Die Taufe im Flusse

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Taufe im Flusse
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 756–759
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Taufe im Flusse.


Es ist noch nicht lange her, als ich Abends von einem Ausfluge heimkehrte und in der Nähe von Stuttgart an dem Weiler Berg vorbei kam, der am Neckarstrande liegt. Bereits war es Abend und dunkel geworden und düstere Wolken hingen am Himmel. Auf einmal vernahm ich an diesem Orte, wo man sonst Abends die Volkslieder der Bauernbursche erschallen hört, einen sanft wimmernden Gesang, unter den offenbar Stimmen von Frauenzimmern gemischt waren. Der Gesang glich einem Klageliede, wie es eher an einem Grabe als an einer Heerstraße, eher in einem Conventikel als am Neckar unter freiem Himmel ertönt. Ich näherte mich, und nun kam mir eine Truppe von Menschen entgegen, in schwarzem Kleide, mit gefalteten Händen, voraus zwei sichtlich noch junge Frauenzimmer, von einem ungewöhnlich hochgewachsenen älteren Herrn geführt. Die Leute waren, wie mir schien,

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Die Gartenlaube (1867) b 757.jpg

Eine Taufe im Neckar. Nach der Natur aufgenommen von F. Ortlieb.

[758] etwas verblüfft darüber, daß sie mich und einen nachkommenden Freund hier fanden. Wir Beide hielten uns zur Seite und sie zogen vorüber. Langsam folgten wir, neugierig zu sehen, was da kommen werde. Nun bewegten sie sich weiter und hielten an einem Häuschen am Neckar. Aus diesem Häuschen vernahmen wir Töne, die wie ein Gebet lauteten, und dann Gesang. Nach kurzer Zeit trat der Herr heraus, die beiden Frauenzimmer folgten ihm, aber in einem andern Anzug, der fast einem Hemde glich, dann erschien die übrige Versammlung. Jetzt warfen sich Alle auf die Kniee, hoben ihre gefalteten Hände zum Himmel empor und beteten, was, konnte ich nicht hören, die beiden Frauenzimmer und der Herr immer im Vordergrund. Der Herr hielt noch eine kurze Rede, darauf ergriff er eine der Frauen und führte sie, mit ihr hineinsteigend, in’s Wasser, sprach eine Formel und tauchte sie mit auf das Haupt gelegten Händen drei Mal bis an die Hüften unter; dann kam wieder ein Gebet und die Reihe an das andere Frauenzimmer. Nachdem mit ihr dasselbe geschehen war, wieder Gebet; zuletzt stiegen sie an’s Land und wurden von einem, wie mir schien, freudigen Gesang empfangen. Händedrücke und Umarmungen folgten, hierauf zogen sie Hand in Hand und Arm in Arm in Todtenstille nach der Stadt zu, unangefochten wie sie gekommen waren, aber sichtlich geistig gehoben. Sie hatten ja einen Triumph erlebt!

Es blieb kein Zweifel, ich hatte soeben einem Taufact der Baptisten beigewohnt.

Die Scene hatte auf mich und meinen Begleiter einen ergreifenden Eindruck gemacht. Die offenbare Andacht der Mitwirkenden, ihre klagenden Gesänge und Gebete, ihr inniges Zusammenhalten, das Alles in dunkler Nacht bei dem Rauschen der Wasserwogen, hatte uns gerührt. Wir meinten, wenn die Leute auch eine eigenthümliche Anschauung der Religion haben, sie müssen doch gute und fromme Menschen sein; und so ist es in der That.

Vielleicht hört der Leser gern etwas Weiteres über die merkwürdige Glaubensgenossenschaft der Wiedertäufer. Die gläubig-sittliche Vertiefung, die ihnen eigen ist, wird wohl auch für freier Denkende nicht ohne Interesse sein.

Die Wiedertäufer oder Taufgesinnten sind vor einigen Jahren und unlängst wieder in Württemberg hervorgetreten. Schwaben ist bekanntlich nicht erst seit heute Sitz und Sammelplatz der Phantasten, Sectirer, Schwärmer und Pietisten. In Stuttgart bildete sich meist von Handwerkern eine kleine Wiedertäufergesellschaft, auch einige benachbarte Dörfer nahmen Theil an ihr. Das Hauptmitglied war ein Instrumentenmacher, Schaufler mit Namen. Im Jahr 1837 weigerte er sich, ein ihm neugeborenes Kind taufen zu lassen, weil er durch Forschen in der Schrift zu der Ueberzeugung gekommen sei, daß die Kindertaufe den Aussprüchen Christi und der Apostel zuwiderlaufe. Er meinte, die Taufe sei ein Bund mit Gott und könne daher nur mit vollem Bewußtsein geschlossen werden. Die sämmtlichen Mitglieder beriefen sich auf Stellen im Evangelium des Matthäus und in der Apostelgeschichte. Schaufler war ein Schwärmer und ist es noch, die Uebrigen hielten sich mehr zurückgezogen, rechtschaffen und fleißig, aber fanatisch. Die Gemeinde griff ihre Sache gleich praktisch an und faßte den Beschluß, die rechte Taufe an sich vornehmen zu lassen. Also geschah es. Onken, Baptistenprediger in Hamburg, traf auf eine an ihn ergangene Einladung in Stuttgart ein, hielt hier Vorträge über die Grundsätze des Baptismus und taufte im October des nächsten Jahres zweiundzwanzig Personen unweit Stuttgart im Neckar. Im December desselben Jahres nahm hierauf Schaufler an mehreren Personen eine neue Flußtaufe vor, natürlich nach vorausgegangener Buße und Belehrung. Aufsehen hat die Gemeinde der Baptisten zuerst in Stuttgart gemacht zu einer Zeit, wo die Civilehe noch nicht eingeführt war, als ein Baptist, der sich mit seiner Braut verbinden wollte, den Segen des Geistlichen zurückwies.

Die Opposition gegen die Kindertaufe ist uralt. Längst vor der Reformation wurden die Opponenten als Ketzer bezeichnet und durch das ganze Mittelalter dauerte das Widerstreben, welches heute noch nicht aufgehört hat. Zuerst riefen die sogenannten Zwickauer Propheten Unruhen in Zwickau und Wittenberg hervor, offenbar durch Luther’s Auftreten angeregt. Es waren das Thomas Münzer, Cellarius, Stübner, Storch, Thomä und Andere, Gevatter Schneider und Färber und Handschuhmacher, allein sehr geistesbewegliche Leute; sie wollten göttliche Offenbarungen, ein inneres Licht neben dem Wort der Bibel haben, drohten den Fürsten, daß ihnen das Schwert abgenommen werde auf Erden, unterstützten den Bauernkrieg und kämpften ihn selbst mit, wie besonders Münzer, verwarfen vor Allem die Kindertaufe, setzten die geistige Taufe in höherem Alter an deren Stelle, neigten zur Gütergemeinschaft und forderten die Gleichheit aller Christen.

Diese Wiedertäufer verbreiteten sich rasch weiter und weiter und vermischten oft mit dem kirchlich-religiösen Streben fremdartige Zwecke und Agitationen, die sie in der derbsten Weise zur Ausführung brachten, in einer fanatisch-wüthenden, oft unreinen, oft edlen Begeisterung. Vor Allem waren sie revolutionär gesinnt und reizten daher die Fürsten gegen sich auf, ebenso auch Luther, der dem Landgrafen Philipp von Hessen rieth, sie mit Gewalt zu vernichten. Auch Karl der Fünfte erließ die härtesten Verordnungen gegen sie auf den Reichstagen zu Speier 1529 und 1530; zu Hunderten wurden sie mit Feuer, mit Schwert und Wasser hingerichtet und besonders nach der Schlacht von Frankenhausen zu Tausenden niedergestoßen. Aehnliches geschah in der freien Schweiz, in England unter Heinrich dem Achten und unter Elisabeth und in den Niederlanden. Ein wahres Morden begann gegen die Anabaptisten, wie man sie nannte, und wer etwas freier dachte als die Mehrzahl seiner Zeitgenossen, der wurde leicht als Wiedertäufer denuncirt.

Der Protestantismus verwirft jede falsche, ungöttliche Autorität in Glaubenssachen, der Anabaptismus dagegen lehnt sich wider jedwede Autorität überhaupt auf. Daher schritt er zum Aufruhr und griff zu Feuer und Schwert wie seine Gegner.

Am berühmtesten ist das Wiedertäuferthum durch das bekannte Drama geworden, welches es zu Münster in Westphalen aufführte. Dicht vor den Thoren der alten Bischofstadt predigte Bernhard Rothmann und erregte durch seine freien Predigten gegen die katholische Kirche und den Klerus großes Aufsehen. Als ihn die Geistlichkeit nicht weiter predigen lassen wollte, nahm sich die Bürgerschaft seiner an; sie bekam fast alle Kirchen in ihre Hände und errang volle Religionsfreiheit. Zu den entschiedensten Anhängern von Rothmann gehörte von Anfang an ein gewisser Knipperdolling, längst bekannt als wüthender Gegner der Bischöfe und der Pfaffen. In kurzer Zeit bemächtigten sich die Wiedertäufer des Münsters und fast aller andern Kirchen und richteten den Gottesdienst nach ihrem Willen ein. Als der Fürstbischof mit Gewalt gegen sie einschreiten wollte, kamen ihm die Münsterischen durch einen Ueberfall zuvor, bis der Landgraf von Hessen einen Friedensvertrag zwischen den Parteien zu Stande brachte, freilich ohne daß darum die Ruhe wiedergekehrt wäre. Kurz darauf zogen niederländische Wiedertäufer in Münster ein, der Apostel Jan Bokelson und der Prophet Mathiesen, welche der Rath nicht zu vertreiben vermochte. Die Wiedertäufer wurden Meister in der Stadt und vertrieben die Andern, Papisten und Lutheraner, zerstörten Kirchen, Klöster, Bilder, Bücher und Kunstwerke, führten die Gütergemeinschaft ein, zerrissen wirklich die Schuldurkunden und erstatteten schon erhobene Zinsen zurück, deren Erhebung sie für ein Unrecht ansahen. Die Stadt, von außen belagert, wurde ein Heerlager. Die Wiedertäufer, fanatisch aufgeregt, stritten wie die Löwen.

Nachdem ihr Prophet Mathiesen bei einem Ausfall vom Feind in Stücke gehauen worden war, trat Bokelson, Johann von Leyden genannt, ein Schneider, an seine Stelle. Zwölf Männer sollten mit ihm als Aelteste der zwölf Stämme die Gewalt üben. Zum Schrecken der Uebelthäter, natürlich der Gegner, sollte Knipperdolling der Schwertträger, d. i. der Scharfrichter, sein. Sodann wurde durch Johann von Leyden die Vielweiberei eingeführt; Jeder sollte Weiber nehmen dürfen, soviel er wollte; übrigens sollte das neue Jerusalem nur aus Wiedergeborenen bestehen. Endlich trat ein Prophet auf mit dem Ausspruch: der Vater im Himmel habe ihm gesagt, daß Johann von Leyden, der Mann Gottes, ein König der Gerechtigkeit sein solle über den ganzen Erdboden; er solle einnehmen den Stuhl seines Vaters David, mit Heeresmacht ausziehen und alle Obrigkeiten, geistlich und weltlich, ohne Gnade erwürgen, aber die Unterthanen verschonen, wo sie Gerechtigkeit thun wollen. Der Schneider als Fürst, zu Roß mit Krone, Scepter und Schwert, im Purpurmantel von Gold strotzend, hatte sechszehn der schönsten Frauen; er führte ein Schreckensregiment, das aber auf lauter Religion beruhen sollte. Der Gottesdienst wurde nicht mehr in den Kirchen, den „Häusern Baals“, sondern unter freiem Himmel auf dem Marktplatz gehalten und zuweilen mit Tänzen geschlossen, bei welchen der König vortanzte.

[759] Schließlich wurde die Stadt, weil die ersehnte Hülfe der deutschen Wiedertäufer ausblieb, im Jahre 1535 nach hartem Kampf und furchtbarem Gemetzel von dem Bischof wieder erobert. Johann von Leyden, Knipperdolling und Krechting wurden gefangen und in schrecklicher Weise hingerichtet; auf dem Markte zu Münster wurde ihnen am 22. Januar 1536 mit weißglühenden Zangen ein Theil des Oberleibes nach dem andern abgerissen und dann erst der Tod gegeben. Ueber eine Stunde dauerte die gräßliche Marter; gleichwohl blieb Johann von Leyden trotz des Zuspruchs zweier hessischer Geistlicher dabei, daß er der berufene König sei, so daß man sich wirklich fragt: waren die Männer Betrüger und Heuchler, oder verirrte Schwärmer und Fanatiker?

In jenen Gegenden hatte nun das Wiedertäuferthum ein Ende; der Katholicismus siegte wieder und verfolgte die Secte überall auf das Grausamste. Die Niederlage der Wiedertäufer in Münster war, wie in Mühlhausen in Thüringen, wo Münzer sein Wesen trieb, zugleich der Untergang der bürgerlichen Freiheit. Münster wurde nun eine geistliche Zwingburg und 1588 zogen die Jesuiten ein. Nicht in Abrede läßt sich stellen, daß die Wiedertäufer an der ihnen widerfahrenen ungerechten und unchristlichen Härte selber mitschuldig waren, indem sie aus Trotz und ohne Noth gegen alle damaligen weltlichen und geistlichen Gesetze und Sitten verstießen; auf der anderen Seite mußten auch die Besseren und wirklich Frommen unter ihnen büßen für die Tollheiten der Andern, sie litten unter dem Haß und der Furcht, welche die Münsterischen Wiedertäufer erregt hatten, und unter den alten und neuen Gesetzen der deutschen Kaiser. Die Protestanten selbst waren genöthigt, sich von ihnen loszusagen, weil sie den Protestantismus überall in Mißcredit brachten.

Uebrigens beginge man einen großen Irrthum, wollte man alle Wiedertäufer als Schwärmer und wilde Fanatiker bezeichnen; offenbar war vielmehr Etwas von einer geistigeren, idealeren Richtung in ihnen, daher erhielten sie sich auch trotz der furchtbaren Niederlagen. Schon Rothmann und Copris verlangten eine gründliche Reformation des Lebens, Vermeidung alles weltlichen Umgangs mit Menschen, der Unmäßigkeit in Genüssen, des Schwörens, auch des öffentlichen Kirchengehens, damit sie nicht durch eitle Lehren und den verkehrten Gebrauch der Sacramente befleckt würden und den Zorn Gottes auf sich lüden; dann erst seien sie würdig, mit dem Merkmal des Bundes Gottes, der neuen Taufe, bezeichnet zu werden.

Aus den Wiedertäufern, mit deren Namen überall die Vorstellung der Excentricität sich verband, entstanden durch Menno Simons, einen wirklich frommen Mann, noch im sechszehnten Jahrhundert die Taufgesinnten oder Mennoniten. Seine Anhänger, mit denen eine neue Periode der Anabaptisten beginnt, verwarfen die Kindertaufe, den Eid, den Gebrauch der Waffen, jede Art von Rache, die Ehescheidung, außer im Fall des Ehebruchs, verlangten strenge Kirchenzucht und den Bann, weil die Kirche eine Gemeinschaft von Wiedergeborenen sei. Der Obrigkeit müsse man gehorchen und für sie beten, sie sei aber keineswegs von Christus in seinem geistlichen Reich eingesetzt. Christen, die der Welt abgestorben, enthalten sich weltlicher Aemter. So weit hatte sich ihre ursprüngliche Opposition gegen die weltliche Obrigkeit gemildert. Die Mennoniten empfahlen sich überall durch Fleiß, Sparsamkeit und Wahrheitsliebe.

In den Niederlanden trennten sie sich wegen des Bannes in strengere und mildere, feinere und gröbere; die groben nannte man Waterländer, weil sie in der Gegend von Franecker im Waterland wohnten; sie stritten viel mit einander, vereinigten sich aber im siebenzehnten Jahrhundert und wurden überhaupt mild und duldsam. Der Statthalter Wilhelm von Oranien verschaffte ihnen bürgerliche Rechte und Freiheit von Eid und Kriegsdienst.

In England, wo sie ursprünglich hart verfolgt wurde, erlangte nachmals die Secte der Baptisten eine große Ausdehnung und verpflanzte sich dann auch nach Amerika, wo sie sich besonders auf Rhode-Island, in Pennsylvanien und Maryland niederließ. Jetzt mögen in Amerika an sechs Millionen Baptisten leben, die in ihren Glaubenssätzen und Gebräuchen vielfach von einander abweichen. In der Schweiz und in Oesterreich, im übrigen Deutschland, am Rhein, in Schwaben, wo sie meistens unschädliche Schwärmer sind, in Danzig, Altona, in einigen westphälischen und pfälzischen Orten erhielten sie allmählich Duldung. In neuerer Zeit war besonders der englische Missionär Onken für den Baptismus thätig. In Deutschland haben die Baptisten übrigens keine große Bedeutung; ihre Zahl soll in zweiundfünfzig Gemeinden kaum über dreitausend sein, während sie in Amerika, als die zahlreichste aller dortigen Religionsparteien, eine Macht sind und durch ihr ehrenhaftes Betragen, ihre in manchem Betracht freien Ansichten und ihre Milde gegen Andersdenkende meist in hoher Achtung stehen.