Die Spiritualisten und die Wissenschaft (2)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Spiritualisten und die Wissenschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 23–25
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[23]

Die Spiritualisten und die Wissenschaft.

Tischdrehen. Tischklopfen. Tischschreiben.

Zu jener Zeit, als die erste Nachricht vom Tischrücken durch die Zeitungen lief, befand ich mich in der kleinen Stadt B. Die Bewohner derselben gehörten ihrer eigenen Meinung nach durchaus zu den Aufgeklärten des neunzehnten Jahrhunderts, und jene Zeitungsnotiz wurde daher schlechtweg als ein „Unsinn“ und „Humbug“ belächelt und vergessen. Als aber bald darauf die Augsburger Allgemeine mittheilte, daß schon in X. zu wiederholten Malen schwere Tische von nur wenigen Personen gedreht worden wären, kam die Sache wieder in Erinnerung, und Einige, worunter ich gehörte, entschlossen sich, dem Gelächter zum Trotz, das genau beschriebene Experiment nachzumachen. Wir hatten uns gegenseitig verpflichtet, auf den Tisch keinerlei Kraft auszuüben. Trotzdem aber setzte er sich nach einiger Zeit in eine Bewegung, die bald rascher und rascher wurde, so daß wir endlich mit einer solchen Geschwindigkeit in der Stube umherliefen, daß Einer aus dem Kreise heraussprang und der Tisch dadurch auf die Seite geschleudert wurde. Dies ging in Gegenwart einer ziemlich großen Gesellschaft vor; und die Kunde davon verbreitete sich bald in der ganzen Stadt. Das Tischdrehen wurde in allen Familien versucht, und da es auch überall gelang, so entstand eine wahre Manie, alle leblosen oder belebten Körper auf die „neue Kraft“, womit man das Phänomen kurzweg erklärte, zu untersuchen. Man legte die Hände auf Teller, Hüte, Fässer, Papier, ja auf Menschen – und Alles drehte sich. Ich wurde mit all diesen Variationen bekannt, und ich erwähne dies hauptsächlich, um mir den spätern Einwand fern zu halten, als wäre ich mit der Technik des Tischrückens nicht vollständig vertraut. Ich war ein ganz braver Tischrücker so lange, bis es mir möglich war, die Erklärung aller Erscheinungen, die hier in Frage kommen können, aus einfachen, unbestreitbaren, natürlichen Gesetzen abzuleiten.

Den Lesern der Gartenlaube sie mitzutheilen, ist mein Zweck; ich muß aber zuvor bemerken, daß das, was ich sagen werde, durchaus nichts Anderes ist, als was die Wissenschaft, und als einer der Ersten der neulich von England aus in diesem Blatte verdächtigte Faraday, gesagt hat. Daß diese eine Wahrheit, die es eben nur giebt, früher ignorirt worden ist, ist die Schuld des Volkes und seiner Lust am Verhüllten, nicht die der Gelehrten.

So wie in B. breitete sich die Tischrückwuth überall aus. Erst lachte man über die Mittheilungen davon, hierauf sah man mit eigenen Augen, man drehte selbst, und durch das Gelingen dieses Versuches wurde der früher ungläubige Saulus zum fanatischsten Paulus gesotten, der sich gegen jede Belehrung mit Händen und Füßen sträubte. „Ich habe es früher auch nicht geglaubt, aber seit ich es selbst probirt habe, bin ich belehrt“; – daß Wissen etwas ganz Anderes sei, als Glauben, ist leider einem großen Theile der Gebildeten etwas noch Unbekanntes. Daß sich der Tisch dreht, leugnen wir nicht, wir wollen diese Drehung nur als nothwendig, als natürlich erklären.

Wir setzen voraus, daß unsre Leser mit der Art und Weise, wie die Kette gebildet wird, bekannt seien; denn obwohl gar nichts darauf ankommt, daß die kleinen Finger dabei aufeinander liegen, so ist es doch wichtig, daß beide Hände etwas entfernt vom Körper aufgelegt werden.

In dem Artikel über den Ring im Glase haben wir vorbereitungsweise erörtert, wie nach und nach, wenn unsere Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt gerichtet ist, die Muskeln, ohne daß wir es bemerken, in den Zustand des Zitterns gerathen und kleine Stöße in regelmäßiger Aufeinanderfolge auf den darunter liegenden Gegenstand ausüben. Auf die Platte des Tisches wirken diese als ein Druck, der sich, je mehr im Verlauf der Zeit der Geist die Controle über die afficirten Muskeln verliert, mehr und mehr verstärkt. Es hilft gar nichts, daß alle Menschen betheuern, von ihren Händen ginge kein Druck aus. Ihr lieben Leute wißt das nicht! – eben so wenig, wie ich es, ehe ich mich davon überzeugte, geglaubt habe. Legt nur unter die Finger und unter den Ballen der Hand eine Lage weichen Teiges (etwa ½ Zoll dick), so wird es, wenn Ihr Euch die Augen verbinden wollt, damit Ihr unbefangen bleibt, nicht lange dauern: die Finger drücken sich in die weiche Masse ein, je länger, je tiefer; ebenso quetscht der Ballen der Hand den Teig auseinander. Oder bestreut den Tisch mit einer feinen Schicht Hexenmehles und bildet die Kette. Bei einer völlig ruhigen Lage der Hände darf das zarte Pulver nur an den von den Fingerspitzen berührten Theilen der Tischfläche verwischt werden; allein nach kurzer Zeit schon, noch lange bevor der Tisch sich dreht, macht es sich durch die Verwischung des Hexenmehles bemerklich, daß sich größere Berührungsflächen gebildet haben, weil sich der Druck, mit dem sich die Finger auflegen, vergrößert hat. Oder aber auch: man stelle auf den Tisch einen Teller, dessen Boden mit einer Schicht Quecksilber bedeckt ist. Bleibt der Tisch ruhig, so wird der klare Spiegel des Metalles keine Wellenringe zeigen; beim Tischrücken aber bleiben dieselben nie aus, im Gegentheil geräth dabei das Quecksilber häufig in solche Erschütterungen, daß es über den Rand des Tellers herausspritzt.

In den Fällen, in denen man durch diese Mittel einen Druck der Hände nicht angezeigt bekommt, bewegt sich der Tisch nie. Da man diese Erfahrung früher schon gemacht hat, ist man ihr auch schon aus dem Lager der Dreher begegnet. Teig und Hexenmehl sollte man nicht zwischen Tisch und Hand bringen, weil die Ueberleitung der Kraft, die durch die Kette erzeugt würde, dadurch gehindert sei. Auch gut – man ließ die Hände direct auf den Tisch legen, aber so, daß der Ballen auf einer rings um den Tisch laufenden, feststehenden Leiste ruhte, welche den Druck aufnehmen mußte, – so daß nur die Spitzen der Finger die Tischplatte berührten. Trotz der vollkommenen Leitung, die auf diese Weise hergestellt war, bewegte sich der Tisch nicht; und wir glauben in dem Angeführten genug Beweise gegeben zu haben, daß ein Druck von den Händen unwillkürlich ausgeübt wird, und daß dieser Druck die Ursache der Bewegung des Tisches ist, denn wo er wegfällt, oder wo er keinen Angriff findet, wie wenn man einen feinpolirten Tisch mit Oel begießt und darauf die Hände legt, da steht auch der Tisch still.

Wollen wir aber uns darüber klar werden, aus welche Weise aus den verschiedenen von jeder Hand ausgeübten Drucken die Drehung des Tisches hervorgeht, so müssen wir uns zuvor zweier Gesetze aus der Mechanik erinnern. (Die liebenswürdigen Leserinnen mögen das Folgende getrost überschlagen.) 1. Wenn zwei Kräfte gleichzeitig nach verschiedenen Richtungen auf einen frei beweglichen Körper wirken, so ist ihre Wirkung, als ob auf denselben Körper nur eine einzige Kraft von der Größe und Richtung der Diagonale desjenigen Parallelogramms wirke, welches sich aus den beiden Kräften construiren läßt, wenn wir ihre Größe und Richtung durch Linien uns versinnlichen.

Drücken in Fig. 1 also P und Q zwei solche Kräfte aus, die auf einen in ihrem

Die Gartenlaube (1861) b 023.jpg

Durchschnittspunkt befindlichen Körper wirken, so sucht sich dieser in der Richtung von R und mit einer der Länge von R entsprechenden Geschwindigkeit fortzubewegen. Wenn auf einen Kahn gleichzeitig die Kraft des Windes und die Strömung des Wassers wirkt, so wird der Weg, den derselbe einschlagen will, weder in der Richtung des einen noch in der des andern liegen, sondern zwischen beiden. Der Schiffer, welcher über einen rasch fließenden Strom setzen will, segelt deshalb auch nicht gerade auf den Landungsplatz zu, sondern so, als ob er weiter oberhalb anlegen wollte. Die Richtung, die sein Kahn durch den Wind erhält, setzt sich mit der, die ihm das Wasser giebt, erst zu derjenigen zusammen, die ihn an den gewünschten Punkt bringt. Die aus zwei oder mehreren Kräften entstehende Mittelkraft nennt man die Resultirende und das betreffende Gesetz das Gesetz vom Parallelogramm der Kräfte.

[24] 2. Wenn eine Kraft auf einen Körper wirkt, so kann unbeschadet ihrer Wirkung der Angriffspunkt der Kraft nach irgend einem andern Punkte, falls dieser nur in der Kraftrichtung liegt, verlegt werden. Es bleibt sich gleich, ob, wenn an einem Seile mit einem gewissen Kraftaufwande gezogen wird, man diese Kraft in einer Entfernung wirken läßt, daß 3 Ellen Seillänge zwischen Kraft und Last liegen oder so, daß 10 Ellen dazwischen liegen. Genau so ist es mit dem Druck, man darf sich statt des Seiles nur eine Stange denken, in deren Längsrichtung der Druck ausgeübt wird. –

Um diese beiden Gesetze auf das Tischdrehen anzuwenden, haben wir in Fig. 2 zur Erläuterung eine Kette von zwei Händepaaren dargestellt. Die Hände, von welchen die Linien P und R ausgehen, gehören der Person an, die uns den Rücken zudreht, die andern beiden der ihr gegenübersitzenden. Durch diese Linien P und R einerseits und durch Q und S andererseits haben wir die von diesen Händen ausgeübten Druckkräfte sowohl nach ihrer Größe als nach ihrer Richtung bezeichnet. Um die Resultirende, durch welche die Wirkung je zweier solcher Kräfte ausgedrückt wird, zu finden, müssen wir das Parallelogramm zeichnen, zu diesem Behufe aber vorher die Kräfte in ihrer Richtung so verlegen, daß wir den gemeinschaftlichen Durchschnittspunkt als Angriffspunkt annehmen. Wir machen also AD = 1’ und AB = Q, ziehen wir nun aus D und B Parallelen zu Q und P, so wird durch den Durchschnittspunkt E der Endpunkt der Diagonale, welche die Resultirende bedeutet, bezeichnet. Die Kräfte P und Q wirken zusammen auf den Tisch genau so viel, als die Kraft AE allein wirken würde. Ganz analog, verfahren wir mit den beiden andern Kräften R und S und erhalten da eine ähnliche Resultirende FJ.

Die Gartenlaube (1861) b 024.jpg

Diese beiden Resultirenden verhalten sich aber zum Tische gerade wie der Wind und die Strömung des Wassers zum Kahne. Sie vereinigen sich auch, trotzdem sie selbst schon jede für sich das Product zweier Kräfte sind, eben so zu einer einzigen, die wir wieder finden, wenn wir ihre Richtungen bis zum Durchschnittspunkt verlängern, an diesem Punkte die Kräfte auftragen, also KL = AE und KM = FJ machen, das Parallelogramm verzeichnen und in diesem die Diagonale ziehen. Durch die letztere wird die Gesammt-Wirkung aller vier Kräfte (P, Q, R, und S auf den Tisch ausgedrückt. Diese Gesammtwirkung ist genau so groß, als ob in K eine einzige Kraft von der Größe KN ihren Angriff hätte. In der Richtung KN hat der Tisch also das Bestreben, sich zu bewegen. Da aber der Angriffspunkt der Kraft nicht mit dem Mittelpunkte des Tisches zusammenfällt, so wird sich diese Bewegung einerseits als eine Drehung, andererseits aber, da auch die Richtung nicht mit der jedesmaligen Tangente an den Radius zusammenfällt, wie es bei einer lediglich auf Drehung wirkenden Kraft der Fall sein müßte, auch als eine gleichzeitige Fortschiebung zu erkennen geben.

Wollen wir das Verhältniß der Größe der Drehkraft zur Größe der Fortschiebungskraft bestimmen, so haben wir, umgekehrt wie früher, jetzt nur nöthig, aus der Diagonale das Parallelogramm zu construiren, die Resultirende also in zwei Kräfte zu zerlegen, von denen die eine in der Richtung der Tangente, die andere in der Richtung des Radius wirkt. Verlängern wir nämlich KN über K hinaus, und lassen die Kraft in irgend einem Punkte dieser Richtung angreifen, z. Exmpl. in T; ziehen wir von diesem Punkte, an welchem also Tu = –KN wirkt, den Radius und construiren wir, indem wir die Richtung der Tangente senkrecht auf den Radius in T errichten und aus u als dem Endpunkte der Diagonale eine Parallele zu dem Radius ziehen, das Parallelogramm, so haben wir in den Seiten desselben die Größen der Drehkraft sowie der Fortschiebungskraft an diesem Punkte. Die erstere w versucht den Tisch um den Mittelpunkt zu drehen in der durch den Pfeil angedeuteten Richtung, die letztere v ihn in der Richtung des Radius fortzuschieben.

Daß diese beiden Kräfte thatsächlich zur Wirkung gelangen, beweist die bei jedem Tischrücken zu beobachtende Erscheinung, daß der Tisch sich nicht blos um seinen Mittelpunkt bewegt, sondern ähnlich wie die Erde um die Sonne neben dieser rotatorischen Bewegung auch noch einer fortschreitenden Bewegung – dem sogenannten Wandern – unterworfen ist. Die einzige Bedingung des Eintretens der Bewegung ist die, daß die Kräfte der verschiedenen Hände nicht gerade von solcher Richtung und Intensität sind, daß sie sich gegenseitig in ihren Wirkungen afheben, wie etwa wenn zwei gleich starke Männer an einem Seile nach entgegengesetzten Seiten ziehen. Bei der Verschiedenheit der Temperamente aber, der Ungleichheit, mit der die rechte und die linke Hand aufgelegt werden, ferner bei dem Einfluß, den die Lage der Angriffspunkte der Kräfte in Bezug auf den Mittelpunkt hat, kann der Fall der Wirkungslosigkeit fast nie eintreten, weil nie alle Bedingungen zu gleicher Zeit entsprechend erfüllt werden.

An diesem Endpunkte des Beweises, daß der Bewegung des Tisches nicht eine neue Kraft, sondern nur der unwillkürlich von den erschlaffenden Muskeln ausgeübte Druck zu Grunde liegt, angelangt, bitten wir zunächst unsere Leser um Verzeihung, daß wir sie so lange mit abstracten, mathematischen Begriffen tractiren mußten. Es konnte uns aber nicht darauf ankommen, da, wo es unsere Aufgabe war, dem Cultus des Aberglaubens und der Unklarheit ein Ende zu machen, leicht mit flunkerndem Witz unterhalten zu wollen, sondern vielmehr, durch unumstößliche Beweise der einfachen Wahrheit Geltung zu verschaffen. Dazu ist es aber nöthig, daß man bis auf die letzten Gründe zurückgeht.

Das, was noch an dem Tischdrehen hängt, ist mit wenig Worten abgethan. – Zunächst wird Jeder einsehen, daß, wie sich die Kräfte zweier Händepaare schließlich zu einer einzigen, den Tisch bewegen wollenden Kraft zusammensetzen, dies auch der Fall sein wird, wenn die Kette von mehr als zwei Personen gebildet wird. Ferner daß auf die gegenseitige Lage der Finger gar nichts ankommt: daß, je sensitiver die am Tische Sitzenden sind (das heißt je unruhiger und faselhafter, um so eher die Kräfte zur Wirkung gelangen werden. Ebenso, daß sich die anfänglich nur geringen Kraftquanta nach und nach so summiren können, daß endlich dadurch ziemlich große Tische in Bewegung gesetzt werden können. Ist diese Bewegung einmal eingetreten, so sorgt die Hastigkeit, mit welcher alle Betheiligten daran Theil nehmen, schon dafür, daß sie nicht nur nicht aufhört, sondern sogar immer mehr beschleunigt wird.

Wir haben es bis jetzt nur mit dem rein Mechanischen des [25] Tischdrehens zu thun gehabt. Es ist aber dabei noch eine andere Seite zu berücksichtigen, die uns von selbst auf die Tischklopferei und die Psychographie überleitet.

Wie wir gesehen haben, ist die Drehung des Tisches eine festbestimmte durch das Uebergewicht, welches die Druckkräfte der Hände nach dieser Seite hin ausübten. Allein es tritt doch der Fall ein, daß unter gewissen Verhältnissen der Tisch sich plötzlich in entgegengesetzter Richtung bewegt, und dies scheint unserer ganzen Erklärung schnurstracks zuwider zu laufen – denn die Kräfte wirken ja nach einer bestimmten Richtung, für die kein Grund vorhanden zu sein scheint, sich so plötzlich umzukehren. Allerdings ist dieser Grund vorhanden, und er liegt in dem unbewußt eingreifenden Willen der Betheiligten. Nur wenn diese die Ansicht hatten, der Tisch werde sich nach der entgegengesetzten Seite hin drehen, tritt jener Fall wirklich ein, – mochte diese Ansicht, der unbestimmte Wunsch, nun hervorgerufen sein durch den Glauben an eine veränderte Wirkung der Kette, wie sie z. B. hervorgebracht werden sollte durch eine Veränderung der gegenseitigen Lage der kleinen Finger, oder durch ein anderes Vorurtheil. Von solch einer Absicht, über die sich die Dreher selbst keine Rechenschaft geben, geleitet, beginnen die Hände plötzlich und unbewußt nach der bestimmten Richtung hinzuarbeiten, und der Erfolg dieser Einwirkung des Willens ist ein so unfehlbarer und sicher eintretender, daß sich bald Regeln bildeten, wie für die Bewegungen des Ringes im Glase.

Es war nur eine ganz unwesentliche Abänderung, daß man den Tisch klopfen ließ; denn sobald die Krankheit in das Stadium getreten war, wo es den Leuten nur darauf ankam, bald den gewünschten Effect zu sehen, wartete man nicht mehr ab, bis sich der Tisch allmählich in Bewegung setzte, sondern das Schieben und Drängen begann schon, ehe die Erschlaffung der Muskeln eintrat. Von hier hat die Erklärung es auch nicht mehr mit Physikalischem, sondern lediglich mit Psychologischen, zu thun. Es ist charakteristisch, daß der Tisch so lange nicht klopfte, als man überhaupt vom Klopfen noch nichts wußte. Nachdem aber dieser Ton einmal angeschlagen war, fand man keinen Tisch mehr, der sich nach seiner frühern Art mit einer bescheidenen Wanderung durch die Stube begnügt hätte. Sie wollten auf einmal alle Propheten sein. Warum? Weil die Daranstehenden es wünschten, denn es war bei weitem unterhaltender, von einem hölzernen Geräthe vernünftige Antworten zu erhalten, als mit demselben im Zimmer herumzuturniren und sich von seinem Hintermann auf die Hacken treten zu lassen. Die Antworten, die der klopfende Tisch gab, wurden dirigirt, wie diejenigen die der Ring im Glase gab, entweder von Allen zugleich, wenn die Antwort eine bekannte war, oder nur von Einzelnen. Wenn Fragen gestellt wurden, auf die Niemand antworten konnte, so half zwar der Tisch immer noch aus der Noth, aber was er sagte, war jederzeit Unsinn.

Wohl zu unterscheiden von dem Tischklopfen ist der amerikanische Humbug, welchem zufolge sich Geister aus Schränken, Tischen etc. heraus durch Klopfen mit den „Medien“ unterhielten. Die Medien dieser Art waren Gauner, die das Klopfen durch eigenthümliche Bewegungen der Sehnen und Bänder ihrer Beine hervorbrachten. Sie sind bereits früher in der Gartenlaube nach Gebühr behandelt worden.

Das eigentliche Tischklopfen besteht in einem abwechselnden Kippen des Tisches nach einer Seite, das durch irgend eine Ungleichheit des Druckes hervorgerufen und durch die Nachgiebigkeit aller Hände unterstützt und fortgesetzt wird. Es ist das Mittel, wodurch die Spiritualisten, sofern sie nicht gemeine Betrüger sind, sondern nur urtheilslose Menschen, die sich selbst täuschen, in direkten Verkehr mit einer Geisterwelt treten zu können glauben. Da es für diese Leute durchaus nicht darauf ankommt, daß Vernunft in der Antwort sei, so befriedigt sie jede, und je blödsinniger der Ausspruch des Orakels uns erscheint, um so höher und verehrungswürdiger halten sie ihn. Andere lassen die Tische schreiben, das bedeutet, sie haben einem kleinen tischähnlichen Dreifuß an das eine Bein einen Bleistift gebunden, welcher, wenn der Tisch sich auf einem Stück Papier hin- und herbewegt, erkennbare Züge auf seiner Unterlage hinterläßt. Indem nun die „Medien“ eine Kette bilden, bewirken sie bald eine Bewegung des Tisches und Zeichnungen, welche schriftähnliche Züge, deren Enträthselung dem einen Gliede der Kette immer sehr leicht gelingt, vorstellen. Ob der Tisch fünfmal oder zehnmal zum Klopfen veranlaßt wird, oder ob er ein e oder ein k zu schreiben dirigirt wird, das bleibt sich, denken wir, gleich. Die Psychographen, so heißen die schreibenden Tische, sind nichts Anderes, als vom unbewußten Willen der Medien regierte Geräthschaften. Im Uebrigen glaube man von allem, was über die Wunder des Klopfens und Schreibens erzählt wird, nur, was man selbst gesehen hat, denn nebenbei sind jene Phantasten immer die größten Lügensäcke, die man unter der Sonne finden kann. Alles zur Verherrlichung ihres Glaubens.

Es ist traurig, daß es heut zu Tage noch auf dem Boden des Geistes und Gemüthes Winkel giebt, in denen sich die pure Dummheit, der Blödsinn und die Unsittlichkeit theils gegenseitig verwirren, theils von der Gaunerei sich die spärlichen Verstandesöffnungen noch vollends vernageln lassen. Unter den ersten Titel gehören die an und für sich unschädlichen Geistercitationen, die bald mit der Herzogiu von Berry, bald mit einem Kirchenvater, bald mit dem frommen Schinderhanns sanfte Seelenaustauschungen pflegen. Unter den zweiten rangiren aber alle diejenigen redlichen Freunde, welche durch allerhand Taschenspielerwerke, zu denen selbst eine oberflächliche Bekanntschaft mit der experimentalen Physik so leicht die Mittel findet, den Zauber zu erhöhen wissen, und die es mehr auf Geld, als auf Gemüth und Gesinnung absehen. Solch Einer ist Ehren-Home, dessen Werke mit denen Cagliostro’s zusammengebunden werden müssen. So wenig man von uns eine genaue Erklärung aller Bosco’schen Kunststücke verlangen würde, – so gern wird man uns ein näheres Eingehen auf solche Praktiken erlassen, die nicht anders zu beurtheilen sind als die Werke der bekannten „ägyptischen“ und „indischen Magie.“