Die Schnelligkeit des Gedankens

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Textdaten
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Autor: V. K.
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Titel: Die Schnelligkeit des Gedankens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 562
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[562] Die Schnelligkeit des Gedankens ist zum Sprüchwort geworden. Dieses bezieht sich natürlich lediglich auf die Schnelligkeit, mit welcher man die subjective Vorstellung zu fassen vermag, an einem weit entlegenen Orte zu sein; es wird hier also in der That eine Entfernung gar nicht durchmessen, denn diese Vorstellung entspringt in uns und bleibt in uns. Die Schnelligkeit aber, mit welcher die auf die Werkstätte der Gedanken, das Gehirn, wirkenden Reize und Anregungen durch die Telegraphendrähte dieses Organs, die Nerven, in Wirklichkeit fortgepflanzt werden, ist eine überraschend geringe und erreicht noch nicht die der Dampfkraft, geschweige denn die des Telegraphen. Diese ist von den Physiologen festgestellt worden, und zwar durch ungefähr folgenden Versuch. Durch Schließung eines galvanischen Apparats wird ein Zeichenstift dergestalt vorgeschoben, daß er auf einem durch ein Uhrwerk bewegten vorüberstreichenden Cylinder einen Strich vorzeichnet. Dieser galvanische Apparat wird durch einen zweiten galvanischen Apparat geschlossen, bei welcher Gelegenheit ein Funke überspringt. In dem Augenblicke also, in welchem der Funke überspringt, fängt der Zeichenstift an zu markiren. Hat nun Derjenige, welcher das Experiment ausführt, sich vorgesetzt, sobald er den Funken erblickt, mit seinem in Bereitschaft gehaltenen Fuße auf eine an der Erde befindliche Vorrichtung zu drücken, welche durch einen elektromagnetischen Telegraphen den zeichnenden Apparat wieder öffnet, so hört der Zeichenstift auf zu markiren.

Die Zeit, welche zwischen dem Anfangen und Aufhören des Markirens verflossen ist und die durch die Länge des Strichs auf dem Cylinder dargestellt wird, ist mithin erforderlich gewesen, eine mit unserm Auge gemachte Wahrnehmung nach unserm Gehirn und von dort nach unserer Fußspitze fortzupflanzen. Da man weiß, wie viel Umdrehungen der Cylinder in der Secunde macht, und seinen Umfang kennt, kann man die verflossene Zeit berechnen. Diese beträgt – es weichen natürlich die einzelnen Untersuchungen in ihren Resultaten von einander ab – durchschnittlich etwa 1/5 bis 1/6 Secunde, und zwar für die Fortpflanzung auf eine Strecke, die ungefähr der Länge des menschlichen Körpers entspricht, also nicht ganz zwei Meter. Wir vermögen also unsern Willen, der, wenn auch nicht gerade identisch mit unsern Gedanken, doch immerhin ein Resultat derselben und gleich ihnen der Ausfluß unserer geistigen Kräfte ist, in den Bahnen unseres Körpers mit einer Schnelligkeit von ca. zehn Meter in der Secunde fortzupflanzen.

Der Geschäftsmann aber, beispielsweise in Berlin, würde mit dem „Flug der Gedanken“ sehr unzufrieden sein, wenn er seine Absichten in Bezug auf ein Gewinn versprechendes Börsengeschäft seinem Agenten in Wien nur mit verhältnißmäßig derselben Schnelligkeit mittheilen könnte, mit der er seine Absichten bis zu seiner Fußspitze zu befördern vermag – er zieht sicher den Telegraphen vor.
V. K.