Die Sechshundert von Balaklava

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Sechshundert von Balaklava
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 588
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[588] Die Sechshundert von Balaklava. Die Dreihundert Helden von Termopylä, die Vierhundert von Pforzheim und die Sechshundert von Balaklava haben in der ganzen Geschichte nicht ihres Gleichen, denn ähnlichen Beispielen heroischen Todesmuthes begegnet man hier und da blos noch in einzelnen Helden, den Horatiern und Curatiern, Curtius, Arnold von Winkelried.

Versetzen wir uns gleich mitten in die tollkühnste, verwegenste, furchtbarste aller Kriegsscenen vom 25. October. Die Russen hatten bei ihrem großen Ausfalle auf die Belagerer Sebastopols den Engländern mehrere Kanonen genommen. Es galt sie wieder zu erobern. Türken und Engländer waren mit dem Versuche, sie dem in der Zahl und Position weit überlegenen Feinde wieder abzunehmen, gescheitert. Vor sich hatten die Alliirten ein Thal, dessen beide Höhen auf beiden Seiten mit Kanonen und dessen Ausgang nach Sebastopol hin, wo die eroberten Kanonen waren, mit langen Doppelreihen von Cavallerie und im Hintergrunde mit dichten Massen von Infanterie bedeckt wurden. Aber es galt doch, sie wieder zu holen. So wurden 627 Mann leichte Cavallerie beauftragt, den Versuch zu wagen, strategisch und menschlich genommen der tollkühnste Wahnsinn, aber in seinem kurzen und tragischen Verlaufe eine der erhabensten Erscheinungen persönlichen und vereinten Todesmuthes, für welchen man in der menschlichen Brust und in den gegebenen Verhältnissen bis jetzt vergebens nach einer genügenden Erklärung sucht.

Der furchtbare Kampf ruht im Thale und auch auf den Höhen umher zwischen unzähligen Verstümmelten und Leichen. Die Sechshundert sprengen in die Mitte herein. Die Trompeten schmettern, die Säbel blinken. Von beiden Seiten blicken die lauernden schwarzen Schlünde der feindlichen Kanonen und im Hintergrunde Fernröhre und Augenwaffen der Freunde auf sie herab, wie aus Theaterlogen. Vor ihnen dehnen sich zwei dichte lange Reihen russischer Cavallerie, die eroberten Kanonen zu schützen. Die Tollkühnen beschließen, diese Doppelreihe, jede einzeln ihnen bei Weitem überlegen, zu durchbrechen. Sie rücken vor, anfangs in gemäßigtem Schritt, dann unter Trompetengeschmetter, Hurrah rufend, Säbel schwingend immer schneller und schneller, bis sie gegen die erste russische Phalanx anprallen und die Säbel von beiden Seiten in Pferde- und Menschenfleisch wüthen. Nach einigen Minuten liegen Hunderte todt und verstümmelt zwischen und unter Pferden. Einzelne der letztern fliehen schnaubend, zitternd und rathlos im Thale. Aber die erste Reihe ist durchbrochen. Der Rest sprengt Hurrah rufend, Mützen und Säbel schwingend gegen die zweite Phalanx, während die erste sich wieder ordnet, um eine Phalanx hinter dessen Rücken zu bilden und ihn von beiden Seiten nieder zu mähen. Die zweite Phalanx, dreifach, vierfach überlegen haut die anprallenden Helden zur Hälfte nieder. Die andere Hälfte wird von der Gewalt der Massen zurückgedrängt, so daß sie auf die erste, vorher durchbrochene Colonne stößt, um sich hier abermals durchzuschlagen. Von den Kanonen auf den Höhen und Feindesmassen ringsum zu mehr Todten und Zerhauenen und Zertretenen, als Lebenden, nieder gemacht, werfen sich die noch Sattelfesten, obwohl auch vielfach blutend und mit dem Tode ringend, auf die neu gebildete Cavalleriemauer des Feindes. Man sieht, er will seine Schuldigkeit thun d. h. in diesem Falle, er will noch todtmachen, was todtgemacht werden kann. Das findet man im Kriege nicht nur in der Ordnung, sondern auch höchst tugendhaft. Dagegen läßt sich nicht rechten, ohne sich lächerlich zu machen. Der Krieg mit seinen Regeln und historischen Tugenden ist einmal eine „alte Gerechtigkeit,“ gegen welche die neue juristische, nach welcher die Feinde sehr feierlich, umständlich und einzeln erst zum Tode verurtheilt und dann später sehr ceremoniell abgethan werden, viel zu langweilig sein würde.

Aber aus den schwarzen Schlünden auf den Höhen blitzen ungeheuere Feuerbüschel und zischen ungeheuere Eisenkugeln herab und brüllen krachende Donner durch das Thal und füllen es mit dicken Pulverdampfwolken. Die Kugeln der Russen reißen hier mehrmals blind in Freund und Feind hinein, die sich im ehrlichen Schwerterkampfe gegenseitig zerhacken. Die Kugeln von den Höhen reißen ohne Wahl Freund und Feind massenweise in Stücken. Die 600 Reiter Englands und Schottlands finden einige Collegen in der Geschichte, diese Kanonendonner stehen wahrscheinlich ohne Beispiel da in der Historie aller Kriege, selbst der Religionskriege. Man sollte meinen, selbst das Kanonenmetall, selbst die blinden eisernen Kugeln hätten, erschreckt und erweicht von der Erhabenheit dieses wahnsinnigen Heldenmuthes und zurückbebend vor der Zumuthung, blindlings auch die Freunde mit massenweise niederzureißen, hier ihre Dienste versagen müssen. Nein, keine Regung der Menschlichkeit, weder in dem Metalle, noch in der Lunte, noch im Pulver, noch in den Händen und Herzen der russischen Artillerie. Die Kanonen schmettern Freund und Feind in brüderliche Haufen von todten, blutenden, zuckenden und stöhnenden Pferden und Menschen, aus denen blitzende und blutige Säbel, Pferde- und Menschenbeine erst zuckend und schlagend, dann bald starr und steif hervorragen. Von den 627 Reitern kehrten nur 189, auch zum Theil zerhauen und verstümmelt zurück. Die 438 Leichen (ohne die russischen) waren die martialische Schöpfung noch nicht einer vollen Morgenstunde.

Als die Namen der 627 nach dieser Morgenstunde verlesen und aufgerufen wurden, antwortete auf den Schall dieser noch kurz vorher volle frische Mannesblüthe bedeutenden Namen 438 Mal ein furchtbares, beredtes Schweigen. Dieses Schweigen klang entsetzlich bis herüber nach England und ruft in unzähligen Herzen die schreiendsten Klagen wach. Dieses Schweigen bekam Tausende von Stimmen in der Presse, in der Breite des Volks und drang bis in die geheimnißvollen Höhen des Friedensministeriums, das nun nach langem Diplomatisiren und Glauben und Hassen und Lieben desto unbarmherziger und tiefer in die wüthende Nemesis eines 40jährigen, still und lächelnd gegen seine eigene Gesetze und Grundrechte handelnden und schachernden und Völker und Städte und Länder kaufenden und verkaufenden diplomatischen Friedens hineingerissen wird. Die 438 im Tode Schweigenden rufen nach Verstärkungen, nach Ersatz, nach Ernst und Prinzip des Krieges und fordern, daß er wirklich ein ehrlicher Krieg werde, der diesen Todesmuth, diese erhabene Leidenschaft sich rücksichtslos opfernden Heroismus nicht beschimpfe.