stärken strebte, gelang es den Gothen, durch Hunnische und Alanische Haufen verstärkt, am Meere durchzubrechen[6]. Es ist vielleicht kein zufälliges Zusammentreffen, [6] dass die Gothen denselben Punkt zum Durchbruch wählten, wie Anfang dieses Jahrhunderts der Russische General Diebitsch, der für seinen Balkanübergang den Ehrennamen Sabalkansky davontrug: von Frithigern ist kaum die That selbst überliefert.

Die ganze Römische Vertheidigungsstellung wurde so auf dem rechten Flügel umfasst und damit vollkommen aufgerollt. Aufs neue kamen Verwüstung und Elend über das blühende Thracien: ja bis an die Thore von Constantinopel drangen die plündernden Haufen der Gothen vor[7].

Das Römische Heer konnte und wollte nichts thun, es war zucht- und muthlos geworden von den obersten Führern an. [7] Bezeichnend für die damaligen Verhältnisse ist die Entschuldigung, welche von Trajanus, einem der geschlagenen Oströmischen Generale überliefert wird; er wagte es, auf des Kaisers Vorwürfe zu antworten, der Himmel sei gegen ihn gewesen, weil Valens nicht den rechten Glauben bekenne[8].

Valens selbst hielt sich noch immer in Antiochia auf; er suchte in seiner Umgebung vergeblich den Mann, der es verstanden hätte, wieder Ordnung und Zucht in das verwilderte Heer zu bringen, die doch die ersten Bedingungen für den bevorstehenden Kampf waren. Endlich verfiel er auf den Weströmischen General Sebastianus, einen erprobten tüchtigen Soldaten, der an Gratianus’ Hofe aber nicht gern gesehen war, weil man gefürchtet hatte, die Truppen würden ihn zum Kaiser ausrufen. Zu aller Zufriedenheit sandte ihn jetzt Gratianus nach dem Osten und bereitete sich selbst vor, im Frühjahr mit Heeresmacht seinem Oheim zu Hilfe zu ziehen[9].

Valens’ Truppen sammelten sich, den Zugang zur Hauptstadt deckend, bei dem kaiserlichen Lustschlosse Melanthias, das an der alten Heerstrasse von Byzanz nach Sirmium, 3¾ Dt. g. Meilen westlich von Constantinopel lag[10]. Im Laufe des April d. J. 378 brach auch der Kaiser von Antiochia auf und traf am 30. Mai in Constantinopel ein[11]. [8] Murrend empfing ihn das Volk, ja bei den Circusspielen, die Valens zur allgemeinen Beruhigung und Ablenkung hatte anstellen lassen, brach es in laute Schmähungen aus. Der feige, verwöhnte Pöbel der Hauptstadt hatte sich im Laufe der Zeit angemasst, bei politischen und religiösen Fragen seine höchsteigene Meinung kundzugeben und war nicht selten damit durchgedrungen. Er versuchte es auch diesmal, von den Nicänischen Priestern aufgehetzt: feig und weibisch schalt er den Kaiser und schrie prahlerisch nach Waffen.

Valens war aufs tiefste verletzt und gekränkt, er brauchte seine Truppen aber jetzt zu wichtigeren Dingen, als die verdiente Züchtigung auszutheilen: nur drohende Worte schleuderte er gegen das aufrührerische Volk und verliess schon am 11. Juni wieder die Stadt[12].

Das Heer suchte er auf jede Weise zu ermuthigen und für die kommenden schweren Aufgaben vorzubereiten: den Oberbefehl über das Fussvolk gab er an Sebastianus, der auch sofort mit seiner Reform begann. Aus ausgewählten Leuten schuf er sich eine kleine Kerntruppe, die leicht beweglich und unbedingt zuverlässig den Gothen im kleinen Krieg begegnen sollte[13].

Da es Gratianus’ Anmarsch abzuwarten galt, musste Valens vorläufig eine Vertheidigungsstellung einnehmen. Die eigentliche Vertheidigungsbasis, die grosse Balkankette, war längst verloren, aber wenig nördlich und nordwestlich von Adrianopel zieht ebenfalls westöstlich eine andere Gebirgskette, welche heute dort Ostrumelien vom Türkischen Gebiete trennt und auch jetzt noch grosse militärische Wichtigkeit besitzt. Ein bestimmter Name ist für diesen Gebirgszug nicht vorhanden, er verbindet das [9] Rhodopegebirge (Despoto-Dagh) mit dem „Thrakischen Randgebirge“, das gewönlich Istrandscha-Dagh genannt wird[14].

Diese Kette wird in der Hauptsache nur von zwei grossen Flussläufen, auf eine Strecke von wenig über 5 Dt. g. Meilen durchbrochen, durch die von Westen kommende Maritza (den alten Hebrus) und die Tundscha (den alten Tonsus), die von Norden kommt und bei Adrianopel in die Maritza mündet. In dem Stromgebiet der Maritza und der Tundscha liegen die Uebergänge nach Adrianopel. Diese Linie musste wennmöglich gewonnen werden.

Valens liess die Hauptmasse seiner Truppen mit den nöthigen Anweisungen an dem alten Lagerplatz und rückte nur mit einem Theil, dabei Sebastianus und seine Kerntruppe, auf der grossen Heerstrasse nach Sirmium vorwärts bis beinahe 4 Meilen vor Adrianopel, zu dem kleinen Orte Nike oder Nice, der nach einem Siege des Constantinus so getauft war[15]. Ob [10] er dabei eine günstige Vorbedeutung für seinen künftigen Sieg schaffen wollte, wissen wir nicht; jedenfalls beherrschte er von hier aus in gleicher Weise den Maritzapass, durch den die Heerstrasse weiterläuft, westlich und die Tundschapässe nördlich, von allen nur zwei Tagemärsche entfernt. Zur weiteren Aufklärung und Säuberung der Gegend wurde Sebastianus mit seiner Kerntruppe entsandt. Er wählte die festen Plätze, zunächst Adrianopel als Stützpunkt, um einzelne Gothische Raubschaaren zu überfallen, und errang damit schnell grosse Erfolge. Die Gothen wichen zurück und wagten sich nicht aus ihrer fest verschanzten Hauptstellung hervor[16].

Diese Stellung war an sich meisterhaft gewählt: den Mittelpunkt bildete das blühende, wasserreiche, durch seine Rosen berühmte Thal von Kazanlyk, zwischen dem Südabhang des Balkan und einem niedrigeren parallelen Höhenzug (Tscherna-Gora oder Karadscha-Dagh) unterhalb des wichtigen Schipkapasses gelegen. Nach Norden jenseits des Passes waren zur Deckung einzelne Haufen bis Nicopolis, südlich andere Schaaren bis Beroea vorgeschoben[17]. Aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen musste die Lage hier gefährlich, ja unhaltbar werden. Durch Sebastianus’ geschickte Kriegführung wurde die Zufuhr nach diesem abgeschlossenen Gebiete sehr erschwert, und von allen Seiten zog das Netz sich hierher zusammen,

Der Süden war durch Valens und Sebastianus geschlossen, den bedeutendsten Gebirgsübergang westlich, die wichtigen Pässe [11] von Succi hielten Gratianus’ Truppen besetzt[18] und von Norden nahte jetzt Gratianus selbst. Ein Einbruch der Linzgau-Alamannen hatte ihn verhindert, seinem ursprünglichen Plane gemäss mit dem Frühjahrsbeginn aufzubrechen, aber er hatte den Angriff schnell und kräftig abgeschlagen, den Feind sogar in das eigene Land verfolgt und zog nun in Eilmärschen heran[19]. Gleichzeitig mit Sebastianus’ Siegesnachrichten traf diese Kunde beim Kaiser ein.

Valens brannte vor Begier, nun auch seinerseits etwas zu leisten: die Schimpfworte der frechen Menge klangen ihm noch in den Ohren. Schon jetzt wollte er über die Vertheidigungslinie hinaus zum Angriff übergehen, in der Hoffnung, dass es ihm gelingen möchte, die Gothen in ihrer Stellung zu erdrücken oder über den Balkan zu jagen. Sebastianus rieth ab: man solle warten und den kleinen Krieg fortsetzen, bis die Gothen durch Hungersnoth mürbe würden. Aber die Oströmischen Generale, die sich doch selbst so schlecht bewährt hatten, schmiegten sich geschickt den Wünschen des Kaisers an: ausser dem persönlichen Hass und der persönlichen Eifersucht gegen den Weströmer Sebastianus, dem sie hatten weichen müssen, trieb sie der unselige Hass der Christen gegen den Heiden Sebastianus. Und ihre sittlich und sachlich gleich zu verdammenden Umtriebe hatten Erfolg. Trajanus, der seine Unfähigkeit einst [12] so trefflich entschuldigt hatte, wurde sogar wieder zu Gnaden angenommen. Der Kaiser befahl den Vormarsch und liess die Hauptmasse des Heeres von Melanthias herankommen[20].

In dieser Entscheidung, nicht in Valens’ Entscheidung für die Schlacht von Adrianopel, wie man bisher angenommen hat, liegt, soweit wir die Sachlage zu überschauen vermögen, ein strategischer Fehler, vielleicht sogar eine Schuld, aber eine Schuld, die sehr milde zu beurtheilen ist nach dem, was vorausgegangen war: die tiefe Kränkung, der lebhafte Wunsch, durch eine grosse That sich vor sich selbst zu rechtfertigen, liessen den Kaiser zu einem Entschlusse kommen, den er durch seinen Tod genugsam gesühnt hat.

Das Heer durchschritt den Maritzapass westlich in der Richtung auf Philippopel, um sich dann nordwärts gegen die Gothische Stellung zu wenden[21]. Da geschah etwas Unerwartetes [13] und Unerhörtes. Der schlichte Germanische Herzog Frithigern, der vorher schon mit seiner geschickten, entschlossenen Führung die Römischen Kriegspläne oft durchkreuzt hatte, zeigte sich hier als ein Feldherr ersten Ranges. Sobald er von des Kaisers Anmarsch wusste, zog er mit der Hauptmasse seines Volkes ostwärts dem Laufe der Tundscha folgend nach dem alten Cabyle in die Ebene von Jamboli, welche sich etwa 16 Meilen nördlich von Adrianopel, da wo die Tundscha ihren südlichen Lauf nimmt, ausbreitet. Hierher liess er auch seine Streifschaaren sammeln[22]. Nur nördlich des Balkan scheint er Alanische Reiterschwärme zurückgelassen zu haben, um den anrückenden Gratianus zu beschäftigen[23].

[14] Dann zog er südlich den Fluss abwärts, um durch die Tundschapässe in die Verteidigungslinie einzudringen, die Valens eben durch das andere Einfallsthor, den Maritzapass, verlassen hatte. Er wollte sich so zwischen den Kaiser und dessen Hauptstadt schieben, und der kühne Flankenmarsch, den ein ganzes wanderndes Volk ausführte, gelang. Widerstand scheint in den Tundschapässen nicht geleistet oder doch überwunden worden zu sein; jedenfalls war der Rückhalt, den bis dahin das bei Nice lagernde Gros abgegeben hatte, verschwunden. Valens erfuhr die Umgehung zu spät: er kehrte sofort um, aber seine leichten Truppen konnten sich nur noch des Maritzapasses versichern, die Vorhut der Gothen stand bereits bei dem alten Lagerplatz des Kaisers, bei Nice.

Mit einem Schlage hatte sich die ganze Lage geändert und zwar für die Römer sehr zum Schlechten. Valens machte bei Adrianopel Halt und verschanzte sich dort, auf die Verstärkungen seines Neffen Gratianus wartend. Doch der lag fieberkrank noch bei 50 Meilen entfernt in Castra Martis an der Mösischen Donaugrenze: nur der Fränkische Graf Richomer, der schon in der Schlacht bei ad Salices mitgefochten hatte, erschien von ihm gesendet und bat zu warten[24].

Kriegsrath auf Kriegsrath wurde gehalten; die Oströmisch-christliche Partei rieth zu warten, Sebastianus und sein Anhang zu schlagen. Und zu schlagen war auch die einzige Möglichkeit, wenn man nicht Frieden schliessen wollte. Die directe Strasse nach Constantinopel war gesperrt, die Zufuhren waren abgeschnitten, und von Tag zu Tag erhielten die Gothen neuen Zuzug. Wie lange Gratianus noch zögerte, ob er unterwegs nicht Widerstand finden werde, war zweifelhaft. So entschied der Kaiser, den man sehr mit Unrecht desshalb getadelt hat, in durchaus richtiger Erkenntniss für die Schlacht[25]. Während [15] man im Lager die nächsten Vorbereitungen dafür traf, bot plötzlich Frithigern unerwartet einen Vergleich.

Im Gothischen Kriegsrath hatte gerade die entgegengesetzte Meinung wie im Römischen geherrscht, und auch hier hatte der Führer gegen dieselbe nach seinem eigenen besseren Wissen entschieden. Frithigern war sich des Werthes seiner Stellung wohl bewusst, aber gegenüber dem stürmenden Kriegseifer seiner Schaaren wollte er in ruhiger Erwägung eine unnöthige, blutige Entscheidung mit einem grossen, trefflich gerüsteten Römischen Heere nicht heraufbeschwören. Auch für ihn und sein Volk stand alles auf dem einen Wurf!

Frithigern versprach gegen Anweisung fester Sitze in Thracien ewigen Frieden. Aber Valens wies den Gesandten, einen Arrianischen Presbyter — man hat an Ulfilas gedacht — ab; er traute ihm nicht, und noch hoffte er auf Sieg[26].

So brach der Morgen des 9. August, des denkwürdigen Tages an[27]. Alles war zur Schlacht vorbereitet: das Gepäck blieb unter dem Schutze der Besatzung im Lager vor Adrianopel, Kriegskasse und Kronschätze waren in der Stadt selbst untergebracht worden; man wusste, dass man einen Kampf kämpfte auf Tod und Leben.

Mit dem ersten Morgengrauen setzten sich die Truppen in Bewegung und erreichten nach einem vierstündigen beschwerlichen Marsch ihre Stellungen. Niemand wagte den Aufmarsch zu stören: nur von Ferne erschaute man die mächtige Gothische Wagenburg und hörte die rauhen, schwermüthigen Kriegsgesänge der Germanen. Der rechte Römische Flügel, im ersten Treffen[28] [16] die schweren Reiter, im zweiten die grosse Masse des Fussvolks war vorgenommen, er sollte den Hauptstoss führen und den Feind auf jeden Fall von der Heerstrasse nach Constantinopel abdrängen, der linke Flügel stand weiter zurück[29].

Aber bis zum Beginn der eigentlichen Schlacht verging noch eine lange Zeit. Frithigern versuchte es noch einmal mit Unterhandlungen; diesmal freilich mit einem doppelten Zweck: entweder wirklich einen Vergleich zu erlangen, oder, wenn die Entscheidung bevorstand, doch Zeit zu gewinnen, bis er alle seine Kräfte gesammelt hätte: namentlich die Ostgothischen und Alanischen Reiter standen noch aus. Ja Frithigern versprach, sobald von Römischer Seite Bürgschaft gestellt würde, selbst als Geisel in das Römische Lager zu kommen.

Man war dort Verhandlungen nicht abgeneigt, aber allerhand kleinliche Nebenfragen, die Wahl der Geiseln und Gesandten auf Römischer Seite zögerten den eigentlichen Beginn hinaus[30].

Unterdessen brannte die Augustsonne heiss auf die vom Marsche erschöpften Truppen; Lebensmittel waren nicht zur Stelle, man hatte wohl keine mehr gehabt. Dazu zündeten die Gothen, um die Gluth zu mehren und den Rauch den Römern entgegen zu treiben, rings trockenes Gras und Reisighaufen an[31].

Endlich hatte der kaiserliche Kriegsrath sich geeinigt, der hochherzige Richomer, neben Sebastianus eine der anziehendsten Erscheinungen in dieser Zeit des Verfalls, hatte sich erboten, als Geisel in das Gothische Lager zu gehen. Schon brach er auf, da eröffneten plötzlich die Römischen Vorposten, die sich nicht länger halten liessen, auf eigene Hand ein Gefecht mit den ihnen gegenüberstehenden Gothen: der Weg war nicht mehr frei[32].
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Aber schon dieser erste Kampf war von böser Vorbedeutung, die Römer wichen. Und zu gleicher Zeit warfen sich frisch vom Marsch die Ostgothischen Reiter unter ihren Fürsten Alatheus und Safrax in mächtigem Anprall auf den rechten Römischen Flügel, dessen Absicht, selbst den Angriff zu übernehmen, dadurch gänzlich vereitelt wurde. Die Römischen Reiter hielten den Stoss nicht aus und wandten sich feige zur Flucht. Glücklicher hatte der linke Römische Flügel gefochten: bis an die Gothische Wagenburg waren die Reiter vorgedrungen. Dort stand das Gefecht. Aber da jede Unterstützung des anderen Flügels fehlte, konnte der [18] Angriff nicht durchgeführt werden und wurde abgeschlagen. In regelloser Flucht jagten auch hier die Reiter davon. Noch stand das Fussvolk, von jeher der Kern und Stolz des Römischen Heeres, fest und unerschütterlich und wies in guter Ordnung den Anprall der wild andringenden Gothischen Haufen ab. Endlich begannen auch bei ihm sich die Reihen zu lockern und zu lichten. Auf allen Seiten von den Gothischen Reitern überflügelt und im Rücken gefasst, strebte jeder bald nur sein eigenes Leben so theuer als möglich zu verkaufen. — Bis in den Einbruch der Nacht hatte man gestritten; jetzt stob auch der noch lebende Rest des Römischen Heeres in wilder Flucht auseinander[33].

Der Kaiser mochte wohl schon bei dem Weichen seiner Reiter gesehen haben, dass an einen Sieg oder auch nur an eine Wiederherstellung der Schlacht nicht zu denken sei. Dennoch hatte er muthig bis zuletzt bei den Fusstruppen ausgehalten. Als aber auch die letzten und besten Schaaren wankten, da warf er, alle Versuche zu seiner Rettung abweisend, verzweifelnd den kaiserlichen Purpur von sich und stürzte selbst in den vordersten Kampf. Von einem Pfeilschuss tödtlich getroffen, sank er nieder, und nie hat Jemand eine Spur von ihm gefunden.

An diesen Tod des Kaisers knüpft sich ein Märchen, auf das kurz einzugehen nöthig scheint, weil man dasselbe bisher mit wenigen Ausnahmen geglaubt hat[34].

Die besten, meist gleichzeitigen Berichte verschiedenster Richtung, der Rhetor Libanius, der Soldat und Historiker Ammianus, der Kirchenhistoriker Socrates lassen Valens in der [19] Schlacht fallen und verschwinden[35]. Dem gegenüber steht die grosse Masse der kirchlichen Ueberlieferung, mit dem Zeitgenossen Hieronymus beginnend, welche den Kaiser in einer Hütte verbrennen lässt[36]. Es ist hier, wenn irgend wo das Wort am Platze, „man soll die Stimmen wägen und nicht zählen“! Und lehrreich ist der Fall besonders dadurch, dass wir der Entstehung und Weiterbildung dieses Märchens nachgehen können. Einer von des Kaisers Leibwache hatte sich wie die meisten seiner Genossen aus dem Kampfgewühl geflüchtet und in ein Haus verkrochen; als dieses in Brand gesteckt wurde, log er, um seine Tapferkeit leuchten zu lassen, den Gothen und später seinen Landsleuten vor, in dem Hause sei der Kaiser gewesen und mitverbrannt[37].

In dieser Zeit der schärfsten religiösen Gegensätze hat sich dann die Athanasianische kirchliche Ueberlieferung mit einem wahren Entzücken dieser Tradition bemächtigt und sie weiter ausgeschmückt. Der Arrianer und Ketzer Valens hatte also schon bei Lebzeiten die ihm gebührende Höllenstrafe erduldet[38]!

Zu dem sachlichen Berichte des Zeitgenossen Hieronymus, der Kaiser sei verwundet in einem Hause untergebracht worden und ohne Wissen der Gothen dort verbrannt, fügt 20 Jahre später Rufinus den Zug, der Kaiser sei ex bello trepidus nach einem Landgut geflohen und verbrannt, Johannes Chrysostomus, der berühmte Kanzelredner derselben Zeit lässt ihn schon verbrennen μεϑ’ ίππων χαί ϑηλών χαί τών άλλων άπάντων. Wieder fünfzig Jahre weiter flieht der Kaiser in ein Dorf und geht dort sammt allen Einwohnern zu Grunde, oder er erwartet in einem [20] Dorfe fern vom Kampfplatz, wie wohl die Schlacht ablaufen würde und wird dort verbrannt u. s. f.[39].

Dazu werden die Vorzeichen für diesen Tod vielfach erweitert. Da erscheint der Mönch Isaac, der dem Kaiser bei seinem Auszuge aus Constantinopel sein Ende vorausgesagt hat und nach einer Quelle des 9. Jahrhunderts bereits in der Gefängnisszelle, in die er wegen seiner Prophezeiung gekommen war, die Verbrennung gerochen haben soll[40]. — In Wahrheit hat Kaiser Valens den ehrlichen Soldatentod gefunden, den er gesucht hat.

Die Niederlage der Römer war furchtbar; mit der von Cannä wird sie von den alten Historikern verglichen; das grosse Heer vollständig vernichtet: zwei Drittel lagen auf der Walstatt, darunter der Kaiser selbst, die beiden Generale Sebastianus und Trajanus und 35 hohe Officiere[41].

Starres Entsetzen erregte die Botschaft, wohin sie auch kam, in dem weiten Römischen Reich. Der Rhetor Libanius, der Zeitgenosse, berichtet uns recht anschaulich, wie er, als die Trauerkunde gekommen sei, sich vor die Stirne geschlagen, sich die Haare gerauft und immer wieder über die Ursache gegrübelt habe, die solches Unglück herbeigeführt[42]. Und der Schlag, den das Römische Reich hier empfangen hatte, bedeutete auch mehr als die furchtbare Niederlage, der furchtbare Verlust an Menschen und die furchtbare Verwüstung, welche der Thrakischen Provinz warteten. Ein anderer Zeitgenosse, der Kirchenhistoriker Rufinus sagt (a. a. O.) nüchtern und richtig: quae pugna initium mali Romano imperio iunc et deinceps fuit.

Es war das erste Mal einem Germanischen Volke gelungen, einzudringen und sich zu behaupten innerhalb der heiligen Reichsgrenzen, die Augustus gezogen hatte, und damit war der [21] Zusammenbruch des Reiches entschieden. Endigen doch auch die folgenden Gothenkriege des grossen Theodosius nur mit demselben Frieden, den Frithigern schon vor der Schlacht von Adrianopel geboten hatte: Ueberlassung von Wohnsitzen in Thrakien und Bündniss mit Rom. Ein Alarich, ein Athaulf sind aus diesen Gothen hervorgegangen und haben den Herulern und Ostgothen die Wege geebnet, um das Römische Weltreich zu stürzen.

Und noch eine andere folgenschwere, tragische Entscheidung knüpft sich an diese Schlacht. Die Germanen Arrianischen Glaubens hatten gegen den Kaiser geschlagen und gesiegt, der der Hort und die Stütze des Arrianismus war. Mit Valens’ Tod erhielt auch die Sache der Arrianer den Todesstoss; sie haben sich unbewusst selbst ihr Geschick bereitet.



Anmerkungen

  1. Die Stellen bei Tillemont, hist. des empereurs. „Valens“ Art. XVII.
  2. Ammianus XXXI. 4, 4. 6: Socrates hist. eccl. IV, 34; Sozomenus hist. eccl. VI, 37; Eunapius Frgm. 42. 43 Müller; Gibbon, übers. v. Sporschil. (Leipzig 1837) Cap. 26 Sp. 855. 862.
  3. Ammianus XXXI 4,9—5,3; Hieron. z. J. 378 (Jord. h. G. § 131 ff. Mommsen); Eunap. a. a. O. (Zosim. IV, 20).
  4. Ammianus 5, 4—7 (Jord. 135 ff.). Diese Ereignisse fallen in die zweite Hälfte des Jahres 376.
  5. Ammianus 5, 8 — 6, 7; vgl. S. 6 Anm. 1.
  6. Amm. 7. 8; Fasti (Idat.) z. J. 377. Die hier skizzirte Vorgeschichte des zweiten Gothischen Einbruchs ist trotz Ammianus’ unklarer Erzählung kaum anders zu denken. An dem Text der Erzählung muss nur 8, 1 gebessert werden. Ammianus berichtet vorher, wie der Gothische Herzog Frithigern beim Anrücken der Römischen Streitkräfte alle seine Leute in der Stellung am Halmyris-See sammelt (7, 7. 8), die unentschiedene Schlacht bei ad Salices (7,10—16), den Rückzug der Römer auf Marcianopolis und die siebentägige Rast der Gothen in ihrer Wagenburg (8, 1), dann fährt er fort: ideoque oportunitatem milites nancti, immensas alias barbarorum catervas inter Haemimontanas angustias clauserunt aggerum objectu celsorum. Dieses alias ist, da die Westgothen bei ad Salices vereinigt waren und dieselben Westgothen später Durchbruchsversuche machen (8, 4), einfach sinnlos. Man muss mit ganz leichter Aenderung schreiben illas. Die Römer setzen lediglich ihren Rückzug von Marcianopolis fort und befestigen, während die Gothen von dem vorausgehenden Kampfe erschöpft in der Wagenburg bleiben, die Balkanpässe. — Die auf diese Ereignisse folgenden Bewegungen der Römischen Truppen lassen sich nur mit Vergleichung der Karte begreifen. Die Stellungen des Barzimeres in der Nähe von Debeltus (8, 9) und des von Gratianus gesandten Feldherrn Frigerith bei Beroea (9, 1) weisen auf eine planmässige Vertheilung. — Debeltus oder Dibaltus, unweit des heutigen Golfes von Burgas in Ostrumelien gelegen (Jireček, Archl.-epigr. Mitthh. aus Oesterreich X, 166 f.; 204), befindet sich ziemlich am Ende einer Strasse, welche bald hinter Philippopel die alte grosse Heerstrasse von Belgrad nach Constantinopel verlässt, um über Beroea, Cabyle dem Schwarzen Meere zu zu ziehen (tab. Peut. VII B. Desj.). Beroea, heute Eski Zagra, liegt an dem Punkte der Strasse, an welchem diese eine ausgeprägt östliche, statt der bis dahin verfolgten nordöstlichen Richtung einschlägt (Jireček, Monatsberr. der Berl. Ak. 1881 S. 446 ff.). In dieser Gegend mündet ausserdem der über den Schipkapass führende Balkanweg. — Die Römischen Truppen hatten also ihrer gewöhnlichen Taktik nach eine durch eine Heerstrasse verbundene Linie mit grösseren Abtheilungen besetzt. Wahrscheinlich werden wir Ammianus’ Worte (8, 5): quo cognito Saturninus (der von Valens gesandte Oberfeldherr) — iam enim aderat et praetenturas stationesque disponebat agrarias — paulatim conligens suos, digredi parabat consilio non absurdo: ne subita multitudo uti amnis inpulsu undarum obicibus ruptis emissus, convelleret levi negotio cunctos, suspecta loca acutius observantes dahin zu verstehen haben, dass Saturninus im Anschluss an Frigerith’s Stellung bei Beroea diese zweite und zwar die Hauptvertheidigungslinie vernichtete. Saturninus zog dafür einen Theil der Truppen von den Pässen zurück; dass er aber, wie es nach Ammianus’ Erzählung (8, 6) scheinen könnte, die Pässe ganz geräumt hat, ist eine militärische Ungeheuerlichkeit, die wir einem erprobten Römischen General schwerlich zutrauen dürfen. Jedenfalls konnte Saturninus die Pässe nicht vollständig räumen, bevor nicht seine neue Aufstellung ganz fertig war. Und dass sie nicht fertig war, geht daraus hervor, dass zunächst Barzimeres, dann Frigerith überfallen werden (8, 9 ff.). Demnach muss also ein Durchbruch der Gothen erfolgt sein und zwar über einen der östlichsten Balkanpässe. — Beachtenswerth ist es, dass Moltke, Der Russisch-Türkische Feldzug in der Europäischen Türkei 1828 und 1829, (Berlin 1845) S. 52 f., eine ähnliche Art der Vertheidigung wie wir sie für Saturninus vorausgesetzt haben, für die militärisch wirksamste erklärt. — Ueber Diebitsch’ Uebergang vgl. ebd. S. 335 ff, auch über die Balkanpässe S. 55 ff., und Jireček, Die Heerstrasse von Belgrad nach Constantinopel und die Balkanpässe, (Prag 1878) 139 ff.
  7. Amm. 8, 6—8; Socr. IV, 35. 38; Sozom. VI, 37. 39; Hieron. z. J. 378 (Oros. VII, 33, 11); Theoph. S. 64 f. de Boor z. J. d. W. 5870 (Cedren. I, 548 ed. Bonn.; Zonar. XIII, 16, 3); Rufin. hist. eccl. II, 13 bei Migne, Patrol. L. XXI, 214. — Eunapius Frgm. 42 (Zosim. IV, 22) erwähnt hier schon fälschlich die Zurückweisung der Gothen durch Sarazenische Reiter, die erst nach der Schlacht von Adrianopel gehört: vgl. Amm. XXXI, 16, 4 ff.; Socr. V, 1; Sozom. VII. 1; Teoph. a. a. O. - Die Oströmischen Truppen scheinen auf Constantinopel zurückgewichen zu sein, wo wir wenigstens später Trajanus und Saturninus finden. (Ammianus XXXII, 1. 13, 9, vgl. S. 11 f.) Der Weströmische General Frigerith hatte Noth, sich durch das Gebirge nach der Provinz Illyricum zurückzuziehen. — Die zuletzt von Točilescu, Archl.-epigr. Mitthh. aus Oesterr. VI, 1882, 45 ff., veröffentlichte Inschrift aus der Dobrudscha, die von einem Sieg des Valens über die Gothen berichtet, auf diese Zeit zu beziehen, wie es T. versucht, ist unmöglich.
  8. Theodoretus hist. eccl. IV, 33, vgl. Amm. XXXI, 11, 1. Diese Geschichte, welche Theodoretus mit solchem Stolze erzählt, ist durchaus glaubwürdig; sie passt vortrefflich zu der kurzen Charakteristik, welche Ammianus von den beiden im Jahre 377 gegen die Gothen fechtenden Generalen Trajanus und Profuturus gibt (XXXI, 7, 1): ambo rectores, anhelantes quidem altius sed imbellis. Auch die Nachricht Theodoretus’, dass die Generale Victor und Arintheus Trajanus’ Worten Beifall zollten, hat viel innere Wahrscheinlichkeit: alle drei gehören der orthodoxen kirchlichen Partei an und stehen mit dem Bischof von Cäsarea Basilius in einem besonders freundschaftlichen Verhältniss. Beweis dafür geben des letzteren Briefe bei{Migne, P. G. XXXII an Trajanus Br. 148, 149, an Victor 152, 153, an Arintheus 129, an Arintheus’ Gattin nach seinem Tode bei Adrianopel 269.
  9. Amm. XXXI, 11, 1, vgl. 5; Eunap. Frgm. 47 (Zosim. IV, 22).
  10. Jireček, Heerstrasse 53.
  11. Fasti (Idat.) z. J. 378; Socr. IV, 38; vgl. Amm. a. a. O. Da wir annehmen müssen, dass Valens die grosse directe Heerstrasse über Tarsus, Tyana, Ancyra, Nicomedia nach Constantinopel gezogen ist und diese nach übereinstimmenden Angaben des Itinerarium Antonini 139-147 und Hierosolymitanum 571—581 (vgl. tab. Peut. Segm. IX ff.) rund 150 Dt. g. Meilen beträgt, so lässt sich die Zeit des Abmarsches ungefähr berechnen. Der gewöhnliche Reisende brauchte, um diese Strecke zurückzulegen einen reichlichen Monat (Itin. Hieros, a. a. O.), und der Kaiser wird nicht viel weniger gebraucht haben, da es doch wahrscheinlich ist, dass er mit einer Heeresabtheilung marschirte. Demnach wird Valens um Ende April von Antiochia aufgebrochen sein.
  12. Zeit des Abmarsches: Socr. IV, 38; (fast. Idat.) z. J. 378. vgl. Amm. a. a. O. — Die Ereignisse in Constantinopel: Socr. a. a. O.; Sozom. VI, 39; Theoph. a. a. O.; Cedren. I S. 548 ed. Bonn. Gibbon a. a. O. Cap. 26 Sp. 876 betont ganz richtig die Wirkung dieser Vorgänge auf Valens’ Entschliessungen.
  13. Eunap. Frgm. 46. 47 (Zosim. IV, 22); Amm. 11, 1. 2.
  14. Theob. Fischer, Die Südosteuropäische (Balkan-) Halbinsel in „Unser Wissen von der Erde“ 1890 S. 257.
  15. Ammianus 11, 2: Valens’ persönliche Oberleitung bei diesem Vorstoss bestätigt durch Socr. IV, 38; Soz. VI, 40. Zosimus’ Schweigen darüber (IV, 23) erklärt sich aus der Parteinahme seines Gewährsmannes für Sebastianus. — Die statio Nice begegnet häufig in der patristischen Literatur und wird gewöhnlich in die Nähe von Adrianopel versetzt; nur eine einzige Stelle ermöglicht uns aber, seine Lage genauer zu bestimmen. Hilarius Frgm. VIII (Migne P. L. X S. 690): cum consedissent episcopi mansionis Nicaeae, quae antehac Ustodizo vocabatur, in provincia Thracia. Demnach ist also Nice oder Nike mit Ostudizus, das an der grossen Heerstrasse Constantinopel—Sirmium 18 mpm. (33/5 Dt. g. Meilen) vor Adrianopel liegt (Itin. Ant. 137), gleichzusetzen. Wenn nach Ammianus XXXI, 12, 3 die Gothen 15 mpm. von Adrianopel entfernt sich anschicken, Nice anzugreifen, so lässt sich das sehr wohl damit vereinigen. Dasselbe Nice nennt auch das Itinerarium Hierosolymitanum 569, doch sind hier gerade vor dieser Station eine civitas (Hadrianopolis) und eine mutatio ausgefallen (vgl. u.); ausserdem muss mit den besten Handschriften ebd. Arbodizo für Tarpodizo gelesen werden, vgl. W. Tomaschek, Zeitschr. f. d. Oesterr. Gymnasien XVIII (1867) S. 711 f. — Der Zeitpunkt von Valens’ Abmarsch aus Melanthias lässt sich ungefähr auf die erste Hälfte Juli bestimmen. Valens trifft am 11. Juni erst in Melanthias ein (vgl. o.) und hält sich einige Zeit dort auf (Ammianus 11, 1). Auf den Marsch bis Nice, 26 Dt. g. Meilen (Itin. Ant. 137. 138) müssen wir etwa 6 Tage rechnen (Jireček, Heerstrasse 48), auf den weiteren Vormarsch mindestens 4 Tage (vgl. u.). Ausserdem ist Valens spätestens in den ersten Augusttagen wieder auf dem Rückmarsch gegen Nice begriffen (vgl. S. 12 Anm. 1). Und schliesslich liegt zwischen dem ersten Eintreffen in Nice und dem Aufbruch von dort wieder einige Zeit (vgl. o.). So kommen wir etwa auf den angegebenen Zeitpunkt. Vgl. auch S. 12 Anm. 2. — Die Synchronismen, welche Ammianus (10, 20. 11, 1—6. 12, 1) bietet, sind zu allgemein, um damit etwas anfangen zu können.
  16. Ammianus 11, 2—5; Socr. IV, 38; Sozom. VI, 40; Zosim. IV. 23.
  17. Diese Stellung der Gothen ist durch Ammianus’ Worte 11, 2: popularibus jungere festinant (die vor Sebastianus zurückweichenden Gothischen Streifschaaren), circa Beroeam et Nicopolim agentibus praesidiis fixis, deutlich umgrenzt. — Eine treffliche Schilderung des Thales von Kazanlyk gibt Moltke, Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei etc. (Berlin 1841) S. 138 ff. (vergl. Jireček, Heerstrasse 152 f.). Ueber Beroea s. S. 5 Anm. 1, über Nicopolis ad Haemum (nördlich von Tirnowa) Kanitz, Donau-Bulgarien und der Balkan (Leipzig 1875) II, 60 ff. — Auch den Grund des Abzuges merkt Ammianus 11. 5 an, vgl. Zosim. IV, 23.
  18. Amm. 10, 21.
  19. Der Einbruch der Linzgau-Alamannen fallt erst in den Februar 378 (Ammianus 10, 4). Gratianus’ Abmarsch von der Rheingrenze erfolgt spätestens mit dem Beginn des Juli. — Dieser Zeitpunkt ergibt sich daraus, dass Richomer von Gratianus aus Castra Martis in Mösien gesendet, am 7. oder 8. August bei Valens eintrifft (S. 14), also Gratianus spätestens in den ersten Augusttagen in Castra Martis angelangt ist. — Für den Anmarsch, dessen Richtung wir genau kennen (Ammianus 10, 20. 11, 6), ist mindestens ein Monat zu rechnen: Marsch von Arbor Felix am Bodensee bis Lauriacum an der Donau (ungefähr 67 Dt. g. Meilen nach Itin. Ant. 249 ff., vgl. 255 flf.), Donaufahrt bis in das Mösische Küstengebiet mit viertägigem Aufenthalt in Sirmium, Marsch bis Castra Martis. — Die Lage des letztgenannten Ortes ist nicht sicher zu bestimmen. Jedenfalls lag er im nördlichen Mösien (Sozom. hist. eccl. IX, 5, vgl. Ammianus a. a. O.) und weder unmittelbar an der Donau, noch an einem ihrer rechtsseitigen Nebenflüsse (Procop. de aedif. IV, 6 S. 291 ed. Bonn.); Hierocles (655), Jordanes ed. Mommsen § 265, Hilarius (op. hist. Frgm. II, 15 bei Migne P. L. X, 643) sind für die Localisirung werthlos.
  20. Zosimus IV, 23, vgl. Eunap. Frgtn. 46. Zosimus (Eunapius) nimmt einseitig für Sebastianus Partei, doch werden seine Angaben über die erfolgreichen Umtriebe der christlich-Oströmischen Partei durch die gnädige Wiedereinsetzung des Trajanus und die Ereignisse selbst (Ammianus 12, 1 vgl. 6) bestätigt. Ammianus’ Gewährsmann war Sebastianus keineswegs wohlgesinnt: er ist wohl in dem Kreise der Oströmischen Officiere und zwar vermuthlich in der Umgebung des bei Adrianopel gefallenen Potentius (13, 18) zu suchen, zu dessen Vater Ursicinus Ammianus die engsten Beziehungen hatte. — Das e Melanthiade signa commorit (Ammianus 12, 1) geht natürlich auf den vom Kaiser gesandten Befehl zum Vormarsch; er selbst stand ja bereits in Nice vgl. S. 9 Anm. 2. — Wann Valens den Befehl ertheilt hat, wissen wir nicht bestimmt; da er Anfang August schon wieder auf dem Rückmarsch nach Nice begriffen ist (vgl. u. S. 14 Anm. 2), andererseits auf den Anmarsch des Heeres einige Zeit gerechnet werden muss (S. 9 Anm. 2), so kommen wir etwa auf Mitte Juli.
  21. Dieser Vormarsch des Kaisers, den keiner der antiken Schriftsteller unmittelbar überliefert, keine der modernen Darstellungen annimmt, folgt doch mit zwingender Nothwendigkeit aus Ammianus’ Bericht, der offenbar hier seinen Gewährsmann nicht verstanden hat. In ihm liegt der Schlüssel für das Verständniss der Schlacht bei Adrianopel. Der Kaiser steht in Nice, er will zum Angriff gegen die am Schipkapass lagernden Gothen übergehen und lässt das Gros nachrücken (Ammianus 12, 1), da erfährt er durch seine Avantgarde, dass ihm die Gothen die Pässe verlegen wollen, durch welche seine Zufuhren gehen. Auf diese Nachricht entsendet er sofort eine Schaar leichter Truppen, die sich der Pässe bemächtigt. Drei Tage später greifen, wie Valens’ Vortruppen melden, die Gothen Nice an; Valens selbst verschanzt sich bei Adrianopel (Ammianus 12, 2—4). Es hat demnach nach eine Bewegung des Kaisers drei Tagemärsche von Nice vorwärts und eine Rückbewegung in der Richtung auf Nice stattgefunden. Diese Bewegung vorwärts kann sich nur gegen die Gothische Stellung gerichtet haben, also ist Valens jedenfalls die grosse Heerstrasse nach Sirmium weitergezogen, um dann nördlich gegen Beroea und den Balkan auszubiegen. Die Entfernung von Nice bis Subzupara (Castra Rubra?), bei dem die Strasse sich nordwärts wendet, beträgt mindestens 13 Dt. g. Meilen (Itin. Ant. 231 vgl. 137; Hieras. 568 f.; Jireček, Heerstrasse 44 ff.; Archl.-epigr. Mitthh. X, 94 ff.; 206), also ungefähr drei Tagemärsche. Die Pässe, welche die Gothen besetzen wollen, sind die wichtigen Maritzapässe zwischen Burdipta und Subzupara, heute etwa zwischen Mustafa Pascha und Tirnowa. — Mit Valens’ an sich durchaus verständlichem Angriffsplan kann man vergleichen den Vorstoss Suleiman Pascha’s gegen die unter Gurko bei Kazanlyk und im Schipkapass stehenden Russen im Juli 1877 (Hinze, Gurko und Suleiman Pascha, Berlin 1880 S. 49—118).
  22. Ammianus 11, 5. 12, 2. 3. Die Lage von Cabyle am Tonsus in der Ebene von Jamboli ist gesichert (Jireček, Archl.-epigr. Mitthh. X, 133 ff.); hier sind die regiones patulae vgl. Moltke, Der Russ.-Türkische Feldzug S. 346 ff.; Ami Boué, Die Europ. Türkei, Ausg. d. Wien. Akad., Wien 1889 fr. 70 f.; Jireček a. a. O. 129. 131. — Vermuthlich ist die Hauptmacht der Gothen auf der im Itinerarium Antonini 175 verzeichneten directen Strasse zwischen Cabyle und Adrianopel gezogen. Den gleichen Weg marschirte wohl auch General Diebitsch, vgl. Moltke S. 357 ff., und im Russisch-Türkischen Kriege von 1877/8 sind die Tundschapässe wieder benutzt worden. Ueber die Bodengestaltung vgl. Jireček a. a. O. 140 ff. Da Frithigern Valens in der Besetzung der Strasse nach Constantinopel zuvorkommt, muss sein Aufbruch aus der alten Stellung mindestens mit dem des Valens aus Nice zusammenfallen, also nach Mitte Juli erfolgt sein. Die Schaar von etwa 10 000 Mann, auf welche die Römischen Vortruppen bei Nice stossen (Amm. 12, 3), ist wahrscheinlich vorausgesandt worden.
  23. Wahrscheinlich wird diese Vermuthung, weil Gratianus auf seinem Marsche nach Castra Martis überraschend durch Alanenschwärme angegriffen wird (Amm. 11, 6). Die Vereinigung der Gothen mit Alanen wird ja besonders hervorgehoben (Amm. 8, 4), Ostgothische und Alanische Reiterschaaren sind kurz vor der Schlacht von Adrianopel noch fern und werden sehnlichst erwartet (Amm. 12, 12. 17). Schliesslich dehnte sich die erste Gothische Stellung bis Nicopolis nördlich des Balkan aus (Amm. 11, 2). Aehnliclies vermuthet schon richtig Bessell in Ersch. u. Gruber R.-E. S. I Bd. 75 „Gothen“ S. 176.
  24. Amm. 12, 4. 5.
  25. Amm. 11, 6. 12, S. 5—7. Gratianus scheint nach der Schlacht von Adrianopel noch nicht weiter vorgerückt gewesen zu sein, vgl. Zosimus
  26. Ammianus 12, 8. 9. vgl. 14 suo misit arbitrio.
  27. Das Datum ist gesichert durch Ammianus 12, 10, Socrates IV, 38 und die Fasti (Idatiani) z. J. 378. Ausserdem wird dasselbe bestätigt durch Ammianus’ Worte nullo splendore lunari nox fulgens (13, 11), denn der astronomische Neumond trat am 9. August 8 Uhr Abends bürgerlicher Zeit von Adrianopel ein; deutlich sichtbar wurde die Mondsichel erst in der Abenddämmerung des 11. August. Ich verdanke diese Berechnung meinem Freunde Walter Wislicenus in Strassburg.
  28. IV, 24; Theophanes S. 65 f. de Boor. Erfunden ist die Nachricht, dass Gratianus die Hilfeleistung abgelehnt habe (Zonaras XIII, 17, Mich. Glykas S. 473 ed. Bonn.). — Das Eintreffen Richomer’s muss, da sich der entscheidende Kriegsrath, der am 8. August gehalten worden ist, unmittelbar anschliesst, auf oder kurz vor diesen Tag fallen.
  29. Ammianus 12, 11. 12. Die Lesart der Handschrift octaro tandem hostium carpenta cernuntur etc. ist beizubehalten. Dass nach den Fasti (Idatiani) die Schlacht 11 mpm. (nahezu 2¼ Dt. geogr. Meilen) vor Adrianopel geschlagen worden ist, steht, wie schon Gibbon S. 869 Anm. 2 richtig betont, damit keineswegs in Widerspruch. Ueberdies ist dieses octaro (sc. miliario) natürlich als Standpunkt der Römischen Truppen zu denken. — Die Stellung der Gothen muss eine sehr feste gewesen sein: Sozom. VI. 40 vgl. Amm. 12, 12.
  30. Amm. 12, 12—15.
  31. Amm. 12. 13: Liban. or. XXIII Reiske II S. 31.
  32. Amm. 12, 15—17.
  33. Der vorzeitige Angriff der Römer steht fest nach Ammianus 12. 16. 17. Ebenso in der weiteren Entwicklung der Schlacht (Ammianus 13, 1—11) die schmähliche Flucht der Römischen Reiterei und zwar, wie aus Amm. 13, 2 (a reliquo equitatu desertum) hervorgeht, der Reiterei des rechten vorgeschobenen Flügels: Socr. VI, 38; Sozomenus VI, 40; Hieron. chron. z. J. 378 (Orosius VII, 83, 13). Ueber den Grund der Flucht urtheilt ähnlich wie oben Ranke, Weltgeschichte IV, 1 S. 162 A. — Man vergleiche die verschiedenen Urtheile über die Schuld an der Niederlage bei Libanius or. XXIII Reiske I S. 29 ff.; Zosimus IV, 24; Sozomenus VI, 40.
  34. Zu den Ausnahmen gehören nur Kaufmann, Deutsche Geschichte bis auf Karl d. Gr. 1 S. 274 und Ranke, Weltgeschichte IV, 1 S. 168.
  35. Liban. or. I ed. Reiske I S. 117 u. or. XXHI Reiske II S. 37 ff. (abgefasst um Mitte 379); Amm. XXXI, 13, 12 ff.; Socrates IV, 38 vgl. Fasti (Idat.) z. J. 378; Eunap. vitae spph. ed. Boissonade-Wyttenbach: Maximus S. 63.
  36. Hieron. z. J. 378 vgl. Br. 60 (Migne P. L. XXII S. 599). Einen ähnlichen Bericht geben nebenher auch Ammianus und Socrates a. a. O. Zosimus IV, 24 erzählt ebenfalls von der Verbrennung, giebt hier aber seine bis dahin benutzte Quelle (Eunapius) auf.
  37. Ammianus 13, 16. Die Verbrennungsfabel wurde durch die Kriegslist der Gothen S. 16 Anm. 3 glaublich gemacht.
  38. Rufin hist. eccl. II, 13; Oros. VII, 33. 15 ff.; Isid. chron. z. J. 378; Cyrill, vita S. Euthymii in Cotelerii eccl. Graecae monum. IV. p. 8.
  39. Rufin a. a. O.; Joann. Chrysost. homil. XV und epist. ad viduam; Zosim. a. a. O.; Theodoret. hist. eccl. IV, 36.
  40. Theophan, S. 65 (de Boor). Im Allgemeinen vgl.: Ammianus XXXI, 1. 14, 8; Sozom. VI, 40; Theodoret. IV, 34. 35; Cedren. I, 549 ed. Bonn.; Zonar. XIII, 16; Glykas 473 ed. Bonn. Aus erhaltenen Quellen sind sicher abgeleitet Orosius; Idatii, Cassiodori, Isidori Chronica; Jordanes.
  41. Amm. 13, 18; Hieron., Socr., Sozom., Zosim., a. a. O. vgl. Liban. or. XXIII a. a. O.
  42. Libanius or. II ed. Reiske I, 189.