Die Stiftung des Klosters Hirschau

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Textdaten
Autor: Justinus Kerner
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Titel: Die Stiftung des Klosters Hirschau
Untertitel:
aus: Deutscher Dichterwald. Von Justinus Kerner, Friedrich Baron de La Motte Fouqué, Ludwig Uhland und Andern.
S. 154–156
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1813
Verlag: J. F. Heerbrandt’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: Google und Scans auf Commons
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[154]

Die Stiftung des Klosters Hirschau.

Helicena eine Wittwe war,
Reich, fromm vor andern Frauen,
Sie strebte brünstig, ganz und gar
Sich Jesum anzutrauen.

5
Drum warf sie oft sich auf die Knie’,

Er möcht’ ihr offenbaren:
Wie ihre Erdengüter sie
Ihm treulich könnt’ bewahren.

Da lag sie in der Nacht einmal,

10
Gewiegt in fromme Träume,

Und sah ein seltsam fremdes Thal,
Darin drei Fichtenbäume.
Die Bäume waren wundersam
Aus einem Stamm gesprossen,

15
Aus ihren duft’gen Wurzeln kam

Ein klarer Born geflossen.

Und ob der fremden Wunderau
Sah sie am Himmel wallen
Ein hohes Dom auf Wolken blau,

20
Hört’ eine Stimme schallen:

„Dieß Gotteshaus, du fromme Braut!
Sey, wo die Bäume stehen,
In festen Grund von dir gebaut!
Nimm’s aus geweihten Höhen!“

[155]

25
Sieh! da erwacht die fromme Frau

Aus ihren süßen Träumen,
Noch steht vor ihr die fremde Au,
Der Born mit den drei Bäumen.
Sie ist in hoher Freudigkeit

30
Bereit zu Gottes Ruhme,

Zieht an ein prächtig Feierkleid,
Schmückt sich mit duft’ger Blume.

In tiefer Demuth geht sie aus
Mit ihrer Magd, der treuen,

35
Als gieng sie in das Gotteshaus,

Oder zur Lust in Maien.
Doch weiter wandte sich ihr Fuß,
Die Wolken zogen schnelle,
Die Vögel sangen Morgengruß,

40
Der Fraue ward gar helle.


Ein Düften füllte rings die Au,
Als sie darüber gangen;
Zu gehen mit der hohen Frau
Fühlt jede Blum’ Verlangen.

45
Sie gieng wohl in ein fremdes Thal,

Stieg auf des Berges Rücken,
Und Alles thät im Sonnenstral
Ihr klar entgegenblicken.

Da stehn drei Bäum’ auf grüner Au

50
Aus einem Stamm gesprossen,

Da ist ein Born von Himmelsthau
Ueber Blumen hell geflossen.

[156]

Die Fraue kann nicht länger stehn,
Zu den Bäumen muß sie eilen,

55
Ein heil’ger Hauch thät sie umwehn,

Da möcht’ sie ewig weilen.

Sie leget ab ihr Feierkleid,
Blumen und Edelsteine;
Den heiligen drei Bäumen weiht

60
Ihr zeitlich Gut die Reine.

In stiller Demuth gieng sie aus,
So stille kehrt sie wieder,
Und setzet hier das Gotteshaus
Aus Himmelshöhen nieder.

 Kerner.